IPPNW startet Kampagne gegen die Militarisierung des Gesundheitswesens

IPPNW-Pressemitteilung vom 11.09.2025

IPPNW startet Kampagne gegen die Militarisierung des Gesundheitswesens

und hat eine Erklärung für ein ziviles Gesundheitswesen veröffentlicht.

 Die Gesundheitsorganisation IPPNW startet eine Kampagne gegen die Militarisierung des Gesundheitswesens. Wichtiger Bestandteil ist eine Erklärung für ein ziviles Gesundheitswesen, zu der sich Beschäftigte aus Gesundheitsberufen öffentlich bekennen können:

„Die Prävention von Kriegen, ob konventionell oder nuklear, ist die beste Medizin. Ich halte alle Maßnahmen und Vorkehrungen für gefährlich, die auf das Verhalten im Kriegsfall vorbereiten sollen. Nur kriegspräventive Maßnahmen kann ich vertreten.

Ich lehne deshalb als Beschäftigte/Beschäftigter im Gesundheitswesen jede Schulung oder Fortbildung in Kriegsmedizin ab und werde mich daran nicht aktiv beteiligen. Ich lehne weiterhin jede Maßnahme ab, die einer Kriegsmedizin den Vorrang vor der zivilen medizinischen Versorgung gibt. Das ändert nichts an meiner Verpflichtung und Bereitschaft, in allen Notfällen medizinischer Art meine Hilfe zur Verfügung zu stellen und auch weiterhin meine Kenntnisse in der Notfallmedizin zu verbessern,“

heißt es in dem Text

Im Geiste der sogenannten „Zeitenwende“ soll das Gesundheitswesen auf kriegerische Auseinandersetzungen vorbereitet werden. Deutschland könnte laut Militärszenarien Aufmarsch- und Durchzugsgebiet von NATO-Soldatinnen werden. Die Bundeswehr rechnet mit bis zu 1.000 verletzten Soldatinnen täglich, über Jahre hinweg. Zudem wird in solchen Szenarien eine massive Flüchtlingswelle von verletzten Zivilist*innen erwartet. Dem stehen bundesweit fünf Bundeswehrkrankenhäuser mit insgesamt 1.800 Betten gegenüber – eine Kapazität, die in zwei Tagen erschöpft wäre. Das zivile Gesundheitssystem müsste einen erheblichen Teil seiner räumlichen und personellen Ressourcen dem Militär zur Verfügung stellen.

Im Kriegsfall würden automatisch Notstandsgesetze in Kraft treten, die weitreichende Grundrechtseinschränkungen wie Dienstverpflichtungen möglich machen. Gesundheitsfachkräften droht ein Rollenkonflikt, wenn sie in militärische Strukturen eingebunden werden. Triage im Krieg orientiert sich an der Aufrechterhaltung der „Kriegsfähigkeit“: Die Behandlung von Soldat*ìnnen hätte Priorität vor zivilen Patient*innen. Insbesondere leicht verletzte Soldat*innen würden bevorzugt versorgt, um sie schnell wieder einsatzfähig zu machen. Diese sogenannte „Reverse Triage“ würde eine grundlegende Umkehr der ethischen Prinzipien der Medizin bedeuten. Eine weitere Gefahr besteht aus Sicht der IPPNW darin, dass die Illusion erzeugt wird, in einem Atomkrieg sei medizinische Hilfe möglich. Auch wenn Katastrophenübungen dies glauben machen sollen: Es gibt keine sinnvolle medizinische Vorbereitung auf einen Atomkrieg.

Die IPPNW setzt sich daher entschieden gegen eine Militarisierung des Gesundheitswesens ein. Die Aufgabe von Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften und allen Beschäftigten des Gesundheitswesens bleibt die Versorgung der Patientinnen und Patienten – nicht die Unterstützung militärischer Planungen. Die Erklärung für ein ziviles Gesundheitswesen ist angelehnt an die Frankfurter Erklärung von 1982 – eine persönliche Willenserklärung, alle kriegsmedizinische Vorbereitungs-Maßnahmen abzulehnen und sich daran nicht zu beteiligen.  Sie wurde von IPPNW-Gründungsmitglied Horst-Eberhard Richter verfasst.

Kontakt:
Marek Voigt, IPPNW-Pressereferent, Tel. 030 698074-15, E-Mail: voigt@ippnw.de

Titelbild: Ralph Urban / IPPNW, Antikriegstag 2025 in Hamburg

Uranium Film Festival 2025 in Berlin

Das Uranium Film Festival 2025 in Berlin findet vom 7. bis 10. Oktober im Zeiss-Großplanetarium – Lichtblick, der Filmkunst 66 – Moviemento – ACUDkino und in der Kino & Bar in der Königsstadt statt !

Das Festival startet mit dem Dokumentarfilm Silent Fallout, der tief in die unerzählten Geschichten der Opfer von Atomtests in Amerika eintaucht.

hier der Link zum absolut empfehlenswerten Filmprogramm, das mit dem Thema „rund um die nuklearen Bedrohungen“ nicht zuletzt auch einen Kontrapunkt zum regierungsamtlichen Militarisierungs- und Kriegsertüchtigungskurs setzt.

Das International Uranium Film Festival (IUFF) – seit 2016 auch bekannt als Atomic Age Cinema Fest – widmet sich allen nuklearen Themen und der gesamten nuklearen Brennstoffkette: vom Uranabbau bis zum Atommüll, vom Atomkrieg bis zu Atomunfällen. Dieses weltweit einzigartige Filmfestival wurde 2010 in Rio de Janeiro gegründet und fand erstmals im Mai 2011 in zwei historischen Kulturzentren im Künstlerviertel Santa Teresa statt. Es war ein erfolgreicher Start, der vor allem Schulen und Hunderte von Studenten, Schüler und Lehrer anzog.

