Dieser Realpolitiker war ein unbehelligter Kriegsverbrecher

Vorab eine kleine persönliche Vorbemerkung: Dieser Mann hat mich weite Strecken meines politischen Lebens begleitet. Anfang der 70er-Jahre fing ich an zu studieren. Im 1. Semester nahm ich an vielen Antikriegsdemonstrationen teil, die sich gegen den Völkermord der USA in Indochina richteten. Ich erinnere mich noch an eine Woche, in dem wir täglich auf die Straße gingen. Hier hörte ich erstmals den Namen Henry Kissinger. Er wollte Atombomben gegen Nordvietnam einsetzen. Es verging danach kaum ein Jahrzehnt, in dem er nicht Zeugnis seines Zynismus und seiner Menschenverachtung ablegte. In gewisser Weise war er das wahre Gesicht des US-Imperialismus. Doch bei den Eliten „des kollektiven Westen“ genoss dieser Mann ein hohes Ansehen. Man verlieh ihm zum Beispiel den Aachener Karlspreis. Es wird mir ewiges Geheimnis bleiben, wie Angehöriger unserer 68er-Protestgeneration auf die fixe Idee kommen konnten, dass diese Macht, für deren Gedeihen Kissinger sein Leben genutzt hat, mit dem Gedeihen von wirklicher Freiheit und Demokratie vereinbar sein könnte, deren Kern mehr ist als Gewerbefreiheit und eine Demokratie, die auch dann noch verteidigt wird, wenn sie für die Herrschenden nicht mehr von Nutzen ist. (Jochen Gester)

Von Infosperber-Red. /  .
Erst im Mai 2023 veröffentlichte das National Security Archive in Washington schwer belastendes Material über Henry Kissinger.

upg. Am 29. November ist Henry Kissinger gestorben. Der Friedensnobelpreisträger wird vielerorts als historische Figur gelobt. Doch kurz vor seinem hundertsten Geburtstag veröffentlichte das National Security Archive in Washington am 25. Mai 2023 auf seiner Webseite Links zu Originaldokumenten. Sie entlarven den als Realpolitiker Gefeierten als einen rücksichtslosen und kaltblütigen Machtpolitiker. Das geht aus einer Auswertung von Originaldokumenten hervor. Grosse Medien haben bisher wenig darüber informiert. Infosperber übersetzt nochmals die Zusammenfassung der Archives. Weitere Links zu Originaldokumenten findet man auf der Webseite des Archives.

Der 100. Geburtstag [im letzten Mai] sorgte für eine weltweite Berichterstattung über sein Vermächtnis als führender Staatsmann, Meisterdiplomat und realpolitischer Stratege der Aussenpolitik. «Niemand auf der Welt hat mehr Erfahrung in internationalen Angelegenheiten», schrieb The Economist kürzlich in einer lobenden Würdigung Kissingers. 

Während seiner Amtszeit als nationaler Sicherheitsberater und Aussenminister von Januar 1969 bis Januar 1977 erstellte Kissinger eine lange Reihe von Geheimdokumenten, in denen seine politischen Überlegungen, Gespräche und Direktiven zu vielen Initiativen festgehalten sind. Für einige dieser Initiativen wurde er berühmt: die Entspannung mit der UdSSR, die Öffnung gegenüber China und die Pendeldiplomatie im Nahen Osten.

Doch die historischen Aufzeichnungen dokumentieren auch die Schattenseiten von Kissingers umstrittener Amtszeit: 

  • seine Rolle beim Sturz der Demokratie und dem Aufstieg der Diktatur in Chile, 
  • seine Verachtung für die Menschenrechte und seine Unterstützung für schmutzige und sogar völkermörderische Kriege im Ausland, 
  • geheime Bombenangriffe in Südostasien,
  • seine Beteiligung an den kriminellen Machenschaften der Nixon-Administration, darunter die geheimen Abhörmassnahmen gegen seine eigenen hochrangigen Mitarbeiter.

Um zu einer ausgewogenen und umfassenderen Bewertung von Kissingers Vermächtnis beizutragen, stellt das National Security Archive hiermit ein kleines Dossier mit freigegebenen Aufzeichnungen zusammen – Memos, Memcons und «Telcons», die Kissinger geschrieben, gesagt und/oder gelesen hat. Sie dokumentieren die streng geheimen Überlegungen, Operationen und Strategien während Kissingers Zeit im Weissen Haus und im Aussenministerium.

Die aufschlussreichen «Telcons» – mehr als 30’000 Seiten täglicher Abschriften von Kissingers Telefongesprächen, von denen er viele heimlich aufzeichnete – wurden von Kissinger als «persönliche Papiere» mitgenommen, als er 1977 aus dem Amt schied. Er verwendete sie selektiv, um seine meistverkauften Memoiren zu schreiben. Das National Security Archive zwang die US-Regierung, diese offiziellen Unterlagen von Kissinger zurückzuerhalten, indem es eine Klage vorbereitete: Sowohl das Aussenministerium als auch die National Archives and Records Administration (NARA) hätten rechtswidrig zugelassen, dass geheime US-Regierungsdokumente ihrer Kontrolle entzogen wurden.

Nachdem die Akten zurückgegeben waren, stellte der leitende Analyst des Archivs, William Burr, einen auf das Öffentlichkeitsgesetz FOIA gestützten Antrag auf ihre Freigabe. Die freigegebenen Dossiers enthielten den Klageentwurf – der nie eingereicht wurde. Kissingers Bemühen, diese höchst informativen und aufschlussreichen historischen Aufzeichnungen zu entfernen, aufzubewahren und zu kontrollieren, werden als ein entscheidender Teil seines offiziellen Vermächtnisses angesehen.

Die veröffentlichten Dokumente enthalten auch Links zu Dutzenden anderer Kissinger-Dokumentensammlungen, die das Archiv unter der Leitung des unerschrockenen William Burr über mehrere Jahrzehnte hinweg identifiziert, verfolgt, erhalten und katalogisiert hat. Diese Sammlungen bilden nun eine zugängliche, umfangreiche Sammlung von Unterlagen über einen der bedeutendsten aussenpolitischen Entscheidungsträger der USA im 20. Jahrhundert. Im Folgenden einige Erkenntnisse:


1. KISSINGER, DIE GEHEIMEN BOMBENANSCHLÄGE UND ABHÖRGERÄTE

Im Herbst 1968 nutzte der damalige Harvard-Professor Henry Kissinger seinen Zugang als Berater des Aussenministeriums, um als geheimer Informant der Nixon-Kampagne zu den Friedensgesprächen der Johnson-Regierung in Vietnam zu dienen. Sollte es Präsident Lyndon B. Johnson gelingen, den Krieg zu beenden, befürchtete Nixon, die Wahl gegen Vizepräsident Hubert Humphrey zu verlieren. Deshalb drängte Nixon insgeheim die südvietnamesische Regierung, die Gespräche abzubrechen, und versprach ihr ein besseres Angebot, sobald er gewählt sei.

Wenige Wochen nach seinem Amtsantritt beschloss der siegreiche Nixon zusammen mit seinem neuen nationalen Sicherheitsberater Henry Kissinger, die heimliche Bombardierung der nordvietnamesischen Nachschubwege in Kambodscha und Laos ins Auge zu fassen, um Ho Chi Minh zu den Bedingungen der USA an den Verhandlungstisch zurückzuholen. Die Bombenangriffe mit den Codenamen «Frühstücksplan» und «Operation Menü» begannen am 17. März 1969 und dauerten über ein Jahr. Tausende Tausende von kambodschanischen Zivilpersonen wurden getötet. 

Der Präsident bewilligt den «Breakfast plan» von Kissinger
Der Präsident bewilligt den «Breakfast plan» von Kissinger © NSA

Am 9. Mai 1969 veröffentlichte die New York Times erstmals einen Artikel über das verdeckte B-52-Bombenprogramm [in Kambodscha und Laos]. Darauf bat Kissinger den FBI-Direktor J. Edgar Hoover, bestimmte Journalisten und US-Beamte, einschliesslich seiner eigenen Mitarbeiter im US-National Security Council  NSC abzuhören, um herauszufinden, wer Informationen an die Medien weitergab. Der erste seiner Mitarbeiter, der abgehört wurde, war ein NSC-Mitarbeiter namens Morton Halperin. Er trat zurück und verklagte schliesslich Kissinger, Nixon und das Justizministerium, weil sie sein Büro und seine privaten Telefone illegal abgehört hatten.

Kissingers Staff verlangte illegale Telefonüberwachungen
Kissingers Staff verlangte illegale Telefonüberwachungen © NSA

Als der Abhörskandal aufflog, gab Kissinger an, dass sich seine Rolle darauf beschränkt habe, dem FBI eine erste Reihe von Namen zu liefern. Im Laufe des Halperin-Prozesses behauptete er dann jedoch, dass nicht er, sondern Hoover diese Personen identifiziert habe. Doch Kissingers Stellvertreter Alexander Haig, der dem FBI über einen Zeitraum von zwei Jahren die Namen der mutmasslichen Informanten übermittelte, erklärte, er habe diese Namen von Kissinger erhalten. Laut Halperins Klage haben sich Hoover und Kissinger am Tag der ersten New York Times-Story viermal an diesem Tag telefonisch beraten. Am gleichen Abend wurde die Abhöranlage auf dem Haustelefon von Halperin installiert.

Hoover sandte Berichte über die Überwachung von Halperin und anderen Zielpersonen direkt an Präsident Nixon. Einer dieser Berichte wurde kürzlich von der Nixon-Bibliothek freigegeben. «Die illegalen und regelwidrigen Abhörmassnahmen der Regierung verletzten nicht nur das Recht auf Privatsphäre, sondern beeinträchtigten auch die politischen Rechte der überwachten Personen und derjenigen, mit denen sie sprachen», so Halperin in einer Erklärung an das Archiv für diesen Beitrag. «Diese Überwachungsaufzeichnungen erinnern uns an die Notwendigkeit ständiger Wachsamkeit und Rechenschaftspflicht.»


2. KISSINGER UND CHILE

Chile ist wohl die Achillesferse von Kissingers Erbe. Die freigegebenen historischen Aufzeichnungen lassen keinen Zweifel daran, dass Kissinger der Hauptverantwortliche für die Bemühungen der USA war, die demokratisch gewählte Regierung von Salvador Allende zu destabilisieren. Wie aus CIA-Dokumenten hervorgeht, überwachte Kissinger in den Wochen vor Allendes Amtsantritt verdeckte Operationen unter dem Decknamen FUBELT, um den Militärputsch anzuzetteln, der direkt zur Ermordung des chilenischen Oberbefehlshabers der Armee, General René Schneider, führte. 

Kissingers Memorandum an den Präsidenten Allendes Wahl
Kissingers Memorandum an den Präsidenten nach der Wahl Allendes © NSA

Nachdem die ersten Putschversuche gescheitert waren, überzeugte Kissinger persönlich Nixon, die Position des Aussenministeriums zu unterstützen: Washington solle keinen Modus Vivendi mit Allende anstreben, sondern eine geheime Intervention genehmigen mit dem Ziel, «Allendes Probleme zu verschärfen, so dass er zumindest scheitert oder […] maximale Bedingungen geschaffen werden, unter denen ein Zusammenbruch oder ein Umsturz möglich wäre». Das geht aus Kissingers Gesprächsleitfäden in den drei Tagen nach Allendes Amtsantritt hervor.

Nur wenige Tage nach dem Sturz Allendes vor fünfzig Jahren am 11. September 1973 teilte Kissinger Nixon mit, die USA «haben die Bedingungen so gut wie möglich hergestellt. In der Eisenhower-Zeit wären wir Helden».

Kissinger gestaltete die US-Politik so, dass Allende daran gehindert wurde, seine gewählte Regierung zu konsolidieren. Nachdem die Streitkräfte von General Augusto Pinochet gewaltsam die Macht übernahmen, so zeigen die Dokumente, gestaltete Kissinger die US-Politik neu, um die Konsolidierung einer brutalen Militärdiktatur zu unterstützen. «Ich denke, wir sollten unsere Politik so verstehen, dass diese Regierung, so unangenehm sie auch sein mag, besser für uns ist als Allende», sagte er zu seinen Stellvertretern, als diese ihm in den Wochen nach dem Putsch über die Menschenrechtsverletzungen berichteten. 

Bei einem privaten Treffen mit Pinochet im Juni 1976 in Santiago sagte Kissinger zu dem chilenischen Diktator: «Meine Einschätzung ist, dass Sie ein Opfer aller linken Gruppen in der Welt sind und dass Ihre grösste Sünde darin bestand, dass Sie eine Regierung gestürzt haben, die auf dem Weg zum Kommunismus war.»

«Wir wollen Ihnen helfen und Ihnen keine Steine in den Weg legen», teilte Kissinger dem General mit, wobei er den Rat seines eigenen Botschafters in Chile missachtete, Pinochet eine direkte, harte Botschaft in Sachen Menschenrechte zu übermitteln. Vielmehr sagte Kissinger: «Sie haben dem Westen mit dem Sturz von Allende einen grossen Dienst erwiesen.»


3. KISSINGER UND DIE MENSCHENRECHTE

Die verächtliche Umarmung des Pinochet-Regimes durch Aussenminister Kissinger und die Missachtung seiner Unterdrückung trugen zu einer breiten öffentlichen und politischen Bewegung bei, welche die Menschenrechte als Priorität in der US-Aussenpolitik institutionalisieren wollte. 

Doch als der Kongress Gesetze vorbereite, welche die US-Hilfe für ausländische Regime, welche die Menschenrechte verletzten, einschränken sollten, eskalierte Kissingers Verachtung für die Menschenrechtsfrage. Seine Bereitschaft, massenhaftes Blutvergiessen, Folter und Verschwindenlassen durch verbündete, antikommunistische Militärregime zu billigen, zu unterstützen und zu akzeptieren, spiegelt sich in verschiedenen freigegebenen Dokumenten wider.


Von Kambodscha über Pakistan bis Indonesien

1957 Kissinger für Einsätze von Atomwaffen.Anchor
1957: Kissinger befürwortet Einsätze von Atomwaffen © Anchor

upg. Während des Vietnamkriegs bombardierten die USA ab 1965 Kambodscha. Im Laufe der Jahren wurden unter Kissingers direkter Federführung über 2,7 Millionen Tonnen Bomben abgeworfen und es gab rund 500’000 zivile Opfer.

Die Vernichtungsstrategie der USA verhalf Pol Pot und den Khmer Rouge in Kambodscha an die Macht. Indirekt ist Kissinger damit für über eine Million Opfer des Pol-Pot-Regimes verantwortlich. 

Der Sozialwissenschaftler Marko Kovic weist in Tweets auf weitere Kriegsverbrechen Kissingers hin: 1971 unterstützte er den pakistanischen Genozid an der ost-pakistanischen Bevölkerung (heute Bangladesch). Bis zu drei Millionen Menschen wurden ermordet.

Ab 1975 unterstützte die US-Regierung mit Waffenlieferungen unter anderen den indonesischen Genozid in Ost-Timor, in dem rund 250’000 Zivilpersonen ermordet wurden. Kissinger hatte die Invasion von 1975 mit dem indonesischen Diktator Suharto koordiniert.

4. KISSINGER UND DIE OPERATION CONDOR

Kissingers Widerstand, die Militärregime der Südhalbkugel zur Einhaltung der Menschenrechte zu drängen, erstreckte sich auch auf deren internationale Mordoperationen, die als Operation Condor bekannt sind. Anfang August 1976 wurde Kissinger von seinem Stellvertreter über die Pläne unterrichtet, im Rahmen von Condor «Terroristen […] in ihren eigenen Ländern und in Europa zu finden und zu töten». 

Seine Berater überzeugten ihn, eine Demarche zu genehmigen, die an General Pinochet in Chile, General Videla in Argentinien und Junta-Offiziere in Uruguay gerichtet werden sollte – die drei Condor-Staaten, die am meisten in grenzüberschreitende Mordaktionen verwickelt waren. Doch als die US-Botschafter in Chile und Uruguay Einwände gegen die Übergabe der Demarche erhoben, zog Kissinger sie einfach zurück und ordnete an, dass «in dieser Angelegenheit keine weiteren Massnahmen ergriffen werden».

Fünf Tage später fand der kühnste und berüchtigtste Terroranschlag von Condor in der Innenstadt von Washington D.C. statt, als eine von Pinochets Agenten platzierte Autobombe den ehemaligen chilenischen Botschafter Orlando Letelier und seinen jungen Kollegen Ronni Moffitt  tötete.

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Zum Original-Bericht des National Security Archive in Washington hier.

Erstveröffentlicht auf Infosperber
https://www.infosperber.ch/politik/welt/dieser-realpolitiker-ist-ein-unbehelligter-kriegsverbrecher/

Wir danken für das Publikationsrecht.

International Transport Workers’ Federation (ITF) schließt sich UN nach Forderung für einen sofortigen Waffenstillstand an!

„We are the transport industry – 18.5 million workers strong.“

Immer wieder sind schon in der Vergangenheit Transportarbeiter, sei es in Italien, Griechenland, Spanien, Frankreich oder auch Niederlande dadurch aufgefallen, daß sie das Spiel der Kriegslogistik nicht mitspielen und die Kriegstüchtigkeit erheblich blockieren können. Nun nimmt der Widerstand international neue Fahrt auf.

Hier die Erklärung der ITF

„Die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) begrüßt die Ankündigung eines mindestens viertägigen Waffenstillstands und eines Geiselabkommens, das die Freilassung von mindestens 50 Geiseln im Gazastreifen im Austausch gegen die Freilassung von 150 palästinensischen Frauen und Kindern vorsieht, die in israelischen Gefängnissen festgehalten werden.

Die humanitäre Pause, die längste Gewaltpause seit dem 7. Oktober, wird den dringend benötigten humanitären Zugang zum Gazastreifen ermöglichen, um lebenswichtige Güter wie Treibstoff, Lebensmittel, Wasser und medizinische Hilfsgüter zu liefern.

Die ITF schließt sich den Worten des UN-Generalsekretärs António Guterres an: „Dies ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, aber es muss noch viel mehr getan werden.“

Angesichts von mehr als 30 Mandatsträgern von UN-Sonderverfahren, die vor der Gefahr eines Völkermords an den Palästinensern warnen, muss die Macht der Diplomatie Vorrang vor militärischer Gewalt haben.

Angesichts dieser beispiellosen Warnung bekräftigt die ITF ihre Forderung nach einem sofortigen, von den Vereinten Nationen durchgesetzten und garantierten Waffenstillstand, der Einrichtung humanitärer Korridore zur Verhinderung weiterer humanitärer Katastrophen und des Verlusts von Menschenleben in der Zivilbevölkerung sowie nach echten Bemühungen um einen nachhaltigen Frieden.

Die ITF bekräftigt auch ihre Forderung nach der sofortigen und bedingungslosen Freilassung aller anderen Zivilisten, die von der Hamas und anderen bewaffneten Gruppen im Gazastreifen als Geiseln gehalten werden, und fordert die israelischen Behörden auf, alle unrechtmäßig inhaftierten Palästinenser freizulassen, einschließlich derjenigen, die ohne Anklage oder Gerichtsverfahren in Verwaltungshaft gehalten werden.

Die ITF begrüßt die Zusage des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH), seine laufenden Ermittlungen zur Lage in Palästina auf den gegenwärtigen Krieg auszuweiten. Die ITF appelliert an die internationale Gemeinschaft, mit dem IStGH zusammenzuarbeiten und ihre Verantwortung zur Verhinderung und Beendigung internationaler Verbrechen wahrzunehmen.

Die ITF bedauert die Zunahme antiarabischer, antimuslimischer und antisemitischer Angriffe in der ganzen Welt seit dem Beginn des Konflikts. Es gibt keine Entschuldigung für Rassismus oder irgendeine andere Form von Gewalt, Hass oder Fanatismus.

Wir stehen an der Seite von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern aus der ganzen Welt, die einen Waffenstillstand und einen dauerhaften Frieden in Palästina und Israel fordern, und untersuchen gemeinsam mit unseren Mitgliedsorganisationen in der Region, wie Gewerkschaften Solidarität mobilisieren und Maßnahmen ergreifen können, um weiteres Blutvergießen zu verhindern und Hilfsmaßnahmen und humanitäre Initiativen vor Ort wirksam zu unterstützen.“

Link zum Original: https://www.itfglobal.org/en/news/multi-day-humanitarian-pause-and-hostage-deal-must-lead-permanent-ceasefire

Israels Krieg gegen Krankenhäuser

Von Chris Hedges, Übersetzung und Beitrag aus Nachdenseiten 29.11.23

Der US Journalist Chris Hedges ist renommierter Kenner von Nahost. Er hat dort jahrelang gelebt und über 15 Jahre als Korrespondent für die New York Times berichtet. Er ist Träger des berühmten US Pulitzer Preises für herausragende journalistische Arbeit und Beiträge.

Nachdenseiten schreibt : “ Chris Hedges prangert an: Israel gehe es darum, den Gazastreifen unbewohnbar zu machen. Dazu zähle die Zerstörung aller Krankenhäuser dort. Israels Botschaft sei eindeutig: Es gibt keine Sicherheit. Wer im Gazastreifen bleibt, stirbt.“

Israels Krieg gegen Krankenhäuser
Von Chris Hedges

Israel greift Krankenhäuser in Gaza an, nicht weil sie „Kommandozentren der Hamas“ sind. Israel zerstört systematisch und absichtlich die Infrastruktur von Gaza im Rahmen eines Feldzuges der verbrannten Erde, um den Gazastreifen unbewohnbar zu machen und eine humanitäre Krise zu eskalieren. Israel beabsichtigt, 2,3 Millionen Palästinenser über die Grenze nach Ägypten zu zwingen, von wo sie niemals zurückkehren werden.

Israel hat das Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt zerstört und nahezu leergefegt. Als nächstes ist das Indonesische Krankenhaus in Beit Lahia dran. Israel setzt Panzer und gepanzerte Personentransportfahrzeuge rund um die Klinik ein, hat das Gebäude beschossen und dabei 12 Menschen getötet.

Das Drehbuch ist bekannt. Israel wirft Flyer über einem Krankenhaus ab. Darin werden die Menschen dazu aufgefordert, das Gebäude zu verlassen, weil das Krankenhaus eine Basis von „terroristischen Aktivitäten der Hamas“ sei. Panzer und Granaten reißen Teile der Klinikwände weg. Krankenwagen werden von israelischen Raketen in die Luft gesprengt. Strom und Wasser werden unterbrochen. Die Arzneimittelversorgung wird blockiert. Es gibt keine Schmerzmittel, keine Antibiotika und keinen Sauerstoff. Die besonders verletzlichen Menschen, Frühchen in Brutkästen und Schwerkranke, sterben. Israelische Soldaten räumen das Krankenhaus und zwingen alle Menschen mit vorgehaltener Waffe, das Gebäude zu verlassen.

So geschah es im Al-Shifa-Krankenhaus. So geschah es im Al-Rantisi-Kinderkrankenhaus. So geschah es in Gazas Hauptklinik für psychiatrische Erkrankungen. So geschah es im Nasser-Krankenhaus. Das Gleiche geschah in den anderen Kliniken, die Israel zerstört hat. Und das Gleiche wird in den wenigen Krankenhäusern geschehen, die noch übrig sind.

Israel hat 21 der 35 Kliniken in Gaza dichtgemacht, darunter das einzige dortige Krebskrankenhaus. Die Krankenhäuser, die noch in Betrieb sind, leiden unter gravierenden Engpässen an Medikamenten und anderem Material. Eine Klinik nach der anderen wird plattgemacht. Bald sind keine medizinischen Einrichtungen mehr übrig. Und das geschieht mit Absicht.

Zehntausende verängstigte Palästinenser, die von Israel aus ihren Häusern gebombt wurden, suchen Zuflucht vor der unablässigen Bombardierung, indem sie in den Kliniken und drumherum campieren. Sie hoffen, dass medizinische Einrichtungen verschont werden. Hielte sich Israel an die Genfer Konventionen, lägen sie damit richtig. Doch Israel führt keinen Krieg. Israel verübt einen Völkermord. Und bei einem Völkermord wird eine Bevölkerung und alles, was sie zum Leben braucht, ausgelöscht.

wir berichteten zum Thema:

  "Sprache des Völkermords - keine leeren Worte"

“Bad cops of Berlin”: Demokratiedefizite – Willkür gegen Jüd:innen – Rassismusprobleme"

Als unheilvolles Vorzeichen dafür, dass sich Israel, nachdem es den Gazastreifen plattgemacht hat, gegen die Palästinenser im Westjordanland wenden wird, haben gepanzerte Fahrzeuge dort mindestens vier Krankenhäuser umzingelt. Im Ibn-Sina-Krankenhaus sowie im Ost-Jerusalem-Krankenhaus führten israelische Soldaten eine Razzia durch.

Israels kolonialer Siedlerstaat wurde auf Lügen begründet. Er wird mithilfe von Lügen erhalten. Und nun, da er finster entschlossen ist, sein schlimmstes Gemetzel und die schlimmste ethnische Säuberung an den Palästinensern seit der Nakba oder „Katastrophe“ von 1948 durchzuführen, der 750.000 Palästinenser zum Opfer fielen und im Rahmen derer jüdische Milizen um die 50 Massaker verübten, lässt es eine groteske Absurdität nach der anderen vom Stapel.

Israel spricht von den Palästinensern wie von einer entmenschlichten Masse. Es gibt keine Mütter, Väter, Kinder, Lehrer, Ärzte, Anwälte, Köche, Dichter, Taxifahrer oder Ladenbesitzer. Im israelischen Wörterbuch sind Palästinenser eine einzige Ansteckungsgefahr, die ausgerottet werden muss. Sehen Sie sich dieses Video von israelischen Schulkindern an, die singen: „Wir werden jeden auslöschen“ im Gazastreifen.

Die Hitlerjugend pflegte solche Lieder über Juden zu singen.

Jene, die sich anschicken, Massentötungen zu begehen, lügen, um ihre eigene Bevölkerung nicht zu demoralisieren, wiegen die Opfer in dem Glauben, dass sie nicht alle vernichtet werden, und verhindern, dass Kräfte von außen eingreifen.

Die Nazis behaupteten, dass die Juden in den Zügen Richtung Vernichtungslager ein Arbeitskommando wären und medizinisch gut versorgt und angemessen verpflegt würden. Die Schwachen und Älteren würden in Ruhezentren versorgt. Die Nazis schufen sogar ein Schau-Lager für die „Umsiedelung“ von Juden in den Osten – Theresienstadt –, an dem internationale Organisationen wie das Rote Kreuz sehen konnten, wie human man die Juden behandelte, während Millionen vernichtet wurden.

Mindestens 664.000, möglicherweise sogar 1,2 Millionen Armenier wurden massakriert oder starben aufgrund von Unterkühlung, Krankheiten und Hunger während des Genozids, den das Osmanische Reich zwischen Frühjahr 1915 und Herbst 1916 verübte. Der Völkermord an den Armeniern war genauso öffentlich wie der Völkermord in Gaza. Europäische und US-Außenvertretungen lieferten detailreiche Berichte über die Kampagne zur Säuberung der modernen Türkei von den Armeniern.

Die osmanische Regierung, im Bemühen, den Genozid zu verbergen, verbot Ausländern, Fotos von armenischen Flüchtlingen oder den Leichen an den Straßenrändern zu machen. Auch Israel hat die ausländische Presse vom Gazastreifen verbannt und gewährt lediglich eine Handvoll kurzer und sorgfältig vom israelischen Militär arrangierte Besuche. Israel unterbricht regelmäßig die Internet- und Telefonverbindungen. Israel hat mindestens 43 (ihre Zahl erhöht sich täglich; Anmerkung der Übersetzerin) palästinensische Journalisten und Medienschaffende seit dem Eindringen der Hamas in Israel am 7. Oktober getötet, viele von ihnen wurden zweifellos von israelischen Streitkräften ins Visier genommen.

Die Armenier wurden, wie die Palästinenser, aus ihren Häusern vertrieben, niedergeschossen, ihnen wurde Essen und Trinken verwehrt. Armenische Deportierte wurden auf Todesmärsche in die syrische Wüste geschickt, wo Zehntausende von ihnen erschossen wurden oder an Hunger, Cholera, Malaria, Ruhr und Influenza starben. Israel zwingt 1,1 Millionen Palästinenser in den Südzipfel des Gazastreifens und bombardiert sie auf der Flucht. Auch diesen Flüchtlingen mangelt es an Lebensmitteln, Wasser, Treibstoff und sanitärer Versorgung. Auch sie werden bald an Epidemien und Infektionskrankheiten sterben.

Talat Pasha, der De-facto-Anführer des Osmanischen Reichs, teilte dem US-Botschafter Henry Morgenthau sen. am 2. August 1915 mit – in Worten, die sich auch in Israels Haltung wiederfinden –, „dass unsere Armenienpolitik absolut festgelegt ist und dass nichts sie verändern kann. Wir werden die Armenier nirgends in Anatolien dulden. Sie können in der Wüste leben, aber nirgends anders“.

Je länger der Genozid währt, desto absurder werden die Lügen.

Es gibt große israelische Lügen. Die Zerstörung von Gaza und mutwillige Tötung tausender Palästinenser, so beharrt Israel, sei ein gezielter Versuch, die Hamas loszuwerden und kein Feldzug mit dem Ziel, den Gazastreifen dem Erdboden gleichzumachen, Massenmord und ethnische Säuberung an den Palästinensern auszuüben.

Es gibt kleine israelische Lügen. 40 geköpfte Babys. Das Al-Shifa-Krankenhaus als „Hamas Kommandozentrale“. Ein arabischer Kalender an der Wand einer Klinik, der laut einem Sprecher der israelischen Streitkräfte, Konteradmiral Daniel Hagari, „ein Wachtschichtplan sei, in den sich jeder Terrorist eintrage, und jeder Terrorist eine eigene Schicht habe, in der er die Menschen, die hier waren, überwache“.

Eine israelische Schauspielerin, die sich als Krankenschwester verkleidet hatte und mit starkem Akzent sprach, behauptet, eine palästinensische Ärztin zu sein und gesehen zu haben, wie die Hamas Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt habe. Mitglieder der Hamas hätten „das Al-Shifa-Krankenhaus angegriffen“ und „Treibstoff und Medikamente“ gestohlen. Palästinensische Kämpfer, sagt Israel, seien für den Beschuss des Al-Shifa-Krankenhauses verantwortlich.

Israel traf ein Auto voller „Terroristen“ im Südlibanon, die sich als drei Mädchen, ihre Mutter und Großmutter entpuppten. Die Explosion beim Al-Ahli-Krankenhaus war das Ergebnis einer fehlgeleiteten Rakete, die Palästinenser abgefeuert hätten, eine Behauptung, welche die New York Times infrage stellte. Sie zweifelte das Video auf der Grundlage seines Zeitstempels an.

Israel sagte, man „reagiere auf die Anfrage des Direktors des Shifa-Krankenhauses, Zivilisten aus Gaza, die im Krankenhaus Zuflucht gesucht hatten und die von dort evakuiert werden wollten, über eine sichere Achse zum humanitären Grenzübergang zu lassen“. Diese Aussage sei nicht zutreffend, so Mohammed Zaqout, der Generaldirektor der Kliniken in Gaza. Er setzte hinzu: „Wir wurden unter vorgehaltener Waffe dazu gezwungen, das Krankenhaus zu verlassen.“

Der israelische Oberstleutnant Jonathan Conricus zeigt in einem Werbespot, den die BBC scharf kritisierte, einen kümmerlichen Haufen automatischer Waffen, die wie von Zauberhand zu einem Berg anwachsen, sobald ausländische Reporter zu einer geführten Tour ankommen. Später löschten die israelischen Streitkräfte das Video.

Die Lügen werden in israelische Schulbücher hineingeschrieben werden. Die Lügen werden von israelischen Politikern, Historikern und Journalisten wiederholt werden. Die Lügen werden im israelischen Fernsehen und in israelischen Filmen und Büchern erzählt werden. Die Israelis sind die ewigen Opfer. Die Palästinenser sind das absolut Böse. Es gab keinen Genozid. Die Türkei leugnet ein Jahrhundert danach noch immer, was den Armeniern widerfuhr.

In Kriegszeiten glauben Menschen, was sie glauben wollen. Die Lügen stillen einen Hunger in der israelischen Öffentlichkeit, die den Konflikt als Kampf zwischen „den Kindern des Lichts und den Kindern der Finsternis“ sieht. Die Lügen sind ein Schutzwall dagegen, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Denn wenn Israel die Realität verweigert, ist es nicht gezwungen, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Die Lügen erzeugen kognitive Dissonanz. Fakt wird Fiktion, Fiktion wird Wahrheit. Die Lügen verhindern jede Diskussion über Genozid oder Versöhnung.

Israel, mit dem Rückhalt der Biden-Administration, wird damit fortfahren, alles zunichtezumachen, was das Leben in Gaza aufrechterhält. Kliniken. Schulen. Kraftwerke. Wasseraufbereitungsanlagen. Fabriken. Landwirtschaftsbetriebe. Wohnblöcke. Häuser. Und dann wird Israel genauso wie die Täter der Völkermorde der Vergangenheit so tun, als hätte man nie einen begangen.

Die Lügen, die Israel benutzt, um sich der Verantwortung zu entledigen, werden die israelische Gesellschaft zerfressen. Sie werden sein moralisches, religiöses, ziviles, intellektuelles und politisches Leben zersetzen. Die Lügen werden Kriegsverbrechern den Heldenstatus verleihen und jene, die ein Gewissen haben, dämonisieren. Israels Genozid wird, wie die Massentötungen im Jahr 1965 in Indonesien, zum Mythos eines epischen Kampfes gegen die Kräfte des Bösen und der Barbarei stilisiert werden. Genauso haben ja auch die Amerikaner den Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern zum Mythos erhoben und Siedler und mörderische Reitereinheiten zu Helden stilisiert.

Die Mörder im indonesischen Krieg gegen den Kommunismus werden heute auf Kundgebungen als Erlöser bejubelt. Sie werden zu ihren „heroischen“ Kämpfen interviewt, die fast 60 Jahre zurückliegen. Israel wird das genauso handhaben. Es wird sich selbst deformieren. Es wird seine Verbrechen feiern. Es wird Böse in Gut verwandeln. Es wird in seinem selbstgeschaffenen Mythos leben. Die Wahrheit wird, wie in allen Zwangsherrschaften, verbannt werden. Israel, für die Palästinenser ein Monster, wird auch sich selbst gegenüber zum Monster werden.

Titelbild: Palästinenser warten darauf, die Leichen ihrer Angehörigen aufzunehmen, die bei einem israelischen Luftangriff am Al-Najjar-Krankenhaus im südlichen Gaza-Streifen am 21. Oktober 2023 getötet wurden. – Shutterstock / Anas-Mohammed

Großen Dank an Susanne Hofmann, die diesen Text über schreckliche Ereignisse und und Einschätzungen übersetzt hat.

Der Beitrag von Chris Hedges erschien in der vorliegenden Übersetzung in den Nachdenseiten 29.11.23. Wir danken für die Publikationsrechte.

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