Bürgerlicher und sozialdemokratischer Mainstream haben massiven Rechtsruck begünstigt

Wahlen in Schweden

Vorbemerkung: In Europa greift ein Rechtsruck um sich. Es ist die Folge neoliberaler Politik in Verbindung mit einer schwachen zahnlosen prinzipienlosen Linken. Hermann Dierkes analysiert die Schwedenwahl. Demnächst sind Wahlen in Italien, wo noch ein stärkereres Vordringen einer rechten Front droht . Wir werden weiter berichten. ( Peter Vlatten)

Hermann Dierkes

Das Ergebnis der Parlaments-, Regional- und Kommunalwahlen von Sonntag, 11. September, hat den seit Jahren anhaltenden Rechtstrend in Schweden bestätigt. Wir werden uns hier auf die Wahl des „Rikdags“, des nationalen Parlaments, konzentrieren, weil sie eine wichtige Weichenstellung einläutet.

Der „Bürgerblock“ aus den Parteien Moderate, Christdemokraten und Liberalen kommt nach Ende der verzögerten Auszählung zusammen mit den faschistoiden und sensationell starken Schwedendemokra- ten (SD) auf eine knappe Mehrheit von 176 gegenüber 173 Mandaten für den sog. „Linksblock“. Auf einer Pressekonferenz am Abend des 14. September räumte die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Magdalena Andersson ihre Niederlage ein und kündigte ihren Rücktritt an. Sie bleibt bis auf weite- res geschäftsführend im Amt. Der Tenor ihrer Erklärung hob die Folgen des Ukraine-Kriegs, die starke wirtschaftliche und finanzielle Lage Schwedens und die starke Erholung der Sozialdemokraten hervor. Warum sie trotzdem die Regierung verloren hat, war danach kaum nachvollziehbar. Nun stehe man vor einem „Kriegswinter“ mit großen Herausforderungen für jede neue Regierung. Ihre Tür sei offen für alle demokratischen Parteien mit Ausnahme der SD, sollte Ulf Kristersson (von den „Moderaten“, der konservativen Partei) keine Regierung bilden können. Leider habe sich Kristersson entschieden, den SD den Vorrang zu geben.

Wer die nächste Regierung führen und wie sie sich zusammensetzen wird, ist derzeit noch unklar. Jetzt hat der Parlamentssprecher das Wort. Er dürfte nach Lage der Dinge Kristersson den Auftrag zur Re- gierungsbildung erteilen. Noch sind mehrere Varianten denkbar, insbesondere, weil es im Bürgerblock doch erhebliche Differenzen darüber zu geben scheint, ob und wie mit den SD eine gemeinsame Re- gierung zu bilden ist. Aber ob die SD sich damit bescheiden, nur als parlamentarische Stütze für eine Minderheitsregierung zu fungieren? Auch in der Zentrumspartei, die sich zunächst für ein Bündnis mit den Sozialdemokraten ausgesprochen hatte, werden erhebliche Meinungsverschiedenheiten deutlich, mit wem man regieren will und mit wem nicht. Inzwischen hat die Vorsitzende von Center, Annie Lööf, bekanntgegeben, dass sie sich aus der Politik zurückziehen wird.

Die noch unvollständige Auszählung der Ergebnisse ergab am Sonntagabend zunächst einen hauch- dünnen Vorsprung für den rechten bis rechtsextremen Parteienblock gegenüber dem (nicht formellen) Lager aus Sozialdemokraten, liberaler Zentrumspartei, Linkspartei und Grünen. In absoluten Zahlen waren es lediglich 46.000 Stimmen, die die beiden Lager trennten. Die sozialdemokratische Minister- präsidentin Magdalena Andersson – sie führte schon seit einiger Zeit eine Minderheitsregierung und stand bereits mehrmals vor dem Scheitern, seitdem sie im November 2021 Parteivorsitzende und Ministerpräsidentin wurde – konnte sich noch Hoffnung auf einen Mandatserhalt machen, ohne dass al- lerdings die nötigen Koalitionspartner feststanden. Nach Auszählung von noch rd. 200.000 Briefwahl- stimmen und den Stimmen der Auslandsschwed:inn en stand am Abend des 14. September dann fest: Die Regierung Andersson ist abgewählt. Die Sozialdemokraten müssen nach zwei Wahlperioden wie- der in die Opposition. Jetzt läuft sich die potentielle rechte Koalition warm.

