Die nächste Zeitenwende

Deutschland neue Militärgroßmacht innerhalb einer globalen Konfliktstrategie!“ schrieben wir Anfang 2023 anlässlich der Münchner Sicherheitskonferenz. „Die Nato wird auf die globalen Konflikte der USA eingeschworen. „Russland stoppen, um China abzuschrecken „, titelte das Handelsblatt. Deutschland als ökonomisches Schwergewicht der EU wächst nun auch in die Rolle eines europäischen Militärprimus hinein, der in Europa den USA mit Blick auf die Konfrontation mit China den Rücken gegenüber Russland frei halten soll. Der industriell militärische Komplex zwischen beiden Staaten wird gezielt verzahnt. So erhält – ein absolutes Novum – der reindeutsche Rüstungskonzern Rheinmetall die Produktion von Teilen des „US heiligen“ F25 Fighters zugesprochen.“ Diese direkte industriell-militärische Partnerschaft wurde erst kürzlich weiter vertieft und ausgebaut. Inzwischen hat sich Deutschland auch als einer der treuesten Vasallen der USA im Nahostkonflikt bewährt.

Die militärisch internationale Arbeitsteilung tritt nun in ihre zweite konsolidierende Phase, was der folgende Artikel von GFP präzise umreisst. Haupthintergrund: Die Kosten für ihren gigantischen Militärapparat und ihr weltweites militärisches Engagement drohen der US Ökonomie um die Ohren zu fliegen. Daran „darf“ Deutschland nun teilhaben. Konzentration der Kräfte ist aber eine schiere Illusion, wenn die Welt in ein Pulverfass verwandelt wird.

Zahlen sollen wir alle und zwar immer mehr und in jeder Form – ausser den Kriegsprofiteuren natürlich .(Peter Vlatten)

Die nächste Zeitenwende (GFP) , 10. Juni 2024
Berliner Denkfabrik fordert Absage an kleinere Militäreinsätze in aller Welt und komplette Fokussierung von Bundeswehr und Gesellschaft auf den Krieg gegen Russland. US-Strategen spekulieren über drei parallel geführte Kriege.

BERLIN/WASHINGTON (Eigener Bericht) – Deutschland und Europa stehen vor einer zweiten „Zeitenwende“. Dies sagt die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in einer aktuellen Studie voraus. Demnach ist nach der US-Präsidentenwahl am 5. November nicht nur dann mit einer deutlichen Reduzierung der US-Militäraktivitäten in Europa zu rechnen, wenn Donald Trump den Urnengang gewinnt, sondern auch dann, wenn Joe Biden als Sieger aus ihm hervorgeht. Auch Biden werde „im Zweifelsfall“ einem etwaigen Krieg gegen China um Taiwan Vorrang vor einer fortgesetzten Unterstützung der Ukraine in deren Krieg gegen Russland einräumen, urteilt die SWP. Es werde daher „die Hauptaufgabe“ der deutschen Außen- und Militärpolitik sein, die EU bzw. die NATO-Staaten Europas künftig gegen Russland „zu sichern“. „An diesem Ziel“ müssten sich „alle Aspekte“ der Aufrüstung ausrichten. Von kleineren Militäreinsätzen in aller Welt müsse man daher jetzt „Abstand nehmen“. Dies entspricht nicht zuletzt Überlegungen in den USA, man werde das drohende Szenario dreier gleichzeitig zu führender Kriege – gegen Russland, in Nah- und Mittelost, gegen China – nur mit massiv hochgerüsteten Verbündeten gewinnen können.

