Die Hand am nuklearen Zünder

Ein Strategiepapier empfiehlt der russischen Führung, die atomare Einschüchterung gegenüber dem Westen massiv »aufzufrischen«

Einem sorgsamem Studium der Genesis des kriegerischen Konflikts in der Ukraine sollte die Erkenntnis nicht verschlossen bleiben, dass die NATO nach der imperialen Logik ihrer Vormacht diesen Krieg weit eher gebraucht hat als Russland, das sich eher in einer defensiven Position befunden hat und auf Lösungen setzte, die die eigenen Interessen ohne Krieg zu wahren versuchte. Nichtsdestotrotz war dann der Beschluss zur sog. „Spezialoperation“ schlicht imperialistischer Realismus, angetrieben von einer Oligarchie, die der gleichen Logik folgt wie ihre westliche Konkurrenz, nur dass diese eine andere historische Vorgeschickte hat und sich natürlich nicht als solche sieht, sondern als Stolz einer freien Welt. Dieser Umstand verweist darauf, dass sich die Klassennatur der Eigentumsordnung wandeln muss, sollen außenpolitische Konflikte nicht mehr wie selbstverständlich durch Krieg ausgetragen werden. Dies betrifft selbstverständlich auch Russland. (Jochen Gester)

Bild: freepic

Von Wolfgang Hübner

Wenn Staaten nicht im selben Bündnis oder Block sind, beruht der Frieden zwischen ihnen auf der Angst vor einem Krieg.« Das schreiben drei hochrangige russische Politikwissenschaftler und Regierungsberater im Vorwort eines Strategiepapiers, in dem sie Empfehlungen für die künftige Sicherheitsdoktrin ihres Landes geben. Ursprünglich nur für den internen Gebrauch der russischen Regierung gedacht, wurde das in langen Debatten mit wesentlich mehr Experten entstandene Papier in einer bearbeiteten Fassung dann doch im Moskauer Verlag »Junge Garde« veröffentlicht. Der Potsdamer Welttrends-Verlag hat es jetzt auf Deutsch publiziert. Nicht weil er die darin ausgeführten Positionen teilt, sondern damit man sich »ein genaueres Bild vom Stand der Debatte zur nuklearen Abschreckung in Russland machen« kann. In einem gesonderten Vorwort spricht Welttrends von einem »ernüchternden Dokument der Radikalisierung einflussreicher Teile der russischen Eliten im Zuge des Krieges gegen die Ukraine«.

Die verschärfte nukleare Abschreckung (die Autoren sprechen lieber von Zügelung, Einschüchterung oder Ernüchterung) ist der Dreh- und Angelpunkt in dem Dokument, sie wird als Lebensversicherung Russlands verstanden und ist die Grundlage aller Überlegungen. Dass diese Analyse nicht nur Gegenstand von Gesprächen hinter verschlossenen Türen ist, sondern in Moskau veröffentlicht wurde, ist ein Statement an die Welt, vor allem an die Mächte des Westens: Hütet euch, wir können auch ganz anders.

Dabei werden drei Traumata deutlich, die das Denken der politischen Klasse Russlands einschneidend prägen: die Auflösung der Sowjetunion und die massive Ostausdehnung der Nato nach 1990; die Nato-Angriffe auf Jugoslawien 1999; und die Weigerung des Westens, allen voran der USA, Russland als Weltmacht auf Augenhöhe zu akzeptieren. Letztlich wird all das darauf zurückgeführt, dass der Westen Russland als Atommacht nicht ernst genommen habe. Auch der »militärische Zusammenstoß in der Ukraine«, die sich »mit Hilfe des Westens zum feindlichsten Staat der Welt gegenüber Russland entwickelt« habe, sei darin begründet, dass im Westen nur ein »unzureichendes Vertrauen in die nukleare Einschüchterung« durch Russland vorhanden sei. Dies habe Moskau gezwungen, »im Februar 2022 zur Speziellen Militäroperation überzugehen«. Im Übrigen habe sich diese »Spezielle Militäroperation« Russlands erst durch die »klare Anweisung« des Westens an die Ukraine, auf dem Gefechtsfeld zu gewinnen, »in einen regionalen Krieg an einer 2000 Kilometer langen Front« verwandelt, der für Russland existenzielle Bedeutung habe.

Was das Ergebnis des Ukraine-Kriegs sein müsse, davon haben die Autoren eine klare Vorstellung. Zunächst müssten auch »symbolische Ziele« wie das Kiewer Regierungsviertel sowie die Kommandozentralen von Militär und Geheimdiensten angegriffen werden. Es sei »unverständlich, dass das Fernsehen und andere Informationszentren des Kiewer Regimes noch nicht zerschlagen wurden«. Das ukrainische Territorium solle – mit Ausnahme der westlichen Regionen – von den russischen Streitkräften kontrolliert werden. Neben den Teilen der Ukraine, die von Russland annektiert wurden und werden, solle eine »Neue Ukraine« in jenen Regionen des Landes gegründet werden, »die Russland nicht feindlich gesinnt sind« – als »entmilitarisierte landwirtschaftliche Pufferzone«. Das Bewusstsein der Bevölkerung in den annektierten Regionen solle »umkodiert« werden, und zwar »nach dem Vorbild der Umerziehung der Bevölkerung in Ostdeutschland (in der DDR)«. Das alles wird als »zweiter Teil des Krieges« bezeichnet, ohne den »die Früchte des militärischen Sieges Russlands entwertet« würden.

Die Publikation ist ein Statement an den Westen: Hütet euch, wir können auch ganz anders.

In dem Papier wird ausdrücklich bedauert, dass international »die Angst vor einem Kernwaffenkrieg … weitgehend verschwunden ist«. Das müsse geändert werden, »um den internationalen Frieden zu erhalten«. Zu diesem Zweck fordern die Autoren, »die doktrinäre Schwelle für den Einsatz von Kernwaffen« zu senken. Bisher ist das im russischen Selbstverständnis nur erlaubt, wenn die Existenz Russlands als Staat bedroht ist. Stattdessen wird vorgeschlagen, Atomwaffen auch bei einer »Bedrohung der strategisch wichtigen nationalen Interessen der Russischen Föderation und ihrer Bevölkerung« einzusetzen, was einen ziemlich weiten Ermessensspielraum beinhalten würde. Warnungen zum Einsatz von Atomwaffen »sollten einmalig sein«, leere Drohungen »sollten niemals zugelassen werden«, denn: »Den Worten müssen Taten folgen – das ist das Grundprinzip der Einschüchterung.«

Mit anderen Worten: Den Gegnern müsse klargemacht werden, »dass Russland sich nicht erlaubt, die Kernwaffen ›in Klammern zu setzen‹«. Denn die Putin-Berater sehen ihr Land nicht nur in der Ukraine im Krieg. »Die herrschenden Kreise Europas« seien bereits »mit politisch-moralischen und militärökonomischen Vorbereitungen für einen großen Krieg mit Russland beschäftigt«, schreiben sie. Auch deshalb müsse bei den europäischen Führungseliten die »›zivilisierende‹ Funktion der nuklearen Einschüchterung ›aufgefrischt‹« werden.

Zwar ist einerseits von einer vorsichtigen und durchdachten Politik der nuklearen Einschüchterung die Rede. Andererseits jedoch werden drastische Szenarien entworfen. So sei »unwahrscheinlich, dass die Deutschen es befürworten würden, Kiew mit immer mehr Langstreckenraketen zu beliefern, wenn sie wüssten, dass als Reaktion auf die Angriffe auf Belgorod, angenommen, die Stadt Frankfurt niedergebrannt werden würde – oder zumindest werden könnte«. An anderer Stelle heißt es, dass Deutschland – dem die Autoren eine »schwarze Undankbarkeit« vorwerfen – »vollständig vernichtet werden muss, wenn es zu Kernwaffen greift«.

Ausführlich werden die Veränderungen der geopolitischen Konstellation in den letzten Jahrzehnten beschrieben, durch die sich Russland zunehmend bedrängt sieht. Die beständige Osterweiterung der Nato, die »farbigen Revolutionen« in früheren Sowjetrepubliken, den Verlust von Territorien und Märkten betrachten die Autoren als »Frontalangriff auf die geopolitischen Interessen unseres Landes«. Gleichzeitig klingt – etwa bei verlorenen Territorien – unverhohlen der regionale, nationalistisch begründete Machtanspruch mit. So heißt es, dass Russland mit der Auflösung der Sowjetunion, mit der Unabhängigkeit vormaliger Sowjetrepubliken »die Integrität des historischen Kerns des Landes« eingebüßt habe. Erst nachdem Russland »zu seinen gewohnten, jahrtausendealten Positionen des ›bewaffneten Großrusslands‹ … zurückgekehrt« sei, habe es sich geistig, wirtschaftlich und wissenschaftlich-technisch neu belebt.

Den Machtverlusten versucht Moskau entgegenzuwirken, indem es neue Allianzen sucht, bis hin zu massiven Rüstungsexporten. Die Autoren sprechen von den »Ländern der Weltmehrheit«, die sich »von westlicher Vorherrschaft freimachen wollen« und als deren »militärstrategisch Federführender« Russland betrachtet wird. Dabei geht es um sogenannte strategische Partner wie China, Indien, Pakistan (allesamt Atommächte), aber auch um Länder in Asien, Afrika und Lateinamerika. Und es geht im geografisch engeren Sinne um einen »strategischen Puffer«, aus dem »der Gegner« rausgeworfen werden müsse, einen »Sicherheitsgürtel entlang der Grenzen der Russischen Föderation, vor allem zu den Ländern des nahen Auslands« – also den umliegenden ehemaligen Sowjetrepubliken.

So gewährt dieses Buch einen erhellenden wie erschreckenden Einblick in das Denken der politischen Elite Russlands. Es ist der ideologisch-theoretische Unterbau für aggressive Gebärden etwa des Putin-Vertrauten Dmitri Medwedjew. Der hatte beispielsweise im letzten Herbst angesichts britischer Waffenlieferungen an die Ukraine erklärt, es sei an der Zeit, »diese verdammte Insel der angelsächsischen Hunde sofort zu versenken«. Nicht alles muss so kommen, wie in dem Buch vorgezeichnet, aber die Überlegungen stehen im Raum. Das macht klar, auf wie dünnem Eis wir uns mittlerweile sicherheitspolitisch bewegen; auch angesichts von Forderungen nach mehr atomarer Bewaffnung in Europa und Deutschland. Der nukleare Zünder, ohnehin in Reichweite, wird noch näher herangeholt.

Es gibt in dem Buch auch einige dezente Anknüpfungspunkte für Versuche der Verständigung. Etwa wenn hier und da eingeflochten wird, dass Atomwaffen hoffentlich nie wirklich angewendet werden müssten. Dass in Zeiten einer multipolarer werdenden Welt ein multidimensionales Wettrüsten verhindert werden müsse, weil niemand es gewinnen könne. Politiker und Diplomaten des Westens sollten auch auf diese Zwischentöne hören, wenngleich sie insgesamt vom atomaren Säbelrasseln übertönt werden. Wie verquer und gefährlich das Denken in der Logik der militärischen Drohungen ist, zeigt sich etwa an der Behauptung, dass eine niedrigere Schwelle für den Einsatz von Kernwaffen ein weiteres Wettrüsten verhindern könne. Oder dass – noch absurder – die Tatsache, dass Russland und China Atomwaffen besitzen, »objektiv einer der Faktoren für die langfristige Aufrechterhaltung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den beiden Ländern« sei.

Glaube indessen niemand, dass es nicht ganz ähnliche Bedrohungsszenarien in Washington und Brüssel gäbe. Dringend nötig sind nicht noch mehr Vernichtungswaffen, sondern mehr Dialog, Verständigung, Vertrauen, Rüstungskontrolle und Abrüstung. Das gab es schon einmal, wenigstens in Ansätzen. Es nannte sich friedliche Koexistenz. Die Strategen aller Seiten sollten nicht nur nach vorn schauen, sondern auch mal dorthin zurück. Eine atomwaffenfreie Welt darf eben keine Schimäre sein, wie es die Autoren in ihrer Studie nennen, sondern sie muss ein von der Menschheit ernsthaft angestrebtes Ziel sein. Bei Strafe ihres Untergangs. Das Buch

Dmitrij Trenin, Sergej Awakjanz und Sergej Karaganow sind in leitenden Funktionen am Institut für Globale Militärökonomie und Strategie bzw. an der Fakultät für Weltwirtschaft und Weltpolitik der Hochschule für Ökonomien in Moskau tätig. Alle drei arbeiten im Rat für Außen- und Verteidigungspolitik mit. Ihr Strategiepapier »Von der passiven zur aktiven Abschreckung. Russlands neue Sicherheits- und Geopolitik« erschien auf Deutsch im Welttrends-Verlag. 125 Seiten, 19,50 Euro. Auch als Digitaltext erhältlich (10 Euro). welttrends.de

Erstveröffentlicht im nd v. 1.8. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1193010.kriegsgefahr-die-hand-russlands-am-nuklearen-zuender.html


Berlin – barrierefreie Mobilität verteidigen!

Mit einer Mobilitätsbeeinträchtigung selbstbestimmt, unkompliziert und flexibel mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin unterwegs – das soll Ende des Jahres vorbei sein!
BVG Muva steht auf der Streichliste des Berliner Senats.

BVG Muva ist ein barrierefreier On-Demand-Service der Berliner Verkehrsbetriebe. BVG Muva stellt sicher, dass auch Menschen mit Mobilitätseinschränkungen verlässlich, flexibel und selbstbestimmt am öffentlichen Leben teilnehmen können – ganz im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention und des Berliner Mobilitätsgesetzes.

BVG Muva hat sich zu einem perfekten Service mit ca 1000 täglichen Buchungen entwickelt für alle, die sonst durch Barrieren vom öffentlichen Verkehr ausgeschlossen würden. Für Menschen im Rollstuhl und mit Rollator, fur Personen mit sichtbaren und unsichtbaren Behinderungen, für Ältere und Schwangere, für Erwachsene mit kleinen Kindern oder schwerem Gepäck.

Dass Inklusionstaxis eine Alternative seien, ist eine Täuschung. Die Barrierefreiheit ist ungenügend, es gibt zuwenige Taxis und keine Integration in den ÖPNV

Der Verein Landesverband Lebenshilfe Berlin e.V. schlägt Alarm und fordert

  1. Sofortige Verlängerung des Betriebsvertrags für den BVG Muva über den 31.12.2025 hinaus!
  2. Finanzielle Absicherung im Haushalt des Landes Berlin!
  3. Beteiligung der Zielgruppe an politischen Entscheidungen – nicht über, sondern mit den Betroffenen reden!
  4. Schrittweise Weiterentwicklung des Services mit Fokus auf Integration, Qualität und Nutzerfreundlichkeit – auch für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen!
  5. Verlässlichkeit und Planungssicherheit für Fahrgäste, Angehörige und für die Beschäftigten des BVG Muva! 

Inklusion darf nicht zur Verhandlungsmasse gemacht werden. Sie ist ein Versprechen der Gesellschaft an ihre Mitglieder – und das muss gehalten werden.

Die Berliner Politik des sozialen Kahlschlags macht vor nichts halt. Sie trifft vor allem auch hier wieder die Schwächsten in der Gesellschaft. Die Einschränkung der Mobilität ist angesichts einer alternden Gesellschaft doppelt schändlich. Die Schwächsten sozial ausgrenzen ist ein rechtes Programm. Dagegen kämpfen ist konkret Kampf gegen Rechts.

Es ist noch nicht lange her, da wurde auf einem Veteranentag Kriegsopfern mit bleibenden Gesundheitsschäden und körperlichen Behinderungen eine schöne heile Welt der Vollumsorgung vorgegaukelt.

Die soziale Realität sieht anders aus. Es sei denn wir wehren und solidarisieren uns.

Unterstützt die Petition für ein barrierefreies Berlin, für Inklusion, für Menschenrechte. Macht die Petition bekannt!

Titelbild: Collage Peter Vlatten

Israelische Regierung spielt weiter auf Zeit und das Aushungern der Gaza-Bevölkerung

Von Florian Rötzer

Gaza-Wirklichkeit. Bild: Times of Gaza

Israel gerät zunehmend unter Druck, die Angriffe auf den Gazastreifen einzustellen und vor allem zuzulassen, dass ausreichend Lebensmittel für die zwei Millionen Menschen an diese ausgegeben werden können. Es sind bereits zahlreiche Menschen, auch Kinder, verhungert, zudem wurden Palästinenser, die an den von Israel eingerichteten Orten zur Verteilung von Lebensmitteln durch die private „Gaza Humanitarian Foundation“, einige Male beschossen und getötet.

Selbst Trump räumte ein, dass die Menschen verhungern und forderte, die Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen. Scharfe Kritik kommt auch zunehmend aus Israel selbst, NGOs prangern in einem Bericht den von Israel begangenen Genozid an. Die israelische Regierung scheint dem Druck etwas nachgekommen zu sein und erklärte, dass es in einem kleinen Teil des Gazastreifens, in dem viele obdachlos gewordene Palästinenser zusammengetrieben werden, jeden Tag eine zehnstündige „humanitäre Feuerpause“ geben soll. Überdies würden Korridore zur sicheren Durchfahrt der Lastwagen mit Hilfsgütern eingerichtet. Es werden Hilfslieferungen eingelassen und Hilfsgüter aus der Luft abgeworfen.

Viel zu wenig, wird kritisiert. Das sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein.  Eingelassen wurden am ersten Tag 73 Lastwagen, vor dem Krieg waren es täglich 600-800. Das IPC der Vereinten Nationen alarmiert die Weltöffentlichkeit: „Das schlimmste Szenario einer Hungersnot spielt sich derzeit im Gazastreifen ab. Konflikte und Vertreibungen haben sich verschärft, und der Zugang zu Nahrungsmitteln und anderen lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen ist auf ein noch nie dagewesenes Niveau gesunken. Zunehmende Hinweise deuten darauf hin, dass weit verbreitete Hungersnöte, Unterernährung und Krankheiten zu einem Anstieg der Todesfälle aufgrund von Hunger führen. Aktuelle Daten zeigen, dass die Schwellenwerte für eine Hungersnot hinsichtlich des Nahrungsmittelverbrauchs in den meisten Teilen des Gazastreifens und hinsichtlich akuter Unterernährung in Gaza-Stadt erreicht sind.“

Zudem gibt es kaum sauberes Trinkwasser im Gazastreifen. Den Menschen droht Verhungern und Verdursten, auch die medizinische Versorgung ist nicht mehr gegeben. Strom gibt es kaum mehr, das Internet ist weitgehend zusammengebrochen. Selbst wenn täglich ein paar Dutzend Lastwagen mit Hilfsgütern in den Gazastreifen einfahren können, wäre dies nur eine Verlängerung des Leidens: „Daten zeigen, dass mehr als jeder Dritte (39 Prozent) mittlerweile tagelang nichts zu essen hat. Über 500.000 Menschen – fast ein Viertel der Bevölkerung Gazas – leiden unter hungerähnlichen Bedingungen, während der Rest der Bevölkerung mit einer Hungersnot konfrontiert ist“, schreibt UNICEF.

Im regierungskritischen israelischen Online-Magazin +972 sieht man in der teilweisen Lockerung der Blockade nur ein taktisches Vorgehen, wie dies im Mai schon einmal gemacht wurde. Der Autor Mohammed R. Mhawish kommt aus Gaza und lebt im Exil, ist also nicht unbefangen und neutral, aber sieht die Situation dennoch vermutlich realistisch: „Während erneut Lebensmittel für 2 Millionen schwer unterernährte Menschen per Fallschirm abgeworfen werden, scheint diese Maßnahme weniger eine Geste des guten Willens Israels zu sein als vielmehr eine strategische Neuausrichtung – ein Versuch, die wachsende internationale Empörung abzulenken, damit es weiterhin Gaza vernichten kann.“ Ziel sei es, „genügend Kontrolle behalten, um ungestraft töten zu können, und genügend Hilfe zu zeigen, um dabei menschlich zu wirken“.

Wenn Bundeskanzler Merz für eine Luftbrücke eintritt, dann spielt er beim symbolischen Vorgehen der israelischen Regierung mit („Diese Arbeit mag humanitär nur einen kleinen Beitrag leisten. Aber sie ist ein wichtiges Signal:Wir sind da. Wir helfen.“)  Und das aus demselben Grund, nämlich vorzugeben, doch den eingeschlossenen Palästinensern zu helfen, die nicht einmal fliehen können, um ansonsten die Hände in den Schoß zu legen und das israelische Militär weiter agieren zu lassen. Man kann es bei konsequenzlosen Aufforderungen belassen, um auf der moralisch guten Seite zu stehen, bleibt aber „eng an der Seite Israels“.

Der Autor des +972-Berichts zitiert eine Gaza-Bewohnerin: „Sie geben uns zu essen, damit wir vor der Kamera nicht verhungern“, erzählte mir Nihal, eine Mutter, die derzeit im Flüchtlingslager Nuseirat im Zentrum des Gazastreifens lebt und nur ihren Vornamen nennen wollte. „Wir schlafen immer noch zum Klang von Drohnen ein und wachen zu Explosionen auf.“

Ein +972-Bericht von Yuval Abraham auf der Basis von „Gesprächen mit fünf israelischen Sicherheitsquellen, Aussagen palästinensischer Augenzeugen und Rettungskräften sowie einer Untersuchung von Dutzenden ähnlicher Fälle wie dem Bombenangriff auf die Familie Arafat – zeigt, dass die Armee die als ‚Double Tap‘ bekannte Praxis als Standardverfahren in Gaza eingeführt hat. Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass ein Ziel stirbt, führt die Armee routinemäßig zusätzliche Angriffe in der Umgebung eines ersten Bombenangriffs durch, wobei sie manchmal absichtlich Sanitäter und andere an Rettungsmaßnahmen beteiligte Personen tötet.“

Die Pläne der israelischen Regierung sind schon lange klar. Es geht um eine ethnische Säuberung des Gazastreifens (und auch des Westjordanlandes). Der Gazastreifen soll so weit zerstört werden, dass ein Leben dort erst einmal nicht mehr möglich ist. Zudem wird der Terror gegen die Bevölkerung so weit getrieben, wozu neben den Bombardierungen von Menschen und Infrastruktur die Blockade der Hilfslieferungen gehört, dass sie flüchten würde, wenn ein anderes Land sie aufnimmt. Darauf arbeitet die Regierung nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober hin.

Die Strategie scheint zu sein, das Leid der Menschen so groß werden zu lassen, dass Ägypten oder Jordanien sowie die Weltgemeinschaft aus humanitären Gründen den Exodus zulassen, damit Israel den Gazastreifen kolonisieren und annektieren und zu einer Hightech-Riviera ausbauen kann. Die Welt schaut bislang dem Massaker und dem Aushungern zu und ist daran beteiligt, weil weder eingegriffen noch ein Angebot gemacht wird, die im Freiluftgefängnis Gaza eingeschlossenen Palästinenser vorübergehend oder auf Dauer aufzunehmen, womit man natürlich die ethnische Vertreibung affirmieren würde. Die Forderung nach einer Zwei-Staaten-Lösung ist völlig irreal, dazu müssten hunderttausende, oft extremistische und militante Siedler aus dem Westjordanland abgeschoben werden – wahrscheinlich mit Gewalt und der Frage wohin?

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 30.7. 2025
https://overton-magazin.de/top-story/israelische-regierung-spielt-weiter-auf-zeit-und-das-aushungern-der-gaza-bevoelkerung/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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