Wir wollen bei VW nicht den Tod produzieren


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Wird bald auch bei VW die Auto- in die Rüstungsindustrie umgewandelt? Grüne, SPD und CDU haben sich auf ein Sondervermögen geeinigt. Dieses Sondervermögen lässt sich nicht durch ein paar Kürzungen beim Bürgergeld finanzieren: Reduzierung von Rente, Wegfall eines Feiertags Anhebung der Mehrwertsteuer – die Kürzungsideen kennen keine Grenze außer die, das Vermögende von der Rüstungsfinanzierung ausgenommen sind. Goldgräberstimmung kommt bei den Herrschenden und ihren Lakaien auf und sie haben todbringende Ideen, was mit unseren Geldern passieren soll.

Schließlich lässt sich damit Geld verdienen. Macht es Sinn, in einer atomaren Welt der Rüstung, die es ermöglicht, in nur sieben Minuten alles Leben auf diesem Planeten zu zerstören, weiter aufzurüsten? Für Rheinmetall-Chef Armin Papperger und Volkswagen-Chef Oliver Blume ja, denn hier lassen sich auf dem Rücken der Bevölkerung Profite in ungeahntem Ausmaß machen.

Volkswagen-Chef Oliver Blume will den Konzern mit Militäraufgaben betreuen, so der Manager auf der jüngsten Investoren-Konferenz (Auto, Motor Sport, 13. März 2025). Rheinmetall-Chef Armin Papperger hat das VW-Werk in Osnabrück als „gut geeignet“ für die Produktion von Rüstungsgütern bezeichnet. Zuvor hatte sich VW-Chef Oliver Blume offen für eine Umwidmung des Werkes gezeigt (NDR, 14. März 2025)

Die Rüstungsproduktion als bestmögliche Umverteilungsmaschinerie

Ein Sondervermögen für Kriegsgerät hat keinen nützlichen Gebrauchswert. Im besten Fall steht das Kriegsgerät herum, bis es verrottet. Im schlimmsten Fall bringt es Zerstörung und Tod. Was könnte man für schöne Bedürfnisse mit dem Rüstungssondervermögen verwirklichen! Renten, von denen jede:r Leben kann, gute Gesundheitsvorsorge, Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, eine sinnvolle Umstellung der Produktion hin zu Produkten, die allen nutzen wie zum Beispiel der Ausbau des ÖPNV.

Die Mächtigen und Kriegstreiber sitzen geschützt in ihren Hochsicherheits-Villen und schauen sich Krieg wie eine Netflix Serie oder ein Fußballspiel im sicheren Abstand an und verdienen unvorstellbar viel Geld daran. Sterben sollen andere, im Kampf um seltene Erden und andere Rohstoffe. China und Russland auf der einen Seite, wir auf der anderen Seite.

Sollen bald Waffen bei VW produziert werden, mit denen die VW-Arbeiter:innen aus dem ehemaligen Werk Kaluga in Russland umgebracht werden sollen oder werden die Waffen fit gemacht, damit unsere Arbeitskolleg:innen in China getötet werden sollen? Wir wissen es nicht. Aber was wir wissen, ist: den Herrschenden und Vermögenden ist es egal, Hauptsache es lässt sich Profit machen. Wer entscheidet darüber, ob wir bald den Tod bei VW produzieren? Wir, die Belegschaft, jedenfalls nicht. Und genau da liegt das Problem. Im Paragraf 2 der Satzung der IG Metall wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Vergesellschaftung als Ziel festgeschrieben. Ein Hintergrund ist, dass wir selbst entscheiden sollten, was und unter welchen Bedingungen produziert wird. Die aktuelle Entwicklung macht deutlich, dass die Vergesellschaftung der Betriebe keine Zukunftsaufgabe ist, sondern eine Gegenwartsaufgabe, wenn wir nicht in der Apokalypse enden wollen.

Wir VW-Beschäftigte rufen alle auf: Leistet Widerstand gegen Rüstungsproduktion und Tod.
Unsere Mutter Erde und unser Vaterland sind international!

