Frankreich in Aufruhr – eine umfassende Analyse zur Lage

Vorbemerkung Peter Vlatten, „Aufruhr in Frankreich“ mit einer umfassenderen Anlayse, Sebastian Chwala

Vorbemerkung : Bereits letzten Monat kennzeichneten wir die Besonderheiten der französischen Proteste mit folgenden Worten. „Die besondere Stärke des französischen Protestes besteht in dreierlei. Die Gewerkschaften und damit die arbeitende Bevölkerung nehmen eine führende Rolle auch in Sozialprotesten wie der Bewegung gegen die Rentenreform ein. Dabei steht zweitens der Zusammenschluss aller gegen das Kapital im Mittelpunkt. Auch die Jungen haben über die Perspektive Lebensarbeitzeit die Rente auf dem Schirm und beteiligen sich massenhaft an den Protesten. Migranten , Frauen , Umwelt- und Friedensaktivisten nehmen ihre Anliegen ernst und kämpfen gemeinsam! Die heutigen Erfolge sind drittens der Tatsache geschuldet, dass die Linke die Gelbwestenbewegung seinerzeit nicht den Rechten überlassen hat und die Gelbwesten, gestartet als Solzialprotestbewegung gegen höhere Benzinpreise, nun auch an der Seite von Klimaaktivisten stehen. Eine besondere Schwäche ist, dass die Belegschaften der großen Industriebetriebe noch nicht breit und nachhaltig genug in den Streik getreten sind, noch nicht in dem Umfang wie es seinerzeit 1968 die politische Wende brachte.

Der Kampf um die Rentenreform entwickelt sich immer mehr zum Machtkampf auf allen Ebenen.

Der Verfassungsrat hat heute am 14. April entgegen den Erwartungen der Gewerkschaften das Gesetz gebilligt und auch die von der Opposition angestrengte Volksabstimmung verworfen. Die Gewerkschaften fordern nun Macron zur Rücknahme des Gesetzes auf. Gleichzeitig rufen sie geschlossen zu  fortgesetzten Protesten auf  und kündigen für den 1.Mai eine weitere Großmobilisierung an. Der Chef der größten französischen Gewerkschaft CFDT, Laurent Berger, schrieb: "Um aus der sozialen Krise zu kommen, verlangt es die Weisheit, das Gesetz nicht zu verkünden." Auch die neue  CGT Führung nährt  die Hoffnung, dass endlich angesichts des nicht nachlassenden sozialen Unfriedens beim Präsidenten Vernunft einkehrt und er das Gesetz nicht in Kraft treten lässt [1] Kommunique der CGT am 14.4.2023.  Es sieht aber  alles so aus, dass auch diese Hoffnungen enttäuscht werden dürften. Demonstranten erklären dagegen: "Der Präsident hat uns den Krieg erklärt. [2] https://www.tagesschau.de/ausland/frankreich-proteste-187.html?fbclid=IwAR0uNYsZnZ3063HasP241PUlfR8ZfQxDSn6pFzUdfd-G7ayHuoEYmG6dAQc" Aber wie sieht die gebührende Antwort darauf aus, die  über eskalierende spontane Strassenproteste und Blockaden  und sich wiederholende Aktionstage mit Massenprotesten hinausgehen?  Fest steht zumindest eines: das Vertrauen der Bevölkerung in die Demokratie der V.Republick  ist nach den Gelbwestenprotesten ein weiteres Mal und um ein Vielfaches tiefer und nachhaltiger erschüttert. Das wird langfristig nicht ohne Konsequnezen bleiben. 

Schon längst geht es nicht mehr allein um die Renten, sondern immer mehr Menschen , insbesondere Jugendliche , revoltieren spontan gegen den diktatorischen Regierungsstil von Macron zugunsten einer kleinen superreichen Kapitalelite. Macron und sein Umfeld betreiben knallhart Klassenkampf von oben. Die Gewalt eskaliert. Aber 76 % der Franzosen sind angesichts ihrer alltäglichen Erfahrungen mit Polizeigewalt [3] Video „Frankreich. Wie Menschen die Polizeigewlt erleben [4] https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/einer-unserer-kameraden-wurde-von-der-polizei-verstuemmelt-die-regierung-und-der-polizeipraefekt-von-paris-muessen-zur-rechenschaft-gezogen-werden/ der Meinung, dass die Gewalt vom Staat ausgeht. Die Gewerkschaften demonstrieren nach wie vor eine historisch einmalige Geschlossenheit. Die Mobilisierung an inzwischen über 12 Aktionstagen mit landesweit mehr als 2 Millionen Beteiligten ist beispiellos. Trotzdem kam es nicht zu den nachhaltigen Streiks in den Betrieben und auch im öffentlichen Bereich, so dass dem System Macron nicht wirklich ausreichend weh getan wird. Das hat verschiedene Gründe. Sebastian Chwala beschreibt in seinem Beitrag die historischen und aktuellen Hintergründe, um diese Entwicklung jenseits aller deutschen Revolutionsromantik etwas besser verstehen zu können. (Peter Vlatten)

S.Chwala kommentierte die aktuelle Situation heute morgen so:

„Die Entscheidung ist gefallen. Der französische Verfassungsrat, der in keinster Weise ein Verfassungsgericht, sondern ein Gremium ist, dass sich aus politisch genehmen und fragwürdigen Ex-Politiker*innen zusammensetzt, hat Macrons „Rentenreform“ als legal deklariert. Ebenso wurde die gesamte Linke vorerst daran gehindert, ein Volksbegehren gegen die „Reform“ zu starten.

Die sogenannten „Weisen“, die per Hubschrauber zur Beratung eingeflogen wurden, haben ihre Aufgabe vollständig erfüllt. Als Teil der französischen Elite, die sich hinter Macron verschanzt, haben sie den „Macroniten“ eine fragwürdige Legitimation für ihre minoritäre Politik geschaffen. Freilich sind die Gewerkschaften aktuell zu schwach, um zum ultimativen Konflikt mit dem französischen Großbürgertum aufzurufen. Aufrufe für einen anhaltenden Generalstreik scheinen utopisch.

Doch die gesamte Linke und die gesamte Gewerkschaftsbewegung trotz ihrer schmerzlichen Konflikte des 20. Jahrhunderts geeint zu sehen, weckt trotzdem Hoffnungen. Allein die CGT hat seit Januar knapp 30.000 Mitglieder dazu gewonnen. Die Zustimmung zur V. Republik, und ihre „monarchische“ Präsidialstruktur haben dagegen heute in der öffenttlichen Wahrnehmung weiter an Boden verloren.

