Lobbyistin für die Armen

Die langjährige Neuköllner Aktivistin Eva Willig ist im Alter von 74 Jahren gestorben

Unabhängig, solidarisch und ein Leben lang in verschiedensten Initiativen aktiv: Vergangene Woche ist Eva Willig gestorben.

Bild: Eva Willig (Mitte) im Neuköllner Erzählcafe 2015

Von Peter Nowak

Noch Mitte Februar blickte Eva Willig aus dem Fenster ihrer geräumigen Wohnung in der fünften Etage eines Altbaus in der Sonnenallee auf das geschäftige Treiben im Zentrum von Neukölln. Der Stadtteil, in dem sie seit 1977 wohnte, war in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur ihr Lebensmittelpunkt. Hier war sie auch in zahlreichen sozialen Initiativen aktiv.

Dabei war es ihr immer wichtig, für konkrete Verbesserungen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld einzutreten. Als Studentin der Sozialpädagogik hatte sie den gesellschaftlichen Aufbruch im Westberlin der 70er Jahre miterlebt. Davon war sie bis zu ihrem Lebensende geprägt. »Ich mache den Mund auf, wenn mir was nicht passt, auch wenn ich mich damit nicht beliebt mache«, sagte Willig noch im Februar und nannte ein Beispiel. Sie hatte für kurze Zeit in einer Senioreneinrichtung gewohnt, die sie aber schnell wieder verließ. »Ich habe dort kritisiert, dass im Garten Giftpflanzen wachsen, und wurde dafür fast für verrückt erklärt«, beschrieb Willig die Reaktion des Personals.

Dabei waren Pflanzen und Kräuter Willigs Spezialgebiet. Über mehrere Jahre hatte sie Kräuterspaziergänge in den Parks von Neukölln und Umgebung angeboten. »Essbares Neukölln« hieß auch ein informatives Buch zu dem Thema, das Willig im Eigenverlag herausgab. Wenn Büsche am Weigandufer gerodet oder in einem Park in Neukölln Bäume gefällt werden sollten, gehörte Willig zu denen, die sich kritisch zu Wort meldeten.

Ihr lebenslanges Thema war aber die soziale Frage. Als »Lobbyistin für die Armen« sah sie sich selbst. Das stand auch auf den Visitenkarten, die sie verteilte, wenn sie vor Arbeitsämtern und Jobcentern Menschen unterstützen wollte. Ihr Interesse an Armut hatte viel mit ihrer eigenen Biografie zu tun, wie die 1948 in Thüringen geborene Willig erzählte. »Meine Mutter stammt aus einer kleinstädtischen Handwerkerfamilie. Die Großeltern hatten sieben Kinder. Meine Mutter war die Älteste und musste schon früh Verantwortung übernehmen. Diese Verpflichtung übertrug sie später auf mich, ihr erstgeborenes Kind.«

Dabei war Willig auch die Unabhängigkeit sowohl auf beruflicher als auch auf politischer Ebene wichtig. So lehnte die promovierte Sozialpädagogin, die Ende der 70er Jahre in der Suchtprävention im Jüdischen Krankenhaus im Wedding arbeitete, den Beamtenstatus ab. Stattdessen eröffnete sie ein Galerie-Restaurant, das sie aber nach kurzer Zeit wieder aufgeben musste. Auch mit ihrem Laden »Alche-Milla« hatte sie keinen ökonomischen Erfolg. Eine Konsequenz dieser Unabhängigkeit war, dass Willig im Alter von einer kleinen Rente leben musste, aber auch dabei ihre Prinzipien nicht aufgab. So lehnte sie es ab, ihre Rente mit »Grundsicherung für alle« aufzustocken. »Dann hätten sie mich erneut unter Kuratel der Beamten stellen müssen. Nicht nach zehn Jahren Hartz IV«, so Willig.

Stattdessen engagierte sie sich gegen Armut in allen Formen. Sie beteiligte sich am »Wohntisch Neukölln«, einem Diskussionsforum für gemeinschaftliche Wohnformen. Sie unterstützte die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen und war im Bündnis für bezahlbare Mieten. So lange es ihr gesundheitlich möglich war, beteiligte sie sich an Sozialberatungen im Neuköllner Kiezladen 154. Vergangene Woche ist Eva Willig gestorben. Sie hat sich ein anonymes Begräbnis gewünscht. Doch es wird viele Menschen vor allem in Neukölln geben, die sich an sie und ihr Engagement noch lange erinnern werden.

Erstveröffentlicht im nd v. 27.3. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1181039.nachruf-lobbyistin-fuer-die-armen.html?sstr=Lobbyistin

Wir danken für das Abdruckrecht.

GERICHT ENTSCHEIDET ZUGUNSTEN VON OYOUN – BESTÄTIGT INTEGRITÄT UND BEENDET DIFFAMIERUNG

Oyoun gewinnt Gerichtsverfahren gegen Tagesspiegel. Ein Sieg auch über Falschbehauptungen im gegenwartigen Nahostkonflikt. Uns stellt sich die Frage, in wieweit der Berliner Kultursenator Joe Chialo dem Oyoun weiter die Unterstützung durch öffentliche Gelder verwehrt. Joe Chialo zog gegen das Oyoun zu Felde, weil es darauf bestand, auch Kulturschaffenden Raum zu bieten, die die rechtslastige zionistische Israelpolitik kritisieren und sich mit den Palästinserinnen solidarisieren. Wir erwarten, dass alle Versuche, das Oyoun durch Entzug öffentlicher Gelder zu zensieren, eingestellt werden.

Presseerklärung

GERICHTSENTSCHEIDUNG ZUGUNSTEN VON OYOUN BESTÄTIGT INTEGRITÄT UND BEENDET DIFFAMIERUNG

Berlin, 25.3.2024 – Wir verkünden mit großer Freude, dass das Landgericht Berlin im einstweiligen Verfügungsverfahren von Oyoun gegen den Tagesspiegel zugunsten von Oyoun entschieden hat. Diese Entscheidung ist ein Triumph für die Glaubwürdigkeit und setzt ein deutliches Signal für die Gefahren, die auf unbegründeten Anschuldigungen basieren.

Das Gericht hat entschieden, dass der Tagesspiegel drei seiner in einem Artikel vom 20.02.2024 geäußerten Behauptungen nicht mehr äußern darf.  

Insbesondere wurde festgestellt, dass die Behauptung über eine Bevorzugung von Oyoun durch den Senat aufgrund familiärer Beziehungen haltlos ist. Ebenso wurden die Vorwürfe bezüglich angeblicher antisemitischer Vorfälle im Kulturzentrum Oyoun als unbegründet eingestuft. 

Diese Entscheidung bestätigt die Integrität von Oyoun und markiert einen wichtigen Sieg gegen Diffamierung.

In Anbetracht dieser Gerichtsentscheidung möchten wir betonen, dass Oyoun stets einen offenen Dialog auch mit den Medien gesucht hat und faire Berichterstattung propagiert hat. Obwohl Oyoun von falschen Anschuldigungen entlastet wurde, wird es einige Zeit dauern, bis der Ruf vollständig wiederhergestellt ist. Diese Entscheidung betont die Bedeutung eines fairen und unparteiischen Rechtssystems, das die Unschuldsvermutung respektiert und gerechte Urteile fällt. 

Wir danken unseren Rechtsanwält*innen der ‘Kanzlei Laaser für die Kunst- und Kreativszene’ für die erfolgreiche und gewissenhafte rechtliche Vertretung. Wir freuen uns darauf, unsere Arbeit ohne den Schatten der Verleumdung fortsetzen zu können.

Für weitere Informationen oder Rückfragen stehen wir euch gerne zur Verfügung.

Pressekontakt: Louna Sbou, Wayra Schübel – kommunikation@oyoun.de

Auf Kosten anderer

Bild: Inkotha

Aus. Vorbei. Der Kaiser ist nackt. Alle Beteuerungen, Deutschland wolle und werde sich an die Pariser Klimaübereinkunft halten, sind Makulatur. Das wurde der Bundesregierung am Dienstag von dem für sie arbeitenden Sachverständigenrat für Umweltfragen ins Stammbuch geschrieben.

Dieser hatte Deutschlands CO2-Budget berechnet, das heißt die verbleibende Menge Kohlendioxid (CO2), die noch ausgestoßen werden darf, wenn man das Pariser Ziel ernst nimmt, die globale Erwärmung möglichst auf 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu beschränken. Immerhin haben diesen Vertrag fast alle Staaten ratifiziert und unterschrieben – auch Deutschland, das sich seit neuestem berufen fühlt, alle möglichen Nicht-NATO-Staaten der Einhaltung einer nicht näher definierten »regelbasierten Ordnung« zu gemahnen. Doch mit den eigenen völkerrechtlich verbindlichen Verpflichtungen wird es offenbar nicht so ernst genommen.

Wolfgang Pomrehn zieht Bilanz in der jW:
https://www.jungewelt.de/artikel/472164.auf-kosten-anderer.html

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