Zwei Kandidaten, eine Richtung

Nach der Präsidentenwahl in den USA am 5. November dieses Jahres werden die Staaten Europas „mit einer weiteren Zeitenwende konfrontiert sein“, sagt die SWP in einer aktuellen Studie voraus.[1] Zwar stünden sich mit Joe Biden und Donald Trump „zwei Denkschulen gegenüber“, die „die Rolle der USA mit Blick auf die amerikanische Politik in und gegenüber Europa sehr unterschiedlich definieren“. Trumps Absicht, die militärischen Aktivitäten der Vereinigten Staaten auf dem europäischen Kontinent zu reduzieren, sei bekannt. Doch könne das nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch der „geopolitische[…] Fokus“ der Biden-Administration „auf dem indopazifischen Raum“ liege; „das gegenwärtige Engagement in Europa“ sei auch für sie lediglich eine „Ausnahme“. „Die gesellschaftlichen Strömungen und Bindekräfte“ in den USA drängten „die außenpolitische Programmatik beider Kandidaten in dieselbe Richtung“, konstatiert die SWP.

Trump und die Restrainer

Donald Trump schreibt die Berliner Denkfabrik eine – trotz Abstrichen – deutliche Nähe zu einer außenpolitischen Fraktion zu, deren Anhänger zuweilen als „Restrainer“ bezeichnet werden. Diese plädierten „für ein selektives Engagement Washingtons in der internationalen Politik“, das sich exklusiv „an den nationalen Interessen der USA orientieren“ solle, heißt es in der SWP-Studie. Restrainer seien der Auffassung, die Vereinigten Staaten seien „in der Vergangenheit … zu viele sicherheitspolitische Verpflichtungen eingegangen“ und sollten sie nun „reduzieren“. Der Ukraine-Krieg gelte ihnen als ein „periphere[r] Krieg in den östlichen Ausläufern Europas“, der „die strategischen Kerninteressen Amerikas nicht beeinträchtige“ und deshalb keine herausragenden US-Aktivitäten rechtfertige. Die Restrainer forderten eine massive „Lastenverlagerung … weg von den USA, hin zu Europa“. Dies könne „zu einer europäisierten Nato führen“, in der die Vereinigten Staaten als eine Art „Logistikdienstleister letzter Instanz“ und „Garant für freie Seewege und Handelsrouten“ fungierten.

Biden und die Primacists

Joe Biden wiederum ordnet die SWP als der Denkschule der „Primacists“ nahestehend ein. Dieser zufolge müssten die Vereinigten Staaten in der internationalen Politik danach streben, „ihre geopolitische Vormachtstellung aufrechtzuerhalten“; die „Grundlage“ ihrer „globalen Vorherrschaft“ sei dabei „die konkurrenzlose militärische Überlegenheit des Landes“. Allerdings sei sich die Biden-Administration bewusst, dass die USA „nicht zwei Kriege – denjenigen Russlands gegen die Ukraine und einen potentiellen zwischen China und Taiwan – gleichzeitig bewältigen“ könnten. Es sei klar, dass sie „im Zweifelsfall … einem Konflikt in der Straße von Taiwan Priorität einräumen“ würden. Eine „Biden-Administration 2.0“ werde daher „auf eine deutlich stärkere Lastenteilung hinwirken“, sagt die SWP voraus. Diese werde – ebenso wie die von einer neuen Trump-Administration erwartete Lastenverlagerung – einen deutlich verstärkten „europäischen Pfeiler der Nato“ erforderlich machen.

Alles auf ein Ziel

In beiden Szenarien werde es „die Hauptaufgabe“ der deutschen Außen- und Militärpolitik sein, die EU bzw. die europäischen NATO-Mitglieder „gegen ein aggressiv-revisionistisches Russland zu sichern“, schreibt die SWP. „An diesem Ziel“ hätten sich ab sofort „alle Aspekte der Planungen für die Bundeswehr auszurichten – Finanz-, Personal-, Rüstungs- und Streitkräfteplanung“. Der Bundeswehrhaushalt müsse dabei von 2028 an zumindest 75 bis 80 Milliarden Euro im Jahr erreichen. Die SWP erinnert daran, dass der Wehretat etwa im Jahr 1963 sogar bei 4,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gelegen habe; dies lasse sich heute aber „wohl nur als Reaktion auf einen außenpolitischen Schock noch einmal erreichen“. Die erforderliche militärische Fokussierung auf den Machtkampf gegen Russland verlange, dass Deutschland künftig „vom internationalen Krisenmanagement“ – Militäreinsätze in aller Welt – „Abstand nehmen“ müsse. Die SWP lehnt darüber hinaus die Teilnahme der Bundeswehr an Manövern in der Asien-Pazifik-Region ab: „Vereinzelte Versuche, die Bundeswehr … zu einem Anbieter von Sicherheit“ im Indischen und Pazifischen Ozean „zu stilisieren“, könnten „kein Ausdruck einer ernsthaften Orientierung der deutschen Sicherheitspolitik sein“.

