Ist das Emanzipation oder soll das weg?

Von GISELA NOTZ

Titelbild: Foto Bundeswehr

Nach dem 1949 verabschiedeten Grundgesetz (GG) für die Bundesrepublik Deutschland sind Männer und Frauen gleichberechtigt. „Von allem die Hälfte“ oder „Halbe/Halbe“ forderten Frauenpolitikerinnen, Gleichstellungsbeauftragte und Frauenforscherinnen schon lange. Patriarchat und Kapitalismus wurden nicht in Frage gestellt. Dass es wenig nützt, die Hälfte vom verschimmelten Kuchen zu fordern, sondern der Umbau der Bäckerei notwendig wird, ist bei den bürgerlich-liberalen Feministinnen bis heute nicht angekommen. Das wird vor allem am Beispiel der Militarisierung deutlich.

„Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es vor allen Frauen, die „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“ auf ihre Fahnen geschrieben hatten.  Das GG sah nach dem Willen des Parlamentarischen Rates keinerlei Wehrverfassung, sondern einen waffenlosen Staat vor. Politiker*innen aller Parteien sprachen sich gegen die Wiederbewaffnung aus und die Menschen wähnten sich sicher. Als 1950 nach Beginn des Koreakrieges die Parolen über eine Gefahr aus dem Osten zunahmen, vor der sich auch die neugegründete Bundesrepublik schützen müsse und als bekannt wurde, dass Bundeskanzler Adenauer die Wiederbewaffnung für die Bundesrepublik vorbereiten ließ, wuchs die Angst, dass eine Aufrüstung der Bundesrepublik die Gefahr eines erneuten Krieges beinhalten würde.

Frauen vor allem schlossen sich in außerparlamentarischen Frauenfriedensinitiativen wie der neu gegründeten westdeutschen Frauenfriedensbewegung (WFFB) oder der seit 1915 bestehenden Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF) zusammen, um gegen die Wiederbewaffnung zu protestieren. Viele Menschen konnten gar nicht glauben, dass es sich bei den Äußerungen der Politiker, Deutschland wolle nie wieder Krieg und die deutsche Wehrmacht sollte der Vergangenheit angehören, lediglich um Lippenbekenntnisse gehandelt hatte.

Im März 1956 wurde die Änderung des GG, die zur Wiedereinführung der Wehrpflicht notwendig war, gegen 19 SPD-Stimmen, darunter drei Frauen: Lisa Albrecht aus München, Trudel Meyer aus Dortmund und Alma Kettig aus Witten. vom Bundestag beschlossen. Trotz aller Proteste trat am 21. Juli 1956 ein Gesetz in Kraft (Art. 12a, Abs. 1 GG), das alle Männer vom 18. Lebensjahr an zum Dienst an der Waffe verpflichtete. Frauen wurde nach Art. 12a, Abs. 4 GG der Dienst mit der Waffe verboten. Eine Öffnung der Bundeswehr oder gar die Wehrpflicht für Frauen waren kein Gegenstand öffentlich geführter Diskussionen. Seit 1968 können 18- bis 25-jährige Frauen nach Art. 12 a, Abs. 4 GG allerdings im Verteidigungsfall zu Dienstleistungen im zivilen Sanitätsdienst der Bundeswehr und in der stationären und ambulanten Krankenpflege verpflichtet werden. Auch dagegen gab es damals Widerstand.

Pro und contra Soldatinnen

Nachdem in den 1970er Jahren ein erheblicher Ärztemangel im Sanitätswesen der Bundeswehr festgestellt worden war, wurde im Juni 1975 eine Änderung des Soldatengesetzes beschlossen. Nach § 1 Abs. 3 konnten Frauen aufgrund freiwilliger Verpflichtung Berufssoldatin oder Soldatin auf Zeit des Sanitätsdienstes werden. Die Debatte zeigte rasch, dass es weniger um Personalprobleme als vielmehr um (militär)politische Interessen ging: Durch die Einbeziehung von Frauen sollte eine Zivilisierung innerhalb des Militärs bewirkt werden.