Dennoch kann es nicht bei hilflosen Appellen der Gewerkschaftsspitzen bleiben, erst am 1.Mai wieder dem „Macronismus“ wieder symbolisch die Stirn zu bieten.

Denn während ich diese Worte schreibe, ziehen immer noch viele Menschen durch die Straßen, ohne das Macrons Prätorianer, deren Übergriffe inzwischen selbst vor linken Abgeordneten nicht mehr halt machen, diese wütenden Proteste aufhalten könnten. Macron, der sein Gesetz morgen oder übermorgen in Kraft setzen will, wird sich fragen müssen, ob er die nächsten vier Jahre mit offener Gewalt weiterregieren will.“

Frankreich im Aufruhr

von Sebastiaan Chwala, April 2023

Frankreich erlebt aktuell wieder bewegte Zeiten. Wie es unter der Präsidentschaft Emmanuel Macrons seit 2017 üblich geworden ist, hat sich die Anzahl sozialer Kämpfe deutlich erhöht. Nicht alle nehmen ein derartig großes Ausmaß an, dass sie über Frankreich hinaus Beachtung finden. Die aktuellen Streiks und Proteste gegen die geplante Rentenreform allerdings, mit der das Renteneintrittsalter von 62 auf 64 Jahre erhöht werden soll, überstrahlen aufgrund ihrer Länge und Intensität selbst die weit rezipierte Gelbwestenbewegung. Beide Bewegungen sollten jedoch nicht getrennt voneinander betrachtet werden, vielmehr stehen sie in einer Kontinuitätslinie. Hatten schon die Gelbwesten offensiv die unsoziale Politik Macrons kritisiert, geht nun auch das restliche Frankreich auf die Straße. Der Präsident und sein politisches Umfeld sind sich dieser Problematik bewusst. Dennoch, so scheint es, will man diese letzte Schlacht gegen die Zivilgesellschaft schlagen, um endgültig freie Hand für einen weiteren radikalen Umbau des französischen Wirtschafts- und Sozialmodells zu haben. Schon der Umgang mit den Gelbwesten und die demokratietheoretisch betrachtet höchst fragwürdigen Möglichkeiten der Exekutive, ohne jede politische Mehrheit regieren zu können, ließen die Wut vieler Französ*innen jedoch wachsen und mehr und mehr die Legitimität des Präsidenten und der von ihm eingesetzten Premierministerin Élisabeth Borne infrage stellen.

Macrons Arroganz heizt die Stimmung an

Zwar konnte sich Macron zweimal in der Stichwahl gegen die Kandidatin des ultrarechten Rassemblement National durchsetzen, doch wurde Marine Le Pen von vielen Wähler*innen nicht als wirkliche Alternative betrachtet, sondern weckte eher Ängste. In der letzten Legislaturperiode (2017-2022) reichte es Macron und seinem Lager noch für eine klare Mehrheit im französischen Parlament. Ohne jede tiefgreifende Debatte über seine „Reformen“ wurden so zum Beispiel in größter Eile weite Teile des Arbeitsrechts dereguliert, die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Gewerkschaften geschwächt, das Bildungssystem umgebaut sowie der Bezug von Arbeitslosengeld deutlich erschwert. Das Parlament segnete zudem weitreichende Steuersenkungen für Großunternehmen und Vermögende sowie die Umwandlung der Staatsbahn SNCF in ein privatrechtliches Unternehmen ab. Der gesamte öffentliche Verkehr wurde für den privaten Wettbewerb geöffnet, was für die dort Beschäftigten deutliche Lohnsenkungen und eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen zur Folge hatte. Gleichzeitig haben besonders die Energiekonzerne in der letzten Zeit Rekordgewinne eingefahren und einzelne Minister*innen der Macron-Regierung, die zur Hälfte aus Millionär*innen besteht, profitieren beträchtlich von ihren Unternehmensbeteiligungen. Bereits die extrem repressive Politik in Frankreich während der Covid-Pandemie, vor allem die strikten Ausgangssperren, die penibel kontrolliert worden waren, hatte scharfe Kritik aus allen Fraktionen der Gesellschaft hervorgerufen. Macron begegnet dieser Kritik jedoch immer wieder in abschätziger Weise und versucht, seine politischen Gegner*innen als reformunwillig und bösartig darzustellen.

In diese Kerbe schlug er erneut in einem TV-Interview vom 22. März, als er all jene, die seit dem 19. Januar an den bereits zehn „Aktionstagen“ der Gewerkschaften teilgenommen haben, in die Nähe von Faschisten und Querulanten rückte. Die „Masse“, so Macron, habe keinerlei Legitimation, die Politik der Regierung und Behörden infrage zu stellen. Dieses Recht stehe nur den Abgeordneten der Nationalversammlung zu. Für Macron existiert also kein Recht der Bürger*innen auf direkte politische Intervention. All die theoretischen Rechtfertigungen des „Macronismus“ werden endgültig zur Farce, wenn man sich klarmacht, dass selbst die gewählten Volksvertreter*innen bei entscheidenden Fragen völlig machtlos sind. Obwohl das Macron-Lager bei den Wahlen im Juni des vergangenen Jahres deutlich eine parlamentarische Mehrheit verpasste, ermöglichen es Sonderregelungen der Verfassung der V. Republik, die im Wesentlichen der damalige Staatspräsident de Gaulle in den späten 1950er-Jahren durchgesetzt hatte, der Regierung, am Parlament vorbei zu regieren.

So ließ Macron bereits kurz nach der Wahlniederlage seines Parteienbündnisses die übrigen Fraktionen wissen, dass diese sich den politischen Vorstellungen seines Lagers zu beugen hätten und keiner Verhandlungen und Zugeständnisse bei wichtigen Punkten zu erwarten seien. Grundlage dafür ist Artikel 49.3 der französischen Verfassung. Dieser erlaubt es der Regierung, die Wirtschafts- und Sozialpolitik betreffende Gesetze per Dekret umzusetzen, das heißt ohne parlamentarische Abstimmung. Dagegen hilft nur ein Misstrauensvotum, um die Regierung zu stürzen, was in der Geschichte der Republik freilich erst ein einziges Mal gelang. Das Macron-Lager hatte bereits den Haushalt 2023 per Dekret durchgesetzt, da der Präsident und seine Premierministerin nicht einmal zu Kompromissen gegenüber den nationalkonservativen „Republikanern“ bereit waren. In der ersten Parlamentssitzung 2023 erklärten sie dann das Rentengesetz zu einem haushaltsrelevanten Gesetz nach Artikel 47.1 der Verfassung, was es der Regierung ermöglicht, den Zeitraum der parlamentarischen Debatte in den Ausschüssen und im Plenum strikt zu begrenzen. Auch das verhinderte eine angemessene Auseinandersetzung sowie eine ordentliche Beschlussfassung. Im Oberhaus des Parlaments, dem Senat, bezog sich die Regierung dann noch auf Verfassungsartikel 44.1 und ließ deren Mitglieder nur noch über den Gesetzesentwurf der Regierung und bereits eingearbeitete kleinere Änderungen abstimmen. Noch nie zuvor hat eine französische Regierung in der V. Republik derartig viele Verfahrenstricks angewandt, um einen umstrittenen Gesetzesentwurf in kürzester Zeit durchzupeitschen.

Macron, der seinen Gegner*innen gern unterstellt, „Putschisten“ zu sein, und sich darin gefällt, sich als Bewahrer der Französischen Republik zu inszenieren, agiert in Wirklichkeit als ihr größter Feind. Zu argumentieren, der Staat sei eine unantastbare Institution und die Bürger*innen hätten sich ihm einfach unterzuordnen, ist postdemokratisch. Schon seine erste Amtszeit hatte sich durch etliche neue Gesetze ausgezeichnet, mit denen es unter anderem für den Staat einfacher geworden ist, unliebsame politische Gruppen und Vereine zu verbieten. Zudem wurden die Kompetenzen der Polizei weiter ausgebaut. Bereits das Vorgehen der Polizei gegen die Gelbwesten war nach Einschätzungen vieler Beobachter*innen äußerst brutal und nahm zahlreiche Verletzte in Kauf. Nun sehen wir eine ähnliche Entwicklung. Seitdem sich die Protestbewegung gegen die Rentenform radikalisiert hat – dies hat mit der expliziten Weigerung Macrons zu tun, trotz der Massen auf der Straße das Gespräch mit den Gewerkschaften und einen politischen Kompromiss zu suchen – und sich nach der Farce im Parlament (eine verfassungsrechtliche Prüfung des Gesetzes steht noch aus) mehr und mehr Jugendliche dem Protest angeschlossen haben, reagiert die Bereitschaftspolizei erneut mit unverhältnismäßiger Gewalt. Die eigentlich legalen Spontandemonstrationen, die überall im Land seit dem 16. März (dem Tag der Verabschiedung der Rentenform im Parlament) stattfinden, werden vielerorts kriminalisiert und behindert. Seit Mitte März kam es zu weit über 1.000 Verhaftungen. Betroffene berichten von physischen und psychischen Schikanen polizeilicher Greiftrupps, Bruchverletzungen und offene Wunden sind keine Seltenheit.

Den demonstrierenden Schüler*innen und Student*innen geht es nur zum Teil um die Rentenreform. Dass die Macron-Regierung Artikel 49.3 der Verfassung nutzt, um sich über demokratische Prinzipien hinwegzusetzen, steht für sie für eine insgesamt autoritäre Entwicklung in Frankreich. So haben junge Menschen in Frankreich besonders unter der Corona-Pandemie gelitten: zum einen unter sozialer Isolation infolge eines mit großer staatlicher Härte durchgesetzten Ausgangsverbots, zum anderen unter den wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns. Die Mehrheit der Student*innen hat in dieser Zeit von staatlicher Seite keinerlei finanzielle Unterstützung erfahren. Das empört die junge Generation. Hinzu kommt die Angst von Schüler*innen, durch den inzwischen erschwerten Zugang zum Hochschulstudium einer guten beruflichen Perspektive beraubt zu werden. Die allgemeinen Bewerbungen finden inzwischen über eine Onlineplattform statt, und wenig ist über die Kriterien bekannt, nach denen die Zuteilung der Studienplätze erfolgt. Vieles deutet aber darauf hin, dass die soziale Herkunft ein entscheidender Faktor ist. Aktivist*innen aus dem Umfeld von La France insoumise, insbesondere der ehemalige Schülergewerkschafter und jetzige Parlamentsabgeordnete Louis Boyard, haben diese Ängste aufgegriffen und kanalisiert. Sie sind in den vergangenen Wochen (und Monaten) viel im Land umhergereist und haben auch Universitäten und Schulen in Regionen des „bodenständigen“ Frankreichs besucht. Auch trotzkistische Gruppierungen spielen eine Rolle bei der Mobilisierung der jungen Generation.

Eine ungewohnt geeinte Gewerkschaftsbewegung koordiniert die Proteste

Zentraler verbindender Akteur der sozialen Proteste bleiben aber die Gewerkschaften. Dass sich sämtliche Gewerkschaftsverbände zusammengefunden haben und gemeinsam agieren, ist eine Art politische Sensation. Denn die soziale Zusammensetzung ihrer Basis und die Zielsetzung ihrer Funktionäre unterscheiden sich doch in mancherlei Hinsicht. So versteht sich die Confédération générale du travail (CGT) im Kern als eine klassenkämpferische Organisation, die eine grundlegende soziale und wirtschaftliche Transformation der Gesellschaft anstrebt. Inzwischen grenzt sie sich aber offiziell von der Kommunistischen Partei ab, mit der sie über Jahre symbiotisch verbunden war. Man sieht sich weiterhin dem Geist der berühmten „Erklärung von Amiens“ 1906 verpflichtet, mit der sich die damals noch mehrheitlich anarchistische CGT von der jungen parteiförmigen Linken distanzierte und eine Überwindung der Kapitalismus durch Generalstreiks forderte. Bis heute vertritt eine Mehrheit der Mitglieder der CGT den Ansatz, dass die Bereitschaft zur Konfrontation mit dem Arbeitgebern Grundlage jedweder Gewerkschaftsarbeit sein muss, dass also nur über militante Streikaktionen und aus einer Position der Stärke heraus die Gegenseite zu Zugeständnissen gezwungen werden kann.

