Für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk als offenen Debattentraum

Es war wohl nur eine Frage der Zeit. Irgendwann musste das unheimliche Bild einer geschlossenen Phalanx des öffentlich-rechtlichen Journalismus Risse bekommen. Dadurch, dass Menschen den Mut zum Widerspruch finden und ihre Unzufriedenheit mit einer Medienentwicklung äußern, in der diese nicht mehr Raum geben für kontroverse Debatten sondern ausrichten nach feststehenden Zielsetzungen, vorgegebenen Feindbildern oder für die propagierte „Kriegstüchtigkeit“. Jetzt haben Mitarbeiter von ARD, ZDF und Deutschlandradio ein Manifest veröffentlicht, in dem sie eine Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks fordern. Die Manifest-Initiatoren sehen Grundsätze und Programmauftrag in Gefahr. Zwar loben sie das Prinzip eines beitragsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks als wesentliche Säule der Demokratie und Kultur, fordern jedoch „einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der sein Publikum ernst nimmt, der Debatten zulässt und ein breites Meinungsspektrum abbildet, ohne zu diffamieren“. Die Berliner Zeitung, die dieses Manifest bekannt machte, berichtet, dass die Erstunterzeichner Feste und Freie Mitarbeiterinnen sowie Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind. Die Zeitung schreibt: „Aus Angst vor beruflichen Konsequenzen hinterlegten viele ihre Unterschrift anonym. Dies spricht für sich. Unter den 100 veröffentlichten Erstunterzeichnern fanden wir Unterstützung von Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen.“

Hier ist das Manifest im Wortlaut:

UNSERE GRUNDSÄTZE

Meinungs- und Informationsvielfalt – · Ausgewogenheit und Fairness – · Transparenz und Unabhängigkeit – · Förderung von Kultur und Bildung – · Bürgerbeteiligung – · beitragsfinanziert

WO SEHEN WIR GEGENWÄRTIG PROBLEME?

Seit geraumer Zeit verzeichnen wir eine Eingrenzung des Debattenraums anstelle einer Erweiterung der Perspektive. Wir vermissen den Fokus auf unsere Kernaufgabe: Bürgern multiperspektivische Informationen anzubieten. Stattdessen verschwimmen Meinungsmache und Berichterstattung zusehends auf eine Art und Weise, die den Prinzipien eines seriösen Journalismus widerspricht. Nur sehr selten finden relevante inhaltliche Auseinandersetzungen mit konträren Meinungen statt. Stimmen, die einen – medial behaupteten – gesellschaftlichen Konsens hinterfragen, werden wahlweise ignoriert, lächerlich gemacht oder gar ausgegrenzt. Inflationär bedient man sich zu diesem Zwecke verschiedener „Kampfbegriffe“ wie „Querdenker“, „Schwurbler“, „Klima-Leugner“, „Putin-Versteher“, „Gesinnungspazifist“ und anderen, mit denen versucht wird, Minderheiten mit abweichender Meinung zu diffamieren und mundtot zu machen.

Das sorgfältige Überprüfen zweifelhafter Meldungen ist wichtig. Allerdings suggerieren sogenannte Faktenchecks oft durch ihre Machart, Überschrift und Formulierungen eine vermeintlich absolute Wahrheit, die selten existiert. Der freie gesellschaftliche Diskurs wird dadurch schmerzhaft beschnitten.

Innere und äußere Bedingungen führen dazu, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ihren journalistisch-ethischen Standards nicht mehr genügen können. Dazu zählen innerbetriebliche Praktiken wie die schon vor Dreh- bzw. Reportage-Beginn feststehende Kernaussage von Beiträgen, die Zentralisierung der Berichterstattung über sogenannte Newsrooms oder Newsdesks, zu großer Zeitdruck bei der Recherche, eine überwiegend an Einschaltquoten orientierte Programmgestaltung, Sparmaßnahmen der Sender am Programm und nicht zuletzt die Tatsache, dass zwei Drittel des redaktionellen Personals nur Zeitverträge haben oder gar komplett ohne Angestelltenverhältnis als sogenannte Freie arbeiten müssen. Letzteres führt zu Existenzängsten, die wiederum entsprechend „angepassten“ Journalismus begünstigen. Aufgrund der hohen personellen Fluktuation bleibt zudem oft keine Zeit für fachlichen Wissenstransfer.

Innere Pressefreiheit existiert derzeit nicht in den Redaktionen. Die Redakteure in den öffentlich-rechtlichen Medien sind zwar formal unabhängig, meist gibt es auch Redaktionsausschüsse, die über die journalistische Unabhängigkeit wachen sollten. In der Praxis aber orientieren sich die öffentlich-rechtlichen Medien am Meinungsspektrum der politisch-parlamentarischen Mehrheit. Anderslautende Stimmen aus der Zivilgesellschaft schaffen es nur selten in den Debattenraum.

Dazu erschwert äußere Einflussnahme durch Politik, Wirtschaft und Lobbygruppeneinen unabhängigen Qualitätsjournalismus. Interessensverflechtungen von Politik und Wirtschaft werden zu selten in tagesaktuellen Beiträgen aufgezeigt und erörtert. Alltägliche Recherchen bleiben im Kern oft oberflächlich.

Bei der Programmgestaltung dürfen Faktoren wie Einschaltquoten, die derzeit als allgegenwärtiges Argument für die dramatische Ausdünnung und populistische Ausrichtung der Kultur- und Bildungsangebote sorgen, keine Rolle spielen. Der öffentlich- rechtliche Rundfunk muss auch vermeintliche „Nischenbereiche“ abbilden und zu vermitteln versuchen – was seinem Bildungsauftrag entspräche, jedoch immer weniger stattfindet. Zudem darf sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht die strikt und gleichförmig durchformatierten Programme privater Sender zum (schlechten) Vorbild nehmen, wie dies aktuell weitestgehend der Fall ist. Dies gilt auch und vor allem in musikalischer Hinsicht für die ARD-Radioprogramme.

An der Auswahl der Mitglieder der Rundfunk-, Fernseh- und Verwaltungsräte, der höchsten Kontrollgremien der öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten, sind die Beitragszahler nicht direkt beteiligt. Die Verwaltungsräte kontrollieren die Geschäftsführung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, doch wer kontrolliert die Verwaltungsräte?

Das heißt: es gibt keine Partizipation der Beitragszahler bei medienpolitischen, finanziellen und personellen Entscheidungen.

Auch die Programme werden größtenteils ohne Publikumsbeteiligung erstellt. Die meisten Programmbeschwerden von Beitragszahlern finden kaum Gehör und haben entsprechend wenig Einfluss auf die Berichterstattung und generelle Programmgestaltung. Sowohl das Publikum als auch die Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks werden in der Regel nicht über die Reaktionen und Beschwerden zum Programm informiert.

Nur ein Teil der Inhalte der öffentlich-rechtlichen Medien ist im Internet abrufbar und meist nur für eine begrenzte Dauer. Diese Praxis widerspricht der Idee eines öffentlich- rechtlichen Rundfunks und dem Gedanken eines universellen Wissenszuwachses im Internet.

DER NEUE ÖFFENTLICH-RECHTLICHE RUNDFUNK VON MORGEN

Das Prinzip der Rundfunkbeitragszahlung wird beibehalten. Es sichert die Unabhängigkeit des neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Das heißt: öffentlich-rechtliche Anstalten werden von der Bevölkerung finanziert, aber auch kontrolliert.

Finanzflüsse sind transparent und öffentlich einsehbar. Dies gilt insbesondere für die Budgetverteilung zwischen einzelnen Ressorts, Redaktionen und der Verwaltung. Die Bezahlung aller Mitarbeiter, einschließlich Führungsposten bis hin zur Intendanz, ist transparent und einheitlich nach einem für alle geltenden Tarifvertrag geregelt. Die Berichte der Landesrechnungshöfe sind auf den Plattformen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks leicht auffindbar.

Der neue öffentlich-rechtliche Rundfunk verzichtet auf Werbeeinnahmen aller Art, sodass Werbeverträge nicht zu Befangenheit in der Berichterstattung führen können.

Den Beitragszahlern gehört der neue öffentlich-rechtliche Rundfunk. Ihre mehrheitliche Einbindung in den Kontrollgremien ist daher selbstverständlich. Diese Arbeit wird angemessen honoriert. Sie schließt die Wahrnehmung eines weiteren Amts, welches Interessenkonflikte birgt, aus. Die repräsentative Zusammensetzung der Kontrollgremien könnte beispielsweise nach dem Vorbild der Besetzung von Bürgerräten erfolgen. Direkte Wahl, Rotationsprinzip oder Losverfahren sind Möglichkeiten, um die Gesellschaft repräsentativ abzubilden.

Der neue öffentlich-rechtliche Rundfunk fungiert als Vierte Säule der Demokratie. Im Auftrag der Bevölkerung übernimmt er wichtige Kontrollaufgaben gegenüber den Gewalten Exekutive, Legislative und Judikative. Damit er diesen Auftrag erfüllen kann, ist seine Unabhängigkeit von Staat, Wirtschaft und Lobbygruppen garantiert.

Drehtür-Effekte zwischen Politik und dem neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind dank mehrjähriger Sperrfristen ausgeschlossen; professionelle Distanz ist jederzeit gewährleistet. Jegliche Art von Interessenskonflikt wird angegeben, wie es auch in wissenschaftlichen Arbeiten üblich ist. Das Führungspersonal ist verpflichtet, jährlich einen öffentlichen Transparenzbericht vorzulegen. Führungspositionen müssen öffentlich ausgeschrieben sowie nach einem transparenten Auswahlverfahren besetzt werden und sind zeitlich limitiert. Eine Vertragsverlängerung ist nur nach Abstimmung durch die direkt unterstellten Mitarbeiter möglich.

Der neue öffentlich-rechtliche Rundfunk kontrolliert die Politik und nicht umgekehrt. Die Politik hat keinen Einfluss auf Inhalte. Es wird neutral, multiperspektivisch und zensurfrei im Rahmen des Grundgesetzes berichtet.

Dazu gehört die Verpflichtung, vermeintliche Wahrheiten immer wieder zu überprüfen. Für die Berichterstattung bedeutet dies ergebnisoffene und unvoreingenommene Recherche sowie die Präsentation unterschiedlicher Sichtweisen und möglicher Interpretationen.

Das Publikum hat einen Anspruch darauf, sich mit einem Sachverhalt auseinandersetzen und selbstständig eine Meinung bilden zu können, anstatt eine „eingeordnete“ Sicht präsentiert zu bekommen.

Meldungen von Nachrichtenagenturen werden soweit möglich nicht ungeprüft übernommen. Der neue öffentlich-rechtliche Rundfunk nimmt seine Verantwortung wahr, Ereignisse jenseits von Agenturmeldungen zu recherchieren und darüber zu berichten.

Fairness und respektvoller Umgang im Miteinander stehen im Fokus unseres Handelns, sowohl innerhalb der Funkhäuser als auch mit unserem Publikum. Die Journalisten des neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunks benutzen kein Framing und verwenden keine abwertenden Formulierungen.

Petitionen und Programmbeschwerden seitens der Gebührenzahler werden vom neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunk ernst genommen. Eine Ombudsstelle entscheidet über deren Einordung, Umsetzung und Veröffentlichung. Inhaltliche Korrekturen der Berichterstattung werden an derselben Stelle kommuniziert wie die fehlerhafte Nachricht im Programm.

Zur Darstellung der politischen und gesellschaftlichen Vielfalt gehört Lokaljournalismus als wesentliches Fundament des neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Auch Themen aus dünn besiedelten Regionen, die vermeintlich nur von lokaler Relevanz sind oder Minderheiten betreffen, müssen sich im Programm spiegeln. Die Entscheidung, auch aus Gegenden fernab von Ballungsgebieten oder Metropolen zu berichten, muss von journalistischem Anspruch geleitet sein und darf sich nicht dem Kostendruck beugen.

Der neue öffentlich-rechtliche Rundfunk kommt seinem Auftrag in gleichem Maße auch in Sachen Bildung und Kultur nach. Bildung und Kultur haben substanziellen Anteil am Programmangebot und werden angemessen budgetiert und personell ausgestattet.

Kultur in ihrer breiten Vielfalt ist ein wichtiger Baustein und Ausdruck der demokratischen Gesellschaft. Diese Vielfalt gilt es umfangreich zu präsentieren und dokumentieren. Das betrifft alle Disziplinen wie Musik, Literatur, Theater, Bildende Künste und andere. Besonderes Augenmerk wird dabei auf den aktiven Förderaspekt gelegt, beispielsweise durch eigene Produktionen sowie die Unterstützung von regionalen Künstlern.

Der neue öffentlich-rechtliche Rundfunk setzt mit eigenen Klangkörpern wie Orchestern, Big Bands und Chören Akzente im kulturellen Leben und engagiert sich im Bereich der Radiokunst Hörspiel.

Die Archive des neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind frei zugänglich. Sie sind wesentliche Wissens- und Identitätsspeicher unserer Gesellschaft und somit von großer kultureller und historischer Bedeutung mit immenser Strahlkraft. Aus den Archiven, die er kontinuierlich in breitem Umfange erweitern sollte, kann der neue öffentlich-rechtliche Rundfunk anhaltend schöpfen und sich und die Gesellschaft damit der Relevanz von Kultur und Bildung versichern.

Die Inhalte der Archive und Mediatheken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind dauerhaft abrufbar. Die bereits gesendeten Beiträge und Produktionen stehen zeitlich unbegrenzt zur Verfügung. So kann jederzeit auf das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft zurückgegriffen werden. Dies ist für die öffentliche Meinungsbildung unverzichtbar.

Der neue öffentlich-rechtliche Rundfunk verfügt über eine von Rundfunkbeiträgen finanzierte, nicht kommerzielle Internetplattform für Kommunikation und Austausch. Diese verwendet offene Algorithmen und handelt nicht mit Nutzerdaten. Er setzt in diesem Raum ein Gegengewicht zu den kommerziellen Anbietern, weil ein zensurfreier, gewaltfreier Austausch zu den Kernaufgaben des neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunks gehört.

Qualitätsjournalismus braucht eine solide Basis. Im neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeiten überwiegend fest angestellte Journalisten, damit sie weitestgehend frei von ökonomischen und strukturellen Zwängen sind. Dadurch sind sie unabhängig und ausschließlich dem Pressekodex verpflichtet. Für Recherche steht ausreichend Zeit zur Verfügung. Die individuelle Verantwortung des Redakteurs bzw. Reporters muss gewährleistet sein und nicht zentralistisch von einem Newsroom oder Newsdesk übernommen werden.

Journalistische Autonomie ist ein wesentlicher Beitrag zur Sicherung journalistischer Qualität und Meinungsvielfalt. Deshalb wird die Weisungs-Ungebundenheit redaktioneller Tätigkeit im Hinblick auf Themenauswahl, Themengestaltung und Mitteleinsatz nicht nur in Redaktionsstatuten, sondern auch in den Landespressegesetzen und Rundfunk-Staatsverträgen festgeschrieben.

Outsourcing ist kontraproduktiv. Es verhindert öffentliche Kontrolle und fördert Lohndumping. Die Produktion von Programminhalten, die Bereitstellung von Produktionstechnik und -personal sowie die Bearbeitung von Publikumsrückmeldungen erfolgen deshalb durch die Sender.

Der neue (wie auch der jetzige!) öffentlich-rechtliche Rundfunk steht nicht in Konkurrenz zu den privaten Medien. Daher wird die vorrangige Bewertung nach Einschaltquoten bzw. Zugriffszahlen abgeschafft.

Die Stabilität unserer Demokratie erfordert einen transparent geführten neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunk als offenen Debattenraum. Zu dessen Eckpfeilern gehört die Unabhängigkeit der Berichterstattung, die Abbildung von Meinungsvielfalt sowie die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern.

Ostern im Fadenkreuz von Kriegen, Protesten und Fake News

Zeit online [1]https://www.zeit.de/gesellschaft/2024-04/ostern-ostermarsch-friedensbewegung zieht Bilanz: „Den diesjährigen Ostermärschen haben sich 10.000 Menschen angeschlossen. Die Regierung kontert mit Blick auf die Ukraine, Frieden ohne Freiheit bedeute Unterdrückung“.

Die Infostelle Ostermarsch des Netzwerk Friedenskooperation sieht die Friedensbewegung gestärkt . Bundesweit habe es über 120 Märsche und Veranstaltungen gegeben, die Abschaffung von Atomwaffen, Waffenstillstand, Deeskalation von Konflikten durch Diplomatie statt Waffenlieferungen sowie Abrüstung statt Aufrüstung forderten.

Kleine Doku Hamburger Ostermarsch, Friedenskanal Hamburg

In einigen grossen Städten zählten die Veranstalter deutlich gestiegene Teilnehmerzahlen: in Berlin mehr als 5000 (laut Polizei 3500), in Hamburg wurden zwischen 3000 und 4000 (laut Polzei 2000) genannt, in Stuttgart 3000 (laut Polizei 1500) und in München 1800 (laut Polizei 850). Daneben gab es breit über das Land verstreut einen vielfältigen Protest mit überzeugenden Reden und Darstellungen. Und (siehe Bilder) auch etliche gewerkschaftliche Formationen darunter. In einzelnen Städten wie zum Beispiel ver.di in Hamburg wurden die Aktionen auch von Landesverantwortlichen von Einzelgewerkschaften voll mitgetragen. Und es ist ein offenes Geheimnis, spätestens seit entsprechenden Erhebungen der UNI Leipzig. Wer zählen und rechnen kann, wird nicht Polizist.

Im Vorfeld schrieben wir: „Für Friedensaktivisten und Linke gilt, endlich gemeinsam eine breite Bewegung gegen Krieg, und Aufrüstung – auf wesentliche Kernforderungen konzentriert – aufzubauen. Die Gretchenfrage dabei ist: Waffenstillstand und Friedensverhandlungen (…) Nur so lässt sich die Eskalationslogik des Krieges durchbrechen! Ohne Frieden ist alles andere Nichts. Deshalb darf es nicht sein, sich hinter anderen Fragen zu verstecken. Fassen wir alle Menschen in unserem Land dazu zusammen.“ Es gibt Fortschritte dazu in Berlin.

Es geht aufwärts, aber sehr langsam. Es gibt Hoffnung, dass sich die trotz aller Kriegspropaganda weitverbreitete kriegsskeptische Stimmung in der Bevölkerung, die auf den Ostermärschen artikuliert wird, doch noch zum Protest formiert. Schließlich ist Krieg eine Überlebensfrage. Einmal muss doch Schluss sein mit der Schockstarre. Muss Schluss sein damit, dass uns die Kriegstreiber:innen auf der Nase rumtanzen.

„Wir leben fürwahr in finsteren Zeiten!“ – so Johannes M. Becker beim Ostermarsch in Kassel: „John Lennon & Yoko Ono haben gesungen: „You may say, I´m a dreamer.“ Und dann: „But I´m not the only one.“ [2]https://www.internationale-friedensfabrik-wanfried.org/post/wir-leben-f%C3%BCrwahr-in-finsteren-zeiten-johannes-m-becker-beim-ostermarsch-in-kassel-im-wortlaut

Kommt zur Protestkundgebung Berliner Gewerkschafter:innen "GAZA Krieg stoppen - Menschenleben retten" 
Die stärksten Argumente für die Friedensmarschierer:innen lieferten die harten Realitäten und Ereignisse um Ostern selbst.

Wie heisst es so schön? “ An ihren Taten und nicht an ihren Worten sollt ihr sie messen.“

Nach außen gibt sich US-Präsident Joe Biden besorgt um die humanitäre Lage der Menschen in GAZA und geht wegen der angedrohten Bodenoffensive in die mit Flüchtlingen überfüllte Stadt Rafah zu Israel auf Distanz . Ungeachtet dieser öffentlichen Inszenierung eines heftigen diplomatischen Zerwürfnisses hat Biden, so berichtete die Washington Post, in den vergangenen Tagen „in aller Stille“ die Lieferung von mehr als 1800 der 2000-Pfund-Bomben (etwa 907 kg) vom Typ MK84 und 500 MK82-Bomben sowie weitere Kampfflugzeuge genehmigt. [3] so berichtete die „Washington Post“ unter Berufung auf US-Beamte: https://www.stern.de/politik/ausland/krieg-in-nahost–bericht–usa-liefern-israel-tausende-bomben-34587254.html

Sie sagen, sie seien um die Menschen besorgt, in Wahrheit aber liefern sie genau diese Bomben, die die Menschen mit den schlimmsten Kollateralschäden überziehen, sprich insbesondere unbewaffnete Zivilist:innen plattmachen. Die Zahlungen an die UN Hilfsorganisation UNRWA bleiben dagegen weiter eingestellt.

„Eigentlich ist es sinnlos die manipulative „Berichterstattung“ der ARD zu kommentieren, aber heute hat das Morgenmagazin tatsächlich Münchhausen übertroffen.“ Kurt Weiss empört sich: “ Israel bombardierte die iranische Botschaft in Damaskus. Die Zerstörung einer diplomatischen Botschaft ist ein schwerer Verstoß gegen das Völkerrecht und Israel hat es geschafft mit einem Angriff 2 Staaten zu treffen: Iran und Syrien. ARD: „Iran droht Israel“. Laut Tagesschau „wachsen die Sorgen vor einer Eskalation…“ Der Angriff Israels war offenbar keine Eskalation? „

Sie sagen, sie wollen jede Eskalation vermeiden, in Wahrheit greifen sie andere Länder und sogar völkerrechtlich geschützte Institutionen an und eskalieren.


Nach Angaben der Hilfsorganisation World Central Kitchen (WCK) wurden bei einem Angriff im Gazastreifen sieben Mitarbeiter getötet. Neben Helfern aus Australien, Großbritannien und Polen wurden auch ein palästinensischer Mitarbeiter sowie eine Person mit US-kanadischer Staatsbürgerschaft getötet, wie WCK mitteilt.
Laut der Hilfsorganisation wurde ein Konvoi getroffen, obwohl die Fahrzeuge mit einem WCK-Logo versehen und die geplanten Fahrten mit dem israelischen Militär koordiniert gewesen seien. Die Hilfsorganisation bezeichnet den Vorfall als „unverzeihlich“. [4]Tagesschau 1.4. Und 2.4.

Heute sieht selbst der polnische MP und Hardliner Tusk die Solidarität mit Israel auf eine „harte Probe“ gestellt.

Unter den Toten des israelischen Luftangriffs auf Gaza war nämlich auch ein Pole… Der Fall sorgt in Polen für heftige Diskussionen – und nicht nur dort. Es ist nur die Spitze eines Eisbergs. Diesmal hat es vor allem Helfer aus westlichen Ländern getroffen. Nicht in erster Linie Palästinenser:innen. Wieder einmal erschüttern die Fakten die Glaubwürdigkeit westlicher Politiker bis ins Mark.

Sie sagen, sie wollen den Menschen Hilfslieferungen in ausreichendem Maße zukommen lassen, in Wahrheit gestatten sie Israel die Fortsetzung ihrer Blockade von GAZA. In Wahrheit gestatten sie Israel die Fortsetzung der Kampfhandlungen, die auch die Mitarbeiter:innen der Hilfsorganisationen täglich bedrohen.

Palästina hat aktuell in der UN einen neuen Anlauf unternommen, um als Staat anerkannt und in die Völkergemeinschaft mit Sitz und Stimme aufgenommen zu werden. Die bisherigen Anträge, obwohl von einer Dreiviertel Mehrheit aller Länder unterstützt, scheiterten am Veto der USA im Sicherheitsrat. Wie wird es diesmal sein?

Sie erklären Land auf Land ab, sie wollten eine Zweistaatenlösung, in Wahrheit legen sie ein Veto ein, wenn staatliche Anerkennung für Palästinenser:innen konkret gewährt werden soll.

Sie sagen, Putin wolle nicht verhandeln. In Wahrheit hat Selensky schon lange ein Dekret erlassen, das sämtliche Verhandlungen untersagt.

Sie sagen, sie verteidigen Menschenrechte und Freiheit. In Wahrheit treten sie beides mit Füßen.

Unsre aktuellen Beiträge zum Thema :

Titelfoto Evelin Genzel, Fotos Ingo Müller und Gewerkschaftskolleg:innen

Rom will, dass Italien dem Vertrag gegen Atomwaffen beitritt

Auch Rom schließt sich allen Hauptstädten der Welt an, die ihre Regierungen dazu drängen, den Vertrag über das Atomwaffenverbot zu unterzeichnen. Mit nahezu hundert italienischen Städten, die den Aufruf der ICAN Städte befürworten, unterstreicht die Entscheidung Roms den Übergang zu einer Politik, die die Menschen im Umgang mit der nuklearen Bedrohung in den Mittelpunkt stellt. Diese historische Abstimmung stellt die Regierung vor die Herausforderung, durch die Unterzeichnung des Vertrags über das Verbot von Atomwaffen dem Frieden und der Sicherheit Vorrang zu geben.

Mit einem aufsehenerregenden und einstimmigen Beschluss hat der Stadtrat von Rom einen historischen Schritt zum Schutz des Friedens und der globalen Sicherheit vollzogen. Indem Rom dem Aufruf der Städte zur Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen folgt (in Italien durch die vom Netzwerk „Rete Pace Disarmo e Senzatomica“ geförderte Mobilisierung „Italien, überdenke es noch einmal“ erneut lanciert), gibt es seine Stimme einem wachsenden Bündnis von beinahe einhundert italienischen Städten und drängt die Regierung dazu, den Vertrag über das Verbot von Atomwaffen (AVV) zu unterzeichnen und zu ratifizieren. Dieser vielsagende Schachzug unterstreicht einen entscheidenden Wandel in der Weltpolitik, der dem humanitären Erbe von Atomwaffen Vorrang vor abstrakten Militärstrategien gibt.

Die Ausrichtung Roms auf andere wichtige Hauptstädte wie Canberra, Paris, Berlin, Oslo, Amsterdam, Luxemburg, Helsinki, Bern und Washington D.C. beweist die kollektive Entschlossenheit, der existentiellen Bedrohung in Form von Atomwaffen entgegenzutreten. Dieser Entschluss reflektiert die aufrichtig geäußerten Meinungen der Stadträte von Rom:

Wir glauben fest daran, dass unsere Bürger das Recht haben, in einer Welt zu leben, die frei von dieser Bedrohung ist. Jeder Einsatz von Atomwaffen, ob vorsätzlich oder zufällig, hätte katastrophale, weitreichende und lang anhaltende Folgen für die Menschen und die Umwelt. Daher unterstützen wir den Atomwaffenverbotsvertrag und fordern unsere Regierungen auf, ihn zu unterzeichnen und zu ratifizieren.

Ein entscheidender Punkt ist, dass der Beschluss der Römischen Versammlung in Rom anerkennt, dass Atomwaffen über bloße politische Kriegsinstrumente hinausgehen; stattdessen stellen sie Symbole dar für unergründliches menschliches Leid und Zerstörung. Der AVV ist wie ein Leuchtturm der Hoffnung in einer Welt, die mit dem andauernden Gespenst der nuklearen Zerstörung zu kämpfen hat. Durch die unmissverständliche Verurteilung des Gebrauchs und Besitzes von Atomwaffen bekräftigt der Vertrag den moralischen, politischen und rechtlichen Imperativ, die Menschheit vor den Schrecken eines Atomkrieges zu schützen.

Was den Beschluss von Rom unterscheidet, ist, dass eine Politik zugrunde liegt, die die Menschen in den Mittelpunkt stellt. Die Zustimmung zu dem ICAN Städte-Aufruf vonseiten des Stadtrats reflektiert ein echtes Engagement für den Wohlstand und die Sicherheit der Bürger und hebt die tiefgreifenden Auswirkungen von Basisaktivismus und gemeinschaftlichem Engagement bei der Gestaltung der öffentlichen Politik hervor.

Als „Ewige Stadt“, durchdrungen von einer Jahrtausende alten Geschichte und Kultur, fungiert Rom als mächtiges Symbol menschlicher Resilienz und Widerstandskraft. Indem sich Rom für die Interessen der nuklearen Abrüstung einsetzt, bekräftigt es seine zeitlose Verpflichtung für die Werte des Friedens, der Gerechtigkeit und der Solidarität. Außerdem wirkt der Beschluss Roms weit über die Stadtgrenzen hinaus. Er sendet nicht nur an die italienische Regierung eine starke Botschaft, sondern auch an nationale Regierungen auf der ganzen Welt und fordert sie auf, auf den Willen ihrer Wähler zu hören und der Suche nach Frieden Vorrang zu geben vor dem Streben nach Macht. Die kollektive Stimme von Städten wie Rom leuchtet auf dem Weg hin zu einer gesicherteren Zukunft für alle.

Echte Sicherheit kann nicht durch die Androhung gegenseitig zugesicherter Zerstörung erreicht werden, sondern durch die Verfolgung gemeinsamer Humanität und geteiltem Wohlstand. Die Entscheidung Roms, sich dem ICAN-Aufruf der Städte anzuschließen, erinnert uns daran, dass eine Politik, die im internationalen Recht verankert ist, von den Bürgern gefördert wird und auf direkter Verantwortung gegenüber der Menschheit basiert, veränderte Ergebnisse hervorbringen kann. Es ist an der Zeit, dass die italienische Regierung dem Beispiel folgt und dem AVV beitritt.

Übersetzung aus dem Italienischen von Doris Fischer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam. Pressenza sucht Freiwillige! 

Redaktioneller Hinweis: Auch in Deutschland haben sich inzwischen über 140 Städte sowie einige Landkreise, Regionen und Bundesländer dem ICAN-Appell angeschlossen und unterstützen ein Verbot von Atomwaffen, die Liste dazu kann man hier einsehen. Im November 2023 wurde ein Appell an die Bundesregierung übergeben, dem Atomwaffenverbotsvertrag beizutreten. Eine Liste aller Städte weltweit, die den AVV unterstützten findet sich hier.

Wir danken Pressenza für die Publiktionsrechte

Titelbild von Rete Italiana Pace e Disarmo

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