Die „Neue Frauenbewegung“ war im Hinblick auf die Beteiligung von Frauen am Militärdienst gespalten. Alice Schwarzer, 1942 in Wuppertal geboren, und die von ihr herausgegebene Zeitschrift „Emma“ plädierten im Juni 1978 für die Gleichstellung von Frauen in allen (Macht)Bereichen, dazu zählte sie auch das Militär. Auch andere liberale Feministinnen argumentierten für die Einbeziehung der Frauen in den Militärdienst, mit dem Argument, dass damit endlich „das letzte Berufsverbot“ für Frauen fallen müsse. Das Courage-Kollektiv hingegen hinterfragte den Wehrdienst generell und lehnte ihn ab. Es wollte nicht, dass eine Institution für Frauen geöffnet wird, die generell der menschlichen Emanzipation entgegensteht. Im Juni 1979 traten Gewerkschaftsfrauen und Frauen aus autonomen Zusammenhängen mit einem Aufruf „Frauen in die Bundeswehr? – Wir sagen nein!“ an die Öffentlichkeit. Sie vertraten die Position, dass sich ein würdiges Leben für Frauen und Männer nur entfalten kann, wenn die Gesellschaft entmilitarisiert wird.

Ein Meilenstein für Gleichberechtigung oder falsch verstandene Emanzipation?

Seit Januar 2001 stehen Frauen neben den zivilen auch sämtliche militärische Laufbahnen offen. Wie kam es dazu? Die Elektronikerin Tanja Kreil, geb. 1977 in Hannover, hat das vor dem Europäischen Gerichtshof erstritten. Frauen können mit dem Urteil, das unter Verweis auf den Gleichheitsgrundsatz die Öffnung aller Dienste in den Streitkräften für Frauen fordert, überall dabei sein. Die Idee für die EU-Klage hatten die Journalistin Alice Schwarzer und die damalige Staatssekretärin im Verteidigungsministerium, Michaela Geiger (CDU). Unterstützt wurden sie vom Bundeswehrverband.

„Kleiner Unterschied abgeschafft“, titelte die „Emma“ 4/2000. Die ersten Bewerberinnen rückten bald ein. „Emma“ fragte nicht, ob sie sich damit auseinandergesetzt hatten, dass die Bundeswehr gerade mit einem Beschaffungsplan von 210 Milliarden DM für Kriegsgeräte in eine Angriffsarmee umgebaut worden war. Nach der Änderung des GG am 19. Dezember 2000 ist auch der Dienst an der Waffe für Frauen nicht mehr kategorisch ausgeschlossen. Der zweite Satz des Art 12 a Abs 4 GG lautet nun: Frauen „dürfen auf keinen Fall zum Dienst mit der Waffe verpflichtet werden“. Das heißt sie dürfen freiwillig schießen lernen, niemand darf sie aber dazu zwingen.

Als emanzipatorischer Erfolg kann das nicht gefeiert werden

Die Bundeswehr ist kein Arbeitgeber wie jeder andere. Sie ist eine Institution, die täglich für den Ernstfall übt, auf absolutem Befehl und Gehorsam aufgebaut ist. Sie schafft keine Arbeitsplätze, sondern „Todesplätze“ (Robert Jungk). Denn gleiche Teilhabe an militärischen Positionen bedeutet auch gleiche Teilhabe an kriegerischen Auseinandersetzungen, an Auslandseinsätzen und an der Tötungsindustrie. Gleichberechtigung hätte auch mit der Abschaffung der Dienste für alle erreicht werden können.

Der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages erstellte im August 2003 ein Gutachten zur Zulässigkeit einer Dienstpflicht auch für Frauen und stellte fest, dass sie nur nach einer Verfassungsänderung möglich sei. Dem Grundsatz der Gleichberechtigung für Männer und Frauen könnte entsprochen werden, so der wissenschaftliche Dienst: „durch Erstreckung der Dienstpflicht auf Frauen oder durch komplette Abschaffung der Dienstpflicht“.