Konstantin Antjuschin, VW-Arbeiter Kassel; Hidir Budak, VW-Arbeiter Kassel; Michael Stephan
Werner, VW-Arbeiter Wolfsburg; Sven Schramm, Sachsen GmbH Gläserne Manufaktur; Thorsten
Donnermeier, VW-Arbeiter Kassel; Nikolaj Graf, VW-Arbeiter Kassel; Lars Hiersekorn,
Braunschweig

Massenstreik in der italienischen Logistik

Ein landesweiter Streik hat die Logistikbranche in Italien zwischen dem 13. und 15. März nahezu lahmgelegt, da die Arbeiter geschlossen gegen die laufende Umstrukturierung und Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen protestierten. Die Gewerkschaft SI Cobas sieht dies als Beginn eines langfristigen Kampfes für bessere Löhne und Arbeitszeiten und ruft zur internationalen Solidarität auf.

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Rom. Hunderte Unternehmen sahen sich gezwungen, die Produktion zu unterbrechen und kapitulierten zwischen den frühen Morgenstunden des Donnerstags, 13. März, und Samstags, 15. März. In einigen GLS-Lagern kam es sogar zur vollständigen Schließung. Grund dafür war der geschlossene und entschlossene Streik der Arbeiterklasse, die die Arbeit niederlegte – nicht als isolierte betriebliche Protestaktion, sondern „als Beginn eines neuen und anderen Kampfzyklus gegen die laufende Umstrukturierung“, wie die Basisgewerkschaft SI Cobas in einer vor kurzem erschienenen Stellungnahme schreibt.

Die wichtigsten Logistikunternehmen, insbesondere diejenigen der Fedit-Gruppe (BRT, SDA, GLS), waren von Nord bis Süd, von den Hauptumschlagplätzen bis zu den Filialen, nahezu vollständig lahmgelegt. Dies ließ Unternehmern und Streikbrechern kaum Handlungsspielraum, da selbst in Lagern ohne Si Cobas-Mitglieder oder mit Beschäftigten anderer Basisgewerkschaften die Hallen leerblieben.

Gesamte Branche von Streik erschüttert

Doch nicht nur die großen Logistikkonzerne wurden in diesen zwei Tagen getroffen – die gesamte Branche spürte die Erschütterung des Streiks. Auch Unternehmen außerhalb der Fedit-Gruppe waren betroffen, wie beispielsweise die Arbeiterinnen und Arbeiter von Fercam oder im Konsortium CAL. Dort gelang es den Beschäftigten, durch ihren Arbeitskampf einen Rahmenvertrag für verschiedene Auftraggeber durchzusetzen, um wirtschaftliche und arbeitsrechtliche Bedingungen zu vereinheitlichen und zu verbessern – gerade an den Standorten, an denen sich die Unternehmer am stärksten gegen die Anerkennung der Gewerkschaft und die Forderungen der Arbeiterinnen und Arbeiter wehrten.

Ebenso kämpfen die Arbeiterinnen der Dupon in Badia Pavese (PV) seit über einer Woche, indem sie die Werkstore blockieren. Anlass ist der Versuch des Unternehmens, ihre Arbeitsbedingungen zu verschlechtern, indem ein neuer, nachteilig gestalteter nationaler Kollektivvertrag anstelle des bisher geltenden Logistik- und Transportkollektivvertrags eingeführt werden soll. SI Cobas zählt über 60 Standorte auf, in denen italienweit Streikaktionen stattfanden, etwa an GLS‑, BRT‑, SDA-Standorten und Einkaufszentren.

SI Cobas: Eine neue Ära des Kampfes

„Wir bekräftigen erneut, dass dieser Streik der Auftakt zu einem neuen und besonderen Kampfzyklus ist – ein breiter und langfristiger Weg des Widerstands. Die Arbeiterinnen und Arbeiter werden auch in Zukunft auf die Straße gehen müssen, um den Unternehmern klarzumachen, dass sie in Bezug auf ihre wirtschaftlichen und arbeitsrechtlichen Bedingungen keinen einzigen Schritt zurückweichen werden,“ betont SI Cobas. Im Gegenteil: Das Ziel sei es, für eine Verkürzung der Arbeitszeit und eine Erhöhung der Löhne zu kämpfen – genau das Gegenteil dessen, was Unternehmer und Regierung fordern, die auf mehr Flexibilität, höhere Produktivität und niedrigere Lohnkosten drängen.

Am Freitag, den 14. März, hätte in Piacenza eine Anhörung im Verfahren gegen Teile von SI Cobas stattfinden sollen, darunter der nationale Koordinator und drei Koordinatoren aus Piacenza. Der Prozess begann 2021 mit der Verhaftung des nationalen Koordinators und der piacentinischen Koordinatoren unter dem Vorwurf der kriminellen Vereinigung. Die Verhandlung wurde auf den 26. September vertagt – ein weiteres Zeichen dafür, wie sich die Unternehmer darauf vorbereiten, die kämpferischsten Teile der Arbeiterbewegung in Italien zu unterdrücken.

