Solidaritätserklärung mit „Der Linken Niedersachsen! Verteidigt den Beschluss des Landesparteitages!“

Bei Palästinasolidarität und der Ablehnung der deutschen Staatsräson handelt es sich um linke Grundhaltungen. Da kann es keine faulen Kompromisse geben. Gerade angesichts der aktuellen Barbarei von Trump im engen Schulterschluss mit dem zionistischen Israel sollte das jedem Linken klar sein. Ein Recht auf Solidarität und Widerstand gibt es nicht nur gegenüber einem Mullahregime. Das gilt gegen jegliche Unterdrückung, Besatzung, Arpartheid und Angriffskriege. Nicht zuletzt aktuell im Falle Israels . Wer das bezweifelt oder sogar diffamiert leistet letztlich auch wirklichem Antisemitismus Vorschub. Im Folgenden ein notwendiger Beitrag zur Debatte. (Peter Vlatten)

Martin Suchanek, Infomail 1306, 20.3.2026

„Die Linke Niedersachsen lehnt den heute real existierenden Zionismus ab.“ Unter diesem Titel verabschiedete der Landesparteitag am 15. März ein Positionspapier in Solidarität mit Palästina und gegen den zionistischen Genozid. Darin wird ein Ende des Siedlungsbaus und der Expansionspolitik Israels, ein Ende der Apartheid und des Völkermordes gefordert. Der politische Zionismus wird als wesentlicher „Hinderungsgrund für eine friedliche Zukunft für alle Menschen in der Region“ bezeichnet.

Auch wenn der Beschluss im Rahmen des „Meinungskorridors“ der Linkspartei verbleibt und keine eindeutige Absage an die Fiktion einer Zweistaatenlösung enthält, so stellt er einen wichtigen Schritt nach links dar und einen Erfolg der propalästinensischen Aktivist:innen in der Partei. Es ist der erste Beschluss eines Landesverbandes, der den „real existierenden“ Zionismus als reaktionäre Ideologie und rassistischen Staat verurteilt. Er stellt eine klare Absage an zur Staatsräson erklärte bedingungslose Solidarität mit Israel dar.

Hetze, Diffamierung und der Ruf nach dem Verfassungsschutz

Das begreifen auch alle Parteigänger:innen dieser reaktionären, imperialistischen Außenpolitik in und außerhalb der Partei. Daher sollte die Hetze auch niemanden verwundern. Der politische Sinn der Staatsräson besteht schließlich darin, alle, die sich außerhalb dieser stellen, als Staatsfeind:innen, als Gegner:innen zu markieren, zu diffamieren, zu bekämpfen.

Sämtliche bürgerlichen Parteien, ob reformistisch, grün, konservativ oder rechts, ob SPD, Grüne, CDU/CSU oder AfD, wollen natürlich den „Skandal“ ausschlachten. Aber es geht keineswegs bloß um die übliche, üble und demagogische Stimmungsmache. Die bürgerliche Presse und zionistische Vereine stimmen natürlich in den Chor ein.

Der niedersächsische Antisemitismusbeauftragte Gerhard Wegner behauptet gar, die Linkspartei wolle mit Antisemitismus Wahlkämpfe gewinnen. Ihr Beschluss käme einen Dammbruch gleich, weil er die Aberkennung des „Existenzrechts Israels“ bedeute. Bundesbildungsministerin Prien (CDU) denunziert den Text als eine Ansammlung der „wohlstandsverwahrlosten Kommentare voller Ignoranz und Antisemitismus“.

Bei Lügen und Diffamierung, medialer Hetze und Druck wollen es die Verteidenden der Staatsräson nicht belassen. Der niedersächsische Verfassungsschutz prüft auch, ob die Beschlüsse und Aussagen der Partei „extremistisch“ wären. Die Landesregierung solle überprüfen lassen, ob nicht Die Linke als Ganzes ein „Verdachtsobjekt“ wäre.

Kampfansage vom rechten Flügel der Linkspartei

Der rechte, zionistische Flügel der Linkspartei stimmt in den Chor des imperialistischen Mainstreams ein. Die gute Nachricht dabei: Der Brandenburger Zionist Andreas Büttner, der seine Position als Antisemitismusbeauftragter jahrelang zur Diffamierung und Kriminalisierung der Palästina-Solidarität und zur Rechtfertigung des Genozids missbrauchte, hat aus Protest gegen den Beschluss in Niedersachsen die Partei verlassen.

Der größte Teil der prozionistischen Rechten will jedoch nicht einfach gehen, sondern sagt den antizionistischen, internationalistischen und antiimperialistischen Kräften den Kampf an. Bodo Ramelow sieht Die Linke auf dem Weg in den Abgrund, zum Sektierertum. Und dagegen sind bekanntlich alle Mittel recht. So betreiben er bzw. „sein“ Landesverband Ausschlüsse gegen Antizionist:innen und er leugnet „natürlich“ den Genozid. Zynisch wirft ausgerechnet dieser Verteidiger des Apartheidstaates und der Vertreibung dem Landesverband vor, „das Leid der Palästinenser zum innerparteilichen Landgewinn“ zu missbrauchen.

Während Ramelow die Partei vor dem Abgrund sieht, ist sie lt. Petra Pau schon einen Schritt weiter. „Vor einem Jahr stand Die Linke am Abgrund, nun werden wir hineingestoßen“, schreibt die Regierungssozialistin auf X.

Als Quasi-Sprecher der Parteirechten versucht sich Jan Korte, seines Zeichens Ex-Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, gegenüber der bürgerlichen Presse zu profilieren. Ganz so wie die Welt, die FAZ, diverse zionistische Organisationen oder die Pressesprecher:innen aller anderen Parlamentsparteien hetzt Korte gegen seine Partei und Genoss:innen. Die Linke hätte ein „massives Antisemitismusproblem“. Schließlich sei der Zionismus eine Bewegung gewesen, um Jüdinnen und Juden endlich eine Zuflucht vor Pogromen und Verfolgung zu geben. Wer die Existenz Israels in Frage stelle, habe daher nicht nur das Falsche gelernt, sondern sei per Definition antisemitisch.

Die begrifflich wie historisch vollkommen falsche Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus dient Korte so wie allen anderen Verteidiger:innen der Entstehung und Aktualität des Staates Israel sowie der deutschen Staatsräson als „Beweis“. Bemerkenswert ist dabei auch die Methode des Vorgehens. Nachdem die Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus einmal gesetzt, als „Wahrheit“ fixiert ist, spielen die reale Geschichte und der politische Gehalt des Zionismus (und letztlich auch des Staates Israels) für die Einschätzung keine oder allenfalls eine untergeordnete Rolle. Bei der Gleichsetzung selbst wird nämlich vom realen Zionismus, von der Entstehung Israels und von seiner realen Rolle im imperialistischen System abstrahiert bzw. wird abgesehen. Allenfalls wird noch gönnerhaft zugestanden, dass man Aspekte der israelischen Politik und Kriegsführung kritisieren dürfe – der Staat selbst, seine Rolle, Funktion und Ideologie dürfen aber per se nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden. Die Tabuisierung grundlegender Kritik kommt einer quasi-religiösen Heiligsprechung gleich. Sie ist nichts weniger als die Verlängerung der deutschen Staatsräson in Die Linke.

Auch wenn der Beschluss von Niedersachsen keineswegs so klar und konsequent antizionistisch ist, wie es die mediale Hetze darstellt, so schlägt er eine Bresche in die prozionistische Mauer, die über Jahre die Parteitage und Gremien prägte. Eine erste, wichtige Bresche schlug schon der Beschluss des letzten Bundesparteitages, die Antisemitismusdefinition der IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance; Internationale Allianz zum Holocaustgedenken) abzulehnen und wegen ihrer falschen Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus zurückzuweisen. Der Beschluss aus Niedersachsen geht hier einen Schritt weiter und das stellt einen politischen Erfolg der Linken in der Linkspartei dar, den wir gemeinsam und entschieden verteidigen müssen. Er markiert eine politische Frontlinie nicht nur gegenüber den bürgerlichen Parteien, den Medien und dem Verfassungsschutz, sondern auch gegenüber dem rechten Flügel, den Parteigänger:innen.

