Israelische Presse kritisiert massiv „bedingungslose“ deutsche Unterstützung für die zionistische Regierungspolitik

In einem Kommentar von Haaretz, einer der führenden und größten israelischen Presseorgane, wird der bedingungslose Kotau der deutschen politischen Elite vor der zionistischen Regierungspolitik offen und unverblühmt als Verrat am Holocaust bezeichnet.

Die vorgetragene Sorge von Kanzler Scholz um das Leid der Menschen im GAZA werde konterkariert, wenn allein oder hauptsächlich HAMAS dafür verantwortlich gemacht werde. Wörtlich heisst es in dem Kommentar vom 16.Oktober: “ Ihr Deutschen habt Eure Verantwortung , die sich aus dem Holocaust ergibt, längst verraten. (…) Ihr habt sie verraten durch eine vorbehaltlose Unterstützung eines Israels, das besetzt , kolonisiert, den Menschen das Wasser wegnimmt, Land stiehlt, zwei Millionen Menschen im Gazastreifen in einem überfüllten Käfig gefangen hält, Häuser zerstört, ganze Gemeinchaften aus ihren Häusern vertreibt und die Gewalt der Siedler fördert.[1] https://www.haaretz.com/opinion/2023-10-16/ty-article-opinion/.premium/germany-you-have-long-since-betrayed-your-responsibility/0000018b-3487-d051-a1cb-3ddfa2cf0000

Originalauszug aus dem Kommentar, Haaretz 16.10.2023

Es ist diese hier beschriebene Polititk Israels, die laut Meinung eines nicht unwesentlichen Teils der israelischen Gesellschaft für die nicht enden wollende Gewalteskalation in ihrem Land und das ganze Leid auf beiden Seiten – Israelis wie Palästinensern – verantwortlich ist. Wer aus dem Holocaust die richtigen Lehren gezogen hat, müsse einer solchen Poltitik der Kolonialisierung und Besatzung, der permanenten Gewaltausübung sowie einer gefährlichen rassistischen und religiös fundamentalistischen Spaltungs- und Konfrontationspolitik entschieden entgegentreten.

Stattdessen wird der bedingungslose Kniefall geübt vor einer israelischen mit rechtsextremen Ministern durchsetzten Regierung! Zu erwarten wäre, dass der deutsche Bundeskanzler neben der Anerkennung des Existenzrechts von Israel auch konsequent die Anerkennung der Rechte der Palästinenser, die Umsetzung der UN Resolutionen sowie die Aufhebung der Besatzung und aller Repressionen fordern würde. Zu erwartem wäre, dass er von Nethanyahu verlangen würde, dass der Grenzübergang zu Ägypten hier und jetzt ungestört geöffnet werden kann, um einen Versorgungskorridor für die darbenden Menschen zu ermöglichen. Zu erwarten wäre, dass er darauf einwirken würde, dass das verheerende Bombardement sofort eingestellt und nichts unversucht gelassen wird, in Waffenstillstandsverhandlungen einzutreten. Zu erwarten wäre, dass man das überrüstete Israel nicht noch mit mehr deutschen Waffen vollstopft. Das alles wäre eine Verpflichtung, die uns Deutschen aus den Lehren des Holocaust auferlegt sein sollten, nein sein müssen!

Auf vollständiges Unverständnis stößt, wenn Kritiker dieses zionistischen Politikurses und seiner vorbehaltlosen Unterstützung hierzulande auch noch als „Antisemiten“ diffamiert werden. Oder auch das Zeigen von Palästinenserfahnen (nicht Hamas Symbolen) und Solidaritätsbekundungen mit den unterdrückten Palästinensern versucht wird mit fadenscheinigen Begründungen zu verbieten. Das ist nichts anderes als blanker Rassismus. Überall, wo Palästinenser ungehindert für ihre Anliegen demonstrieren durften , wie zum Beispiel in Köln oder Aachen, blieb es weitgehend friedlich. Wohlgemerkt, es geht nicht um die Duldung eines zynischen Abfeierns des Hamas Massakers. Es geht um die Einhaltung des Grundrechts, dass alle involvierten Konfliktparteien für ihre völkerrechtlich verbrieften Anliegen in Deutschland öffentlich eintreten dürfen. Das repressive Vorgehen von Poltitik und Behörden gerade in Berlin kann dagegen zur weiteren Eskalation beitragen.

