Mahle-Neustadt: Sieg vergeigt …?

Wenn alle zusammen von einer Belegschaft wie eine Frau und ein Mann hinter den Forderungen stehen und 98 Prozent für deren Durchsetzung streiken wollen, dann muss die gewerkschaftliche Führung die Karten ausreizen und auf Sieg setzen – nicht mitten im Spiel unterbrechen. Bei Mahle Neustadt wurde eine echte Chance vergeigt. Es hätte ein Signal werden werden können, daß man Werksschließungen und Vernichtung von Arbeitsplätzen verhindern und nicht nur Abfindungen durchsetzen kann. Mit ausreichender Geschlossenheit und langem Atem im Kampf. Eine Gewerkschaft, die angesichts der aktuellen Angriffe nicht entschlossen mit allen Mitteln kämpft und siegen lernt, verliert immer mehr das Vertrauen der Kolleg:innen. Im Folgenden ein detaillierter Bericht dazu. (Peter Vlatten)

Mattis Molde, Neue Internationale 302, Juli / August 2026

Von 26.–30. Mai hat die Belegschaft des Mahlewerkes in Neustadt an der Donau gegen die geplante Schließung des Werkes gestreikt. Dann schloss die IG Metall einen Sozialtarifvertrag ab. Gut 40 % der streikenden Gewerkschaftskolleg:innen lehnten das Ergebnis ab, das somit angenommen wurde.

Vor dem Streik war deutlich geworden, dass die Beschäftigten vor allem ihre Arbeitsplätze verteidigen wollen, die die Geschäftsführung in die Slowakei verlagern will. Das galt auch für die Unterstützer:innen aus den Werken in Stuttgart, die zu der Protestversammlung nach Neustadt gefahren waren, nach der Streik ausgerufen worden war. Sie hatten ihre Solidarität mit den Worten bekundet: „Eine Schließung des Standorts Neustadt darf es nicht geben. JETZT REICHT’S!“

Alle Redner:innen auf der Protestversammlung hatten die Verteidigung der Arbeitsplätze und des Werkes als Ziel ausgegeben, der Bezirksleiter Bayern, Ott, blieb allgemein („bis wir ein ordentliches Ergebnis haben“), erst der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Peter Meier brachte schon damals Abfindungen ins Spiel.

Das Streikrecht in Deutschland ist sehr eingeschränkt. Nur eine zugelassene Gewerkschaft darf den Streik führen, und der Streik muss um tarifierbare Ziele gehen. Der Kampf gegen Entlassungen zählt nicht dazu. Die Arbeitsgerichte sehen sonst das Recht der Kapitalist:innen, mit „ihrem“ Eigentum nach Belieben zu verfahren, gefährdet.

Natürlich könnte ein Streik, der offiziell von der IG Metall oder einer anderen Gewerkschaft für einen Sozialtarifvertrag geführt wird, so viel Druck entfalten, dass die Firma einlenkt, Entlassungen zurücknimmt oder auf eine Werksschließung verzichtet. Streiks, die das erreichen konnten, gab es früher durchaus. Das waren oft auch wilde Streiks, d. h., die Belegschaften legten einfach die Arbeit nieder und besetzten oftmals das Werk.

In keinem Streik, der von der IG Metall ganz legal um einen Sozialtarifvertrag geführt worden ist, kam etwas anderes heraus als eine Regelung für Abfindungen und Beschäftigungsgesellschaften, praktisch ein Sozialplan, nicht vom Betriebsrat ausgehandelt, sondern von der Gewerkschaft. Bei Mahle Neustadt kam auch nur die Gestaltung der Schließung und der Entlassungen heraus. In Neustadt ist wie in allen anderen Fällen die Enttäuschung groß – auch bei denen, die vielleicht mit Ja gestimmt haben und für die persönlich eine Schließung (z. B. vom Alter her) nicht so schlimm ist.

… man muss auch gewinnen wollen.

Die Verantwortlichen der IG Metall reden sich stets damit heraus, dass es doch eh nur um Abfindungen gegangen oder mehr nicht drin gewesen wäre. So auch in Neustadt. Der Geschäftsführer der IG Metall Regensburg, Irmscher, kommt auf der Webseite der IGM Bayern so zu Wort: „Die Schließung dieses wirtschaftlich erfolgreichen Standorts ist und bleibt falsch. Aber wir haben sie für Mahle teuer gemacht – und das ist richtig so. Wer Arbeitsplätze vernichtet, darf damit nicht billig davonkommen.“ Betriebsrat Peter Meier, der ja offensichtlich nie das Ziel hatte, die Schließung zu verhindern, nennt konsequenterweise das Ergebnis „das Maximum … das wir für uns herausholen … konnten.“

In den Verlautbarungen der IG Metall kommt die Kritik nicht zu Wort, ja selbst die Angabe zu den Neinstimmen fehlt. Karl Pfeiffer, der in Neustadt arbeitet, schreibt auf Facebook: „Mir unverständlich, wie man so etwas annehmen kann und dann auch noch so große Töne spuckt von wegen HOHE ABFINDUNGEN. Schämen würde ich mich.“

Mehmet Sahin, der jahrzehntelang bei Behr/Mahle in Stuttgart-Feuerbach Betriebsrat gewesen war, schreibt dort ausführlicher: „Die Mehrheit der Beschäftigten hat das Verhandlungsergebnis angenommen. Gleichzeitig sollte nicht untergehen, dass mehr als 40 Prozent der Kolleginnen und Kollegen trotz der Empfehlungen von Verhandlungskommission, Betriebsrat und IG Metall für die Fortsetzung des Streiks gestimmt haben.

Das zeigt, wie groß der Wunsch war, weiter für den Erhalt der Arbeitsplätze zu kämpfen …

Tatsächlich bleibt die entscheidende Tatsache bestehen: Das Werk wird geschlossen, über 400 Arbeitsplätze gehen verloren und die Verlagerung der Produktion wird umgesetzt … Für viele Unterstützer bestand der Sinn dieses Arbeitskampfes darin, die Schließung zu verhindern – nicht darin, sie möglichst teuer zu machen. Besonders problematisch finde ich die weit verbreitete Auffassung, gegen Schließungsbeschlüsse von Konzernen könne man letztlich ohnehin nichts ausrichten.

Das stimmt so nicht. Es gibt durchaus Beispiele, in denen Belegschaften Werksschließungen verhindern, aufschieben oder zumindest über Jahre verzögern konnten. Solche Kämpfe sind schwierig, aber nicht aussichtslos.

Gerade deshalb stellt sich für mich eine grundsätzliche Frage: In der Satzung der IG Metall steht weiterhin das Ziel der Überführung von Schlüsselindustrien in gesellschaftliche Hand. Während in der Automobil- und Zulieferindustrie ein Werk nach dem anderen geschlossen wird, wäre eigentlich genau jetzt die Zeit, über gemeinsame und standortübergreifende Gegenwehr nachzudenken. Wenn nicht in einer solchen Situation – wann dann?

Die Kolleginnen und Kollegen in Neustadt haben großen Mut, Entschlossenheit und Solidarität gezeigt. Ihr Kampf verdient Respekt. Umso wichtiger ist eine ehrliche Diskussion darüber, welche Ziele künftig verfolgt werden sollen, wenn erneut Arbeitsplätze und Standorte bedroht sind.“

Auf diesen Beitrag reagiert der Geschäftsführer vor allem mit Unterstellungen gegen den Kollegen Sahin: „Unser Ziel war immer, die Schließung zu verhindern. Das ist mit diesem Management nicht zu machen, das Verhandlungsteam hat am Freitag alles dahingehend versucht. Weder vier Tage Streik noch acht Tage Streik haben etwas an dieser Situation geändert. Wir konnten aber jetzt die Härte der Maßnahme mit hohen Abfindungen für die Menschen abfedern.

Natürlich kannst Du weiter an die Zukunft des Werkes glauben. Wir sind auch von dessen Stärken überzeugt. Aber Deine so einfach erscheinende Gleichung‚ mehr Streik löst alle Probleme‘ ist halt leider falsch, gefährlich und streut den Menschen Sand in die Augen. Ganz davon abgesehen, dass wir nicht glauben, dass Du konkret betroffen bist, sondern eher vom Seitenrand kommentierst.

Du magst es für in Ordnung halten, mit dem Risiko für die Kolleg:innen weiter zu streiken und einen Durchbruch zu versuchen. Wir haben Verantwortung für die Beschäftigten übernommen und von unserem vordersten Ziel abgesehen, um echte Verbesserungen für die Kolleg:innen zu erreichen, die in einer furchtbaren Situation sind.

Die Solidaritätsbekundungen haben dem Streik Kraft gegeben. Von außen in den Kampf etwas zu projizieren, das nur den eigenen politischen Überzeugungen dient, am Ende aber auf dem Rücken der Neustädter Kolleg:innen stattfindet, das ist nicht in Ordnung und dem stellen wir uns entgegen. Weil wir die Situation für die Kolleg:innen verbessern wollen, statt sie zum Spielball fremder Interessen zu machen.“

Was tun?

Irmscher geht mit keinem Wort auf die konkreten Vorschläge Mehmets ein, weder auf „gemeinsame und standortübergreifende Gegenwehr“ noch auf „die Überführung von Schlüsselindustrien in gesellschaftliche Hand“, er diffamiert sie lediglich als „von außen“, als „den eigenen politischen Überzeugungen dienend“. Das verrät allerdings viel über die Einstellung dieses Geschäftsführers, der mit seiner Meinung sicher für die gesamte Schicht von Apparatschiks steht, die tatsächlich viel weniger „konkret betroffen“ sind als alle Kolleginnen und Kollegen, die ihre Arbeitskraft an die Unternehmen verkaufen müssen, und das für viel weniger als die fetten Geschäftsführergehälter bei der IG Metall.

Für Irmscher steht ein gewerkschaftlich aktiver Kollege eines anderen Werkes des gleichen Konzerns „an der Seitenlinie“, er hat nicht direkt mit dem Spiel zu tun. Dabei ist klar, dass, wenn man ernsthaft einen Weltkonzern wie Mahle, der zu den 30 größten Autozulieferern weltweit gehört, in die Knie zwingen will, man das Spielfeld nicht auf ein Werk mit 400 Beschäftigten begrenzen kann und darf, weil in einem solchen Konzern „Weder mit vier oder acht Tagen Streik“, wie Irmscher selbst weiß, eine Schließung zu verhindern ist.

Natürlich muss man versuchen, alle Belegschaften des Konzerns mit einzubeziehen. Nicht nur damit andere Betriebe keine Streikbrecherarbeiten verrichten, sondern auch, damit die nötige Kampfkraft gegen die Kahlschlagpläne organisiert wird. Das wäre im Fall von Mahle extrem wichtig: Nach wie vor will das Unternehmen 500 Arbeitsplätze in den Zentralen in Stuttgart vernichten und plant Kahlschläge an allen Standorten in Deutschland und an vielen in anderen Ländern. In den meisten Mahle-Werken, vor allem auch in den Zentralen, ist die Kampfkraft nicht so hoch wie in Neustadt. Eine Zustimmung von 98 % für den Streik ist auch IG-Metall-weit phänomenal.

Eine IG Metall, die wieder wirklich gewinnen kann und sich nicht schämen muss, wie es Kollege Pfeiffer formuliert, muss anders vorgehen. Die erste Frage lautet: Was würde denn reichen, um den Kampf bei Mahle erfolgreich zu führen? Und das muss zu Beginn des Kampfes diskutiert werden. Und da müssen alle potenziellen Unterstützer:innen einbezogen werden. Die sollen ja nicht nur solidarisch unterstützen, sondern formulieren, was ein Sieg in Neustadt für ihren eigenen Kampf bringen könnte. Das Gleiche gilt auch für alle bedrohten Betriebe der Branche: Wie gut täte ihnen ein Sieg bei Mahle, wie sehr würde das helfen, die eigene Geschäftsführung zu schlagen! So ist der Abschluss in Neustadt tatsächlich ein Rückschlag für alle Metaller:innen: Wenn nicht mal eine Streikbereitschaft von 98 % zum Erfolg reicht, was denn dann?

Die Organisierung der gewerkschaftlichen Solidarität kann sich in dieser Zeit aber nicht nur auf den Mahle-Konzern beziehen. In einer Zeit, in der 100.000e Arbeitsplätze gerade in der Autoindustrie bedroht sind und Zehntausende schon verschwunden sind, wäre es Sache, die gesamte IG Metall zu einer Bewegung in der ganzen Branche zu zwingen. Mahle Neustadt wäre ein hervorragendes Beispiel, geradezu ein Leuchtturm im Kampf, der auch andere Belegschaften mitreißen könnte. Eine Zustimmung von 98,4 % für den Streik ist etwas, was man nicht in allen von Schließung bedrohten Belegschaften vorfindet. Anstatt dieses Gold in der Hand zu nutzen und zaudernde Belegschaften mit in den Kampf zu ziehen, den Kampf so zu gestalten, dass er die Belegschaften verbindet, wird dieser Streik isoliert und schnell abgewickelt.

Es reicht nicht, nur besser den Kampf zu organisieren, die IG Metall braucht auch andere Ziele als die Konzerne. Zu Recht hat Kollege Sahin darauf hingewiesen, dass die „Überführung von Schlüsselindustrien in gesellschaftliche Hand“ als zentrales Ziel der IG Metall festgeschrieben ist. Wo macht das mehr Sinn als in Betrieben, die die Kapitalist:innen nicht mehr wollen und die gesellschaftlich notwendige Produkte herstellen (können)?

Nachtrag: Nach Redaktionsschluss wurde bekannt, dass IG Metall und die Firma vereinbart haben, an den Standorten in Stuttgart für knapp 4000 Beschäftigte für drei Jahre

auf die 2026 anstehende Tariferhöhung sowie Urlaubs- und Weihnachtsgeld zu verzichten. Dafür werden für diesen Zeitraum betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Der ehemalige gewerkschaftliche Vorzeige- und Kampfbetrieb Mahle ist somit überall unterhalb der IG Metall – Flächentarifverträge.

Wir danken für das Publikationsrecht.

Titelbild: Collage Peter Vlatten

Hitzewellen verschärfen Europas Dürren

Die Erderwärmung lässt Wasser schneller verdunsten und macht landwirtschaftliche Trockenheit in Westeuropa etwa fünfmal wahrscheinlicher.

Von Tine Heni

Hitzewelle und Waldbrand – seit Beginn des Sommers bestimmt eine Schreckensnachricht nach der anderen die Schlagzeilen. Dabei wird eine schleichende Katastrophe fast übersehen: die zunehmende Trockenheit, die Europa heimsucht. Denn während andere Weltregionen – vor allem Teile Afrikas – in den vergangenen Jahren eher feuchter geworden sind, verliert Europa seit rund zehn Jahren immer mehr Wasser. Schon jetzt führen die extrem trockenen Bedingungen zu landwirtschaftlichen Verlusten, zu Waldbränden wie denen, die derzeit in Spanien und Frankreich wüten und zu historisch niedrigen Flusspegeln. Französische Landwirte erleben ihre schlechteste Maisernte seit 50 Jahren, während Rumänien über eine Million Hektar Anbaufläche verloren hat.

Wieder einmal ist es die Klimakrise, die solche Extremwetterereignisse verstärkt. Zum einen verändert sie die globalen Niederschlagsmuster, was Böden in Europa austrocknen lässt. Zum anderen lassen die steigenden Temperaturen die Wasserreserven verdunsten. Und dies wiederum ist einer der treibenden Faktoren hinter den Waldbränden in Südeuropa.

Während die massiven Feuer eine indirekte Folge der Erderwärmung sind, lässt sich ermitteln, wie groß der Einfluss des Klimawandels auf die europäischen Dürren ist. Die internationale Forschungsgruppe World Weather Attribution (WWA) vergleicht in ihren Computersimulationen – vereinfacht gesagt – das heutige Klima bei einer globalen Erwärmung von rund 1,4 Grad Celsius mit den Bedingungen der vorindustriellen Zeit. Anschließend wird ermittelt, wie viel häufiger eine Dürre jetzt auftritt.

Es zeigte sich, dass der Niederschlagsmangel über Westeuropa nicht eindeutig auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Allerdings hat die extreme Hitze die Verdunstung stark beschleunigt. Sogar so sehr, dass solche Bedingungen über Westeuropa heute etwa 80-mal wahrscheinlicher sind. Über Osteuropa ist die hitzebedingte Verdunstung etwa 40-mal wahrscheinlicher geworden. »Das Klima in Europa verändert sich schnell«, sagt Sarah Kew, Hauptautorin der WWA-Untersuchung und Klimawissenschaftlerin beim niederländischen Wetterdienst. »Obwohl die Niederschlagsmuster gemischt bleiben, zeigen unsere Ergebnisse, dass extreme Hitze zur Hauptursache für Dürre auf unserem Kontinent wird.«

Um die Auswirkungen auf die landwirtschaftliche und ökologische Dürre zu quantifizieren, analysierten die Wissenschaftler*innen darüber hinaus für zwölf europäische Länder die langfristigen Trends bei Niederschlägen und Bodenfeuchte. Zudem ermittelten sie für die Länder die sogenannte potenzielle Evapotranspiration – ein Maß für die Fähigkeit der Atmosphäre, Feuchtigkeit zu verdunsten. Auch hier zeigte sich: Niederschlagsdefizite wie in diesem Jahr haben in früherer Zeit weniger schwere Dürren verursacht. Erst durch die zusätzliche Sommerhitze wird dem Boden schnell Feuchtigkeit entzogen.

»Das ist menschengemacht: Mit steigenden Temperaturen nimmt der ›Durst‹ der Atmosphäre schnell zu und entzieht Flüssen, Seen, Speichern und Böden Feuchtigkeit«, erläutert Mitautor Dominik Schumacher von der ETH Zürich. »Das verändert grundlegend, wie Dürren in Europa entstehen – immer weniger durch fehlenden Regen und immer mehr durch wärmere Luft, die verhindert, dass Wasser im Boden bleibt.«

Auf diese Weise ist eine landwirtschaftliche Bodendürre in Westeuropa durch den Klimawandel etwa fünfmal wahrscheinlicher geworden. In Osteuropa, wo trockene Bedingungen seit sechs Monaten anhalten, ist diese heute rund elfmal wahrscheinlicher.

Studien-Mitautorin Mariam Zachariah vom Imperial College London hält es für »besonders alarmierend«, dass diese Bedingungen bereits jetzt bei 1,4 Grad Erwärmung auftreten. »Wenn die globalen Emissionen die Temperaturen wie prognostiziert auf 2,8 Grad steigen lassen, könnten sich diese intensiven Verdunstungsbedingungen in ihrer Häufigkeit verdoppeln – und solche Dürren zur Regel werden.«

Die Folgen wären Ernteausfälle, niedrige Flusspegel und Belastungen im Energiesektor. Das wiederum könnte die Preise für lebenswichtige Güter erhöhen und Haushalte mit geringen Einkommen besonders belasten.

»Diese Krise trifft nicht nur Landwirte, sie wirkt sich auf die verletzlichsten Bevölkerungsgruppen aus«, kommentiert die Politikwissenschaftlerin Merel Laauwen von der Universität Wageningen, die nicht an der Studie beteiligt war. »Und obwohl die Wissenschaft zeigt, dass Dürren künftig häufiger und intensiver werden, sind Dürremanagementpläne in der EU nicht verpflichtend und die Vorsorge in den europäischen Ländern ist uneinheitlich.«

Neben der Anpassung fehlen aber auch grundlegende Maßnahmen, um dem Klimawandel als Verstärker der Dürren Einhalt zu gebieten. »Wir müssen viel schneller auf erneuerbare Energien umsteigen – die inzwischen günstiger sind als fossile Brennstoffe«, mahnt Simon Stiell, Chef des UN-Klimasekretariats. Auch brauche es Investitionen in die Elektrifizierung der Wirtschaft und in einen besseren Schutz von Kommunen von Unternehmen. »Solange die Menschheit weiterhin große Mengen an Kohle, Öl und Gas verbrennt, werden diese klimabedingten Dürren immer schlimmer und teurer.«

Erstveröffentlicht im nd v. 30.7. 2026
Hitzewellen

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Fatale Brandbeschleuniger

Neoliberale Sparpolitik und industrielle Landwirtschaft spielen eine verhängnisvolle Rolle bei den Waldbränden in Spanien und Frankreich.

Von Ralf Streck, Hendaye

Titelbild: nd

Auch wenn die großen Brände um Madrid und bei Bordeaux stabilisiert scheinen, ist die Gefahr in den Brandregionen Frankreichs und Spaniens nach wie vor groß. Klar ist, dass man es mit einer neuen Dimension von Feuern zu tun hat. In Frankreich sind schon jetzt größere Flächen verbrannt als im gesamten Vorjahr. In Spanien nähert man sich den Zahlen von 2025, das als schlimmstes Brandjahr seit Jahrzehnten in die Geschichte eingegangen ist. Dramatisch an der diesjährigen Waldbrandsaison ist das Ausmaß der Großbrände. Die Feuer bei Madrid und im französischen Bordeaux gehören zu den größten, die in diesen Ländern bisher registriert wurden.

Dass es in Frankreich den Südwesten trifft, ist kein Zufall. Zwar ist es an der Atlantikküste bei Bordeaux deutlicher feuchter als in der Mittelmeerregion. Doch die Departements Gironde und Landes de Gascogne sind von industriell genutzten Holzplantagen geprägt, die mit dem lebendigen Ökosystem Wald wenig zu tun haben. Aus kapitalistischem Verwertungsinteresse wurde in der Region auf einer riesigen Fläche von 1,2 Millionen Hektar, fast so groß wie Schleswig-Holstein, eine Monokultur geschaffen. Auf 80 Prozent der Fläche werden schnell wachsende Seekiefern angebaut, die in der Gegend eigentlich nicht heimisch sind.

An dem Grundstoff für die Holzindustrie hängen allein in der Region Nouvelle-Aquitaine 60 000 Arbeitsplätze und ein Jahresumsatz von 10 Milliarden Euro. Bekannt ist, dass Kiefern wegen des hohen Harzgehalts und des leicht entzündlichen Nadelstreus extrem brandgefährdet sind. Waldbrand-Experten sprechen zudem von Bränden der »sechsten Generation«, die mit ihrer Hitze starke Aufwinde und damit eine eigene Wetterlage produzieren. In der Folge kommt es zu regelrechten »Feuerstürmen«, die kaum noch zu löschen sind. Piloten von Löschflugzeugen berichten, es sei über dem Feuer so heiß gewesen, dass Wasserladungen von 10 000 Litern noch in der Luft verpufften.

Erschwert wird die Brandbekämpfung durch die neoliberale Sparpolitik. Französische Gewerkschaften fordern wegen der Brände seit Jahren mehr Einsatzkräfte und Material. »Das System ist am Ende seiner Kräfte«, äußerte Michaël Pacanowski, Vorsitzender der Feuerwehrgewerkschaft Spasdis-CFTC. Kritisiert wird von den Feuerwehrverbänden auch, dass das Versprechen, die Löschflugzeugflotte von 12 auf 16 Flugzeuge aufzustocken, nicht umgesetzt wurde. Eine Bestellung von zwei Flugzeugen wurde im Rahmen der Spardebatte sogar storniert.

Die Holzindustrie hält am Modell der Monokulturen fest, mit dem allein in Südwestfrankreich 10 Milliarden Euro jährlich Umsatz gemacht werden.

Auch die Gewerkschaft CGT beklagt fehlende Mittel und Personal. Die Zahl der Beschäftigten des Nationalen Forstamtes (ONF) sei von 15 000 auf 8000 reduziert worden. Aufgrund des Klimawandels träten Brände aber immer früher, häufiger und intensiver auf. Deshalb müsse Prävention vor dem Hochsommer zur »Priorität« werden. Klar ist, dass nach dem heißesten und trockensten Juni und Hitzewellen im Juli oft ein Funken reicht, um die Feuer zu entzünden.

Doch die Holzindustrie hält am Modell der Umweltausbeutung fest, das auch die Böden versauert. »Die vorrangige Bestimmung ist die Produktion«, erklärt Anne Guivarc’h, Chefin des Holzindustrieverbands der Region. Auch Bruno Lafon, Präsident einer »Forstschutzvereinigung«, sieht keinen Grund, an den Monokulturen etwas zu ändern. Er fordert stattdessen, große Brandschutzschneisen in den Wald zu schlagen: »Lieber 2000 Hektar verlieren, als 40 000 Hektar abbrennen zu lassen.«

Dass durch das Geschäftsmodell Menschenleben gefährdet werden, scheint für sie zweitrangig. Und auch die Interessen der in Südwestfrankreich wichtigen Tourismusindustrie müssen zurücktreten. »Für den Tourismus ist das erneut eine Katastrophe«, erklärte Franck Chaumès, Chef des Hotel- und Gaststättengewerbes. Es mehren sich Stimmen, die die Schaffung resistenterer Mischwälder fordern.

In Spanien ist das Problem ähnlich, das neoliberale Muster zum Teil sogar noch deutlicher zu erkennen. In der Autonomiegemeinschaft Kastilien-Leon, wo seit Jahrzehnten die rechte Volkspartei (PP) regiert, wurden die Mittel zur Brandprävention seit 2009 um 90 Prozent gekürzt. 2025 tobten dann zwei der schwersten Brände in der spanischen Geschichte. An der Grenze zur Hauptstadtregion Madrid bei Burgohondo wütet nun der schwerste jemals registrierte Brand. 500 Quadratkilometer Wald sind dort abgebrannt.

Vor allem die rechtsextreme Vox, die den Klimawandel leugnet, benutzt die Katastrophe, um gegen die sozialdemokratische Zentralregierung zu schießen. Mit der PP fordert sie nun mehr Geld für Prävention, Waldbewirtschaftung und Löschmittel. Dabei sind es die rechten Autonomieregierungen, die diese Mittel ständig kürzen, weil sie – wie in der Autonomiegemeinschaft Madrid – Steuerdumping betreiben. Die dortige PP-Regierung wurde vom Obersten Gerichtshof unlängst sogar verurteilt, weil 40 Millionen Euro aus gesetzlichen Zweckbeiträgen von Versicherungen nicht wie vorgeschrieben in die Brandprävention flossen, sondern zweckentfremdet wurden.

Erstveröffentlicht im nd v. 30.7. 2026
Fatale Brandbeschleuniger

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