So kann es nicht weitergehen

Von Lothar Schröter

Fabian Scheidler wünscht sich Friedens­tüchtigkeit und ist damit in einer Welt der Kriegs­tüchtigen ziemlich einsam

Eine Voraussage vorweg: Dieses Buch wird vermutlich vielen hierzulande nicht genehm sein – nicht den Herrschenden und deren Sprechern in Presse, Funk, Fernsehen und auch nicht in der politikwissenschaftlichen Zunft, vermutlich ebenso einigen Linken nicht. Denn die hier ausgesprochenen Wahrheiten passen nur schwer zur Kriegslogik der einen und zum Opportunismus der anderen.

Fabian Scheidler, Friedenskämpfer und Antimilitarist, zudem ein ökologisch denkender und handelnder Mensch, breitet Fakten aus, die weder den Unionsparteien CDU und CSU noch den bedeutungslosen, aber via Marie-Agnes Strack-Zimmermann umso lautstarker auftretenden Liberalen ins Konzept passen und auch nicht dem Führungspersonal der ihren Ursprung schamlos negierenden, besonders aufrüstungs- und kriegsaffinen Führungsriege der Grünen.

Hingegen hielt es die IG Metall bereits 2009 für angemessen, den 1968 in Bochum geborenen Publizisten und Dramaturgen, der unter anderem viele Jahre für das Grips-Theater in Berlin gearbeitet hat und für Attac tätig war, aufgrund seiner kritischen Texte mit ihrem Otto-Brenner-Preis auszuzeichnen.

Allein schon der Titel dieses Bandes ist sympathisch: »Friedenstüchtig«. Ein klares Bekenntnis wider das inflationär gebrauchte und Hirne vernebelnde Wort der »Kriegstüchtigkeit«, die zu erreichen sei. Und zugleich ein aktueller Beitrag zur Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland.

Erstveröffentlicht im nd v. 18.10. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194844.frankfurter-buchmesse-so-kann-es-nicht-weitergehen.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

Link zum Promediaverlag:
https://mediashop.at/buecher/friedenstuechtig/

„Wehrpflicht“ freiwillig, solange genügend willig sind – „Wir wollen nicht!“

Der Kriegskurs muss abgsichert werden. Am liebsten hätten die Berliner Parteien die allgemeine Wehrpflicht dafür wieder eingeführt. Das Dilemma: die Infrastrukturen, wie zum Beispiel Kasernen und Ausbildungspersonal sind dafür gar nicht vorhanden. Und fast noch schlimmer: die Begeisterung, die zur Kriegstüchtigkeit wie das Amen in der Kirche gehört, hält sich bei den jungen Menschen nicht nur in Grenzen, sie haben Umfragen zufolge schlichtweg keine Lust, für Deutschland zu kämpfen – auch nicht im sogenannten Verteidigungsfall.

Auch Eltern sind besorgt und rennen den Beratungsstellen für Wehrdienstverweigerung die Türen ein. Ganz offensichtlich geht bei vielen von ihnen die persönliche Bereitschaft gegen Null, Gesundheit und Leben ihrer Kids einem neuen Deutschen Großmachtkurs in irgendeiner Form anzuvertrauen.

Konsequenz der politisch Verantortlichen aus diesem Desaster: ein sanfter Einstieg – alles scheibchenweise. Die Einberufung soll vorerst freiwillig sein. Alle anderen werden „nur mal so“ mit Werbematerial, Fragebogen, Feststellung von Wehrfähigkeit und Wehrwilligkeit „angefunkt“.

Im Rahmen der Wehrerfassung sollen ab 2026 alle 18-jährigen Männer zur Beantwortung eines Fragebogens verpflichtet werden. Erfasst werden soll, wer wehrpflichtig und wer von den Wehrpflichtigen tauglich, nützlich und motiviert ist. Vorbereitung pur für die spätere Zwangsverpflichtung.

2027 will die Bundesregierung dann mit verpflichtenden Musterungen starten.

Parallel wird eine „Charme-Offensive fürs Militär“ eingeleitet, garniert mit „attraktiven Lockangeboten für junge Menschen“. Dazu sollen besondere Ausbildungsangebote, eine bessere Bezahlung sowie die Unterstützung bei der Finanzierung eines Führerscheins gehören.

Zur Zeit melden sich nach Angaben der Bundeswehr jährlich 15.000 zum Freiwilligen Wehrdienst; das entspricht gerade einmal fünf Prozent der Wehrpflichtigen eines Jahrgangs. Der zuständige SPD Ministister Pistorius hofft diese Zahl mit seinem neuen aufgeputzten Wehrdienst innerhalb der nächsten sechs Jahre um mehr als 100 Prozent auf 40.000 steigern zu können.

„Klar ist bei allem auch: Reicht Freiwilligkeit nicht, wird es keinen Weg vorbei geben an einer verpflichtenden Heranziehung“, lässt diese Woche Pistorius an der Ernsthaftigkeit, dass der Bedarf gedeckt werden muss, keinen Zweifel aufkommen.

Wenn sich nicht genug Freiwillige für die Bundeswehr melden, sollen nur so viele Männer zwangsverpflichet werden, wie man in der gegenwärtigen Krisenlage tatsächlich braucht. So sieht es der gegenwärtige Regierungaentwurf vor.

Mitgedacht wird dabei, soviel, wie man jeweils unterbringen und ausbilden kann. Mit voller Power werden jetzt schon an 120 Bundeswehrstandorten 270 neue Unterkunftsgebäude hochgezogen, um der für den Kriegs- und Krisenfall benötigten Anzahl junger Männern ein Bett bieten zu können.

Der Streit der vergangenen Tage zwischen den Regierungsparteien drehte sich vor allem darum, welche Mechanismen greifen sollen, wenn sich nicht genügend Freiwillige für den Kriegsdienst finden, und ob künftig alle jungen Männer wieder gemustert werden sollen. Der klassische Spruch „Stell Dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“ treibt manchen Koalitionären den Schweiß auf die Stirn.

Pistorius will erst abwarten, ob sein Freiwilligkeitskonzept mit Charmeoffensive greift. Andere wollen auf Nummer sicher gehen und sofort regeln, was zu tun ist, wenn die benötigte Zahl an Freiwilligen nicht erreicht wird. Da auch kein Bedarf für einen ganzen Jahrgang besteht, wird vorgeschlagen, die jungen Männer per Losverfahren zur Musterung und, wenn nötig, später auch per Zufallsauswahl für einen Pflichtdienst heranzuziehen.

Die Bedenken zu diesem Verfahren sind groß. Ist es wegen seiner Ungerechtigkeit überhaupt verfassungsgemäß? Vor allem wird befürchtet, dass der Frust, willkürlich per Los eingezogen zu werden, zu ständigem Streit führt und bei den Betroffenen den letzten Rest an Kriegsbegeisterung zunichte machen könnte!

Für die Jugend kann das nur heißen. Sollen sie sich doch in ihren Widersprüchen verheddern. Wir lassen uns nicht ködern. Für uns ist keine Form von Wehrpflicht akzeptabel. Wir ziehen nicht in Eure Kriege! Wehrpflicht Nein. Keine Bundeswehr an Schulen und Bildungsstätten. Wir bestehen auf dem Recht zu einer uneingeschränkten praktikabeln Wehrdienstverweigerung. Wir fordern, statt der Kasernen Wohnungen zu bauen!

Titelbild: w?odi from Szczecin, Poland via wikimedia commons (CC BY-SA 2.0)

GEW Berlin mobilisiert für Palästinasolidarität – „Beschlüsse allein werden wenig bringen“ !

Mit Vorstand der GEW Berlin mobilisiert erstmals ein DGB-Landesverband zu palästinasolidarischen Demonstrationen. Ein Gespräch mit Konstantin Kieser Interview:

Susanne Knütter, junge Welt, 10.10.2025

Konstantin Kieser ist Lehrer an einer Integrierten Sekundarschule und Mitglied der Bezirksleitung Mitte in der GEW Berlin

Der GEW-Landesvorstand Berlin hatte offiziell zur Teilnahme an der Demonstration und der Kundgebung gegen den Genozid in Gaza am 27. September aufgerufen. Gab es das schon?

Es ist ein Durchbruch. Zum ersten Mal hat ein Landesverband einer DGB-Gewerkschaft offiziell zu einer palästinasolidarischen Demonstration aufgerufen, obwohl es international längst entsprechende Beschlüsse gibt. Und selbst in den DGB-Gewerkschaften gibt es friedenspolitische Beschlüsse, die es hergeben würden, zu diesen Demonstrationen aufzurufen. Aber es war bisher noch nicht erfolgt.

Wie ist das gelungen?

Wir haben klargemacht, dass man nicht schweigen kann. In dem Zusammenhang haben wir auf den israelischen Holocaustforscher Omer Bartov verwiesen, der sagt: Jeder, der dazu schweigt, trägt Verantwortung für den Genozid in Gaza. »Nie wieder!« muss universell gelten und schließt für uns auch Palästinenser ein und nicht nur Verbrechen, die auf deutschem Boden oder gegen eine bestimmte Minderheit begangen werden. Wir haben auf die Tendenz hingewiesen, dass jüdische Stimmen, die das genauso sehen, im deutschen Diskurs mundtot gemacht werden. Sicher hat auch die internationale Gewerkschaftsbewegung dazu beigetragen. Zuletzt ist schließlich in Deutschland mehr über den Streik in Italien berichtet worden. Dann merken auch die, die nicht die sozialen Medien konsumieren, dass es zum Krieg in Gaza ganz andere Positionen gibt.

Gab es großen Widerstand innerhalb der GEW?

Auf dem Bundesgewerkschaftstag, für den ich delegiert war, hatte ich schon den Eindruck, dass versucht wird, über Gestaltung der Tagesordnung und Geschäftsordnungsverfahren das Thema eher unten zu halten. Dass man die Debatte auch teilweise scheut, kenne ich aus Berlin. Wobei sich da aus meiner Sicht gerade etwas zum Positiven verschiebt.

Wie viele Gewerkschafter sind dem Aufruf am 27. September gefolgt?

Wir waren mindestens 30 Kollegen, aber deutlich sichtbar mit Transparent. Es waren auch Kollegen von der IG Metall, der IG BAU und von Verdi dabei. Denn noch vor uns hatte der Verdi-Bundesmigrationsausschuss zu der Demo aufgerufen. Insgesamt waren wir um mindestens 150 [1]ursprünglich wurde hier die Zahl der Kolleg:innen beim Sammlungstreffen genannt, später auf der Demo waren gezählt mindestens 150 Gewerkschafter:innen, siehe Report Gewerkschafter:innen.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Education International, bei der die GEW Mitglied ist, hat weitergehende Beschlüsse als die GEW auf Bundesebene. Weil die Debatte auf dem Gewerkschaftstag keinen Platz gefunden hat, muss der Hauptvorstand sich nun dazu verhalten. Er muss auf GEW-Ebene nachschärfen und entsprechend handeln. Denn ein Beschluss allein und eine Pressemitteilung irgendwo versteckt auf der Internetseite werden wenig bringen.

Hierzulande wird oft auf das besondere Streikrecht verwiesen.

Aber bei einem laufenden Genozid muss man sich überlegen: Ab wann macht man sich zum Komplizen, und was kann man tatsächlich tun, um das zu stoppen?

Ich hatte bisher den Eindruck, dass Anträge auf Gewerkschaftskongressen an den Hauptvorstand verwiesen werden, damit es dann keine weitere Debatte gibt.

Das war auch unser Verdacht. Ich gehe davon aus, dass es am Ende im Hauptvorstand einen Kompromiss geben wird. Aber wie soll der aussehen? Es bleibt entscheidend, dass Druck von unten ausgeübt wird. Selbstverständlich ist die Logistikbranche da im Zentrum. Aber auch an Schulen und Hochschulen kann es zu Bildungsstreiks kommen. Die GEW muss sich dazu verhalten, was gerade in Südeuropa passiert – und der DGB erst recht.

Worin bestand der Unterschied zwischen dem oder den friedenspolitischen Anträgen und der Kompromissversion?

Die Abrüstungsfrage ist kontrovers, weil die Bedrohungslage der NATO unterschiedlich eingeschätzt wird. Die Diskussion um die Antisemitismusdefinition wurde vertagt, weil es da völlig unterschiedliche Ansätze gab. Und das spielt unmittelbar eine Rolle bei der Frage, wie und zu welchen Kundgebungen die Gewerkschaft mobilisiert. Wenn ich mich an der IHRA-Definition und an der Auslegung, die in Deutschland gängig ist, orientiere, kann ich quasi zu keiner Demonstration aufrufen, die Kritik an Israel nicht sofort wieder relativiert.

Wir danken für das Publikationsrecht

References

References
1 ursprünglich wurde hier die Zahl der Kolleg:innen beim Sammlungstreffen genannt, später auf der Demo waren gezählt mindestens 150 Gewerkschafter:innen, siehe Report

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