Die erste Arbeiterolympiade vor 100 Jahren war ein solidarischer Gegenentwurf zum Nationalismus der Olympischen Spiele

Arbeiterbewegung und Sport

Gegen die olympische Rekordhatz

Von Ronny Blaschke

Bild: Gegen den Krieg und die Nationalsozialisten: Das Plakat zur Arbeiterolympiade. Wikimedia

Auf dem Vorplatz der Paulskirche ist ein Parcours aufgebaut. Zwischen Infotafeln und Absperrbändern ist das Kopfsteinpflaster mit einer rosafarbenen Plane bedeckt. Die Markierung für einen Wettbewerb, in dem es nicht um Schnelligkeit geht, sondern um Beherrschung. Die Hitze liegt tief über der Frankfurter Innenstadt an diesem Nachmittag. Reisegruppen zieht es vom nahegelegenen Römerberg in die Einkaufsstraßen. Einige bleiben vor der Paulskirche stehen und informieren sich über die Nationalversammlung von 1848, das erste Parlament für ganz Deutschland, das an diesem Ort getagt hatte. Doch sie blicken auch, zum Teil mit Verwunderung, auf die rosafarbene Markierung.

Zwei Frauen besteigen dort Fahrräder. Sie stehen mit gebeugten Knien auf den Pedalen und bewegen sich langsam voran. Es geht schräg nach links, nach rechts, die Blicke fest auf dem Vorderrad. Sie bremsen, balancieren, reißen den Lenker hin und her, und doch müssen sie sich weiter nach vorn bewegen, um nicht umzukippen. So geht das eine Weile, denn beim Langsam-Radfahren werden die Letzten die Ersten sein.

Am Rand des Parcours stehen die Künstlerin Katja Kämmerer und der Theatermacher Jan Deck. Beide haben 2007 das Ensemble »Profikollektion« gegründet. Darin setzen sie sich auf künstlerische Weise mit gesellschaftlichen und historischen Themen auseinander. Nun, vor der Paulskirche, erinnern sie mit einem Festival an die erste Arbeiterolympiade, die im Juli 1925 in Frankfurt am Main stattfand, vor genau 100 Jahren.

»Es ging damals nicht um ›Höher, Schneller, Weiter‹«, sagt Deck. »Es ging um internationale Solidarität und ein starkes Zeichen gegen Nationalismus.« Die Arbeiterbewegung wollte sich von der Rekordhatz der Olympischen Spiele abgrenzen, auch mit dem »Langsam-Radfahren«. 1925 gewann übrigens der Deutsche Valentin Stieber diesen Wettbewerb. Für die 100 Meter lange Strecke benötigte er 14:22 Minuten.

Die meisten Interessierten, die vor der Paulskirche an den Infotafeln stehen bleiben oder sich den Flyer anschauen, haben von der Arbeiterolympiade noch nie etwas gehört. »Wir möchten diese Wissenslücke schließen«, sagt Katja Kämmerer. »Der Zuspruch damals war riesig. Und natürlich ging es dabei auch um die politischen Themen und Konflikte jener Zeit.« In Frankfurt gibt es heute fast keine sichtbaren Spuren mehr, die an die Arbeiterolympiade erinnern. Aber Kämmerer und Deck haben einen Audiorundgang mit elf Stationen mitgestaltet. So kann man durch die Stadt spazieren und sich in die Zeit von vor 100 Jahren zurückversetzen lassen.

»Es ging damals nicht um ›Höher, Schneller, Weiter‹.«Jan Deck Ensemble Profikollektion

Damals, im Juli 1925, nahmen mehr als 3000 Sportlerinnen und Sportler aus zwölf Ländern an der Arbeiterolympiade teil. Bei der Eröffnungsfeier im neu gebauten Waldstadion verzichteten sie auf Landesflaggen und Nationalhymnen. Stattdessen erklang die »Internationale«. Im Jahr zuvor, bei den Olympischen Spielen in Paris, hatte noch kein Team aus Deutschland teilnehmen dürfen, zu frisch waren die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg. Doch nun, in Frankfurt, riefen Athleten aus Deutschland und Frankreich, die sich vor ein paar Jahren noch beschossen hatten, gemeinsam: »Nie wieder Krieg!«