Völlig anders sieht das die ähnlich mitgliederstarke, früher einmal christlich ausgerichtete und heute der Sozialdemokratie nahestehende Confédération française démocratique du travail (CFDT). Sie definiert sich als sozialpartnerschaftlich und pragmatisch orientierte Gewerkschaft und lehnt Massendemonstrationen und Streiks ab. Dies war nicht immer so. Bis Ende der 1970er-Jahre bekannte sie sich zu Konzepten der Arbeiterselbstverwaltung in den Betrieben, danach schwor man jedoch einer gesellschaftsverändernden politischen Praxis ab, auch in der Hoffnung, mit Anerkennung der bürgerlichen Spielregeln sich institutionell stärker verankern zu können. Später wurde der Ansatz des Korporatismus in der Organisation derartig dominant, dass ihre Funktionäre in den 1990er-Jahren selbst neoliberale Strukturanpassungsprogramme verschiedener Regierungen offen unterstützten. Damit stand die CDFT nicht allein, auch andere Gruppierungen und Intellektuelle der sogenannten „Zweiten Linken“ gingen diesen Weg. Infolgedessen verlor die CFDT aber ihren linken Flügel, der sich mit anderen kleineren Gewerkschaften zur SUD-Föderation zusammenschloss. Neben GGT, CFDT und SUD besteht die gegenwärtige geeinte Gewerkschaftsfront auch noch aus der Force ouvrière (FO), einer alten „antikommunistischen“ CGT-Abspaltung, der christlichen Confédération française des travailleurs chrétiens (CFTC), der sozialpartnerschaftlichen Union nationale des syndicats autonomes (UNSA), der Confédération générale des cadres (CGC-CFE), einer Gewerkschaft für Angestellte in Führungspositionen, sowie der linken Gewerkschaft im Bereich Bildung und Erziehung Fédération Syndicale Unitaire (FSU).

Zwar waren die CFDT und ihr Generalsekretär Laurent Berger getreu ihrer sozialpartnerschaftlichen Ausrichtung grundsätzlich bereit, mit dem Macron-Lager über eine Rentenreform zu verhandeln. Da die Mitglieder auf einem Kongress im Frühjahr des Jahres 2022 eine Erhöhung des Renteneintrittsalter mit einer Zweidrittelmehrheit abgelehnt hatten, konnte Berger, der als „Macron-kompatibel“ galt, dessen im Januar 2023 verkündeten Rentenplänen jedoch unter keinen Umständen zustimmen. Das galt umso mehr, als dass sich die Regierung zu keinerlei Zugeständnissen bereitfand. Dennoch reagierte das Macron-Lager überrascht, als Berger sich öffentlich gegen ihre Reform aussprach und sich die CFDT daraufhin in die Ablehnungsfront einreihte und zusammen mit der CGT wöchentliche Aktionstage organisierte, die in der französischen Öffentlichkeit positiv aufgenommen werden. Bis heute hofft man im Umfeld Macrons, Berger und die CFDT wieder aus der Gewerkschaftsfront herauslösen zu können. Bisher waren allerdings alle diesbezüglichen Bemühungen ohne Erfolg.

Dennoch stoßen die Gewerkschaften mit ihrer inzwischen ritualisierten Form des Protests schnell an Grenzen. Anfang der 2000er-Jahre gelang es ihnen noch, so viel Druck auf die Regierung auszuüben, dass sich diese mitunter genötigt sah, geplante sozial- und arbeitsmarktpolitische „Reformen“ abzuschwächen oder zurückzunehmen. Macron jedoch ließen die gewerkschaftlichen Proteste bislang eher unbeeindruckt, da ihre Aktionen nicht wirklich bedrohlich für Wirtschaft und Staat waren. Während die Zahl derjenigen, die man zu Demonstrationen mobilisieren konnte, zunahm, ging die Zahl der Streikenden kontinuierlich zurück. Am 7. März beschloss das Gewerkschaftsbündnis, die Protestaktionen zu intensivieren. Seitdem finden fast tagtäglich Blockaden von Industriebetrieben, Straßen- und Autobahnen sowie Schienenwegen statt. Im Energiesektor Beschäftigte erhöhen über kurzfristige Stromabschaltungen den Druck in Industriebetrieben, aber auch bei Politiker*innen des Macron-Lagers. Besonders streikwillig zeigten sich die Pariser Müllwerker*innen und die in den Raffinerien Beschäftigten. Auch die Hafenarbeiter*innen streiken in regelmäßigen Abständen. Sämtliche Aktionen werden von Student*innen unterstützt.

Während sich „Müllstreiks“ aktuell über das ganze Land ausbreiten, haben die Mitarbeiter*innen der Pariser Müllabfuhr inzwischen ihren Streik beendet. Finanzielle Einbußen und zunehmende Drohungen des Arbeitgebers – staatliche Stellen haben die rechtliche Möglichkeit, Beschäftigte gewissermaßen zur Arbeit zwangszuverpflichten, sollten sie die öffentliche Ordnung bedroht sehen – ließen es nicht mehr zu, diesen Streik aufrechtzuerhalten. Versuche, die Streiks der Raffineriearbeiter*innen auf ähnliche Weise zu brechen, scheinen aktuell zu scheitern, da alle entsprechenden Anordnungen zurückgenommen wurden. Dementsprechend werden sowohl Kraftstoffe für Autos als auch Flugbenzin in Paris und im Umland inzwischen knapp.

Trotz massiven gesellschaftlichen Widerstands ist offen, ob die Rentenreform noch verhindert werden kann

Auch wenn die vielen Aktionen des zivilen Ungehorsams und die teils lang andauernden Streiks als Reaktion auf die neoliberale und autoritäre Politik des Macron-Lagers Frankreich in eine heftige politische Krise gestürzt haben, bleibt offen, ob damit die Rentenreform noch verhindert werden kann. Bisher ist es nicht gelungen, den Staat und seine Funktionsfähigkeit derart stark zu erschüttern, dass damit Macrons Position ernsthaft gefährdet wäre. Insbesondere in den privatwirtschaftlichen Unternehmen finden kaum Streikaktivitäten statt. Hier gibt es keine oder kaum Gewerkschaftsvertreter*innen, die als Katalysatoren dienen und die Beschäftigten vor Repression vonseiten der Arbeitgeber schützen könnten, sollten diese ihr Grundrecht auf Arbeitsausstand wahrnehmen. Das heißt, obwohl vielleicht der individuelle Wille da ist, schrecken viele Beschäftigte vor einem politischen Streik zurück. Von daher wird die Frage, wie mehr Angehörige der Arbeiter*innenklasse für die Gewerkschaften gewonnen werden können, heiß diskutiert. Auf dem gerade zu Ende gegangenen CGT-Kongress, forderte eine traditionalistische klassenkämpferische Fraktion jedenfalls, konsequent die „Arbeiteridentität“ zu stärken und sich von zivilgesellschaftlichen Gruppen aus anderen gesellschaftlichen Milieus abzusetzen. Kurz zuvor war mit Sophie Binet zum ersten Mal eine Frau an die Spitze der CGT gewählt worden. Diese Wahl Binets, die selbst keiner Branchengewerkschaft der CGT angehört, die Arbeiter*innen organisiert, sondern Ingenieur*innen und leitende Angestellte, verweist allerdings darauf, dass diese Linie derzeit nicht mehrheitsfähig ist. Etliche Aktivist*innen sehen darin den Beleg dafür, dass die CGT längst auf dem Weg sei, eine zweite CFDT zu werden und sich wie diese sozialpartnerschaftlichen Illusionen hinzugeben. Was an den aktuellen Protesten allgemein ermutigend ist, ist das große Engagement der jungen Generation, die überwiegend mit der Linken sympathisiert. Die zunehmende „Politisierung“ nach Jahren der Lethargie könnte den Linksparteien in Frankreich wieder Aufschwung verleihen. Wobei vor allen Dingen La France insoumise profitieren dürfte. 

Derzeit ist es noch keine ausgemachte Sache, dass die Rentenreform tatsächlich in Kraft treten wird. Zahlreiche Verfassungsjurist*innen verweisen auf schwere Verfahrensmängel. So hätte dem Parlament ausreichend Zeit zur Debatte gegeben werden müssen, zudem sei fraglich, ob tatsächlich eine haushaltsrechtliche Dringlichkeit bei der Verabschiedung bestanden hätte. Zu diesen Fragen wird sich der Verfassungsrat, der weniger ein Gericht als ein politisches Gremium ist, das in den vergangenen Jahrzehnten versucht hat, sich das Image eines unabhängigen Gerichts zu geben, am 14. April äußern. Bis zu dieser Entscheidung wird Frankreich weiterhin in Aufruhr bleiben.

Es lässt sich also von paradoxen politischen Verhältnissen in Frankreich sprechen. Einerseits scheint Macron, dessen Zustimmungswerte mit 23 Prozent inzwischen auf einen historischen Tiefstand für einen französischen Staatschef gesunken sind, deutlich geschwächt und selbst innerhalb des rechtsliberalen Lagers isoliert zu sein. Andererseits steht ein knappes Viertel der französischen Bevölkerung, darunter die reichsten und ältesten Bevölkerungsgruppen, unvermindert hinter ihm, was den „Macronismus“ weiterhin zu einer zentralen Kraft des politischen Systems macht, die mangels einer geeinten Opposition weiterhin die Leitung der Regierungsgeschäfte für sich beanspruchen kann. Die linken und rechten Gegner*innen des Macron-Lagers können allein schon aus programmatischen Gründen keine gemeinsame Sache machen. Und die zum Teil rein taktische Ablehnung des Regierungskurses von Borne und Macron durch einen Teil der „Republikaner“ und den ultrarechten Rassemblement National darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide Parteien einer Neujustierung des französischen Sozialstaats durch höhere Steuern oder Vermögensabgaben für Reiche oder aber auch durch Lohnerhöhungen eindeutig entgegenstehen.“

 Der  Beitrag  ist zuerst erschienen bei Zeitschrift-Luxemburg.de  der Rosa Luxemburg Stiftung,  April 2023.
Wir danken Sebastian Chwala für die Publikationsrechte. Sebastian Chwala ist Politikwissenschaftler aus Marburg. Der Frankreichspezialist promovierte zur radikalen Rechten in Frankreich und war Stipendiant der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Ein Eisenbahner wurde Opfer massiver Polizeigewalt bei den Protesten gegen die Rentenreform in Frankreich. Seine Gewerkschaft ruft zur Solidarität auf.

Der Fall des Eisenbahners Sebastien ist exemplarisch für die um sich greifende hemmungslose Polizeigewalt in Frankreich. Der Protest gegen die Rentenreform soll mit aller Macht niedergeschlagen und kriminalisiert werden. Amnesty International ist alarmiert: „EXZESSIVE GEWALTANWENDUNG UND MISSBRÄUCHLICHE VERHAFTUNGEN“. 76 Prozent der Franzosen sind nach einer aktuellen Umfrage der Meinung, dass die Gewalt von den Staatsorganen ausgeht. Heute , am 13. und 14. April kämpfen die Menschen auch für Sebastien mit . Hier unser Bericht zur aktuellen Lage und einer weitergehenden Analyse der Proteste in Frankreich.

Wir dokumentieren die Erklärung der Syndicale Union Solidaires zu seinem Fall und rufen zur Solidarität auf.

Einer unserer Kameraden ist verstümmelt worden. Die Regierung und der Polizeipräfekt von Paris müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Sébastien, ein SUD-Rail-Gewerkschafter, seit über 25 Jahren Eisenbahner in einer Eisenwarenwerkstatt und Vater von drei Kindern, wurde von der Polizei unter Befehlsgewalt von Gérald Darmanin (Innenminister) und Laurent Nunez angeschossen. Am Donnerstag, bei der Pariser Demonstration, verlor unser Kamerad sein Auge, nachdem eine Entkreisungsgranate explodiert war. Die Staatsgewalt hat diese Grenzen schon zu oft überschritten! Gérald Darmanin befiehlt der Polizei, Kriegswaffen einzusetzen, um soziale Proteste im Land zum Schweigen zu bringen. Entkreisungsgranaten werden vom Code der inneren Sicherheit in der Kategorie Kriegsmaterial aufgeführt. Am selben Tag wurde einer Demonstrantin in Rouen durch eine Granate der Finger abgerissen.

Der SUD-Rail-Verband und die Union Syndicale Solidaires verurteilen diese unverhältnismäßige und rechtswidrige Gewalt aufs Schärfste. Wir fordern eine sofortige Reaktion von den Verantwortlichen dieser kriminellen Handlungen. Die polizeiliche Bewältigung einer politischen und sozialen Krise hat zur Folge, dass immer mehr Demonstranten ernsthaft gefährdet werden.

Seit dem erzwungenen Durchwinken der Rentenreform mit § 49-3 (ohne parlamentarische Verabschiedung) hat sich die Polizeigewalt gegen Demonstranten beschleunigt. Diese Gewalt, die in den letzten Jahren immer wieder gegen Jugendliche in Arbeitervierteln, gegen Gewerkschafter oder gegen die Gelbwesten-Bewegung ausgeübt wurde, ist inakzeptabel. Es enthüllt eine Strategie des Terrors und des demokratischen Verfalls, die von der Spitze des Staates organisiert wird.

Wo ist die Demokratie, wenn eine Regierung Versammlungen und Demonstrationen verbietet, die soziale Bewegung unterdrückt, verprügelt, verstümmelt? Der SUD-Rail-Verband und die Union Syndicale Solidaires werden in Verbindung und Unterstützung mit der Familie unseres Aktivisten alles tun, um sicherzustellen, dass diese Tat ihrem Ausmaß an Gewalt angemessen bestraft wird. Als Zeichen der Solidarität rufen wir die Arbeiter auf, in den kommenden Stunden und Tagen so stark wie möglich zu mobilisieren.

Bringen wir die Regierung im Namen unseres verstümmelten Genossen schnellstmöglich in echte Bedrängnis ! Das ist unsere Solidarität und sein Kampf !

Hier der Aufruf im Original Un de nos camarades a été mutilé par la police

eigene Maschinenübersetzung und dem Sinn entsprechend modifiziert.

Ausstieg aus fossilen Öl- und Gasheizungen

Wie kann eine sozial-ökologische Wärmewende aussehen?

Vorbemerkung : Der Wohnungssektor ist ein Pulverfass. In kaum einem anderen Bereich werden die aktuellen Krisen so spürbar. Mehrfamilienhäuser, wo die meisten Mieter leben, sind der blinde Fleck der sozialen Wärmewende [1]Mehrfamilienhäuser: Der blinde Fleck der sozialen Wärmewende – Rosa-Luxemburg-Stiftung (rosalux.de) . Habeck treibt mit seinen Wärmepumpenverordnungen diese Krise auf die Spitze. Seine Maßnahmen begünstigen eine grüne Unternehmerlobby und priorisieren „indiviualsierte markgerechte“ Lösungen, die die Menschen aus eigener Tasche zahlen müssen. Die versprochenen sozialen Abfederungen bleiben aufgrund anderer Prioritäten im Rahmen der Zeitenwende lediglich ein Tropfen auf dem heissen Stein. Die Wohnkosten werden ein weiteres Mal explodieren. Selbst viele Mittelständler werden die Kosten nicht stemmen können und zu zahlreichen Notverkäufen an die großen Immobilienkonzerne gezwungen sein.

Wie eine sozial gerechte ökologische Wärmewende aussehen könnte, beschreibt Klaus Maier in dem folgenden Beitrag. Wärmepumpen können in etlichen Fällen Teil eines sinnvollen ökologischen Umbaus sein. Viele Lösungen, insbesondere Fernwärmenetze mit zentralen grünen Energiequellen [2] Kopenhagens Klima-Trumpf heißt Fernwärme für alle | NDR.de – Nachrichten – NDR Info, sind aber – gerade im Fall von Mehrfamilienhäusern und Großstadträumen- deutlich kostengünstiger, ökologisch zielfführender und praktisch umsetzbarer als der von der Regierung propagierte „Wärempumpenhammer“. Es reicht ein Blick über die Grenze nach Kopenhagen, wo man in großen Schritten mithilfe von Fernwärmenetzen und grünen Energiequellen in Richtung Klimaneutralität marschiert. Das Wärmepumpenkonzept ist dagegen voll auf den freien Markt mit privater Profitmaximierung ausgerichtet und braucht ganz und gar nicht unter staatlicher Verantwortung zentral umgesetzt und gemeinwohlorientiert finanziert werden. Trotzdem wären die Kosten auch für einen sozialverträglichen Umbau immer noch erheblich. Schätzungsweise 50 Milliarden, soviel wie die Bundeswehr bzw. zuletzt allein die DAX Konzerne an Dividende ausgeschüttet haben, müsste der Staat pro Jahr zuschiessen.

Die Gesamtklimabilanz der Ampel im Gebäudesektor wäre aber selbst dann verheerend , wenn der vorgelegte Geisterfahrerplan für Wärmepumpen entgegen allen Erwartungen zu 100 Prozent erfüllt würde. Es bleibt eine klimapolitische Mogelpackung. Denn das verbliebene Gas wird durch LNG Gas ersetzt, dessen erhöhte CO2 Werte den eingesparten Anteil am bisherigem Gas weit übersteigen [3]LNG: Gasheizungen noch schlechter als Wärmepumpen? Ingenieur hat die Antwort (berliner-zeitung.de) [4] Habeck will keine Gasheizungen mehr: Warum lässt er dann so viele LNG-Terminals bauen? (berliner-zeitung.de) . Ausserdem, immer mehr Menschen fragen sich : Wozu der maßlose Ausbau von LNG Terminals und die daraus resultierende Gasüberversorgung mit bis zu 20 jährigen Lieferverträgen? [5] Auch empfehlenswert in diesem Zusammenhang unser Artikel : Rügen wehrt sich gegen LNG Terminals Wohl doch nur für die Absicherung einer neuen profitgetriebenen industriellen Wachstumsstory!

Notwendig wäre: Klimabewegung, Sozialbewegung und Friedensbewegung erkämpfen gemeinsam eine wirksame und sozialverträgliche Wärmewende gegen die Politik der Ampel und Kapitalinteressen! Beim großen Klimastreik am 3.März skandierten zwar viele Aktivisten in Berlin „Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten. Und wer ist mit dabei? Die grüne Partei!“ Aber große Teile der Klimabewegung in Deutschland -anders als zum Beispiel in Italien oder Frankreich- hängen aktuell noch (?) am Tropfen einer grünen bellezistischen Kapitallobby und konterkarieren damit ihren eigenen Kampf gegen den Klimawandel. Organisationen wie Campact verbreiten die irrsinnige Illusion, das ganze Klimadesaster der Ampel ginge allein zulasten der FDP.

Unterstützt auch die Petition und lest unseren Beitrag " Rügen wehrt sich gegen LNG Terminals"  , Kanzler und Habeck erteilten den Menschen in Rügen gestern eine Absage.

Der von der Ampel abgesegnete Entwurf von Habeck treibt die erforderliche soziale Akzeptanz für notwendige Klimamaßnahmen im Gebäudesektor in den Keller [6]Heizungsverbot ab 2024: Was erwartet nach Habecks Plan die Mieter? (berliner-zeitung.de). Das spielt rechtskonservativen Klimamaßnahmenverhinderern sowie rechten Hetzern und Klimaleugnern voll in die Hände. Gleichzeitig wird das Vorhaben von finanziellen Interessensgruppen, die sich nicht ausreichend berücksichtigt fühlen, zerpflückt. Wer sich mit dem Teufel namens „Kapital“ auf Teufel komm raus einlässt und sich seiner finanziellen Spielräume durch eine extensive Militarisierungspolitik beraubt, der hat eben nur noch die Wahl zwischen Haifischbecken und Hölle. Der von der Regierung eingeschlagene Weg ist sozial- wie klimapolitisch eine Katastrophe. (Peter Vlatten)

Wie kann eine sozial-ökologische Wäremwende aussehen?

von Klaus Meier , März 2023

Das Heizen der Gebäude mit Kohle, Öl und Erdgas verursacht rund ein Viertel der deutschen Treibhausgasemissionen. Gleichzeitig wird die Wärmeversorgung für viele Menschen aufgrund der gestiegenen Preise zur existenziellen Kostenfalle. Der grüne Wirtschaftsminister Habeck gibt zwar vor, dass er klimapolitisch umsteuern will. Doch in der Praxis lässt er überdimensionierte LNG-Terminals bauen und zeichnet extrem langfristige Flüssiggaslieferverträge. Zudem hat seine Wärmepumpenförderung eine Schlagseite: Sie orientiert vor allem auf Einfamilienhäuser statt auf die Menschen in den städtischen Regionen.

Mittlerweile gibt es viele Beispiele von neuen oder grundsanierten Häusern, die thermisch gut isoliert sind und einen niedrigen Energieverbrauch haben. Sie lassen sich problemlos CO2-neutral mit Wärmepumpen heizen. Sie funktionieren nach dem umgekehrten Kühlschrankprinzip: Während dieser Wärme von innen nach außen pumpt, holen Wärmepumpen mit wenig elektrischer Energie große Mengen Umweltwärme in die Häuser und heben sie dabei auf ein höheres Temperaturniveau.
Das klingt nach einer einfachen Lösung, um einen Ausstieg aus der fossilen Wärmeversorgung zu erreichen. Doch geht das auch so einfach für die Mehrfamilienhäuser in den Städten? Hier sind Luftwärmepumpen wegen ihrer Lärmentwicklung eher ungeeignet. Für Erdwärmesysteme braucht man Freiflächen, für die die Innenhöfe in den Städten meist zu klein sind. Und Solarthermiemodule auf den Dächern liefern vor allem im Sommer warmes Wasser, aber für die allgemeine Heizungsversorgung reichen sie nicht.

So bleibt in den urbanen Räumen vor allem eine Option: Fern- und Nahwärme. Ansätze für diese Schlüsseltechnologie gibt es bereits in vielen Städten. Sie ist aber in Deutschland im Vergleich zu unseren nordeuropäischen Nachbarn unterentwickelt. So werden in Dänemark 63 Prozent der Häuser mit Fernwärme versorgt, in der Großstadt Kopenhagen sind es 98 Prozent und in Stockholm 70 Prozent. Bisher wird zwar auch in Skandinavien der größte Teil dieser Wärme noch mit Erdgas erzeugt, doch Fernwärme hat einen großen Vorteil für eine ökologische Wärmewende: Es müssen nur die Zentralen auf erneuerbare Wärme umgestellt werden, statt in zahllosen privaten Kellern neue Heizsysteme zu installieren.
Die Dekarbonisierung ist in Dänemark und Schweden bereits angelaufen. So kommen in Stockholm bereits 98 Prozent der Fernwärme aus erneuerbarer oder recycelter Energie. Großwärmepumpen nutzen dabei die Abwärme von Industrieanlagen oder gewinnen Wärme aus der Kanalisation und der Ostsee. Diese Energie wird dann in das Fernwärmenetz übertragen. Deutschland hinkt mit einem Fernwärmeanteil von nur 10 Prozent deutlich hinter den skandinavischen Ländern her. Und davon stammen wieder nur 17 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen.

Ein Großteil der hiesigen Fernwärmenetze liegt in Ostdeutschland, auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, wo deutlich mehr auf Fernwärme gesetzt wurde als in der BRD. So liegt der Fernwärmeanteil der Wohnungen in Leipzig bei 34 Prozent, in Cottbus bei 50 und in Berlin bei 37 Prozent.
Im Westen wurde dagegen in der Vergangenheit vor allem auf private Heizungen in den Kellern gesetzt. Definitiv eine Fehlentwicklung. Die hing vor allem damit zusammen, dass die Heizungsbaukonzerne so auf einfache Weise einen kontinuierlichen Absatz und hohe Profite generieren konnten. Fernwärme wurde dagegen als lästige Konkurrenz begriffen.

Fernwärme ausbauen!
Wie kann nun eine Wärmewende in den deutschen urbanen Gebieten schnell erreicht werden? Trotz der benannten Defizite hat hierzulande ein Viertel der Städte und Gemeinden bereits eine Fernwärmeinfrastruktur. Fernwärmeanbieter schließen Jahr für Jahr mehr Gebäude an ihre Netze an. Stadtteile, in denen bereits Leitungen liegen, bilden dabei eine Brücke für die Ausweitung des bestehenden Wärmenetzes. Eine ausreichende finanzielle Förderung vorausgesetzt, ließe sich das Netz sehr schnell ausbauen. Nach Ansicht des Energieeffizienzverbands könnte der Fernwärmeanteil in Deutschland bis 2030 auf 30 Prozent verdreifacht werden. In den großen Städten mit über 100000 Einwohnern könnte so rund die Hälfte des Verbrauchs gedeckt werden, in mittelgroßen Städten mit mehr als 20000 Einwohnern wären es 20 Prozent und in den Kleinstädten immerhin 10 Prozent. Das wäre ein Anfang.

Parallel dazu muss natürlich die Fernwärme dekarbonisiert werden. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. So zieht der Mannheimer Versorger MVV mit Hilfe von Großwärmepumpen Wärme aus dem Rhein und Abwärme aus industriellen Prozessen. In Berlin soll zukünftig Wärme aus dem Abwassernetz und aus Rechenzentren geholt werden. Doch das allein wird nicht reichen. Eine wichtige Maßnahme wäre der Bau von großen saisonalen Wärmespeichern direkt in den urbanen Gebieten. Felder von Solarthermie-Panels könnten im Sommer große Mengen solarer Wärme einfangen und in diesen Speichern ablegen. In den Wintermonaten könnte dann darauf wieder zugegriffen und die Wärme direkt zu den Häusern geleitet werden.
Speicher und Solarthermie-Anlagen sind eine erprobte Technologie. Sie brauchen aber viel Platz. Es stellt sich die Frage, wo der in den Städten vorhanden ist. Anbieten würden sich neben Hausdächern auch Flächen, auf denen heute noch Stadtautobahnen und mehrspurige überdimensionierte Straßen verlaufen. Auch Parkhäuser könnten zu Wärmespeichern umgebaut werden. Durch diese städtischen Umgestaltungen, weg vom Auto, könnte schnell Platz gewonnen werden für über- und unterirdische Wärmespeicher und für Solarthermiefelder.
Neben den heißen Fernwärmenetzen (80–90 °C) müssten zudem in den Städten Niedertemperaturwärmenetze (30–50 °C) aufgebaut werden. Sie haben deutlich weniger Transportverluste und Umweltwärme ließe sich besser in diese Netze einspeisen. Mit ihnen kann die Wärme zu den Wohnblöcken geführt werden, wo sie mit Hilfe von Wärmepumpen auf das jeweils passende Wärmebedarfsniveau angehoben werden kann. Diese neuen »kalten« Netze können im Sommer auch genutzt werden, um Wärme aus den Häusern abzuführen. Eine nicht zu unterschätzende Möglichkeit für die kommenden Hitzesommer, die einen zunehmenden Kühlungsbedarf erzeugen werden.

Geothermie
Neben der Solarthermie und der Gewinnung von Umweltwärme können in vielen Regionen auch Quellen der Tiefengeothermie genutzt werden. So liegt in Süddeutschland zwischen den Alpen im Süden und der Donau im Norden in großer Tiefe eine 600 Meter mächtige, zerklüftete und mit heißem Wasser gefüllte Kalksteinschicht, der sog. Malmkarst. Im Norden liegt die Wassertemperatur noch bei 35 °C und steigt im Süden auf bis zu 160 °C an. In München setzen die Stadtwerke bereits zunehmend auf diese erneuerbare Wärmequelle. Kochend heißes Wasser wird aus über 3000 Meter Tiefe hochgepumpt, die Wärme wird entnommen und das Wasser an anderer Stelle wieder in die Tiefe injiziert. Zur Zeit wird das Heizkraftwerk Süd mitten in der Stadt auf Geothermie umgestellt und soll bald Fernwärme für 80000 Menschen erzeugen. Die heißen Netztemperaturen haben den Vorteil, dass damit auch wenig sanierte Häuser mit Wärme versorgt werden können.
Neben dem Voralpenland gibt es in Deutschland weitere Hotspots der hydrothermalen Tiefengeothermie, etwa im ganzen norddeutschen Tiefland mit den Städten Hamburg, Schwerin oder Berlin. Hinzu kommt der Oberrheingraben bis Rheinland-Pfalz und Südhessen.
Erste Planungen für die Gewinnung von Tiefenwärme gibt es auch in Aachen, Duisburg und Düsseldorf. Bisher gibt es deutschlandweit aber nur 42 tiefengeothermische Heizkraftwerke. Und das, obwohl die Kosten für die Tiefenwärme z.B. in Bayern bei sehr günstigen 6 Cent pro Kilowattstunden liegen. Aber bisher war es für die Politiker einfacher, auf billiges fossiles Erdgas aus Russland zu setzen.
Dabei ist das tiefengeothermische Potenzial laut einer Studie von sechs Forschungsinstituten, die Anfang 2022 verfasst wurde, erheblich. Knapp die Hälfte des deutschen Raumwärmebedarfs ließe sich mit hydrothermaler Tiefengeothermie decken. In Regionen ohne heißes Tiefenwasser gäbe es zudem die Option der trockenen, petrothermalen Tiefengeothermie, bei der Wasser allerdings erst in die Tiefe injiziert werden müsste.
Die Kosten für den Aufbau einer Infrastruktur für die Wärmewende sind nicht unerheblich. Das Wuppertal-Institut hat in einer aktuellen Studie berechnet, dass sich die Wärmewende einschließlich einer großangelegten Wohnungssanierung bis 2035 komplett umsetzen ließe. Bis dahin müsste der Staat aber jedes Jahr zusätzlich 50 Milliarden Euro zum Aufbau der Infrastruktur bereitstellen. Das Geld dafür wäre da, wenn man bedenkt, dass die Bundeswehr jedes Jahr Gelder von über 50 Milliarden Euro sinnfrei verschlingt und dass allein die 40 DAX-Konzerne dieses Jahr wieder über 50 Milliarden Euro als Dividende an die Aktionäre ausschütten werden. Diese Gelder ließen sich – guter Wille der Regierenden vor­aus­ge­setzt – umwidmen und abschöpfen, um so eine neue Wärmeinfrastruktur zu finanzieren.
Und durch eine Konversion von Teilen der Autoindustrie ließen sich auch die notwendigen Produktionskapazitäten dafür schnell bereitstellen – zur Herstellung von Großwärmepumpen, Erdwärmesonden und Erdwärmebohrgeräten, kostengünstig in großer Serienproduktion.

Der Autor ist Mitglied im Netzwerk Ökosozialismus. Wir haben den Beitrag der Sozialistischen Zeitung SoZ entnommen :

https://www.sozonline.de/2023/03/ausstieg-aus-fossilen-oel-und-gasheizungen/

wir danken der Redaktion, den Beitrag übernehmen zu dürfen.

Unterstützt auch die Petition und lest unseren Beitrag “ Rügen wehrt sich gegen LNG Terminals“ , Kanzler und Habeck erteilten den Menschen in Rügen gestern eine Absage.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung