#Hambi – #Lützi – #Sündi: Drei kleine Orte, drei große Symbole einer Jahrzehnte währenden Bewegung!!

Zeki Gökhan erzählt in bewegenden Worten die Geschichte, mit welcher strukturellen Gewalt den Konzerninteressen des größten Energiekonzerns in Deutschland Geltung verschafft wurde.

Was bleibt sind die bitteren Lehren, aber auch die solidarischen Erfahrungen aus diesem langjährigen Kampf, was bleibt sind diese Lehren und Erfahrungen zu verbreiten, um beherzter zusammenhalten und illusionsloser weiterkämpfen zu können. Aufgeben ist keine Option. Erzählt diese Geschichte. Überall. (Peter Vlatten)

Drei kleine Orte, drei große Symbole einer Jahrzehnte währenden Bewegung!!

Am Abend des 18. November, als auch die letzten Bäume des Sündenwäldchens fielen, war dies für viele Außenstehende nur eine kurze Meldung, ein nüchterner Satz in der Presse über einen „Räumungseinsatz“.
Doch für uns war es viel mehr: Es war das Echo eines jahrzehntelangen Kampfes, das Ende einer Wegmarke – und zugleich der Beginn einer neuen Phase. Denn die Zerstörung des Sündenwäldchens kann nur verstanden werden, wenn man sie gemeinsam mit den beiden anderen großen Orten unserer Bewegung liest: dem Hambacher Wald und Lützerath.

Diese drei Orte —Hambi, Lützi und Sündi—sind keine bloßen geografischen Punkte.
Sie sind drei Säulen der kollektiven Erinnerung, drei Linien der Beharrlichkeit, drei Brennpunkte einer Bewegung, die über ihre Grenzen hinausgewachsen ist.

HAMBACHER WALD – Mehr als ein Wald: Das erwachte Bewusstsein einer Generation!!

Mehr als elf Jahre lang sind wir im Hambacher Wald durch Regen, Kälte, Hitze, Schlamm und Dunkelheit gegangen. Jedes Baumhaus stand für Entschlossenheit; jede Wurzel war ein Symbol für das Recht auf Leben, das Recht der Natur, einfach zu sein.

Hambi hörte auf, „nur ein Wald“ zu sein. Er wurde zu einem Bewusstsein, zu einem Wert, zu einer Haltung: Wir besitzen diese Erde nicht—wir sind ihre Gäste.

Für diesen Kampf haben wir materielle und ideelle Kosten getragen: Festnahmen, Anzeigen, Verletzungen, schlaflose Nächte, endlose Versammlungen und Kampagnen. Doch all diese Opfer prägten Hambi in der Geschichte der Klimagerechtigkeit.

Und wenn heute „nur“ 10 Prozent des Hambacher Waldes gerettet wurden, dann steckt in jedem Baum dieser 10 Prozent unser Schweiß, unser Mut und unser gemeinsamer Wille.

LÜTZERATH – Mehr als ein Dorf: Die unbesiegbare Moral des Widerstands!!

Als der Kampf nach 2020 von Hambi nach Lützerath wanderte, war dies keine Verlagerung, sondern die natürliche Fortsetzung derselben Linie. Die von RWE erfundene „Energiekrise“-Argumentation sollte Lützerath opfern–doch wir standen dort, weil wir wussten: Hier geht es nicht um ein Dorf, sondern um das Prinzip der Gerechtigkeit selbst.

Lützi wurde zu einem Symbol:

  • ein Knotenpunkt internationaler Solidarität,
  • ein Platz der kollektiven Empörung,
  • ein Lehrbuch der kapitalistischen Energielogik.

Auch in Lützi zahlten wir einen Preis.
Wir standen im Regen und in der Kälte, in Polizeiketten, an Barrikaden, in Momenten voller Hoffnung und voller Schmerz.

Ja – wir konnten Lützerath nicht retten.
Doch Niederlage war es nicht. Es war ein Kapitel, das uns lehrte: Ein verlorener Ort ist keine verlorene Bewegung. Ein zerstörtes Haus ist keine zerstörte Moral.

SÜNDENWÄLDCHEN – Die dritte Front, das dritte Symbol, der dritte Preis!!

Seit über einem Jahr bündelten wir unsere gesamte Kraft im Sündenwäldchen. RWE plante zuerst unter dem Vorwand „Kohle“, dann als angebliche „Energiekrise“ und schließlich mit einer kosmetischen „See-Fantasie“, diesen Wald vollständig zu tilgen. Wir wussten, dass der Angriff kommen würde — doch wir wussten auch, dass unsere Pflicht es war, diesen Angriff politisch, moralisch und gesellschaftlich zu entlarven.

Sündi mag klein wirken, doch wer kämpft, weiß: Die Größe eines Symbols misst sich nicht an der Fläche des Waldes, sondern an der Wahrheit, die er repräsentiert.

Sündi war:

  • die Fortsetzung von Hambi,
  • das Echo von Lützi,
  • und die dritte Säule unserer gemeinsamen Geschichte.

Auch dort zahlten wir Preise — nicht nur wir Aktivist:innen, sondern unzählige Menschen: diejenigen, die Kochen brachten, diejenigen, die in kalten Nächten Tee verteilten, diejenigen, die von weit her kamen, diejenigen, die von ihrem letzten Geld Solidarität schickten, Arbeiter:innen, Studierende, Migrant:innen, Anwohner:innen, Rentner:innen, Künstler:innen…

Es war die Summe vieler kleiner Opfer, die eine große Wahrheit formten.

DAS GEDÄCHTNIS VON KÖRPERN, ARBEIT UND MORAL

Diese drei Orte haben eines gemeinsam:
Sie wurden mit realen menschlichen Kosten verteidigt. Nicht mit Phrasen, nicht mit „Online-Heldentum“, nicht mit symbolischer Empörung – sondern mit echter Präsenz, mit Händen, die Bäume hielten, mit Füßen, die Wege traten, mit Stimmen, die im Regen lauter wurden.

Deshalb sagen wir heute – ohne Groll, nur aus Klarheit: Viele sprechen jeden Tag von Klima, Natur und Gerechtigkeit; aber Ahlak[ETİK] —wie Che Guevara sagte—besteht in der Übereinstimmung von Wort und Tat.

Wir haben diese Übereinstimmung gelebt.
Und wir wissen, wer in schweren Stunden an unserer Seite stand. Wir wissen auch, wer nur aus sicherer Entfernung sprach.

HABEN WIR VERLOREN? NEIN. WIR HABEN VERWANDELT.
Sündi wurde zerstört. Ja. Aber die Symbole von Hambi, Lützi und Sündi leben weiter…

Denn Symbole leben nicht in gefällten Bäumen, sondern in den Menschen, die sich an sie klammern.

Diese drei Orte bilden eine Kette:

  • Hambi hat das Bewusstsein entzündet,
  • Lützi hat den Kampf internationalisiert,
  • Sündi hat die Entschlossenheit geschärft.

Wir haben einen Ort verloren, aber wir haben ein Jahrzehnt an Erfahrung gewonnen.

Und dieses Jahrzehnt kann niemand mehr ungeschehen machen.

SCHLUSSWORT: DER WEG GEHT WEITER
Diese drei Orte lehrten uns:

  • Kein Kampf ist vergeblich.
  • Kein Opfer ist umsonst.
  • Kein Symbol verschwindet – es wandelt sich.
  • Und keine Niederlage bleibt endgültig, solange wir daraus lernen.

Die Zerstörung des Sündenwäldchens hat uns getroffen – aber sie hat unseren Willen geschärft. Wir werden unsere Strukturen verbessern, unsere Fehler erkennen, neue Bündnisse knüpfen und den kapitalistischen Energiekomplex mit noch größerer Klarheit entlarven.

Wir – die Schüler:innen von Hambi,
die Zeug:innen von Lützi, die letzten Verteidiger:innen von Sündi – werden für RWE, für alle Energiekonzerne und ihre politischen Beschützer immer ein Albtraum bleiben.

Und für die Menschen, die an Gerechtigkeit glauben — immer ein Funke Hoffnung.

Denn wir wissen: Die Wahrheit steckt im Detail. Und die Zukunft gehört denen, die die Details sehen.

Zeki Gökhan
Ehemaliges Mitglied des Deutschen Bundestages für die Fraktion Die Linke

Titelbild: Foto Mahnwache Lützerath

Er wird Billionär

Elon Musk ist der reichste Mann der Welt – und wird bald wohl noch viel reicher. Denn er lässt nicht nur die Börse für sich arbeiten

Von Stephan Kaufmann

Marxismus auf der Höhe der Zeit. Auch für Nichtakademiker. (Jochen Gester)

Bild: pixabay

Tesla-Chef Elon Musk hat eine gigantische Prämie in Aussicht. In den nächsten Jahren winkt ihm ein Aktienpaket, dessen Wert bei Auszahlung fast eine Billion Dollar betragen könnte. Bedingung ist allerdings, dass der Elektroautohersteller unter seiner Führung festgesetzte Ziele erreicht. Gelingt das, so könnte Musk zur Belohnung bis zu 423,74 Millionen Tesla-Aktien bekommen, das entspricht bis zu zwölf Prozent der Unternehmensanteile. Angesichts der verhandelten Summe regt sich weltweit Kritik. Doch diese übersieht den eigentlichen Skandal an der Sache.

Was Elon Musk hat

Bereits heute ist Musk der reichste Mensch der Welt. Sein Vermögen beläuft sich auf rund 450 Milliarden Dollar. Wie bei reichen Menschen üblich, besteht sein Reichtum nicht aus einem großen Geldhaufen oder einem mit Gold gefüllten Speicher. Stattdessen handelt es sich um Anteile an Unternehmen, vor allem am Elektroautobauer Tesla, aber auch an SpaceX und xAI. Dieses Vermögen ist eine schwankungsanfällige Größe, was man auch daran erkennt, dass es vor zwei Monaten noch 70 Milliarden geringer war. Musks Vermögen steigt und fällt mit der Bewertung der Unternehmen beziehungsweise deren Aktien an der Börse. Das hat seinem Reichtum den Ruf eingebracht, bloß heiße Luft zu sein. Die ganze Wahrheit ist das nicht.

Der Aktienkurs Teslas, so heißt es, bildet »die Zukunft« ab, also die Erwartungen an das Unternehmen. Diese Erwartungen bilden sich am Markt, im spekulativen Hin und Her der Aktienhändler. Mal fällt die Aktie, mal steigt sie. Dennoch hat der Aktienkurs eine Grundlage, ein »Fundament«, mit dessen Hilfe an der Börse beurteilt wird, ob der Kurs tendenziell »übertrieben hoch« ist oder zu niedrig oder gerade richtig.

Wichtigste Kennzahl und Anker dieser »Fundamentalanalyse« ist das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV). Es setzt den Aktienkurs ins Verhältnis zum (erwarteten) Unternehmensgewinn pro Aktie. Ist beispielsweise der Gewinn der Gesellschaft 100 Euro und der Aktienkurs steht bei 1000, so beträgt das KGV 10. Anders gesagt: Die Aktiengesellschaft ist zum Zehnfachen des Jahresgewinns bewertet. Oder wieder anders: Wer alle Aktien des Unternehmens kauft, müsste – bei gleichbleibendem Gewinn – zehn Jahre warten, bis er die Kaufsumme wieder eingebracht hat.

Musk verkauft die kapitalistische Umsetzung von KI und Robotik als »tatsächlich das, was in einer kommunistischen Utopie mündet«. –

Vor diesem Hintergrund ist einsichtig, warum die Tesla-Aktie mit einem KGV von über 220 als extrem hoch bewertet gilt – eben zum 220fachen des Jahresgewinns. Dies bedeutet, dass Tesla derzeit 220 Jahre Profit wert ist. Dass dieser schwindelerregende Wert nicht zum Kursabsturz führt, liegt allein daran, dass für die Zukunft gigantische Gewinnsteigerungen erwartet werden. Vielfach wird bezweifelt, ob diese im Aktienkurs vorweggenommenen Gewinnsteigerungen möglich sind – der Tesla-Aktienkurs gilt daher als irrational hoch. Doch zeigt diese Irrationalität nur die Rationalität des Systems, dessen Zweck der Unternehmensgewinn ist, also der Profit. An ihm, beziehungsweise am KGV, wird alles gemessen.

Grundlage der Spekulationen auf den Aktienmärkten ist also die gelungene Ausbeutung der Tesla-Arbeitskräfte beziehungsweise die Spekulation darauf. Die Tesla-Aktie, der Wert von Tesla und damit Musks Vermögen spiegeln damit nicht bloß Erwartungen der Märkte wider. In den Milliarden ist ein Anspruch formuliert, ein Anspruch an stark steigende Gewinne, die die Beschäftigten produzieren müssen. Dieser Anspruch muss eingelöst werden, andernfalls drohen Absturz und Kapitalentwertung.

Dass sich der Wert von Unternehmen aus den erwarteten Profiten der Zukunft errechnet, ist keine Spezialität verrückter Finanzmärkte, sondern im Kapitalismus üblich. Denn in ihm ist die Verwertung des Werts der ganze Zweck des Wirtschaftens und Arbeitens. Deswegen bemisst sich der Preis eines Unternehmens oder einer Fabrik danach, ob und inwiefern sie Mittel der Wertvermehrung sind. Das ist die logische Folge eines Systems, in dem alles Mittel des Profits ist und nur als solches zählt.

Was Elon Musk erreichen muss

Ob Musk sein riesiges Aktienpaket auch erhält, ist an eine Reihe von Bedingungen geknüpft: Zwölf »Meilensteine« muss Tesla unter seiner Führung in zehn Jahren dafür erreichen. Diese »Meilensteine« bestehen erstens in simplen Produktionszielen: So muss Tesla 20 Millionen Autos ausliefern, eine Million Robotaxis im Einsatz haben und eine Million Optimus-Industrieroboter ausgeliefert haben. Das ist zunächst eine solide Vorgabe. Daneben aber muss – das ist die zweite Bedingung – diese Produktion am Markt auch Gewinne bringen: Der Vorsteuergewinn muss schrittweise von zwölf Milliarden Dollar (2024) auf 50 und schließlich auf 400 Milliarden Dollar steigen.

Während Produktion und Auslieferung noch halbwegs kontrollierbar erscheinen, sind die Profitvorgaben schon mit vielen Unsicherheiten behaftet – insbesondere weil Tesla heftige Konkurrenz anderer Autobauer hat. Noch spekulativer wird die Liste der Ziele aber dadurch, dass von Musk als dritte Bedingung eine rasante Steigerung des Börsenwerts von Tesla verlangt wird. Derzeit hat Tesla bei einem Aktienkurs von 430 Dollar einen Börsenwert (Marktkapitalisierung) von 1,4 Billionen Dollar (das ist fast das 30-Fache von Volkswagen). Dieser Börsenwert soll nun bis auf 8,5 Billionen Dollar steigen. Musks Aufgabe ist es also nicht nur, ausreichend Autos zu produzieren, sondern mit ihnen auch hohe Gewinne einzufahren und gleichzeitig die Spekulation der Märkte auf weiter exorbitant steigende Gewinne zu nähren.

Ein Tesla-Großaktionär, der norwegische Staatsfonds, hatte sich gegen das geplantes Aktienpaket für Musk ausgesprochen. Man schätze zwar den erheblichen Mehrwert, den Musk mit seiner visionären Rolle geschaffen habe, teilte Norges Bank Investment Management (NBIM) vorab mit. Man habe jedoch Bedenken angesichts der beispiellosen Höhe der vorgeschlagenen Vergütung. Ausgedrückt ist in diesem Einwand keine Kritik an Musks obszönem Reichtum. Sondern Zweifel daran, ob seine Vergütung auch im Sinne des Unternehmens und seiner Aktionäre gerechtfertigt ist.

