Befreiungstag

Peter Jüriens, 8.Mai 2025

Der 8. Mai ist der Tag der Befreiung vom Faschismus. 1945 WAR das so, und egal wie sich die Mächte von damals heute gerieren, das IST auch heute noch der historische Fakt. Es gibt dabei einige Unstimmigkeiten, die mehr den Umgang mit den Gegebenheiten betreffen als diese selbst.

Zum einen zu den Lorbeeren: Diese vor allem auf US-amerikanischen Häuptern zu sehen, ist Geschichtsfälschung. Es bedurfte aller Teile der Allierten, insbesondere was Rohstoffaustausch anging, um das Nazireich niederzuwerfen, die größten menschlichen Opfer erbrachte dabei ohne jeden Zweifel die Rote Armee. Die wichtigsten Eroberungen und militärischen Siege der Roten Armee sind es, die den Fall des Nazireiches demarkieren. Und auch dafür gilt: Es ist DENNOCH allen beteiligten Nationen zu danken, daß ein Regime der Schlächter und Rassisten, der Faschisten und der Barbaren endete.

Die Toten wiegen nach wie vor schwer, auch auf der lebenden Generation. Das Bild Deutschlands ist unauslöschbar ein Anderes nach der massenmörderischen, entfesselten Barbarei der sich „übermenschlich“ oder „herrenrassisch“ Wähnenden.

Dann zur differenzierteren Sichtweise des Wortes Befreiung… DURCH wen die damaligen Deutschen befreit wurden, ist geklärt – wer von was und wem unter welchen Umständen befreit wurde aber noch nicht ganz zu zum Beispiel meiner Zufriedenheit.

Wie mein Freund Blumenbaum völlig richtig schrieb: „So richtig wurden die Täter doch gar nicht besiegt; die meisten durften danach unbehelligt weitermachen wie bisher. Dank der Installation eines Rentensystems namens Generationenvertrag konnten sie sich sogar schon sofort wieder den gewohnten Luxus leisten, obwohl das Land in Schutt und Asche lag.“

Exakt das.

Die Mehrheit der Bevölkerung im Nazireich war übrigens (zumindest nach dem 2. Kriegsjahr) ebenso unbegeistert und auch untätig wie es die deutsche Bevölkerung heute ist, was den 8,5 Millionen Parteigängern der NSDAP ausreichte, 13 Jahre lang 1000jährig zu spielen.

Befreit wurden allerdings die, die zuvor getötet, eingeknastet, exiliert wurden.. die, die im Lande lebten und die Diskriminierungen der nicht ganz so tödlichen Art erdulden mussten, die sich verstellen oder verstecken mussten, und alle die aus Angst schwiegen.

Die Wahrheit ist, daß es eine Täternation war, und daß das Wort „Tätervolk“ teilweise half, das Gewünschte zu erreichen:

  • Die Umverteilung klar festzumachender Schuld von den wenigen Schultern, die weiter Karriere machen durften, auf die vielen, die darum dazu die Fresse hielten, und
  • Ein revisionistisches und revanchistisches Ressentiment zu verfestigen. Es GIBT – das ist nur meine Meinung – NUR Individuen, und dann noch wozu sich diese freiwillig assoziieren. Daß die 8,5 Millionen Parteimitglieder der NSDAP so gut wie keine Konsequenzen aus dieser ihrer Entscheidung erlitten, daß aber zehnmal so viele Deutsche auch nach deutscher Diktion plötzlich EBENSO schuldig waren wie der GANZE Naziapparat – Das ist einer der Kernschätze der deutschen Rechten

Ein weiterer ist die These, daß die BRD (wie es auch die DDR war) ein dauerhaft unsouveränes Land werden musste, oder daß dies heimlich, zum Beispiel vermittels nicht geschlossener Friedensverträge oder bestehenbleibender Besatzungsrechte geschah. So sehr das die deutsche Rechte befeuert, so wenig schrecklich erscheint dieser Gedanke, wenn man sich ein NEUTRALES Deutschland vorstellt. So mancher würde ein nichtsouveränes Deutschland sogar begrüßen.

Es gibt aber auch dabei einige massive Probleme.

  • 1. Was, wenn die die Uns anstatt Unserer selbst verträten selbst zu Massenmord und Krieg neigten und Uns dazu benutzten?
  • 2. Welche Energien setzt es in der Bevölkerung frei, wenn ein unfreier Zustand ruchbar wird? Wer wird diese Energien nutzen? Und natürlich
  • 3. ALLE Herrschaft ist SCHLECHTE Herrschaft.

Es waren unter anderem die wenigen überlebenden deutschen Anarchisten, die SOFORT auf eine totale Demilitarisierung und die Neutralität Deutschlands drängten… sie blieben, wie ja meist, ungehört und galten als höchst ungehörig mit dieser Position… solange aber IRGENDWER ein militarisiertes Deutschland beHERRSCHT – Ist es HILFSTRUPPE, Eskalator, Ruhestörer, ein potentiell auf dem Schlachtfeld herumstehendes oder jeden Ort in ein solches verwandelndes dauergetriebenes Völkchen. Das ist seit den Römern so, wobei frühere Zeugnisse vermutlich einfach fehlen.

Ob dabei teutsche Söldner oder nur deutsche Waffen die geleistete Arbeit versinnbildlichen dürfen, oder ob hochoffiziell die Bundeswehr Brunnenbohr- und Schulbaubomben anfordert oder Rucksacktouristen mit G36 hinzugibt ist dabei sekundär.

Es bleibt ein Tag, dankbar zu sein, in historischer Hinsicht….Und HÖCHST ALARMIERT, was das HEUTE betrifft.

Allen ausser den Faschisten einen schönen 8. Mai! – der bezeichnenderweise KEIN gesetzlicher Feiertag ist. Man sollte nach der Revolution erwägen, die komplette Woche vom 1. bis zum 8. Mai zu feiern… das gäbe auch angemessen viel Zeit, sich zu besinnen.

Wir danken für das Publikationsrecht

Titelbild : Collage Peter Vlatten

Mainstream titelt:“Die Linke als Kanzlermacherin“ – – Oops?

Ferat Koçak, Bundestagsabgeordneter der Partei die LINKE aus Berlin Neukölln, freut sich noch über das Scheitern von Friedrich Merz im ersten Wahlgang und jubeliert: „Merz blamiert! Merz hält Wort – erste erfolgreiche Zurückweisung an der Grenze zum Kanzleramt!“

Und Ole Nymoen hatte gerade seine triumphale Eilmeldung zur gescheiterten Kanzlerwahl von Merz rausgehauen. „Christian Lindner nicht mehr Deutschlands frechster Arbeitsloser.“

Da kungeln fast zeitgleich LINKE Partei- und Fraktionsspitze mit den Regierungsparteien aus, wie durch eine Zweidrittelmehrheit die Geschäftsordnung des Bundestags geändert werden kann, um die Wahlschlappe dieses „übelsten Kapitalistenvertreters“ schnellstmöglich auszumerzen!

Der linke Blogger Fabian Lehr fragt irritiert: „Ines Schwerdtner twittert ‚An uns hat es nicht gelegen‘, Bodo Ramelow schäumt, so etwas dürfe sich im Sinne der Stabilität des Landes nicht wiederholen. Soll das jetzt ernsthaft heißen, die LINKE hat für Merz gestimmt oder versteh ich was falsch? Wo findet man eine Erklärung zum Abstimmungsverhalten? Ich finde auf den Accounts von LINKE-Spitzenpersonal nur kryptische Botschaften.“

Die Tagesschau meldet am Nachmittag Vollzug: „Dann kam am frühen Nachmittag doch die Einigung auf einen zweiten Durchgang zustande. Dazu änderte der Bundestag mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit die Geschäftsordnung, um die Wahl noch heute möglich zu machen. Die Fraktionen von Union, SPD, Grünen und Linken hatten dies gemeinsam beantragt.“

Merz konnte dann noch gestern am gleichen Tag im zweiten Wahlgang gewählt werden, um seine Kanzlersschaft wie geplant anzutreten. Eine bürgerliche „Staatskrise (oh Schreck und Graus) konnte gerade noch verhindert werden.“

Die Inszenierung Merz’ als Kanzler, der aufräumt und das deutsche Kapital in Europa und der Welt mit starker Hand zum Erfolg führen will, hat aber – trotz rascher Schadensbegrenzung – deutliche Blessuren bekommen.

Die Linke als Kanzlermacherin: Merz ist ihr zu Dank verpflichtet“, titelte am Abend der Berliner Tagesspiegel. Die „Frankfurter Rundschau“ meldet, dass für die Veränderung der Geschäftsordnung ein Deal zwischen der Union und den Linken ausgehandelt wurde. Ausgehandelt durch Spitzenpersonal der CSU. Die Linke Fraktionsvorsitzende Reichinnek blinzelte in diverse Kameras und sagte sinngemäß, dass ihre Fraktion immer dazu bereit stünde einen vernünftigen Ablauf im Parlament zu gewährleisten. Dafür erwarte man nun aber auch Gegenleistungen. Welche das sind, darüber durfte dann trefflich in den Abendtalkshows spekuliert werden. Nach soviel „Gemeinsamkeit“ müssten CDU/CSU ihren Unvereinbarkeitsbeschluss mit der Partei die LINKE zur Disposition stellen. Eine Zusammenarbeit wie mit dem BSW müsste doch auch mit dieser Linken möglich sein.

Bittere, aber auch kontroverse Kommentare aus der Linken Szene:

Kann mir das mal jemand erklären? Wollte Reichinnek nicht gestern noch den Kapitalismus stürzen? Heute hilft die Linke dem bösesten Kapitalisten im Land ins Amt. [1]Linke: Demokratie „ernsthaft bedroht“ – Heidi Reichinnek ruft zu Sturz des Kapitalismus auf – WELT (Marco Gasch)

Eine linke Partei mit einem Hauch Selbstachtung müsste natürlich offensiv kommunizieren, Merz auf jede mögliche Weise zu sabotieren. (Fabian Lehr)

Echt traurig, dass die Linkspartei nicht einmal schafft zu sagen, dass jeder Tag ohne Merz als Kanzler erstmal positiv zu bewerten ist. Dieses staatstragende Gefasel und der vorauseilende Gehorsam ist nur peinlich. Selbst aus reformistischer Perspektive müsste das doch peinlich sein. (Jens Feldmann)

RND 7.Mai 2025

Bei der Linkspartei offenbart sich ihre eigene innere Widersprüchlichkeit. Während der Leitantrag zum Bundesparteitag verspricht, Kurs auf die Schaffung einer Klassenpartei hin zu einer sozialistischen Mitgliederpartei zu nehmen, vermag und will sich offenbar nicht nur der Regierungssozialist Bodo Ramelow den Sorgen der bürgerlichen Klasse um ihr Parlament, um ihre politische Herrschaftsform, nicht verschließen. (Martin Suchanek)

Die Dinge sind eindeutig. Die Linke fühlt sich als ein Teil des politischen Establishments – also mindestens die Partei- und Fraktionsspitze – und genau so agiert sie. (…) Genau wie vorher auch die Zustimmung zu den Kriegskrediten im Bundesrat. Wenn das jetzt keinen Aufschrei auf dem bevorstehenden Bundesparteitag am Wochenende ergibt, dann weiß ich wirklich nicht, ….“ (Andreas Grünwald)

Wäre zum Schluss noch anzumerken: eine Unterstützung von Merz ist mitnichten ein Beitrag zur Errichtung einer Brandmauer gegen die AFD.

Thies Gleiss, ergrauter Sprecher der antikapitalistischen Linken in der LINKEN aber winkt ab statt aufzuschreien und erklärt die Kritik für „STILLE POST DES SCHWACHSINNS…“ vom Erzfeind BSW. Seine Begründung: „Der LINKEN ging es vordergründig darum, zu verhindern, dass am Freitag, wo wir Parteitag haben, abgestimmt wird. Als nur Fernsehbeobachter der aufgemischten Stimmung im Bundestag nach dem ersten Wahlgang kann ich als alter Radikalinski-Taktiker allerdings nur bekräftigen, dass es am besten wäre, wenn sofort neu abgestimmt wird. Jede Stunde, die verstreicht, ist für die Peitschenschwinger in den Koalitionsfraktionen nützlich, ihre Abweichler:innen auf Linie zu bringen. Was dann ja auch geschehen ist. Es gibt wie immer unterschiedliche Motive für solche Handlungsentscheidungen (und der Auftritt von Ramelow als Riesenstaatsmann war eher zum Lachen), aber aus meiner, antikapitalistischen, linksradikalen Sicht war das Verhalten der LINKEN-Fraktion sehr richtig.“

Gleiss erhält heftigen Widerspruch, auch aus dem eigenen Umfeld:

Wäre schon ne Möglichkeit gewesen zu sagen: Pech gehabt cduspd, ihr habt euren Laden nicht im Griff und wir stehen in klarer Oposition zu diesem Bündniss , das Ausgrenzt, Abschiebt, soziale Errungenschaften schleift. Macht euren Scheiß, aber macht ihn ohne uns. Es ging um ne Haltungsfrage, die hätte man einnehmen können und letztlich hat man ja eine Haltung eingenommen: im Zweifelsfalle sind wir in „Gefahr und höchster Not“ im Boot. Was ich aber richtig merkwürdig finde ist die Nummer, es ist uns gelungen den „Unvereinbarkeitsbeschluß“ der cdu zu kippen. Das ist einfach blöd. Warum haben wir eigentlich keinen eigenen Unvereinbarkeitsbeschluß?(Olaf Zimmer)

„Mehr Klassenbewusstsein wagen“ passt nicht zusammen mit „Mehr CDU Zusammenarbeit“. ( Bernd Rave)

< ironie> alles nicht so schlimm aus linksradikaler Sicht, stell dir mal vor diese ganzen klassenbewussten, linksradikalen Abgeordneten hätten etwa Freitag wählen müssen und nicht am Parteitag teilnehmen können. Die paar Basisdelegierten ohne wichtige Mandate mit Staatsknete wären doch garnicht in der Lage gewesen Beschlüsse zu fassen. Nun herzte und so weiter Barrikaden Heidi den BlackRocker und wird dann eben im Mai mit Merz den Kapitalismus stürzen nachdem sie Merz gestützt hat. (Bernd Brelja)

Es ist doch eher so, dass jeder weitere Tag die Diskussion um Merz als Kanzlerkandidaten weiter entflammen und ihm dadurch mehr schaden als nutzen würde. (…) Wir sabotieren die Regierung Merz, wo wir nur können. Jeder Tag ohne Merz als Kanzler ist erstmal ein guter Tag. (..) Offensichtlich geht es der Linksfraktion aber gar nicht darum, sondern vielmehr darum, sich selbst hoffähig zu machen für eine künftige rot-rot-grüne oder gar eine Volksfrontregierung mit der CDU. Anders kann man die Kommentare von Schwerdtner und Ramelow gar nicht bewerten. Das ist einfach ein weiterer Schritt in Richtung bürgerliches Establishment, wie zuvor schon die schändliche Abstimmung gemeinsam mit AfD, CDU und co. zur Unterstützung Israels im Gaza-Genozid und die Verweigerung, den neuen Bundestag schneller einzuberufen bzw. zumindest im Bundesrat gegen die grenzenlose Aufrüstung zu stimmen. (Jens Feldmann)

Ich finde, es wäre keine sinnlose „Fundamentalopposition“ (als Selbstzweck) gewesen, den Blackrock-Lobbyisten und Turbokapitalisten Friedrich Merz länger als 1 Tag zappeln zu lassen. (Detlef Hertz)

Fazit: trotz heftigen Widerspruchs, es trügt die Hoffnung wohl ein weiteres Mal, dass sich von einer antikapitalistischen Basis ausreichend Widerspruch regt und sich auf dem Parteitag ein konsequent antikapitalistischer Kurs mit dafür geeignetem Personal durchsetzt.
PS: Dobrindt ordnet an: Asyl-Stopp an allen Grenzen- SOFORT! Es konnte ja einigen nicht schnell genug gehen!

Titelbild:Collage Peter Vlatten

„Kriegstüchtig wie nur je“? Von Zeitenwende, Kriegstüchtigkeit und Heimatschutz

Inzwischen gibt es eine weit verzweigte Diskussion über die „Brandmauer“. Handelt es sich nicht eher um eine Gummiwand, bei der sich Diskurs und politische Praxis der regierenden Parteien der sogenannten Mitte immer weiter nach Rechts verschieben? Wird nicht gerade die wichtigste Lehre nach 1945 – „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg! Das gehört zusammen!“ – von den herrschenden Parteien mit Füßen getreten? Das gilt auch für den Schwur, nie wieder einen militärisch-industriellen Komplex als ökonomische Basis für ein faschistisch imperialistisch agresssives Regime in Deutschland zu dulden. Die aktuelle Praxis, einen dominanten industriellen Hochrüstungskomplex mit finanziellen Mitteln ohne Limit aufzubauen, ist das Gegenteil. Kriegstüchtig ist mehr als Verteidigungsfähig. Extensiver Militarismus frisst sich in die gesamte Gesellschaft und geht mit Rechtsextremismus schwanger. Militarismus bedarf letztlich überzeichneter Feindbilder, nach außen, aber auch nach innen, bedarf der Sündenböcke, der Bereitschaft Gegner zu töten. Und vermeintliche „Verräter“ müssen ausgegrenzt bis schließlich physisch ausgemerzt werden. Karim Akerma hat jetzt einige der Kernbegriffe der „Zeitenwende“ unter die Lupe genommen. Seine Recherchen fördern Bedenkliches zu Tage. Wortschatz und damit Geist der Nazizeit miefen wieder – ganz Staatsräson und auch hochoffziell – durch unser Land. (Peter Vlatten)

„Kriegstüchtig wie nur je“? Von Zeitenwende, Kriegstüchtigkeit und Heimatschutz

Karim Akerma, 3. Mai 2025, Tabularasa

„Zeitenwende“ – dieses Wort brachte Olaf Scholz im Februar 2022 im Anschluss an die russische Invasion in die Ukraine in Umlauf. Das Wort klang unerhört fundamental. Wie etwas, das unweigerlich über uns kommt. Nach abgründiger Ahnung um die Tiefen des Seins. Nach Heidegger und Geschick, nicht nach Menschengemachtem.

Was hat es mit dieser ominösen Zeitenwende auf sich? Eine Konturierung des Begriffs lieferte Verteidigungsminister Boris Pistorius, als er sich anschickte, eine neue „Kriegstüchtigkeit“ zu verlangen: Am 29. Oktober 2023 sagte Pistorius in der ZDF-Sendung Berlin direkt:

„Wir brauchen einen Mentalitätswechsel. In der Truppe, da ist er in vollem Gange. (…) Wir müssen uns wieder an den Gedanken gewöhnen, dass die Gefahr eines Krieges in Europa drohen könnte, und das heißt, wir müssen kriegstüchtig werden, wir müssen wehrhaft sein und die Bundeswehr und die Gesellschaft dafür aufstellen.

Mit dieser Aussage konkretisierte Pistorius den bis dato recht auslegungsoffen gebliebenen Befund seines Kanzlers. Jetzt zeichnete sich ab, dass es die „Kriegstüchtigkeit“ war, die im perspektivischen Fluchtpunkt der Zeitenwende lag. Dem mythischen Ei der Zeitenwende war etwas nicht minder Archaisches entschlüpft: der Wille zum Krieg.

Nun steht die Forderung nach „Kriegstüchtigkeit“ zum einen in eklatantem Widerspruch zum Friedensgebot des Grundgesetzes. Letzterem zufolge gab sich das deutsche Volk sein Grundgesetz, um

„… in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen …“

Zum anderen knüpft der Ruf nach „Kriegstüchtigkeit“ unmittelbar an einen ausgiebigen Wortgebrauch in der Zeit des Nationalsozialismus an, wodurch der Begriff für alle Zeiten naiver Verwendbarkeit entzogen worden war. In seinen digital ohne Weiteres zugänglichen Tagebüchern bedient sich Reichspropagandaminister Goebbels des Unwortes „Kriegstüchtigkeit“ über Jahre hinweg:

  1. November 1942

Mit Blick auf deutsche Soldaten, die sich in Kriegsgefangenschaft befinden notiert Goebbels:

„Man soll im Kriege nicht vom Frieden reden, (…) es liegt im Interesse unserer Gefangenen, dass wir den Krieg gewinnen und dafür tüchtig und innerlich abwehrbereit bleiben und nicht durch vorzeitige Sentiments die Kriegstüchtigkeit des deutschen Volkes vermindern.“

Man erinnere sich, dass Friedens-Aspirationen zu Beginn des Ukrainekriegs öfters mit der Bemerkung zurückgewiesen wurden, es sei jetzt nicht die Zeit, über Frieden zu reden.

  1. Mai 1943

Nachstehend konstatiert Goebbels, dass ein „Mentalitätswechsel“ zugunsten der Kriegstüchtigkeit längst abgeschlossen und konsolidiert sei. Den vollzogenen „Mentalitätswechsel“ nennt er „moralische Kriegstüchtigkeit“:

„Die moralische Kriegstüchtigkeit unseres Volkes an der Front und in der Heimat ist vollkommen unantastbar.“

l8. Juli 1943

Im Folgenden erläutert Goebbels, dass für vollumfängliche Kriegstüchtigkeit nicht allein die materielle Rüstung entscheidend ist, sondern eben auch die „Moral“ – dass Kriegstüchtigkeit immer auch eine Frage der „Mentalität“ ist:

„Neben dem Krieg der Waffen, der soeben in ein neues Stadium eingetreten ist, spielt sich ein erbitterter Krieg der Nerven ab. Er verdient mehr Beachtung, als ihm im allgemeinen geschenkt wird. Selbstverständlich können nur die Waffen die letzte Entscheidung bringen, aber dazu bedürfen sie einiger wichtiger Voraussetzungen, unter denen die Kriegstüchtigkeit der Moral von hervorragendster Bedeutung ist. Es wurde schon öfter darauf hingewiesen, daß wir den ersten Weltkrieg auf diesem Felde verloren haben, ein Beweis dafür, daß das Fehlen dieser Voraussetzung kriegsentscheidend sein kann.“

  1. August 1943

Goebbels sorgte sich nicht allein um die deutsche Kriegstüchtigkeit, sondern auch um diejenige der italienischen und japanischen Alliierten. Man müsse sich vergegenwärtigen, so Goebbels in seinem Tagebuch, „dass ein Wiederaufflammen der Luftoffensive gegen Italien die defaitistischen Strömungen im italienischen Volk wesentlich verschärfen und verstärken wird. Das italienische Volk ist nicht mehr als kriegstüchtig anzusprechen.“

  1. Juli 1944

Während Goebbels Italien bereits im August 1943 als kriegsuntüchtig abgeschrieben hatte, titelte das Nazi-Wochenblatt DAS REICH am 9. Juli 1944: „KRIEGSTÜCHTIG WIE NUR JE“. Unter dieser Überschrift findet sich ein Leitartikel von Joseph Goebbels namens „Der Krieg in der Sackgasse“.

  1. Juli 1944

Blieb die „Kriegstüchtigkeit“ unerreicht? Wenige Tage nach dem Anschlag auf Hitler am 20. Juli 1944 bemerkt Goebbels in einer Rede am 26.7.1944: „Ich verspreche dem deutschen Volke, nichts unversucht zu lassen, um in wenigen Wochen die Heimat in jeder Beziehung kriegstüchtig zu machen.“

  1. Juli 1944

Blieb die „Kriegstüchtigkeit“ unerreicht? Wenige Tage nach dem Anschlag auf Hitler am 20. Juli 1944 bemerkt Goebbels in einer Rede am 26.7.1944: „Ich verspreche dem deutschen Volke, nichts unversucht zu lassen, um in wenigen Wochen die Heimat in jeder Beziehung kriegstüchtig zu machen.“

  1. Januar 1945

Japan betreffend, den faschistischen Alliierten im fernen Osten, notiert Goebbels wohl zur Selbst-Beruhigung am 22. Januar 1945 im Tagebuch:

„Der japanische Reichstag ist zusammengetreten, um Reden des Ministerpräsidenten Koiso und des Außenministers Schigemitsu entgegenzunehmen. Diese Reden ergehen sich in allgemeinen Floskeln; aber sie sind verhältnismäßig kriegstüchtig.“

  1. März 1945

Unmittelbar vor der deutschen Niederlage findet sich in Goebbels Tagebucheintrag folgende Ausführung, die nicht etwa die unabweisliche Niederlage eingesteht, sondern allein die Kriegstüchtigkeit der deutschen Luftwaffe in Frage stellt:

„Es ist bezeichnend, dass in den Beratungen für den totalen Kriegseinsatz jetzt der Vorschlag gemacht wird, die gesamte Luftwaffe überhaupt abzuschaffen, und das, was von ihr an Kriegstüchtigkeit überhaupt noch übriggeblieben sei, auf die anderen Wehrmachtsteile zu übertragen.“

Der Befund, dass es sich bei „kriegstüchtig“ um einen durch die deutsche NS-Vergangenheit diskreditierten Begriff handelt, ist kaum von der Hand zu weisen. Dies wirft offene Fragen auf. Etwa: Wie ist es erklärlich, dass der deutsche Verteidigungsminister hartnäckig versucht, einem durch die Nazi-Vergangenheit unmöglich gewordenen Begriff von Untergang und Tod neues Leben einzuhauchen? Warum rückte er niemals von diesem Begriff ab? Weshalb hielt er selbst dann noch an diesem unsäglichen Begriff fest, als Kritik geäußert worden war? Pistorius verteidigte seinen ungeheuerlichen Wortgebrauch im Juni 2024 folgendermaßen: „Es ist notwendig, auch durch die richtigen Begriffe deutlich zu machen, worum es geht.“

Zeitenwende

Die wiedergeborene „Kriegstüchtigkeit“ erläuterte den mythischen Begriff der „Zeitenwende“. Auch dass Deutschland vor einer Zeitenwende stehe, hatte bereits Goebbels geraunt, als er sich am 24. Dezember 1942 in einer Rundfunkansprache an das deutsche Volk wandte: „Wir wissen, … dass wir an einer Wende der Zeit stehen …

„Zeitenwende“ und „Kriegstüchtigkeit“ sind durch die deutsche NS-Vergangenheit diskreditierte Begriffe. Es sind Unworte, von denen man annehmen durfte, dass sie mit dem Nationalsozialismus untergegangen waren. Insbesondere, dass sie jetzt in einem ähnlichen Verweisungszusammenhang wie in der NS-Zeit instrumentalisiert werden, ist skandalös. Und damit nicht genug: Fragen, die sich hinsichtlich Zeitenwende und Kriegstüchtigkeit stellen, müssen auch mit Blick auf den Begriff „Heimatschutz“ aufgeworfen werden.

Heimatschutz

Im aktuellen Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD steht geschrieben:

„Wir wollen die Reserve und den Heimatschutz weiter stärken …“

Nun war während der NS-Zeit der „Heimatschutz“ in der Slowakei eine der Waffen-SS unterstehende Organisation der deutschen Minderheit. Zeitweilig befehligte der Heimatschutz das KZ Sered. Ende September 1944 war der Heimatschutz in Bratislava an einer Razzia gegen Juden beteiligt. Und schließlich übernahmen im Oktober 1944 u.a. Angehörige des Heimatschutzes die Leitung einer sogenannten „Judensammelstelle“ in Bratislava.

Der Begriff Heimatschutz ist nicht nur durch die NS-Vergangenheit kontaminiert, sondern auch durch die jüngste deutsche Vergangenheit. So verkehrte der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) im „Thüringer Heimatschutz. – Laut Bundeszentrale für politische Bildung die militanteste Neonazi-Gruppierung Ostdeutschlands; so sprach sich die Partei „Der III. Weg“ für Heimatschutz aus; und schließlich benutzte auch die AfD– von der sich die Koalitionspartner doch distanzieren möchten – in ihrem Programm zur Bundestagswahl 2017 – an einer Stelle das Wort Heimatschutz. Die AfD verlangte bereits damals die Wiedereinführung der Wehrpflicht und notierte in ihrem Programm:

„Die allgemeine Wehrpflicht verwurzelt die Streitkräfte in der Gesellschaft. Dazu könnte der Wiederaufbau von Heimatschutzkräften oder ein Milizsystem nach Schweizer Vorbild mit kurzer Präsenzpflicht geeignet sein.“

Vielleicht weil es sich um einen diskreditierten Begriff handelt, gebrauchte die AfD den Begriff Heimatschutz 2017 nur an einer Stelle – und dann nicht wieder. Anders als der Koalitionsvertrag 2025, der hier keine Scheu an den Tag legt.

Die Verwendung eines derart belasteten Begriffes ist umso schäbiger, als man mit dem Koalitionsvertrag den Eindruck vermitteln möchte, alles nur Erdenkliche zum Schutz jüdischen Lebens in Deutschland zu tun: „Wir fördern die Vielfalt des jüdischen Lebens in Deutschland …“. Weit gefehlt, da man es nicht einmal für nötig hält, Worte aus einem Koalitionsvertrag und dem politischen Tagesgeschäft herauszuhalten, deren purer Klang einen halbwegs sensiblen Menschen schaudern lässt.

Bei alledem verfügt das Parlament über einen hervorragenden Recherche-Dienst – den Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestags. Eine souveräne Einrichtung wie der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags wird Anleihen beim Nazi-Vokabular kaum durchgehen lassen. Was die Frage umso lauter werden lässt, warum der schauderhafte Gesang von „Kriegstüchtigkeit“ und „Heimatschutz“ überhaupt ertönen konnte und gepflegt wird. Alles Nähere wird ein Untersuchungsausschuss des Bundestags zu klären haben – nicht zuletzt auch die Frage, ob ein Koalitionsvertrag Bestand haben kann, der Anleihen bei NS-Begrifflichkeiten macht.

Wir danken für das Publikationsrecht

Titelbild: Stopwatch, Time, Racetrack royalty-free stock illustratio, Quelle: jarmoluk, Pixabay License, Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig

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