Die Wehrpflicht wird ausgesetzt und soll reaktiviert werden

Am 1. Juli 2011 wurde die Bundeswehr zur Freiwilligenarmee; seitdem ist die Wehrpflicht ausgesetzt. Gleichzeitig wurde ein freiwilliger Wehrdienst geschaffen, der Männer und Frauen gleichermaßen offensteht. Das Ende der Dienstpflicht gilt jedoch ausschließlich in Friedenszeiten, im Spannungs- oder Verteidigungsfall kann sie wieder aktiviert werden.

Das dauerte keine 15 Jahre. Schon am 5. Dezember 2025 wurde ein neues Wehrdienstgesetz im Bundestag beschlossen. Der Wehrdienst bleibt zunächst für alle freiwillig. Wehrerfassung und Musterung werden wieder eingeführt. Betroffen sind alle jungen Menschen ab 18 Jahren, beginnend mit dem Geburtsjahrgang 2008. Sie bekommen einen Fragebogen zur sogenannten „Wehrdiensttauglichkeit“ zugeschickt. Junge Männer müssen diesen ausfüllen, Frauen dürfen das (zunächst) freiwillig tun. Die Musterung erfolgt dann anhand ihres geäußerten Interesses. Von Juli 2027 an soll sie für junge Männer unabhängig ihres Interesses verpflichtend erfolgen. Falls die sicherheitspolitische Lage dies zwingend erfordert und freiwillige Bewerbungen nicht ausreichen, kommt die Pflicht. Die Empörung unter den Jugendlichen ist groß. Am 5. Dezember 2025, waren rund 55tausend Schüler*innen am Schulstreik gegen Kriege, Militarisierung, Aufrüstung, gegen Wehrpflicht und alle Zwangsdienste beteiligt. Seit Anfang Januar werden Musterungs-Briefe verschickt.  Der Widerstand geht weiter. Am 5. März und am 8. Mai 2026 fanden weitere große Schulstreiks statt. Die letzte Schulstreikkonferenz fand am 18./19. Juli 2026 statt.

Die Kriegs(dienst)verweigernden Jugendlichen sagen: „Nein zur Wehrpflicht – Nie wieder Krieg!“ und „Wir machen da nicht mit!“

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Die Autorin:

Gisela Notz lebt und arbeitet als freie Wissenschaftlerin in Berlin. Sie ist Autorin und Herausgeberin zahlreicher Bücher und des Wandkalenders „Wegbereiterinnen“.

Erstveröffentlicht im Gewerkschaftsforum Dortmund
Ist das Emanzipation …

Wir danken für das Publikationsrecht.

Gaza nicht vergessen ! 64.000 verwaiste Kinder. Ein Projekt zum Handeln

Gaza nicht vergessen. Es ist der Alptraum. Es ist der Gipfel kapitalistischer rassistischer Barbarei. Hier ein Projekt, das nicht nur konkret hilft, sondern auch Anlass ist, über die Situation zu berichten. Das muss tausendmal mehr geschehen. Und keine Akzeptanz den Strukturen deutscher Zusammenarbeit und Unterstützung mit dem Machtapparat, der solche Verbrechen verantwortet. (Peter Vlatten)

03.08.26 – Italy – La Scuola per la pace Torino e Piemonte – Redazione Italia, Pressenza

In Gaza, bei beinahe völligem Schweigen der Mainstream-Medien, haben die Angriffe zugenommen, und die Lage ist schlimmer denn je…

Die rechtsextreme Fraktion um Smotrich, Katz und die Siedler beabsichtigt, Gaza zu besetzen und es so schnell wie möglich durch Vertreibung (oder Auslöschung) der Palästinenser neu zu kolonisieren.

Die Nachrichten, die wir täglich von Gaza-Einwohnern über das Komitee „Hilfe für Palästina“ erhalten, berichten, dass die Bombardierungen und Schießereien ununterbrochen andauern.

Nie zuvor haben wir so viele Todesmeldungen erhalten wie in den letzten Tagen.

