Trump hat Havanna im Visier

US-Präsident erklärt Kuba zur nationalen Gefahr und droht dessen Öllieferanten mit hohen Strafzöllen

Von PETER STEININGER

Die USA verschärfen ihren Kurs gegenüber dem kommunistisch regierten Kuba deutlich. Nach dem Angriff vom 3. Januar auf Venezuela und der Entführung von Staatschef Nicolás Maduro und dessen Ehefrau werden die Drohungen gegen Havanna immer massiver. In einer von US-Präsident Donald Trump am Donnerstag unterzeichneten Weisung erklärte er den »nationalen Notstand«. Politik, Praktiken und Handlungen der kubanischen Regierung stellten eine »außergewöhnliche Bedrohung« für die Sicherheit und Außenpolitik der Vereinigten Staaten dar.

Einmal mehr greift Trump zu Strafzöllen als geopolitischer Waffe. Kubas Öllieferanten droht der US-Präsident in seinem Erlass mit der Anhebung der Tarife. Ab sofort sollen Zusatzzölle auf in die Vereinigten Staaten importierte Waren erhoben werden können. Dabei geht es um Produkte aus allen Ländern, die direkt oder indirekt Rohöl oder Erdölprodukte an Kuba verkaufen.

Drohende wirtschaftliche Katastrophe

Washington hat sich den Sturz der Regierung in Havanna noch in diesem Jahr zum Ziel gesetzt. Ein Abschneiden Kubas von allen Ölimporten könnte den faktischen Kollaps der Wirtschaft und des Transportsystems dort nach sich ziehen und in einer humanitären Katastrophe enden. Seit Jahren leidet die Insel unter einer prekären Energieversorgung mit Blackouts, Stromabschaltungen und Kraftstoffmangel. Viele Kraftwerke sind technologisch veraltet und störanfällig. Der begonnene Ausbau erneuerbarer Energien benötigt Zeit. Das Land kann nur etwa ein Drittel seines Bedarfs durch eigene Ölförderung decken.

Die aktuelle schwerste Wirtschafts- und Versorgungskrise seit der sogenannten Sonderperiode nach dem Wegbrechen der Sowjetunion und der Ostblock-Länder als wichtigste Handelspartner trifft Kubas Gesellschaft hart. Errungenschaften der Revolution von 1959 bei Bildung und Gesundheit sind in Mitleidenschaft gezogen. Die sozialen Probleme und die offene Armut auf der Karibikinsel nehmen zu. Reformbemühungen haben trotz eines wachsenden privaten Sektors noch nicht die gewünschten Ergebnisse gebracht. Besonders schwer wiegt für Kuba und seine Bevölkerung der Rückgang des internationalen Tourismus nach dessen Einbruch während der Corona-Periode.

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Seit mehr als sechs Jahrzehnten wird die Entwicklung des Landes durch eine aus Handels-, Wirtschafts- und Finanzsanktionen bestehende US-Blockade massiv behindert. Die in den 1990ern und unter den Trump-Regierungen weiter verschärften Maßnahmen werden in UN-Resolutionen regelmäßig von fast der gesamten Weltgemeinschaft verurteilt.

Bahn frei für US-Konzerne

Bis zur US-Intervention dort war das verbündete Venezuela neben Mexiko Kubas wichtigster Öllieferant. Das südamerikanische Land besitzt die größten nachgewiesenen Erdölvorkommen weltweit. Venezuelas Ressourcen befinden sich nun indirekt unter der Kontrolle Washingtons, das Caracas die Politik diktieren will. Kuba erhält aufgrund dieses Drucks kein venezolanisches Öl mehr. Zuvor hatte das US-Militär in der Karibik mehrere Öltanker gekapert und umgeleitet.