Ein Halt auf dem Audiorundgang von Jan Deck und Katja Kämmerer führt an den Main und erinnert an den Festumzug, der während der Arbeiterolympiade stattfand. Rund 100 000 Menschen zogen durch Frankfurt, schwenkten Fahnen und verteilten Plakate. »Die Arbeitersportler wollten eine neue Körperkultur entwickeln«, sagt der Sportjournalist Martin Krauß. »Sie verknüpften körperliche und geistige Erziehung für ihre politischen Ziele.« Krauß hat die Teilhabe-Kämpfe der Sportgeschichte in einem Buch aufgearbeitet, der Titel: »Dabei sein wäre alles«. Darin beschreibt er auch die Fortführung des Klassenkampfes mit sportlichen Mitteln. »In Frankfurt wollte die Arbeiterbewegung ihre Stärke demonstrieren«, sagt er. »Nicht nur mit Sport, sondern auch mit Kulturveranstaltungen und Choreografien.«

Die Arbeiterolympiade wurde von gymnastischen Übungen mit Tausenden Teilnehmenden begleitet. Im Stadion fanden Schachspiele mit »lebenden Figuren« statt. Der jüdische Schriftsteller Alfred Auerbach inszenierte mit mehreren Chören das Theaterstück »Kampf und die Erde« als Protest gegen Großmachtstreben und den Raubbau von Bodenschätzen. Friedrich Adler, Generalsekretär der Sozialistischen Internationalen, empfand die Spiele als »mächtiger als alles, was der Arbeiterklasse bislang gelungen ist«. Rund 450 000 Menschen besuchten die fünftägige Arbeiterolympiade.  

Eine solche Entwicklung war im späten 19. Jahrhundert kaum vorstellbar gewesen. Die Arbeiter hatten zu wenig Freizeit für Wettkampfsport. Und wenn doch, dann konnten sie sich die teuren Mitgliedsbeiträge und Sportbekleidungen für bürgerliche Vereine nur selten leisten. Erst durch die Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 wurde es für Arbeiter möglich, Vereine und Verbände zu gründen. Auch im Sport. Doch weiterhin wurde der Arbeitersport im Kaiserreich eng überwacht. Die Justiz betrachtete sozialistische Sportvereine als politische Organisationen. Die Polizei überwachte Wettkämpfe und Versammlungen – und löste diese mitunter gewaltsam auf. Die Repression ging erst zurück, als das Kaiserreich kollabierte.

Gegen den Krieg und die Nationalsozialisten: Das Plakat zur Arbeiterolympiade wikimedia

Nach der Einführung des Achtstundentages 1918 wuchs der Arbeitersport. Es entstanden Hunderte Vereine für Fußball, Turnen oder Wandern. Viele von ihnen forderten eine »Flucht in die Natur«. Sie errichteten Sportplätze oder funktionierten Kneipenräume in Sporthallen um. Der Arbeiter-Turnverlag in Leipzig etablierte einen Versandhandel für Kleidung, Sportgeräte und Vereinsutensilien. 1930 zählte die Dachorganisation, der Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB), rund 1,2 Millionen Mitglieder.

Doch die Entwicklung des Arbeitersports wurde von etlichen Konflikten begleitet. Und es gibt wohl nur wenige, die sich damit so gut auskennen wie der Frankfurter Stadthistoriker Dieter Wesp. »Es wurde lange darüber diskutiert, wer eigentlich an der Arbeiterolympiade teilnehmen durfte«, sagt Wesp. »Denn die Spaltung der Arbeiterbewegung setzte sich im Sport fort.«

In der Weimarer Republik stritten Sozialdemokraten und Kommunisten erbittert über die Auslegung des Sozialismus. Als Präsident des Arbeiter-Turn- und Sportbundes setzte sich der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Cornelius Gellert für einen reformerischen Kurs ein. Nach internen Spannungen schloss der ATSB 1928 revolutionäre KPD-Anhänger aus. Die Kommunisten gründeten ihren eigenen Sportverband und planten als Konkurrenz zur Arbeiterolympiade eine Spartakiade in Berlin. Doch der sozialdemokratische Polizeipräsident von Berlin untersagte die Veranstaltung.

Dieter Wesp hat im Mai in Frankfurt einen Vortrag über die Arbeiterolympiade gehalten. Auf dem Einladungsflyer war das Plakatmotiv der Spiele von 1925 abgebildet: Ein Sportler in kurzer Hose steht mit einer roten Fahne auf zerstörten Waffen und Soldatenhelmen. Zu erkennen ist auch eine zerrissene Hakenkreuz-Fahne. »Schon 1925 haben sich Arbeitersportler gegen die Nationalsozialisten gestellt«, erklärt Wesp und erinnert an ihre späteren Proteste und Streiks vor der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler.