„900.000 Reservisten aktivieren“

An der Maxime, alle verfügbaren Ressourcen auf die Vorbereitung eines möglichen Kriegs gegen Russland zu fokussieren, orientiert sich die Bundesregierung in der Tat und greift dabei derzeit noch stärker aus als bisher. So fordert Verteidigungsminister Boris Pistorius aktuell, „wir“ müssten „bis 2029 kriegstüchtig sein“.[2] Um „durchhaltefähig und aufwuchsfähig“ zu sein, brauche man „junge Frauen und Männer“ in größerer Zahl als bisher; deshalb sei eine neue Form des Wehrdienstes unumgänglich. Anfang vergangener Woche war zudem die Forderung laut geworden, den mobilisierenden Zugriff auf ehemalige Bundeswehrsoldaten zu erleichtern. Notwendig sei es etwa, „die Meldedaten wieder zu erfassen und dann auch den Gesundheitszustand zu überprüfen“, forderte der Vorsitzende des Reservistenverbandes der Bundeswehr, Patrick Sensburg (CDU).[3] Die scheidende Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), verlangte die Aktivierung der „ungefähr 900.000“ früheren Soldaten, „die wir in Deutschland haben“; man müsse „so schnell wie möglich verteidigungsfähig werden“.[4]

Drei Kriege gleichzeitig

Die Mobilisierung größtmöglicher Ressourcen für einen etwaigen Krieg gegen Russland kommt Überlegungen von US-Strategen zugute, die nicht ausschließen, Washington könne in absehbarer Zeit nicht nur in zwei, sondern sogar in drei Kriegen gleichzeitig kämpfen. Schon jetzt seien die Vereinigten Staaten in zwei Kriege involviert – in den Ukraine- und in den Gaza-Krieg –, während sich am Horizont bereits „ein dritter“ abzeichne – gegen China um Taiwan [5], heißt es in einem aktuellen Onlinebeitrag in der führenden außenpolitischen US-Zeitschrift, Foreign Affairs. Es erweise sich jetzt als nachteilig, dass Washington während der Amtszeit von Präsident Barack Obama offiziell erklärt habe, mit Blick auf seine trotz immenser Stärke doch begrenzten militärischen Kapazitäten in Zukunft nicht mehr zwei große Kriege zugleich führen zu können, heißt es in dem Text weiter; die Bestrebungen der vergangenen Jahre, Europa zu entpriorisieren und sich zudem aus Mittelost zurückzuziehen, um alle Kräfte gegen China in Stellung bringen zu können, hätten die Stellung der USA geschwächt. Im Hinblick darauf, dass man womöglich in absehbarer Zeit sogar drei Kriege zugleich führen werde, sei es dringend erforderlich, verbündete Staaten stärker einzuspannen. Eine vollumfängliche Fokussierung aller Ressourcen in Deutschland und Europa auf einen etwaigen Krieg gegen Russland hält den USA den Rücken für einen Krieg gegen China sowie eine Fortdauer ihrer Militärpräsenz im Nahen und Mittleren Osten frei: Sie ermöglicht damit im Wortsinne einen Dritten Weltkrieg.

siehe auch zum Thema „Innere Zeitenwende“ oder Wie das liberale Establishment schon heute die Geschäfte der AFD betreibt!"

[1] Zitate hier und im Folgenden aus: Markus Kaim, Ronja Kempin: Die Neuvermessung der amerikanisch-europäischen Sicherheitsbeziehungen. Von Zeitenwende zu Zeitenwende. SWP-Studie 2024/S 15. Berlin, 21.05.2024.

