Israelische Regierung spielt weiter auf Zeit und das Aushungern der Gaza-Bevölkerung

Von Florian Rötzer

Gaza-Wirklichkeit. Bild: Times of Gaza

Israel gerät zunehmend unter Druck, die Angriffe auf den Gazastreifen einzustellen und vor allem zuzulassen, dass ausreichend Lebensmittel für die zwei Millionen Menschen an diese ausgegeben werden können. Es sind bereits zahlreiche Menschen, auch Kinder, verhungert, zudem wurden Palästinenser, die an den von Israel eingerichteten Orten zur Verteilung von Lebensmitteln durch die private „Gaza Humanitarian Foundation“, einige Male beschossen und getötet.

Selbst Trump räumte ein, dass die Menschen verhungern und forderte, die Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen. Scharfe Kritik kommt auch zunehmend aus Israel selbst, NGOs prangern in einem Bericht den von Israel begangenen Genozid an. Die israelische Regierung scheint dem Druck etwas nachgekommen zu sein und erklärte, dass es in einem kleinen Teil des Gazastreifens, in dem viele obdachlos gewordene Palästinenser zusammengetrieben werden, jeden Tag eine zehnstündige „humanitäre Feuerpause“ geben soll. Überdies würden Korridore zur sicheren Durchfahrt der Lastwagen mit Hilfsgütern eingerichtet. Es werden Hilfslieferungen eingelassen und Hilfsgüter aus der Luft abgeworfen.

Viel zu wenig, wird kritisiert. Das sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein.  Eingelassen wurden am ersten Tag 73 Lastwagen, vor dem Krieg waren es täglich 600-800. Das IPC der Vereinten Nationen alarmiert die Weltöffentlichkeit: „Das schlimmste Szenario einer Hungersnot spielt sich derzeit im Gazastreifen ab. Konflikte und Vertreibungen haben sich verschärft, und der Zugang zu Nahrungsmitteln und anderen lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen ist auf ein noch nie dagewesenes Niveau gesunken. Zunehmende Hinweise deuten darauf hin, dass weit verbreitete Hungersnöte, Unterernährung und Krankheiten zu einem Anstieg der Todesfälle aufgrund von Hunger führen. Aktuelle Daten zeigen, dass die Schwellenwerte für eine Hungersnot hinsichtlich des Nahrungsmittelverbrauchs in den meisten Teilen des Gazastreifens und hinsichtlich akuter Unterernährung in Gaza-Stadt erreicht sind.“

Zudem gibt es kaum sauberes Trinkwasser im Gazastreifen. Den Menschen droht Verhungern und Verdursten, auch die medizinische Versorgung ist nicht mehr gegeben. Strom gibt es kaum mehr, das Internet ist weitgehend zusammengebrochen. Selbst wenn täglich ein paar Dutzend Lastwagen mit Hilfsgütern in den Gazastreifen einfahren können, wäre dies nur eine Verlängerung des Leidens: „Daten zeigen, dass mehr als jeder Dritte (39 Prozent) mittlerweile tagelang nichts zu essen hat. Über 500.000 Menschen – fast ein Viertel der Bevölkerung Gazas – leiden unter hungerähnlichen Bedingungen, während der Rest der Bevölkerung mit einer Hungersnot konfrontiert ist“, schreibt UNICEF.

Im regierungskritischen israelischen Online-Magazin +972 sieht man in der teilweisen Lockerung der Blockade nur ein taktisches Vorgehen, wie dies im Mai schon einmal gemacht wurde. Der Autor Mohammed R. Mhawish kommt aus Gaza und lebt im Exil, ist also nicht unbefangen und neutral, aber sieht die Situation dennoch vermutlich realistisch: „Während erneut Lebensmittel für 2 Millionen schwer unterernährte Menschen per Fallschirm abgeworfen werden, scheint diese Maßnahme weniger eine Geste des guten Willens Israels zu sein als vielmehr eine strategische Neuausrichtung – ein Versuch, die wachsende internationale Empörung abzulenken, damit es weiterhin Gaza vernichten kann.“ Ziel sei es, „genügend Kontrolle behalten, um ungestraft töten zu können, und genügend Hilfe zu zeigen, um dabei menschlich zu wirken“.

Wenn Bundeskanzler Merz für eine Luftbrücke eintritt, dann spielt er beim symbolischen Vorgehen der israelischen Regierung mit („Diese Arbeit mag humanitär nur einen kleinen Beitrag leisten. Aber sie ist ein wichtiges Signal:Wir sind da. Wir helfen.“)  Und das aus demselben Grund, nämlich vorzugeben, doch den eingeschlossenen Palästinensern zu helfen, die nicht einmal fliehen können, um ansonsten die Hände in den Schoß zu legen und das israelische Militär weiter agieren zu lassen. Man kann es bei konsequenzlosen Aufforderungen belassen, um auf der moralisch guten Seite zu stehen, bleibt aber „eng an der Seite Israels“.

Der Autor des +972-Berichts zitiert eine Gaza-Bewohnerin: „Sie geben uns zu essen, damit wir vor der Kamera nicht verhungern“, erzählte mir Nihal, eine Mutter, die derzeit im Flüchtlingslager Nuseirat im Zentrum des Gazastreifens lebt und nur ihren Vornamen nennen wollte. „Wir schlafen immer noch zum Klang von Drohnen ein und wachen zu Explosionen auf.“

Ein +972-Bericht von Yuval Abraham auf der Basis von „Gesprächen mit fünf israelischen Sicherheitsquellen, Aussagen palästinensischer Augenzeugen und Rettungskräften sowie einer Untersuchung von Dutzenden ähnlicher Fälle wie dem Bombenangriff auf die Familie Arafat – zeigt, dass die Armee die als ‚Double Tap‘ bekannte Praxis als Standardverfahren in Gaza eingeführt hat. Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass ein Ziel stirbt, führt die Armee routinemäßig zusätzliche Angriffe in der Umgebung eines ersten Bombenangriffs durch, wobei sie manchmal absichtlich Sanitäter und andere an Rettungsmaßnahmen beteiligte Personen tötet.“

Die Pläne der israelischen Regierung sind schon lange klar. Es geht um eine ethnische Säuberung des Gazastreifens (und auch des Westjordanlandes). Der Gazastreifen soll so weit zerstört werden, dass ein Leben dort erst einmal nicht mehr möglich ist. Zudem wird der Terror gegen die Bevölkerung so weit getrieben, wozu neben den Bombardierungen von Menschen und Infrastruktur die Blockade der Hilfslieferungen gehört, dass sie flüchten würde, wenn ein anderes Land sie aufnimmt. Darauf arbeitet die Regierung nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober hin.

Die Strategie scheint zu sein, das Leid der Menschen so groß werden zu lassen, dass Ägypten oder Jordanien sowie die Weltgemeinschaft aus humanitären Gründen den Exodus zulassen, damit Israel den Gazastreifen kolonisieren und annektieren und zu einer Hightech-Riviera ausbauen kann. Die Welt schaut bislang dem Massaker und dem Aushungern zu und ist daran beteiligt, weil weder eingegriffen noch ein Angebot gemacht wird, die im Freiluftgefängnis Gaza eingeschlossenen Palästinenser vorübergehend oder auf Dauer aufzunehmen, womit man natürlich die ethnische Vertreibung affirmieren würde. Die Forderung nach einer Zwei-Staaten-Lösung ist völlig irreal, dazu müssten hunderttausende, oft extremistische und militante Siedler aus dem Westjordanland abgeschoben werden – wahrscheinlich mit Gewalt und der Frage wohin?

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 30.7. 2025
https://overton-magazin.de/top-story/israelische-regierung-spielt-weiter-auf-zeit-und-das-aushungern-der-gaza-bevoelkerung/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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