SI Cobas stellt abschließend in ihrer Stellungnahme fest: „Aus diesen und bereits bekannten Gründen werden wir unseren Kampf fortsetzen und sogar intensivieren, in der Hoffnung, dass sich weitere Sektoren der Arbeiterklasse uns anschließen. Der Kampf ist die einzige Waffe der Arbeiterklasse, um ihre Stimme zu erheben und nicht der Herrschaft der Unternehmer zu erliegen, die uns mit ihrer Kriegswirtschaft für ihre imperialistischen Interessen in die Knie zwingen wollen. In diesem Kampf müssen wir die internationale Verbindung mit dem Proletariat auf der ganzen Welt suchen.“

Quelle: SI Cobas

Erstveröffentlicht in „Zeitung der Arbeit“ v. 19.3. 2025
https://zeitungderarbeit.at/international/massenstreik-in-der-italienischen-logistik/

Wir danken für da Publikationsrecht.

Aufruf Öcalans: „Bestenfalls der Anfang vom Anfang“

Der Nahe Osten um und in Syrien wird regional- und geopolitisch neu aufgeteilt. Mittendrin die Kurden. Sie haben die Wahl zwischen drei Teufeln. Israel Netanyahu und die Türkei Erdogan fighten um mehr Einfluß und Vorherrschaft. USA Strippenzieher Trump versucht die Karten zu mischen und auszuteilen. Es war noch nie ratsam einem Teufel zu vertrauen und von ihm abhängig zu sein. Aber was macht man, wenn einem droht, zwischen den Fronten zerrieben zu werden? Auf jeden Fall daran festhalten, was in Rojava geschah: alle Menschen gleich welcher Religion, gleich welcher Herkunft, gleich welchen Geschlechts hinter sich versammeln. Und da wären noch andere unterdrückte Völker in der Region, mit denen man offensiv versuchen sollte, sich zusammenzutun. Das ist die Macht, die etwas positiv verändern kann. Führer sind zweitrangig! Taktisches Manövrieren darf nicht die Seele preisgeben! Ich war erfreut, als ich dieses Jahr am 1.Mai kurdische Aktivist:Innen gemeinsam mit Palästinenser:innen demonstrieren sah. Der folgende Beitrag von Amalia van Gen versucht eine differenzierte Analyse der komplizierten Situation. (Peter Vlatten)

Der Kurdenführer rief dazu auf, die PKK aufzulösen. Das Ausland jubelt – die Kurden dagegen reagieren verhalten. Eine Bilanz.

Von Amalia van Gen  für die Online-Zeitung INFOsperber, 5.3.2025

Über sechs Monate lang verhandelten der Kurdenführer Abdullah Öcalan mit Männern des türkischen Geheimdienstes MIT auf der Gefängnisinsel Imrali über einen möglichen neuen Friedensprozess im Kurdenkonflikt der Türkei. Am 25. Februar 2025 wurde schliesslich sein Appell in der Öffentlichkeit verlesen: «Es gibt keine Alternative zur Demokratie», sagte Abdullah Öcalan und rief die Kämpfer seiner «Arbeiterpartei Kurdistan» (Partiya Karkeren Kurdistanê PKK) auf, ihre Waffen niederzulegen und die PKK aufzulösen.

Öcalan forderte nicht wie bis 1991 einen eigenen Staat für die Kurden der Türkei. Er bezog sich auch nicht mehr auf eine weitreichende kurdische Autonomie im Süden der Türkei, die seine Bewegung bis vor kurzem anstrebte. «Demokratie», lautet nun das neue Schlagwort. «Demokratisierung der Türkei» und «Auflösung der PKK», das sind die neuen Elemente in seinem Vokabular. Kann Öcalans dramatische Wende auch den Wendepunkt im jahrzehntelangen Konflikt bedeuten und somit den Frieden zwischen Kurden und Türken der Türkei ermöglichen?