[2] Boris Pistorius: Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein. bundestag.de 05.06.2024.

[3] Reservisten sollen auf Einsetzbarkeit geprüft werden. mdr.de 03.06.2024.

[4] Strack-Zimmermann fordert Aktivierung von 900.000 Reservisten in Deutschland. spiegel.de 01.06.2024.

[5] Thomas G. Mahnken: A Three-Theater Defense Strategy. foreignaffairs.com 05.06.2024.

Der Beitrag ist erschienen in german-foreign-policy.com, 10 Juni 2024, wir danken für die Publikatiosnrechte 

Titelfoto Peter Vlatten

Eskalationsspirale in der Ukraine stoppen! Waffenstillstand und Verhandlungen jetzt!

Anlässlich der weiteren Eskalation rufen wir als Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin zur Unterstützung des folgenden Aufrufes auf:

Eskalationsspirale in der Ukraine stoppen! Waffenstillstand und Verhandlungen jetzt!

Aufruf des Bündnisses „Nie wieder Krieg“ c/o International Peace Bureau (IPB)

Mit der Erlaubnis für die Ukraine, jetzt auch mit NATO-Waffen russisches Territorium anzugreifen, dreht der Westen erheblich an der Eskalationsschraube. Auch mit deutschen Waffen darf jetzt wieder auf Russland geschossen werden.

Insbesondere die ukrainischen Angriffe auf Frühwarnanlagen der russischen Nuklearstreitkräfte sind unverantwortlich und eine dramatische Zuspitzung des Krieges. Sie betreffen das zentrale Sicherheitsinteresse Russlands als Atommacht. Die russische Nukleardoktrin sieht – ähnlich wie die der USA – die Möglichkeit eines Atomschlags bei Beeinträchtigung ihrer Nuklearfähigkeiten auch durch konventionelle Waffen vor. Eine entsprechende militärische Antwort Russlands kann nicht ausgeschlossen werden. Der Stellvertreterkrieg kann so leicht zum Dritten Weltkrieg werden.

Das massenhafte Sterben, die Zerstörung und der Ruin der Ukraine gehen unterdessen weiter.

Der Verlauf des Krieges zeigt, dass eine Lösung des Konflikts auf dem Schlachtfeld nicht möglich ist. Die militärische Logik muss durch Verhandlungen durchbrochen werden.

Daher fordern wir – auch aus historischer Verantwortung- von der Bundesregierung:

* eigene Initiativen zu ergreifen, die zu Waffenstillstand und Verhandlungen führen
* alles dafür zu tun, einen Beitrag für eine dauerhafte politische Lösung zu leisten.

Unsere Verpflichtung als verantwortungsbewusste Bürger dieses Landes besteht indes darin, der Regierung die Unterstützung ihres Kriegskurses zu verweigern.

Wir rufen dazu auf, diese Erklärung massenhaft zu verbreiten, zu unterstützen und zu unterzeichnen
https://nie-wieder-krieg.org/
Siehe auch unseren Beitrag "Der ukrainische Angriff auf unsere Sicherheit"

Wir rufen zudem zu Aktionen und verstärkter Aufklärung vor Ort auf.

Machen wir das Wochenende 21.-23.6.  – zu einem Wochenende der Aktionen und der Aufklärung in ganz Deutschland, das Mut macht für einen heißen Herbst.

Die Ablehnung der Eskalation muss lautstark und unübersehbar zum Ausdruck gebracht werden – in Medien, in Gewerkschaften, Verbänden, Universitäten, Schulen, Gemeinden, am Arbeitsplatz, überall, wo Menschen zusammenkommen. Jetzt und sofort!

Wir verlangen von unseren gewählten Abgeordneten, endlich auf die Mehrheit der Bevölkerung zu hören, die sich schon lange für eine Verhandlungslösung ausspricht.

Berlin, den 4. Juni.2024

Initiative „Nie wieder Krieg!“ c/o IPB, Marienstr. 19/20, 10117 Berlin, Reiner Braun und Ralf Krämer

Siehe auch unseren Beitrag "Der ukrainische Angriff auf unsere Sicherheit" 

Der ukrainische Angriff auf die globale Sicherheit

Der Angriff der Ukraine auf Module des russischen Frühwarnsystems gefährdet nicht zuletzt unsere eigene Sicherheit. Für eine „Kopernikanische Wende in der Sicherheitspolitik“ plädiert Leo Ensel, Konfliktforscher und Publizist. „Im Atomzeitalter ist Sicherheit nur noch zusammen mit, nie aber gegen den ‚Gegner‘ möglich!“, sagt er. – Das Gespräch führte Hans-Peter Waldrich.

Hans-Peter Waldrich: Herr Ensel, die Ukraine hat am 23. Mai im Nordkaukasus in Armawir und am 26. Mai im sibirischen Orenburg Teile des russischen Atomraketen-Frühwarnsystems mit Drohnen attackiert. Die Radare dienen dazu, einen möglichen nuklearen Erstschlag der NATO zu erkennen. Sie sind Mitglied einer Initiative von Informatikern, KI-Spezialisten und Politikwissenschaftlern, die warnt, solche Angriffe könnten einen Atomkrieg auslösen. Was ist daran so gefährlich?

Leo Ensel: Zunächst: Ich bin zwar Mitglied der von Informatikern ins Leben gerufenen Initiative gegen einen „Atomkrieg aus Versehen“, aber selbst kein Informatiker, sondern Konfliktforscher. – Man muss aber kein Informatiker sein, um die Tragweite der ukrainischen Angriffe auf Module des russischen Raketenabwehrsystems zu erkennen:

Die globale „Sicherheitsstruktur“ – wenn man sie überhaupt so nennen darf – zwischen den Atommächten USA und Russland beruht nach wie vor, wie im ersten Kalten Krieg, auf dem „Prinzip der gesicherten Zweitschlagsfähigkeit“. Auf Deutsch: Wer als Erster schießt, stirbt als Zweiter! Wenn die russische Zweitschlagsfähigkeit – z.B. durch gezielte Attacken auf Module des russischen Raketenabwehrsystems, dessen Aufgabe es ist, anfliegende ballistische US-Interkontinentalraketen rechtzeitig zu identifizieren – ausgeschaltet oder auch nur eingeschränkt wird, wäre Russland „geblendet“. Es könnte also im Krisen- oder Ernstfall nicht mehr rechtzeitig reagieren. (By the way: In der Logik der wechselseitigen Abschreckung würde es bereits ausreichen, wenn Russland sich geblendet fühlen würde!) Damit wäre die – extrem wackelige – Logik, auf der die „Sicherheit“ unseres gesamten Planeten seit Jahrzehnten basiert, eliminiert und die Wahrscheinlichkeit, dass Russland in einem akuten „gefühlten Krisenfall“, womöglich mit Atomwaffen, irrational handelt, würde in astronomischem Ausmaß anwachsen.

Insofern war der ukrainische Angriff auf die Module des russischen Raketenabwehrsystems auch ein Angriff auf unsere, nein: auf die globale Sicherheit! Es ist, nebenbei bemerkt, schwer vorstellbar, dass diese Attacken ohne Rücksprache mit dem wichtigsten ukrainischen Verbündeten erfolgt sein sollen. Vielleicht gab es ja auch eine Anweisung …

Hans-Peter Waldrich: Eingewendet wird doch, dass wir Putin daran hindern müssen, gegenüber der Ukraine auf Dauer Erfolge einzufahren, weil sonst die Gefahr besteht, dass er seine Großmachtträume bald etwa durch Übergriffe auf die baltischen Staaten vorantreiben wird. Ist daher als Teil der ukrainischen Verteidigungsstrategie nicht jeder Angriff auf russische militärische Strukturen gerechtfertigt?

Leo Ensel: Mit den Modulen des russischen Raketenabwehrsystems („Woronesch-Radar“) wurden, wie kürzlich nochmals überzeugend dargelegt wurde, keine russischen Angriffspotentiale attackiert, sondern ein System, dessen Zweck es ist, einen möglichen nuklearen Erstschlag der USA bzw. der NATO rechtzeitig zu identifizieren. Dieses System spielt im aktuellen russischen Krieg gegen die Ukraine überhaupt keine Rolle, Attacken darauf beschädigen allerdings – siehe oben – die gesamte globale Sicherheit!

Zu Ihrer ersten Bemerkung, die in der aktuellen Medienberichterstattung eine, nein: die Hintergrundmelodie in Endlosschleife darstellt: Dass Putin angeblich nach einem Sieg über die Ukraine als nächstes Polen oder das Baltikum angreifen will, dass übermorgen am Ende wieder russische Panzer durchs Brandenburger Tor rollen, ist eine völlig aus der Luft gegriffene Behauptung westlicher Propagandisten, deren Ziel es ist, den Krieg in der Ukraine, der schnellstmöglichst mit diplomatischen Mitteln beendet werden muss, ad infinitum zu verlängern und USA, NATO und EU immer tiefer in das Kriegsgeschehen hineinzuziehen. Wobei die Kriegziele völlig nebulös bleiben. Nach verschiedenen Berechnungen liegen die Militärausgaben der Nato zwischen dem 15- und dem 20-fachen der russischen. Die NATO hat insgesamt das 3,6-fache an Soldaten unter Waffen. Bei schweren konventionellen Waffen ist die NATO so gut wie haushoch überlegen. Dagegen könnte Russland höchstwahrscheinlich noch nicht einmal die gesamte Ukraine ‚schlucken‘, geschweige denn ‚verdauen‘. Immerhin führten in der Westukraine Teile der nationalistischen Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) noch bis Anfang der Fünfziger Jahre einen hartnäckigen Partisanenkrieg gegen die sowjetischen Besatzer.

Aber noch etwas zu Ihrer Bemerkung, „jeder Angriff auf russische militärische Strukturen“ sei „gerechtfertigt“: Alle Akteure stehen in der Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, dass dieser Krieg sich nicht noch weiter ausbreitet: zu einem europäischen, am Ende gar zum Dritten Weltkrieg, der früher oder später mit thermonuklearen Bomben geführt würde und das Ende der Menschheit, ja allen Lebens auf diesem Planeten bedeuten könnte! Aus diesem Grund hatte Joe Biden es auch seit Kriegsbeginn abgelehnt, die Ukraine mit Waffensystemen auszustatten, die in der Lage wären, russisches Terrain in der Tiefe zu attackieren.

Aber diese rote Linie wird gerade zunehmend aufgeweicht, was im Umkehrschluss nichts Anderes bedeutet, als dass wir dem thermonuklearen Abgrund jede Minute näherkommen … Es gibt Risiken, die nicht eingegangen werden dürfen!

Hans-Peter Waldrich: Ich komme darauf zurück, dass die Initiative, der Sie angehören, vor einem Atomkrieg aus Versehen warnt. Welche Versehen wären es denn beispielsweise, durch die eine nukleare Auseinandersetzung rein zufällig entstehen könnte?

Leo Ensel: Werfen wir, um die aktuelle Situation besser verstehen zu können, nochmals einen Blick zurück in die Zeit des ersten Kalten Krieges, die ja bereits gefährlich genug war. Damals hatten wir es im Wesentlichen mit zwei Akteuren zu tun, die sich mit der Drohung einer möglichen nuklearen Totalvernichtung gegenseitig in Schach hielten. Schon in dieser Epoche kam es immer wieder zu sogenannten „Critical Incidents“, wo die Welt kurz vor einem Atomkrieg stand. Ich erinnere an die Kubakrise, die in erster Linie durch die umsichtige Diplomatie der damaligen Staatschefs John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow – übrigens beide an ihren jeweiligen Militärs und Geheimdiensten vorbei – gerade noch rechtzeitig beigelegt werden konnte.

Ich erinnere aber vor allem an die zahlreichen Unfälle und Fehlalarme, bei denen die Welt um ein Haar an einem nuklearen Desaster vorbeischrammte. Am Bekanntesten ist ja der Fehlalarm im russischen Raketenabwehrzentrum bei Moskau vom 26. September 1983, bei dem die Welt vermutlich nur dank des mutigen und besonnenen Handelns des leitenden Offiziers, des russischen Oberstleutnants Stanislaw Petrow, einem Dritten Weltkrieg entkam. (Ich habe Petrow noch neun Monate vor seinem Tod in seiner Plattenbauwohnung in Frjasino bei Moskau besucht und mich bei ihm bedankt.) Einschlägig ist die bekannte Feststellung von Leon Wieseltier: Nukleare Abschreckung ist „wahrscheinlich das einzige politische Konzept, das total versagt, wenn es nur zu 99,9 Prozent erfolgreich ist.“

Heute befinden wir uns längst wieder in einem neuen, noch gefährlicheren Kalten Krieg: Wir leben nicht mehr in einer bipolaren, sondern in einer multipolaren Welt – ob das den USA passt oder nicht! Die Anzahl der Atommächte ist mittlerweile auf insgesamt neun angewachsen, Tendenz steigend. Zugleich werden die Trägersysteme für atomare Sprengköpfe immer zielgenauer und schwieriger zu orten. Trägersysteme, die keine ballistischen Bahnen beschreiben, wie Marschflugkörper oder Hyperschallraketen, können im Anflug praktisch gar nicht mehr eliminiert werden. Je näher diese Systeme an das gegnerische Terrain rücken, desto kürzer werden die Vorwarnzeiten. Zudem verwischt sich die Grenze zwischen Atomwaffen und sogenannten „konventionellen Waffen“ immer mehr.  Anfliegenden Trägersystemen ist nicht anzusehen, ob sie „konventionell“ oder nuklear bestückt sind. Mit der Entwicklung vergleichsweise „kleiner“ Atomsprengköpfe wächst die Versuchung, Nuklearwaffen auch tatsächlich einzusetzen. Und Militärs handeln immer nach dem Worst Case-Prinzip, was im Sinne einer Sich-selbst-erfüllenden-Prophezeihung eben diesen Worst Case umso wahrscheinlicher macht …

Mit einem Wort: Die Zahl der zu bearbeitenden Informationen wird immer größer, während die Vorwarnzeit, zuende gedacht, gegen Null tendiert. In dieser Situation müssen immer mehr Teilentscheidungen an sogenannte Künstliche Intelligenz ausgelagert werden, die ihrerseits fehleranfällig ist. Am Horizont zeichnet sich also nichts weniger ab, als die gespenstische Vision der Entscheidung über Sein oder Nichtsein unseres gesamten Planeten durch Künstliche Intelligenz, sprich: durch Automaten! Idyllische Zeiten, als ein Mann wie Petrow immerhin noch um die acht Minuten Zeit hatte, als Mensch aus Fleisch und Blut eine Entscheidung zu treffen.

Hans-Peter Waldrich: Alles hört sich so an, als sei die Sicherheit eines einzelnen Landes wie etwa Deutschland engstens mit der Sicherheit aller anderen Länder verbunden. Heißt das nicht, dass auch im Ukrainekrieg immer mitbedacht werden muss, welche Auswirkungen deren Verteidigung auf den Rest der Welt hat? Ist es daher zielführend, die Ukraine zu immer offensiverem Verhalten gegenüber Russland zu ermutigen?

