Wenn der Faschismus kommt

Zwei historische Romane, die in den 1930er Jahren in Hamburg spielen und sehr aktuell wirken

VON CLAUDIA WANGERIN

Wie war es, als der deutsche Faschismus immer mächtiger wurde? Anja Kampmann und Heinz Jürgen Schneider bearbeiten diese Frage unabhängig voneinander in zwei historischen Romanen, die beide im Hamburg der 1930er Jahre spielen. Die beiden kennen sich nicht und erzählen ihre Geschichten in Schreibstilen, die kaum unterschiedlicher sein können. Aber sie könnten sich bei den Recherchen für ihre Romane fast in einem Archiv begegnet sein. Denn intensiv recherchiert haben beide über die faschistische Zeitenwende in Hamburg.

Heinz Jürgen Schneiders Roman »Rote Marine« ist schon im vergangenen Jahr erschienen und wurde wenig zur Kenntnis genommen. Der langjährige Menschenrechtsanwalt hat erst gegen Ende seiner juristischen Tätigkeit literarisch zu schreiben begonnen. Mehr Aufsehen hatte er als Rechtsanwalt erregt, als er 2011 eine Strafanzeige gegen Recep Tayyip Erdoğan, damals noch türkischer Premierminister, wegen Kriegsverbrechen stellte.

Anja Kampmanns Roman »Die Wut ist ein heller Stern« wurde gerade mit dem Hans-Fallada-Preis ausgezeichnet. Die Geschichte der Varieté-Artistin Hedda, die ihre Grundlagen im kommunistischen Arbeitersport gelernt hat und zwischen Glamour und Klassenbewusstsein hin- und hergerissen ist, fasziniert sowohl durch den lyrischen Erzählstil als auch durch die außergewöhnliche Perspektive der Hauptfigur.

Die schwarzen Kaimane, über denen sie auf einer Bühne des »Alkazar«, eines Theaters auf der Reeperbahn, schwebt, sind echt und müssen gefüttert werden – notfalls auch mal mit Ratten. »Der Keiler«, eine immer wieder bedrohlich auftauchende Figur, ist eine Metapher für die Gefahr, vor der Hedda weder ihre alten Freunde aus dem »Rotsport« noch ihren Geliebten schützen kann. Zum Glück aber ihren jüngeren Bruder, den die Nazis wegen seiner Behinderung für lebensunwert halten.

Hedda ist eine zähe und gleichzeitig sensible junge Frau, für die angepasste männliche Karrieristen allesamt »Friedrich« heißen. Die Frauen, deren Lebensziel es ist, an der Seite solcher Männer zu glänzen, nennt sie die »Ritas«. Als die Nazis in der Hansestadt die Macht übernehmen, passt sie sich zum Schein an. Wenn sie innerlich kocht oder vor Angst fast zusammenbricht, spricht sie auch mit innerer Erzählstimme von sich als »die Rita«. Als würde sie einen kontrollierenden Blick auf ihre erzwungene schauspielerische Leistung werfen.

Heddas wachsende Wut wird für sie zum Lebenselixier, während ihre Welt in Zeitlupe zusammenbricht, die Nazis das »Alkazar« übernehmen und ihr älterer Bruder Jaan als Harpunenschmied auf einem Walfänger anheuert – nicht weil er unbedingt für das Reich »die Fettlücke« schließen will, sondern um Geld für die Flucht seiner Geschwister zu verdienen. Denn gut bezahlt sind Heddas Auftritte im »Alkazar« von Anfang an nicht – obwohl sie nebenbei für Geld Sex mit einem reichen Ex-Kolonialverbrecher hat, kann sie sich nicht einmal die Miete für einen echten Rückzugsraum leisten. Die zarte junge Frau, mit der sie ein Zimmer teilt, muss sich sogar hauptberuflich prostituieren und erlebt dabei rohe Gewalt.

Jaan kann das Gemetzel an den Walen kaum mit ansehen, erkennt in ihnen fühlende Wesen und scheint darin auch einen Vorgeschmack auf das Blutbad des Zweiten Weltkriegs zu sehen. An dieser Stelle wechseln die Perspektiven zwischen Bruder und Schwester so schnell, dass Hedda fast telepathische Fähigkeiten zu entwickeln scheint. Naturzerstörung, Faschismus und Krieg: Alles fließt hier in einem albtraumhaften Blutmeer zusammen.