Das venezolanische Parlament hat jetzt eine Öffnung des unter dem linksnationalistischen Präsidenten Hugo Chávez vor zwei Jahrzehnten verstaatlichten, aber weiter korruptionsanfälligen Ölsektors beschlossen. Die auf den US-Militärangriff folgende Privatisierung kommt dem Weißen Haus entgegen, das ein wieder starkes Engagement von US-Konzernen bei der Ausbeutung des »schwarzen Goldes« in dem südamerikanischen Land anstrebt. Zugleich lockert das US-Finanzministerium Sanktionen, die in den vergangenen Jahren die venezolanische Ölindustrie stark beeinträchtigt haben.

Trumps militärisch-wirtschaftliche Drohkulisse betrifft insbesondere auch Mexiko. Dessen Präsidentin Claudia Sheinbaum will sich Washington zwar nicht unterordnen, kann sich aber auch keine Konfrontation mit dem Weißen Haus leisten. Der staatliche Mineralölkonzern Pemex hat eine Lieferung von Rohöl an Kuba ausgesetzt. Sheinbaum hatte zuvor noch angekündigt, dass Kuba aus humanitären Gründen weiter mexikanisches Öl erhalten solle.

Kontrolle der Einflusszone

In seiner gegen Kuba gerichteten Anordnung wirft US-Präsident Trump Havanna Beziehungen zu den USA »feindlich gesinnten« Ländern und Akteuren und eine angebliche Unterstützung des Terrorismus vor. Speziell zählt Trump die Regierungen von Russland, der Volksrepublik China und des Iran sowie die Hamas und die Hisbollah auf. Kuba, behauptet Trump, sei eine militärische und nachrichtendienstliche Basis für »gefährliche Gegner der Vereinigten Staaten«. Zudem verbreite Havanna weiterhin kommunistische Ideen und unterdrücke Demokratie, Meinungsfreiheit und Menschenrechte. Die USA würden Maßnahmen zum Schutz ihrer nationalen Interessen ergreifen und das »kubanische Regime für seine böswilligen Handlungen und Beziehungen« zur Rechenschaft ziehen.

Aufgrund einer 1903 erzwungenen Pacht der Guantánamo-Bucht besitzen die USA auf Kuba einen Stützpunkt der US-Marine. Seit der Revolution fordert Havanna vergeblich die Rückgabe seines annektierten Hoheitsgebietes. Berühmtheit erlangte die Guantanamo Bay Naval Base wegen des dort seit 2001 bestehenden brutal betriebenen Gefangenenlagers für Terrorverdächtige, die von den USA außergesetzlich festgehalten werden. Auch Hunderte Unschuldige saßen in Guantánamo ein.

In einer Erklärung vom Freitag verurteilt Kubas Außenminister Bruno Rodríguez Parrilla »die neue Eskalation der USA« gegen sein Land »aufs Schärfste«. Zur Rechtfertigung der totalen Blockade von Öl-Lieferungen stütze sich Washington »auf eine lange Liste von Lügen, die Kuba als eine Bedrohung darstellen sollen, die es nicht ist«. Jeder Tag bringe Beweise dafür, so Havannas Chefdiplomat, dass »die einzige Bedrohung für den Frieden, die Sicherheit und die Stabilität« in der Region von der US-Regierung ausgehe. Die USA würden Völker und Nationen »ihrer Ressourcen, ihrer Souveränität und ihrer Unabhängigkeit« berauben wollen. In den von Trump angekündigten Zöllen sieht Rodríguez eine Ausweitung der weltweit verurteilten Blockadepolitik gegen Kuba mithilfe von Zwang und Erpressung.

Erstveröffentlicht im nd v. 30.1. 2026
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1197268.us-drohungen-trump-hat-havanna-im-visier.html?sstr=kuba

Wir danken für das Publikationsrecht.