Leo Ensel: Wie bereits angedeutet: In einer Situation, die jederzeit zu einem Dritten Weltkrieg eskalieren kann, haben alle Akteure die Pflicht, genau dies zu verhindern! Was letztlich nur bedeuten kann, diesen Krieg schnellstmöglich zu beenden und was im Übrigen auch der einzige Weg wäre, die geschundene Ukraine, die gerade zu Tode verteidigt wird, sprich: ausblutet – das Durchschnittsalter der kämpfenden Männer beträgt mittlerweile 43 Jahre – und in der immer weitere Landstriche auch mit westlichen Waffen wie Minen, Uran- und Streumunition auf Jahre, gar Jahrzehnte unbewohnbar gemacht werden, gerade noch zu retten.

Grundsätzlich gilt: Wenn sich eine der kämpfenden Parteien definitiv in die Ecke gedrängt fühlen wird – was bei der Ukraine de facto bereits der Fall ist –, dann steigt die Wahrscheinlichkeit irrationalen Verhaltens dramatisch. (Die aktuellen ukrainischen Attacken auf Module des russischen Raketenabwehrsystems ordne ich genau in dieser Logik ein.) Im – unwahrscheinlicheren – Falle, dass Russland sich in dieser Situation befände, würde dieses Land der Welt definitiv beweisen, dass es eine Atommacht ist…! (Es gibt ja dort bereits Stimmen einflussreicher Politikberater, die ungeniert für sogenannte „präventive nukleare Vergeltungsschläge“ werben.) Je länger also der Krieg noch dauert, desto mehr werden sich alle Akteure radikalisieren und die Risiken für den gesamten Planeten ins Unermessliche steigern.

Die relevanten Akteure haben das offenbar alle vergessen. Dabei hatten es Männer wie Willy Brandt, Olof Palme und Michail Gorbatschow bereits vor Jahrzehnten auf den Punkt gebracht: Im Atomzeitalter ist Sicherheit nur noch zusammen mit, nie aber gegen den ‚Gegner‘ möglich! In diesem Sinne sind also alle – ob es uns passt oder nicht – heute ‚Sicherheitspartner‘. Es wird allerhöchste Zeit, nach diesem Prinzip der „Gemeinsamen Sicherheit“ wieder zu denken und zu handeln! Michail Gorbatschow nannte dies „Neues Denken“.

Hans-Peter Waldrich: Ist aber Sicherheit nicht durch gute Technik möglich? Immerhin verfügen wir jetzt auch über Künstliche Intelligenz, die gemeinsam etwa mit Überwachung aus dem Weltraum zumindest aktuell Sicherheit viel besser garantieren kann als noch vor einigen Jahren.

Leo Ensel: Das Gleiche, wie oben gesagt, gilt auch für die Technik: Keine noch so ausgeklügelte Technik oder Künstliche Intelligenz wird uns retten können, denn die tiefste Wurzel der gesamten Malaise liegt nicht in mangelnder oder unperfekter Technologie, sondernin dem abgrundtiefen Misstrauen, das alle rivalisierenden geopolitischen Akteure gegeneinander hegen! Wir benötigen also tatsächlich  eine „Kopernikanische Wende im Denken und Handeln“, indem sich alle relevanten militärischen und politischen Akteure – über alle Gegensätze und Feindschaften hinweg – wieder zu einer Politik des „Neuen Denkens“ durchringen: Zu Diplomatie, zu Verhandlungen, zu einer Politik der Deeskalation und der schrittweisen Rekonstruktion des Vertrauens hin zu einer neuen europäischen Sicherheitsordnung nach den Prinzipien der „Charta von Paris“ vom November 1990, deren zentraler Satz ja lautete:

„Sicherheit ist unteilbar, und die Sicherheit jedes Teilnehmerstaates ist untrennbar mit der aller anderen verbunden.“

Hans-Peter Waldrich: Herr Ensel, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Zu den Autoren: Hans-Peter Waldrich ist ein bekannter deutscher Politikwissenschaftler und Publizist. Leo Ensel ist Konfliktforscher und den Leserinnen und Lesern von Globalbridge.ch von zahlreichen Artikeln her bestens bekannt.

Erstveröffentlicht bei GlobalBridge v. 29.5. 2024
https://globalbridge.ch/der-ukrainische-angriff-auf-die-globale-sicherheit/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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