Offener Brief: Berliner Jüdinnen und Juden für eine soziale und sichere Stadt

Vorbemerkung Forum-Red.: Wir dokumentieren. Nun haben sich auch 150 jüdische Mitbürger:innen der Hauptstadt zu Wort gemeldet und haben mit dem folgenden Offenen Brief ein weiteres Zeugnis dafür geliefert, dass der Kampf der Parteien der bürgerlichen Mitte gegen den vorgeblichen Antisemitismus der Linken keineswegs von all denen verlangt wird, die angeblich geschützt werden sollen. Es handelt sich lediglich um eine Schutzbehauptung, die eine Außenpolitik nötig hat, die sich an einem Genozid beteiligt und um eine Kommunalpolitik, in der die Geschäfte des Immobilienkapitals über den Existenzinteressen großer Teile der Bevölkerung stehen. (JG)

English below

Berlin, den Tag nach der Wahl

Wir sind Berliner Jüdinnen und Juden und kommen aus unterschiedlichen Milieus; wir beten in unterschiedlichen Synagogen oder gar nicht; wir wählen unterschiedliche Parteien – und wir schreiben diesen Brief, weil wir in den vergangenen Wochen immer wieder dieselbe Behauptung gehört haben: Die Linke sei gefährlich für Juden, eine Koalition unter ihrer Beteiligung ein Sicherheitsrisiko für unsere Gemeinden. Wir widersprechen dieser Darstellung – nicht, weil wir die Sorgen kleinreden, sondern weil wir sie ernster nehmen, als es plakative Warnungen tun.

In einer Zeit, in der eine teilweise offen faschistische Partei quer durch Deutschland auf dem Weg zur Macht ist, entziehen sich die großen Publikumsmedien und (wichtige) Teile unserer eigenen jüdischen Gemeinschaft ihrer Verantwortung, wenn sie weiterhin so tun, als würde die Linke die größte Gefahr für jüdische Sicherheit darstellen. Wie alle Arten von Ressentiment und Vorurteil tritt auch der Antisemitismus in vielen verschiedenen Teilen der Gesellschaft auf. Und genau wie die anderen Formen von Gruppenhass wird er dort am gefährlichsten, wo er mit rechtsextremer Ideologie und mit den antidemokratischen Tendenzen und Konflikten zusammenfällt, die sich manchmal auch gewaltsam auf unseren Straßen Bahn brechen. Dass gerade die Linken ständig des Antisemitismus beschuldigt werden, ist nicht nur eine zynische politische Instrumentalisierung, sondern setzt beinahe jede Kritik an der israelischen Politik mit Antisemitismus gleich. Diese Flut an Anschuldigungen zielt darauf ab, andere Meinungen zu unterdrücken und das internationale Völkerrecht auszuhöhlen. Vor dem Hintergrund des überall anschwellenden Antisemitismus ist es nicht einfach eine neutrale Beobachtung, eine demokratische linke Partei herauszugreifen, sondern ein politisches Instrument, um Aufmerksamkeit ab- und umzulenken.

Uns beschäftigt etwas anderes mindestens genauso: Wie werden wir – und alle Berlinerinnen und Berliner – in dieser Stadt in den nächsten fünf Jahren leben? Steigende Mieten treffen jüdische Familien genauso wie alle anderen. Prekäre Beschäftigung, überlastete Schulen, ein Gesundheitssystem am Limit, wachsende soziale Spaltung – all das erzeugt genau jene gesellschaftlichen Spannungen, die auch  den Judenhass fördern. Wer soziale Missstände ignoriert, überlässt das Feld denen, die immer als erstes  nach Sündenböcken suchen. Eine Stadtregierung, die bezahlbaren Wohnraum sichert, öffentliche Daseinsvorsorge stärkt und soziale Ungleichheit spürbar reduziert, tut mehr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt – und damit auch für unsere Sicherheit! – als bloß eine demokratische Partei auszugrenzen. 

Deshalb sagen wir: Die klar bessere Wahl für diese Stadt, auch für uns Juden, ist eine Koalition, die das sozialökonomische Programm ernst nimmt, das jetzt so dringend gebraucht wird. Nicht weil wir alle Positionen in der Linken oder irgendeiner anderen Partei teilen – das tun wir nicht, und wir werden weiter kritisch bleiben, wo es nötig ist. Sondern weil eine rot-rot-grüne Koalition die Kraft hat, die materiellen Ursachen gesellschaftlicher Spannungen anzugehen, während eine Fortsetzung des Status quo oder ein Rechtsruck diese Spannungen nur verschärfen würde.

Wir bitten die künftige Regierende Bürgermeisterin und ihre Koalitionspartner um zweierlei: Nehmen Sie unsere Sicherheit als das, was sie ist – eine rote Linie, keinen zynischen Spielball für Propaganda. Und nehmen Sie unsere sozialen Nöte ebenso ernst wie die aller anderen Berlinerinnen und Berliner. Beides gehört zusammen. Eine Stadt, die gerechter wird, wird zu einer Stadt, in der auch wir sicherer leben.

Berliner Jüdinnen und Juden für eine soziale und sichere Stadt

siehe auch zum Thema "Grüne und SPD bestellen – „und unsere Genoss:innen liefern?“ – Kein Parteiauschluss wegen Palästinasolidarität!"

Unterschriftenliste: siehe unten

Open Letter: Berliner Jews for a Social and Safe City

Berlin, the day after the election

We are Berlin Jews who come from different backgrounds, belong to different Jewish cultural institutions and initiatives, pray in different synagogues (or not at all), and vote for different parties. We are writing this letter because, over the past few weeks, we have heard the same claim time and again: that The Left is dangerous for Jews, and that a coalition involving the party poses a danger to our safety. We reject this claim not because we downplay concerns about our safety, but because we actually take them seriously.

At a time when an in-parts openly fascistic political party is marching towards power across Germany, it is an abdication of responsibility on the part of mainstream media and elements of our own community to continue to pretend that the Left presents the largest threat to Jewish safety. Like any form of bigotry, Antisemitism can be found in different parts of society. And, like any other form of bigotry, it becomes most dangerous where it is coupled with far-right ideology and with the anti-democratic tendencies and conflicts being played out violently on our streets. The constant accusations of antisemitism against the left are not only cynical political weaponisation, but they also conflate nearly any criticism of Israel with antisemitism. The barrage of accusations aims to stifle dissent and the protection of international law. In this reality, singling out a democratic left-wing party while antisemitism is rising everywhere is not a neutral observation but a political choice about where to direct attention.

We are just as concerned about something else: How will we – and all Berliners – live in this city over the next five years? Rising rents affect Jewish families just as much as everyone else. Precarious employment, overcrowded schools, a healthcare system stretched to its limits, growing social division – all of this creates precisely the kind of social tensions in which antisemitism thrives. Those who ignore social hardship leave the field open to those who are always the first to look for scapegoats. A city government that secures affordable housing, strengthens public services, and tangibly reduces social inequality does more for social cohesion, and thus also for our safety, than the symbolic exclusion of a democratically elected party.

That is why we say: The clearly better choice for this city, including for us as Jews, is a coalition that takes seriously the socio-economic agenda that is needed now. Not because we agree with every position held by the Left – or the other parties for that matter – we do not, and we will continue to be critical where necessary. But because a red-red-green coalition, with its progressive social agenda, is key to countering the right, and has the potential to address the root causes of social tensions, whereas maintaining the status quo or shifting to the right would only exacerbate them.

We ask the future Governing Mayor and her coalition partners for two things: Treat our safety for what it is – a red line, not a matter for negotiation. Don’t do cynical politics on the backs of Jewish safety concerns. And take our social hardships just as seriously as those of all other Berliners. The two go hand in hand. A city that becomes more just will also be a city where we live more safely.

Berlin Jews for a Social and Safe City

Zum Unterschreiben / Sign here

Erstunterzeichner*innen / First Signatories

  1. Nimrod Adam, Technologist
  2. Udi Aloni, Film maker 
  3. Hila Amit, Autorin
  4. Nadav Avruch 
  5. David Bakum
  6. Gal Bar Nisan
  7. Raz Bdv
  8. Susanne Beer
  9. Eliana Ben-David 
  10. Gilad BenDavid
  11. Vered Berman, Ansprechperson zu Antisemitismus, Alice-Salomon-Hochschule
  12. Dr. Sanders Isaac Bernstein
  13. Michelle Bernstein, Yiddishist / Filmmaker / Writer 
  14. Raquel Elena Blum
  15. Jacob Blumenfeld
  16. Assaf Bondy
  17. Julia Bosson, Editor-in-Chief, the Diasporist 
  18. Micah Brashear, Lehrer (AdL)
  19. Amos Brison
  20. Dalia Castel 
  21. Arun Chaudhary, Former Videographer for Barack Obama
  22. Gal Chen, Analyst
  23. Jordan Coll
  24. Ben Cruchley, Musiker
  25. Irene Dische
  26. Emily Dische-Becker
  27. Esther Dischereit, Schriftstellerin
  28. Guli Dolev-Hashiloni
  29. Tomer Dotan-Dreyfus, Autor, Publizist
  30. Danit Dottan
  31. Nika Dubrovsky, Director of David Graeber Institute 
  32. Michael Dunajevsky 
  33. Walter Einat
  34. Max Elias
  35. Debby Farber, Curator and researcher
  36. Deborah Feldman, Autorin, Publizistin
  37. Dr. Noa Feldman
  38. Orsolya Ferenczi 
  39. Nimrod Flaschenberg, Israelis für Frieden
  40. Ruth Fruchtman, Autorin
  41. Dr. Yael Gaulan
  42. Tom Givol
  43. Dr. Michal Givoni
  44. Harry Glass, Executive Director, Berlin Atonal
  45. Milena Glimbovski, Unternehmerin, Autorin
  46. Maya Gorkin
  47. Scott Grabell, Varietè Artist
  48. Dr. Shany Grossman 
  49. Assaf Gruber, Artist and filmmaker 
  50. Nia Grünberg
  51. Maya Guttmann
  52. Karen Emma Haber, Schriftstellerin
  53. Michal Halevy
  54. Gali Har-Gil
  55. Camille Hausken-Brates
  56. Iris Hefets, Psychoanalytikerin
  57. Naomi Heimann
  58. Rafael Heimann 
  59. Rotem Heyman
  60. Alma Itzhaky, Künstlerin 
  61. Hori Izhaki 
  62. Sarah Milena Jochwed 
  63. Michal Kaiser-Livne, Psychoanalytikerin
  64. Noy Avinoam Katsman 
  65. Dr. Jordan D. Klein
  66. Sonja Knüppel 
  67. Oded Korach
  68. Omer Krieger, Artist
  69. Na’ama Landau
  70. Josef Laor
  71. Jacob Lefton
  72. Shay Lerner 
  73. Avisar Alon Lev 
  74. Naomi Levari
  75. Nadine Levin
  76. Dr. Romm Lewkowicz, Research Fellow, Max Planck Institute 
  77. Eyal Li
  78. Shelly Lieber
  79. Rapha Linden, Writer
  80. Adi Liraz
  81. Shoshana London Sappir
  82. Dr. Jossef Loss
  83. Avital Lutzky, Educator
  84. Itamar Mann
  85. Naomi Mark 
  86. Dr. Asher J. Mattern, Rabbiner
  87. Eva Menasse, Schriftstellerin
  88. Yael Merlini, Lehrerin 
  89. Dr. Ben Miller, Historiker, Autor; Vorstand, Schwules Museum
  90. Yonatan Miller, Gewerkschafter
  91. Elya Milner, PhD
  92. Irit Mogilevsky 
  93. Laura Moser, Writer
  94. Irit Naaman, Teacher 
  95. Etay Naor
  96. Prof. Susan Neiman, Director Emerita, Einstein Forum/Senior Fellow, New York University
  97. Merrill Nisker, Musician
  98. Noki Olchovsky
  99. Eli Osheorff 
  100. Shlomo Owen
  101. Jonathan Peaceman, freier Journalist
  102. Noam Perry
  103. Einat Podjarny
  104. Avraham Ramati
  105. Tamar Raphael, Schriftstellerin, Lehrerin 
  106. Adam Raz, Historian
  107. Prof. em. Dr. Fanny-Michaela Reisin
  108. Theresia Rexeisen 
  109. Emilia Zenzile Roig, Author
  110. Ron Rothschild
  111. Robert Rotifer, Journalist und Musiker
  112. Ryan Ruby, Writer
  113. Gaia Saati 
  114. Dror Sadot
  115. Alon Sahar, Founder, Staatsräson Monitor
  116. Ravit Sandler Jaffe
  117. Naftali Sappir
  118. Michael Sappir, Writer
  119. Tali Schaefer
  120. Eran Schaerf, Artist
  121. Feli Schuler, Studentin
  122. Ben Schuman-Stoler, Kollo Media Founder, HEIST Founding Publisher
  123. Charlotte Sebes 
  124. Jonathan Shamir 
  125. Nil Shani
  126. Mati Shemeolof, Author
  127. Or Shemesh
  128. Milan Shiff
  129. Gil Shohat, Historiker, politischer Bildner
  130. Sonia Simmenauer
  131. Walter Solon, Artist / Filmmaker
  132. Lili Sommerfeld, Musikerin
  133. Nirit Sommerfeld
  134. Jacob Sperber, Public Relations
  135. Shaked Spier
  136. Maya Steinberg, Filmmaker
  137. Adina Stern
  138. Lilli Stern
  139. Maayan Strauss
  140. Eliad Vagner
  141. Dr. Katharina Verleger
  142. Joel Vogel, Artist
  143. Emily Weingarten, Sozialarbeitende
  144. Laura Weiss, Ärztin
  145. Yehudit Yinhar, Artist
  146. Dr. Or Yizhar
  147. Dr. Kim Yuval
  148. Lili Zahavi, Director 
  149. Roni Zahavi-Brunner
  150. Roy Zinger, Marketing Specialist 

Fast zu 100 % identisch

-AusdemQuerkopf-Archiv-

Menschen unterscheiden sich genetisch kaum voneinander

Titelbild: freepic

In Zeiten, wo die Gesellschaft auseinander driftet, feiert manche Un(Denk)art Wiedererweckung. Vorneweg die Tendenz, Menschen nach bestimmten oberflächlichen Merkmalen und Unterschieden zu klassifizieren. Auf einmal ist wieder wichtig, woher eine/r kommt, welche Hautfarbe er/sie hat und welcher Ethnie, Kultur und Religion er/sie angehört.

Rechte Denkmuster führen diese vordergründigen, sichtbaren Unterschiede gern auf tiefer liegende genetische Veranlagungen zurück. Sie erheben sie zu wesentlichen Merkmalen und machen sie dadurch größer, als sie sind.

In Wahrheit, auf welche uns die Evolutionsbiologie stößt, fällt die genetisch bedingte Abweichung zwischen einzelnen Menschen lächerlich geringfügig aus, wie aus der ZDF-Wissenschafts-Sendung ‘Leschs Kosmos’ (24.5.16) zu erfahren ist. Sie beträgt ganze 0,1 %. Davon entfällt wiederum nur ein Bruchteil auf optische Merkmale.

So sehr sich Menschen äußerlich unterscheiden, sie sind genetisch nahezu identisch: Über Kontinente hinweg deckt sich das menschliche Erbgut zu 99,9 %. Die Unterschiede im Aussehen haben wenig mit der tatsächlichen genetischen Differenz zu tun. Aufschluss hierüber gibt ein Vergleich mit den nächsten tierischen Verwandten des Menschen, den Schimpansen.

Diese ähneln einander äußerlich viel stärker als Menschen, z.B. hinsichtlich Haar und Augenfarbe. Dafür sind die Abweichungen im Erbgut von Tier zu Tier weitaus größer. Das Genom von Schimpansen besitzt doppelt so viele Varianten wie dasjenige von Menschen.

Grund: Schimpansen bevölkern die Erde seit rund einer Million Jahren. Während dieser langen Zeit waren sie nie vom Aussterben bedroht und konnten eine große genetische Vielfalt entwickeln. Von Biologen werden sie sogar in vier verschiedene Unterarten eingeteilt.

Homo sapiens bewohnt die Erde erst seit rund 200.000 Jahren. Seine Vorfahren schafften es, mit knapper Not zu überleben. Bereits in Afrika starben viele infolge von Klimaveränderungen. Da nur eine kleine Gruppe von Auswanderern überlebte, verminderte sich die genetische Vielfalt. Anders als die Schimpansen stammen alle heute lebenden Menschen von wenigen Vorfahren ab. Forscher untersuchten das Y-Chromosom bei Männern und fanden heraus: Alle Männer hatten und haben einen gemeinsamen Vorfahren.

Einzig die Nachfahren dieses Ur-Adams überlebten durch Zufall und verbreiteten sich über die Welt.

Durch diesen gemeinsamen Ursprung gleicht sich unser Erbgut zu annährend 100 %. So gesehen sind wir alle 7 Milliarden Brüder und Schwestern.

Menschen anhand äußerlicher Merkmale zu klassifizieren, ist Unsinn. Das Erbgut bietet dafür keine Grundlage. Wenn es ein wesentliches Un- terscheidungskriterium gibt, ist es unsere Individualität: Wir sind alle Einzelwesen und einzigartig. Darüber hinaus trennt uns von der natürlichen Veranlagung her praktisch nichts.

Unterschiede, die uns in Gruppen sortieren, wie die Zugehörigkeit zu einer Ethnie, Kultur oder Religion sind künstliche Trennwände, die wir zwischen uns schieben. Unter anderem auch, um von einem wesentlichen, ebenfalls von uns selbst zu verantwortenden Gegensatz abzulenken: Dem in den Geldbeuteln.

Der absurdeste der künstlich gemachten Unterschiede ist die Einteilung in Rassen. Sie fußt einzig auf reiner, menschenverachtender Ideologie, um nicht zu sagen, Idiotie. Weder die Zugehörigkeit zu einer Nation noch zu einer ‘Rasse’lässt sich aus den Genen erschließen.

Ein weit überschätztes Unterscheidungsmerkmal ist z.B. die Hautfarbe. Sie hat mit unterschiedlicher Sonneneinstrahlung, Pigmentierung der Haut und Vitamin-D-Produktion zu tun. Von ihr auf tiefer liegende natürliche Veranlagungen oder gar Charaktereigenschaften zu schließen, ist absurd.

Eine andere Neigung scheint dagegen laut ‘Leschs Kosmos’ fest in unserem Erbgut verankert: Jene, Gruppen zu bilden, den Zusammenhalt unter den eigenen Leuten zu fördern und andere auszugrenzen. Schon Kinder legen solche Verhaltensweisen an den Tag. Evolutionsbiologen vermuten, diese schematische Haltung gegenüber Fremden sei in prähistorischer Zeit einst ein Vorteil im Überlebenskampf gewesen.

Unsere Vorfahren kooperierten in kleinen Gruppen bei der Jagd. So waren ihre Chancen besser, Beute zu machen. Die Beute teilten sie wiederum mit anderen Gruppenmitgliedern, die Früchte und Wurzeln sammelten. Kooperation und Arbeitsteilung verbesserten die Überlebenschancen der gesamten Gruppe. Mit dem Ackerbau wurden sie noch wichtiger. Gegenseitige Unterstützung brachte Vorteile wie unterschiedliche Gegenleistungen. Mit fremden Clans stand man dagegen im Konkurrenzkampf, hauptsächlich wegen der knappen Nahrung. Fremde als potenzielle Gefahr zu betrachten verbesserte damals die Überlebenschancen, selbst wenn es ein Fehlurteil war.

Auch heute noch haben Menschen das Bedürfnis zu Gruppen zu gehören. Es geht jedoch nicht mehr uns Überleben, sondern um soziale Anerkennung in der Gruppe. Diese stärkt das Selbstwertgefühl. Der eigene Kreis wird als positiv und sympathisch erlebt, während der Konkurrenz eher negative Eigenschaften zugeschrieben werden.

Jedes Mitglied der anderen Gruppe wird mittels dieser Vorurteile charakterisiert. Die Entscheidung, ob jemand zur eigenen Gruppe gehört oder nicht, fällt blitzschnell. Aus einer Fülle von Sinneseindrücken sammelt das Gehirn Informationen, die es in Kategorien sortiert. Wenige Attribute genügen, um die passende Kategorie zu finden.

Die Denkschubladen helfen, das Leben zu bewältigen. Werden sie jedoch dauerhaft mit negativen Einschätzungen verknüpft, geraten sie zum Problem. Beispielsweise könnten durch die Berichterstattung manche Menschen die Kategorie ‘Muslime’mit den negativen Attributen ‘fundamentalistisch’und ‘radikal’verknüpfen. Allerdings können derartige Vorurteile auch abtrainiert werden.

Der übertriebenen Pauschalisierung ist immer die Differenzierung entgegen zu halten, dem oberflächlichen, leichtfertigen Urteilen das kritische Hinterfragen, der geschichtsblinden Betrachtung die Orientierung an historischen Fakten. Aus letzteren geht hervor: Migrationsbewegungen, Ein- und Auswanderung, hat es immer gegeben. Sonst säßen wir heute nicht hier.

Eben so den Austausch von Gütern und Nahrungsmitteln: Kartoffeln wurden hierzulande vor einigen Jahrhunderten aus Amerika eingeführt, Weizen kam vor Jahrtausenden aus dem ‘fruchtbaren Halbmond’, einer Region im Nahen Osten zwischen Mittelmeer und Persischen Golf. Von dort stammen auch die Vorfahren unserer heutigen Rinder.

Schon allein deshalb ist es unsinnig ‘Grenzen dicht!’ zu fordern. Bis heute leben die Gesellschaften von Güteraustausch und Wanderungsbewegungen. Die höchsten Grenzzäune verlaufen ohnehin nicht zwischen Staaten und Völkern, sondern innerhalb der Gesellschaft.

Zaunkönig

(Erstabdruck Querkopf August 2016)
Wir danken für das Publikationsrecht.

Wir schützen uns. Wir stehen zusammen.

Hier ein Statement aus der betroffenen Community des Anschlags auf Teilnehmer:innen des CSD. Gut 8 tausend kamen am Sonntag am Brandenburger Tor zusammen, um der Opfer widerständig zu gedenken. Von den großen Medien weitgehend totgeschwiegen!

Tausende Menschen kamen am Sonntag auf dem Pariser Platz zusammen, um der Betroffenen des queerfeindlichen Anschlags auf den Berliner CSD zu gedenken.

Diese Anteilnahme, dieser Zusammenhalt fühlt sich nicht nur echt an – all das ist echt und gibt uns Halt. Im Gegensatz zu den Trauerbekundungen von Politiker*innen, die aktuell queeren Beratungsstellen, queeren Jugendclubs und anderen queeren Einrichtungen die finanziellen Existenzgrundlagen entziehen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegen Diversity, gendersensible Sprache und queere Sichtbarkeit hetzen.

Dass der Attentäter sich selbst legitimiert sah, Menschen zu ermorden, die nicht in sein Weltbild passen, ist das Resultat einer religiös-fundamentalistischen Radikalisierung. Doch die Onlineinhalte, die er konsumierte, und das Umfeld, das zu dieser Radikalisierung beigetragen hat, existieren nicht im luftleeren Raum. Es gibt eine queerfeindliche Dauerbeschallung in den sozialen Medien und in der öffentlichen Debatte, an der sich auch Politiker*innen in
Regierungsverantwortung wie Friedrich Merz, Karin Prien oder Julia Klöckner maẞgeblich beteiligen.

Die AfD, die nun auf denselben Social-Media-Plattformen Mitgefühl und Trauer heuchelt, die sie sonst regelmäẞig mit queerfeindlichen Inhalten flutet, handelt ebenso verlogen.

Nicht nur die eigene menschenfeindliche Ideologie des Täters hat ihn motiviert, sondern auch das queerfeindliche Grundrauschen, das selbst von offiziellen Vertreter*innen dieses Staates mitgetragen wird. Durch diesen queerfeindlichen Konsens, der sich durch verschiedene politische und religiöse Lager zieht, sehen sich Queerfeinde eher als legitimierte Vollstrecker eines vermeintlichen Mehrheitswillens.

ABER:
„Wir sorgen füreinander, und das einfach das Wunderschönste. Wir sind füreinander da, und das kann uns kein Staat nehmen, das kann uns kein Terror nehmen.“
(Theresa Zanon, @theresazanon.music)

Wir sind in Gedanken bei den Angehörigen der Verletzten und der Ermordeten.

Ein groẞes Danke an #ddurdykesberlin für die Organisation der Veranstaltung – und danke an alle, die aufgerufen haben

Fotocredits:
@danielasepehri, @dielinkeberlin @#ddurdykesberlin, @pilar.caballero.a @zora_berlin_sued, @zora_berlin_nord

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