Zwiespältige Reaktionen

Die Worte Öcalans lösten ein unerwartet grosses Echo aus – zunächst im Ausland. Die USA, die Noch-Regierung Scholz in Berlin, der UN-Generalsekretär Antonio Guterres und die EU haben Öcalans Appell beinah überschwänglich begrüsst – was zur Verwunderung unter Kurden führte, gilt doch die PKK in all diesen Ländern als «Terrororganisation». Bald folgte auch die Reaktion der umliegenden Nachbarstaaten: Bagdad und Teheran begrüssten unisono den Friedenappell aus Imrali, ebenso die grossen Kurdenparteien im Nordirak und in Iran.

Kann Öcalans Appell also die Lage der Kurden und Kurdinnen tatsächlich verändern?

Der seit 1984 anhaltende kurdisch-türkische Konflikt hat das Land wirtschaftlich, sozial und moralisch verwüstet: «Blutige Auseinandersetzungen, Hoffnung auf Frieden, Notstandsregime, militärische Lösungen, Waffenstillstände, geheime Verhandlungen, Bürgerkrieg, grenzüberschreitende Operationen – all diese Begriffe haben die Schlagzeilen des letzten halben Jahrhunderts dominiert», kommentiert der oppositionelle türkische Journalist Can Dündar.

Der Konflikt habe «den sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt zum Stillstand gebracht und ein Erbe der Unterdrückung, des Traumas und der tiefen sozialen Spaltung hinterlassen», so auch der renommierte türkische Journalist Yavuz Baydar. Offizielle Quellen, einschliesslich der türkischen Armee, schätzen, dass seit 1984 rund 50’000 Menschen ihr Leben verloren haben, rund 80 Prozent von ihnen waren Kurden.

Abertausende von Kurd:innen verfolgten letzten Donnerstag die auf Türkisch, Kurdisch, Englisch und Arabisch gehaltene Rede, die live auf Grossbildschirmen in den osttürkischen Städten Van und Diyarbakir sowie in sieben Städten Syriens übertragen wurde. Ihre Reaktion fiel im Vergleich zu den Regierungen im Ausland weniger enthusiastisch aus.

Die unabhängige Internetplattform «Bianet» beschrieb etwa, wie die Stimmung in Diyarbakir, der heimlichen Hauptstadt der Kurden in der Türkei, von anfänglich ausgelassener Feierstimmung allmählich in Verwirrung, in Schock und schliesslich in Trauer umschlug: Sollten alle Opfer umsonst gewesen sein, zitiert «Bianet» eine Gruppe von anwesenden Müttern, die Söhne und Töchter in diesem Kampf verloren haben.

Einseitiger Waffenstillstand der PKK

Am Samstag, den 1. März 2024, erklärte die PKK-Führung den einseitigen Waffenstillstand. «Solange es keine Angriffe auf uns gibt, werden unsere Kräfte keine bewaffneten Aktionen durchführen», heisst es in der PKK-Erklärung. Der Oberkommandierende der PKK-Kämpfer, Murat Karayilan, forderte Anfang Februar eindringlich die Freilassung Abdullah Öcalans. Nur Öcalan sei befugt, einen PKK-Kongress zusammenzurufen und die Selbstauflösung der Partei zu beschliessen, erklärte er in einem vom kurdischen TV-Sender «Stêrk» am 8. Februar ausgestrahlten Interview.

Der bewaffnete Arm der PKK hatte sich seit der Friedensinitiative von 2013 in die entlegenen Täler des irakischen Kurdistans zurückgezogen. Den Abzug der PKK-Rebellen aus der Türkei hatte die Regierung in Ankara damals als eine ihrer wichtigsten Bedingungen im Friedensprozess durchgesetzt. Zwei Jahre später scheiterte die Initiative aber krachend.

Der Südosten der Türkei schlitterte erneut in einen gnadenlosen Krieg. Die Repression gegen kurdische Zivilisten nahm ein beispielloses Ausmass an; Auf über 10’000 schätzt die DEM, die einzige legale pro-kurdische Partei der Türkei, die Zahl ihrer Anhänger, die nach 2015 willkürlich festgenommen wurden und seither hinter Gittern sitzen. Seit damals wird der Krieg der türkischen Streitkräfte gegen die PKK vor allem auf dem Territorium von Irakisch-Kurdistan oder in Nordsyrien ausgetragen.

