Berlin: Kann Die Linke Regieren?

Die Berliner Wahl und die Chancen für linke Politik


Von ANGELA KLEIN

Titelbild: Jochen Gester

Der kommende Herbst wird geprägt sein von einer Polarisierung: Den Umfragen zufolge wird die AfD aus den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern als stärkste Partei hervorgehen, wenn sie nicht gar die absolute Mehrheit erringt. Die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus hingegen können Die Linke zur stärksten Partei machen, wobei CDU/SPD/AfD/Grüne/Linke sich in einem Mittelfeld zwischen 16 und 22 Prozent tummeln (Stand: 25.8.); die SPD bildet das Schlusslicht.

Gleichzeitig mobilisieren Gewerkschaften und soziale Bewegungen gegen die schwersten Angriffe von Regierung und Kapital auf die sozialstaatlichen Errungenschaften seit Bestehen der BRD.
Betrachtet man die Geschütze, die rechts und links aufgestellt werden – und potentiell zum Einsatz kommen
–, kann man nicht anders sagen als: Es geht ums Ganze – ob sich die beteiligten Parteien dessen bewusst sind oder nicht. Das heißt, der Ausgang dieses sozialen und politischen Kräftemessens auf vielen verschiedenen Ebenen wird einen nachhaltigen Einfluss auf das künftige Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit haben und auch darüber bestimmen, ob der AfD noch Einhalt geboten werden kann oder nicht.
Die Hoffnungen ruhen natürlich auf einer massiven gesellschaftlichen Mobilisierung gegen die sozialen Zumutungen im Herbst und auf einem Wahlsieg der Linken in Berlin. Gesichert ist dieser längst nicht. Aber angenommen, Die Linke würde tatsächlich stärkste Partei: Was könnte sie real erreichen mit um die 20 Prozent der Wählerstimmen und gegenüber einer Parteienfront, die ihr, offen oder hinterrücks, nur Steine in den Weg legen würde?

Ein Erdrutschsieg sähe anders aus – mit Zohran Mamdani in New York ­City wäre das nicht vergleichbar: Der gewann die Wahl am 4.November 2025 mit 50,7 Prozent der Stimmen und einem Vorsprung vor dem konservativen Andrew Cuomo von 10 Prozentpunkten.

Das Wahlprogramm

Das Wahlprogramm, mit dem Die Linke antritt, ist ansprechend und rund. Es entwickelt die Vision eines klimaresistenten, sozialen Berlin, in dem die wirtschaftlichen Stärken der Stadt – Informations- und Kommunikationstechnik, Digital- und Kreativwirtschaft, Gesundheitswirtschaft, Energie- und Verkehrsindustrie – in den Dienst eines ökologischen Umbaus gestellt werden und die Stadtbevölkerung konsequent in Entscheidungsprozesse eingebunden wird.

Sozial heißt: Vergesellschaftung, Tarifbindung, gute Arbeit, gute Löhne – auch im öffentlichen Dienst –, Entlastung der ärmeren Haushalte. Das Programm wäre unter bestimmten Bedingungen sicher auch im Kapitalismus umsetzbar, aber in seiner Gänze sicher nicht im neoliberalen Kapitalismus und schon gar nicht angesichts der weiteren Umverteilung von unten nach oben, die Regierung und Kapital gerade vorbereiten. Die Partei wird also nicht umhin können, sich auf Machtproben einzustellen und Vorkehrungen zu treffen, wie es sie bestehen kann.

Davon merkt man im Berliner Wahlkampf aber wenig. Das Wahlprogramm hat 333 Seiten – ein Buch. Für wen wurde es geschrieben? Für die eigene Partei, um alle Befindlichkeiten zu bedienen? Auf der Webseite der Linken ist es heruntergedampft auf die Losung: »Berlin bezahlbar machen«. Mit drei Präzisierungen: »Mietabzocke stoppen« (durch Enteignung der Immobilienkonzerne und Mietendeckel); »Preise runter für Bus und Bahn« (9-Euro-Sozial­ticket); »Müllchaos« beenden (kostenlose Sperrmüllabholung). Neue Stadtentwicklung? Klimaresilienz? Ökologische Transformation? Fehlanzeige.

Zu kämpfen haben wird die Partei aber schon auf den ersten Metern, bei der Annahme des Bürgergesetzes zur Enteignung der Immobilienkonzerne (siehe SoZ 7-8/26).

Reale und mögliche Leuchttürme

Da niemand mit der AfD koalieren will, wird es nur zwei realistische Regierungskoalitionen geben (FDP und BSW liegen derzeit bei 3 Prozent): SPD und Grüne wahlweise mit der CDU oder mit der Linken. Der Kandidat der SPD hat bereits signalisiert, dass er für eine Enteignung der Immobilienkonzerne nicht zur Verfügung steht. Wird Die Linke dabei bleiben, dass eine Koalition mit ihr nur in Frage kommt, wenn die Vergesellschaftung durchgesetzt wird? Tut sie das nicht, hat sie ihre politische Zukunft in der Stadt auf Jahre hinaus vergeigt. Umgekehrt kann sie aus dem Mauern der SPD ein starkes Mobilisierungspotential ziehen, das diese in eine innerparteiliche Zerreißprobe treibt.
Ein zweites Leuchtturmprojekt, das in der Stadt einen starken Mobilisierungsfaktor hat, wäre die Verkehrspolitik. Das 9-Euro-Sozialticket adressiert allerdings einen zu eingeschränkten Personenkreis. Tempo 30, gepaart mit autofreien und verkehrsberuhigten Zonen und einem massiven Ausbau des ÖPNV fände die Unterstützung eines großen Teils der Stadtbevölkerung und enthielte ebenfalls einen Mobilisierungsfaktor, weil CDU und AfD dagegen Sturm laufen würden.

Darauf legt es Die Linke offenkundig aber nicht an. Ihre Streitlust hält sich sehr in Grenzen, sie profiliert sich lieber als Kümmererpartei. Im behäbigen Graz mag das Engagement für bezahlbares Wohnen reichen, um stärkste Partei nicht nur zu werden, sondern auch zu bleiben. Im aufmüpfigen Berlin, das jährlich einen erheblichen Zuzug von Menschen im Alter zwischen 25 und 40 Jahren erlebt, damit das zweitjüngste Bundesland in Deutschland ist und das größte Bevölkerungswachstum unter den Städten im deutschsprachigen Raum aufweist, reicht das nicht.
Diese jungen Zugezogenen bilden den Kern der Start-up-Szene. Sie stoßen sich an den Macht- und Selbstbedienungsstrukturen der Alteingesessenen, sie wollen Aufstiegsperspektiven und eine andere politische Kultur. Das ist das Milieu, das Die Linke ansprechen müsste, um Schwung für eine andere Stadtentwicklung zu bekommen. Davon ist wenig zu spüren.

Den ökosozialistischen Umbau nicht verschieben!

Es fehlt der Partei an Biss. Sie scheut die Konfrontation – jedenfalls ist das der Eindruck, den sie bislang vermittelt –, ganz abgesehen davon, dass sie sich mehrheitlich immer noch nicht traut, die deutsche Staatsräson in Frage zu stellen.
Die Fokussierung auf die drei oben genannten sozialen Themen: Wohnen, Sozialticket, Müll, hat etwas Defensives. Als wollte sie sagen: Wir versprechen euch angesichts der Haushaltszwänge möglichst wenig, dann kann man uns nicht vorwerfen, Wahlversprechen gebrochen zu haben.
Zurecht schreibt Die Linke in ihrem Wahlprogramm: »Die Schuldenbremse bleibt ein Hindernis für öffentliche Investitionen.« Und schiebt gleich hinterher, dass ihr wenig einfällt, womit sie sie umgehen kann. Und dass sie dem ausgeglichenen Haushalt verpflichtet bleibt, um den sich die Union so wenig schert:

»Dieser Rahmen kann allerdings auf Landesebene allein nicht gesprengt werden … Wir wollen uns auf den Weg machen, mittelfristig die Einnahmen und Ausgaben wieder in Deckung zu bringen, ohne die Ausgaben insgesamt reduzieren zu müssen … Ausgehend von der Prognose stabil steigender Einnahmen, durch die aktive Akquisition weiterer Einnahmequellen sowie eine Begrenzung des Anstiegs der Ausgaben, kann das strukturelle Haushaltsdefizit mittelfristig aufgelöst werden … Wir wollen … die Kosten für die soziale Infrastruktur und die Transferausgaben berechenbar halten. Dafür wollen wir Kreditspielräume nutzen … und nach dem Vorbild anderer Bundesländer Tilgungszeiträume strecken.«
Die Partei sagt nicht: Wenn die Bundesregierung Geld für Rüstung braucht, schafft sie sich ein Sondervermögen außerhalb des Haushalts. Wenn wir Geld für Soziales und die ökologische Transformation brauchen, werden wir also Sondervermögen des Landes Berlin nutzen.
Am leichtesten mobilisierbar ist das SiWa-Sondervermögen (Sondervermögen Infrastruktur der wachsenden Stadt), das mit vier Milliarden Euro ausgestattet ist. Außerdem kommt das Bundessondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität SVIK infrage – das sind fünf Milliarden verteilt auf zwölf Jahre. Damit lässt sich schon etwas machen.

Von einer linken Partei, die mindestens den neoliberalen Kapitalismus überwinden will, wird erwartet, dass sie nicht nur Schlimmeres abwehrt und ansonsten den Status quo verwaltet, sondern ihre Vision: »Berlin sozial und klimaresilient« offensiv kommuniziert und sich die Mittel verschafft, diese auch umzusetzen.

Siehe auch: „Berlin: Kann die Linke regieren„, „In Zeiten leerer Kassen sind die Möglichkeiten linker Regierungspolitik ­beschränkt„, „Linke Wahlerfolge sind kein Selbstzweck„, „Rouzbeh Taheri: Linken Kandidat in Berlin

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Erstpubliziert in der SoZ 8/2026 : Kann die Linke regieren?

Wir danken für das Publikationsrecht.

Die AfD und ihr Netzwerk

Immer noch wird häufig von einem gemäßigten und einem völkischen Flügel der AfD gesprochen. Doch diese Ansicht ist veraltet. Welche Machtstrukturen die AfD heute anführen und wer die Strippen zieht, erklärt Michael Schirm.

Titelbild: Collage aus Olaf Kosinsky, CC BY-SA 3.0 DE und Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0

Die AfD ist im Höhenflug, sie erreicht so viele Arbeiter:innen wie keine andere Partei und konnte ihre Stärke im Osten durch die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt beweisen. Doch wie schafft die faschistische Partei es, den Kampf um die Köpfe der deutschen Arbeiter:innen anzuführen?

Um die Parlamentspartei herum besteht ein breites Netzwerk aus rechten, faschistischen und neonazistischen Strukturen. Mithilfe von Mitarbeiterverhältnissen, Geheimtreffen und persönlichen Beziehungen besteht ein riesiges Netzwerk der faschistischen Szene, das weit über die AfD hinausgeht.

Die Flügel der AfD

Die unterschiedlichen Einflüsse bündeln sich innerhalb der Partei in Flügeln. Die zwei einflussreichsten Flügel sind dabei der ostdeutsche, völkische Flügel um Björn Höcke und der westdeutsche Flügel um Alice Weidel und Sebastian Münzenmaier.

Eine zentrale, wenn auch eher unbekannte Rolle nimmt dabei Sebastian Münzenmaier, der Landesvorsitzende der AfD in Rheinland-Pfalz, ein. Durch seine bundesweiten Kontakte in alle wichtigen Gremien, Abteilungen und parteiunabhängigen Strukturen gilt er als wichtigster Strippenzieher innerhalb der Partei. Beim nächsten Bundesparteitag der AfD soll er als Generalsekretär der AfD anfangen, unter der dann alleinigen Parteivorsitzenden Alice Weidel.

Während der westdeutsche Flügel in der Vergangenheit wirtschaftsliberalere Positionen stärker betont hat und es dem ostdeutschen Flügel mehr überlassen hat als radikaler und offen faschistischer aufzutreten, sind die Linien zwischen beiden inzwischen deutlich verschwommen. Das gilt dabei sowohl für wirtschaftliche als auch für sozialpolitische Fragen. Auf der einen Seite vereint sich die AfD inzwischen hinter einer kapitalfreundlichen Strategie, die vor allem darauf aus ist, sich wieder an Russland anzunähern, um für günstigere Energiepreise und damit bessere Bedingungen für die deutsche Industrie zu sorgen. Andererseits ist der offen rassistische und migrant:innenfeindliche Auftritt schon lange nichts mehr, was nur oder primär von ostdeutschen Landesverbänden angetrieben wird.

Man muss also schon lange von einer faschistischen Partei und nicht nur einem faschistischen Flügel sprechen. Das liegt allerdings nicht nur daran, dass die AfD inzwischen gefestigter und vereinter in diesen Positionen auftritt. Ganz im Gegenteil handelt es sich dabei um keine neue Entwicklung; die AfD wurde spätestens seit der Beteiligung „völkischer“ Kräfte an der damals noch  hauptsächlich euroskeptischen Partei als parlamentarischer Arm des deutschen Faschismus aufgebaut.

Faschismus im Osten und im Westen

Dies ist auch ein großer Erfolg von Björn Höcke, dem „ungekrönten König der AfD“. Er begründete zusammen mit Stephan Möller, seinem langjährigen Co-Vorsitzenden in der Thüringer AfD, die sogenannte Thüringer Linie. Ihre Devise heißt: keine Mäßigung, keine Koalitionen und keine Kompromisse. Das faschistische Weltbild der AfD soll erbarmungslos nach außen getragen werden.

Auf dem letzten Bundesparteitag erzielte Höcke große Erfolge. Stephan Möller wurde zum stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt, ebenso wie Sven Tritschler. Beide sind enge Vertraute von Höcke. Auch eine Änderung der Unvereinbarkeitsliste, die eine breite Masse an Mitgliedern von linken bis rechten Organisationen von einer Parteimitgliedschaft ausschließt, konnte er mit einem Antrag anstoßen.

Eine wichtige Rolle spielte dabei auch Alice Weidel, die die Debatte um Höckes Antrag zwar auf dem Parteitag unterband, aber die Tür für die Diskussion im Hinterzimmer offen ließ. Außerdem schlug sie Sven Tritschler selbst vor und ergriff damit gewissermaßen Partei im derzeitigen Machtkampf der AfD in Nordrhein-Westfalen. So näherte sie sich auch Höcke an.

In NRW führt Sven Tritschler mit seinem offen faschistisch auftretenden Flügel einen Kampf um die Ausrichtung des Landesverbands mit dem sich nach außen gemäßigter gebenden Flügel unter Martin Vincentz. Das darf man allerdings nicht als Kampf zwischen zwei verschiedenen Positionen innerhalb der nordrhein-westfälischen AfD missverstehen, vielmehr geht es um die strategische Ausrichtung. Vincentz ist darauf aus, möglichst schnell in die Landesregierung zu kommen und versucht dafür der CDU eine Zusammenarbeit schmackhaft zu machen. Tritschler hält sich hingegen an die Thüringer Linie und ist bereit, länger zu warten, um möglichst alleine regieren zu können.

Die Rolle von Ulrich Siegmund

Hinter den Machtspielen auf der großen Bühne stehen jedoch weitaus mehr Personen als nur die Parteifunktionär:innen. Während Strippenzieher wie Münzenmaier oder Höcke auf ein bundesweites Netzwerk zurückgreifen können, wird sich auch auf jeder anderen Ebene vernetzt. Der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, konnte exemplarisch den Wahlerfolg von 43,8 Prozent mithilfe von ehemaligen Mitgliedern des verbotenen neonazistischen Jugendverbands Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) erreichen.

In seinem direkten Umfeld befinden sich hochrangige Kader der militanten Jugendgruppe, die sich als rechter Flügel aus dem Bund Heimattreuer Jugend (BHJ) abspaltete und die Nachfolge der Wiking-Jugend antrat, die sich wiederum in der Nachfolge der Hitler-Jugend und des Bundes Deutscher Mädel sah. Sie veranstaltete Kinder- und Jugendfreizeiten, um faschistischen Nachwuchs zu erziehen.

Ein ehemaliges Mitglied der Organisation ist Patrick Harr. Er ist als Wahlkampfleiter für Siegmund einer der wichtigsten Strategen und begleitete ihn unter anderem zum Potsdamer Geheimtreffen. Auch Laurens Nothdurft, der Justiziar der AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt, spielt eine wichtige Rolle. Er vertrat unter anderem Siegmund selbst vor Gericht, aber auch das rechte Compact-Magazin. Er fungierte ab 1999 als „Zweiter Bundesführer“ der HDJ und verantwortete die Mitgliederzeitschrift.

Das faschistische Netzwerk der AfD

Doch die Verstrickungen der AfD gehen weitaus weiter als in die ideologische Nachfolge der Hitler-Jugend. Alleine die hauseigene Parteijugend, die Generation Deutschland unter Jean-Pascal Hohm, hat direkte Kontakte und personelle Überschneidungen sowohl mit der Identitären Bewegung als auch mit diversen Gruppen jugendlicher Faschist:innen.

Die Identitäre Bewegung (IB) beinhaltet unterschiedliche Gruppierungen, die sich grob an der Vorstellung einer „Islamisierung“ der „europäischen Kultur“ orientieren und im Kampf dagegen stehen wollen. Im Visier dieser militanten Faschist:innen sind schlussendlich alle Migrant:innen. Aus der IB kam des Weiteren das Konzept der Remigration, welches Martin Sellner – einer ihrer führenden Ideologen – auf dem Potsdamer Treffen vorstellte.

Dieses Treffen von AfD-Politiker:innen, Neonazis, Unternehmer:innen und zwei CDU-lern behandelte das Thema der Remigration und den „Geheimplan gegen Deutschland“, der die Vertreibung von Millionen von Menschen aus Deutschland beinhaltet. Der Veranstalter, Gernot Mörig, war Bundesführer des BHJ.

Kubitschek, Elsässer, Springer – Ideologisches Fundament der AfD

Über Geheimtreffen und direkte personelle Verbindungen hinaus sind Propagandafabriken und Thinktanks eine weitere Stütze der faschistischen Bewegung. Der Verleger Götz Kubitschek ist dabei eine Schlüsselfigur. Mit dem faschistischen Thinktank Institut für Staatspolitik (IfS), dem Verlag Antaios oder der Zeitschrift Sezession verbreitert er das ideologische Fundament der faschistischen Bewegung. Auch in der IB spielte er eine wichtige konzeptionelle Rolle und steht in Kontakt mit Höcke.

Darüber hinaus verbreitet das faschistische Magazin Compact unter Jürgen Elsässer rechte Hetze in Deutschland. Auch der von Philip Stein gegründete faschistische Verein Ein Prozent verbreitet rassistische Narrative, die die Narrative der AfD stützen. Und nicht zuletzt die Wochenzeitung Junge Freiheit unter Dirk Stein und natürlich der Axel-Springer-Verlag ebnen der AfD den Boden.

Michael Schirm

Student aus Wuppertal und Perspektive-Autor seit 2025. Schreibt themenübergreifend, mit Fokus auf die Arbeiter:innen, die vom Kapitalismus betroffen sind. „The true revolutionary is guided by a great feeling of love.“

Erstveröffentlicht auf operspektive online v. 8.9. 2026
Die AFD und ihr Netzwerk

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»Der Staat will eine Panik schaffen, die es so nicht gibt«

Im Prozess gegen die »Ulm 5« wird eigentlich eine Sachbeschädigung verhandelt. Die inszenierten RAF-Parallelen lassen sich mit Stuart Hall begreifen.

Interview mit Sa-Lia Zeh-Sá: Matthias Monroy

Titelbild: Screenshot ethos.media

Beim »Ulm 5«-Prozess wird ja nicht nur eine gemeinschaftlich begangene Sachbeschädigung mit Terrorismusbezug verhandelt, sondern etwas viel Größeres. Was?

Es wird gerade ein Präzedenzfall geschaffen, der grundlegend darüber entscheidet, wie linker Aktivismus in Deutschland künftig justiziabel ist.

Es geht um Sabotage bei der israelischen Rüstungsfirma Elbit Systems am Standort Ulm. Worin genau besteht der juristische Präzedenzfall?

Den Versuch, den Strafrechtsparagrafen 129 zur Bildung einer kriminellen Vereinigung auf politischen, vor allem linken Aktivismus anzuwenden, gab es schon mehrfach, etwa bei der Letzten Generation – dort aber ohne Erfolg, weil die Beschuldigten nicht als »Täter genug« galten. Mit den »Ulm 5« hat man die jetzt gefunden: In einem ohnehin rassifizierten Kontext gilt pro-palästinensischer Aktivismus schon an sich als potenziell kriminell. Weil die »Ulm 5«-Aktivist*innen aber überwiegend weiß und »bürgerlich« gelesen werden, wird der Fall eher als Staatsverrat und Nestbeschmutzung verhandelt.

Neu ist auch die Bereitschaft der Staatsanwaltschaft, ein Verfahren derart zu eskalieren. Ich würde deshalb auch von einem Testfeld sprechen. Die rechtlichen Instrumente sind längst da, der Paragraf 129 steht seit Jahrzehnten im Gesetzbuch. Erprobt wird, wie weit er sich dehnen lässt und wie viel Widerspruch kommt. Wenn das ohne größeren Widerstand durchgeht, stehen dieselben Mittel danach gegen andere Bewegungen bereit.

Isa-Lia Zeh-Sá studiert Soziale Arbeit an der ASH Berlin und schreibt ihre Bachelorarbeit über die Kriminalisierung des pro-palästinensischen Aktivismus am Beispiel des »Ulm 5«-Prozess in Verbindung mit Theorien von Stuart Hall. Zeh-Sá kennt zwei der Angeklagten persönlich.

Ihr Analysewerkzeug ist Stuart Hall. Können Sie das erläutern?

Ich benutze Stuart Halls »Policing the Crisis« von 1978. Er untersucht darin, wie in Großbritannien eine Kriminalitätsdebatte entstand, die in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Zahlen stand und wozu diese Debatte gut war. Ausgangspunkt ist Stanley Cohens Begriff der »Moral Panic«. Cohen beschreibt, wie sich ein diffuses gesellschaftliches Unbehagen an einer Gruppe festmacht, von Medien und Politik aufgegriffen und verstärkt wird und am Ende zu härteren Gesetzen führt. Bei Cohen kommt der Anstoß eher von unten, aus der Gesellschaft.

Hall verschiebt genau diesen Punkt. Er zeigt, dass die Instanzen, die auf eine Bedrohung zu reagieren scheinen, an ihrer Entstehung beteiligt sind. Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte legen zuerst fest, worum es angeblich geht. Die Medien übernehmen diese Deutung, und damit steht fest, worüber überhaupt gestritten wird. Auch die Kritik bewegt sich dann nur noch in diesen Begriffen und reproduziert die vermeintliche Bedrohung, die sie zu bekämpfen behauptet.

»Moral Panic« ist für mich nicht der Oberbegriff, unter den ich alles sortiere, sondern ein einzelnes Werkzeug. Mich interessiert, wie hier eine terroristische Bedrohung hergestellt wird, nicht ob die Gesellschaft in Panik gerät. Ich nutze Hall, weil sein Blick auf das Missverhältnis zwischen tatsächlichem Anlass und Reaktion darauf sich gut auf die »Ulm 5« übertragen lässt. Bei ihnen fehlt nämlich die breite gesellschaftliche Angst, an die sich das andocken ließe. Der Staat will eine Panik schaffen, die es so nicht gibt.

Wie passen die »Ulm 5« in dieses Bild?

Da kommt beides zusammen: die Konstruktion einer Gefahr und die Eskalation der Mittel. Angeklagt sind gemeinschaftliche Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und die Bildung einer kriminellen Vereinigung und nicht Terrorismus. Geführt wird der Prozess aber so, als ginge es darum. Der Verhandlungsort Stammheim, die Verteilung auf fünf Haftanstalten, der Glaskasten, die Hochsicherheitsauflagen bis hin zum Mitschreibverbot. Das sind keine Beweise, das sind Bilder. Sie rufen eine Erinnerung auf und übertragen sie auf einen Fall, in dem niemand zu Schaden gekommen ist. Genau darum geht es bei Hall. Die Bedeutung entsteht nicht aus der Tat, sondern aus dem Rahmen, in den man sie stellt.

Wie sind eigentlich die derzeitigen Haftbedingungen der fünf?

Die variieren und sind nicht überall gleich. Aus einem Frauen*gefängnis wurde mir von extremer Überbelegung berichtet, Zellen, die nur für eine Person ausgelegt sind, müssen sich beispielsweise geteilt werden. U-Haft ist grundsätzlich hart, weil es keinen Alltag gibt, an dem man sich orientieren kann, und Rechte noch stärker eingeschränkt sind – in Hitzewellen wie in diesem Sommer noch einmal mehr.

Ich kenne zwei der Angeklagten und Menschen aus ihrem Umfeld und habe sie auch in der U-Haft besucht. Über Schikanen der Justizvollzugsbeamt*innen können sie bei Besuchen nicht sprechen: Es sitzen immer eine von ihnen sowie eine übersetzende Person dabei und passen auf. Und die Angst, dass sich die Bedingungen nach dem Besuch weiter verschlechtern, ist groß.

Liegt die Verteilung auf Haftanstalten nicht auch an der Nähe zum Wohnort?

Nein. Die Wohnorte liegen größtenteils in Berlin, dort leben auch die meisten Unterstützer*innen. Ich habe während eines Praktikums bei der Freien Hilfe in Haft in Berlin gelernt: Unterbringung nach Wohnort gibt es erst nach rechtskräftiger Verurteilung, vorher richtet sie sich nach der zuständigen Staatsanwaltschaft. Die Verteilung auf fünf Anstalten und die Isolation sollen jeden Kontakt zwischen ihnen verhindern – auch eine RAF-Parallele. Auch hier greift Hall: Die Maßnahmen stehen in keinem Verhältnis zur Tat. Für eine Untersuchungshaft unter diesen Bedingungen besteht kein Anlass. Niemand weiß, wie lange diese dauert. Das ist meines Erachtens psychischer Terror.

Wie wirkt sich die U-Haft auf die psychische Gesundheit aus? Vor Gericht wirken die »Ulm 5« relativ gefestigt.

Die Tage nach Prozesstagen sind auf jeden Fall immer hart, der ständige Kontakt mit wechselnden Menschen kostet viel Energie, dazu die Isolation auch durch Sprache. Die beiden, die ich besucht habe, versuchen sich durch Lesen, Uni-Arbeit und Kontakte zu anderen Gefangenen zu stabilisieren. Belastend ist auch, sich immer wieder neu auf Menschen einstellen zu müssen, die neu in die U-Haft kommen. Es gibt keine Konstanten. Oft sind es Prozesstage, und die Anfahrt ist mit viel Anstrengung verbunden, auch körperlichem Schmerz. Mir wurde berichtet, dass die Handschellen während der Fahrt so stark reiben, dass sie Schmerzen verursachen und blaue Flecken und Druckstellen hinterlassen, die noch Tage später zu sehen sind. Im Gericht selbst freuen sie sich, einander zu sehen, und auch Familie, Freund*innen und Unterstützer*innen. Das ist extrem wichtig.

Hall zufolge wird in Krisenzeiten Ordnung dadurch aufrechterhalten, dass bestimmte Gruppen dämonisiert werden. Um welche Krise geht es hier?

Wenn eine Ordnung sich nicht mehr über Konsens absichern lässt, verschiebt sie sich in Richtung Zwang. Damit das akzeptiert wird, braucht es eine Bedrohung, an der sich diffuse Ängste festmachen lassen. Die Krise, die ich hier sehe, ist die deutsche Staatsräson selbst. Die Erzählung lautet: Dieser Staat hat aus seiner Geschichte gelernt und steht deshalb an der Seite Israels. Seit Oktober 2023 kollidiert diese Erzählung mit der sichtbaren eigenen Beteiligung an einem Völkermord – über Waffenexporte und deren diplomatische Deckung. Dieser Widerspruch wird nicht ausgehalten, sondern ausgelagert. Wer ihn benennt, wird zum Problem erklärt. Das Erinnerungsargument kippt damit von einer Verpflichtung in ein Instrument.

Dazu kommt eine zweite Bewegung, die weit über Palästina hinausgeht: Aufrüstung, Kürzungen im Sozial-, Kultur- und Bildungsbereich, ein Sicherheitsdiskurs, der immer mehr Bereiche erfasst. Gegen die Palästina-Solidarität wird deshalb mit einer Brutalität vorgegangen, die man anderswo so nicht sieht. Minderjährige werden festgenommen, Menschen verlieren wegen Nichtigkeiten ihre Jobs, auf Demonstrationen werden Sprachen verboten, Symbole und Parolen kriminalisiert. Das neue Hochschulgesetz holt die Polizei zurück auf den Campus und droht Lehrenden mit dem Ende ihrer Karriere, und ein großer Teil dieser Verfahren wird am Ende eingestellt, nachdem sie ihre Wirkung längst entfaltet haben.

Das ist ein Muster, das aus der Kolonialgeschichte gut bekannt ist. Mittel werden dort entwickelt, wo mit wenig Widerspruch zu rechnen ist, und wandern von dort in die Mitte der Gesellschaft. Deshalb ist der »Ulm 5«-Prozess nicht nur eine Sache der Palästina-Bewegung.

Der Vorwurf lautet auch auf Antisemitismus – auch gegen die »Ulm 5«.

Angeklagt sind Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und Bildung einer kriminellen Vereinigung – nicht Antisemitismus. Er wird trotzdem verhandelt, und es wird versucht, aus einer politischen Handlung eine moralische Verwerflichkeit zu machen. Das verschiebt das Thema weg von dem, was tatsächlich passiert ist.

Ich bestreite nicht, dass es in der pro-palästinensischen Bewegung Antisemitismus gibt. Den gibt es und er muss dort auch bearbeitet werden. Was ich bestreite, ist die Argumentationskette: von einer Parole, auf eine »kriminelle Vereinigung« und von dieser scheinbaren Vereinigung auf eine ganze Bewegung. Das ist dieselbe Logik wie beim Paragrafen 129. Beurteilt wird nicht die Handlung, sondern die Zugehörigkeit.

Hall beschreibt Moral Panic als Zusammenspiel von Medien, Justiz und Polizei bei der Dämonisierung einer Gruppe. Das funktioniert beim »Ulm 5«-Prozess offenbar nicht.

Ich würde sagen, es wird versucht und es geht bisher nicht auf. Das ist ein Unterschied. Hall beschreibt keine Automatik, sondern eine Anordnung, die gelingen kann oder eben nicht.

Der erste Schritt funktioniert: Staatsanwaltschaft und Polizei setzen die Deutung. In der Ermittlungsakte wird die Handlung als Angriff beschrieben, und dieses Vokabular wurde in der Berichterstattung übernommen. Hall nennt das »primary definers«: Wer zuerst definiert, gibt den Rahmen vor, in dem danach auch die Kritik stattfindet.

Der zweite Schritt fehlt: Es gibt keine breite gesellschaftliche Angst, an die sich andocken ließe. Ich lese praktisch die gesamte deutschsprachige Prozessberichterstattung und hatte mit deutlich schlechterer Presse gerechnet. Staatsanwaltschaft und Gericht bieten die Empörung an, aber sie wird von den Medien nicht abgenommen. Meine – sehr hypothetische – Vermutung: Man wollte den Prozess schnell durchwinken und hat mit dem Standort Stammheim gezielt medienwirksame Bilder erzeugt. Dass die Verteidigung so gut arbeitet und dass es eine kontinuierliche Prozessbeobachtung gibt, war offenbar nicht eingeplant.

Was mich dabei am meisten beschäftigt: Die Bedingungen des Prozesses arbeiten selbst gegen eine sorgfältige Berichterstattung. Es gibt keine öffentlichen Protokolle, im Saal darf nicht mitgeschrieben werden. Wer berichten will, ist auf sein Gedächtnis angewiesen. Das ist keine Randnotiz. Dieselben Sicherheitsauflagen, die den Prozess bedrohlich aussehen lassen, verhindern, dass jemand genau nachprüfen kann, was darin passiert.

Die Richterin Kathrin Lauchstädt hat den Prozess bis Januar verlängert. Was ist da zu erwarten?

Das wüsste ich selbst auch gern. Vermutlich hat sie gemerkt, dass sich die Verteidigung ernsthaft mit dem Prozess befasst. Und je länger so etwas andauert, desto weniger Ausdauer haben Unterstützer*innen erfahrungsgemäß. Parallel dazu treffen in Berlin gerade viele Vorladungen wegen Protesten der letzten drei Jahre ein, was diese zusätzlich finanziell und organisatorisch schwächt. Und solange ein Verfahren nach Paragraf 129 läuft, kann das gesamte Umfeld einer Bewegung überwacht werden.

Nicht zu vergessen: Das Verfahren selbst ist schon eine Strafe, unabhängig vom Urteil. Fünf Menschen sitzen seit Monaten in U-Haft. Das ist bereits passiert, egal wie es ausgeht.

Interview

privat

Isa-Lia Zeh-Sá studiert Soziale Arbeit an der ASH Berlin und schreibt ihre Bachelorarbeit über die Kriminalisierung des pro-palästinensischen Aktivismus am Beispiel des »Ulm 5«-Prozess in Verbindung mit Theorien von Stuart Hall. Zeh-Sá kennt zwei der Angeklagten persönlich.

Erstveröffentlicht im nd v. 11.9. 2026
Der Staat will eine Panik schaffen …

Wir danken für das Publikationsrecht.

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