Hier der Link zur ganzen Geschichte dieses Filmfestivals !

Titelbild: aus der Programmvorschau der Veranstalter!

Die ganze Richtung stimmt nicht


Von Bernd Hontschik

Bild: Gemeingut in BürgerInnenhand

Eine neue Bundesregierung ist angetreten. Eine neue Gesundheitsministerin hat ihre Arbeit begonnen. Niemand kann sicher sagen, welche Politik sie machen wird. Man darf gespannt sein. Eigentlich wäre es höchste Zeit für einen ganz großen Wurf. Ein großer Wurf ist aber nur möglich, wenn es einen breiten Konsens über Weg und Ziel gibt, sodass alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Schauen wir zum Beispiel einmal bei der kleinen unbekannten Berliner Initiative „Gemeingut in BürgerInnenhand“ in ihr Programm für die Krankenhäuser: „Die notwendigen Reformen umfassen die Einführung der Selbstkostendeckung, eine demokratische Bedarfsplanung, ein Verbot der Gewinne sowie eine flächendeckende wohnortnahe Notfallversorgung.” Das ist so ungefähr genau das Gegenteil der herrschenden Politik. Selbstkostendeckung ist das Gegenteil von ganzer oder teilweiser Fallpauschalenfinanzierung, demokratische Bedarfsplanung wäre ein dringender Auftrag an die Landesparlamente, und ein Verbot von Gewinnen bedeutet eine Zurücknahme der Krankenhäuser aus dem privaten und gewinnorientierten Kapitalsegment und der Börse in Gemeineigentum. Die flächendeckende wohnortnahe Notfallversorgung wird zur Zeit an vielen Orten zerstört.

Man muss die Standpunkte dieser Berliner Initiative nicht teilen, aber sie wären doch eine gute Diskussionsgrundlage. Es wird aber nichts diskutiert, außer in den immer gleichen geschlossenen Zirkeln. Stattdessen rollt eine katastrophale Entwicklung wie ein Naturereignis über uns her. Immer weiterwachsende Klinikkonzerne locken inzwischen sogar internationales Kapital mit Renditen von bis zu zehn Prozent, was kein anderer Wirtschaftszweig zu bieten hat. Man könnte derartige Dividenden allerdings auch als Diebstahl am Gemeineigentum bezeichnen.

Wie konnte es so weit kommen?

Aus dem DRG-System von 2003 erwuchsen ganz neue Begriffe, die bis dato keiner kannte. Einer davon ist der Case Mix Index, der Durchschnittswert aller DRGs, die ein Krankenhaus gegenüber den Kassen zur Abrechnung bringt. Je höher der Case Mix Index, desto höher die Vergütung. Erreicht eine Abteilung den vorgegebenen Case Mix Index nicht, droht Schließung. Erreicht ein ganzes Krankenhaus die Gewinnzone nicht, droht Schließung oder Verkauf. Das führt zu einem enormen Druck auf die ärztlichen und pflegerischen Berufe. Sie werden zu gewinnorientiertem Denken in Gewinn- und Verlustkategorien gezwungen und verlieren dabei notgedrungen den eigentlichen ärztlichen und pflegerischen Auftrag aus dem Auge. Denn nur dasjenige Krankenhaus, das mit möglichst geringen Kosten möglichst viele Kranke in möglichst kurzer Zeit behandeln kann, macht Gewinne. Wer sich auf zeitraubende, empathische Medizin einlässt, macht Verluste.

Das Fatale an diesem Bezahlsystem war und ist die Verknüpfung der Medizin, der Diagnose mit der Vergütung. Indem Diagnosen die Einnahmen eines Krankenhauses generieren, werden sie zum zentralen Zielobjekt der Ökonomen und den Ärztinnen und Ärzten aus der Hand geschlagen. Tausende von Kodierfachkräften und Medizincontrollern der Krankenhäuser kämpfen seitdem mit Tausenden von Kodierfachkräften und Medizincontrollern der Krankenkassen um jeden Euro. Hier liegt der Grund für die zunehmende Zahl von Krankenhausschließungen im ganzen Land: Zuerst die Kinderkliniken, dann die Kreißsäle, am Ende das ganze Haus.

Wir müssen uns endlich wieder darauf besinnen, worum es in der Medizin eigentlich geht. Wir müssen uns daran erinnern, dass wir eine Aufgabe haben. Diese Aufgabe droht unterzugehen, in Management-Programmen, in Codierungen, in Konzerninteressen, in manipulierten Studien, im Kampf ums Geld. Wenn wir unsere Patient:innen zu Diagnosecodes, zu Sachen, zu Werkstücken machen müssen, ist es aus mit der Medizin.

Unsere Aufgabe ist die Begleitung unserer Patient:innen in der einsamen Welt der Krankheit, oder im günstigen Fall aus der einsamen Welt der Krankheit – so weit es eben geht – wieder zurück in die Welt der Gesundheit. Und deswegen lautet die immer wieder gleiche Botschaft: Es geht um die Rettung des solidarischen Gesundheitswesens und der Humanmedizin vor dem Würgegriff des Kapitalismus.

Chirurg@hontschik.de www.medizinHuman.de

Erstveröffentlichung in der ÄrzteZeitung, 03.07.2025; „Aufgerollt“, No. 34

Wir danken für das Publikationsrecht.

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