Wie viele bewaffnete PKK-Rebellen sich noch heute in der zerklüfteten Bergwelt des Nordiraks aufhalten, ist unklar. Experten schätzen ihre Zahl jedenfalls auf mehrere tausende Männer und Frauen. Was soll mit diesen Kämpfern passieren, sollten sie wie von Öcalan gefordert, ihre Waffen niederlegen? Werden sie in die Türkei zurückkehren dürfen, oder müssten sie für immer im Nordirak bleiben? Es sind Fragen, auf die der Appell Öcalans keine klaren Antworten gibt und die den Kommandanten Murat Karayilan quälen dürften. Der Beginn eines Friedensprozesses setze einen bilateralen Waffenstillstand voraus, sagte er im Interview mit «Stêrk». Die PKK hat am 1. März tatsächlich einen Waffenstillstand erklärt; die Türkei noch nicht.

Vertrauen auf das Duo Erdogan-Öcalan

Hat die Türkei dann eine Chance auf Frieden? Die dramatischen Entwicklungen in Syrien und in Gaza sowie der Wahlsieg Trumps in den USA haben alte Gewissheiten des türkischen Staats und der kurdischen Nationalbewegung erschüttert. Offenbar sind beide Seiten davon überzeugt, dass die Kurdenfrage der Türkei entweder jetzt oder nie zu lösen sei.

Beide Seiten setzen dabei auf zwei Männer, denen sie seit alters her zutrauen, auch schwierige Kompromisse erzwingen zu können: den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und den PKK-Gründer Abdullah Öcalan. Erdogan und Öcalan üben einen ungebrochen grossen Einfluss auf ihre jeweiligen Gesellschaften aus.

Gemein ist beiden Politikern auch ihr leichter Hang zum Grössenwahn: Erdogan schwört sein Volk auf ein glorreiches «türkisches Jahrhundert» ein, in dem die turk-sprachige Welt vom Mittelmeer bis zur Chinesischen Mauer in einem sogenannten Turan vereint sein und neben Russland und China die neue globale Macht bilden soll. Dazu braucht er die Kurden an der Seite der Türkei oder zumindest nicht gegen sie.

Öcalan betrachtet sich nicht erst heute als Sprecher aller Kurden im Nahen Osten. Es handelt sich um insgesamt rund 40 Millionen Menschen.

Warten auf eine Generalamnestie

Ihre neue Initiative birgt für beide Politiker auch grosse Risiken: Abdullah Öcalan riskiert vor allem, das Vertrauen der Kurden zu verspielen, wenn die Türkei nicht bald mit demokratischen Reformen auf die kurdische Bevölkerung zugeht.

Was erwartet wird, ist eine Generalamnestie für kurdische Politiker.

Abertausende Mitglieder der legalen pro-kurdischen Parteien und ihre populärsten Politiker wie Selahaddin Demirtas wurden im letzten Jahrzehnt willkürlich festgenommen. Ihre Freilassung würde den gerade versprochenen Demokratisierungsprozess unterstreichen und das Misstrauen der kurdischen Bevölkerung gegenüber der Regierung Erdogan teils aus dem Weg räumen. Noch frisch und verstörend ist die Erinnerung an die letzten Wochen, als Ankara gewählte kurdische Bürgermeister aus fadenscheinigen Gründen reihenweise festnehmen und in ihrem Amt von regierungstreuen Zwangsverwaltern ersetzen liess, während gleichzeitig Friedensgespräche mit Öcalan geführt wurden. Die kurdische Gesellschaft erwartet, dass die Inhaftierten so rasch wie möglich freigelassen werden und die gewählten Bürgermeister genau so rasch in ihr Amt zurückkehren dürfen. Wird Ankara diesen Schritt wagen?

Öcalan riskiert mit seinem Aufruf auch eine Spaltung der kurdischen Nationalbewegung. Bezeichnenderweise nannte der Kommandeur der syrischen Kurden Mazlum Kobane den Aufruf Öcalans einen «historischen Wendepunkt», um sogleich klarzustellen: «Das gilt nur für die PKK, nicht für uns in Syrien».

«Wenn die Gründe für das Tragen von Waffen verschwinden, werden wir sie ablegen», kommentierte trocken auch Salih Muslim. Muslim ist einflussreicher Politiker im kurdisch verwalteten Gebiet Nordsyriens, das auch als Rojava bekannt ist. Und Rojava galt bisher als die ideologische Hochburg der PKK.

Rivalität zwischen Israel und der Türkei

Und Erdogan? Auch für die Türkei steht vieles auf dem Spiel. Setzt Ankara wie bis anhin auf eine Politik der Demütigung, riskiert Erdogan, das Herz der Kurden an seinen neuen, geopolitischen Rivalen im Nahen Osten zu verlieren: an Israel.

