Von der „Machtvergessenheit“ zur „Machtbesessenheit“? 

Deutsche Außenpolitik im Wandel der Zeit.

Von MICHAEL SILNIZKI 

Titelbild: Adenauer besucht Bundeswehr im Januar 1956. Am 12. November 1955 war die Bundeswehr gegründet worden.  Bundesarchiv, Bild 146-2004-0092 / Wolf, Helmut J. / CC-BY-SA 3.0

„Jetzt wird in Europa Deutsch gesprochen.“ – Volker Kauder, 2011

1. Die Janusköpfigkeit der deutschen Außenpolitik

 Anlässlich einer Haushaltsdebatte erklärte der Bundeskanzler Kohl am 11. September 1996 zur außenpolitischen Lage: Das vereinte Deutschland befinde sich „in einer Situation wie nie zuvor in diesem Jahrhundert. Wir haben sehr gute, herzliche und freundschaftliche Beziehungen zu den USA, Frankreich, Großbritannien und Russland. Wann hat es das je so in der deutschen Geschichte gegeben?“

„Von Freunden umzingelt“ hieß die neue Sprachregelung außenpolitischer Diskurse im Deutschland der 1990er-Jahre.

Das ist lange her! Und es stellt sich die Frage: Wie konnte es dazu kommen, dass das einst von Freunden „umzingelte“ und dank der sowjetischen Führung wiedervereinigte Deutschland zum erklärten Feind Russlands geworden ist?

„Die hektischen diplomatischen Vorgänge um die deutsche Einheit enthüllen“, schreibt der Berliner Querdenker, Ekkehart Krippendorff (1934-2018), im Jahr 2000, „was die ehemaligen Beteiligten damals dachten oder zu beschließen glaubten, die völlig irrealen Machbarkeitsvorstellungen der Mitterands, Thatchers und Gorbatschows. Unfreiwillig enthüllte Genscher diese Wahnwelt in seinen Erinnerungen, wenn er berichtet, mit welchen Worten er die Außenminister Kanadas und Italiens, die … über die Außenbeziehungen Deutschlands mitzureden verlangten, zurückwies: ‚You are not part of the game!‘“1

In diesem arroganten Satz des machtbewussten Liberalen spürt man bereits den neuen Zeitgeist eines neuen Zeitalters, der die Epoche des „Kalten Krieges“ schnell hinter sich lassen wollte.

Das neu gewonnene Selbstbewusstsein wurde bereits kurz nach der Wiedervereinigung deutlich, als die Regierung Kohl/Genscher vorpreschte und am 23. Dezember 1991 nicht ohne Unmut der Bündnispartner als erster Staat Kroatien und Slowenien anerkannte. Damit signalisierte das vereinte Deutschland seinen außenpolitischen Gestaltungsanspruch.

Dieses Vorpreschen wäre zu Zeiten des „Kalten Krieges“ undenkbar, war aber geo- und sicherheitspolitisch letztendlich nur konsequent, befand sich doch ganz Europa mit dem Zerfall der Sowjetunion, dem Untergang des Weltkommunismus und der Auflösung des Warschauer Pakts in einem dramatischen Transformationsprozess.

Da machte eine liberal-konservative Bundesregierung mit ihrer unabgestimmten Vorgehensweise gleich zu Beginn eines selbstbewusst gewordenen Deutschlands die Probe aufs Exempel und zeigte, wozu das vereinigte Deutschland in der Außenpolitik fähig und willig ist.

Ja, man könnte darin schon damals, um Nietzsche zu paraphrasieren, die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Wiedervereinigung erblicken. Von der Öffentlichkeit und selbst von den politisch handelnden Personen unreflektiert, fanden zwei mit- und nebeneinander laufende außenpolitische Prozesse statt, die sich, im Grunde genommen, gegenseitig ausschließen: die Fortsetzung eines aus der Bonner Republik überkommenen innereuropäischen und transatlantischen Integrationsprozesses und eine Revitalisierung machtpolitischer Interessenpolitik.

Die „Tragödie“ der deutschen Außenpolitik besteht seit der Wiedervereinigung in den 1990er-Jahren in dieser noch kaum wahrnehmbaren Janusköpfigkeit.

Einerseits wollten die europäisch und transatlantisch erzogenen westdeutschen Macht- und Funktionseliten den seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges angeschlagenen Integrationsprozess um jeden Preis fortsetzen und vertiefen, der u. a. auch dazu dienen sollte, den deutschnationalen Tendenzen im vereinigten Deutschland vorzubeugen.

Andererseits war das Bestreben, die sog. „Machtvergessenheit“ der Deutschen zu überwinden, nicht zu übersehen. Der Ausdruck stammt vom Politikwissenschaftler Hans-Peter Schwarz (1934-2017), der in seinem Essay „Die gezähmten Deutschen – Von der Machtbesessenheit zur Machtvergessenheit“ (1985) der westdeutschen Außenpolitik eine Verachtung und Verdrängung der Machtrealität in der Weltpolitik wegen den Verbrechen des Nationalsozialismus attestierte.

Versteckt hinter den Parolen: „Dem vereinigten Deutschland sei die Führungsrolle in Europa ‚wider Willen‘ zugefallen“ und „Schluss mit der außenpolitischen ‚Trittbrettfahrerei‘“, versuchten die in machtpolitischen Kategorien denkenden Zeitgenossen deutsche Macht- und Interessenpolitik laut und selbstbewusst zu artikulieren, was selbst noch im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts als Tabubruch gewertet wurde.

So trat Horst Köhler am 31. Mai 2010 als Bundespräsident zurück, nachdem er für Äußerungen über Auslandseinsätze der Bundeswehr scharf kritisiert wurde. In einem Radiointerview hatte er zuvor angedeutet, dass ein wirtschaftlich starkes Land wie Deutschland zur Wahrung seiner Interessen im Notfall auch militärische Mittel einsetzen müsse.

   Köhler war ein feinsinniger und feinfühliger Zeitgenosse, fühlte sich in seiner Haut als Bundespräsident nie wohl, konnte die Kritik an seiner Person nicht ertragen und so trat er zur Überraschung aller zurück. In Zeiten der außenpolitischen Prüderie hätte man auch nichts anderes erwarten können.

„Sicherheitsfragen sind Machtfragen“ (Egon Bahr) und Machtpolitik ist mit Militärpolitik untrennbar verbunden.

Solange Frieden in Europa herrschte, spielte Machtpolitik als Militärpolitik eine untergeordnete Rolle. Mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine und erst recht mit dem Amtsantritt der amtierenden Bundesregierung bekommt die deutsche Außenpolitik in der Russlandpolitik in Person des Bundeskanzlers Merz ihr aggressives Gesicht, was sich in einer beispiellosen Militarisierung der deutschen Außenpolitik und Gesellschaft niederschlägt.

Deutschland plant in den kommenden Jahren Rekordsummen für das Militär, wobei sich der genaue Gesamtbedarf je nach Berechnungszeitraum bis auf rund 700 Milliarden Euro beläuft.

„Foreign policy is the face a nation wears to the world“ (Außenpolitik ist das Gesicht, das eine Nation der Welt zeigt), schrieb der US-Historiker Arthur M. Schlesinger Jr. 1983. Und dieses „Gesicht“ hat heute in der deutschen Russlandpolitik eine militaristische und aggressive Fratze.

Bereits in seiner ersten Regierungserklärung kündigte Merz am 14. Mai 2025: Die Bundesregierung werde der Bundeswehr alle finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, die sie brauche, „um konventionell zur stärksten Armee Europas zu werden“.

Zur Legitimierung dieses militärpolitischen Ansinnens bedarf es selbstverständlich eines Außenfeindes, um die Bevölkerung „um die Flagge zu scharen“ (Rally-‚round the flag“-Effekt) und die Militarisierung der Gesellschaft voranzutreiben. Und wer könnte den Außenfeind besser verkörpern als Russland, der „absolute Feind“ (Carl Schmitt)?

In Zeiten des Krieges in Europa beschleunigt und verstärkt sich dieser Militarisierungsprozess, der im Gegensatz zu den friedlichen Zeiten der „gezähmten“ und „machtvergessenen“ Bonner Republik einen umgekehrten Wandel von der „Machtvergessenheit“ zur „Machtbesessenheit“ vollzieht.

Selbst wenn die Beobachtung zutreffend sein sollte, die in der Bundesrepublik der späten 1990er-Jahre „die entwickelte Form des ‚postmodernen‘ Nationalstaats“2 diagnostizierte, wurde diese Entwicklung zu Beginn des 21. Jahrhunderts von der rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder (1998-2005) gestoppt, sodann in Zeiten der Kanzlerschaft Scholz noch zaghaft ‚militarisiert‘, um diese Militarisierung heute mit der Kanzlerschaft Merz geradezu dramatisch zu beschleunigen.

Es ist genau das eingetreten, wovor der frühere niederländische Botschafter in Bonn mit Blick auf die deutsche Außenpolitik-Debatte der 1990er-Jahre gewarnt hat: „Nur nicht ‚normal‘ werden“3.

Statt eine postnationale Identität anzustreben, die den klassischen Nationalstaat überwinden sollte, bekamen wir genau das, was die „Normalisierungsnationalisten“ (Peter Glotz) sich durch die Vereinigung gewünscht haben: einen „normalen“ Nationalstaat, der allerdings in den 1990er-Jahren zwischen der Verwirklichung der eigenen nationalen Machtinteressen und dem Streben, der Wortführer des Integrationsprozesses Europas zu bleiben, schwankte.

Diese Janusköpfigkeit der deutschen Außenpolitik war auf Dauer nicht aufrechtzuerhalten. Mit der Kanzlerschaft Merz spricht nunmehr alles dafür, dass die außenpolitische Waage sich immer mehr zur schwereren machtpolitischen Seite neigt.

Diese Entwicklung begann bereits in den 1990er-Jahren mit der realitätsentrückten Diskussion über „Deutschland als Weltmacht“ vor dem Hintergrund einer anderen militärpolitischen Debatte. „In der Tradition Adenauerscher Realpolitik – aber aus dem Munde eines Militärs dann doch bedrohlicher klingend – hatte der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Klaus Neumann (1991-1996), 1993 erklärt: ‚Unsere militärische Leistung hat dazu beigetragen, die alte Bundesrepublik international politikfähig zu machen. Ich glaube, dass dies im Grundsatz noch immer gilt.‘“4

Neumanns Klarstellung, die kurz nach dem Ende des Ost-West-Konflikts erfolgte, ist bemerkenswert. Ihrem Selbstverständnis nach diente die Bundeswehr ursprünglich der Territorialverteidigung gegen einen möglichen Angriff aus dem „Osten“. Diese Legitimationsgrundlage war nach dem Fall der Mauer, der Auflösung des Warschauer Pakts und dem Untergang der Sowjetunion entfallen, sodass Stimmen laut wurden, die „als ‚Friedensdividende‘ eine ‚Bundesrepublik ohne Armee‘ auf die politische Tagesordnung setzen wollten“5.

Die Stimmen verstummten freilich schnell mit dem Überfall des Iraks auf Kuwait 1990 und die Geschichte hat einen ganz anderen Gang genommen. Die Bundeswehr wandelte sich von ihrer strikt defensiven Funktion „zur nahezu freien Verfügbarkeit für Einsätze in den entferntesten Regionen der Welt“ und gab damit „geradezu ein Lehrstück für die anscheinende Unaufhaltsamkeit machtpolitischer Dynamik ab“.6

2. Von der Bonner Republik zur Berliner Republik

   Es war ausgerechnet ein Sozialdemokrat, Altkanzler Gerhard Schröder, der diese „machtpolitische Dynamik“ ausgelöst hat. In einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit hat Schröder am 18. Oktober 2001 von der „Enttabuisierung des Militärischen“ gesprochen und diese als einen der großen Erfolge seiner Regierungszeit gepriesen.

Spätestens seit dem Kosovo-Krieg (1999) wurde die jahrzehntelang praktizierte deutsche Außenpolitik als Friedenspolitik ausgerechnet von der ersten rot-grünen Bundesregierung ad acta gelegt. Und die Parolen der Bonner Republik: „Nie wieder Krieg“ und „Nie wieder Auschwitz“ werden heute von der jungen Generation vermutlich gar nicht mehr verstanden.

Seit dem Kosovo-Krieg sind mittlerweile siebenundzwanzig Jahre vergangen und die deutsche Außenpolitik hat eine dramatische Transformation von einer noch zaghaften „Enttabuisierung des Militärischen“ bis zur endgültigen Militarisierung der deutschen Außenpolitik seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine und einer zunehmenden Involvierung der deutschen Bundeswehr in das Kriegsgeschehen vollzogen.

Zuletzt konnte man aus einem FT-Interview mit der bezeichnenden Überschrift „German army looks to Ukraine for battlefield lessons“ (Die deutsche Armee sucht in der Ukraine nach Lehren für das Schlachtfeld) entnehmen, wie tief die Bundeswehr im Ukrainekrieg involviert ist. Das am 18. Juli veröffentlichte Interview gab kein geringerer als der am 1. Oktober 2025 zum Inspektor des Heeres aufgestiegene Generalleutnant Christian Freuding (geb. 1971).

Die europäische und die ukrainische Sicherheit seien „untrennbar miteinander verbunden“, beteuerte Freuding in diesem Interview und unterstrich „die Notwendigkeit, Lehren aus den Erfahrungen des Landes im Kampf gegen Russland zu ziehen“. „Wir sind enge Partner und unterstützen und helfen einander“ (We are close partners and we support and help one another).

Wie eng diese Partnerschaft ist, darüber berichtet Financial Times (FT): „Von 2022 bis 2025 war er (Freuding) für die deutsche Militärhilfe an die Ukraine verantwortlich und besuchte das Land monatlich.“

Gefragt danach, „ob deutsche Soldaten notfalls auch im direkten Kampf gegen russische Streitkräfte nicht zögern würden“, sagte Freuding: „Hier ist eine klare Aussage und eine klare Zusicherung: Auf Deutschland und die deutsche Armee ist absolut Verlass“ (Here is a clear statement and a clear assurance: Germany and the German army can be relied upon absolutely).

Mit dieser Aussage macht Freuding seinem Vorgesetzten alle Ehre und zeigt damit, warum er Pistorius´ Liebling ist. Vor einem Jahr gab der Bundesminister der Verteidigung ebenfalls der Financial Times am 13. Juli 2025 ein Interview. Die FT zitierte den deutschen Minister daraufhin mit den Worten: „He (Pistorius) insisted that troops from Germany … would be willing to kill Russian soldiers in the event of an attack by Moscow on a Nato member state“ (Er (Pistorius) bestand darauf, dass deutsche Truppen … im Falle eines Angriffs Moskaus auf einen Nato-Mitgliedsstaat bereit wären, russische Soldaten zu töten)7. Da fanden sich, wie man sieht, zwei Brüder im Geiste.

Wie dem auch sei, die deutsche Außenpolitik vollzog in den vergangenen drei Jahrzehnten einen erstaunlichen Wandel von „Nie wieder Krieg“ und „Nie wieder Auschwitz“ zu Zeiten der Bonner Republik zur „Enttabuisierung des Militärischen“ und Russenfeindschaft8 in der Berliner Republik.

2005 meinte Anna Geis: „Das in die volle Souveränität entlassene wiedervereinte Deutschland sehe sich selbst und gelte auch bei anderen Staaten aufgrund seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, seiner Bevölkerungszahl, seiner geographischen Lage und seiner politischen Bedeutung innerhalb Europas als ‚Großmacht‘. Diejenigen, die eine solche veränderte internationale Bedeutung Deutschlands positiv sehen oder gar einfordern, sind der Auffassung, dass Deutschland sich auch nicht mehr die militärische Zurückhaltung leisten kann, die es früher jahrzehntelang gepflegt hatte.“9

Die Kernbestände des außenpolitischen Selbstverständnisses der Bonner Republik (Multilateralismus, Stärkung der internationalen Institutionen, Ablehnung der militärischen Mittel zwecks Durchsetzung außenpolitischer Ziele usw.) wurden auf dem Altar der nach dem Ende des Ost-West-Konflikts unter der Führung des US-Hegemonen entstandenen unipolaren Weltordnung geopfert.

Die Ursachen dieser ganzen Entwicklung waren jene dramatischen geopolitischen Umwälzungen, die mit dem Untergang der Sowjetunion einhergingen und den Aufstieg der USA zu einem weltweit agierenden Hegemonen befördert haben. Im Schlepptau dieser geopolitischen Umwälzungen ist auch der Wandel der deutschen Außenpolitik sowie eine Veränderung der Sicherheitswahrnehmung zu begreifen.

„Angesichts neuer Krisen, die nicht dem Muster des Kalten Krieges entsprachen“, in dem die Bundeswehr auf die Abschreckung setzte und kämpfen lernen sollte, „um niemals kämpfen zu müssen“, wie Geis 2005 zutreffend feststellte, änderte sich das sicherheitspolitische Bedrohungsszenario, das zwangsläufig auch zum anderen Sicherheitsverständnis führte.

Zwanzig Jahre sind seit dieser Feststellung vergangen und seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine sehen wir uns erneut mit einem dramatischen Wandel der deutschen Außenpolitik konfrontiert, die bewusst auf Eskalation setzt, statt deeskalierend zu wirken und in Russland schon wieder die Bedrohung Deutschlands und Europas erblickt.

3. Die Militarisierung der deutschen Außenpolitik

Die Militarisierung der deutschen Außenpolitik hat eine lange Geschichte. Spätestens mit dem Kosovo-Krieg (1999), an dem die Berliner Republik vierundfünfzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs direkt beteiligt war, wurde die Parole „Nie wieder Krieg“ endgültig entwertet. 9/11 hat sodann der Militarisierung einen neuen Schub gegeben und mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine wurde dieser Militarisierungsprozess der deutschen Außenpolitik beschleunigt.

Die Parole „Nie wieder Krieg“ wurde durch die Parole „Nie wieder wegschauen“ (Karsten Voigt)10 substituiert.

Seit 1992 ist die Bundeswehr in Auslandseinsätzen. Was anfangs noch Anlass zu heftigen politischen Debatten bot, ist zur „Normalität“ geworden: die Verwendung von Streitkräften jenseits von Landes- und Bündnisverteidigung (out of area).

Deutschlands Sicherheit wurde laut dem verstorbenen Verteidigungsminister Peter Struck (2002-2005) „auch am Hindukusch verteidigt“.11 Dieses neue Sicherheitsverständnis führte seit dem Ende des Ost-West-Konflikts zum massiven Einsatz der deutschen Streitkräfte out of area.

Allein in den Jahren 1998 bis 2005 waren mehr als 100.000 Bundeswehrsoldaten im internationalen Einsatz. Aus einer Armee zur Landesverteidigung wurde eine „Armee im Einsatz“ (Peter Struck).12

Von einer harmlos klingenden Formel „Nie wieder wegschauen“ über den Einsatz der deutschen Streitkräfte jenseits von Landes- und Bündnisverteidigung bis zur tonnenweisen Waffenlieferung in das ukrainische Kriegsgebiet, womit bereits hunderte – wenn nicht gar tausende – russische Soldaten umgebracht wurden, erstreckt sich diese Militarisierung der deutschen Außenpolitik.

Mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine hat sie sich dramatisch beschleunigt. Die Bundesrepublik unterstützte die Ukraine seit Kriegsbeginn bereits „mit 55,5 Milliarden Euro“, schreibt das Handelsblatt am 15. Juli 2026 in einem sehr aufschlussreichen Bericht „Deutschland wirbt für sich – in der U-Bahn in Kiew“ (S. 8 f.). „Auf den Plakaten in Kiew werden vor allem gelieferte Luftverteidigungssysteme hervorgehoben: Patriot, Iris-T, Skynex, Gepard oder Skyranger.“

„Deutschland liefert entscheidende Unterstützung, um den Himmel über der Ukraine zu schützen“, steht auf dem Plakat vor der deutschen Botschaft in Kiew. „Der ukrainischen Regierung ist bewusst, wer ihr wichtigster Geldgeber ist. Präsident Wolodymyr Selenskyj bedankt sich bei jeder Gelegenheit bei Kanzler Merz. Auch die ukrainischen Rüstungsverbände preisen Deutschland“, freut sich das Handelsblatt über die massive Involvierung Deutschlands in diesem mörderischen Konflikt.

Ob es überhaupt begreift, worüber es sich da freut und welche Ukraine die Bundesregierung eigentlich unterstützt?

Am 23. Juli wurde ein Interview mit dem neuen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte und einem fanatischen Bandera-Anhänger, Mychajlo Drapatij, aus dem Jahr 2023 veröffentlicht, indem dieser in bester Tradition der ukrainischen Nazi-Kollaborateure gegen die Russen und Bewohner des Donbass hetzte. Drapatij leugnete öffentlich das Existenzrecht der russischen Nation und diffamierte die Bevölkerung von Donezk und Luhansk.

„Man kann sie nicht wirklich Nachbarn nennen. Das ist überhaupt eine Nation mit einer Führung, die kein Existenzrecht hat (Это вообще нация с руководством, которая не имеет права на существование). Dort hat sich seit Jahrtausenden nichts Zivilisiertes ereignet und weder in ihrer Mentalität noch in ihrem imperialistisch-ambitionierten Verhalten irgendetwas verändert“, sagte Drapatiy und fügte abfällig hinzu: „Die Regionen Donezk und Luhansk waren in ihrer Geschichte leider größtenteils von Binnenvertriebenen und kriminellen Elementen bevölkert. Deshalb ist die Bevölkerung dort so schlecht informiert. Der Ukrainisierung der Bevölkerung wurde vermutlich wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Deswegen haben wir ein solches Ergebnis.“

Man sieht, wes Geistes Kind der neue Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte ist. Mit seinem Nationalchauvinismus, Leugnung des Existenzrechts Russlands und Rassenhass, Kriminalisierung der eigenen ukrainischen Bevölkerung im Donbass und der Entmenschlichung des Feindes repräsentiert Drapatij jene ukrainische Machtelite, die 2014 an die Macht geputscht und die Ukraine in diesen blutigen Konflikt mit Russland gestürzt hat.

Und diese Ukraine mit ihrem Rassenwahn, die die russische Bevölkerung im Donbass ukrainisieren und/oder den Donbass russenfrei machen will, wie Nazis Deutschland „judenfrei“ machen wollten, wird von der Bundesregierung unter Kanzler Merz massiv mit Geld und Waffen versorgt. Wie viel Russenhass muss die Bundesregierung wohl haben, um solche Freunde zu haben?

Will Deutschland, das seine Wiedervereinigung Moskau und nicht Kiew verdankt, seine militarisierte Außenpolitik mit einem erneuten Krieg gegen Russland krönen? Soll etwa an Stelle „Nie wieder Krieg“ nunmehr die Parole „Endlich wieder Krieg“ treten?

Mit der Militarisierung der deutschen Außenpolitik seit dem Ende des Ost-West-Konflikts hat sich die Einstellung zu Gewalt und Krieg schleichend, aber unaufhaltsam verändert und mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine entdeckte die deutsche Außenpolitik in Russland erneut den alten „absoluten Feind“, der besiegt, niedergerungen und letztendlich vernichtet werden müsse.

Diese längst überwunden geglaubten Vernichtungsphantasien feiern heute ihre Wiedergeburt. Vergessen sind die zwei verheerendsten Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Vergessen sind die kolossalen Zerstörungen und Opfer, die Deutschland und Europa im Zweiten Weltkrieg infolge des Rassenwahns des Nationalsozialismus erlitten hat. Vergessen ist das jahrzehntelang mantraartig wiederholte Leitmotiv der deutschen Außenpolitik der Nachkriegszeit: „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen.“

Heute gilt derjenige als „radikal“, der für eine friedliche Konfliktregelung plädiert, und derjenige für „gemäßigt“, der sich für die Fortsetzung des Krieges bis zum „Endsieg“ ausspricht. So ändern sich nun mal die Zeiten, wenn an die Stelle des Prinzips „Nie wieder Krieg“ die Parole „Nie wieder wegschauen“ tritt und man damit gewollt oder ungewollt nicht nur der Militarisierung der deutschen Außenpolitik, sondern auch der Militarisierung des öffentlichen Diskurses das Wort redet.

Eine beispielslose Militarisierung des öffentlichen Diskurses hat die Logik des Krieges in den vergangenen vier Jahren in unserem Bewusstsein fest verankert und alles über Bord geworfen, was auf eine diplomatische Lösung des Konflikts hinauslaufen könnte.

Schlimmer noch: Manch einer muss sich heute sogar dafür rechtfertigen, dass er von einem Frieden und nicht vom „Endsieg“ über das „bolschewistische“, pardon: „Putins Russland“ spricht. Was macht das schon für einen Unterschied, ob Russland heute „rot“ und „totalitär“ oder „weiß“ und „autoritär“ ist? Das verhasste Russland bleibt für die Kriegspartei in welcher Gestalt auch immer die existentielle Bedrohung des „Westens“.

Dass eine solche Entwicklung letztlich nicht zur Vernichtung des „absoluten Feindes“, sondern vielmehr zu eigener Selbstvernichtung führen kann, wird geflissentlich – sei es aus Mangel an Urteilskraft oder aus Selbstüberschätzung – ignoriert. Sind Merz und Co. derart hasserfüllt und/oder machtbesessen, dass sie selbst das eigene Überleben und das Überleben der deutschen Nation aufs Spiel setzen?

Anmerkungen

  1. Krippendorff, E., Kritik der Außenpolitik. Frankfurt 2000, 160.
  2. Niedhart, G., in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 3.1.1997, 21; zitiert nach Krippendorff (wie Anm. 11), 161.
  3. Zitiert nach Niedhart (wie Anm. 2).
  4. Zitiert nach Krippendorff (wie Anm. 1), 164.
  5. Krippendorff (wie Anm. 1), 164.
  6. Krippendorff (wie Anm. 1), 165.
  7. German defence minister calls on arms makers to deliver. Laura Piteland Anne-Sylvaine Chassany in. Financial Times, 13. Juli 2025.
  8. Siehe dazu Silnizki, M., Vom Russenhass zur Russentötung? Die Rückkehr des Militarismus in Deutschland und Europa. 20. Juli 2025, www.ontopraxiologie.de.
  9. Geis, A., Die Zivilmacht Deutschland und die Enttabuisierung des Militärischen. HSFK- Standpunkt Nr. 2/2005.
  10. Karsten Voigt, in: Das Parlament vom 20./27.12.1996; zitiert nach Geis (wie Anm. 9).
  11. Näheres dazu Gießmann, H. J./ Wagner, A., Armee im Einsatz: Grundlagen, Strategien und Ergebnisse einer Beteiligung der Bundeswehr (Demokratie, Sicherheit, Frieden, Bd. 191). Nomos 2009.
  12. Zitiert nach Geis (wie Anm. 9).

Michael Silnizki (20. Juni 1957) immigrierter 1976 nach Israel aus der Sowjetunion, wo ich 6 Jahre verbrachte. Im Januar 1982 wanderte ich nach Deutschland ein. An der Uni. zu Köln absolvierte ich geisteswissenschaftliche Studien (Philosophie, gr. Philologie, kath. Theologie). 1987 und in den 1990er-Jahren arbeitete für Forschungsinstitute: BIOst (Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien) und Max-Planck-Institut f. Europäische Rechtsgeschichte. Ab Anfang des Jahrhunderts bin ich sozusagen ein Privatgelehrter und habe mehrere Bücher und zuletzt ca. 250 Studien geschrieben, die auf meiner Webseite: www.ontopraxiologie.de zu finden sind.
Mehr Beiträge von Michael Silnizki →

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 1.8. 2026
https://overton-magazin.de/top-story/von-der-machtvergessenheit-zur-machtbesessenheit/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Mitglieder von Omas gegen Rechts fordern: „Friedensfähig statt kriegstüchtig“

Die Friedensbewegung gewinnt an Breite. Auch für viele Omas gegen Rechts gilt die Lehre aus dem 2.Weltkrieg: „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ Dieser Kampf gehört zusammen.

Schon seit 4 Jahren befindet sich eine Friedens AG der Omas gegen Rechts [1]unter dem Namen „Omas gegen Rechts“ agieren mehrere politische Gruppierungen in Berlin, deren politische Ausrichtung so unterschiedlich ist wie bei der „Antifa“. Die Friedens … Continue reading in Berlin auf dem Antikriegspfad. Regelmäßig treffen sie sich jeden zweiten Dienstag im Monat an der Weltzeituhr des Alexanderplatzes, machen durch das Abspielen von Friedensliedern auf ihre Anliegen aufmerksam und klären unermüdlich auf über Militarisierung hierzulande und Kriege in aller Welt und deren verheerende Auswirkungen.

Zwischendurch organisierten sie Protestaktionen, zum Beispiel vor der US Botschaft, als auch die USA im Ukrainekrieg geächtete Streubomben einsetzten. Oder sie nehmen an Demonstrationen teil, wie zuletzt gegen die Rüstungsprodutkion im Berliner Kiez Wedding.

Seit kurzem gehen sie nun ein zweites Mal jeden Monat auf die Strasse. An wechselnden Plätzen in Berlin klären sie mit Sandwiches und Flyern Passanten über die wachsende Kriegsgefahr auf.

Hier der Text des Flyers, der dabei aktuell von den „Omas“ verteilt wird !

FRIEDENSFÄHIG STATT KRIEGSTÜCHTIG
Keine Vorbereitung auf einen weiteren Krieg! Deshalb stehen wir hier.

Von Deutschland sind zwei schreckliche Kriege ausgegangen, die ungeheures Leid gebracht haben. Wir sind mit den Folgen dieser deutschen Geschichte aufgewachsen. Wir wollen nicht, dass une Gesellschaft, unsere Kinder und Enkel, wieder in Tod und Zerstörung getrieben werden.


GERADE UNSER LAND sollte jetzt alle Kraft in friedliche Lösungen der inneren und weltweiten Konflikte und Kriege stecken, in Verhandlungen, Diplomatie, Abrüstungsinitiativen, nicht in weiterer militärischer Aufrüstung.

Stattdessen erleben wir:
mit der Behauptung, die Militarisierung sei nötig zur Verteidigung unserer Demokratie, werden unsere mühsam erkämpften demokratischen und sozialen Errungenschaften immer mehr abgebaut: Krankenversorgung, Bildung, soziale Grundversorgung, öffentlicher Verkehr werden weiter kaputtgespart, um immer mehr Milliarden in die Rüstung und die Militariserung der Infrastruktur zu stecken. Statt dringend nötiger Maßnamen gegen die Klimakatastrophe zu ergreifen passiert das Gegenteil: der ungeheure Ausbau der Rüstungindustrie, Manöver und Kriege sind extreme Klimakiller!

Mit der Behauptung ,,unsere Werte“ verteidigen zu müssen, werden genau diese – Friedfertigkeit, demokratischer Meinungsaustausch, soziale Gerechtigkeit, Respekt für die Natur – immer mehr eingeschränkt.

Wir selbst zerstören unsere Gesellschaft, nicht äuẞere Feinde.

Wie sollen unsere Kinder in der Schule Kometenz in Konfliktlösungen ohne Gewalt lernen, wenn Kriegstüchtigkeit als Ziel propagiert wird und die Bundeswehr in den Schulen Werbung für das Militär machen kann, ohne dass kompetente Vertreter von Gegenpositionen dazugeladen werden?


Im Berliner Schulgesetz steht als ,Auftrag der Schule‘ : die Schule soll Persönlichkeiten heranbilden, deren „Haltung“ bestimmt ist von der Anerkennung der Notwendigkeit … einer friedlichen Verständigung der Völker.“

Unsere dringende Bitte: setzt euch/setzen Sie sich mit uns für den Erhalt und Asbau einer friedfertigen und sozial gerechten Gesellschaft ein.

FRIEDEN IST NICHT ALLES, ABER OHNE FRIEDEN IST ALLES NICHTS (Willi Brandt)

Dann wieder (Erich Fried)
Was keiner geglaubt haben wird
was keiner gewusst haben konnte
was keiner geahnt haben durfte
das wird dann wieder
das gewesen sein
was keiner gewolle haben wollte.

Das Thema „Krieg und Frieden“ lässt sich inzwischen in den meisten NGOs wie auch Gewerkschaften nicht mehr totschweigen. Uberall entstehen Initiativen gegen Kriegstreiberei, Militarisierung und Rechtsruck. Nicht zuletzt kommt es darauf an, diese vielen Strömungen und Aktionen zu einer breiten kampfstarken Friedensbewegung zusammenzufassen, die in der Lage ist, immer neue Menschen zu gewinnen und etwas zu verändern.

Titelbild: Lotte Roitzsch

References

References
↑1 unter dem Namen „Omas gegen Rechts“ agieren mehrere politische Gruppierungen in Berlin, deren politische Ausrichtung so unterschiedlich ist wie bei der „Antifa“. Die Friedens AG gehört zur absolut größten dieser Gruppierungen

Der Sound des neuen deutschen Größenwahns

Menschen, die uns regieren – Menschen, die uns in den Krieg führen?

Von LEO ENSEL

Titelbild: Screenshot GlobalBridge

Unsere Politiker und Militärs tun nichts, um einen kommenden Krieg gegen Russland mit aller Macht gerade noch zu verhindern. Sie reden ihn, im Gegenteil, auch noch munter herbei! Aus der Perspektive des Friedensgebotes unserer Verfassung folgt zwingend: Sollten diese Leute nicht wissen, was sie tun, so sind sie katastrophale Fehlbesetzungen. Wissen sie aber, was sie tun, sollte man sie schleunigst dorthin beordern, wo sie hingehören. In jedem Falle sind sie gemeingefährlich!

Nehmen wir uns einen Moment Zeit und überlegen wir uns, was das eigentlich für Menschen sind, von denen wir regiert werden – und von denen in höchstem Maße die Zukunft von uns allen abhängt! Schauen wir noch gar nicht auf ihre Taten – biblisch gesprochen: die Früchte, an denen wir sie ja spätestens erkennen werden –, hören wir uns einfach nur an, was und wie sie reden. Früher oder später werden sie sich entsprechend verhalten – wenn sie können!

Die Politiker …

Friedrich Merz, Bundeskanzler

„Frieden gibt‘s auf jedem Friedhof.“ – „Deutschland sollte die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern an die Ukraine unterstützen.“ – „Angesichts der Bedrohungen unserer Freiheit und des Friedens auf unserem Kontinent muss jetzt auch für unsere Verteidigung gelten: Whatever it takes.“ – „Die Bundeswehr soll konventionell zur stärksten Armee Europas werden.“ – „Das wird uns die Bereitschaft zu Aufbruch, Veränderung und, ja, auch zu Opfern abverlangen. Und zwar nicht eines Tages, sondern jetzt.“ – „Angesichts der russischen Bedrohung muss Deutschland eine ‚Sprache der Stärke‘ wählen.“ – „Wir haben Moskau ungeahnte Verluste und Kosten aufgezwungen.“ – „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden.“ – „Nie wieder werden wir Deutsche allein gehen.“ (In einen Krieg.) – „Ich habe keine Veranlassung, Putin an irgendeiner Stelle Glauben zu schenken.“ – „Er ist ein Kriegsverbrecher. Es ist vielleicht der schwerste Kriegsverbrecher unserer Zeit, den wir zur Zeit im großen Maßstab sehen. Und wir müssen uns einfach darüber im Klaren sein, wie man mit Kriegsverbrechern umgeht. Da ist Nachgiebigkeit fehl am Platz.“ (Um Missverständnisse auszuschließen: Gemeint war der russische Präsident, nicht der Ministerpräsident eines befreundeten Landes im Nahen Osten!) – „Dieses Land befindet sich zur Zeit unter dieser Führung auf dem Tiefpunkt der tiefsten Barbarei.“ (Russland, nicht Deutschland!) – „Wenn Putin jetzt nicht gestoppt wird, dann macht er weiter. Und dann ist nicht nur die Ukraine in Gefahr.“ – „Wir stehen geschlossen hinter der Ukraine und unterstützen sie unerschütterlich bei der Verteidigung ihrer Freiheit, Souveränität und territorialen Integrität.“ – „Wir müssen wir den Druck auf Russland aufrechterhalten. Wir müssen ihn sogar erhöhen.“ – „Russland wird diesen Krieg nicht gewinnen.“

Johann Wadephul, Außenminister

„Unsere Analyse ist und wird auf absehbare Zeit bleiben, dass wir Sicherheit in Europa nur als Sicherheit vor Russland bekommen.“ – „Solange Putins Bomben fallen, werden wir weiter Druck auf Russland machen.“ – „Russland wird immer ein Feind und eine Gefahr für unsere europäische Sicherheit sein.“

Boris Pistorius, Verteidigungsminister

„Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein.“ – „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im kompletten Frieden.“ – „Wir brauchen einen Mentalitätswandel in Deutschland.“ – „Russland hat eine Phase der Schwäche.“ – „Russland rüstet sich für einen weiteren Krieg.“ – „Deutschland muss wehrhaft und resilient sein.“ – „Die Bedrohungslage erlaubt keinen Aufschub.“ – „Alles, was aus Deutschland geliefert wird und Ziele im russischen Hinterland angreift, kann eingesetzt werden.“ (Von der Ukraine.)

Lars Klingbeil, Finanzminister

„Es kann und wird mit Russland keine Rückkehr zum Status quo vor dem Krieg gegen die Ukraine geben.“ – „Heute geht es darum, Sicherheit vor Russland zu organisieren.“ – „Die Menschen in unserem Land sind bereit, Opfer zu bringen.“

Roderich Kiesewetter (MdB)

„Russland ist ein Terrorstaat.“ – „Russland führt längst Krieg gegen Europa – nicht nur gegen die Ukraine.“ – „Die Ukraine muss den Krieg gewinnen, Russland muss ihn verlieren.“ – „Der Krieg muss nach Russland getragen werden. Nicht nur Ölraffinerien, sondern Ministerien, Kommandoposten, Gefechtsstände.“ – „Warum machen wir so weiter wie bisher und ertragen sogar ein ‚Russisches Haus‘ im Herzen Berlins, statt diese Diktatur- und Terrorfiliale zu enteignen und zu schließen?“ – „Das strategische Ziel Europas muss die bedingungslose Kapitulation Russlands sein.“ – „Europa muss daher konsequent auf eine ‚Stunde Null‘ Russlands hinarbeiten. Diese muss mit einer Verfolgung und Ahndung der Kriegsverbrechen einhergehen, und sie sollte der Anfang eines Prozesses sein, in dem der russischen Bevölkerung die Tragweite der russischen Verbrechen verdeutlicht wird.“

Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident

„Es geht nicht allein um das Territorium der Ukraine, es geht um den im doppelten Sinne gemeinsamen Grund unserer Werte und unserer Friedensordnung. Diese Werte zu verteidigen und für sie einzustehen, bedeutet aber auch die Bereitschaft, empfindliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Sind wir dazu bereit?“

Martin Jäger, Präsident des Bundesnachrichtendienstes

„Wir dürfen uns nicht zurücklehnen in der Annahme, ein möglicher russischer Angriff käme frühestens 2029. Wir stehen schon jetzt im Feuer. In Europa herrscht bestenfalls ein eisiger Friede, der punktuell jederzeit in heiße Konfrontation umschlagen kann. Wir müssen uns auf weitere Lageverschärfungen einstellen.“ – „Wir müssen unsere Gegner konfrontieren, wo immer dies nötig ist. Wir werden gezielt und konsequent höhere Risiken eingehen.“

Marc Rutte, NATO-Generalsekretär

„Europa wird kräftig zur Kasse gebeten werden – das sollte es auch – und es wird dein Sieg sein.“ (Mail an Donald Trump im Vorfeld des NATO-Gipfels 2025.) – „Together, we will make our Alliance stronger, fairer and more lethal.“ – „Die Heimatfront und die Frontlinie sind jetzt ein und dasselbe.“ – „Russland bereitet sich auf eine langfristige Konfrontation vor.“ – „Wir sind Russlands nächstes Ziel.“ – „Wir müssen uns auf ein Ausmaß von Kriegen vorbereiten, wie sie unsere Großeltern und Urgroßeltern ertragen mussten.“

Ursula von der Leyen, EU-Kommissionsvorsitzende

„Wir müssen Europa dringend wieder aufrüsten.“ – „Wir gehen sogar davon aus, dass die Verteidigungsinvestitionen in Europa bis 2028 die von den USA im letzten Jahr getätigten Investitionen übertreffen werden.“ – „Er ist ein Raubtier. Wir wissen aus Erfahrung, dass er nur durch starke Abschreckung in Schach gehalten werden kann.“ (Gemeint war Wladimir Putin.) – „Europa befindet sich in einem Kampf!“ – „Sie stellen sich auf die neue Realität eines vollumfänglichen Krieges hier auf europäischem Boden ein.“ (Zu Vertretern der Rüstungsindustrie im Rahmen des NATO-Gipfels 2025.)

Kaja Kallas, EU-Außenkommissarin

„Wir sollten Russlands Stärke nicht überschätzen und unsere eigene nicht unterschätzen.“ – „Schwäche provoziert ihn.“ (Putin) – „Die Niederlage Russlands wäre kein Nachteil. Das Land besteht aus vielen verschiedenen Nationen und nach dem Krieg könnten daraus separate Staaten entstehen. Es wäre vorteilhaft, wenn eine Großmacht deutlich an Größe verliert.“

Manfred Weber, EVP-Vorsitzender

„Wie wär‘s denn, wenn so eine Provokation kommt, und wir wären in der Lage, mit Cyberangriffen mal für einen Tag die Moskauer U-Bahn stillzustellen?“

Theo Francken, Verteidigungsminister Belgiens

„Putin sagte dasselbe, als Finnland und Schweden der Nato beitraten, als wir Panzer, Raketen und F-16 lieferten. Das war auch für Putin eine rote Linie, aber was tat er? Nichts. Er weiß: Wenn ich Atomwaffen einsetze, wird Moskau von der Landkarte gewischt. Dann ist das Ende der Welt nahe.“ (Zur Frage, ob die Frage der Lieferung amerikanischer Tomahawk-Marschflugkörper einen dramatischen Wendepunkt im Ukrainekrieg darstellen würde.)

… und ihre Militärs

Carsten Breuer, General (Generalinspekteur der Bundeswehr)

„Die Lage ist bitterernst.“ – „Wir müssen wieder über Krieg nachdenken. Das haben wir zu lange nicht gemacht. Wir haben es häufig anderen überlassen.“ – „Wir leben in einer dämmrigen Übergangszeit, in der es noch nicht Krieg, aber auch nicht mehr ganz Frieden ist.“ – „Kriegstüchtigkeit ist ein Prozess, den wir durchlaufen werden. Aber wir haben nicht endlos Zeit dafür.“ – „In fünf Jahren müssen wir kriegstüchtig sein.“

Christian Freuding, Generalleutnant (Inspekteur des Heeres)

„Es war eine unglaublich erfüllende Aufgabe, daran mitzuwirken, die Ukrainer in ihrem Kampf zu unterstützen!“ – „Für uns ist immer am Wichtigsten, dass dieser Krieg echt ist!“ (Der in der Ukraine.) – „Wir müssen vorbereitet sein. Wir müssen kampfbereit sein.“ – „Wir brauchen Waffensysteme, die weit in die Tiefe des russischen Raumes reichen, die angreifen können: Depots, Führungseinrichtungen, Flugplätze, Flugzeuge. Auch Deutschland ist bereit, der Ukraine solche Waffensysteme zur Verfügung zu stellen.“ – „Ich will für ein Heer arbeiten, das bereit ist zum Kampf, das sich durchsetzt, das gewinnt.“ – „Ich will, dass wir hier mit dieser Brigade erfolgreich sind. Dass Sie kriegstüchtig ausbilden und dass Sie siegen können, wenn es darauf ankommt!“ (Zur Panzerbrigade 45 in Litauen.) – „2029 ist kein deutscher Zeitplan. Es handelt sich um von der NATO bestätigte Geheimdienstinformationen.“ – „Alles für die Freiheit aufzugeben, das ist Freiheit!“

Jürgen-Joachim von Sandrart, Generalleutnant a.D.

„Wir haben keine Zeit. Wir können nicht mehr zehn Jahre darüber nachdenken und diskutieren, ob wir unsere Mentalität ändern wollen. Wir müssen gleichzeitig auch selber davon überzeugt sein, dass wir gewinnen, wenn wir uns verteidigen.“ – „Wir müssen die Entscheidung so früh wie möglich suchen. Wir müssen den Kampf zum Gegner tragen. Wir dürfen für Russland nicht berechenbar sein, sonst ist Abschreckung schwierig zu erreichen. Es darf keine roten Linien geben, die Russland einkalkulieren kann.“

Christoph Huber, Brigadegeneral (Kommandeur der Panzerbrigade 45 in Litauen)

„Wir haben einen glasklaren Auftrag. Wir deutsche Soldaten haben einen Eid geschworen: Recht und Freiheit tapfer zu verteidigen. Und das bedeutet, dass wir im Verteidigungsfall diesen Auftrag ohne Zweifel erfüllen.“ (Antwort auf die Frage, ob Bundeswehrsoldaten bereit wären, Russen zu töten.)

Christian Badia, General a.D.

„Die Nato ist kein defensives Verteidigungsbündnis und hat nur defensive Waffen. Wir müssen offensiv gehen.“

Eberhard Zorn, General a.D.

„Es könnte heute Abend sein.“ (Ein Angriff Russlands.)

Holger Neumann, Generalleutnant (Inspekteur der Luftwaffe)

„Wir sind bereit, heute Nacht gegen Russland zu kämpfen!“ (Just eine Woche vor dem 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion.) Im Falle eines (russischen) Angriffs würde die deutsche Luftwaffe „verheerende Luftschläge auf dem russischen Territorium durchführen.“ Konkrete Ziele: die Exklave Kaliningrad, die Militärflotte am Schwarzen Meer sowie die Atomwaffenstützpunkte auf der Kola-Halbinsel.

Und der Souverän?

Zur Erinnerung: Die Rede ist hier von einem möglichen Krieg gegen eine Atommacht, den man offenbar bereits als schicksalsgegeben hinnimmt, wenn nicht im Tiefsten sogar will! (Von Deeskalation, Kriegsverhinderung oder gar Diplomatie war hierzulande jahrelang nie etwas zu hören.) Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass diese ebenso ein- wie ungebildeten Leute früher oder später genau das tun werden, was sie jetzt schon so vollmundig versprechen. Friedensgebot des Grundgesetzes? Der Eid, Schaden vom deutschen Volke abzuwenden? – So what!

Klinische Beispiele eines neuen deutschen – nein: EU-europäischen – Größenwahns.

Der Souverän dieses Staates sollte diese Menschen schnellstmöglich entmachten, bevor sie irreversible Fakten geschaffen haben, die man sich nicht ausmalen mag!

Leo Ensel

Dr. Leo Ensel („Look at the other side!“) ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Veröffentlichungen zu den Themen „Angst und atomare Aufrüstung“, zur Sozialpsychologie der Wiedervereinigung sowie Studien über die Deutschlandbilder im postsowjetischen Raum. Im Neuen West-Ost-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens. – Der Autor legt Wert auf seine Unabhängigheit. Er fühlt sich ausschließlich den genannten Themen und keinem nationalen Narrativ verpflichtet.
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Erstveröffentlicht auf GlobalBridge v. 27.6. 2026
Collage des neuen deutschen Größenwahns

Wir danken für das Publikationsrecht.

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