Wir sollen den Krieg finanzieren, aber seine Wirklichkeit nur selektiv sehen

Von FLORIAN RÖTZER

Warnung vor grausamen Bildern und Links, es sind bei weitem nicht die schlimmsten der schlimmen. Ich halte es zwar für wichtig, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, um beurteilen zu können, was man als Deutscher und Europäer aktiv oder passiv unterstützt, aber es soll niemand – vor allem keine Jugendlichen – unvorbereitet darüber stolpern. Die Bilder sind keine „unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid“, was nach dem Presskodex verpönt ist, sondern eine notwendige Darsellung mit der Absicht, so dazu beitragen zu können, weitere systematisch betriebene Gewalt, Brutalität und Leid zu verhindern.

Titelbild: Bettelt, verzweifelt und händeringend um Verschonung vor einer heranfliegenden Drohne, deren Pilot aber keine Gnade kennt. Video weiter unten.

Russland ist in die Ukraine einmarschiert und hat den Krieg damit völkerrechtswidrig begonnen, auch wenn es vielleicht möglich gewesen wäre, diesen durch Fortsetzung der von den Amerikanern abgebrochenen Gespräche über russische Sicherheitsinteressen zu verhindern. Spätestens seitdem ist die Nato zum Kriegsteilnehmer geworden, hat Kiew geraten oder gedrängt, die Friedensverhandlungen abzubrechen, was ebenso wie die russische Weiterführung des Kriegs ungezählten Ukrainern (und Russen) das Leben gekostet hat, und unterstützt, wenn auch nun ohne die USA, die ukrainische Regierung – nicht die Ukrainer – darin, Friedensverhandlungen in der Logik Leben gegen Territorium hinauszuzögern, um vielleicht doch noch Russland zu schwächen. Moskau wiederum setzt darauf, bis zu einem Friedensschluss möglichst weit vorzustoßen, die Struktur der ukrainischen Militärmaschine  zu zerstören und das Leben für die Menschen so hart zu machen, dass der Widerstand gegen die Regierung in Kiew wächst.

Wie man auch immer den Krieg sieht, der sich nun im vierten Jahr befinden, so ist er ein grausames Geschehen, unter dem vor allem die Ärmeren leiden und sich gegenseitig abschlachten, die sich dem Krieg nicht entziehen können oder die glauben, durch eine Beteiligung als Soldat mit dem Verdienst ein besseres Leben nach dem Töten zu gewinnen, wenn sie der Schlachterei entkommen. Natürlich ist jeder Krieg, wofür das Militär auch trainiert wurde, eine Enthumanisierungsmaschinerie, der Gegner ist kein Mitmensch mehr, sondern lebensunwertes Ziel der Vernichtung, die mit allen Mitteln betrieben wird.

Politiker und viele Medien wollen uns vor solchen Bildern offenbar schützen, die die alltägliche Wirklichkeit eines Landes im Krieg zeigen, für den viele nicht oder nicht mehr sterben wollen.

Nato-Generalsekretär Rutte hat gerade wieder Kiew besucht, um dem Präsidenten, der Rada und den Ukrainern zu versichern, dass die Nato hinter der ukrainischen Regierung steht und den Krieg weiter unterstützen wird. Wie üblich schwärmte er in seiner Rede vor der Rada vom Heldenmut der Ukrainer, von deren „unglaublicher Resilienz“.

NATO-Generalsekretär Mark Rutte mit Wolodymyr Selenskij. Bild: Nato

Er habe diesen Geist jedes Mal gesehen, wenn er in Kiew war: „Die unerschütterliche Tapferkeit der Menschen dieses Landes und die entschlossene Hoffnung, die sie vorantreibt.“ Nebenbei macht er auch deutlich, dass die Nato die Ukraine in einem Stellvertreterkrieg „für unsere Sicherheit“ unterstützt, aber dann klingt es wieder scheinbar selbstlos: „Jeden Tag unterstützen, rüsten und trainieren wir die ukrainischen Streitkräfte. Damit sie heute verteidigen und jede zukünftige Aggression abschrecken können.“

Typisch ist ein Artikel in der Süddeutschen Zeitungvon Florian Hassel  vom 4. Februar. Fast eine ganze Seite geht es darum, dass „die Ukraine dringend Personal braucht“ und dass sich „Millionen Männern weigern, ihr Land gegen Russland zu verteidigen – und Kiew hat bislang wenig wenig dagegen getan“.  Der Ton ist, dass doch Kiew endlich „unpopuläre Maßnahmen“ zur Rekrutierung und zum Umgang mit Deserteuren einführen müsse. Mit keinem Wort, das ist bezeichnend, geht der Autor auf die Zwangsrekrutierung durch „Busifizierung“ ein, geschweige zeigt die SZ Bilder dieser alltäglichen Praxis, die lange als russische Desinformation bezeichnet wurde.

Ende Januar hatte Selenskij erstmals die „Busifizierung“ angesprochen, die im Land schon lange zum Problem wurde. Er wies seinen neuen Verteidgungsminister Mykhailo Fedorov an, das Problem der Busifizierung zu lösen.

Busifizierung, die gewaltsame Zwangsrekrutierung, gibt es für westliche Politiker und Medien nicht

Man vermisst bei Rutte wie bei anderen Politikern, die für die militärische Unterstützung eintreten und einen schlechten Frieden durch weiteren Kampf verhindern wollen, ein Wort zu den Millionen von Ukrainern, die ihren korrupten Staat mit einem auch in Korruption steckenden Präsidenten nicht verteidigen wollen. Zu den vielen, auch wehrfähigen Ukrainern, die es auch mit Bestechung geschafft haben, aus dem Land zu fliehen, zu den Millionen Männern, die sich vor der Einziehung seit Jahren verstecken, weil sie nicht die Mittel und Beziehungen haben, sich freizukaufen, zu den Soldaten, die zu Hunderttausenden so schnell wie möglich von der Front desertieren – von 30.000 angeblich im Monat „mobilisierten“ sollen es 20.000 sein -, und vor allem zu den Männern, die mit brutaler Gewalt auf offener Straße gejagt und selbst aus Toiletten heraus oft unter Protesten von Angehörigen und Passanten von sechs, sieben maskierten Rekrutierungsoffizieren, mitunter in Anwesenheit von Polizei, in Fahrzeuge geprügelt und in gefängnisähnliche Unterkünfte verschleppt werden, wo sie wieder unter Gewalt zu einer kurzen Ausbildung gezwungen werden, um dann an die Front gebracht werden.


Nur einige Beispiele, was Busifizierung bedeutet.



Bei diesen Jagdszenen, genannt Busifizierung, die an das Vorgehen in den USA von ICE erinnern, gibt es ebenfalls Tote und Verletzte, zunehmend mehr Gewalt auch gegen die Rekrutierungsoffiziere und -zentren. Parallel gibt es Videos, die zeigen, wie russische Soldaten Kameraden quälen.

Was sehen wir in den Medien davon? Praktisch nichts. In der Regel werden wir auch von Bildern von der Front verschont. Wir sollen zwar den Krieg unterstützen, aber seine Wirklichkeit nicht sehen. Zwar sind wir als Steuerzahler mit dafür verantwortlich, dass Menschen auf beiden Seiten der Front getötet, zerfetzt und schwer verletzt werden, aber was wir da anrichten, soll unsere Psyche nicht beeinträchtigen, zumal wir ja sowieso auf der richtigen Seite des Krieges stehen und das Böse stets die anderen sind.

Das erinnert an den Afghanistan-Einsatz. Es hatte lange gedauert, bis man in Deutschland von einem Krieg gesprochen hat. Jetzt ist zwar von dem „brutalen Angriffskrieg“ Russland von Anfang an die Rede, dass er nicht provoziert worden sei, hört man kaum mehr, aber wir sehen, hören und lesen meist nur, was Drohnen- und Raketenangriffe in der Ukraine anrichten, wobei zudem nicht unterschieden wird, welche Ziele tatsächlich direkt angegriffen wurden und welche Schäden durch herabstürzende Drohnen, Raketen und Abwehrraketen entstanden sind. Wir sehen auch nicht, welche Schäden die Drohnen- und Raketenangriffe auf russischem Territorium verursachen. Wir sehen auch kaum mehr etwas von den rechtsnationalistischen Freiwilligenverbänden in der Ukraine mit ihrem Hang zu Bandera und den Nazis. Alles, um den richtigen Blick auf das Narrativ nicht abzulenken. Es wird nicht direkt manipuliert, sondern durch Weglassen beeinflusst.

