IPPNW: »Einen kleinen Atomkrieg gibt es nicht«

Inga Blum zu den Debatten über nukleare Abschreckung auf der Münchner Sicherheitskonferenz

Interview Gisela Dürselen

Ivy Mike Test Detonation Mushroom Cloud, 1. November 1952. Bild: Department of Energy/public domain

Privat: Sie waren am vergangenen Wochenende als kritische Beobachterin auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Was war Ihr Eindruck?

Die Konferenz war stark eingeengt auf ein militärisches Verständnis von Sicherheit. Zwar wurde viel über die Krise der internationalen Ordnung gesprochen und es herrschte eine deutlich spürbare Angst wegen des verlorenen Vertrauens in den bisherigen Partner USA. Trotzdem zielten die auf den großen Bühnen diskutierten Lösungen vor allem auf die weitere Aufrüstung Deutschlands und Europas. Vorschläge für die Stärkung der internationalen Ordnung wie Investitionen in die Vereinten Nationen oder die Weltgesundheitsorganisation WHO, die sich in einer existenziellen Finanzkrise befinden, gab es wenig. Vor allem die Vertreter Chinas sprachen sich für eine Stärkung von Uno und Multilateralismus aus, von westlicher Seite wurden Zweifel geäußert, ob nicht eine versteckte Agenda dahinterstecken könnte.

Und jenseits der öffentlichen Panels?

In über 200 »Side Events«, die teilweise der Geheimhaltung unterliegen, wurde zum Teil etwas kritischer diskutiert. Es gab Veranstaltungen vom Roten Kreuz, von WHO und mit Vertreter*innen der Uno. Die meisten dieser Debatten waren aber von Privatunternehmen und Rüstungsindustrie gesponsert, und dort ging es vor allem um militärische Wettbewerbsfähigkeit. Nicht nur im konventionellen Bereich, sondern auch auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz oder im Weltraum. Unter Beteiligung deutscher Ministerien wurde diskutiert, wie Gesundheitssystem und Transportsystem umgebaut werden sollten, um auf einen möglichen Flächenkrieg in Europa ab 2029 vorbereitet zu sein, in dem Deutschland die logistische Drehscheibe wäre.


Inga Blum ist Ko-Präsidentin der Internationalen Ärzt*innen zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) und aktives Mitglied der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN). Am vergangenen Wochenende nahm sie für den Verein »Münchner Sicherheitskonferenz verändern« als Beobachterin an dem internationalen Treffen von Politikern, Militärs und Wirtschaftsvertretern teil.

Welche Rolle spielten wirtschaftliche Interessen?

Wirtschaftsexpertinnen stellten Strategien für einen schnelleren Aufbau von Rüstungsindustrie vor. Das Profitstreben privater Unternehmen und die enge Vernetzung von Industrie und Politik als treibende Kraft hinter der Aufrüstung ist eindeutig. Rüstungskonzerne wie Hensoldt, Heckler und Koch, Lockheed Martin und Rheinmetall gehören zu den offiziellen Sponsoren der Konferenz.

Kamen Rüstungskontrolle und Risikoreduktion überhaupt zur Sprache?

Konferenzpräsident Wolfgang Ischinger hat tatsächlich schon in seiner Eröffnungsrede über die Gefahr der Weiterverbreitung von Atomwaffen gesprochen und an die Atommächte appelliert, ihre Abrüstungsverpflichtungen einzuhalten. Der spanische Ministerpräsident Pedro Sanchez hat eindringlich vor den Gefahren von Atomwaffen gewarnt und zur Abrüstung aufgefordert. Es sei ein Fehler, dass allein die USA in den nächsten Jahren 946 Milliarden US-Dollar für Atomwaffen ausgeben wollen: eine Summe, mit der die extreme Armut auf der Welt beendet werden könnte.

Was war die deutsche Position?

Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte an, mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron über den Aufbau einer gemeinsamen europäischen atomaren Abschreckung zu sprechen. Deutschland würde damit sowohl gegen den Nichtverbreitungsvertrag als auch gegen den 2+4-Vertrag zur deutschen Einheit verstoßen. Das würde dem internationalen Kontrollsystem für atomare Abrüstung vermutlich endgültig den Rest geben. Die Weiterverbreitung von Atomwaffen in immer mehr Länder würde die Wahrscheinlichkeit der Katastrophe dramatisch erhöhen.

Von welchem Risiko sprechen wir?

Wenn eine einzelne Atomwaffe mit einer Sprengkraft von 100 Kilotonnen beispielsweise über München explodieren würde, würden unmittelbar etwa 200 000 Menschen sterben, 400 000 Menschen wären schwer verletzt. Das Zentrum wäre vollkommen zerstört, in einem Umkreis von sechs Kilometern würden die meisten Gebäude durch die immense Druckwelle kollabieren. Im Zentrum der Explosion wäre es heißer als auf der Oberfläche der Sonne. Hitze und Druck würden zur Entstehung von Feuerstürmen führen, in denen die meisten Menschen sterben würden. Der Großteil der Krankenhäuser und der Infrastruktur wäre zerstört. Effektive Hilfe wäre unmöglich. Überlebende würden in den Tagen und Wochen nach der Explosion an der akuten Strahlenkrankheit sterben.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit einer Eskalation?

Selbst wenn es nicht zum absichtlichen Einsatz von Atomwaffen kommt, zeigen die zahlreichen Unfälle und Fehlalarme aus der Vergangenheit, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis etwas passiert. Besonders gefährlich ist, dass zwischen den USA und Russland immer noch 1800 Atomwaffen auf höchster Alarmstufe stehen und innerhalb von Minuten abgefeuert werden könnten. Die Deutsche Gesellschaft für Informatik warnt, dass gerade in Zeiten hoher politischer Spannungen Fehlalarme leicht für echt gehalten werden können, sodass ein Gegenangriff ausgelöst wird.

Sogenannte Mininukes, taktische Atomwaffen mit geringer Sprengkraft, sollen das Risiko begrenzen …

Das US-Militär hat Planspiele durchgeführt, die gezeigt haben, dass eine Ausweitung zu einem Atomkrieg nach dem Einsatz einer Atomwaffe sehr wahrscheinlich ist. Einen »kleinen« Atomkrieg gibt es nicht. Bereits der Einsatz von weniger als drei Prozent der Atomwaffen in den globalen Arsenalen würde in Europa unmittelbar mehr als 100 Millionen Todesopfer fordern. Der aus den brennenden Städten aufsteigende Ruß würde die Atmosphäre für Jahre verdunkeln, eine globale Abkühlung und Ernteausfälle wären die Folge. Über zwei Milliarden Menschen würden verhungern.

Laut einer Umfrage des Bundesamts für Strahlenschutz fürchten 58 Prozent der Befragten einen Einsatz nuklearer Waffen. Warum gibt es keine stärkere Friedensbewegung?

Das Wissen über die Gefahr ist verloren gegangen. In der Friedensbewegung dachte man mit dem Ende des Kalten Krieges mehrheitlich, das Problem sei gelöst. Doch diejenigen, die damit Geld verdienen, haben weitergemacht. Dazu kommt, dass die öffentliche Meinung stark durch die Politik und industrienahe Think Tanks beeinflusst wird.

Was müsste geschehen?

Die dringend nötige öffentliche Debatte zum Beispiel über die ab diesem Jahr geplante Stationierung von weitreichenden US-Raketen in Deutschland. In die Entscheidung der Ampel-Regierung darüber im Jahr 2024 wurde nicht einmal der Bundestag einbezogen, und er forderte auch keine Debatte darüber ein. Viele Entscheidungen im Rüstungsbereich unterliegen der Geheimhaltung. Die Münchner Sicherheitskonferenz, die zu einem großen Teil aus Bundesmitteln finanziert wird, müsste die Öffentlichkeit zu diesen für uns alle existenziellen Fragen in Zukunft viel stärker einbeziehen.

Erstveröffentlicht im nd v. 17.2. 2026
Einen kleinen Atomkrieg …

Wir danken für das Publikationsrecht.

Carla Hinrichs: Aus Gegenwind wird Rückenwind

»Meine verletzte Generation«: Klimaaktivistin Carla Hinrichs klagt an und macht Mut

Warum beginnt Ihr Buch so martialisch mit der Erstürmung Ihrer Wohnung durch die Polizei am 23. Mai 2023, bei der Sie am Ende gar in die Mündung einer Waffe blicken?

Interview FRANK WILLMANN

Bild: Cover Tropen Verlag

Dieser Tag schlug eine tiefe Kerbe in meineBiografie und markierte zugleich einen Höhepunkt unseres friedlichen Protestes. An kaum einem anderen Tag entlarvte der deutsche Staat sich deutlicher als an diesem, an dem er eine Waffe auf eine Botin der schlechten Nachricht richtete, statt sich der Nachricht zu stellen. Gleichzeitig zeigte sich die unglaubliche Kraft des friedlichen zivilen Widerstands. Tausende Menschen schlossen sich danach den Protesten der Letzten Generation an und brachten die Klimakrise als Gesprächsthema an jeden Küchentisch.

Wie erklären Sie die Tatsache, dass Ihnen und Ihren Mitstreitern, jungen nachdenklichen Menschen, an diesem Tag die »Bildung einer kriminellen Vereinigung« vorgeworfen wurde?

Schon die Monarchen im 19. Jahrhundert und die Nazis nutzten den Vorwurf der »Bildung einer kriminellen Vereinigung«, um die demokratische Opposition zu unterdrücken. Diese Tradition gegenüber jenen, die eine bessere Welt für alle fordern, wird heute gegenüber jungen Menschen, die sich eine Zukunft wünschen, fortgeführt. Unser Protest hat den Finger in die Wunde gelegt. Jeden Tag haben wir gezeigt, dass die Regierung sich nicht an ihre eigenen Gesetze hält. Es ist ein politisches Problem, mit dem wir den Staat konfrontierten. Doch er war damit so überfordert, dass er versuchte, es juristisch zu lösen. Dass das nicht geht, liegt auf der Hand.

Interview

Carla Hinrichs, geboren 1997, ist Klimaaktivistin und Autorin. Sie wuchs in Bremen auf und war bereits während ihrer Schulzeit politisch bei Amnesty International aktiv. 2015 begann sie ein Jurastudium, das sie mit dem ersten Staatsexamen abschloss. Die Dramatik der Klimakrise motivierte sie, sich stärker für den Schutz der Umwelt einzusetzen. Ab 2022 engagierte sie sich bei der Letzten Generation, war in Talkshows zu Gast, sprach auf Podien oder kommentierte vor Ort die Proteste. Diese Woche kommen ihre Erinnerungen in den Buchhandel.

Wie sind Sie zur Letzten Generation gestoßen, was waren Ihre Beweggründe?

Mit Begeisterung für die deutsche Verfassung und Demokratie habe ich Jura studiert. Aber was, wenn die Regierung sich nicht an unsere Verfassung hält und in der Klimakrise das Leben aller Menschen in diesem Land gefährdet? Die Geschichte gibt uns für solche Notsituationen den friedlichen Widerstand an die Hand. Meine Entscheidung, bei der Letzten Generation mitzumachen, war keine leichte, aber ich wollte dabei sein, wenn Menschen versuchen, zu retten, was uns lieb ist.

Warum ist es der Letzten Generation aber letztlich nicht gelungen, die Massen zu mobilisieren?

Das staatliche Versagen in der Klimakrise hat immerhin schon Millionen Menschen auf die Straße gebracht. Doch im Ergebnis wurde ein verfassungswidriges Klimaschutzpaket verabschiedet. Die Menschen aus der Enttäuschung, aus diesem tiefen demokratischen Schmerz wieder herauszuholen, ihre Trauer in Wut umzukehren und daraus Kraft zu schöpfen, gelingt nicht von heute auf morgen. Jeden Tag müssen wir uns darum bemühen. Im Hinblick auf die Zukunft ist dieser Wandel unumgänglich.

Sie standen mehrfach vor Gericht und wurden zu Geldstrafen verurteilt.

Dass ich einmal von einem Gericht verurteilt werden würde, weil ich mich in einer alles und alle bedrohenden Krise auf die Straße gesetzt habe, hätte ich vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten. Inzwischen weiß ich zu gut, wie es sich anfühlt, wenn gegen einen ein Urteil »im Namen des Volkes« gesprochen wird. Es gibt bisher keine rechtskräftig gewordene Geldstrafe gegen mich, aber ohne die Unterstützung meiner Mitmenschen werde ich, wenn diese eingefordert werden sollte, nicht in der Lage sein, zu zahlen.

Wie gelingt es Ihnen, mit dem mörderischen Druck durch rechte Medien und Politiker auf Sie und Ihre Aktionen umzugehen?

Gegenwind beim Protestieren heißt, dass man etwas richtig macht. Natürlich sind manche Drohungen und Einschüchterungen beängstigend und die Gewalt durch Passant*innen und Polizei, die ich auf der Straße erlebt habe, lässt sich nicht ohne Weiteres verarbeiten. Aber wir können aus Gegenwind auch Rückenwind machen. Das habe ich bereits erlebt, und ich glaube, darin wird in Zukunft viel Kraft liegen.

In der Unterzeile Ihres Buches ist von »Verrat« die Rede. Inwiefern verrät uns der Staat, der doch ein Rechtsstaat ist, oder?

Die wissenschaftlichen Fakten sind bekannt und werden ignoriert. Der Staat verspricht Schutz und schützt uns nicht. Er verfolgt friedlichen Protest mit den härtesten Gesetzen und lässt zu, dass unsere Lebensgrundlagen zerstört werden. Wir können dabei zusehen, wie der Rechtsstaat sich auflöst, nicht mit einem großen Knall, sondern Schritt für Schritt. Wir müssen genau hinschauen und jeden kleinen Rückschritt abmahnen. Denn zusammengenommen ergibt sich jetzt bereits ein düsteres Bild: Der Rechtsstaat zerbricht.

War die Letzte Generation ohne Fehl und Tadel? Hat nicht auch sie Fehler gemacht?

Die Letzte Generation war ein Versuch: Alles in die Waagschale zu werfen, um alles zu gewinnen. Der Preis ist hoch, den wir dafür bezahlt haben, auf der Straße, in den Gerichtssälen und in den Gefängnissen. Manchmal frage ich mich, ob wir uns noch besser darauf hätten vorbereiten können. Denn niemand sollte mit den Folgen alleine sein. Auch jetzt nicht, da es die Letzte Generation nicht mehr gibt.

Sie wählten bewusst den Weg des gewaltlosen Protests.

Keine Gewalt anwenden zu wollen, ist unser moralisches Gebot. Dahinter steckt auch eine Strategie. Unser Protest richtet sich gegen ein gewaltvolles System. Richtet es seine Gewalt gegen friedlichen Protest, delegitimiert es sich und zwingt die Menschen, sich zu positionieren.

Wäre das Abtauchen im bürgerlichen Wohlfühlkosmos und die Gründung einer Familie für Sie keine Option?

Gibt es diesen Wohlfühlkosmos überhaupt noch? Uns überfluten doch jeden Tag Schreckensnachrichten. Wie sehr muss man seine Augen zukneifen, um darüber hinwegzusehen? Ich persönlich kann das nicht. Nicht nur, weil ich es für falsch halte, das Leid der Welt zu ignorieren und sich wegzuducken, wenn die Geschichte einen braucht, sondern auch, weil ich an der Ohnmacht, angeblich nichts dagegen tun zu können, kaputtgehen würde. Natürlich träume ich an manchen Tagen davon, allem entfliehen zu können, doch nicht zuletzt machen mir das all die Gerichtsprozesse unmöglich.

Was hat es mit dem von Ihnen geforderten Gesellschaftsrat auf sich?

Unser System gleicht immer mehr einer Post-Demokratie. Eine Demokratie darf nicht erstarren, sondern muss sich stets weiterentwickeln, um den Krisen der Zeit begegnen zu können. In repräsentativ ausgelosten Gesellschaftsräten können Entscheidungen unabhängig von Geld und Macht getroffen werden. Sie können abbilden, was die Menschen wirklich wollen, wenn sie zusammenkommen, statt sich immer weiter voneinander zu entfernen, zu trennen.

Was ist die größere Gefahr für den Zusammenhalt der Welt: die Gewitztheit der KI oder die Dummheit von Politikern wie Donald Trump?

Das sind wir – wenn wir reale Bedrohungen als Gewitztheit und Dummheit abtun. Eine angemessene Reaktion auf die Zerstörung der Welt und unseres Gemeinwesens kann nur sein, sich ihr in den Weg zu stellen.

Wie geht es bei Ihnen weiter? Wild und radikal?

Vielleicht ist »wild und radikal« genau das, was unsere Welt braucht: Radikal die Dinge bei der Wurzel packen und verändern wollen und wild Visionen für unsere Zukunft entwickeln, sich nicht verdummen und einsperren lassen in Zerstörungs-Ideologien. Für beides braucht es Mut. Ich hoffe, dass ich ihn immer wieder finden werde. Im Moment lebt in mir auf jeden Fall noch einiges an Wut und Hoffnung, um den Mut zu schöpfen, mit dem weiterzumachen, was mich bisher anspornte.

Carla Hinrichs: Meine verletzte Generation. Wie der Staat uns alle verrät. Tropen-Verlag, 272 S., br., 18 €. Buchpremiere mit der Autorin an diesem Mittwoch im Filmtheater Colosseum, Gleimstraße 33, 10437 Berlin (19.30 Uhr).

Erstveröffentlicht im nd v. 17.2. 2026
Meine verletzte Generation

Wir danklen für das Publikationsrecht.

»Wir sind die, deren Leben als Erstes entsorgt werden«

Das Antirassistische-Kampftags-Bündnis über rechte Gewalt und Militarisierung

Interview JULE MEIER mit TUYA und ASSAL

Bild: Jochen Gester

Am 19. Februar demonstriert ihr in der Hauptstadt anlässlich des rassistischen Massenmords an neun Menschen 2020 in Hanau. Was ist das Wichtigste dieses Jahr, das ihr auf die Straße tragen wollt?

Tuja: Dieses Jahr haben wir uns bewusst dazu entschieden, durch den Wedding zu laufen. Wir haben in den vergangenen Jahren gesehen, dass es immer mehr politische Themen gibt, die dort eine große Rolle spielen, und dass der Wedding als migrantischer Arbeiterkiez oft in Vergessenheit gerät. Der Endpunkt unserer Demonstration wird dieses Jahr der Leopoldplatz sein und das ist einfach ein superkriminalisierter Ort. Außerdem wurde in der Rheinmetallfabrik im Wedding auf Rüstung umgestellt.

Was hat denn Aufrüstung mit Rassismus zu tun?

Assal: Wir gehen davon aus, dass Kapitalismus und Rassismus untrennbar voneinander sind. Weil Staat, Wirtschaft und Politik Hand in Hand gehen, sind wir die, deren Leben als Erstes entsorgt werden.

Ihr sprecht von einem »Wir«. Warum ist es wichtig, dass sich Menschen mit Rassismuserfahrung oder Migrationsgeschichte organisieren?

Assal: Wir wissen, dass der Staat uns nicht schützt und das wir uns eben selber schützen müssen. Das diesjährige Motto der Demo lautet: »Solange wir atmen, kämpfen wir«. Die Bedrohungslage für migrantisches Leben in Deutschland spitzt sich momentan extrem zu. Allein vergangenes Jahr sind mindestens 16 Personen von der Polizei ermordet worden. Davon nicht alle aus rassistischen Motiven, aber einige wie zum Beispiel Lorenz und Nelson. Es geht teilweise um Leben und Tod.

Tatsächlich zeigen Statistiken aus Deutschland und auch aus Berlin, dass Rassismus und rechte Gewalt zunehmen. Was müssen Antirassist*innen dagegen tun?

Assal: Wir müssen aus der Vereinzelung herauskommen. Als migrantische Person in Deutschland fühlt man sich immer gefährdeter. Man geht einfach mit einem ganz anderen Gefühl durch die Straßen. Man geht mit einem anderen Gefühl auf Demonstrationen, weil wir sehen, wie extrem gewaltvoll diese von der Polizei angegriffen werden. So wie unsere Demo im vergangenen Jahr. Wir haben erkannt, dass man nur mit einer starken solidarischen Community etwas entgegensetzen kann.

Was hat sich denn seit eurer ersten Demo vor sechs Jahren verändert?

Tuya: Seit dem rassistischen Anschlag in Hanau hat sich einfach überhaupt nichts verändert. Jegliche Verantwortungsübernahme vom Staat und von der Stadt Hanau bleibt aus. Die Tat wurde überhaupt nicht richtig aufgearbeitet. Es gehen Hunderttausende Menschen auf die Anti-AfD-Demos, auf die Brandmauer-Demos, auf die Das-Stadtbild-verteidigen-Demos. Und letztlich ändert sich aber für uns in der Lebensrealität überhaupt nichts.

Tuya: Nazis und der Staat gedeihen in einem gegenseitig von sich abhängigen Schema. Das sehen wir zum Beispiel daran, welches Leben oder welche Menschen von der Polizei geschützt werden, wie zum Beispiel die Nazi-Aufmärsche in Berlin-Friedrichshain oder zur Neugründung der AfD-Jugend in Gießen. Wenn dann aber zum Beispiel eine große Widersetzen-Demo wie in Gießen wirklich auf die Straße geht, dann haben wir sehr klar gesehen, auf welcher Seite die Polizei letztlich steht.

Also liegt das Rassismus-Problem in erster Linie bei der Polizei?

Assal: Das Problem ist nicht einfach nur eine gewaltbereite Polizei, sondern es ist der Staat, der Gewalt ausübt und rassifizierte Menschen besonders überwachen möchte. Das zeigt sich zum Beispiel in der Asog-Reform im vergangenen Jahr.

Was bräuchten Migrant*innen in Berlin denn eigentlich vom Staat?

Tuya: Dass sie nicht kriminalisiert werden. Und dass die Daseinsvorsorge in ihren Kiezen nicht weggekürzt wird. Zum Beispiel wurde die Grundreinigung in den Schulen in Neukölln abgeschafft. Die Kieze werden ghettoisiert und segregiert und die Stadt sorgt explizit überhaupt nicht dafür, dass dieser Ruf oder diese Vorurteile gegenüber den Kiezen abgebaut werden. Und als migrantische Jugendliche dort aufzuwachsen, geht dann mit einem Stigma einher, das man so schnell nicht wieder loswird. Wir wollen nicht im grauen Kiez aufwachsen. Das macht ja auch was mit der Psyche. Und dann bin ich wegen der Hoffnungslosigkeit und Geldnot natürlich eher betroffen von zum Beispiel dem neuen Wehrdienstgesetz.

Assal: Und zugleich ist die Konsequenz, die wir daraus ziehen, dass wir uns in dieses rassistische System gar nicht integrieren lassen wollen. Es gibt Jugendliche, die das erkannt haben und die sehen: Okay, wir werden hier systematisch unterdrückt, wir werden hier systematisch übersehen, wir sind hier systematisch nicht gewollt. Ein System, das uns de facto nicht schützt, in das möchten wir uns auch nicht integrieren.

Ihr sagt, alles sei miteinander verknüpft: der Kapitalismus mit dem Rassismus; die militärische Aufrüstung mit den Sozialkürzungen. Im Aufruf bezieht ihr euch auch auf den Krieg in Gaza und in den kurdischen Gebieten. Was hat denn Hanau mit Gaza und Kurdistan zu tun?

Assal: Wir verstehen uns als Internationalist*innen und auch als Antiimperialist*innen und wir haben erkannt, dass wir global sehr viele Kriege, Krisen, Genozide haben, bei denen immer wieder die migrantische Person diejenige ist, die unterdrückt wird. Und dass wir nur dadurch, dass wir die Kämpfe miteinander verbinden, genug Kraft aufbauen können, um etwas dagegen zu halten.

Steht ihr denn auch in Kontakt mit den Angehörigen der Ermordeten aus Hanau?

Assal: Ja. Es gibt ein bundesweites Bündnis zum antirassistischen Kampftag und dieses steht in engen Kontakten mit Hinterbliebenen und antirassistischen Initiativen in Hanau. In Berlin stehen wir in engem Kontakt zu Serpil Unvar, der Mutter von Ferhat Unvar, und zum Jugendbündnis Hanau.

Eure Demonstration wird seit ihrer Existenz 2020 aus verschiedenen Gründen kritisiert. Eine Kritik lautet, dass ihr das Gedenken von Hanau politisch instrumentalisieren würdet. Was sagt ihr dazu?

Tuya: Wir sind uns dessen bewusst. Und dennoch sagen wir, dass alleinige Gedenkveranstaltungen an diesem Tag nicht reichen. Erinnern und gedenken heißt gleichzeitig auch kämpfen für die, die noch leben, für die, die tagtäglich in Deutschland Rassismus erfahren. Die rechten Täter wie in Hanau gibt es nach wie vor. Und damit sagen wir nicht, dass wir nicht mehr gedenken: Vor der Demonstration gibt es wieder eine Gedenkkundgebung, in der eine Schweigeminute für die Ermordeten aus Hanau abgehalten wird.

Interview
Tuya und Assal sind Teil eines Bündnisses, das den Antirassistischen Kampftag in Berlin organisiert.

Erstveröffentlicht im nd v. 17.2. 2026
Interview: Wir sind die …

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