Der unerwartet schnelle Sturz von Baschar al Assad hat Israel und die Türkei zu den bestimmenden Akteuren in Syrien gemacht. Die israelische Armee hält völkerrechtswidrig syrisches Territorium um die Golanhöhen besetzt, während sich die türkischen Streitkräfte ebenso völkerrechtswidrig im Norden des Landes verschanzt halten.

Beide Akteure sind bestrebt, die Politik der neuen syrischen Regierung in ihrem Sinne umzugestalten: Obwohl Syrien schon immer ein multikulturelles Gebilde mit grossen Minderheiten von Christen, Alawiten, Kurden und Drusen war, lehnt die Türkei jede Idee einer Föderation im neuen Syrien strikt ab. Ankara will durchsetzen, dass alle bewaffneten Truppen ihre Waffen niederlegen und sich, wie zu Zeiten der al-Assad-Herrschaft, dem Kommando einer einheitlichen syrischen Armee unterstellen.

Rojava fast wie eine Insel der Demokratie

Der syrische Bürgerkrieg und der Krieg gegen den Islamischen Staat (IS) haben jedoch neue Realitäten geschaffen: Im Kampf gegen den IS mit Hilfe der USA und europäischer Staaten entstand nach 2012 im Nordosten des Landes die autonome Region Rojava. Heute umfasst Rojava ein Drittel des syrischen Staatsgebiets und kontrolliert wichtige Öl-, Gas- und Wasserquellen.

Im Vergleich zu den Nachbarländern, in denen der Einfluss des politischen Islams gross ist, wirkt Rojava schon fast wie eine Insel der Demokratie: Die Religion spielt eine untergeordnete Rolle, und Nicht-Kurden sowie religiöse Minderheiten wie Christen und Yeziden geniessen hier mehr Rechte und Sicherheit als bisher in jedem anderen Teil Syriens.

Rojava fällt vor allem durch seine ausgesprochen frauenfreundliche Politik aus dem Rahmen. Die Gleichberechtigung der Geschlechter und eine Frauenquote von 50 Prozent sind in allen politischen und militärischen Gremien vorgeschrieben. Junge Frauen in Kampfmontur mit Kalaschnikows prägen das Strassenbild. Ihr Slogan «Jin, Jiyan Azadi» (Frau, Leben, Freiheit) wurde nach der Ermordung der iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini im Herbst 2022 zur zentralen Parole der iranischen und internationalen Frauenbewegung. Nun sollen sie sich nach dem Diktat Ankaras dem Kommando der neuen Regierung unterwerfen, die aus der dschihadistischen Bewegung hervorgegangen ist? Rojava zieht das israelische Regierungsmodell vor: dieses verspricht eine Föderation in Syrien, in der sich die Minderheiten selber verwalten.

Türkisch-israelische Rivalität spitzt sich zu

Die Umwälzungen in Syrien und in Gaza haben im Länderviereck Türkei-Syrien, Irak und Iran, in dem sich traditionell das kurdische Siedlungsgebiet befindet, eine Dynamik entfesselt, deren Folgen noch ungeahnt sind. Plötzlich scheint möglich, was jahrzehntelang als völlig undenkbar galt: Die kurdischen Führer diesseits und jenseits der Grenzen zeigen sich beispielsweise zum ersten Mal in ihrer Geschichte bereit, ihre legendäre Zerstrittenheit zu überwinden und im Nahen Osten als gemeinsame Front auftreten zu wollen. Die Forderung Rojavas nach Selbstverwaltung in Syrien wird nun auch von der kurdischen Führung des Nordiraks unterstützt. Hat Ankara das Herz der Kurden bereits teils verspielt?

Weder die Drusen noch die Kurden oder die Alawiten haben bisher ihre Waffen niedergelegt. Die Rivalität zwischen der Türkei und Israel spitzt sich auch in der Kurdenfrage zu. Der Friedensprozess, der gerade in der Türkei begonnen hat, könne «bestenfalls der Anfang eines Anfangs sein», folgert der bekannte Journalist Yavuz Baydar. Mehr nicht.

Titelbild: PKK-Mitglieder im Jahr 2015 beim Pflanzen eines Baums zu Ehren von Abdullah Öcalan. Nun will ihr Führer, dass sie ihre Waffen abgeben cc-by Kurdish PKK Guerilla / flickr.com

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