Israels Krieg gegen Krankenhäuser

Von Chris Hedges, Übersetzung und Beitrag aus Nachdenseiten 29.11.23

Der US Journalist Chris Hedges ist renommierter Kenner von Nahost. Er hat dort jahrelang gelebt und über 15 Jahre als Korrespondent für die New York Times berichtet. Er ist Träger des berühmten US Pulitzer Preises für herausragende journalistische Arbeit und Beiträge.

Nachdenseiten schreibt : “ Chris Hedges prangert an: Israel gehe es darum, den Gazastreifen unbewohnbar zu machen. Dazu zähle die Zerstörung aller Krankenhäuser dort. Israels Botschaft sei eindeutig: Es gibt keine Sicherheit. Wer im Gazastreifen bleibt, stirbt.“

Israels Krieg gegen Krankenhäuser
Von Chris Hedges

Israel greift Krankenhäuser in Gaza an, nicht weil sie „Kommandozentren der Hamas“ sind. Israel zerstört systematisch und absichtlich die Infrastruktur von Gaza im Rahmen eines Feldzuges der verbrannten Erde, um den Gazastreifen unbewohnbar zu machen und eine humanitäre Krise zu eskalieren. Israel beabsichtigt, 2,3 Millionen Palästinenser über die Grenze nach Ägypten zu zwingen, von wo sie niemals zurückkehren werden.

Israel hat das Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt zerstört und nahezu leergefegt. Als nächstes ist das Indonesische Krankenhaus in Beit Lahia dran. Israel setzt Panzer und gepanzerte Personentransportfahrzeuge rund um die Klinik ein, hat das Gebäude beschossen und dabei 12 Menschen getötet.

Das Drehbuch ist bekannt. Israel wirft Flyer über einem Krankenhaus ab. Darin werden die Menschen dazu aufgefordert, das Gebäude zu verlassen, weil das Krankenhaus eine Basis von „terroristischen Aktivitäten der Hamas“ sei. Panzer und Granaten reißen Teile der Klinikwände weg. Krankenwagen werden von israelischen Raketen in die Luft gesprengt. Strom und Wasser werden unterbrochen. Die Arzneimittelversorgung wird blockiert. Es gibt keine Schmerzmittel, keine Antibiotika und keinen Sauerstoff. Die besonders verletzlichen Menschen, Frühchen in Brutkästen und Schwerkranke, sterben. Israelische Soldaten räumen das Krankenhaus und zwingen alle Menschen mit vorgehaltener Waffe, das Gebäude zu verlassen.

So geschah es im Al-Shifa-Krankenhaus. So geschah es im Al-Rantisi-Kinderkrankenhaus. So geschah es in Gazas Hauptklinik für psychiatrische Erkrankungen. So geschah es im Nasser-Krankenhaus. Das Gleiche geschah in den anderen Kliniken, die Israel zerstört hat. Und das Gleiche wird in den wenigen Krankenhäusern geschehen, die noch übrig sind.

Israel hat 21 der 35 Kliniken in Gaza dichtgemacht, darunter das einzige dortige Krebskrankenhaus. Die Krankenhäuser, die noch in Betrieb sind, leiden unter gravierenden Engpässen an Medikamenten und anderem Material. Eine Klinik nach der anderen wird plattgemacht. Bald sind keine medizinischen Einrichtungen mehr übrig. Und das geschieht mit Absicht.

Zehntausende verängstigte Palästinenser, die von Israel aus ihren Häusern gebombt wurden, suchen Zuflucht vor der unablässigen Bombardierung, indem sie in den Kliniken und drumherum campieren. Sie hoffen, dass medizinische Einrichtungen verschont werden. Hielte sich Israel an die Genfer Konventionen, lägen sie damit richtig. Doch Israel führt keinen Krieg. Israel verübt einen Völkermord. Und bei einem Völkermord wird eine Bevölkerung und alles, was sie zum Leben braucht, ausgelöscht.

wir berichteten zum Thema:

  "Sprache des Völkermords - keine leeren Worte"

“Bad cops of Berlin”: Demokratiedefizite – Willkür gegen Jüd:innen – Rassismusprobleme"

Als unheilvolles Vorzeichen dafür, dass sich Israel, nachdem es den Gazastreifen plattgemacht hat, gegen die Palästinenser im Westjordanland wenden wird, haben gepanzerte Fahrzeuge dort mindestens vier Krankenhäuser umzingelt. Im Ibn-Sina-Krankenhaus sowie im Ost-Jerusalem-Krankenhaus führten israelische Soldaten eine Razzia durch.

Israels kolonialer Siedlerstaat wurde auf Lügen begründet. Er wird mithilfe von Lügen erhalten. Und nun, da er finster entschlossen ist, sein schlimmstes Gemetzel und die schlimmste ethnische Säuberung an den Palästinensern seit der Nakba oder „Katastrophe“ von 1948 durchzuführen, der 750.000 Palästinenser zum Opfer fielen und im Rahmen derer jüdische Milizen um die 50 Massaker verübten, lässt es eine groteske Absurdität nach der anderen vom Stapel.

Israel spricht von den Palästinensern wie von einer entmenschlichten Masse. Es gibt keine Mütter, Väter, Kinder, Lehrer, Ärzte, Anwälte, Köche, Dichter, Taxifahrer oder Ladenbesitzer. Im israelischen Wörterbuch sind Palästinenser eine einzige Ansteckungsgefahr, die ausgerottet werden muss. Sehen Sie sich dieses Video von israelischen Schulkindern an, die singen: „Wir werden jeden auslöschen“ im Gazastreifen.

Die Hitlerjugend pflegte solche Lieder über Juden zu singen.

Jene, die sich anschicken, Massentötungen zu begehen, lügen, um ihre eigene Bevölkerung nicht zu demoralisieren, wiegen die Opfer in dem Glauben, dass sie nicht alle vernichtet werden, und verhindern, dass Kräfte von außen eingreifen.

Die Nazis behaupteten, dass die Juden in den Zügen Richtung Vernichtungslager ein Arbeitskommando wären und medizinisch gut versorgt und angemessen verpflegt würden. Die Schwachen und Älteren würden in Ruhezentren versorgt. Die Nazis schufen sogar ein Schau-Lager für die „Umsiedelung“ von Juden in den Osten – Theresienstadt –, an dem internationale Organisationen wie das Rote Kreuz sehen konnten, wie human man die Juden behandelte, während Millionen vernichtet wurden.

Mindestens 664.000, möglicherweise sogar 1,2 Millionen Armenier wurden massakriert oder starben aufgrund von Unterkühlung, Krankheiten und Hunger während des Genozids, den das Osmanische Reich zwischen Frühjahr 1915 und Herbst 1916 verübte. Der Völkermord an den Armeniern war genauso öffentlich wie der Völkermord in Gaza. Europäische und US-Außenvertretungen lieferten detailreiche Berichte über die Kampagne zur Säuberung der modernen Türkei von den Armeniern.

Die osmanische Regierung, im Bemühen, den Genozid zu verbergen, verbot Ausländern, Fotos von armenischen Flüchtlingen oder den Leichen an den Straßenrändern zu machen. Auch Israel hat die ausländische Presse vom Gazastreifen verbannt und gewährt lediglich eine Handvoll kurzer und sorgfältig vom israelischen Militär arrangierte Besuche. Israel unterbricht regelmäßig die Internet- und Telefonverbindungen. Israel hat mindestens 43 (ihre Zahl erhöht sich täglich; Anmerkung der Übersetzerin) palästinensische Journalisten und Medienschaffende seit dem Eindringen der Hamas in Israel am 7. Oktober getötet, viele von ihnen wurden zweifellos von israelischen Streitkräften ins Visier genommen.

Die Armenier wurden, wie die Palästinenser, aus ihren Häusern vertrieben, niedergeschossen, ihnen wurde Essen und Trinken verwehrt. Armenische Deportierte wurden auf Todesmärsche in die syrische Wüste geschickt, wo Zehntausende von ihnen erschossen wurden oder an Hunger, Cholera, Malaria, Ruhr und Influenza starben. Israel zwingt 1,1 Millionen Palästinenser in den Südzipfel des Gazastreifens und bombardiert sie auf der Flucht. Auch diesen Flüchtlingen mangelt es an Lebensmitteln, Wasser, Treibstoff und sanitärer Versorgung. Auch sie werden bald an Epidemien und Infektionskrankheiten sterben.

Talat Pasha, der De-facto-Anführer des Osmanischen Reichs, teilte dem US-Botschafter Henry Morgenthau sen. am 2. August 1915 mit – in Worten, die sich auch in Israels Haltung wiederfinden –, „dass unsere Armenienpolitik absolut festgelegt ist und dass nichts sie verändern kann. Wir werden die Armenier nirgends in Anatolien dulden. Sie können in der Wüste leben, aber nirgends anders“.

Je länger der Genozid währt, desto absurder werden die Lügen.

Es gibt große israelische Lügen. Die Zerstörung von Gaza und mutwillige Tötung tausender Palästinenser, so beharrt Israel, sei ein gezielter Versuch, die Hamas loszuwerden und kein Feldzug mit dem Ziel, den Gazastreifen dem Erdboden gleichzumachen, Massenmord und ethnische Säuberung an den Palästinensern auszuüben.

Es gibt kleine israelische Lügen. 40 geköpfte Babys. Das Al-Shifa-Krankenhaus als „Hamas Kommandozentrale“. Ein arabischer Kalender an der Wand einer Klinik, der laut einem Sprecher der israelischen Streitkräfte, Konteradmiral Daniel Hagari, „ein Wachtschichtplan sei, in den sich jeder Terrorist eintrage, und jeder Terrorist eine eigene Schicht habe, in der er die Menschen, die hier waren, überwache“.

Eine israelische Schauspielerin, die sich als Krankenschwester verkleidet hatte und mit starkem Akzent sprach, behauptet, eine palästinensische Ärztin zu sein und gesehen zu haben, wie die Hamas Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt habe. Mitglieder der Hamas hätten „das Al-Shifa-Krankenhaus angegriffen“ und „Treibstoff und Medikamente“ gestohlen. Palästinensische Kämpfer, sagt Israel, seien für den Beschuss des Al-Shifa-Krankenhauses verantwortlich.

Israel traf ein Auto voller „Terroristen“ im Südlibanon, die sich als drei Mädchen, ihre Mutter und Großmutter entpuppten. Die Explosion beim Al-Ahli-Krankenhaus war das Ergebnis einer fehlgeleiteten Rakete, die Palästinenser abgefeuert hätten, eine Behauptung, welche die New York Times infrage stellte. Sie zweifelte das Video auf der Grundlage seines Zeitstempels an.

Israel sagte, man „reagiere auf die Anfrage des Direktors des Shifa-Krankenhauses, Zivilisten aus Gaza, die im Krankenhaus Zuflucht gesucht hatten und die von dort evakuiert werden wollten, über eine sichere Achse zum humanitären Grenzübergang zu lassen“. Diese Aussage sei nicht zutreffend, so Mohammed Zaqout, der Generaldirektor der Kliniken in Gaza. Er setzte hinzu: „Wir wurden unter vorgehaltener Waffe dazu gezwungen, das Krankenhaus zu verlassen.“

Der israelische Oberstleutnant Jonathan Conricus zeigt in einem Werbespot, den die BBC scharf kritisierte, einen kümmerlichen Haufen automatischer Waffen, die wie von Zauberhand zu einem Berg anwachsen, sobald ausländische Reporter zu einer geführten Tour ankommen. Später löschten die israelischen Streitkräfte das Video.

Die Lügen werden in israelische Schulbücher hineingeschrieben werden. Die Lügen werden von israelischen Politikern, Historikern und Journalisten wiederholt werden. Die Lügen werden im israelischen Fernsehen und in israelischen Filmen und Büchern erzählt werden. Die Israelis sind die ewigen Opfer. Die Palästinenser sind das absolut Böse. Es gab keinen Genozid. Die Türkei leugnet ein Jahrhundert danach noch immer, was den Armeniern widerfuhr.

In Kriegszeiten glauben Menschen, was sie glauben wollen. Die Lügen stillen einen Hunger in der israelischen Öffentlichkeit, die den Konflikt als Kampf zwischen „den Kindern des Lichts und den Kindern der Finsternis“ sieht. Die Lügen sind ein Schutzwall dagegen, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Denn wenn Israel die Realität verweigert, ist es nicht gezwungen, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Die Lügen erzeugen kognitive Dissonanz. Fakt wird Fiktion, Fiktion wird Wahrheit. Die Lügen verhindern jede Diskussion über Genozid oder Versöhnung.

Israel, mit dem Rückhalt der Biden-Administration, wird damit fortfahren, alles zunichtezumachen, was das Leben in Gaza aufrechterhält. Kliniken. Schulen. Kraftwerke. Wasseraufbereitungsanlagen. Fabriken. Landwirtschaftsbetriebe. Wohnblöcke. Häuser. Und dann wird Israel genauso wie die Täter der Völkermorde der Vergangenheit so tun, als hätte man nie einen begangen.

Die Lügen, die Israel benutzt, um sich der Verantwortung zu entledigen, werden die israelische Gesellschaft zerfressen. Sie werden sein moralisches, religiöses, ziviles, intellektuelles und politisches Leben zersetzen. Die Lügen werden Kriegsverbrechern den Heldenstatus verleihen und jene, die ein Gewissen haben, dämonisieren. Israels Genozid wird, wie die Massentötungen im Jahr 1965 in Indonesien, zum Mythos eines epischen Kampfes gegen die Kräfte des Bösen und der Barbarei stilisiert werden. Genauso haben ja auch die Amerikaner den Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern zum Mythos erhoben und Siedler und mörderische Reitereinheiten zu Helden stilisiert.

Die Mörder im indonesischen Krieg gegen den Kommunismus werden heute auf Kundgebungen als Erlöser bejubelt. Sie werden zu ihren „heroischen“ Kämpfen interviewt, die fast 60 Jahre zurückliegen. Israel wird das genauso handhaben. Es wird sich selbst deformieren. Es wird seine Verbrechen feiern. Es wird Böse in Gut verwandeln. Es wird in seinem selbstgeschaffenen Mythos leben. Die Wahrheit wird, wie in allen Zwangsherrschaften, verbannt werden. Israel, für die Palästinenser ein Monster, wird auch sich selbst gegenüber zum Monster werden.

Titelbild: Palästinenser warten darauf, die Leichen ihrer Angehörigen aufzunehmen, die bei einem israelischen Luftangriff am Al-Najjar-Krankenhaus im südlichen Gaza-Streifen am 21. Oktober 2023 getötet wurden. – Shutterstock / Anas-Mohammed

Großen Dank an Susanne Hofmann, die diesen Text über schreckliche Ereignisse und und Einschätzungen übersetzt hat.

Der Beitrag von Chris Hedges erschien in der vorliegenden Übersetzung in den Nachdenseiten 29.11.23. Wir danken für die Publikationsrechte.

Aufforderung zur Unterstützung der Europäischen Gewerkschaftsinitiative für Gerechtigkeit in Palästina

Wir veröffentlichen hier einen Aufruf europäischer Gewerkschaftsverbände, die in der Tradition des gewerkschaftlichen Internationalismus stehen und sich solidarisch mit der palästinensischen Arbeiterbewegung zeigen wollen. Kritisiert wird die andauernde völkerrechtswidrige Besetzung Palästinas durch Israel, die auch die Etablierung eines Regimes von Erniedrigung und Ausbeutung ermöglicht hat. DIe EU wird aufgefordert, in Zukunft nur Assoziierungsabkommen mit Israel zu vereinbaren, wenn die hier kritisierten Lebens- und Arbeitsverhältnisse nicht mehr fortbestehen. Auch müsse auf die Unternehmen Druck ausgeübt werden, die aus dieser Situation Profit schlagen. Von den größeren Gewerkschaften aus der EU dabei sind die Solidaires sowie die CGT aus Frankreich, die CGT aus Spanien und Regionalverbände der norwegischen Arbeitergewerkschaften. Der zur Staatsräson mutierte Antisemitismusdiskurs in Deutschland, der nur die Rechtsparteien in der israelischen Knesset definieren lassen will, was Antisemitismus ist, hat dafür gesorgt, dass Deutschland auf der Liste der solidarischen Gewerkschaftsverbände eine Leerstelle bleibt. (Jochen Gester)

Die Gewerkschaftsbewegung hat sich im Geiste der internationalen Solidarität der Arbeiterklasse und zur Verteidigung der grundlegenden Menschenrechte stets für eine gerechte Lösung für das palästinensische Volk eingesetzt. Die Grundwerte des gewerkschaftlichen Internationalismus verpflichten uns zu konkreten und wirksamen Maßnahmen für ein Ende der illegalen israelischen Besatzung, für die Umsetzung der UN-Resolutionen und für eine gerechte und ausgewogene Lösung für alle.

In diesem Sinne rufen wir zu einer koordinierten Mobilisierung der europäischen Gewerkschaftsbewegung auf, um wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um Israels Verweigerung der Rechte der Palästinenser und den schweren Verstößen gegen das Völkerrecht ein Ende zu setzen.

Die Palästina-Frage befindet sich an einem entscheidenden Punkt. Israel treibt die Kolonisierung von palästinensischem Land im besetzten Westjordanland und in Jerusalem unerbittlich voran und vertreibt die Palästinenser weiterhin aktiv von ihrem angestammten Land. Seit 2007 werden die 1,8 Millionen Einwohner des Gazastreifens brutal belagert, und den palästinensischen Flüchtlingen wird nach wie vor das Recht auf Rückkehr verweigert.

Trotz verschiedener Initiativen zur Förderung von Frieden und wirtschaftlicher Entwicklung macht das Fortbestehen des gewaltsamen israelischen Besatzungssystems die Entwicklung der palästinensischen Wirtschaft praktisch unmöglich. Die Arbeitslosenquote im besetzten Westjordanland liegt bei 27 Prozent, während ein Bericht der Weltbank aus dem Jahr 2015 besagt, dass der Gazastreifen die höchste Arbeitslosenquote der Welt aufweist.

Das repressive System der international als illegal eingestuften Mauer, der Siedlungen, der Kontrollpunkte und der weiteren Landaneignung, das der palästinensischen Bevölkerung auferlegt wird, nimmt den Palästinensern nicht nur die Möglichkeit, eine florierende lokale Wirtschaft zu entwickeln, und beraubt sie ihres Landes und ihrer Einkommensquellen, sondern zwingt die Arbeitnehmer auch zu erniedrigenden und ausbeuterischen Arbeitsbedingungen, um zu überleben.

Zahlreiche UN-Resolutionen und Empfehlungen der Europäischen Union haben Israels eklatanten Verstoß gegen das Völkerrecht nicht beendet. Israel setzt seine koloniale Expansion und seine brutale Politik der Diskriminierung des palästinensischen Volkes, einschließlich der 1,5 Millionen palästinensischen Bürger Israels, fort.

Als europäische Gewerkschafter sind wir alarmiert, dass trotz des offensichtlichen Unrechts, das dem palästinensischen Volk angetan wurde, die europäischen Staaten, die Europäische Union (EU) und die repräsentativen Institutionen ihrer Pflicht nicht nachgekommen sind, Israel für seine schweren Verletzungen des Völkerrechts zur Rechenschaft zu ziehen. Im Rahmen dieses Regimes der Straflosigkeit profitieren multinationale Unternehmen, indem sie die fortgesetzte Unterdrückung und Enteignung des palästinensischen Volkes unterstützen.

Obwohl die EU einige Aspekte der israelischen Politik kritisiert, unterstützt sie Israel weiterhin politisch, wirtschaftlich und militärisch. Der EU-Freihandel übertrumpft konsequent die Rechte der Palästinenser, wie mehr als 150 europäische zivilgesellschaftliche Organisationen hervorgehoben haben, die zeigen, wie das TTIP die Möglichkeiten der Palästina-Kampagnen einschränken wird.

Wir sind besonders daran interessiert, eine wirksame Kampagne zur Beendigung des Assoziierungsabkommens EU-Israel zu entwickeln. Das Abkommen gewährt Israel einen bevorzugten Zugang zu den europäischen Märkten, erlaubt israelischen Ministerien und Waffenfirmen, EU-Gelder zu erhalten, und verschafft Israel die politische Unterstützung, die es braucht, um seine Verbrechen gegen das palästinensische Volk auszuführen.

Dies ist ein Verstoß gegen Artikel 2 des Abkommens, der besagt „Die Beziehungen zwischen den Vertragsparteien … beruhen auf der Achtung der Menschenrechte und der Grundsätze der Demokratie.“ Die fortgesetzte Anwendung des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel trotz Israels eindeutiger Verletzung der Klausel in Artikel 2 fördert ein Umfeld der Straflosigkeit und der Toleranz gegenüber Israels Verbrechen.

Wir glauben, dass wir als Gewerkschafter und bewusste Bürger dieser Welt die Pflicht und die Macht haben, zu handeln. Wir glauben, dass es für uns an der Zeit ist, uns gemeinsam mit der palästinensischen Arbeiterbewegung zu solidarisieren, Strategien zu entwickeln, um unsere Regierungen und die EU als repräsentatives Organ zur Rechenschaft zu ziehen und Druck auf Unternehmen auszuüben, damit diese ihre Komplizenschaft mit Israels Verletzungen des Völkerrechts und der Menschenrechte beenden.

Befürwortende Gewerkschaften:

BELGIEN:

La Centrale Générale-FGTB,
ACV/CSC Brussels, 
ACV/CSC Belgium, 
IRW-CGSP, 
LBC-NVK, 
CNE
ACOD Culture


BASKENLAND:

ELA – Basque Workers Solidarity 

LAB –

STEILAS – Education Union

FRANKREICH
Union syndicale Solidaires,  
CGT France – 66     


GALIZIEN

Confederacion Intersindical Galega – CIG


IRLAND:

The Irish Congress of Trade Unions (ICTU),

FORSA,

Unite the Union,

Unison N. Ireland,

The Northern Ireland Public Service Alliance,

Communications Workers Union,

Mandate Trade Union

Irish National Teachers’ Organisation – INTO: Derry City, INTO: Newry, INTO: Dungannon, INTO: Armagh, INTO: Belfast West,

Belfast&District Trades Union Council,

Derry Trades Union Council,

Trade Union Friends of Palestine,


NORWEGEN:

Fagforbundet (Norwegian Union of Municipal and General Employees)
Fagforbundet Bergen
The Norwegian Confederation of Trade Unions (LO) – region Trondheim
The Norwegian Confederation of Trade Unions (LO) – region Sandefjord
The Norwegian Confederation of Trade Unions (LO) – region Bergen og Omland


NIEDERLANDE:
Palestinawerkgroep-FNV (The Netherlands),


SPANIEN:

Confederation Intersindical – STEs

Confederación Intersindical 
Intersindical Valenciana – Valencia
IAC  – Intersindical Alternativa de Catalunya
CGT – Confédération générale du travail 


GROSSBRITTANIEN
UNISON – The Public Service Union 

NEU – National Education Union

http://www.etun-palestine.org/site/what-you-can-do/suggested-actions/

„Tel Aviv – Beirut“ – Gewehre im Anschlag

Bild: Die Regisseurin Michale Boganim bei der Präsentation des Filmes „Tel Aviv – Beirut“ in Paris am 2. Mai 2023. Foto: Berzane Nasser (CC-BY-SA 4.0 cropped)

Peter Gutting
film-rezensionen.de

Der zweite Spielfilms der französisch-israelischen Regisseurin Michale Boganim erzählt in starken Bildern und schockierend aktuell von den zwischenmenschlichen Kosten zweier Angriffskriege.

Es war einmal eine Bahnlinie. Sie führte vom israelischen Tel Aviv bis nach Beirut im Libanon. Was heute märchenhaft klingt, steht für eine Sehnsucht: Dass die ewigen Kriege im Nahen Osten einmal enden mögen. Ganz einfach deshalb, weil sie kein Naturgesetz sind, wie man denken könnte, wenn man nach 1948 geboren ist, dem Gründungsjahr des Staates Israel. Sondern dass sie von Menschen gemacht werden, die diesseits und jenseits der heutigen Grenzen gerne Hummus mit Pita Brot essen, deren Politiker, Armeen und Milizen aber auf die gemeinsamen kulturellen Wurzeln pfeifen. Die französisch-israelische Regisseurin Michale Boganim erzählt in ihrem zweiten langen Spielfilm von dieser Utopie, die sich poetisch über die harte Realität der beiden Libanon-Kriege und das vergessene Schicksal von Israels libanesischen Helfern legt.

Gewehre im Anschlag

Eine heilige Prozession durch ein kleines südlibanesisches Dorf 1984, zwei Jahre nach der israelischen Besetzung: Tanya (Zalfa Seurat, hier als Kind: Maayane Elfassy Boganim) trägt das Holzkreuz an der Spitze der singenden Gemeinschaft, die auf dem Weg zur Kirche ist. Eine friedliche Szenerie, wäre da nicht der israelische Soldat, der mit dem Gewehr im Anschlag nebenher läuft und für die Sicherheit der Christen sorgen will. Dass dies keine übertriebene Vorsicht ist, zeigen die Schüsse, die plötzlich fallen, gefolgt von Bombeneinschlägen. Die Gläubigen müssen jetzt rennen bis zum Gotteshaus, mit knapper Not schaffen sie es ins Innere. Mit solchen Kontrasten arbeitet der Film durchgängig. Das Brutale mischt sich ins Heilige, die Realität in den Wunsch nach Frieden, das militärisch-männliche Prinzip in die Fürsorge und Mütterlichkeit der Frauen.

Erzählt wird die Geschichte über 22 Jahre und drei Episoden, die in den Jahren 1984 (zwei Jahre nach dem ersten Einmarsch Israels in den Südlibanon), 2000 (Sieg der Hisbollah und Rückzug der Israelis) und 2006 (zweiter Libanonkrieg) spielen. Man muss sich jedoch nicht mit den komplizierten Verhältnissen in Nahost auskennen, um den beiden parallelen Handlungslinien zu folgen, die sich kurz zu Beginn und dann ausgiebiger am Ende treffen. Sie handeln von den beiden Frauen, mit deren Augen wir auf die Ereignisse schauen. Tanya wächst im Südlibanon während der ersten Besatzung auf. Sie muss später mit ihrem Vater Fouad (Younes Bouab), einem Kollaborateur der Israelis, über die Grenze nach Nordisrael fliehen und ihre grosse Liebe verlassen. Zur gleichen Zeit bringt im israelischen Haifa die junge Myriam (Sarah Adler) ihren Sohn Gil (Noam Boukobza) zur Welt. Myriam ist eigentlich Französin und nur der Liebe wegen nach Israel gegangen, um dort Yossi (Shlomi Elkabetz) zu heiraten. Aber Yossi ist eigentlich die ganze Zeit weg, schon als 20-Jähriger kämpft er im Libanon. Dort rettet er in der ersten Episode der kleinen Tanya das Leben, weshalb er bei Tanyas Eltern ein gern gesehener Gast ist.

Erschreckend aktuell

Ist das nicht alles lange her, könnte man fragen, wenn man nicht wie Autorenfilmerin Michale Boganim (La Terre Outragée, 2011) in Haifa geboren wurde, in Jerusalem studierte und 2006 während des zweiten Libanonkrieges in Tel Aviv lebte. Die Brutalität der israelischen Armee habe sie damals schockiert, erzählt die französisch-israelische Regisseurin im Interview. Sie begann zu recherchieren und entdeckte unter anderem die vergessene Geschichte derjenigen Libanesen, die mit den Israelis zusammenarbeiteten und dann von ihnen bei deren Abzug verraten wurden. Nicht nur in diesem Punkt erweist sich Boganims Film als erstaunlich aktuell, wenn man an die sogenannten „Ortskräfte“ in Afghanistan denkt. Sehr heutig ist auch die Eigendynamik der oft von Testosteron getriebenen Militärlogik, die sich anscheinend verselbstständigt und gar nicht mehr zum Frieden zurückfindet, sondern quasi vom Vater auf den Sohn vererbt wird über Jahrzehnte.

Wenn Yossi als blutjunger Mann zum ersten Mal in den Krieg zieht, zeigt er noch menschliche Regungen und weiss gar nicht, was er eigentlich in dem fremden Land verloren hat (so wie heute die Russen in der Ukraine). Aber als langgedienter Offizier hat er nichts Besseres zu tun, als seinen Sohn Gil zum Wehrdienst zu überreden, statt ihn gleich nach dem Abitur in Paris studieren zu lassen, wo er an der renommierten Sorbonne angenommen wurde.

Auch wenn Tel Aviv – Beirut in der Nebenhandlung um Gil etwas konstruiert wirkt (er ist ausgerechnet einer der beiden realen Soldaten, die im zweiten Libanonkrieg von der Hisbollah als Geiseln genommen wurden), so punktet der Film doch mit seiner starken Bildsprache und dem Fokus auf der Solidarität der Frauen, die keine Grenzen kennt. Vom realen Geschehen her erzählt der Film eine traurige Geschichte, aber seine Visualität transportiert die Hoffnung des „trotz alledem“. Sie ist durchtränkt vom Licht des nahen Mittelmeeres, von der Schönheit der kargen Landschaften. Und von der pragmatischen Zärtlichkeit, mit der Mütter für ihre Kinder und Krankenschwestern für die Opfer des Krieges sorgen. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass es eine spezifisch weibliche Handschrift beim Filmemachen gibt – hier ist er.

Tel Aviv – Beirut
Frankreich, Deutschland
2022 –
116 min.
Regie: Michale Boganim
Drehbuch: Michale Boganim
Darsteller: Zalfa Seurat, Maayane Elfassy Boganim, Shlomi Elkabetz
Produktion: Frédéric Niedermayer
Musik: Avishai Cohen
Kamera: Axel Schneppat
Schnitt: Anne Weil

**** VERFÜGBAR IN DER ARTE-MEDIATHEK ***

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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