Aus dem kleinen „Observatorium“ der 40 vom Komitee unterstützten Familien kommen Bilder von getöteten Kindern und von Kindern, die zu Waisen geworden sind – einige völlig allein. Viele verlieren Freunde und Nachbarn. Einige schreiben, dass sie sich nur durch Zufall am Leben fühlen; andere gehen nicht ans Telefon. Die Lebensbedingungen sind unerträglich, bei Temperaturen von bis zu 42 °C, akutem Wassermangel und der Präsenz von Insekten, Ratten und Krankheiten.

In Gaza macht sich das Gerücht breit, dass die Israelis in ihren Medien angekündigt haben, 2.000 „Ziele“ für Angriffe identifiziert zu haben. Die Menschen haben Angst, versuchen aber (noch) zu funktionieren.

Mosbah verteilt weiterhin Wasser während der Bombardierungen, während Yousef sich um die Schule „Zukunft in den Händen der Kleinen“ kümmert; obwohl der Unterricht ausgesetzt wurde, finden weiterhin Sommeraktivitäten statt. Sie bitten darum, dass ihre Geschichten erzählt und ihre Fotos und Nachrichten geteilt werden – um das Schweigen zu brechen und Gerechtigkeit einzufordern (drei Fotos sind beigefügt) – und dass ihre Projekte unterstützt werden.

In dieser Zeit sind die Stimmen auf den öffentlichen Plätzen leiser geworden, doch unser Gewissen bleibt wach und aufmerksam und fordert uns weiterhin heraus im Hinblick auf das, was wir tun können.

Den Vorschlag von Mosbah Al-Halabi aufgreifend, hat sich die Scuola per la pace (Schule für den Frieden) verpflichtet, das Projekt „Waisenkinder-Camp“ in Nord-Gaza zu unterstützen, das wie folgt vorgestellt wird:

Der Gazastreifen durchlebt eine beispiellose humanitäre Krise aufgrund des anhaltenden Völkermords, der weitflächige Zerstörungen von Infrastruktur und Wohnhäusern sowie die massenhafte Vertreibung von Familien verursacht hat; diese Familien leben in unhaltbaren Bedingungen – in Zelten, ausgesetzt entweder eisiger Kälte oder sengender Hitze, und mit entsetzlichen sanitären Verhältnissen. 56 % der gewaltsamen Todesfälle waren Kinder, Frauen und ältere Menschen (Daten veröffentlicht in der Zeitschrift *The Lancet*, Februar 2026). Kinder gehören zu den am härtesten Getroffenen: Tausende haben einen oder beide Elternteile verloren.

Von dem palästinensischen Ministerium für soziale Entwicklung im April 2026 gemeldete Daten weisen auf über 64.000 Waisen im Gazastreifen hin, wobei mehr als 55.000 beide Elternteile oder den Hauptverdiener der Familie verloren haben. In der palästinensischen Kultur ist es bei Ein-Verdiener-Haushalten fast ausnahmslos der Vater, der den finanziellen Unterhalt sicherstellt.

Medizinisches Personal hat das Akronym WCNSF („Wounded Child, No Surviving Family“ – verwundetes Kind, keine überlebende Familie) geprägt, um Kinder zu beschreiben, die ihre gesamte Familie verloren haben und oft bei denselben Bombardierungen verletzt wurden, bei denen ihre Angehörigen ums Leben kamen; Amputationen – von einer einzelnen Gliedmaße bis hin zu allen vieren – sind unter diesen Kindern äußerst häufig.

Es gibt auch Tausende unbegleitete Kinder, die durch die ständigen Vertreibungen von ihren Eltern getrennt wurden. Sie werden in Krankenhäusern bis zur Identifizierung oft als „unbekannt“ oder „unbegleitete Kinder“ registriert. Viele dieser Minderjährigen wurden verletzt und unter den Trümmern eingeklemmt aufgefunden.

Waisen ohne familiäres Netzwerk sind am stärksten von systemischem Hunger, mangelnder Versorgung und mangelndem Schutz vor verschiedenen Bedrohungen (einschließlich sexuellem Missbrauch) bedroht.

Das Ministerium selbst betont, dass Waisen in Palästina – ob im Westjordanland oder im Gazastreifen – über den Verlust eines oder beider Elternteile hinaus zusätzliche Härten erleiden: Armutsrisiko, Schulabbruch, eingeschränkter Zugang zu Dienstleistungen und schwerwiegende psychische Folgen aufgrund ihres Verlusts und wiederholter Traumata.

Das soziale Gefüge und die für den Kinderschutz zuständigen Institutionen wurden weitgehend zerstört, sodass Kinder oft auf erweiterte Familienangehörige, Nachbarn oder Fremde angewiesen sind, um zu überleben. Verwaiste Kinder werden häufig von Verwandten – wie Großeltern – aufgenommen, die jedoch selbst Mühe haben, genug Nahrung und Trinkwasser zu beschaffen, was die ohnehin knappen Ressourcen stark belastet.

Viele Waisenkinder werden in überfüllten Aufnahmezentren zusammengebracht, die oft unter akutem Mangel an Nahrung, Trinkwasser, medizinischer Versorgung und ausreichenden Zelten leiden. Viele Waisen – insbesondere Jungen – sind auf der Straße zu sehen, wo sie nach Essen suchen oder versuchen, Gegenstände zu finden, um sie zu verkaufen oder zu tauschen, und so lebensnotwendige Güter zu beschaffen. Gegenwärtig ist die im Gazastreifen verfügbare humanitäre Hilfe äußerst begrenzt, da sie von Israel an den Übergängen blockiert wird.

Die geografische Verteilung der Waisen im Gazastreifen ist ungleichmäßig, wobei einige Gebiete stärker betroffen sind als andere.

Gouvernement Gaza (Gaza-Stadt): Dieses Gebiet hat die höchste Konzentration an Waisen und beherbergt etwa 32,7 % aller Kinder, die ihre Eltern verloren haben.

Nord-Gaza: Dieses Gebiet folgt mit einem hohen Waisenanteil (etwa 22,5 %), da es Schauplatz heftiger Kämpfe war, bevor es evakuiert wurde.

Khan Younis: Das südliche Gouvernement beherbergt etwa 18,3 % der Waisen.

Spenden:
Satispayhttps://web.satispay.com/download/qrcode/S6Y-SVN–19FF359D-701C-4FB9-A522-F50008F5E53E?locale=it
Banküberweisung – IBAN IT76A0883301003000000013283; Empfänger: Un aiuto per la Palestina; Verwendungszweck: Campo orfani Gaza.

Projektinfo siehe weiter unten!

Zentral-Gaza und Rafah: Diese Gebiete weisen im Vergleich zum Norden niedrigere – wenn auch immer noch kritische – Prozentsätze von 13,2 % bzw. 8,2 % auf.

Eine Analyse der Situation, die das Fehlen eines strukturierten Netzwerks zum Schutz der Waisenkinder in Gaza aufzeigt, hat folgende Problemstellungen ergeben:

Systemischer Hunger – Waisen, denen ein familiäres Netzwerk zur Nahrungsversorgung fehlt, sind täglich schwerer Ernährungsunsicherheit ausgesetzt und am stärksten von systemischem Hunger bedroht.

Überforderte kommunale Unterstützungssysteme – Trotz der Bemühungen lokaler und internationaler Organisationen ist die humanitäre Reaktion stark eingeschränkt, und Tausende Kinder erhalten unzureichende oder gar keine Hilfe. Darüber hinaus erschweren der Mangel an sicheren Räumen und der Mangel an Nahrung, Wasser und Medikamenten den Aufbau strukturierter Schutznetzwerke.

Überforderte familiäre Netzwerke – In der palästinensischen Kultur sind Verwandte die primäre Unterstützungsquelle. Traditionell würde die Großfamilie Waisen aufnehmen; die derzeitige extreme Armut und der Verlust mehrerer Mitglieder desselben Haushalts machen es den überlebenden Verwandten jedoch oft unmöglich, sich um zusätzliche Kinder zu kümmern.

Schwere psychische Traumata – Praktisch alle Kinder in Gaza benötigen Unterstützung für ihre psychische Gesundheit. Viele leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), selektivem Mutismus und schweren Angstzuständen, nachdem sie den Tod ihrer Eltern miterlebt haben. Die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit sind immens; Schätzungen zufolge benötigt nahezu jedes Kind in Gaza psychologische Hilfe und psychosoziale Unterstützung. Symptome extremer Belastung sind weit verbreitet, darunter aggressives Verhalten, Angst, Bedrängnis, Bettnässen, Schlaflosigkeit, Todeswunsch, Rückzug, autistische Verhaltensweisen und Entwicklungsstörungen.

Mangel an medizinischer Versorgung – 80 % der Gesundheitseinrichtungen sind beschädigt. Viele verletzte Waisen, darunter solche, die amputiert wurden, haben keinen Zugang zu Rehabilitation oder angemessener Behandlung.

Fehlender rechtlicher Schutz – Das Chaos der Vertreibung verhindert oft die formelle Identifizierung von Kindern, was ihre Unterbringung in Pflegefamilien oder Adoptionsprogrammen erschwert.

INTERVENTIONSPROJEKT

Angesichts der bisher beschriebenen Situation – insbesondere des Notfallkontexts in Gaza und der Dringlichkeit der Umstände – zielt das vorgeschlagene Projekt darauf ab, ein bestehendes Schutzzentrum für Waisenkinder in Nord-Gaza zu unterstützen, welches mit einem akuten Mangel an den für seinen Betrieb notwendigen Ressourcen konfrontiert ist.

Verwendete Analysewerkzeuge – Die Situationsanalyse wurde in Zusammenarbeit mit dem lokalen Partner durchgeführt und bei Bedarf mit Daten aus Dokumenten und Websites lokaler und internationaler Organisationen ergänzt.

Primärer Interventionsbereich – Direkte Begünstigte und Bedarfsanalyse: Waisenkinder in Nord-Gaza.

Das Waisencamp in Nord-Gaza, das dieses Projekt unterstützen soll, beherbergt etwa 217 Waisen im Alter von 0 bis 18 Jahren. Angesichts der oben dargelegten Herausforderungen zielt das Projekt darauf ab, konkrete Unterstützung (Nahrung, Wasser, Zelte, Medikamente sowie Bildungs- und Freizeitmaterialien) zu.leisten.

INTERVENTIONSBEREICHE

Unterkunft: Die meisten Zelte oder Unterkünfte müssen repariert werden; einige sind einsturzgefährdet, und die Stromversorgung ist unregelmäßig.

Nahrung und Wasser: Der tägliche Zugang zu nahrhaften Mahlzeiten und ausreichend Trinkwasser ist nicht gewährleistet.

Psychosoziale, psychologische und bildungstechnische Unterstützung: Die Kinder leiden unter Traumata, die durch den Verlust ihrer Eltern und die harschen Lebensbedingungen verursacht wurden, ohne Zugang zu psychologischen Unterstützungsdiensten oder Freizeitaktivitäten.

Bildung: Die Kinder sind nicht in  formellen Schulen eingeschrieben, und Bildungsmaterialien sowie -programme sind weitgehend nicht vorhanden.

Gesundheit: Regelmäßige Gesundheitsuntersuchungen finden nicht statt, und medizinische Versorgungsgüter sind begrenzt.

Das Projekt ist für einen Zeitraum von sechs Monaten geplant, mit der Option einer Verlängerung.

Spezifische Ziele:

– Bereitstellung regelmäßiger, nahrhafter Mahlzeiten für Waisenkinder.
– Sicherstellung des Zugangs zu sauberem Trinkwasser innerhalb des Camps.
– Anbieten psychosozialer Aktivitäten zur Traumaverarbeitung.
– Bereitstellung grundlegender medizinischer Versorgung und Behandlung kranker Kinder.
– Einrichtung eines temporären Bildungszeltes zur Unterstützung von Lern- und Bildungsaktivitäten.