Dagegen bleibt Schneider in seiner Erzählweise in »Rote Marine« sparsam wie Hemingway. Wer beide Romane lesen möchte, sollte mit »Rote Marine« anfangen. Das wäre chronologisch korrekt, da dieser Roman bereits 1931 beginnt. Der Titel geht auf den Namen einer Teilorganisation des Roten Frontkämpferbundes der KPD zurück, deren Aktivisten und Funktionäre sich militant gegen das faschistische Bündnis von Mob und Elite wehrten.

Ohne das Menschliche zu vernachlässigen, bietet Schneider tiefe Einblicke in die Strukturen dieses frühen kommunistischen Widerstands, der beim offiziellen staatstragenden Gedenken gern unterschlagen oder aber mittels der »Hufeisentheorie« diffamiert wird. Schneider selbst spricht bei Lesungen von vier Hauptfiguren, die er paritätisch gewählt habe – allerdings hätten insgesamt fünf Personen das Zeug zur Hauptfigur. Drei Männer und zwei Frauen spielen eine wichtige Rolle.

Beide Frauen, Alma und Anni, sind mit Anfang 20 etwa im Alter von Anja Kampmanns Hedda. Sie tragen auf eigene Art die emanzipatorische Aufbruchstimmung der 1920er Jahre in sich, die ab 1933 brutal eliminiert wurde. Sie übernehmen konspirative Aufgaben für die KPD. Alma als anfangs noch privilegierte Kunststudentin, die damit nicht nur ihre bürgerliche Existenz aufs Spiel setzt, Anni als junge Parteiarbeiterin, die fast überdiszipliniert wirken würde, wüsste man nicht um den historischen Ernst der Lage.

Schneiders männliche Hauptfiguren sind älter, bereits Mitte 30, von der Erfahrung des Ersten Weltkriegs geprägt und nicht zuletzt deshalb Kommunisten geworden. Wesentlicher Teil ihrer Motivation ist ein »Nie wieder«, das anfangs noch keinen Faschismus an der Macht kennt, wohl aber das massenhafte Verheizen junger Männer als Kanonenfutter für die Interessen der herrschenden Klasse. Auch deshalb ist »Rote Marine« im Grunde ein hochaktueller Roman. Eine darin dokumentierte Hitler-Rede, die sonst selten zitiert wird, dürfte ebenfalls für Déjà-vus sorgen.

Heinz Jürgen Schneider: Rote Marine. Tredition,‎ 498 S., geb., 25 €.
Anja Kampmann: Die Wut ist ein heller Stern. Hanser, 496 S., geb., 28 €.

Erstveröffentlicht im nd v. 9.12. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1196070.literarischer-antifaschismus-wenn-der-faschismus-kommt.html?sstr=Wenn|der|Faschismus

Wir danken für das Publikationsrecht.

Unterfinanzierung von Bildung in Deutschland und Berlin


Die Initiative „Bildungswende Jetzt!“ ist in mehreren Bundesländern aktiv und kämpft für ein gerechtes und inklusives Bildungssystem. Im Bündnis mit Gewerkschaften und Interessensvertretungen hat es in den vergangenen Jahren mehrere erfolgreiche Protestaktionen organisiert. Für den 24. November 2025 lädt die Initiative zur „digitalen Veranstaltung zur Unterfinanzierung von Bildung in Deutschland und Berlin“ ein.

Die gravierenden Mängel im Bildungssystem sind lange bekannt und die meisten mussten die Auswirkungen am eigenen Leib erfahren. Doch die Krise im Bildungssystem verschärft sich immer weiter.

Auf ihrer Webseite fasst es die Initiative so zusammen:

Es fehlen zehntausende Erzieher*innen und Lehrkräfte sowie hunderttausende Kita-Plätze, 50.000 Jugendliche verlassen jedes Jahr die Schule ohne Abschluss. Überall wird an dringend notwendigen Investitionen in das marode System gespart und so wird zukunftsorientierte, inklusive und gerechte Bildung immer wieder verhindert

bildungswende-jetzt.de

Obwohl diese Zustände lange bekannt sind und auch die große Mehrheit im Land betreffen, wird das Thema von der Politik sträflich vernachlässigt. Das liegt unter anderem daran, dass sich Investitionen in Bildung erst langfristig, also nach Ende einer Wahlperiode auszahlen. Außerdem liegt nahe, dass das Thema auch deshalb keine übergeordnete Priorität genießt, weil die Kinder der politischen Klasse und große Teile ihrer Stammwählerschaft sowieso nicht auf die Schulformen und Schulen gehen, die am meisten unter den Einsparungen leiden. Denn auch in einem kaputt gesparten System gibt es Unterschiede. Die Ausstattung einer Grundschule in einem gutbürgerlichen Bezirk hat eine andere Priorität, als die im benachbarten Kiez mit den vielen Familien ohne Wahlrecht. In noch nicht vollständig gentrifizierten Kiezen geht in der Regel kaum eines der neu zugezogenen Kinder auf die staatliche Schule in Wohnortnähe. Reiche haben sich längst damit arrangiert, ihre Kinder in gut ausgestatteten Privatschulen unterrichten zu lassen oder sie melden die Kinder zumindest im Nachbarkiez an ein Gymnasium an, das ihnen jeden Kontakt zu anderen Lebensrealitäten erspart. Dort gibt es Fördervereine, die kurzfristig selbst finanziell einspringen können und sich um eine angemessene Berücksichtigung ihrer Interessen bemühen.

Die Kürzungspolitik im Sozial- und Bildungsbereich trifft also vor allem die ohne Lobby. Man sollte das im Hinterkopf behalten, wenn Landesregierungen sagen, dass Investitionen in die Bildung nicht möglich sind oder wie aktuell sogar noch weitere Kürzungen durchsetzen wollen.

„Bildungswende Jetzt!“ stellt generell in Frage, ob Kürzungen wirklich nötig sind und welche Alternativen denkbar wären. Sie wollen auf ihrer Online-Veranstaltung analysieren, warum Deutschland – im Vergleich zu anderen Ländern – wenig für Bildung ausgibt.

„Zu wenig Geld für Bildung? – Probleme und Lösungen“

mit Inputs von:

Leonie Alewall, Fiscal Future
Dr. Kai Eicker-Wolf, finanzpolit. Referent GEW Hessen

Anmeldungsformular

¡Franco ha muerto! – Franco ist tot!

Ein politischer Filmabend mit Gästen, Diskussionen, Wein und Tapas

Von Ulrike Kumpe

Vor 50 Jahren starb Europas letzter faschistischer Diktator: Francisco Franco. Im Berliner Lichtblick-Kino gibt es aus diesem Anlass am 20. November einen thematischen Filmabend.

Angesichts des Wiedererstarkens des Faschismus in Europa veranstalten das Berliner Lichtblick-Kino und der Filmverleih Sabcat Media am 20. November, Francos 50. Todestag, einen Filmabend zum spanischen Faschismus. Aus unterschiedlichen Perspektiven, kuratiert von Hansi Oostinga und Elisa Rosi, beleuchten vier Filme den historischen Kontext.

Alle Attentate scheiterten

Mit der Dokumentation »Attentate auf Franco – Widerstand gegen einen Diktator« (2016) unter der Regie von Daniel Guthmann und Joachim Palutzki beginnt der spannende Filmabend. Der 45-minütige Dokumentarfilm beschäftigt sich mit den über 20 Versuchen, Franco zu ermorden. Alle Attentate scheiterten. Mit über 80 Jahren starb Franco im hohen Alter, nachdem er die Regierungsgeschäfte bereits zwei Jahre zuvor abgegeben hatte. Zeit seiner autoritären Herrschaft hatte der Diktator Angst um sein Leben. Die Einblicke des Films in den Repressionsapparat spiegeln diese Angst vor seinem Volk wider. Die einstigen Franco-Attentäter Octavio Alberola und Stuart Christie geben Auskunft.

Mit dem Übergang vom Faschismus zur Demokratie verabschiedete das neue spanische Parlament, dass im Juni 1977 gewählt wurde, ein folgenschweres Amnestiegesetz. Es amnestierte nicht nur die unzähligen politischen Gefangenen des Franco-Regimes, sondern gleichermaßen alle Täter des Völkermordes vom Putsch 1936 bis zum tatsächlichen Ende der Diktatur im Juni 1977. In Spanien führte dies in den 2000er Jahren zu der absurden Situation, dass der ermittelnde Richter auf Grundlage dieses Amnestiegesetzes selbst ins Kreuzfeuer der Justiz geriet. Der Dokumentarfilm »Franco vor Gericht: Das spanische Nürnberg?« (2018) unter der Regie von Dietmar Post und Lucía Palacios, die am Abend im Lichtblick-Kino anwesend sein werden, handelt von dem Bemühen, doch noch Verurteilungen zu erreichen. Im Zentrum des Geschehens steht die argentinische Justiz. Diese kann aufgrund eines besonderen Gesetzes Opfer des Franco-Regimes unterstützen. Ab 2010 beginnen diese Klage einzureichen. Seither gibt es Bemühungen Täter des Regimes zu ermitteln und ihnen den Prozess zu machen.

Befreit vom autoritären System

Während sich die ersten beiden Dokumentarfilme unmittelbar mit Franco und den Tätern des spanischen Faschismus beschäftigen, geht es in den darauffolgenden Filmen um die Zeit nach dem faschistischen Regime. Befreit vom autoritären System Francos schien für einen kurzen historischen Moment alles möglich. »El Entusiasmo« (2018) unter der Regie von Luis E. Herrero handelt von diesem Augenblick der Befreiung. Der Weg war frei für neue gesellschaftliche Entwicklungen. Er war frei für eine Jugend, die vieles nachzuholen hatte: Gegenkultur, Arbeitskämpfe, Feminismus, sexuelle Befreiung und vieles mehr. Die historische anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT schien hierfür ein passender Rahmen zu sein und erlebte eine Renaissance. Sie organisierte Treffen mit Hunderttausenden Teilnehmern, Libertäre Tage, Streiks und Widerstand. Zeitzeuge Felipe Orobón wird vor Ort sein.

Unbewältigte Wahrheiten

Abgerundet wird der Abend mit dem Spielfilm »Madres Paralelas – Parallele Mütter« (2020) unter der Regie von Pedro Almodóvar. Zwei Frauen, Janis (Penélope Cruz) und Ana (Milena Smit), erwarten beide ihr erstes Kind. Sie lernen sich zufällig im Krankenhaus kurz vor der Geburt kennen. Die wenigen Worte, die sie in diesen Stunden austauschen, schaffen eine sehr enge Verbindung zwischen den beiden. Sie entwickelt sich eher zufällig und verkompliziert ihre Lebensläufe auf entscheidende Weise. Pedro Almodóvars modernes Melodram erzählt auf raffinierte und unerwartete Weise von den Nachwehen der Franco-Zeit. Es verbindet die Geschichte zweier ungleicher Mütter mit dem kollektiven Bürgerkriegstrauma Spaniens zu einem ernsthaften Familiendrama über schockierende Entdeckungen und unbewältigte Wahrheiten.

Francos Tod symbolisiert nicht nur das Ende einer historischen Phase, sondern erinnert zugleich an den Beginn des dunkelsten Kapitels der europäischen Geschichte. Gerade heute, wo die Monster der Vergangenheit zurückzukehren scheinen, ist es wichtig, an dieses Datum zu erinnern. Daher gibt es eine Reihe von Unterstützer*innen: neben der Botschaft von Spanien, die unabhängige Basisgewerkschaft FAU Berlin, der Verein Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936–1939, KFSR e.V., die Berliner VVN-BdA, das Café Libertad Kollektiv sowie der auf mediterrane Produkte spezialisiert Supermarkt »Mitte Meer«. Bei Wein, Tapas und Gesprächen kann gemeinsam ein Blick auf Kontinuitäten, die versäumte Aufarbeitung und vertane Chancen geworfen werden. Mit Kino LichtblickFilmabend

17.30 Uhr Dokumentarfilm »Attentate auf Franco – Widerstand gegen einen Diktator« 18.15 Uhr Dokumentarfilm »Franco vor Gericht: Das spanische Nürnberg?« (OmU); in Anwesenheit des Regie-Teams Dietmar Post und Lucía Palacios 20.30 Uhr Dokumentarfilm »El Entusiasmo« (OmU) mit Zeitzeuge Felipe Orobón 22 Uhr Spielfilm »Madres Paralelas – Parallele Mütter« (OmU)

Am 20. November im Lichtblick-Kino, Kastanienallee 77, 10435 Berlin; Vorstellung 17.30 Uhr: 7 Euro; alle weiteren Vorstellungen jeweils 9 Euro.

Erstveröffentlicht am 13.11. 2025 im nd (Abo)
https://www.nd-aktuell.de/abo/

Wir danken für das Publikationsrecht

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