Die Bedeutung der Frage

Dem rechten Flügel ist die Bedeutung der Auseinandersetzung klar und bewusst. Er rüstet zum Angriff auf die antizionistischen, linken Kräfte – nicht erst seit dem Parteitag. Dieser Angriff wird mit verschiedenen Mitteln geführt – seien es bürokratische Schikanen, seien es Ausschlüsse oder Ausschlussverfahren oder seien es rassistische Diffamierungen neuer Mitglieder, wie sie Anfang März Gregor Gysi zum Besten gab, als er im Focus-Podcast erklärte, dass das „Problem“ antiisraelischer und angeblich antisemitischer Stimmungen in der Partei „jetzt deshalb gefährlicher geworden (sei), weil viel mehr Menschen mit Migrationshintergrund, auch mit spezifischem Migrationshintergrund, in unsere Partei gekommen sind.“

Auch wenn Gysi die Beitritte „eigentlich“ sehr begrüßt, so erkennt er die „Gefahr“, nämlich dass die neuen Mitglieder die Mehrheitsverhältnisse ändern. Doch dummerweise hätten diese eine „falsche“ Sicht auf Israel. Inhaltlich setzt er sich damit erst gar nicht auseinander, sondern führt deren angebliche Fehler auf einen „spezifischen Migrationshintergrund“ zurück. Dabei bedient er sich offen der rassistischen Behauptung, dass der Antisemitismus nach Deutschland „importiert“ wäre.

In Wirklichkeit verhält es sich genau umgekehrt. Die Empörung über den Genozid und die Komplizenschaft des deutschen Staates hat nicht nur in der gesamten Gesellschaft und an vielen Hochschulen, sondern auch in der Linkspartei die Kräfteverhältnisse geändert. Konkret fordern die neuen Mitglieder und die palästinasolidarischen Gruppierungen der Partei die jahrelange Komplizenschaft mit dem Zionismus, das Schweigen zum Genozid heraus. Sie stellen eine reale Kampfansage an die falsche, proimperialistische Position der Linkspartei zu Israel dar, die sich bis heute in der Verteidigung der Zweistaatenlösung manifestiert.

Diese Auseinandersetzung ist eine grundlegende für die Zukunft der Partei, die weit über die Frage der Haltung zu Palästina hinausgeht. Sollte die Partei insgesamt eine antizionistische, internationalistische Position annehmen, würde das einen gewaltigen Fortschritt bedeuten. Die Linke würde zu einem echten Verbündeten der palästinensischen Gemeinde in Deutschland. Zugleich würde sie aber als mögliche Regierungspartnerin auf Bundesebene definitiv ausscheiden. Auf absehbare Zeit wäre keine andere Partei bereit, mit einer antizionistischen Partei zu koalieren. Das wissen die Regierungssozialist:innen natürlich auch. Genau dieses Ende möglicher „Regierungsfähigkeit“ kommt in den Augen von Ramelow und Co. einem „Sektendasein“ gleich. Daher wird und kann sich der rechte Flügel selbst mit Formelkompromissen nicht zufriedengeben.

Das Zentrum der Partei

Während dem rechten und dem linken antizionistischen Flügel die grundlegende Bedeutung der Konfrontation und die Unvermeidlichkeit ihrer Zuspitzung klar sind, versuchte das Zentrum ursprünglich, zu beschwichtigen.

Jan van Aken fand zwar die Formulierungen des Antrags nicht gut, er könne aber die Intention nachvollziehen, hieß es kurz nach dem Parteitag. Schließlich, so wurde damals noch kolportiert, stehe nichts Falsches drin und der Beschluss bewege sich im „Meinungskorridor“ der Partei. Auch ein grundlegendes „Antisemitismusproblem“ könne er nicht erkennen.