Was Elon Musk braucht

Der Reichtum der Superreichen wird vielfach kritisiert. Zum einen spielen dabei Gerechtigkeitserwägungen eine Rolle: Während die Beschäftigten mit steigenden Lebenshaltungskosten kämpfen, wachsen die großen Vermögen immer weiter, so der Einwand. Dieser übersieht, dass die großen Vermögen die relative Armut derer, die ihn produzieren, zur Grundlage haben. Nur so entsteht der Profit, der an den Börsen spekulativ auf Jahre hochgerechnet wird.

Zum anderen wird kritisiert, dass der ökonomische Reichtum den Reichen auch politischen Einfluss sichere, was die Demokratie schädige. »Noch nie in der Geschichte hat eine kleine Gruppe von Menschen so viel Macht akkumuliert wie die Hyperreichen von heute«, schreibt Ute Scheub in den »Blättern für deutsche und internationale Politik« von »einer globalen Diktatur der Superreichen«. Das ist einerseits korrekt. Andererseits bleibt dabei außen vor, dass die ökonomische Macht der Reichen auf deren Macht über die gesellschaftliche Arbeit beruht – also über Arbeitsplätze, über die Menschen und ihre Arbeits- und damit Lebenszeit. Dies ist die »Materie« ihres Reichtums, ganz getrennt von dessen Größe. Die Macht des Eigentums über die Eigentumslosen. Hinter dem Werkstor endet die Demokratie schon immer.

Was Elon Musk verspricht

Ob Elon Musk sein Aktienpaket bekommt und welchen Wert es dann haben wird, hängt also nicht nur davon ab, ob er die Spekulation auf seinen Erfolg mit echten Profiten rechtfertigen kann. Sondern auch davon, ob er die Spekulation mit versprochenen Profiten weiter anfeuern kann. Er muss also etwas betreiben, was in den Führungsetagen von Aktiengesellschaften als »Erwartungsmanagement« bezeichnet wird und dort eine eigene Aufgabe darstellt: die Lenkung der Börsenspekulation durch Ankündigungen.

Das betreibt Musk mit großer Leidenschaft. Vergangene Woche kündigte er an, seine Optimus-Roboter würden »die Armut beseitigen«. Ein Optimus-Roboter, versprach Musk, werde die fünffache Produktivität eines Menschen pro Jahr erreichen, da er rund um die Uhr arbeiten könne. Gleichzeitig werde er die Produktivität der Menschen verzehn- oder verhundertfachen. Der KI seien keine Grenzen gesetzt. Arbeitsplätze werde es nicht mehr geben, sagte Musk, »arbeiten wird optional sein – wie das eigene Gemüse anzubauen, statt es im Laden zu kaufen«. Die kapitalistische Umsetzung von KI und Robotik – vorausgesetzt, sie verlaufe auf einem guten Weg – sei »tatsächlich das, was in einer kommunistischen Utopie mündet«.

Was er dabei vergaß zu erwähnen: Um diese Utopie zur Realität zu machen, wird es zwingend nötig sein, ihm und seinen Kollegen die Roboter abzunehmen, inklusive der Fabriken, Büros und der sonstigen Produktionsmittel. Das würde den Finanzmärkten zwar nicht gefallen. Aber die gibt es dann ohnehin nicht mehr.

Erstveröffentlicht im nd v. 13.11. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195454.reichtum-elon-musk-der-erste-billionaer.html?sstr=kaufmann

Wir danken für das Publikationsrecht.

Ostfront

Ein Protest gegen einen Jugendoffizier der Bundeswehr an einem Freiburger Gymnasium hat ein juristisches Nachspiel – für einen Schüler. Da haben Schule und Pädagogen auf ganzer Linie versagt, kommentiert Mithu Sanyal.