Ukrainische Nationalisten: Großukraine und die „totale Militarisierung der ukrainischen Gesellschaft“

Von FLORIAN RÖTZER

Bild: Großukraine wie man sie sich bei Asow vorstellt. Bild: Rainshouse

Am 22. Januar wurde in der Ukraine der Tag der Einheit gefeiert. Auch an diesem Tag fanden die Jagdszenen der Rekrutierungsagenten auf Männer statt, die man im Westen lieber nicht wahrnehmen will, weil sie die Kriegsunterstützung in Frage stellen. Die ukrainische Regierung, die unter Druck der verbliebenen europäischen Geldgeber den Krieg fortsetzen will oder muss, um Russland zu schwächen oder zu binden, und daher kriegsbeendende Kompromisse hinausschiebt, braucht mehr Soldaten zum „heldenhaften“ Widerstand bzw. zum Opfern für das Vaterland und die europäischen Interessen . Aber die gibt es nicht mehr, also müssen diejenigen, die nicht aus dem Land flüchten oder sich anderweitig freikaufen oder drücken können, mit Gewalt an die Front geschleppt werden

Die Eliteeinheiten der ukrainischen Streitkräfte sind die zahlreichen Freiwilligenverbände, die es teilweise wie etwa Asow ablehnen, Zwangsrekrutierte in ihren Reihen aufzunehmen. Die stürzen sich nicht in die Kämpfe, untergraben die Kampfmoral oder desertieren. Die meist nationalistischen Freiwilligenverbände sind zwar pro forma in die regulären Streitkräfte oder in die Nationalgarde integriert worden, weswegen sie auch Gelder und Waffen erhalten, aber sie haben eine gewisse Selbständigkeit behalten und die Möglichkeit, eigenständig Soldaten zu rekrutieren und auszubilden sowie Gelder über Spenden einzutreiben.

Für die Zukunft der Ukraine nach einem Ende des Kriegs mit territorialen Kompromissen stellen die mit allen verfügbaren Waffen ausgerüsteten nationalistischen Verbände ein hohes Risiko für einen Putsch oder einen Bürgerkrieg dar. Sie wollen nicht nur einen vom Militär geprägten Staat, sondern hegen territoriale Eroberungspläne für eine Großukraine, die Teile vom heutigen Russland umfassen soll. Es wird auch nach einem Friedensabkommen weitergehen.

Am Tag der Einheit (Sobornist) wird die am 12. Januar 1919 erfolgte Ausrufung der Vereinigung der Ukrainischen Volksrepublik (Hetmanat) und der Westukrainischen Volksrepublik (Galizien, Bukowyna, Ungarische Rus) erinnert und wiederbelebt. Die Ukraine Volksrepublik bzw. der Ukrainische Staat war ein von Deutschland und Österreich-Ungarn unterstütztes Gebilde unter dem Großgrundbesitzer und General Pawlo Skoropadskyj, der ähnlich wie später Stepan Bandera in Deutschland Zuflucht fand. Die Unterstützung ukrainischer Nationalisten ist mithin kein neues Phänomen deutscher Politik. Die nur wenige Wochen existierende Groß-Ukraine oder die wiederbelebte Ukrainische Volksrepublik umfasste bzw. beanspruchte auch größere Teile Russlands und Weißrusslands.

Ich hatte schon vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass der imperialistische Traum von der Großukraine nicht nur bei nationalistischen Freiwilligenverbänden, sondern auch etwa bei Dmitri Jarosch, Kommandeur der Ukrainischen Freiwilligenarmee, und Kirill Budanov, bis vor kurzem Chef des Militärgeheimdienstes und von Selenskij befördert zum einflussreichen Chef des Präsidialbüros, also zur Spitze der Regierung, herumgeistert. Im Oktober 2022 hatte Jarosch erklärt: „Es ist an der Zeit, geopolitische Ansprüche auf die von den Russen besetzten ukrainischen Gebiete zu erheben: Ukrainischer Kuban; die ehemaligen Gebiete der Kosakentruppen von Don und Tersk; die Gebiete des Grünen Keils im Fernen Osten der Ukraine; Gebiet Woronesch; Gebiet Belgorod; südliches Gebiet Kursk; Gebiet Starodub, usw. Sobornist ist Sobornist!“ (Jarosch und der Rechte Sektor: Worüber man im Westen nicht mehr sprechen will).

Bei einem Gespräch mit Journalisten in seinem Büro hatte Budanov demonstrativ eine Karte an der Wand aufgehängt und abfotografieren lassen, auf der die Großukraine in dem von Jarosch genannten Umfang, aber auch ein in Teilen zerfallenes Restrussland zu sehen war. Auf die Frage „Wir haben in Ihrem Büro eine Karte des „zerstückelten“ Russlands gesehen. Darauf sind die Regionen Kursk, Belgorod und Kuban als Teil der Ukraine mit einem schwarzen Marker eingekreist. Ist dies die nächste Stufe nach dem Erreichen der Grenzen von 1991?“ antwortete Budanow ausweichend, aber suggestiv bejahend: „Jeder sieht, was er sehen möchte. Vielleicht ist es nur eine breite Markierung. Oder vielleicht nicht.“ (Der ukrainische Geheimdienstchef und die Eroberung russischer Gebiete).

Karte der Großukraine und des geteilten Russlands, die in Budanovs Dienstraum hing. Bild: Liga.net

Das ist beispielsweise Oleksiy Rains („Consul“), ein Asow-Freiwilliger, der jetzt auch als Soldat in der 3. Sturmbrigade der ukrainischen Streitkräfte, eine Asow-Brigade, kämpft, bezeichnet sich als „Ideologe des ukrainischen Nationalismus“ und hat zur Verbreitung der Ideologie den Verlag Rainshouse gegründet. Dort wird „Literatur zur Geschichte und Praxis des ukrainischen Nationalismus“ angeboten, aber auch Bekleidung und andere Dinge „mit einer stark rechtsextremen Ästhetik“, wie es auf der Website des Verlags heißt. Als Logo dient ein Umriss der Großukraine, eben ist das Buch „Ukrainischer Imperialismus“ erschienen: „Es legt die historische, geopolitische und ideologische Rechtfertigung für die Notwendigkeit des ukrainischen Imperialismus als einzige Existenzform der Ukraine in der modernen Welt dar. Im Kern ist es ein Manifest des Irredentismus“, heißt es zur Werbung. Und Rains hat zahlreiche Karten der Großukraine gesammelt und die von ihm präferierte präsentiert. Bandera ist natürlich ein Idol.

Zum Tag der Einheit schreibt der „0ffizielle Kanal des 1. Korps der Staatlichen Asow-Universität“: „Der Kampf für eine vereinte und souveräne Ukraine begann und endete nicht 1919. Er wurde stets fortgesetzt: in den dunkelsten Zeiten, trotz des Klirrens der Ketten und der Gewalt der Repression; in scheinbar friedlichen Zeiten, als den Ukrainern begrenzte Freiheiten gewährt wurden, die ihnen bei Ungehorsam jederzeit wieder entzogen werden konnten. Er endete nicht 1991 mit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit der Ukraine. Der Kampf für die Einheit der Ukraine dauert bis heute an.“ Zusammen mit Rainhouse wird für die Großukraine geworben.

Das Buch „Ukrainischer Imperialismus“ mit der Großukraine.

Das nach dem 1941 mit ukrainischen Freiwilligen gegründete und an Pogromen beteiligte Nazi-Bataillon benannte Nachtigal-Bataillon, das dem Kommando von Yevhen Karas, dem Führer der NeonazigruppeC14, unterstand, wurde kurz nach dem Tag der Einheit in das Asow-Korps aufgenommen (Selenskij verleiht bekanntem Neonazi Yevhen Karas hohen militärischen Orden). Das Emblem von Asow ist die Wolfsangel, das Zeichen der Waffen-SS, was aber damit angeblich gar nichts zu tun haben soll. Gleichwohl bekennt sich das Bataillon zum Nazi-Bataillon und dessen Führer: „Wir tragen ehrenvoll den Namen der Einheit, die Roman Schuchewytsch anführte. Wir halten die Stellung, verherrlichen seinen Namen und besiegen denselben Feind, gegen den er uns zum Kampf befahl.“ Geografisch gibt man sich bescheidener: An diesem Tag im Januar 1919 „erklärten wir unser Recht, Herren unseres eigenen Landes zu sein – von den Karpaten bis zu den Müllhalden des Donbass, von den Wäldern Polissyas bis zur Küste der Krim. Wir sind die Nachkommen jener, die von einem vereinten Staat träumten, dafür kämpften und ihn aufbauten, und wir sind es, die ihn nun schützen müssen.“

Obgleich Selenskij auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Ukraine in die EU drängt, sind die ukrainischen Nationalisten, die der Präsident ehrt, über die er aber nicht spricht, nicht von der verweichlichten, kriegsunwilligen und liberalen EU angetan. Das hat Jarosch zum Tag der Einheit wieder einmal in seinen „geopolitischen Gedanken“ betont: „Die Europäische Union in ihrer heutigen Form ist für uns Ukrainer völlig unnötig. Unser Staat Ukraine könnte im Falle eines Waffenstillstands zum Zentrum einer neuen militärisch-politischen Allianz werden.“

Nach dem Krieg sieht Jarosch die Stunde der Freiwilligenverbände, aus denen Militärunternehmen entstehen, die sie bereits mehr oder weniger sein: „Die Streitkräfte der Ukraine sind die Grundlage eines neuen europäischen Militärbündnisses. Zukünftige ukrainische private Militärunternehmen unter der Kontrolle der ukrainischen Geheimdienste sind ein wichtiger Faktor für die geopolitische Entwicklung des Staates.“ Die „totale Militarisierung der ukrainischen Gesellschaft“ ist das angestrebte Ziel. Dafür muss Russland der Feind bleiben, der vernichtet werden müsse: „Solange Ерефія (Erefia oder die Russische Föderation) existiert, werden wir gezwungen sein, zu kämpfen oder uns auf den Krieg vorzubereiten. … Erefia muss vernichtet werden.“

Das sind Fantasien von Rechten, die vor allem seit 2014 ausgebrütet werden und sich durch den offenen Krieg in den Kreisen um die zahlreichen Freiwilligenverbände verstärkt haben. Die westlichen Unterstützerstaaten fördern diese mit rechten Parteien und Bewegungen in Europa vernetzten Strukturen, weil sie entscheidend für die Aufrechterhaltung des erwünschten Kampfeswillens sind. Aber es ist schon lange absehbar, dass die von Rechtsnationalisten und Neonazis angestrebte Militarisierung der Gesellschaft zu Konflikten führen wird, zumal wenn die Ukraine in die EU aufgenommen werden sollte (Bürgerkrieg oder Destabilisierung der Gesellschaft bei Rückkehr der Veteranen von der Front).

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher. In diesen Tagen erschien sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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Erstveröffentlicht am 26.1. 2026 im Overton Magazin
https://overton-magazin.de/top-story/ukrainische-nationalisten-grossukraine-und-die-totale-militarisierung-der-ukrainischen-gesellschaft/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Imperialismus, Klassenrealität und die Rojava-Erfahrung im Nahen Osten – eine antiimperialistische Analyse

Eine antiimperialistische Analyse** aus marxistischer Sicht. Von Zeki Gökhan, Mitglied der Partei die Linke, anlässlich des Kampfes zur Verteidigung von Rojava. und der Rechte der Kurd:innen in Nordsyrien. Seine Analyse ist unerbittlich, seine Kritik kurz und deutlich. Ebenso aber ist seine Solidarität grenzenlos, ob mit den Kurd:innen, den Palästinser:innen, den Iraner:innen. Dabei ist immer klar, wessen Partei ergriffen werden muss. Denn wer den Schah gegen die Mullahs austauscht treibt die Menschen vom Regen in die Traufe. Und wer die Selbstbestimmtheit der Völker gegen die soziale und demokratische Selbstbestimmtheit der Menschen und umgekehrt gegeneinander ausspielt, kann strategisch im antiimperialistischen Kampf nicht erfolgreich sein. (Peter Vlatten)

Imperialismus, Klassenrealität und die Rojava-Erfahrung im Nahen Osten – eine antiimperialistische Analyse

Zeki Gökhan, die Linke, 27. Januer 2026

Imperialismus: Kein moralischer Fehltritt, sondern ein strukturelles System..