Die Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Heidi Reichinnek, bedauerte, dass der Beschluss falsch dargestellt werde. Zu viel würde über Begriffe und wenig über Inhalte gesprochen werden. Zugleich versicherte sie den Rechten in Fraktion und Vorstand, dass ihrer Meinung nach der Antrag „ausgewogener“ formuliert hätte sein sollen. Daher müsse man noch einmal darüber sprechen, wie man zukünftig „anders“ formulieren könne. Was das konkret heißen soll, ließ sie vorerst offen.

Lanz-Talkshow

Doch ein solcher Kompromiss ist in dieser Frage in Wirklichkeit eine Unmöglichkeit. Man kann nicht gleichzeitig auf Seite der Unterdrückten und der Unterdrückenden stehen – schon gar nicht, wenn man den Anspruch einer sozialistischen, internationalistischen Partei ernst nimmt, gegen alle Formen von Ausbeutung und Unterdrückung zu kämpfen.

Wie unhaltbar eine solche Position ist, die sich in der „Mitte“ wähnt, in Wirklichkeit aber den Konflikt nur innerparteilich befrieden will, zeigte der Auftritt der Parteivorsitzenden Ines Schwerdtner in der Talkshow von Markus Lanz am 18.3. Statt den Beschluss des Landesparteitages zu verteidigen, eiert sie rum, um dann den Beschluss als „einseitig“ zu kritisieren. Von Lanz in die Enge getrieben, erklärt sie die Verwendung des Begriffs „Antizionismus“ für „nicht richtig“ und lässt sich auf die Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus ein, statt dieser Lüge entgegenzutreten. Sie lässt sich von Lanz fortführen, weil sie selbst seinen bürgerlichen, prozionistischen Prämissen nichts entgegenzusetzen hat. Das ist nicht primär das Resultat schlechter Vorbereitung, sondern einer Weigerung der Führung der Linkspartei – auch der „Mitte“ –, mit Zionismus und Imperialismus zu brechen.

Bei etwaigen „Umformulierungen“ geht es daher auch nicht um „Formulierungen“. Mit einer Mischung aus Druck und „Integration“ sollen die Mehrheitsverhältnisse in Niedersachsen umgekehrt werden, um so zu verhindern, dass diese zum Ausgangspunkt für einen Linksruck in der Partei insgesamt werden.

Daraus ergeben sich auch die Aufgaben des linken, antizionistischen, internationalistischen, antiimperialistischen Flügels der Partei. Der Beschluss von Niedersachsen muss gegen die rechte, bürgerliche, zionistische Hetze und Diffamierung verteidigt werden. Das schließt die Verteidigung gegen den rechten Flügel der Partei ein. Wenn Pau, Ramelow oder Korte meinen, dass die Partei in den Abgrund gestürzt wäre, wenn sie den Antizionismus so unerträglich finden, so sollen sie doch Büttner folgen, austreten und ihre Mandate niederlegen.

Folgt man van Aken und Schwerdtner, so anscheinend nicht. In ihrer Erklärung wird der Mehrheitsbeschluss von Niedersachsen als politischer Missbrauch durch „sektiererische Kräfte“ diffamiert, die „politische Fragen ohne Rücksicht auf unseren gemeinsamen Erfolg missbrauchen“ würden. Ganz so, als ob eine klare, längst überfällige Position gegen den Genozid und gegen Zionismus nicht eine notwendige Bedingung für eine wirklich sozialistische Klassenpolitik wäre. In jedem anderen Land der Welt würde die Empörung von van Aken und Schwerdtner nur Unverständnis hervorrufen, in Deutschland will man sich aber mit der Staatsräson und den Staatssozialist:innen in den eigenen Reihen nicht weiter anlegen. Im Gegenteil. Man mobilisiert den Apparat gegen missliebige Mehrheiten, um ein zweites Niedersachsen in Zukunft zu verhindern: „Alle Mandatsträgerinnen und Mandatsträger sowie alle Kreis- und Landesvorsitzenden sollten einem Missbrauch der Nahost-Debatte für Machtauseinandersetzungen und Diffamierungen aktiv entgegentreten.“ So sieht die „Demokratie“ der Parteibürokratie aus.

Die Linken in Der Linken müssen diese Kampfansage annehmen, sie dürfen sich nicht wegducken, weder vor den Rechten noch vor den Vorsitzenden. Der Beschluss von Niedersachsen sollte nicht nur verteidigt, sondern inhaltlich vertieft und weiter geschärft werden. Und die Linken in der Linkspartei müssen dafür eintreten, dass dem Beschluss von Niedersachsen jetzt auch Taten folgen, indem wir gemeinsam eine Bewegung gegen den Genozid in Gaza, gegen die Säuberung in der Westbank, gegen den Angriff auf den Iran und den Libanon aufbauen.

Wir danken für das Publikationsrecht.

Titelbild Peter Vlatten

Nein zum Imperialistischen Krieg & zur islamischen Republik – Gespräch mit iranischen Aktivist:innen

Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin legt Euch den Besuch dieser Veranstaltung ans Herz. Wir erhoffen eine gute Gelegenheit, einen Einblick in die vom westlichen Imperialismus unbeeinflusste iranische Oppositionsvewegung zu erhalten.

VERANSTALTUNG

Nein zum Imperialistischen Krieg & zur islamischen Republik

Gespräch mit im Exil lebenden iranischen Aktivistinnen von Prison’s Dialogues & Roud Collective zur aktuellen Situation im Iran.

9. APRIL, 19 Uhr im Kiezhaus Agnes Reinhold, Afrikanische Str. 74

Am 28. Februar 2026 haben die USA und Israel damit begonnen den Iran massiv anzugreifen. Tausende Zivilist*innen wurden bereits getötet und verletzt. Gleich zu Beginn des Krieges wurde von den USA eine Grundschule für Mädchen in Minab bombardiert, dabei wurden mindestens 168 Menschen getötet, darunter über 100 Kinder.

Seit Ende 2025 hatte es im Iran vermehrte Proteste und Streiks gegen die sich verschärfende wirtschaftliche und soziale Krise gegeben. Die Menschen sind für Freiheit und Brot auf die Straẞe gegangen. Gewerkschaften und soziale Bewegungen werden im Iran brutal unterdrückt und verfolgt. Tausende demonstrierende Menschen wurden durch die iranischen Sicherheitskräfte getötet, es gab Massenverhaftungen und immer wieder wurde das Internet abgeschaltet.

Mila Mossafer und Mojdeh Arassi sind entschiedene Gegnerinnen des iranischen Regimes und stellen sich gleichzeitig gegen den Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran. Sie betonen, dass die Befreiung vom Regime nur von unten durch die iranische Bevölkerung selbst kommen kann. Wir sprechen mit ihnen über die aktuelle Situation und über die gewerkschaftlichen und politischen Bewegungen im Iran.

Kufiyas in Buchenwald: Proteste am Jahrestag der Befreiung angekündigt

Im vergangenen Jahr wurde einer Aktivistin der Zugang zur Feier der Befreiung des ehemaligen KZs Buchenwald verwehrt, weil sie eine Kufiya trug. Am diesjährigen Gedenktag will die Initiative „Kufiyas in Buchenwald“ dagegen protestieren. Die Gedenkstätte wehrt sich.

Bild: Collage aus conceptphoto.info, CC BY 2.0 und FrDr, CC BY-SA 4.0

Jedes Jahr wird in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald in Thüringen dessen Befreiung am 11. April 1945 gefeiert. Doch neben der offiziellen Gedenkveranstaltung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora ist in diesem Jahr auch ein Protest angemeldet. Die Initiative „Kufiyas in Buchenwald“ will gegen das angebliche Verbot der palästinensischen Kufiya innerhalb der Gedenkstätte und das Hausverbot einer Aktivistin protestieren.

Nach Angaben der Initiative wurde der Palästina-Aktivistin Anna M. bei der Veranstaltung zum 80. Jahrestag der Befreiung 2025 der Zutritt zum Gelände verwehrt. Zusätzlich bekam sie ein Hausverbot. Nach Aussagen der Initiative wurden die Maßnahmen durch die Gedenkstätte ergriffen, weil sie eine Kufiya als Zeichen ihres politischen Protests nicht ablegen wollte. Diese Entscheidung wurde im Eilverfahren vom Oberlandesgericht Thüringen bestätigt.