Was braucht man für eine »verfassungswidrige, menschenverachtende Grundeinstellung«? Wenn es nach der Staatsanwaltschaft Freiburg geht, gehört dazu Protest gegen die Rekrutierungspraxis der Bundeswehr an Schulen.

Ja, ich weiß, das hier ist eine Kolumne. Leider ist das keine Satire.

Was war passiert? Im Februar sollte ein Jugendoffizier an das Angell Gymnasium im baden-württembergischen Freiburg kommen, um dort für den Wehrdienst zu werben. Das fanden die Schüler*innen … geht so. Einer von ihnen, lasst ihn uns Bentik nennen, weil er sich selbst so nennt, postete nach dem Besuch ein Meme auf Instagram, auf dem ein Bundeswehrsoldat vor einer Schulklasse steht und sie fragt: »Also Kinder, wer von Euch würde gerne an der Ostfront sterben?«

Anstatt ins Grübeln zu kommen, ob es ethisch sei, Jugendliche zu verführen, sich einer Armee anzuschließen, die aktiv Kriege führt, erstattete der Offizier lieber Anzeige. Und anstatt ihn zu fragen, ob er meine, dass sie nichts Besseres zu tun hätten, erhebt die Staatsanwaltschaft tatsächlich lieber Anklage wegen siehe oben.

Unterstützt wenigstens die Schule ihren Schüler? Ja, sie unterstützt … allerdings den Bundeswehrsoldaten. Bereits als in der Schülerzeitung im Vorfeld des Besuchs zu Protest aufgerufen worden war, petzte die Schulleitung bei der Bundeswehr. Dann kam das Meme, eine Lehrerin holte Bentik aus dem Unterricht, drohte ihm mit Verweisen und der Schuldirektor wird gegen seinen eigenen Schüler vor Gericht aussagen. Das ist doch mal ein wirklich gut investiertes Pädagogikstudium für zwei wirklich gute …

Ach, bleiben wir bei der Bundeswehr. Dort wurde die Information über den Protest als »mögliche Störaktion« an die Abteilung Militärische Sicherheit weitergeleitet. Was ist aus dem Werbespruch »Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst« geworden, mit dem Bum-Bum-Boris Pistorius seine Rede vor der Münchener Sicherheitskonferenz, die ebenfalls im Februar stattgefunden hat, begonnen hatte? Gute Frage. Nächste Frage.Mithulogie

Mithu Melanie Sanyal, Schriftstellerin, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin, schreibt hier über alles zwischen Alltag, Politik und Literatur.

Neben Verfassungswidrigkeit wird Bentik noch vorgeworden, dem Rekrutierungsoffizier »persönliche Verbindungen zur nationalsozialistischen Organisation SS« zu unterstellen, wahrscheinlich wegen dem Begriff »Ostfront« in dem Meme: »Kinder, wer von Euch würde gerne an der Ostfront sterben?« Dabei ist die Frage berechtigt. Sollte die Bundeswehr sich mit Menschen – und nicht wie bisher nur mit Waffenlieferungen – an dem Ukrainiekrieg beteiligen, würde die Lebenserwartung eines Frontsoldaten bei vier Stunden liegen. Das erklärte der US-Marine Troy Offenbecker, der in Bachmut gekämpft hat. Vier Stunden! Nein meine Kinder geb’ ich nicht!

Warte mal! Ist das (nahezu) gleichnamige Anti-Kriegs-Lied von Reinhard Mey »Nein, meine Söhne geb’ ich nicht« nicht gerade von der Vorschlagsliste für die SWR-Hitparade genommen worden? Der SWR dementiert, dass das etwas mit Zensur zu tun habe: »Das Lied wurde entfernt, weil wir Manipulationsversuche festgestellt haben.« Weil zu viele Menschen innerhalb zu kurzer Zeit für den Song gestimmt haben. Woran mag das nur liegen?

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