Nach der Machtübernahme 1933 wurden die Vereine der Arbeitersportler zerschlagen und ihr Besitz beschlagnahmt. Viele Mitglieder wollten das Verbot umgehen und wählten für ihre Gruppen Namen, die weniger »verdächtig« klangen. Andere schlossen sich dem Widerstand an, wie eine Wanderausstellung herausarbeitet, die seit 2018 durch Deutschland tourt. Der Titel: »Der andere Fußball«. Die Ausstellung, die im Sommer 2024 auch im Münzenberg-Forum in Berlin zu Gast war, in dem Gebäude, in dem die Redaktion des »nd« ihren Sitz hat, erinnert zum Beispiel an August Postler. Der Arbeiterfußballer beteiligte sich noch 1933 an der Verbreitung der Zeitung »Roter Nordsport«. Die Gestapo nahm Postler fest. Im März 1934 starb er in Haft, vermutlich an den Folgen der Misshandlung.

»In Frankfurt wollte die Arbeiterbewegung ihre Stärke demonstrieren.«Martin Krauß Sportjournalist

Biografien wie diese spielen in der Geschichtsschreibung des deutschen Sports keine große Rolle. Und auch außerhalb von Deutschland ist wenig bekannt, dass der Boom der Arbeiterolympiade nur kurz war. Die zweite Auflage der Spiele fand 1931 in Wien statt. Die dritte war für 1936 in Barcelona geplant, doch der Beginn des spanischen Bürgerkrieges führte zur Absage. Die letzte Arbeiterolympiade ging 1937 in Antwerpen über die Bühne. Und nach dem Krieg blieb der Arbeitersport, wenn überhaupt, eine Nische.

Wenn die Künstlerin Katja Kämmerer und der Theatermacher Jan Deck über die Arbeiterolympiade sprechen, dann denken sie an die Bedrohung durch Faschisten, an die Ausbeutung von Arbeitskräften oder an Wohnungsknappheit, alles Themen, die auch die Gegenwart prägen. Doch sie möchten auf ihrem Festival in Frankfurt auch den Fortschritt in den Blickpunkt rücken.

Bei Olympia 1924 in Paris durften nur wenige Sportlerinnen an den Start gehen. Vor allem die Leichtathletik und das Turnen lehnten die Aufnahme von Frauen ab. Ganz anders war es bei der Arbeiterolympiade in Frankfurt ein Jahr später, wo Frauen selbstverständlich mitwirken konnten, auch an der Organisation. 100 Jahre später ist das im deutschen Sport noch immer nicht überall selbstverständlich.

Erstveröffentlich im nd v. 29.7. 2025
https://nd.digital/editions/nd.DerTag/2025-07-29/articles/19038132

Wir danken für das Publikationsrecht.

Gaza. Wer nicht sieht, will nicht sehen und auch nur reden reicht nicht!

Nicht mehr Weggucken. Von Pseudoaktivitäten der Bundesregierung nicht blenden lassen. Nicht nur reden, sondern wirklich handeln. Wir berichten wo und wer und helfen mobilisieren!

Jens Schmidt hat sich entschlossen, sich der Wahrheit zu stellen. Fakten und Informationen lassen keine Ausreden mehr zu. Alle, auch „linke Liberale“ müssten sich endlich ehrlich machen, sich aufrütteln und gegen Israels Völkermord in Gaza die Stimme erheben und sich den Protesten anschließen. „Wir leben sogar in einer Demokratie,“ postet Jens „in der jeder anders als in den genannten Fällen seine Meinung sagen kann, ohne dafür im Knast zu landen, gefoltert oder sogar umgebracht zu werden.“ Ja, ganz so schlimm wie in manchen Diktaturen ist es bei uns noch nicht. Aber wer Israel öffentlich kritisiert, muss den Polizeiknüppel und Verhaftungen fürchten, muss mit beruflicher und gesellschaftlicher Ausgrenzung bis zur Existenzvernichtung rechnen, Ausländer:innen werden mit Ausweisung bedroht. Seine Stimme gegen die deutsche Staatsräson mit Israel zu erheben, verlangt Rückgrat. Solidarität mit Palästina erfordert Mut zur Wahrheit und Mut zu kämpfen! Kommt mit zur nächsten Palästinasolidarität! Hört auf, Euch selbst zu belügen, um Euch zu schützen! Je mehr das tun, umso geschützter sind wir alle!

Appell von Jens Schmidt

Man muss kein Militär- oder Geheimdienstexperte sein, um einen Völkermord, eine Vertreibung, als was auch immer Gerichte es bewerten werden, eindeutig zu erkennen und zu verurteilen. Jurist muss man übrigens auch nicht sein, um sein Gewissen nicht nur zu haben, sondern auch anzuwenden. Es ist eine Ausrede, sich hinter Bloggern zu verstecken, die so tun, als könnten sie das widerlegen, was SPIEGEL, ZEIT, Süddeutsche und ARD mittlerweile unisono berichten. Wer in Gaza in Abrede stellt, dass Israel dort die Palästinenser aushungert, wer ins Blaue hinein die Hilfsorganisationen, die Vereinten Nationen und die Hamas beschuldigt, der kann eigentlich auch den Mitläufern, die den anderen großen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Menschheitsgeschichte gleichgültig zugesehen und bis zuletzt abgewogen und relativiert haben, keinen glaubhaften Vorwurf machen. Der muss ehrlicherweise in den Spiegel schauen und erkennen, dass die Antwort auf die Frage „was hätte ich anders gemacht als meine Großeltern?“ möglicherweise „nichts“ lautet. Wir leben sogar in einer Demokratie, in der jeder anders als in den genannten Fällen jeder seine Meinung sagen kann, ohne dafür im Knast zu landen, gefoltert oder sogar umgebracht zu werden.

Wer die ethnische Säuberung im Gazastreifen verurteilt, ist kein Verharmloser der Verbrechen der Hamas. Aber wer die ethnische Säuberung nicht verurteilt, verharmlost mit Sicherheit die ethnische Säuberung. Ein einmaliger völkerrechtswidriger Angriff ist kein Freibrief, der das Verhältnismäßigkeitsprinzip für Vergeltungsmaßnahmen allezeit außer Kraft setzt und Tür und Tor für einen totalen Krieg öffnet. Den totalen Krieg, das wissen wir aus unserer eigenen Geschichte, gibt es in der faschistischen Propaganda, aber nicht als legitimen Rechtfertigungsgrund im Völkerrecht. Im Völkerrecht wird auch keine „Staatsräson“ anerkannt, die einen Vorrang der israelischen Sicherheit zugunsten der Sicherheit anderer Völkerrechtssubjekte postuliert.

Der Gazakrieg wurde so sehr in die falsche Richtung geführt und hat sich zu einer Kaskade des Unrechts verdichtet, dass man, ebenso wie gegen den verbrecherischen Terroranschlag der Hamas, sich nur noch auf die richtige oder auf die falsche Seite der Geschichte stellen kann. Es gibt nichts dazwischen – und die richtige Seite ist nicht die Hamas, sondern das Recht. Man sollte sich nicht aus Eitelkeit, Angst um den eigenen Ruf oder falschem Harmoniebedürfnis auf die vermeintlich einfache Seite oder in die indifferente Mitte stellen, sondern auf die richtige Seite, um Druck auf die eigene Regierung zu machen statt wegzunehmen. Rechthaberei sollte hintanstehen, Humanität und Gewissen alleine sollten ausschlaggebend sein – damit wir nicht einen weiteren Schritt in den Abgrund einer Weltordnung unterstützen, in der das Recht des Stärkeren gilt. Ich begrüße jeden, der umkehrt – nicht weil ich mich dann selbst bestätigt fühle, sondern weil wir jeden Umkehrenden dringend brauchen, um eine kritische Masse zu erreichen, durch die sich unsere Bundesregierung veranlasst fühlt, sich mit voller Kraft noch für die Verhinderung des Allerschlimmsten einzusetzen, solange noch Zeit dafür bleibt.

29. Juli 2025: laut Umfrage des Forsa Instituts erwarten 74 Prozent der Deutschen, dass die Bundesregierung massiven Druck auf Israel ausübt. Den deutschen Kanzler drückt angesichts der verheerenden Bilder und öffentlichen Stimmung sein Image. Seine Antwort zynisch. Er will den Bomben aus deutschen Fertigungsteilen kosmetische Carepakete hinterherschicken, die dann wohl wahllos in der Trümmerlandschaft verstreut werden. Womöglich verletzen oder erschlagen solche Pakete aus der Luft sogar, wie die Erfahrungen zeigen, weitere Opfer, weden auf mafiöse Weise verteilt und sind im besten Fall nichts weiter als einTropfen auf dem heißen Stein.
Was wirklich Not tut: Israel muss die Blockade aufheben, die wartenden vollbeladenen kilometerlangen LKW Schlangen ins Land lassen, den neutralen Hilfsorganisationen die Verteilung übergeben und alle Kriegshandlungen einstellen. Glaubwürdiger Druck heisst: Statt Israel zu unterstützen, Israel sanktionieren! Sofort!

Titelbild : Collage Peter Vlatten

Es werden immer Linke betroffen sein

Ingar Solty warnt davor, dass progressive Menschen ins Fadenkreuz von Berufsverboten geraten werden.

Von Ingar Solty

Bild: Screenshot Berufsverbote-Bündnis Hessen

Es gibt wieder Berufsverbote in Deutschland – ein Anzeichen eines zunehmenden Autoritarismus bei uns. Der Kapitalismus ist ein postliberaler: Nach außen gilt die neoliberale Ordnung des »freien« Handels und »freien« Marktes nicht mehr. Es zeigt sich stattdessen ein neuer Wirtschaftsnationalismus, der – wie in Panama geschehen – mitunter sogar mit Krieg droht, um die Investitionen der ökonomischen Konkurrenz zu eliminieren. Nach innen wird der Kapitalismus zunehmend autoritärer, Entscheidungen werden zentralisiert, Freiheitsrechte wie das auf Versammlung und Meinung verengt und eben wieder Berufsverbote ausgesprochen – in Brandenburg, Rheinland-Pfalz, Thüringen.

In der Vergangenheit richteten sich Berufsverbote, als sie 1972 in der Bundesrepublik von der Brandt-Regierungen eingeführt wurden, gegen Linke. Für die Mitglieder der nach dem KPD-Verbot von 1956 erst 1968 wieder zugelassenen DKP bedeutete das: Lehrer, Professor, Postbote wirst Du nicht mehr. Zehntausende wurden zu Opfern dieser Politik.

Heute richten sich diese Praxen scheinbar gegen die AfD. Aber klar sein muss: Es werden immer Linke betroffen sein. Warum?

Wenn die Berufsverbotepraxis von Regierungen der Union ausgeht, dann tun diese es aus Überzeugung, weil sie ihren Hauptfeind links sehen und die extreme Rechte ein bürgerliches Kontinuum ist, Fleisch vom Fleisch der Konservativen, ein radikalisierter Konservatismus. Das hört man nicht nur bei Unionsfraktionschef Jens Spahn, sondern auch bei Kanzler Friedrich Merz und dem Chef des Bundeskanzleramtes Thorsten Frey heraus. Wenn die von der »Brandmauer« sprechen, nennen sie nicht etwa Rassismus und Menschenfeindlichkeit als Grund dafür. Stattdessen werfen sie der AfD vor, »auf Putins Schoß« zu sitzen und damit außenpolitsch unzuverlässig zu sein. (Genau das ändert die AfD gerade, um sich regierungsfähig zu machen: pro-USA/Nato, pro-Aufrüstung, pro-EU/Euro usw.)

Geht die Berufsverbotepraxis von rot-grünen Regierungen und im Namen der »wehrhaften Demokratie« gegen die AfD aus, dann sind auch, wie jetzt in Rheinland-Pfalz, kleine, harmlose linke Organisationen im Fadenkreuz der Behörden. So wird gegen Gewerkschaften wie die FAU vorgegangen, die verdienstvolle Arbeit beim Organizing von Arbeiterinnen und Arbeitern der Lieferdienste leisten. Auch Strömungen in der Linkspartei und Organisationen wie die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) und die Rote Hilfe sind verdächtig.

Rot-Grün tut das nicht bloß, um die Totalitarismusdoktrin zu pflegen, in der es sich so hübsch einrichten und wohl fühlen lässt, in der man sich selbst stets und per se, egal, was man tut, als »die Guten« sehen kann. Man tut es auch, um sich gegen die Reaktion von rechts zu immunisieren, um den Eindruck der »Ausgewogenheit« in der Verfolgung des politischen Gegners aufrechtzuerhalten. Und was schaut ausgewogener aus, als neben einer einzigen großen Rechtspartei, die in Umfragen bundesweit stärkste Partei neben der Union ist, die Mitglieder von Dutzenden linken Organisationen mit Berufsverboten zu belegen?

Ist aber diese Praxis erst einmal etabliert und kommt 2027 oder 2028 eine mögliche Bundesregierung mit AfD-Beteiligung, dann Gnade dem linken Gott. Denn dann wendet sich diese eingeübte und normalisierte Praxis mit voller Wucht gegen links. Dann ist Merz’ trumpistische Prüfung der Gemeinnützigkeit von unzähligen Nichtregierungsorganisationen nur der Anfang.

Erstveröffentlicht im nd v. 28.7. 2025
https://nd.digital/editions/nd.DerTag/2025-07-28/articles/19006785

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung