Bücher oder Bomben? Frankreichs Schülerprotest gegen den Ausgabendruck der NATO

Titelbild: „Finanziert unsere weiterführenden Schulen statt Völkermord“ (Bild: Stephane Jouteux)

Inzwischen sind die Schülerproteste aus Frankreich nach Belgien, Österreich, Zypern, und jetzt auch nach Deutschland übergeschwappt. Es wächst eine internationale Jugendprotestbewegung heran gegen das Kaputtsparen der Bildungssysteme zugunsten massiv wachsender Militärausgaben. Gestern wurde erstmals in Berlin nach französischem Vorbild eine Schule boykottiert. Dort wie hier die Antwort des Obrigkeitsstaates: Polizeigewalt. Der PolizeiApparat, da sind sich Grüne und SPD mit AfD und CDU vollkommen einig: der muss aufgerüstet werden. (Peter Vlatten)

Medea Benjamin, 13.10.26 – USA – Codepink

Bereits die dritte Woche in Folge gehen Schülerinnen und Schüler in ganz Frankreich auf die Straße und fordern mehr Investitionen in ihre Bildung. Sie wollen mehr Lehrkräfte, kleinere Klassen, angemessene Schulgebäude und ein öffentliches Bildungssystem, das auch für Schüler:innen aus armen und aus der Arbeiterklasse stammenden Familien funktioniert.

Doch ihr Kampf fällt in eine Zeit, in der Frankreich zunehmend unter Druck gerät, die öffentlichen Ausgaben zu kürzen und gleichzeitig seinen Militärhaushalt drastisch zu erhöhen. Die zentrale Frage dieses Aufstands geht weit über das Thema Bildung hinaus: Wird Frankreich in seine jungen Menschen investieren – oder in Raketen, Waffen und Krieg? Bücher oder Bomben?

Was in den Pariser Vororten begann, hat sich auf mehr als tausend Schulen ausgeweitet. Am 6. Oktober gingen Berichten zufolge mehr als 250.000 Menschen bei Demonstrationen zur Unterstützung der Schülerinnen und Schüler auf die Straße.

Die Reaktion der Regierung hat die Wut nur noch verstärkt. Statt auf die Forderungen der Schüler:innen einzugehen, haben die Behörden Bereitschaftspolizei, Tränengas, Granaten und Massenverhaftungen eingesetzt. Seit Beginn der Proteste wurden Berichten zufolge mehr als 6.500 Menschen festgenommen, die meisten von ihnen Minderjährige. Einige junge Demonstrierende erlitten schwere Verletzungen, darunter ein 15-Jähriger, der seine Hand verlor, nachdem eine Polizeigranate explodiert war. Amnesty International hat den, wie es heißt, „unverhältnismäßigen“ Einsatz von Gewalt gegen junge Menschen verurteilt, die friedlich ihr Recht auf Bildung einfordern.

Der Kontrast ist frappierend: Die Schülerinnen und Schüler fordern Lehrkräfte und angemessene Schulen, während die Regierung Bereitschaftspolizei gegen sie einsetzt – und gleichzeitig weitere Milliarden für ihr Militär ausfindig gemacht hat.

Die Schüler:innenbewegung entwickelt sich genau zu dem Zeitpunkt, an dem die NATO Druck auf die europäischen Regierungen ausübt, ihre Militärausgaben massiv zu erhöhen. Unter starkem Druck aus Washington einigten sich die NATO-Staats- und Regierungschefs 2025 auf eine schwindelerregende neue Zielvorgabe: Bis 2035 sollen 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts jedes Mitgliedslandes dafür aufgewendet werden. Mindestens 3,5 Prozent sollen direkt in Militärausgaben fließen, weitere 1,5 Prozent in militärbezogene Infrastruktur, Cybersicherheit und „Resilienz“.

Dies stellt eine enorme Abkehr vom bisherigen 2-Prozent-Ziel der NATO dar, das viele Mitgliedstaaten bereits nur schwer erfüllen konnten. Für Länder, die mit wachsenden Defiziten, hoher Verschuldung und dem Verfall öffentlicher Dienstleistungen konfrontiert sind, hat eine solche Erhöhung einen hohen Preis.

Frankreich ist dafür ein eklatantes Beispiel. Das Land hat fast 4 Billionen US-Dollar öffentliche Schulden – rund 119 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und damit einen der höchsten Werte in Europa. Um sein Defizit zu bekämpfen, hat die Regierung Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen in Höhe von etwa 48 Milliarden US-Dollar vorgeschlagen, wodurch die ohnehin schon stark belasteten öffentlichen Dienste unter noch größeren Druck geraten.

Doch während die Regierung Sparmaßnahmen fordert, sieht ihr Haushaltsentwurf für 2027 eine Erhöhung der Militärausgaben um etwa 7,2 Milliarden US-Dollar innerhalb eines einzigen Jahres vor, gegenüber lediglich 1,2 Milliarden US-Dollar mehr für die Bildung. Im Bildungshaushalt sollen zudem 1.588 unbefristete Lehrerstellen gestrichen werden.

Stellen Sie sich vor, Sie sind 16 Jahre alt und sitzen in einem überfüllten Klassenzimmer mit einer undichten Decke und ohne feste Lehrkraft und hören, dass sich Ihre Regierung bessere Schulen nicht leisten – aber irgendwie Milliarden mehr für Waffen auftreiben kann.

Frankreichs eigene Haushaltsaufsichtsbehörde hat darauf hingewiesen, dass die steigenden Ausgaben der Zentralregierung vor allem durch höhere Zinszahlungen, Beiträge an die Europäische Union und steigende Militärausgaben verursacht werden.

NATO-Vertreter:innen bestehen darauf, dass dieser massive militärische Ausbau notwendig sei, um Europa vor Russland und anderen Bedrohungen zu schützen. Doch die Vorstellung, Russland stehe kurz davor, in Frankreich einzumarschieren, ist absurd, und der Drang zu immer höheren Militärausgaben wirft eine grundlegende Frage auf: Welche Art von Sicherheit bietet die französische Regierung tatsächlich, wenn ihre Schulen, Krankenhäuser und anderen öffentlichen Dienstleistungen dem Verfall preisgegeben werden?

Frankreich ist kein Einzelfall. Auch Schüler:innen und Lehrkräfte in Belgien, Spanien und Portugal sind wegen der Finanzierung des Bildungswesens und der Arbeitsbedingungen auf die Straße gegangen – ein Zeichen für die wachsende Frustration in ganz Europa gegenüber Regierungen, die behaupten, es gebe nicht genug Geld für grundlegende öffentliche Dienstleistungen.

Von einer ganzen Generation wird verlangt, Sparmaßnahmen hinzunehmen, während Europa einen der größten militärischen Aufrüstungsprozesse seit dem Kalten Krieg in Angriff nimmt. Politische Entscheidungsträger:innen mögen zwar darauf bestehen, dass Bildungs- und Militärausgaben getrennte Fragen seien. Doch sie konkurrieren um dieselben begrenzten öffentlichen Mittel.

Und einige französische Schülerinnen und Schüler stellen diesen Zusammenhang bereits selbst her: Auf Protestschildern heißt es „Geld für Schulen, nicht für Krieg“ und „Finanziert Gymnasien, nicht Völkermord“. Damit verbinden sie ihre unmittelbaren Forderungen mit der umfassenderen Frage, was – und wen – die Regierung zu finanzieren bereit ist.

Diese jungen Menschen stellen die eigentliche Definition von Sicherheit infrage. Die NATO misst Sicherheit in Panzern, Raketen, Drohnen und Munition. Die Schülerinnen und Schüler fordern eine andere Art von Sicherheit: angemessene Schulen, Chancengleichheit und eine Gesellschaft, die in ihre Zukunft investiert, statt sie einem endlosen Wettrüsten zu opfern.

Ihre Forderungen sollten im gesamten NATO-Bündnis auf Widerhall stoßen, auch in den Vereinigten Staaten, wo öffentliche Dienstleistungen angegriffen werden, während Trump eine atemberaubende Erhöhung des Militärhaushalts um 54 Prozent anstrebt.

Deshalb organisieren CODEPINK und verbündete Gruppen vom 10. bis 12. November in Washington, D.C., einen „Steuerzahler:innen-Aufstand“ (Taxpayer Uprising). Dabei sollen Menschen veranlasst werden, in die Hallen des Kongresses zu gehen, um eine grundlegende Neuausrichtung unserer nationalen Prioritäten zu fordern. Statt immer mehr Steuergelder in Krieg und Waffenhersteller zu lenken, sollte unsere Regierung in Gesundheitsversorgung, Bildung, bezahlbaren Wohnraum, grüne Energie und eine nachhaltige Zukunft investieren.

Von den Klassenzimmern Frankreichs bis in die Hallen des Kongresses lautet die Frage dieselbe: Werden unsere Regierungen in das Leben investieren – oder in den Krieg? Bücher oder Bomben?

Der Beitrag ist ursprünglich bei Codepink erschienen und anschliessend auf unserer Partnerseite Pressenza publiziert. Wir danken für fas Publikationsrecht.

Codepink
CODEPINK ist eine von
Frauen geführte Basisorganisation, die sich für die Beendigung von Kriegen und Militarismus in den USA einsetzt, Friedens- und Menschenrechtsinitiativen unterstützt und unsere Steuergelder in die Gesundheitsversorgung, Bildung, grüne Arbeitsplätze und andere lebensbejahende Programme umleitet. Gegründet im Herbst 2002, um den US-Krieg gegen den Irak zu verhindern, setzen wir uns auch weiterhin für Gerechtigkeit für die Iraker:innen ein und ziehen Kriegsverbrecher:innen zur Rechenschaft. Wir wenden uns aktiv gegen den anhaltenden US-Krieg in Afghanistan, Folter, das Gefangenenlager in Guantanamo, bewaffnete und Spionagedrohnen, die Verfolgung von Whistleblowern, die US-Unterstützung für die israelische Besetzung Palästinas und für repressive Regime wie Saudi-Arabien.

Militarisierung des Gesundheitswesens. Was heißt das eigentlich?

Das folgende Zitat ist aus dem Artikel von Dr. Ulrike Faber [1]Dr. Ulrike Faber ist Apothekerin,
VdPP-Mitglied und organisiert die Berliner Regionalgruppe des VdPP.
Außerdem ist sie bei den
Pharmacists for Future aktiv

, der im „Rundbrief“ des VdPP, September 2026,Seite 10 veröffentlicht wurde.

"Militarisierung bedeutet, sein Denken und Handeln an den Erfordernissen des Militärs auszurichten und zu priorisieren.
Trifft das aktuell auf uns und unser Gesundheitswesen zu?
Ich will hier aufzeigen, mit welcher Entwicklung wir es zu tun haben, sie zugleich einordnen und kritisch hinterfragen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit
und als Anregung für die Diskussion."

Zum Rundbrief des VdPP [2]Ausgabe Nr. 126 September 2026 38. Jahrgang des Vereins demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (V)

Dieser Artikel wurde zuerst auf frieden-gewinnen veröffentlicht, recht herzlichen Dank für die Genehmigung für unsere Veröffentlichung. (Anm. Ingo Müller)

References

References
↑1 Dr. Ulrike Faber ist Apothekerin,
VdPP-Mitglied und organisiert die Berliner Regionalgruppe des VdPP.
Außerdem ist sie bei den
Pharmacists for Future aktiv
↑2 Ausgabe Nr. 126 September 2026 38. Jahrgang des Vereins demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (V)

Nicht wer den ersten Schritt macht, ist zwangsläufig der Aggressor …

… sondern der, der zu diesem Schritt zwingt.

Frei nach Niccolò Machiavelli

Von UWE FROSCHAUER

Titelbild: Mit KI erzeugt

Vorbemerkung FORUM-Red.: Der Autor sagt das, was jeder vernunftsbegabte Mensch in der gegenwärtigen Sitruation erkennen könnte und es wagt, es auch zu äußern. Uwe Froschauers Artikel ist formuliert wie eine Rede, die er auch so halten könnte. Man könnte ihn auch als Flugblatt verteilen. Der Autor sagt dazu: „Meine Texte sind frei“. Der Artikel ist ein Weckruf. Doch Apelle an die Herrschenden sind stumpfe Waffen. Kriege werden beendet durch den Widerstand derjenigen, die sich und andere nicht an den Tod verlieren wollen und keine Fluchtperspektive haben. Wie aktuell erscheint doch Bertolt Brechts Mahnung von 1952: „Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde! Lasst uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind! Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.“ (aus „Das Gedächtnis der Menschheit“) JG

Ich habe Angst.

Nicht um mich. Ich habe Angst um meine Kinder, um meine Lieben, um junge Menschen, die ihr Leben noch vor sich haben. Angst davor, dass verantwortungslose Politiker Europa in einen Krieg hineinmanövrieren, den die meisten Menschen nicht wollen und in dem es am Ende nur Verlierer geben kann. Diese Angst macht mich nicht zum Feigling. Sie macht mich zum Pazifisten.

Was derzeit in Europa geschieht, halte ich für brandgefährlich. Aufrüstung, „Kriegstüchtigkeit“, neue Waffensysteme, Militärmanöver, Drohungen, Gegendrohungen, Planspiele, verpflichtende Musterungen, Vorbereitungen von Krankenhäusern auf massenhaft verwundete Soldaten – ein Mosaikstein fügt sich an den nächsten. Wann ist eigentlich Schluss? Wann sagen die Menschen in Europa: Bis hierher und nicht weiter?

Nicht wer den ersten Schritt zu einem Krieg unternimmt, ist zwangsläufig der wahre Aggressor, sondern derjenige, der zu diesem Schritt zwingt. Dennoch ist auch dieser erste Schritt nicht zu verzeihen. Diesen Gedanken habe ich bereits in früheren Artikeln vertreten. Er beschreibt für mich einen wesentlichen Unterschied zwischen Auslöser und Ursache eines Krieges.

Russland ist am 24. Februar 2022 in die Ukraine einmarschiert. Das ist eine Tatsache. Wer daraus jedoch ableitet, die Geschichte dieses Krieges habe an jenem Morgen begonnen, macht es sich zu einfach. Kriege fallen nicht vom Himmel. Sie haben eine Vorgeschichte. Sie entstehen aus Interessen, Machtverschiebungen, Provokationen, Ängsten, Fehleinschätzungen, gebrochenem Vertrauen und gescheiterter Diplomatie. Und sie entstehen, wenn Menschen irgendwann aufhören, miteinander zu reden. Europa ist auf diesem Weg verflucht weit vorangekommen.

Der Ticker des Wahnsinns

Man muss sich nur ansehen, was sich allein in den vergangenen Tagen und Wochen abgespielt hat.

14. September 2026

Ein italienischer NATO-Kampfjet schießt über Litauen eine aus Belarus eingedrungene Drohne ab. Die litauischen Behörden erklären, die Drohne habe Sprengstoff getragen.

Wieder geht es um Russland und Belarus, wieder um Bedrohung und NATO-Reaktionen. Jeder einzelne Vorfall mag eine Erklärung haben. Was mir Sorgen bereitet, ist das Gesamtbild. Die militärische Konfrontation rückt näher an die unmittelbare Berührung zwischen Russland und der NATO, und jede solche Berührung birgt die Gefahr eines Fehlers.

Mitte September 2026

Deutschland und die USA wollen ihre Rüstungsindustrien noch enger miteinander verzahnen. Gemeinsame Entwicklung und Produktion moderner Waffensysteme, Komponenten und Munition sollen ausgebaut werden. Deutschland plant darüber hinaus den Erwerb amerikanischer Tomahawk-Marschflugkörper.

Sollen Raketen Frieden schaffen? Soll immer mehr Aufrüstung immer mehr Sicherheit bringen? Das mag glauben, wer möchte. Ich nicht.

25. September 2026

Dann geschieht etwas, das mir Hoffnung macht. Junge Menschen gehen auf die Straße – nicht für Waffen, nicht für Kriegstüchtigkeit und schon gar nicht für einen Platz im Schützengraben. Sie demonstrieren gegen eine Entwicklung, deren Folgen im Ernstfall vor allem ihre Generation zu tragen hätte.

Nach Angaben der Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ beteiligen sich bundesweit mehr als 45.000 Schülerinnen und Schüler in rund 100 Städten an Protesten gegen eine mögliche Wehrpflicht und die verpflichtenden Musterungen. Allein in Berlin zählt die Polizei rund 2.400 Demonstranten.

Sehr gut so!

Denn diejenigen, die heute von Kriegstüchtigkeit reden, werden im Ernstfall vermutlich nicht im Schützengraben liegen. Dort werden andere liegen: junge Männer und junge Frauen, Söhne und Töchter – unsere Kinder.

Sie sollen möglicherweise mit ihrem Leben für politische Entscheidungen bezahlen, die andere getroffen haben. Ich frage die Damen und Herren Kriegstüchtigen in Berlin, Paris, London, Warschau und Brüssel: Würden Sie Ihre eigenen Kinder an die Front schicken, Ihren Sohn in einen Panzer setzen oder Ihrer Tochter ein Gewehr in die Hand drücken und ihr sagen: Geh und stirb, wenn es sein muss? Oder sollen das wieder einmal die Kinder der anderen erledigen?

Ende September 2026 – vor der schottischen Küste

Vor der schottischen Küste wird der Seekrieg geprobt. Bei der britisch geführten Übung „Strike Warrior“ trainieren rund 1.300 Soldaten verschiedener NATO-Staaten unter anderem U-Boot-Jagd, Luftoperationen und Entermanöver. Fast zeitgleich demonstrieren Großbritannien und die USA bei „Atlantic Thunder“ ihre Angriffsfähigkeiten. Am 29. September meldet die Royal Navy, dass die ausgemusterte amerikanische Fregatte USS Klakring mit verschiedenen Waffensystemen angegriffen und versenkt wurde. Zum Einsatz kommen unter anderem Raketen und ein Torpedo.

Selbstverständlich dienen solche Manöver offiziell der Verteidigung und Abschreckung. So argumentiert jedoch auch die Gegenseite mit ihrer Sicherheit. Das Problem beginnt dort, wo beide Seiten die eigene militärische Aufrüstung als notwendige Verteidigung und die Maßnahmen des anderen als Aggression interpretieren. Welches Signal soll bei Moskau ankommen, wenn unmittelbar vor Europas Küsten U-Boot-Jagd, Raketenangriffe und das Versenken eines Kriegsschiffes geprobt werden? Und welches Signal erwartet der Westen als Antwort? Es ist das klassische Sicherheitsdilemma – nur spielen diesmal Atomwaffen mit.

30. September 2026

Kaliningrad.

Ein russisches Gebiet zwischen Polen und Litauen, hochgerüstet und geografisch vom russischen Kernland getrennt, entwickelt sich zu einem der gefährlichsten möglichen Brennpunkte einer direkten Konfrontation zwischen Russland und der NATO.

Russland warnt inzwischen ausdrücklich davor, Kaliningrad militärisch abzuschneiden oder anzugreifen, und bringt für diesen Fall auch Nuklearwaffen ins Spiel. Das ist Wahnsinn. Nukleare Drohungen sind keine Kleinigkeit und auch dann unverantwortlich, wenn sie aus Moskau kommen.

Aber zur Wahrheit gehört ebenso die Vorgeschichte. Im August führten NATO-Flugzeuge nach Angaben einer westlichen Militärquelle gegenüber Reuters eine unangekündigte Operation rund um Kaliningrad durch. Dabei wurde demonstriert, dass im Konfliktfall Funk-, Radar- und Luftverteidigungsverbindungen der russischen Exklave unterbrochen werden könnten.

Was soll daraus entstehen – Frieden? Soll Russland eine solche Operation beobachten und anschließend beruhigt feststellen: Alles gut, die NATO will schließlich nur spielen?

Gleichzeitig sagt NATO-Generalsekretär Mark Rutte am 30. September, es gebe keine unmittelbare Bedrohung des NATO-Gebiets durch Russland. Diese Aussage sollte aufhorchen lassen. Wenn keine unmittelbare Bedrohung besteht, warum wird dann eine Atmosphäre erzeugt, in der der Krieg zunehmend, als etwas erscheint, auf das Europa sich geistig, wirtschaftlich, gesellschaftlich und militärisch vorbereiten müsse?

Das Spiel mit dem Feuer

Russland verfügt über das größte Nukleararsenal der Welt. Nach Schätzungen der Federation of American Scientists besitzt Russland 2026 insgesamt rund 5.400 nukleare Sprengköpfe und liegt damit knapp vor den Vereinigten Staaten. Und mit diesem Land wollen einige europäische Politiker offenbar ausprobieren, wie weit sie gehen können?

Sind die noch bei Trost?

Ein Atomkrieg zwischen Russland und der NATO wäre kein Computerspiel, kein Planspiel in irgendeinem NATO-Hauptquartier, kein Strategieseminar und kein Fernseh-Talk. Menschen würden sterben, möglicherweise Millionen. Unsere Kinder und Enkel könnten sterben. Und Europa, das zwei Weltkriege erlebt hat, redet wieder über Kriegstüchtigkeit.

Was für ein Irrsinn!

Wer bedroht hier eigentlich wen?

Seit Jahren wird den Menschen erzählt, Russland könne nach der Ukraine als Nächstes NATO-Staaten angreifen. Putin hat entsprechende Absichten wiederholt bestritten. Ende 2025 erklärte er erneut, Russland habe nie geplant, Europa anzugreifen, und sei sogar bereit, dies schriftlich festzuhalten.

Man kann Putin glauben oder ihm misstrauen. Beides ist legitim. Was ich nicht akzeptiere, ist etwas anderes: russische Aussagen werden vielfach behandelt, als seien sie per se wertlos, während westliche Bedrohungsanalysen den Anschein objektiver Wahrheit erhalten. Warum?

Auch westliche Politiker verfolgen Interessen, NATO-Generalsekretäre betreiben Politik und Regierungen arbeiten mit Propaganda. Selbstverständlich können auch westliche Politiker lügen – und das tun sie, teilweise wie gedruckt! Ich muss dennoch weder Putin noch Merz, weder Lawrow noch Pistorius, weder Moskau noch Brüssel glauben. Ich kann mir ansehen, was sie sagen und vor allem, was sie tun.

Was ich derzeit in Europa sehe, gefällt mir überhaupt nicht. Und noch eines: Putin traue ich eher über den Weg als den europäischen Kriegstreibern. Anscheinend sind die von Nazi-Deutschland verursachten 27 Millionen tote Russen bereits in Vergessenheit geraten. Hat Deutschland Russland überfallen, oder umgekehrt? Nie wieder?

Die Kriegstüchtigen

Friedrich Merz will die Bundeswehr zur konventionell stärksten Armee Europas machen. Boris Pistorius hat den unsäglichen Begriff der „Kriegstüchtigkeit“ wieder salonfähig gemacht. Emmanuel Macron treibt seit Jahren die Debatte über eine stärkere militärische Rolle Europas voran. Großbritannien gehört zu den entschlossensten Unterstützern einer militärischen Fortsetzung des Ukrainekrieges. Polen rüstet massiv auf. Ursula von der Leyen drängt auf eine stärkere europäische Rüstungsindustrie. Mark Rutte fordert immer größere militärische Anstrengungen der NATO-Staaten.

Waffen, Munition, Raketen, Drohnen, Panzer und Kampfjets – dafür werden Milliarden über Milliarden mobilisiert. Wo aber sind die Friedenspläne und die großen europäischen diplomatischen Initiativen? Wo sind die Staatsmänner, die nach Moskau fahren und sagen: Wir müssen reden? Wo sind die Politiker, die den Mut besitzen, sich an einen Tisch zu setzen, statt die nächste Rakete zu bestellen?

Kriegstüchtige gibt es inzwischen genug. Europa braucht endlich wieder Friedenstüchtige.

Russland ist nicht wehrlos

Ein weiterer Widerspruch fällt mir auf. Auf der einen Seite wird Russland als eine militärische Bedrohung dargestellt, gegen die Europa massiv aufrüsten müsse. Auf der anderen Seite verfügen die europäischen NATO-Staaten zusammengenommen über eine erheblich größere Wirtschaftsleistung als Russland und geben nominell ein Mehrfaches für ihre Streitkräfte aus.

Russland ist konventionell keineswegs allmächtig. Nuklear ist die Sache eine völlig andere. Wer daraus die Schlussfolgerung zieht, man könne Russland immer weiter unter Druck setzen, weil Europa wirtschaftlich überlegen sei, hat das Wesen nuklearer Abschreckung nicht verstanden. Eine Atommacht muss einen konventionellen Krieg nicht gewinnen können, um Europa zu vernichten. Sie muss nur genügend Atomwaffen besitzen. Russland besitzt mehr als genug.

Was also soll dieses Spiel?

Ich will diesen Krieg nicht

Ich will keinen Krieg mit Russland und auch keinen Krieg mit irgendeinem anderen Land. Ich will nicht, dass junge Deutsche gegen junge Russen kämpfen, die sich persönlich nichts getan haben. Ich will nicht, dass ein junger Mann aus München auf einen jungen Mann aus Moskau schießt, weil Politiker, Generäle und Strategen es nicht geschafft haben, ihre Konflikte am Verhandlungstisch zu lösen.

Und ich will erst recht nicht, dass meine Lieben für die Unfähigkeit, Hybris oder Skrupellosigkeit irgendwelcher Politiker bezahlen.

Ich empfinde diese Entwicklung als widerlich.

Menschen, die leichtfertig mit einem Krieg gegen eine Atommacht spielen, tragen eine ungeheure Verantwortung. Wer mit dem Leben anderer Menschen pokert, sollte sich wenigstens darüber im Klaren sein, was auf dem Spiel steht. Es geht nicht um Figuren auf einem Schachbrett, sondern um Menschen – und möglicherweise um das Leben unserer Kinder.
Die Hybris europäischer Bellizisten scheint unbegrenzt.

Schluss mit diesem Wahnsinn!

Europa braucht weder eine weitere Eskalationsstufe noch neue Feindbilder oder Politiker, die den Menschen erklären, sie müssten wieder kriegstüchtig werden. Europa braucht Politiker, die verhindern, dass Krieg überhaupt entsteht.

Redet miteinander, verhandelt und nehmt auch die Sicherheitsinteressen der anderen Seite ernst! Hört endlich auf, jeden Ruf nach Diplomatie als Naivität, Unterwerfung oder „Putin-Versteherei“ abzutun. Wer Frieden will, muss mit seinem Gegner reden. Mit seinen Freunden braucht man keinen Frieden auszuhandeln.

Vor allem sollten diejenigen, die heute so unbekümmert von Kriegstüchtigkeit, Abschreckung und militärischer Stärke sprechen, eines niemals vergessen: Es sind nicht ihre Planspiele, die im Ernstfall sterben, sondern Menschen – vielleicht unsere Kinder.

Und wer deren Leben leichtfertig aufs Spiel setzt, sollte mir nicht erzählen, er tue das für meine Sicherheit.

Steht auf!

Mein Appell an alle, die diesen Wahnsinn ebenso wenig wollen wie ich: Steht endlich auf! Runter von der Couch! Empört euch! Widersprecht! Geht auf die Straße, demonstriert friedlich, organisiert euch und macht denjenigen unmissverständlich klar, die mit dem Leben anderer Menschen spielen: Nicht mit uns. Nicht mit unseren Kindern.

Eine Demokratie lebt nicht von Menschen, die schweigend zusehen, sondern von Bürgern, die sich einmischen. Artikel 20 Absatz 2 des Grundgesetzes beginnt mit einem Satz, an den sich manche Politiker vielleicht wieder erinnern sollten: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ Und selbst das Widerstandsrecht kennt unser Grundgesetz. Artikel 20 Absatz 4 gewährt allen Deutschen das Recht zum Widerstand gegen jeden, der es unternimmt, die verfassungsmäßige Ordnung zu beseitigen, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist. Das ist kein Freibrief für Gewalt und auch kein allgemeines Recht auf Widerstand gegen politische Entscheidungen, die einem nicht gefallen. Aber es zeigt, welchen Stellenwert unsere Verfassung dem Bürger beimisst, wenn die fundamentale demokratische Ordnung tatsächlich in Gefahr gerät.

Soweit muss es gar nicht kommen. Es gibt genügend friedliche und demokratische Möglichkeiten, sich einzumischen. Nutzt sie! Schreibt euren Abgeordneten, unterschreibt Petitionen, organisiert Veranstaltungen, unterstützt Friedensinitiativen und geht auf die Straße. Und vor allem: Lasst euch nicht einreden, ihr könntet ohnehin nichts ändern. Wer darauf wartet, dass andere die Dinge für ihn richten, kann sich genauso gut an eine Bushaltestelle stellen und auf das nächste Schiff warten.

Nichts verändert sich, weil man sich Veränderung wünscht. Etwas verändert sich, wenn Menschen anfangen, etwas dafür zu tun.

Also steht auf. Empört euch. Widersprecht. Friedlich, aber unüberhörbar.

Über Krieg und Frieden wird vielleicht in Regierungssitzen, Parlamenten und NATO-Hauptquartieren entschieden. Sterben müssen dort im Ernstfall andere.

Und möglicherweise sind es unsere Kinder.

Uwe Froschauer

Uwe Froschauer hat an der Ludwig-Maximilians-Universität München Betriebswirtschaft studiert und abgeschlossen. Sein besonderes Interesse galt der Wirtschaftspsychologie. Er arbeitete als Unternehmensberater, gibt Seminare bei Berufsbildungsträgern, ist Autor mehrerer Bücher und betreibt den Blog wassersaege.com. Seine Leidenschaft für weltweite Reisen machte ihn sensibel für Kulturen und Probleme anderer Völker. Er ist naturverbunden und liebt Tiere und Pflanzen.
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Erstveröffentlicht am 12.10. 2026 im Overton Magazin
Wer den ersten Schritt macht …

Wir danken für das Publikationsrecht.

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