In dem Moment, wo diese Zeilen geschrieben werden, erreicht uns die Meldung der Los Angeles Times [2]https://www.latimes.com/world-nation/story/2023-10-17/israeli-bombings-gaza-kill-dozens-aid-still-stalled . Das GAZA City Hospital sei durch einen israelischen Luftangriff komplett zerstört worden. Mit hunderten von Verletzten und Toten. Wir sind gespannt, welche mahnenden Worte der wie ein “ Pharisäer“ auftretende Bundeskanzler Scholz diesmal dazu finden wird.

Update es gibt inzwischen eine heftige Diskussion, wo sich beide Konfliktparteien die Schuld für die Hospital Katastrophe zuweisen. Stand aktuell : Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse. Unabhängig von diesem Einzelfall sind laut offiziellen unabhängigen Stellen und UN (Stand 16.10.) schon 3800 Menschen im GAZA durch die israelischen Angriffe umgekommen! Inzwischen hat Israel einen großen Teil seiner Videos und Fotos, die die Verantwortung der HAMAS beweisen sollen, zurückgezogen, da es sich immer offensichtlicher als FAKE erwiesen haben soll.

Auch der renommierte israelische Historiker Moshe Zuckermann hat sich jüngst über die schädliche Abstempelung in Deutschland an jeglicher Kritik an Israel als „antisemitisch“ unmissverständlich geäussert. Hier der entsprechende Auszug aus dem Interview der Berliner Zeitung , Ramon Schack, 18.10.2023:

In Deutschland wird dieser Tage viel über Antisemitismus berichtet, vor allem mit Blick auf pro-palästinensische Demonstrationen. Sie selbst, als israelischer Staatsbürger und Jude, wurden schon in Deutschland von Deutschen des Antisemitismus beschuldigt. Werden die Begriffe „Juden“, „Zionismus“, „Israel“ und „Antisemitismus“ in der deutschen Öffentlichkeit verwechselt oder gar falsch verwendet?

Das ist gelinde ausgedrückt. Ich kann nur wiederholen, was ich in Deutschland schon seit Jahren (offenbar vergeblich) zu erklären versuche: Juden, Zionisten und Israel sind mitnichten identische Kategorien, und sei’s, weil nicht alle Juden Zionisten sind, nicht alle Zionisten Israelis, und nicht alle Israelis Juden. Und weil Juden, Zionisten und Israel nicht gleichzusetzen sind, sind auch (negativ gewendet) Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik voneinander zu unterscheiden. Man kann Zionist sein und dennoch Israel kritisieren. Man kann Jude sein, ohne dem Zionismus anzuhängen. Man muss nicht antisemitisch sein, um sich gegen den Zionismus zu stellen und Israel für seine Politik zu kritisieren. Wohl kann ein Israelkritiker auch antisemitisch sein, aber das besagt nicht, dass da ein zwingender Kausalzusammenhang zwischen beiden Kategorien besteht. „Israelbezogener Antisemitismus“ ist primär ein Slogan, um legitime und notwendige Israelkritik zu verhindern, nicht um Antisemitismus zu bekämpfen.

https://www.haaretz.com/opinion/2023-10-16/ty-article-opinion/.premium/germany-you-have-long-since-betrayed-your-responsibility/0000018b-3487-d051-a1cb-3ddfa2cf0000

„Jüdische Stimmen“ zum Aktuellen Gaza-Krieg und zur Gewalteskalation In Israel

In Deutschland werden zunehmend Zionismus und die Poltik einer rechtsextremen isrealischen Regierung mit der gesamten israelischen Bevölkerung oder sogar auch dem gesamten Judentum weltweit gleichgesetzt. Ein Zerrbild!

Bis zum brutalen Anschlag der Hamas am 7. Oktober protestierte und demonstrierte monatelang die Hälfte der israelischen Gesellschaft gegen die israelische Regierung Nethanjahus mit massiven Vorwürfen, dass diese die Demokratie abschaffe und eine gefährliche rassistische und religiös fundamentalistische Spaltungs- und Konfrontationspolitik betreibe – gerade auch gegen arabische Mitbürger und Palästinenser. Auch weltweit halten Millionen Juden den zionistischen Kurs für falsch und fordern die Respektierung der Rechte der Palästinenser und eine friedliche Lösung auf Augenhöhe.

Wer in Deutschland sich dieser Kritik anschliesst wird aktuell mehr denn je pauschal mit dem Etikett „antisemitisch“ diffamiert. Bundestag und Regierung erklären sich „bedingungslos“ solidarisch mit Israel ! „Bedingungslos“ auch mit der demokratie- und fremdenfeindlichen Politik des amtierenden Regierungschefs Nethanjahu? „Bedingungslos„, unabhänig davon , ob Israel Völker- und Menschenrecht beachtet? Zu solcherart Politik gibt man vor, hier in Deutschland „noch“ eine „Brandmauer“ errichtet zu haben.

Der Konflikt „Naher Osten“ ist für einige bekannte Akteure aus der „Ukraine – Kriegseskalation“ eine neue Gelegenheit, Rote Linien zu brechen. Hofreiter (Grüne), Kiesewetter (CDU) und der FDP Generealsekretär erklärten gestern im ZDF, dass bedingungslose Solidarität mit Israel als Staatsräson nicht nur „unlimitierten “ Einsatz von Geld- und Militärhilfen bedeute, sondern auch den Einsatz „deutschen Lebens“. Das Handelblatt spricht von „Zeitenwende Nummer Zwei„.

Unter dem Eindruck des Massakers durch Hamas, eines nationalistisch, religiös fundamentalistisch und faschistisch irregeleiteten palästinensischen Widerstandes, versucht Nethanjahu seinerseits eine nationalistische Einheitsfront mit der Opposition zu bilden. Das gelingt auf zionistischer Führungsebne, aber die kritischen und besonnenen isrealischen und jüdischen Stimmen wollen nicht verstummen. In Israel selbst und überall auf der Welt. Zur Propaganda der zionistischen Lobby erklären sie : „Nicht in unserem Namen!“ Wir helfen Ihnen Gehör zu verschaffen. Es sind Juden, die die Deutsche Bundesregierung auffordern, Menschen-, Völkerecht und Grundgesetz endlich zu achten! Wer die Flagge der Palästinenser verbietet, bedient blanken Rassismus. Wohlgemerkt es geht nicht um Symbole von Hamas oder das Abfeiern eines menschenverachtenden Anschlags. Die Hamas repräsentiert ebenso wenig das palästinensische Volk wie Nethanyahu und Zionismus das isrealische Volk oder das Judentum.

Bedingungsloses und kritikloses Unterstützen der isrealischen mit rechtsextremen Ministern durchsetzten Regierung und Armee leistet dem Antisemetismus gefährlichen Vorschub. Ebenso wenn 2,2 Millionen Menschen im GAZA unter Missachtung des Völkerechts in Geiselhaft genommen werden. Zur Anerkennung des Existenzrechts von Israel gehört eben unabdingbar die Anerkennung der Rechte der Palästinenser, die Aufhebung der Besatzung und aller Repressionen sowie die Befreiung von geopolitischer Instrumentalisierung nicht zuletzt auch durch die USA . Ohne die Behebung der Ursachen für den gegenseitigen Hass anzugehen, droht die Spirale von Leid, Hass und Gewalt, aber eben auch Antisemetismus, immer weiter zu eskalieren. Ebenso der Ausbruch eines militärischen Fläschenbrandes.

Hier einige unserer Beiträge zum Thema mit namhaften jüdischen Autoren:

Israelische Presse kritisiert massiv “bedingungslose” deutsche Unterstützung für die zionistische Regierungspolitik

Moshe Zuckermann: „Dass viele Zivilisten im Gazastreifen umkommen, hat Israel nie bekümmert“

 Gideon Levy: " Israel kann nicht 2 Millionen Menschen in Gaza gefangen halten, ohne einen grausamen Preis dafür zu bezahlen."

GAZA - ein unentrinnbares Inferno für die Zivilbevölkerung droht

Stellungnahme der „Jüdischen Simme“ zum aktuellen Gaza-Krieg und der Gewalteskalation in Israel

Nach diesem Wochenende fällt es schwer, die richtigen Worte zu finden. Wir sind voller Trauer um die Toten, in Gedanken bei den Trauernden und Verletzten, voller Angst um Freund:innen und Verwandte in ganz Israel-Palästina. 

Wir sind auch wütend, wütend auf die Unterstützer des 75jährigen israelischen Kolonialregimes und die Blockade des Gazastreifens, die zu diesen Ereignissen geführt hat.

Nun ist eingetreten, wovor viele in unseren Reihen seit Jahren gewarnt haben. 16 Jahre Blockade, Mangel an sauberem Wasser, Strom, medizinischer Versorgung sowie regelmäßige Bombenangriffe haben Gaza zu einem Pulverfass gemacht. Gaza gilt laut UN seit 2020 als unbewohnbar. Was nun geschehen ist, glich einem Gefängnisausbruch, nachdem die Insassen zur lebenslangen Haft verurteilt wurden, nur weil sie Palästinener:innen sind.

Die israelische Regierung hat eine Kriegserklärung abgegeben, doch der Krieg gegen die palästinensische Bevölkerung dauert schon 75 Jahre. Vertreibung, Bombardements, Verhungern, Verdursten, Beschränkung von Essen, Strom, Wasser – das sind die Wurzeln der Gewalt.

Viele in Deutschland zeigen sich gerade solidarisch mit Israel, mit einem Apartheidstaat, der eine rassistische Politik gegen das palästinensische Volk ausübt, die schon Zehntausende das Leben gekostet hat. Doch wer das Blutvergießen tatsächlich beenden möchte, muss sich für eine radikale Veränderung der bisherigen Politik einsetzen, damit alle Menschen in Freiheit leben können.

Die deutsche Regierung hat seit Jahren keine Außenpolitik in Israel-Palästina. Die Palästinenser:innen werden in Deutschland systematisch entmenschlicht: Sie dürfen für ihre politischen Rechte und  Aufforderungen nicht demonstrieren, ihre Geschichte, Identität oder Gefühle zeigen. Die deutsche Politik hat den gewaltlosen Widerstand in Form von BDS oder Demonstrationen immer wieder kriminalisiert und unterdrückt.

Wir fordern die deutsche Regierung auf, ihr eigenes Grundgesetz zu respektieren: die Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen Israels nicht mehr zu unterstützen, Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu sichern und sich dafür einzusetzen, dass alle Menschen zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan die gleichen Rechte bekommen.“

Wer ist die Jüdische Stimme?

Die “Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost” wurde am 21. Oktober 2007 als Verein gegründet. Am 9. November 2003 wurde in Berlin unter dem Namen “Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost” die Sektion der Föderation “European Jews For A Just Peace” (“Europäische Juden für einen gerechten Frieden”) in den Räumen des Hauses der Demokratie und der Menschenrechte ins Leben gerufen.

Die “Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost” handelt auf der Grundlage der Gründungserklärung der “European Jews For A Just Peace” (EJJP), die im September 2002 in Amsterdam von 18 jüdischen Organisationen aus 9 europäischen Ländern verabschiedet wurde. Als assoziiertes Mitglied der Föderation will sie über die Notwendigkeit und Möglichkeit eines gerechten Friedens zwischen Palästina und Israel informieren. Ihre wesentliche Aufgabe sieht sie darin, darauf hinzuwirken, dass die Bundesregierung ihr außenpolitisches und ökonomisches Gewicht in der Europäischen Union, in den Vereinten Nationen und nicht zuletzt auch in Nahost nachdrücklich und unmissverständlich im Interesse der Herstellung eines lebensfähigen, souveränen Staates Palästina auf integriertem Hoheitsgebiet und innerhalb sicherer Grenzen nutzt und aktiv zur Verwirklichung eines dauerhaften und für beide Nationen lebensfähigen Friedens beiträgt.


Allen jenen, die sich anmaßen, für alle Juden einer Nation oder gar der Welt zu sprechen, rufen wir entgegen:


Nicht in unserem Namen!
Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahos

Wir unterstützen ausdrücklich auch die Erklärung der SOL „Opposition gegen Israels Angriff ist kein Antisemitismus“, die Einschränkung der demokratischen Rechte, um Protest gegen Isreals Politik zu verhindern, ist unerträglich!

Titelfoto aus „Jüdische Stimme“

Die Gelegenheit: Wie gerade jetzt der Kreislauf der Gewalt durchbrochen werden könnte

Bild: You Tube Video. Screenshot

Von Hans-Peter Waldrich

Es scheint, als würden durch eine Zertrümmerung des Gazastreifens genau jene Dispositionen erneut erzeugt, die zu den blutigen Gemetzeln in Israel geführt haben. Doch es gäbe einen Ausweg.

Im sozialen Leben gibt es keine Naturgesetze. Gleichwohl können kollektive Verhaltensweisen nahezu als eine Physik des menschlichen Zusammenlebens betrachtet werden. Demütigt eine Gruppe systematisch eine andere, so wissen wir mit an absoluter Sicherheit grenzender Gewissheit: die gedemütigte Gruppe wird, sobald ihr das möglich ist, in gleicher Weise zurückschlagen. Man nennt es den Kreislauf oder die Spirale der Gewalt. In diesem Kreislauf befindet sich Israel im Konflikt mit den Palästinensern seit seiner Gründung 1948. Arabische Staaten wollten das Problem sofort mit Gewalt lösen, israelische Gegengewalt führt damals zur Vertreibung von 700 000 Arabern aus ihrer Heimat.[i]

Israel hat sich seit seiner Gründung in diesem Kreislauf verfangen. Dabei stellt sich kaum die Frage, wer angefangen hat. Ist dieser Gewaltkreislauf erst einmal etabliert, folgt er einer eisernen Regel: Auge um Auge, Zahn um Zahn – Zahn um Zahn, Auge um Auge. Zwar stammt diese Metapher aus dem jüdischen Alten Testament, aber sie entspricht nicht der Tradition des aufgeklärten modernen Judentums. Der Staat Israel entstand nicht aus dieser Tradition.

Mensch, du bist mein Bruder!

Rolf Verleger, ehemaliges Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, schrieb 2010: „Anstatt gemäß der jüdischen Tradition Frieden, Gerechtigkeit und Verständigung anzustreben, treibt Israel von einem Gewaltexzess zum nächsten.“[ii] Zur Zeit ist das schon wieder so. Unfassbare Gewalt wird von Seiten Israels mit unfassbarer Gewalt beantwortet. Dabei beruht der Grundgedanke des „Judenstaates“ auf einer ganz anderen Philosophie. Theodor Herzl, der die Idee des Judenstaates in die Welt brachte, war gerade kein Anhänger des Kreislaufs der Gewalt.[iii] Er propagierte nicht die Verdrängung der arabischen Bewohner Palästinas, sondern forderte vielmehr ihre Gleichberechtigung in einem multikulturellen Gemeinwesen. Herzl: „Es gibt nur einen Weg dafür: Die größtmögliche Toleranz. Unser Motto muss daher sein, jetzt und immerdar: Mensch, Du bist mein Bruder.“[iv] In diesem Sinn sollte der Judenstaat der Welt ein Vorbild sein, ein Staat, in dem Menschen jeglicher Herkunft und aller Religionen friedlich zusammenleben – selbstverständlich ein demokratischer Staat, kein Herrschaftssystem einer ethnischen Elite.

Weil die Gesetzmäßigkeiten der Unmenschlichkeit fast so ehern sind wie die Gesetze der Physik, werden wir nun das Gegenteil dessen erleben, was einst die Ausgangsidee des Zionismus war. Hatte die Traumatisierung derer, die im Freiluftgefängnis von Gaza geschunden werden, letztlich jene terroristische Grausamkeit bewirkt, die wir kürzlich erlebten, so wird der Gegenschlag nun genau den blutigen Boden düngen, aus dem diese Grausamkeit erwuchs. Noch mehr Grausamkeit wird daraus entstehen. Und – diesen Gedanken sollte man zulassen –: Es ist vielleicht eine Frage der Zeit, bis Israel nach diesem Rezept vom Erdboden verschwindet. Denn die internationalen Machtverhältnisse, die Israel stützen, werden nicht auf Ewigkeit so bleiben. Gelten kollektive soziale Regelmäßigkeiten oft fast so verbindlich wie Gesetze der Physik, so gibt es also keinen Ausweg.

Der Ausweg

Aber die sozialen Regelmäßigkeiten sind Gesetzmäßigkeiten mit Einschränkung. Der Unterschied zu den Fallgesetzen: Diese folgen der Schwerkraft, menschliches Handeln in Abwandlung sehr oft ebenfalls, aber – und das ist das Überraschende: keineswegs immer. Was könnte im gegenwärtigen Konflikt grundsätzlich anders laufen? Regel eins im konkreten Fall: Überzeugt Abschied nehmen vom Weg der Gewalt! Nicht tun wie in Stein gemeißelt, was man immer schon tat.  Nicht dem bedingten Reflex folgen, der da lautet: greift dich jemand an, dann greife ihn ebenfalls an. Und nicht blind und taub das Übel hochkochen und verschlimmern, sondern konsequent die Laufrichtung ändern. Israel könnte jetzt völlig anders handeln, als es seiner Gewohnheit entspricht. Es könnte!

Was also tun? „Halt!“ könnte das zur Zeit militärisch überlegene Israel rufen. Wir werden jetzt nicht zum soundsovielten Mal eine Zivilbevölkerung malträtieren. Wir werden nicht erneut jene ohnmächtige Wut auslösen, die uns abermals Terroristen schickt. Und wir fordern auf, jetzt, gerade jetzt, den großen Schritt in die Gegenrichtung zu tun. Präsident Biden, Bundeskanzler Scholz, Herr Sunak! Unterstützen sie uns bitte jetzt! Jetzt, genau jetzt, wollen wir im großen Maßstab wirklich verhandeln. Noch sind wir überlegen, und wir könnten flächendeckend zum Töten übergehen. Aber halt! Gerade das wollen wir jetzt nicht tun! Unser Vorschlag: Schluss mit der Apartheid in Israel und den besetzten Gebieten. Allen Bürgerinnen und Bürgern Israels und seiner Gebiete wollen wir gleiche Rechte einräumen. Schluss mit der „Ethnokratie“ (Shlomo Sand), in der Menschen, die sich Juden nennen, über fast alles bestimmen und der Rest nach unserer Pfeife zu tanzen hat. Eine ganz normale Bürgerdemokratie wollen wir werden. Was wir bieten ist unser Verzicht auf eine Zertrümmerung des Gazastreifens. Doch für solche Verhandlungen brauchen wir euren Beistand, internationale Unterstützung.

Stärke und Großmut

Eine solche Wendung könnte wirken. Etwas zu unterlassen, was geschehen könnte, weil man die Mittel dazu besitzt (den Gegenschlag), ist ein gutes Faustpfand. Großmut im Rahmen einer solchen Machtkonstellation wirkt besser als aus einer Position der Schwäche. Noch ist Israel militärisch gut gerüstet, unterstützend tauchen Kriegsschiffe an seiner Küste auf. Noch sind Zweifel an der Macht Israels unberechtigt. Wird es aber auf ewig so bleiben? Kann der Judenstaat endlos auf Macht und Gewalt gegründet werden? Kann er überhaupt ewig ein „Judenstaat“ sein, auch wenn von so genannten Juden längst angezweifelt wird, dass „Jude“ überhaupt eine gesicherte Identität ist?[v] Die Zweistaatenlösung ist durch die Siedlungspolitik verspielt. Der auf staatsbürgerlicher Gleichheit beruhenden Bürgerstaat kann aber immer noch verwirklicht werden. Weshalb nicht die große Krise in dieser Hinsicht nutzen? Gefährliche Krisen bergen auch große Chancen. Doch diese müssen gesehen und ergriffen werden.

[i]Bernhard Wasserstein, Israel und Palästina, Warum kämpfen sie und wie können sie aufhören? 2. Aufl. München 2009,  S. 155.
[ii]Rolf Verleger, Israels Irrweg, Eine jüdische Sicht, 3. Aufl. Köln 2010, S. 117.
[iii]Theodor Herzl, Der Judenstaat, Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage, Leipzig, Wien 1896 und: Ders.: Altneuland, Leipzig 1902, Neuauflage: Berlin 2023.
[iv]Zit. nach Verleger a. a. O. S. 51.
[v]Shlomo Sand, Die Erfindung des jüdischen Volkes, Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand, 4. Aufl. Berlin 2012.

Erstveröffentlicht im overton Magazin
https://overton-magazin.de/kommentar/politik-kommentar/die-gelegenheit-wie-gerade-jetzt-der-kreislauf-der-gewalt-durchbrochen-werden-koennte/

wir danken für das Abdruckrecht.

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