Quelle : Wikipedia

Eindeutiger Sieger sind mit 20,6 Prozent und fast 1,323 Millionen (von 6,445 Millionen gültigen) Stimmen die sog. Schwedendemokraten (SD; besser: Schwedendemagogen). Sie nehmen mehr oder weniger die Rolle der AfD in Deutschland ein. Die SD ist in den vergangenen neun Wahlen seit den neunziger Jahren kontinuierlich aufgestiegen. Sie stammt eindeutig aus faschistoidem/rechtsradikalem Milieu. Unter ihrem Führer Jimmie Åkesson wurde der Schafspelz über ihrer Wolfshaut geschickter- weise immer dicker. Ihr Erfolgsrezept: Gehässige Hetze, Sündenbockmentalität, stupiden, weißen Nationalismus verbreiten und das Versagen der Regierung demagogisch ausschlachten. Klimapolitisch entschieden reaktionär, Atomkraft ja, Windkraft nein. Kritik der steuerparadiesischen Verhältnisse für Reiche und Ultrareiche? Fehlanzeige.

Derzeit kommen rund 60 % ihrer Stimmen aus dem ländlichen/kleinstädtischen Bereich. Sie werden (noch) überwiegend von Männern gewählt. Männliche Arbeiter wählen in fast gleicher Größenordnung Schwedendemokraten wie Sozialdemokraten. Erschreckend auch der hohe Anteil von SD- Wähler:innen aus den jüngeren Jahrgängen. Die SD sind nun die zweitstärkste Partei hinter der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Schwedens (SAP) und stärkste Kraft im Rechtsblock, noch vor den Moderaten. Wenn die Sozialdemokraten ihre Stellung als stärkste Fraktion halten und wieder zulegen konnten, so dürfte ein gehöriger Teil ihrer Stimmen „anti-rechts“ motiviert gewesen sein und nicht aus programmatischer Überzeugung.

Die Linkspartei (Vänsterpartiet) kann sich ihre Verluste (in der Fläche – glimpfliche Ausnahmen sind die zweistelligen Ergebnisse in den drei Großstädten Stockholm, Göteborg und Malmö) eindeutig ihrer angepassten und auf Regierungsbeteiligung ausgerichteten Strategie zuschreiben. Ihrer Kampagne fehlte jede Schärfe und programmatische Zuspitzung. Man hat den Eindruck, dass bürgerliche Consulting-Firmen die Hand geführt haben und nicht demokratisch gewählte Gremien und Parteiprogramm. Offensichtlich wollte man auf keinen Fall bei den Sozialdemokraten anecken.

Im Verlaufe der vergangenen Wahlperiode hatten die beiden traditionellen bürgerlichen Parteien – Moderate und Christdemokraten – ihre Absage an jede Koalition mit der faschistoiden SD aufgegeben und ihre Demagogie übernommen. Auch die Sozialdemokraten hatten ihre zunehmend antisoziale, undemokratische, das Arbeitsrecht demontierende, die Reichen und Superreichen begünstigende Poli- tiki und ihren seit Jahren und lange vor der russischen Ukraine-Invasion betriebenen pro-NATO-Kurs immer offener mit nationalistischer und rechter Demagogie angereichert bzw. sogar in praktisches Handeln umgesetzt. Der Kotau vor Erdogan und die drohende Ausweisung von kurdischen Menschen- rechtlern und Widerstandskämpfern, die auf dem Altar für dessen Zustimmung zum schwedischen NATO-Beitritt geopfert werden sollen, ist ein besonders schändlicher Aspekt.

Bereits am Montagmorgen trafen sich Moderaten-Chef Ulf Kristersson und SD-Chef Jimmie Åkesson, um ihre weitere Vorgehensweise abzuchecken, sollte sich die Mehrheit für ihr Lager bestätigen. Dies, obwohl Kristersson gegenüber seiner Basis über die sozialen Medien noch verlauten ließ, sie möge sich gedulden und das Endergebnis abwarten. Offensichtlich heiße Luft oder Taktierei, denn Kristers- son hat schon länger keinen Zweifel mehr daran gelassen, dass er gewillt ist, auch mit den SD eine Mehrheit zu zimmern. Allerdings hatte er sich die SD wohl schwächer gewünscht… Auf den öffentlichen Vorbehalt der kleinen liberalen Partei im Rechtsblock, die extreme Rechte solle keine Minister- posten erhalten, erklärte Richard Jomshof, seit 2015 Parteisekretär der SD: „Ich glaube, wir stehen den Liberalen doch recht nahe. Von daher macht es keinen Sinn, diese Art von roter Linie zu ziehen.“ Wir können allerdings davon ausgehen, dass die gegenseitige Ablehnung in beiden Parteien im gleichen Verhältnis steht.

Verbreitete Kleinkriminalität unter perspektivlosen Jugendlichen sowie blutige Bandenkriege, vor allem in den großstädtischen Zentren bzw. ihrer Peripherie sowie wachsende Verunsicherung in der Bevölkerung wurden von den SD und ihrer migrations- und sozialfeindlichen Haltung brutal ausgenutzt, um Stimmung zu machen („Ausweisen“, „härtere Strafen“ und dergleichen). Kampagnenmateri- al und Reden der Mehrheit der Parteien glichen sich am Ende oftmals – entweder durch nichtssagende Phrasen oder mit rassistischem Einschlag.

Der NATO-Beitritt ist im Mainstream nicht mehr kontrovers. Explodierende Energiepreise und Mieten (die eigentliche „Inflation“) waren kaum noch ein Thema. Wie auch, wo die Regierungspartei prak- tisch nichts unternommen hat, um den Wahnsinn auszubremsen? Angesichts massiver Kritik aus Bevölkerung und Wirtschaft sowie des drohenden Regierungsverlusts verkündete Ministerpräsidentin Andersson buchstäblich in letzter Minute vor dem Wahltag, man habe einen „Durchbruch“ in Sachen Energiekostensenkung erreicht. Handfeste Einzelheiten nannte sie nicht. Der Vorstoß sollte wohl vor allem dazu beigetragen, ihr „den Arsch zu retten“. Den Vogel schoss die SD ab, die ihre Werbung auf Metrowagen mit faschistoiden Sprüchen so zuspitzte: „Heimatexpress – ohne Rückfahrkarte nach Kabul“.

Die Sozialdemokratische Partei wollte dem mit ihrer Sündenbockpolitik nicht nachstehen. Als Ministerpräsidentin Andersson verkündete, man wolle keine „Somalitowns“ dulden (gegen stark segregierte „capital towns“ hatte sie sich natürlich nie ausgesprochen), so hatte das allerdings einen Preis: Saida Hussein Moge, die profilierte sozialdemokratische Stadtverordnete aus Göteborg mit somalischen Wurzeln ‒ Platz 10 auf der Liste der SAP für den Reichstag, erklärte umgehend ihren Parteiaustritt.

Sie war nicht die einzige, die sich mit Grausen abwandte. In den letzten Wochen haben etliche namhafte Persönlichkeiten, darunter der Historiker Sven-Eric Liedmanii sowie der Journalist und Buchautor Ola Larsmoiii erklärt, dass die Sozialdemokratie für sie nicht mehr wählbar ist. Wie auch anderswo muss sich der „nordische Mainstream“ den Vorwurf gefallen lassen, dass er nicht nur die Rechtsver- schiebung gefördert, sondern auch als Steigbügelhalter für eine immer stärkere extreme Rechte fungiert hat. Das alles hat natürlich auch fatale EU-weite und internationale Konsequenzen.

Mittwoch, 14. September 2022, am Abend

Diesen Beitrag übernehmen wir mit Genehmigung der Webredaktion der Internationalen Sozialistischen Organisation (ISO). Der Verfasser lebt
seit einigen Jahren in Schweden. Wir danken dem Autor für die Publikationsrechte

Anmerkungen:

i So ist die Zahl der Ultra-Kronen-Milliardär:innen zwischen 1996 und 2021 um 1.800 Prozent und deren Ge-
samtvermögen um 3.000 Prozent gestiegen. 2021 handelte es sich – allein nach öffentlich zugänglichen Quellen
– um 542, die ein Vermögen von 3.500 Mrd. Kronen besitzen, Tendenz weiter steigend. (Die schwedische Krone
steht derzeit grob gerechnet im Verhältnis von 10:1 zum Euro.) Das sind 0,07 Promille der erwachsenen Bevöl-
kerung. Mit im Verein: eine ganze Reihe frühere Regierungschefs und hohe Funktionär:innen aus den Reihen der
Sozialdemokratie.
Schweden ist das Land in der westlichen Welt, das die Besteuerung von Vermögen am drastischsten gesenkt hat.
Daran waren mehrere Regierungen beteiligt, die Sozialdemokrat:innen haben den Kurs fortgesetzt. Diese Steu-
erpolitik hat dazu geführt, dass diejenigen mit hohen und extrem hohen Einkommen prozentual weniger Steuern
bezahlen als diejenigen mit durchschnittlichen Erwerbseinkommen. Die ungerechte Vermögensverteilung schlägt
seit Jahren Rekorde. 45 Prozent der Haushalte haben inzwischen ein Jahreseinkommen von unter 10.000 Euro.
Schweden liegt bei der ungerechten Vermögensverteilung inzwischen auf Platz 12 nach Ländern wie den Baha-
mas, Brunei, Brasilien, Russland, Südafrika und Sambia. Politik von Reichen für die Reichen! Die maßlos auf-
geblähten Aktienpakete und Immobilienwerte haben allerdings – mehr noch als vor 2008/9 – die Bedingungen
für eine neuen und noch größeren Riesencrash geschaffen.
Vgl. das aktuelle (bislang nur auf Schwedisch erhältliche) Buch des Aftonbladet-Journalisten Andreas Cervenka,
Girig Sverige: Så blev folkhemmet ett paradis för de superrika (Gieriges Schweden ‒ so wurde das Volksheim
ein Paradies für die Superreichen, Stockholm: Natur & Kultur, 2022). Desgleichen: Världens jämlikaste Land?
(etwa: Der Welt gleichstes Land?) von Erik Bengtsson (Lund: Arkiv Förlag, 2020) sowie die umfassende Quer-
schnittsstudie der Gesamtgesellschaft von 2015 https://www.katalys.org/publikation/no-59-klasstrukturen-i-
sverige-struktur-klass-och-inkomster-kontinuitet-och-forandring-1985-2015/
, die der Think-tank Katalys
https://www.katalys.org/ veröffentlicht hat

ii Sven-Eric Liedman https://sv.wikipedia.org/wiki/Sven-Eric_Liedman ist ein anerkannter Ideenhistoriker. Er
veröffentlichte unter vielen anderen Werken eine Untersuchung über den jungen Marx (1968). Auf Deutsch liegt
von ihm vor: Das Spiel der Gegensätze: Friedrich Engelsʼ Philosophie und die Wissenschaften des 19. Jahrhun-
derts (Frankfurt a. M. u. New York: Campus, 1986).


iii Ola Larsmo https://en.wikipedia.org/wiki/Ola_Larsmo hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter den Ro-
man Swede Hollow (2016; engl. 2019), in dem er das Elend eines großen Teils der nach den USA ausgewander-
ten Schwed:innen schildert, und eine Erzählung über den großen Streik in der Provinzhauptstadt Västervik im
April 1917.

Debattenkultur im Kriegsgeschehen

Manche Äusserungen zum gegenwärtigen Kriegsgeschehen und gegen den Angriffskrieg von Putin wirken schon selbst wieder putinesk. Eigentlich müsste jeder, der sich auch nur ansatzweise „links“ verortet, wissen:

  • „Es geht nicht um Menschenrechte, sondern Politik ist in erster Linie interessengeleitet“ (eigentlich muss man nicht einmal die berühmte Aussage dazu von Egonn Bahr zitieren). Allein aus der Tradition des Aufklärertums müsste man sich fragen, ob nicht eine weltweite Machtpolitik zur Verbreitung „westlicher Werte“ mit ihren „doppelten Standards“ die Züge einer Fortsetzung von Kreuzrittertum oder der Verbreitung des Christentums mit „Schwert“ und „Kanonen“ unter den sogenannten „barbarischen Völkern“ in sich trägt.
  • „wenn es Krieg gibt, stirbt die Wahrheit als erstes“, und zwar von ALLEN Seiten! Unter Kapitalisten und eben auch kapitalistischen Staaten herrscht Konkurrenz, die sich in zugespitzten Konflikten entlädt, wirtschaftlich und schließlich auch militärisch! Wer sich diesen „linken Grunderkenntnissen“ verschliesst, wer sich zum Sprachrohr der Propaganda des eigenen an einem internationalen Konflikt beteiligten kapitalistischen Landes macht, dessen Mitverantwortung für hegemoniale Bestrebungen einfach wegleugnet und die Verantwortung für alles einzig und allein beim kapitalistischen Gegner proklamiert, liefert die Mehrheit der breiten Bevölkerung dem Kapital im eigenen Land aus. Während Vizekanzler Habeck noch zu Beginn des Ukrainekriegs laut und deutlich artikulierte „Wir sind Wirtschaftskriegspartei“ (ZDF 30.3.22 [1] Habeck zu Gasversorgung: „Wir sind Wirtschaftskriegspartei“ – ZDFheute ) , darf das Wort „Wirtschaftskrieg“ heute nur noch bei Strafe eines Shitsturms seiner Anhänger in den Mund genommen werden.
  • über die, die dem Bellezismus bedingungslos folgen, ihr letztes Quäntchen kritischer Skepsis an der Garerobe gelassen haben sowie jedes Nachdenken über Umstände und Ursachen eines Krieges niederschmettern oder sogar mit Dreck bewerfen, und zwar auf beiden Seiten des Kriegsgeschehens, sei als Lektüre der Roman „Der Untertan“ von Heinrich Mann empfohlen.
  • und zuletzt noch, wie will man die Demokratie verteidigen, wenn in ihr immer weniger frei gestritten werden kann? Und kann ein Land, dass die gewerkschaftlichen Rechte vollkommen ausgehebelt und zuletzt sogar die Gewerkschafthäuser enteignet hat, Speerspitze zur Verteidigung „unserer Demokratie“ sein?

Heinz Michael Vilsmeier [2] Heinz Michael Vilsmeier, Christian Bernhard, Blogger , 3.9.2022, diverse FB Gruppen klagt sein Leid als Blogger anlässlich etlicher Kommentare zu seinen kritischen Äusserungen über die gegenwärtige Regierungspolitik:

„Es ist sehr bequem, Kritiker als „Putin-Trolle“ zu stigmatisieren, um sich auf diese Weise deren Kritik inhaltlich nicht stellen zu müssen. – Noch bequemer ist es, jegliche Kritik als Teil einer vom Kreml gesteuerten Kampagne zu diskreditieren. – Die solches tun, sind argumentativ bereits am Ende.

Diejenigen, die vorgeben, die Freiheit zu verteidigen, sind deren ärgste Feinde.

Sie verunglimpfen ihre Meinungsgegner als bezahlte Agenten Putins, faseln von vom Kremel gesteuerten Kampagnen und von „Trollfabriken“ und vergiften so den öffentlichen Diskurs über die existentielle Frage von Krieg und Frieden. Ihr repressives Denken unterscheidet sich in nichts von dem Putins. Zuerst töten sie die Wahrheit, dann unterdrücken sie die Meinungsfreiheit – genau so entstehen Systeme der Unfreiheit.“

Christian Bernhard ergänzte:

“ Ablenken. ….. Alles alles in Ordnung, was getan wird, denn Putin hat immer Schuld. Wenn wir dreckiges, teures Frackinggas aus den USA kaufen: Putin. Wenn wir eine desaströse Gasumlage fabrizieren : Putin. Dümmliche Waschlappenäußerungen: Putin. Öl von Schurken: (Katar: Haltung von Arbeitssklaven) Saudi-Arabien ( Kashoggi, 81 Hinrichtungen an einem Tag kürzlich). Putin

Merkt ihr nicht selbst, wie peinlich das allmählich wird.“

Selbst Hamburgs Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi im letzten Gespräch am Freitag mit Abendblatt-Vize Matthias Iken äussert unzweideutig seine Bedenken zum Druck, der auf Kritiker des westlichen Agierens in der aktuellen Debatte ausgeübt wird: [3]Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit Abendblatt-Vize Matthias Iken. Heute über die Welt auf Kriegskurs. Siehe auch Post von Wolfgang Rose, ehmals Bezirksleiter verd.i Hamburg:  … Continue reading

„Iken: Warum gibt es in Berlin, ja in Europa kaum Opposition gegen den Kriegskurs?

Dohnanyi: Putin hat den Krieg angefangen, und so geht man nicht nur in Berlin gehorsam davon aus, auch alle Ursachen lägen bei ihm. Aber viele Sachkundige auch der USA betonen, dass der Westen wissen musste, wie kritisch aus Sicht russischer Sicherheitsinteressen ein militärisches Vordringen der Nato bis an seine Grenzen wäre. Dieses Thema ist in Medien und Parteien tabu, alle folgen blind der Darstellung von Nato und USA. Erst wenn die Wahrheit wieder salonfähig wird, werden wir Aussicht auf Frieden bekommen. Es wäre blamabel, wenn nur ein kalter Winter und massive Demonstrationen diese Wahrheit herbeizwingen würden.“

Der Diffamierungskurs gegen wirkliche linke und demokratische Kritiker des Militarisierungskurses und der Sanktionspolitik gewinnt an Schärfe. Zunehmend wird Ihnen „geistige Nähe“ zu AFD und Rechtsextemisten vorgeworfen. Das ist billige oberflächliche Polemik, da linke Kritik, wenn sie denn diesen Namen verdient, sich gezielt gegen jegliche Interessenspolitik im Sinne des Kapitals wendet und eine nationalistisch paneuropäische Hegemonialpoltik , insbesondere auch unter „deutscher Führung“, rigoros ablehnt. Der Kampf gegen den Klimawandel kann nur in internationaler Zusammenarbeit der ganzen Menschheit gelingen. Im Fadenkreuz linker Politik steht der Kampf gegen ALLE Kriege, ohne nationale Verzerrungen. Und der Zusammenschluss der arbeitenden Menschen kann nur bei gegenseitigem Respekt gegenüber allen benachteiligten Minderheiten (seien es Migranten, Frauen, vulnerable Gruppen etc.) erfolgreich sein. Eher schon könnte man Baerbock, wollte man mit gleicher billiger Münze zurückzahlen, Seelenverwandtschaft zu den Hardcore Nazis von NPD und 3.Weg vorwerfen, da diese glühende Verfechter des „ukrainischen nationalen Freiheitskampfes“ sind und breit dazu aufrufen, in den Freiwilligen Einheiten der Ukraine bis zum „Endsieg über die Russen“ mitzukämpfen.

Vieles erinnert heute an die Zeit des Ausbruchs des 1. Weltkriegs. Selbst Karl Liebknecht stimmte angesichts des öffentlichen Drucks bei der ersten Abstimmung den Kriegskrediten zu . Erst bei der zweiten Abstimmung verweigerte er sich. Auch Käthe Kollwitz unterstützte zunächst den Krieg. Später malte sie ihr weltbekanntes Plakatbild „Nie wieder Krieg“. Die große Mehrheit der sogenannten „aufgeklärten“ Künstler und Intellektuellen Berlins machten sich zum Büttel des Kaisers. Es dauerte 3 Jahre bis nach dem anfänglichen Siegesrausch sich das ganze Ausmaß der Zerstörung abzeichnete und Entsetzen und totale Ernüchterung breitmachten. Tun wir alles, setzen wir unseren kritischen Verstand gegen jede Art Propaganda ein und melden uns mutig zu Wort, damit den Menschen Europas und weltweit eine solche Entwicklung diesmal erspart bleibt

References

References
1 Habeck zu Gasversorgung: „Wir sind Wirtschaftskriegspartei“ – ZDFheute
2 Heinz Michael Vilsmeier, Christian Bernhard, Blogger , 3.9.2022, diverse FB Gruppen
3 Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit Abendblatt-Vize Matthias Iken. Heute über die Welt auf Kriegskurs. Siehe auch Post von Wolfgang Rose, ehmals Bezirksleiter verd.i Hamburg: https://www.facebook.com/wolfgang.rose.79/posts/pfbid02eYfPhTMmJ26zjGN91bcVAcBH8dR8NH5bLbr9irx4zqHuLZZMLWESxBL5xMzrKTTAl

Veranstaltung mit Assaf Adiv von der „MAAN Workers Association“ zu Organisierung palästinensischer Arbeiter in Israel

Arbeitskreis Internationalismus IG Metall Berlin und verd.i laden ein zur Diskussion mit Assaf Adiv, dem Gründer und Geschäftsführer der „MAAN Workers Association“ zu Organisierung palästinensischer Arbeiter in Israel.

24. August um 18.00, IG Metall Haus , Raum E02, Alte Jakobstraße 149, 10969 Berlin (Nähe U Bahnhof Hallesches Tor)

Am Sonntag, den 7. August, endete eine weitere tödliche Eskalation im Gazastreifen, doch ohne eine politische Lösung, die die Besatzung beendet und den Palästinensern Freiheit gewährt, hat der Countdown für den nächsten Krieg begonnen.

Assaf Adiv ist eine führende Stimme innerhalb der vielfältigen demokratischen Bewegung von Palästinensern und Israelis, die versuchen, einen neuen Weg der sozialen und politischen Gerechtigkeit für alle zu beschreiten.

MAAN ist einzigartig in seiner Arbeit zur Organisation von Palästinensern, die in Israel arbeiten. Seit 2021 führt sie eine Kampagne gegen das Genehmigungssystem, das Israel 200.000 palästinensischen Arbeitnehmern auferlegt, und hat einen öffentlichen Aufruf zur Ausstellung einer Green Card für palästinensische Arbeitnehmer veröffentlicht.

Wer ist die MAAN Workers Association und was sind wesentliche Hintergründe?

Über WAC-MAAN

WAC-MAAN, das Workers Advice Center (ein eingetragener gemeinnütziger Verein), ist eine unabhängige repräsentative Arbeitnehmerorganisation, die Arbeitnehmer unabhängig von Nationalität, Religion, Geschlecht oder Hautfarbe vereint. WAC versucht, die Unorganisierten in einer breit angelegten Gewerkschaft zu organisieren.

Der WAC wurde Ende der 1990er Jahre gegründet, um der zunehmenden Arbeitslosigkeit, der wachsenden Zahl mittelloser Arbeitnehmer und der sich vertiefenden sozialen Kluft entgegenzuwirken. Heute ist der Mindestlohn das Maximum. Die meisten haben keine Rentenversicherung. Die Bosse halten sich nicht an die bestehenden Tarifverträge und bekämpfen alle Versuche, sich zu organisieren.

Nur ein Drittel der drei Millionen Beschäftigten in Israel ist gewerkschaftlich organisiert. Von den übrigen finden Tausende im WAC Unterstützung, Beratung, Rechtsschutz und Hilfe bei der Organisierung.

Das globale Zeitalter und die Privatisierung
Seit Mitte der 1990er Jahre, als Israel in das globale Zeitalter eintrat, hat sich eine Privatisierungsepidemie in der israelischen Wirtschaft ausgebreitet. Organisierte Arbeitskräfte wurden abgebaut, zunächst im Dienstleistungssektor (z.B. Reinigungskräfte, Sicherheitspersonal), später auch im Baugewerbe, im Verkehrswesen und in der Industrie. Angesichts der Haushaltskürzungen förderten die Ministerien selbst den Einsatz von Subunternehmern und Zeitarbeitern. Alle Wirtschaftszweige folgten diesem Beispiel.

Es kam auch zu einer massiven Einfuhr von Wanderarbeitern unter den Bedingungen der Schuldknechtschaft. Mit dieser modernen Form der Sklaverei machten die Arbeitsvermittlungsunternehmen ein Vermögen. Migranten aus China, Thailand und anderen Ländern wurden zunächst nach Israel gebracht, um Palästinenser zu ersetzen, deren Einreise ab 1993 verboten wurde. Die Einreise dieser unorganisierten und ihrer Rechte beraubten Arbeiter in den Bereichen Bau, Landwirtschaft und Körperpflege hatte zur Folge, dass die Löhne auf breiter Front sanken.

Widerstand gegen die Diskriminierung von Arabern
Die Araber, die etwa 20 % der israelischen Bevölkerung ausmachen, befinden sich am unteren Ende der Skala, wenn es um Arbeitsplätze, Lohnbedingungen und Aufstiegschancen geht. Der WAC setzt sich für die Verbesserung ihres Status und ihrer Chancen ein, um eine Grundlage für Gleichheit und Partnerschaft in der gesamten Gesellschaft zu schaffen. Der WAC setzt sich gegen alle Formen der Diskriminierung ein.

Die soziale Kluft hat die israelische Gesellschaft verändert
Das Israel des Jahres 2010 bietet keine Beschäftigungssicherheit. Junge Arbeitnehmer sind mit ziemlicher Sicherheit von Ausbeutung, fehlenden sozialen Rechten und Mindestlöhnen bedroht. Die Struktur des Wohlfahrtsstaates, die Israel in seinen Anfängen auszeichnete, diskriminierte schon damals seine arabischen Bürger, bot aber ein breites Sicherheitsnetz für jüdische Arbeitnehmer. Dies hat sich geändert. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich ein soziales und wirtschaftliches System entwickelt, das durch große Einkommensunterschiede gekennzeichnet ist. Diese haben zu einem Gefühl der Entfremdung und Unruhe sowohl unter Juden als auch unter Arabern geführt, insbesondere in den geografischen Randgebieten. Selbst bei fortschrittlichen Arbeitsgesetzen oder bei Unterzeichnung eines Tarifvertrags bleiben die Errungenschaften in den Händen einiger weniger. Ohne die Mittel zur Durchsetzung der Gesetze und in Anbetracht der Schwäche der Histadrut seit den 90er Jahren haben die meisten Arbeitnehmer keinen Schutz vor der kleinen Gruppe superreicher Familien, die Israel faktisch politisch und wirtschaftlich beherrschen.

Beendigung der Besatzung

Der Aufbau einer neuen Gewerkschaftsbewegung erfordert einen grundlegenden politischen Wandel in den Gesetzen, Prioritäten und der Politik Israels. Die Besatzung muss beendet werden. Jedes künftige Friedensabkommen muss auf zwei souveränen Staaten beruhen. Darin sieht der WAC den Schlüssel zum sozialen Wandel und zum Aufbau einer egalitären Gesellschaft.

Der WAC sieht es als eine grundlegende moralische Pflicht an, den Arbeitern, die in den besetzten Gebieten leben, zu helfen. Der WAC fordert gleiche Rechte für alle Arbeiter – israelische, Wanderarbeiter und Palästinenser. Der WAC fordert, dass die Regierung ihre Politik des Imports von billigen, rechtlosen Arbeitskräften beendet.

WAC und die internationale Arbeiterbewegung
Der WAC unterhält enge Beziehungen zu Gewerkschaften im Ausland. Sie ist ein Partner in deren Kampagne zur Bewahrung der Errungenschaften der Arbeiterbewegung in einer Zeit, in der das neoliberale kapitalistische System gescheitert ist. In der internationalen Bewegung von heute wird nach kreativen Wegen gesucht, um die Verbindung zu den Arbeitern zu vertiefen und der Arbeiterschaft ihren rechtmäßigen Platz im Zentrum des politischen Lebens zurückzugeben. Der WAC sieht sich selbst als Teil dieses Trends. Nachdem ihre Rechte mit Füßen getreten wurden, müssen sich die Arbeitnehmer in Israel mobilisieren und kämpfen.

Der WAC ist relativ neu – als Gewerkschaft steht er noch ganz am Anfang. Die Unterstützung der internationalen Arbeiterbewegung durch den Austausch von Ideen und Erfahrungen ist von entscheidender Bedeutung. Sie kann dem WAC bei seiner Kampagne für die Rechte der Arbeitnehmer in Israel – Juden und Araber gleichermaßen – sehr helfen.

Weitere Informationen über MAAN hier

http://eng.wac-maan.org.il

Appell zur Ausstellung einer Green Card für palästinensische Arbeitnehmer siehe hier:

hhttp://eng.wac-maan.org.il/?p=2680

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