Was wir in den Medien auch nicht sehen sollen, ist die Grausamkeit des Krieges an der Front. Es werden auf beiden Seiten Kriegsgefangene getötet oder misshandelt. Aber es gibt im Drohnenkrieg eine andere Form der gezielten Tötung. Hier ein Video, das offenbar zum Genuss der ukrainischen Öffentlichkeit und zur Abschreckung verbreitet wurde. Eine Drohne hat einen russischen Soldaten, vermutlich einen Afrikaner, aufgenommen, der sieht, wie eine Drohne ihn ins Visier genommen hat. Er fleht den Drohnenpiloten an, ihn zu verschonen, hebt bittend seine Hände, um dann von der Drohne zerfetzt zu werden. Ein Kriegsverbrechen, weil die Ermordung eines offensichtlich Unbewaffneten?

Was sagen die Kriegsbefürworter, Merz, Pistorius und Co., dazu? Sie schweigen, ebenso wie über die vielen Männer, die nicht für die ukrainische Regierung und Deutschland/EU sterben wollen.

Die ukrainische Website Censor.net, die das Video verbreitet, argumentiert: „Anstatt sich rechtzeitig und ordnungsgemäß zu ergeben, beschloss der Söldner im letzten Moment, mit der Ausrüstung zu ‚verhandeln‘. Für den Betreiber der Kamikaze-Drohne bleibt der bewaffnete Besatzer in seiner Position jedoch ein legitimes Ziel. … Trotz der theatralischen Gesten des Angreifers erfüllt die Kamikaze-Drohne ihre Mission und trifft das Ziel mit Präzision.“ Umgangen werden soll, dass nicht die „Ausrüstung“ oder die Drohne tötet, sondern der Pilot. Warum das Video überhaupt gezeigt werden muss, wird nicht gesagt.

Wenn man sich nur die Videos der letzten Tage ansieht, dann sieht man, wie ein Soldat mit Krüken, mit denen er sich gegen die anfliegende Drohne zu schützen sucht, mitleidlos getötet wird. Der Öffentlichkeit wird präsentiert, wie ein verletzter Soldaten sich selbst mit einem Messer tötet – teilnahmslos sieht der Drohnenpilot zu. Ist es wie auch immer legitime Tötung im Krieg oder kaltblütige Ermordung, zumal wenn man auch noch zeigt, wie die Leiche danach aussieht?

Ähnliches findet man natürlich auch auf russischer Seite. Beispielsweise mit Musik unterlegte Videomontagen von Drohnenaufnahmen, wie Kamikazedrohnen Fahrzeuge zerstören, in Türen, Fenster und Eingängen zu Unterständen hineinfliegen und dort detonieren oder gezielt einzelne Soldaten töten: eine Ästhetik der Destruktion, in der Empathie verbannt ist. Das ist ein Aspekt, den der Drohnenkrieg mit sich gebracht hat. Auch das russische Verteidigungsministerium veröffentlicht mit Musik unterlegte „Montagen der Attraktionen“, wie Soldaten der Drohneneinheit Rubikon ukrainische Soldaten verfolgen und töten.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher. In diesen Tagen erschien sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 5.2. 2026


Wir danken für das Publikationsrecht.

„Waffen nieder, Löhne rauf!”

Interview mit Cinzia Della Porta über den Aktionstag gegen Militarisierung und Krieg in mehr als 20 Häfen am Mittelmeer – von Marokko über Italien bis in die Türkei.

GERMAN FOREIGN POLICY

Bild: USB

ROM (Eigener Bericht) – Mit einem Aktionstag an diesem Freitag protestieren Arbeiter in mehr als 20 der größten Häfen am Mittelmeer gegen die Militarisierungspolitik der EU und gegen die Nutzung der Häfen für den Waffennachschub im Ukraine-Krieg und in Israel. Man setze sich gegen „die Umwandlung des Mittelmeers in einen Knotenpunkt für die Kriegsökonomie” zur Wehr, erläutert Cinzia Della Porta im Gespräch mit german-foreign-policy.com. Della Porta gehört dem Vorstand der italienischen Gewerkschaft Unione Sindicale di Base (USB) an, die an der Organisation des Aktionstags beteiligt ist. Die Häfen am Mittelmeer müssten „Orte des Friedens” sein, fordert die USB. Della Porta weist darauf hin, dass Arbeiter stets zu den ersten gehören, die „den Preis für den Krieg” zahlten, in Form zum Beispiel von Lohnkürzungen oder der Einschränkung gewerkschaftlicher Rechte; das seien „direkte Folgen der Kriegsökonomie”. Zudem würden etwa Hafenarbeiter, die Waffen verladen müssten, zu unfreiwilligen Komplizen in Kriegen, die sie ablehnten. Della Porta plädiert dafür, den „Widerstand gegen den Krieg mit sozialen Kämpfen um Löhne, öffentliche Dienstleistungen und Arbeiterrechte” zu verbinden.

Organisiert wurden die Proteste am heutigen Freitag unter anderem von der USB und den Gewerkschaften Enedep aus Griechenland, Liman-İş aus der Türkei und ODT aus Marokko. Aktionen und Streiks sind von Tangier über Genua, Palermo und Triest bis nach Piräus, Antalya und Mersin geplant, außerdem am Atlantik, etwa in Bilbao. Speziell richten sich die Proteste unter anderem gegen die Nutzung der Häfen für Waffenlieferungen, gegen Lohn- und Rentenkürzungen zugunsten der Kriegsfinanzierung, darüber hinaus aber auch gegen die Aufrüstungspläne der EU inklusive der Militarisierung der Häfen und weiterer strategischer Infrastruktur in Europa. Kundgebungen sind der USB zufolge auch in Hamburg und in Bremen geplant.

german-foreign-policy.com: Am Freitag findet in mehr als 20 Mittelmeerhäfen ein gemeinsamer Aktionstag statt. Worum geht es genau?

Cinzia Della Porta: Die koordinierte Aktion am Freitag zielt darauf ab, sich gegen die zunehmende Militarisierung von Häfen und Logistik, die Nutzung ziviler Infrastrukturen für Kriegszwecke und die Umwandlung des Mittelmeers in einen Knotenpunkt für die Kriegsökonomie zu wehren. Unsere Botschaft ist klar: Häfen dürfen nicht genutzt werden, um Waffen, die für Kriege, Massaker oder Okkupation eingesetzt werden, auf Schiffe zu laden, sie zu entladen oder sie auch nur zu transportieren.

An der Aktion beteiligen sich Arbeiter aus mehreren Mittelmeerländern, darunter Italien, Spanien, Frankreich, Griechenland und weitere Staaten in Südeuropa und Nordafrika. Dies spiegelt das gemeinsame Bewusstsein der Hafen- und Logistikarbeiter wider, dass Krieg kein abstraktes geopolitisches Thema ist, sondern etwas, das ihren Arbeitsplatz direkt betrifft. Dieser Streik ist Teil einer breiteren internationalen Mobilisierung gegen Krieg und die Kriegsökonomie.

german-foreign-policy.com: Arbeiter in Italien und anderen Mittelmeerländern haben bereits zuvor gegen Waffenlieferungen protestiert…

Cinzia Della Porta: Ja, es gab mehrere konkrete Aktionen. In Italien weigerten sich Hafen- und Flughafenarbeiter, militärische Güter wie Waffen und Sprengstoffe zu verladen bzw. umzuschlagen. In einigen Fällen blockierten Arbeiter den Hafenbetrieb oder stellten ihre Arbeit ein, als Militärtransporte entdeckt wurden.

So haben Arbeiter in italienischen Häfen und Flughäfen gemeinsam die Abwicklung von Waffenlieferungen nach Israel oder in die Ukraine gestoppt und Unternehmen und Behörden dazu gezwungen, Transporte umzuleiten oder sie zu verzögern. Ähnliche Aktionen fanden in anderen Mittelmeerländern statt, wo Arbeiter mit Streiks, Arbeitsniederlegungen und öffentlichem Protest auf den militärischen Charakter dieser Lieferungen aufmerksam gemacht haben.

Für diejenigen in Deutschland oder in anderen Ländern, die darüber in den Mainstream-Medien keine Nachrichten erhalten haben – das hier haben wir in Italien getan:

Es gab den Fall der „Schiffe des Todes“, Schiffe der Reedereien ZIM und Bahri. In Genua beobachteten USB-Arbeiter die Fracht mithilfe von „Arbeiterintelligenz“ und verglichen Daten zu Routen und Inhalten miteinander. Wenn ein Schiff der israelischen Reederei ZIM anlegte, streikten die Hafenarbeiter oder blockierten die Tore mit Streikposten.

Dann gab es einen Fall am Flughafen von Pisa mit Waffen für die Ukraine. USB-Arbeiter weigerten sich, ein Flugzeug auf dem zivilen Flughafen abzufertigen, das mit Kisten voller Waffen und Munition beladen war, die als „humanitäre Hilfe“ getarnt waren. Die Arbeiter sahen die Container, dokumentierten, dass sie Waffen und keine Lebensmittel oder Medikamente enthielten, und prangerten dies an.

Schließlich gab es auch administrative Sabotage. In einigen Fällen zwang die Verweigerung technischer Dienstleistungen – etwa durch Schlepper oder Festmacher – Schiffe mit Waffenladungen dazu, tagelang im Hafen zu bleiben, was den Unternehmen enorme wirtschaftliche Verluste einbrockte und ein politisches Signal an die Regierungen aussandte.

Die Aktionen waren nicht rein symbolisch. Sie beeinträchtigten die Kriegslogistik unmittelbar und machten sichtbar, was Regierungen vor der Öffentlichkeit zu verbergen suchen.

german-foreign-policy.com: Warum sollten speziell Arbeiter gegen Militarisierung und Krieg vorgehen?

Cinzia Della Porta: Die Arbeiter sind die ersten, die den Preis für den Krieg zahlen. Militarisierung bedeutet Kürzungen bei Löhnen, Sozialleistungen, Gesundheitsversorgung, Bildung und öffentlichen Dienstleistungen, während enorme Ressourcen für Waffen und Militärausgaben abgezweigt werden. Inflation, Arbeitsplatzunsicherheit und die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen sind direkte Folgen der Kriegsökonomie.

Gleichzeitig werden Arbeiter oft gezwungen, durch ihre Arbeit zu unfreiwilligen Komplizen im Krieg zu werden. Sich der Militarisierung zu widersetzen ist daher sowohl eine materielle als auch eine ethische Notwendigkeit. Arbeiter haben eine einzigartige Macht: Indem sie Produktion und Logistik stoppen, können sie die Kriegsmaschinerie an ihrer Wurzel stören.

Krieg ist dabei kein isoliertes Ereignis, sondern die einzige Art und Weise, wie das kapitalistische System in einer schweren Krise weiterbestehen kann. Betrachten wir einmal die Umverteilung des Reichtums: Die italienische Regierung erhöht die Militärausgaben auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts – das sind über 100 Millionen Euro pro Tag. Dieses Geld wird direkt den Tarifverträgen, dem nationalen Gesundheitssystem und dem Bildungswesen entnommen. Die Militarisierung ist in Wirklichkeit ein wirtschaftliches Manöver der herrschenden Klasse gegen die Armen.

Die Militarisierung führt zudem zu Autoritarismus und Unterdrückung. Die Kriegsökonomie erfordert „Disziplin”. Das bedeutet: strengere Streikgesetze, prekäre Arbeitsverhältnisse und die Unterdrückung gewerkschaftlicher Opposition. Als klassenorientierte Gewerkschaft verbinden wir bei der USB den Kampf für Arbeiterrechte mit dem Kampf gegen den Krieg. Seit Februar 2022 lautet unser Slogan: „Waffen nieder, Löhne rauf!”

german-foreign-policy.com: Die USB hat sich auch an Protesten gegen den Genozid in Gaza beteiligt.

Cinzia Della Porta: Die Unterstützung für Palästina war schon immer Teil unserer DNA. Seit dem Beginn des Genozids haben wir Initiativen und Streiks zur Unterstützung Palästinas gestartet und uns aktiv an allen nationalen Demonstrationen dazu beteiligt, die in Italien stattgefunden haben. Unsere Arbeiter haben aktiv Schiffe in Häfen blockiert, sich aber auch geweigert, an Forschungsprojekten teilzunehmen, die an Universitäten und öffentlichen Forschungseinrichtungen gemeinsam mit Israel durchgeführt wurden.

Was bei den USB-Streiks am 22. September und 3. Oktober 2025 geschah, war unglaublich. Hunderttausende Menschen schlossen sich den Streiks an und füllten die Straßen und Plätze von rund hundert italienischen Städten. Wir hatten angekündigt, wir würden „alles blockieren”, und das haben wir auch getan. Streiks und Demonstrationen wurden organisiert, um den Genozid zu stoppen und die Komplizenschaft der italienischen Regierung mit Israel zu beenden. Der Streik am 28. November verband die Unterstützung für Palästina und die Forderung nach einem Ende des Genozids mit dem Kampf gegen die Kriegsökonomie und gegen den inneren Krieg gegen die Arbeiter und die Bevölkerung.

Wir betrachten den Streik als einen politischen Erfolg, weil er das Schweigen über die Komplizenschaft der Institutionen gebrochen und den Kampf der Palästinenser klar mit dem Widerstand gegen die Kriegswirtschaft und gegen die Rolle Italiens als Waffenlieferant verbunden hat. Er hat gezeigt, dass ein Teil der Arbeiterklasse sich weigert, Genozid, Besatzung und Krieg als „normal“ hinzunehmen.

german-foreign-policy.com: Es gibt eine zunehmende Repression; so wurden mehrere Feuerwehrleute dafür bestraft, dass sie an den Protesten teilgenommen haben.

Cinzia Della Porta: Ja, mehrere Feuerwehrleute, die sich öffentlich mit dem palästinensischen Volk solidarisiert oder an Protesten teilgenommen hatten, sahen sich Disziplinarmaßnahmen, Ermittlungen und Strafen ausgesetzt. In einigen Fällen wurden sie beschuldigt, die „Neutralität“ öffentlicher Institutionen zu untergraben – nur weil sie sich politisch gegen Genozid und Krieg ausgesprochen hatten.

Repressionsmaßnahmen wie diese sollen die Arbeiter einschüchtern und abweichende Meinungen unterdrücken. Sie sind Teil eines umfassenderen autoritären Trends, bei dem diejenigen, die sich gegen Krieg und Militarisierung aussprechen, als Problem behandelt werden und nicht etwa diejenigen, die Kriegsverbrechen unterstützen oder sie ermöglichen.

german-foreign-policy.com: Wird die USB nach dem Aktionstag am heutigen Freitag ihren Kampf gegen Militarisierung und Krieg weiterführen?

Cinzia Della Porta: Der Streik am Freitag ist kein isoliertes Ereignis. Wir werden unseren Kampf als klassenorientierte Gewerkschaft fortsetzen und den Widerstand gegen den Krieg mit sozialen Kämpfen um Löhne, öffentliche Dienstleistungen und Arbeiterrechte verbinden.

Wir werden weiterhin die internationale Koordination zwischen den Arbeitern vorantreiben, insbesondere in strategischen Sektoren wie Häfen, Logistik, Transport und öffentlichen Dienstleistungen. Die USB wird weiterhin gegen die Kriegsökonomie, gegen Waffenlieferungen, gegen die Beteiligung Italiens an NATO-Kriegen kämpfen, gegen Waffenlieferungen an die Ukraine, in Solidarität mit dem palästinensischen Volk gegen den Genozid in Gaza. Unser Kampf gegen den Krieg ist untrennbar mit dem Kampf für soziale Gerechtigkeit und die Würde der Arbeiter verbunden. Wir werden unseren Kampf in Italien und auf internationaler Ebene innerhalb des Dachverbandes World Federation of Trade Unions (WFTU) fortsetzen.

Wir sind uns bewusst, dass die Lage schwierig ist und dass die italienische Regierung sich für Repression entschieden hat. Die Regierung hat beispielsweise ein neues Sicherheitsdekret vorgeschlagen, das darauf zielt, den Spielraum für Proteste einzuschränken und abweichende Meinungen unter Strafe zu stellen.

In einer Situation, in der sich verschlechternde wirtschaftliche Bedingungen und zunehmende internationale Instabilität ein Gefühl der Unsicherheit in immer größeren Teilen der Bevölkerung verbreiten, entscheidet sich die italienische Regierung also für die Verschärfung der Repression. Umso mehr haben wir die Pflicht, unseren Kampf fortzusetzen.

Erstveröffentlicht auf GFP v. 5.2. 2026
https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/10292

Wir danken für das Publikationsrecht.

Nachbarschaftscafé gegen Krieg im Wedding

Waffen made in Wedding ?! Ab Sommer 2026 wird im Wedding das erste Mal seit 1945 wieder schwere Munition für Kriegszwecke hergestellt. Der größte Rüstungskonzern Deutschlands- Rheinmetall – stellt dann die Produktion seines Autozulieferers „Pierburg“ am Humboldthain (Scheringstraße 2) auf Rüstung um. Bislang gingen dort noch Autoteile vom Werkband, nun sollen es Munitionsteile für Panzergeschosse sein. Das is Teil einer aktuellen negativen Entwicklung. Für uns bedeutet das, dass unsere Nachbarschaft im Kriegsfall zur Zielscheibe wird.

Kommt ins Nachbarschafts Café gegen Krieg


Aus Tod, Zerstörung und Krieg machen Rüstungskonzerne riesen Profite

Die hier produzierten Munitionsteile werden dann weltweit exportiert und zum Töten eingesetzt. Rheinmetall bereichert sich an diesen Kriegen! Der Konzernumsatz lag im letzten Jahr bei 9,75 Milliarden Euro. Der Aktienkurs hat sich in den letzten Jahren verzehnfacht. Durch den Beschluss der Bundesregierung, die Schuldenbremse für Rüstungsausgaben aufzuheben, steigert Rheinmetall seine Profite immer weiter. Profite für wenige – Notstand für alle.

In den weltweiten Kriegen sterben aber nicht die Konzerneigentümer, Investoren und Politiker, sondern in erster Linie unsere Kinder, Familie, Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen, die zum Krieg eingezogen werden und weitere viele zivile Opfer. Es wird dennoch so getan, als wären die Kriegsvorbereitungen für „unsere“ Sicherheit, dabei geht es oft darum, Rohstoffe (z.B. Öl) oder Macht zu gewinnen. Außerdem: was bedeutet hier „unsere“ Sicherheit? Viel zu hohe Mieten, steigende Preise, schlechte Aussichten auf dem Arbeitsmarkt usw. sind unsere Unsicherheiten mit denen wir bereits seit Jahren zu kämpfen haben. Warum hilft uns die Regierung nicht bei diesen Problemen?

Frieden durch Kriegstüchtigkeit

Statt Kriege auf diplomatischem Weg zu lösen und soziale Friedensprojekte zu unterstützen, setzt die Bundesrepublik alles auf Aufrüstung und Krieg. Bald soll die Hälfte des deutschen Staatshaushalts in das Militär fließen.

Wir sterben nicht für ihre Kriege

Während die deutsche Regierung aufrüstet, sind viele in der Bevölkerung dagegen. Vor allem junge Menschen, die aktiv von einer Wiedereinführung der Wehrpflicht betroffen sind, wollen weder töten lernen, noch getötet werden. Wir sterben nicht für ihre Kriege!

Wir fordern: Umverteilung von Rüstung und Militär zum guten Leben für Alle!

Unser Kiez braucht bezahlbare Mieten und Lebensmittel, gute Sozial – und Gesundheitsvorsorge und echte Möglichkeiten zur Beteiligung. Lass uns gemeinsam für ein gutes Leben mit Würde und ohen Krieg kämpfen! Komm vorbei in unserem Nachbarschaftscafe und lass uns darüber reden! Unsere Termine hier im Wedding sind:


Text: Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion / Stadtteilkomitee Wedding

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