Handreichung gelangt an die Öffentlichlichkeit

Knapp drei Monate nach der Gedenkveranstaltung gelangt eine „interne Handreichung“ der Gedenkstätte an die Öffentlichkeit. Sie ist an die Bildungs- und Sicherheitsabteilung der Gedenkstätte gerichtet. Sie soll dem Personal helfen, politische Symbole und Codes schneller zu erkennen und auf dieser Grundlage zu handeln.

Das Papier listet laut Angaben des „nd“ vor allem rechtsextreme Symboliken. Doch sind auch Symbole der palästinasolidarischen Bewegung oder Zeichen kommunistischer und revolutionärer Bewegungen ein Teil des Heftes. Zu den problematischen Symbolen zählen etwa Wassermelonen, Olivenzweige als Symbol des Rückkehrrechts für Palästinenser:innen oder sogar Forderungen nach dem Ende des Genozids und einem Waffenstillstand.

Die Initiative „Kufiyas in Buchenwald“ erklärte auf Instagram, es sei „perfide“ an einem Ort, der an Genozid erinnern soll, das Wort Genozid zu kriminalisieren.

Die Gedenkstätte bestätigte die Existenz der internen Handreichung über 57 Seiten und begründete die Auflistung linker Symbole mit Versuchen von Organisationen, die Gedenkstätte zu „instrumentalisieren“. Stiftungsdirektor Jens-Christian Wagner räumte im Statement der Gedenkstätte lediglich ein, dass die Handreichung nicht an die Öffentlichkeit geraten sollte und entschuldigte sich dafür, dass „einzelne Formulierungen missverständlich oder ungenau waren“.

Die Inhalte der Handreichung mit Bezug zu Palästina sollten nach Angabe der Gedenkstätte gegenüber dem NDR im Juli 2025 anschließend komplett gelöscht werden und in eine separate Ausarbeitung zu „israelbezogenem Antisemitismus“ überführt werden. Gegenüber Perspektive Online erklärte die Gedenkstätte, die neue Handreichung sei aktuell noch nicht fertiggestellt.

Kufiya tragen (nicht) verboten

Im Februar dieses Jahres erklärte die Gedenkstätte als Reaktion auf die „Initiative Kufiyas in Buchenwald“ in einem erneuten Statement: „Pauschal ist das Tragen einer Kufiya nicht verboten“. Die Gedenkstätte sehe Kufiyas nicht in jedem Fall als antisemitisches Symbol. Demnach ist ein Zutritt zur Gedenkstätte nur dann verboten, wenn die Kufiya „mit Absicht oder demonstrativ“ getragen werde.

Das wird unter anderem damit begründet, dass das das Sicherheitsgefühl israelischer Holocaust-Überlebender gefährdet werden könne. Zudem sei die politische Instrumentalisierung des Gedenkens untersagt. Konkret heißt das, dass der Ort „kein Austragungsort für gegenwartsbezogene politische Selbstdarstellung, Agitation oder tagespolitische Konflikte“ sei.

Dazu erklärte die Gedenkstätte gegenüber Perspektive Online, dass der „situative Kontext und die Absicht“ des Tragens der Kufiya entscheidend für eine Erlaubnis oder Verweigerung des Zutritts zum Gelände sind. Als Beispiele, die geduldet werden, erwähnt die Gedenkstätte etwa die Kufiya als „normale Kleidung“ oder „modisches Accessoire“. Nicht toleriert wird das Kleidungsstück dagegen als Zeichen der „Unterstützung der Hamas“ oder „deutschen Rechtsextremen, die damit ihren Antisemitismus zum Ausdruck bringen wollen“.

Antizionismus verboten?

Im Statement aus dem Februar 2025 macht die Gedenkstätte auch klar, dass antizionistische Gruppen, die „Israel das Existenzrecht absprechen“, bei nicht ihnen willkommen sind. Gegenüber Perspektive Online erklärte die Gedenkstätte hingegen, man könne den Besucher:innen „selbstverständlich nicht in ihre Köpfe schauen“.

Dass sämtlichen antizionistischen Personen und Gruppen grundsätzlich der Zutritt zur Gedenkstätte Buchenwald verboten ist, wird auf Nachfrage nicht bestätigt. Explizit wird jedoch hier die „Kommunistische Organisation“ genannt. Wegen ihrer Position gegenüber der Hamas und des Anschlags vom 7. Oktober kann Mitgliedern der Gruppe der Zutritt verwehrt werden.

Leiter äußert sich in sozialen Medien

Gedenkstättenleiter Wagner übte auf seinen privaten Social-Media Accounts im Februar auch scharfe Kritik an der Initiative. Auf seinen Profilen ist zwar die Gedenkstätte verlinkt, jedoch steht dort der Zusatz „Hier privat, persönliche Meinung“ dahinter. Die Intention der Initiative bezeichnet er als Versuch, die Verbrechen des NS-Staates zu relativieren.

Gegenüber Perspektive Online erklärt die Gedenkstätte, dass damit die „Jüdische Stimme“, als Anmelderin der Versammlung am 11. April gemeint sei. Demnach nutze die Organisation „notorisch Gedenktage wie den 27. Januar oder 9. November, um historische Ereignisse gleichzusetzen oder zu relativieren“. Mit der Verbindung von Holocaust-Gedenktagen und dem Genozid in Gaza werden so deutsche NS-Verbrechen relativiert.

Wagner distanziert sich zwar von „Hufeisen-Theorien“, aber stellt im folgenden Satz „Stalin- und Hamas-Anhänger:innen und extreme Rechte“ auf eine Stufe. Anschließend schreibt er, dass das Vorgehen der IDF in Gaza und die „in Teilen rechtsextreme israelische Regierung“ kritisiert werden könne und müsse.

Über den laufenden Genozid, Apartheid und Vertreibung von Palästinenser:innen verliert er keine Worte. Es sei seine Pflicht als Gedenkstättenleiter, den Ort und seine Opfer vor derartigen „Instrumentalisierungen“ zu schützen. Am Ende seines Statements erwähnt er erneut, dass sich die Gedenkstätte vor „Instrumentalisierungen“ durch die Initiative und vor Angriffen der AfD gleichermaßen schützen müsse.

Forderungen der Initiative

Die Initiative „Kufiyas in Buchenwald“ hat derweil Forderungen an die Gedenkstättenleitung adressiert. Einerseits fordern sie eine offene Thematisierung des Völkermords in Gaza in der Gedenkstätte. Außerdem sollen keine palästinensischen Symbole mehr verboten und diese als antisemitisch markiert werden. Eine weitere Forderung ist das Ende von Haus- und Sprechverboten wegen Palästinasolidarität oder Kritik am Apartheidstaat Israel.

Die Initiative erklärt, dass Buchenwald nicht zur Loyalität Deutschlands gegenüber Israel mahnt, sondern zu Antifaschismus, Internationalismus und damit verbunden auch dem Widerstand gegen Völkermord und Unterdrückung.

Bündnis fordert staatliche Verhinderung

Derweil fordert ein Bündnis von 17 jüdischer und zionistischer Organisationen das Verbot der Veranstaltung der Initiative „Kufiyas in Buchenwald“. Sie positionieren sich gegen die angebliche „anti-jüdische Agitation“ von „maßgeblich linksextremen Kräften“. Sie fordern dabei den deutschen Staat auf, alle rechtlichen Mittel zu ziehen, um die Veranstaltung zu verhindern.

Das Bündnis bezeichnet die Kufiya als „Insignie der Feinde der Juden“. Teil des Bündnisses sind etwa das „Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender“, das American Jewish Committee Berlin und die Deutsch-Israelische Gesellschaft.

Erstveröffentlicht auf Perspektive online
Kufijas in Buchenwald

Wir danken für das Publikationsrecht.

Siehe auch die Veranstaltung am kommenden Freitag im Haus der Demokratie
Der Schwur von Buchenwald

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