Imperialismus ist nicht das Ergebnis böser Absichten einzelner Staatsmänner oder falscher diplomatischer Entscheidungen. Er ist ein notwendiges Produkt der monopolistischen und finanzkapitalistischen Phase des Kapitalismus. In Lenins Worten ist der Imperialismus auf Kapitalexport gegründet, auf die gewaltsame Kontrolle von Märkten und Energiequellen ausgerichtet, und verbindet militärische, politische und ideologische Instrumente zu einem globalen Herrschaftssystem.

Solidarität mit Rojava ist Solidarität mit Demokratie, Feminismus und Menschenrechten.

Die Unmoral des Imperialismus ist daher keine Entgleisung, sondern seine Funktionsweise. Völker zu kaufen, zu bewaffnen und anschließend fallenzulassen; eine Kraft gegen die andere auszuspielen; jene, die gestern noch als „Terroristen“ galten, heute zu „Verbündeten“ zu erklären – all das ist kein Widerspruch, sondern imperialistische Normalität. Der Nahe Osten ist das sichtbarste Versuchsfeld dieser Praxis.

Greta Thunberg: "Wir verurteilen die Gewalt gegen die Menschen in Rojava und das Schweigen der internationalen Gemeinschaft. Wir fordern ein sofortiges Ende der Angriffe und den Schutz der Bevölkerung." 
Der Nahe Osten: Das Labor des Imperialismus..

Der Nahe Osten ist nicht wegen seiner ethnischen, religiösen oder kulturellen Vielfalt Ziel imperialistischer Politik, sondern wegen seiner Energiequellen, Transitwege und geopolitischen Lage. Die grundlegende Methode des Imperialismus in dieser Region ist:

  • die Völker nicht auf einer gemeinsamen Klassenbasis zu vereinen,
  • ethnische und konfessionelle Bruchlinien systematisch zu vertiefen,
  • einzelne Kräfte als Stellvertreter gegeneinander einzusetzen,
  • und am Ende alle Seiten geschwächt, abhängig und fragmentiert zurückzulassen.

,Die Entstehung des IS im Irak, die Linie von Al-Qaida über Al-Nusra bis zur HTS, sowie die Tatsache, dass al-Dscholani zunächst dämonisiert und später zum Führer eines imperialistischen Satellitenstaates aufgebaut wurde, sind keine Zufälle, sondern Ausdruck dieser Laborpolitik. Es geht hier nicht um Personen, sondern um Methode.

Die kurdische Bewegung und Rojava: Objektiver Gewinn, strategische Sackgasse

Die in Rojava entstandene Struktur ist das Ergebnis realer Opfer, jahrelanger Anstrengungen und des kollektiven Engagements der Bevölkerung. Diese historische Tatsache ist unbestreitbar. Aus antiimperialistischer Klassenperspektive zeigen sich jedoch grundlegende Probleme: die Existenz von 22 US-Militärbasen in Rojava, das Ausbleiben eines strategischen Bruchs mit dem Imperialismus, das Fehlen einer klaren gemeinsamen Klassenperspektive für andere Bevölkerungsgruppen der Region (Aleviten, Drusen, Christen, arabische Werktätige), sowie die Illusion, imperialistische „Schutzversprechen“ seien eine verlässliche Garantie.

Der Imperialismus schützt keine Strukturen aus Prinzip, sondern nur solange sie nützlich sind. Jede Kraft, die ihre Funktion verliert oder in einem anderen Szenario ersetzbar wird, wird ohne Zögern geopfert. Genau das erleben wir heute.

Die Illusion von „Freundschaft“ und die Logik der Miettruppen..

Im imperialistischen System gibt es keine Freundschaft, keine Loyalität, keine Prinzipien. Es gibt nur Interessenlagen.

Dass eine Kraft heute als „entbehrlich“ gilt und morgen für einen anderen Krieg angemietet werden soll, ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck dieser Logik. Auch die Erpressung, der die kurdische Bewegung in Hewlêr ausgesetzt wurde, folgt genau diesem Muster. Entscheidend ist: Ohne einen theoretischen und praktischen Bruch mit dem Imperialismus lässt sich dieses System nicht durch bloße moralische Erklärungen überwinden.

Ein Ehrenstandpunkt ist wichtig – doch ohne strategischen Antiimperialismus bleibt er politisch ungesichert.

Kurzfristiger Erfolg – langfristiger Zerfall

Die historische Erfahrung ist eindeutig: Keine Bewegung, die den Imperialismus nicht theoretisch begreift und ihm klassenmäßig entgegentritt, kann eine stabile, langfristige und institutionalisierte Macht aufbauen. Dies ist kein moralisches Urteil, sondern ein historisches Gesetz. Temporäre Bündnisse mit dem Imperialismus können militärische Erfolge bringen, doch diese verwandeln sich nicht in politische Souveränität, da jede Macht, die imperialistischen Interessen widerspricht, früher oder später liquidiert wird.

Der rasche Verlust ölreicher Gebiete, Integrationszwänge und das erzwungene Schweigen sind direkte Folgen dieser Struktur.

Die Völker der Region und die Gefahr des Schweigens..

Die größte Schwäche einer unvollständigen antiimperialistischen Linie ist das Fehlen einer gemeinsamen Zukunftsperspektive für alle Völker und Glaubensgemeinschaften der Region. Aleviten, Drusen, Christen, arabische Arbeiterinnen und Arbeiter… Keine Struktur kann regionale Legitimität erlangen, wenn sie nicht deren Sicherheit, politische Subjektivität und Klasseninteressen sichtbar mitträgt. Imperialismus nutzt genau diese Leerstellen.

Schlussfolgerung: Die internationalistische antiimperialistische Aufgabe..

Die heute Rojava und insbesondere dem kurdischen Volk, aber auch allen unterdrückten Völkern des Nahen Ostens aufgezwungenen Politiken von Vernichtung, Massakern und politischer Auslöschung sind kein lokales Phänomen, sondern Bestandteil einer gesamtimperialistischen Angriffsstrategie. Angesichts dessen ist Schweigen keine Neutralität, sondern bedeutet faktisch Zustimmung und Mittäterschaft.

Antiimperialismus darf daher nicht bei theoretischen Analysen stehen bleiben. Wer die minimalen praktischen Konsequenzen seiner eigenen Positionen nicht zieht, produziert eine neue Form von politischer Inkohärenz. Den Imperialismus rhetorisch zu verurteilen und angesichts seiner Verbrechen zu schweigen, heißt, ihn praktisch zu reproduzieren.

Die kleinbürgerlich-reformistischen Eigenschaften der jeweiligen Führungen entheben niemanden dieser historischen und humanitären Verantwortung. Im Gegenteil: Sie machen den Aufbau einer von unten organisierten, internationalistischen Klassen- und Solidaritätsbewegung umso notwendiger.

Die Aufgabe der Gegenwart ist klar: den imperialistischen Angriffen eine aktive antiimperialistische Solidarität entgegenzusetzen, die Völker der Region nicht über ethnische oder religiöse Trennlinien, sondern über gemeinsame Klasseninteressen zu verbinden, und dem Schweigen die organisierte Gegenwehr entgegenzustellen.
Denn Geschichte erinnert sich nicht an jene, die nur richtige Analysen formulierten, sondern an jene, die zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, die richtige Haltung einnahmen.

Protestwoche in Berlin

siehe auch unseren Bericht zu den Protesten gegen die Angriffe auf Rojava

Wir danken Zeki für das Publikatiosnrecht. Zeki Gökhan ist Mitglied der Partei die Linke und ehemaliges Mitglied des Deutschen Bundestages.

Titelbild: Zeki Gökhan

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