Projektaktivitäten

– Ernährungsunterstützung – Bereitstellung regelmäßiger Mahlzeiten für die im Camp lebenden Kinder.
– Versorgung mit sauberem Wasser – Bereitstellung von sicherem Trinkwasser für den täglichen Bedarf.
– Psychosoziale Unterstützung – Gruppensitzungen, Freizeitaktivitäten und Programme zur emotionalen Unterstützung.
– Gesundheitsunterstützung – Regelmäßige Untersuchungen durch qualifiziertes medizinisches Personal, Bereitstellung von Basis-Medikamenten und Behandlung kranker Kinder sowie – wo möglich – Überweisung schwerer Fälle an spezialisierte Einrichtungen.
– Bildungszelt – Einrichtung eines Lernzeltes mit grundlegenden Bildungsmaterialien und Organisation von Bildungsaktivitäten.

Erwartete Ergebnisse

– Verbesserter Ernährungszustand für 217 Waisenkinder.
– Teilweiser Abbau von psychischem Stress durch strukturierte psychosoziale Aktivitäten.
– Verlässlicher Zugang zu sauberem Trinkwasser im Camp.
– Bereitstellung von Gesundheitsuntersuchungen und notwendiger medizinischer Unterstützung für kranke Kinder.
– Zugang zu grundlegender Bildung und Lernmöglichkeiten durch einen temporären Bildungsraum.

Durchführung und Überwachung

Das Projekt wird in Nord-Gaza vom humanitären Feldteam unter der Unterstützung von Mosbah Al-Halabi durchgeführt – einem ehrenamtlichen Mitarbeiter des Komitees „Un aiuto per la Palestina“ (Hilfe für Palästina) und einem Mitarbeiter der Al-Amal-Vereinigung in Gaza.

Die Aktivitäten werden regelmäßig überwacht und durch Berichte, Fotos und Feldaktualisierungen dokumentiert, um Transparenz und Rechenschaftspflicht gegenüber dem vorschlagenden Komitee sowie anderen teilnehmenden Einrichtungen oder Projektsponsoren zu gewährleisten.

Budget, in Absprache mit den an der Projektumsetzung beteiligten Gaza-Einwohnern veranschlagt

AUSGABENKATEGORIE GESCHÄTZTER BETRAG (EURO)

Nahrung und Mahlzeiten  9.000
Versorgung mit sauberem Wasser  3.000
Psychosoziale Unterstützungsaktivitäten  3.500
Medizinische Versorgung und Medikamente  3.500
Bildungszelt und -materialien  2.500
Betriebs- und Verwaltungskosten  1.500
Gesamt  23.000|

Das Komitee und das Gazabezogene Team werden weiterhin nach weiteren Partnerschaften und Finanzierungsmöglichkeiten suchen, sowohl um das Projekt zu starten als auch um die Unterstützung für die Waisenkinder im Camp aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die notwendigen Dienstleistungen auszuweiten.

Schlussfolgerung

Dieses Projekt stellt eine dringende humanitäre Reaktion dar, um Kinder zu unterstützen, die während des Krieges in Gaza ihre Familien verloren haben. Dank der großzügigen Unterstützung der spendenden Organisation wird das Projekt dazu beitragen, den in äußerst schwierigen Umständen lebenden Waisenkindern Würde, Hoffnung und Stabilität zurückzugeben.

Projektinformationen

Projektname: Unterstützung für Waisenkinder in Nord-Gaza

Spender: Un aiuto per la Palestina (Hilfe für Palästina)

Durchführendes Team: Humanitäres Team Mosbah Al-Halabi

Standort: Nord-Gaza / Camp für Waisenkinder (unter 18 Jahren)

Dauer: 6 Monate

Anzahl der Begünstigten: 217 Waisenkinder

Gesamtbudget: 23.000 Euro

Spenden:

Satispayhttps://web.satispay.com/download/qrcode/S6Y-SVN–19FF359D-701C-4FB9-A522-F50008F5E53E?locale=it

Banküberweisung – IBAN IT76A0883301003000000013283; Empfänger: Un aiuto per la Palestina; Verwendungszweck: Campo orfani Gaza.

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Fred Schumacher vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt.

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Titelbild:La Scuola ‚Il futuro nelle mani dei piccoli‘

Wenn wir den Wald nicht retten, sind wir nicht zu retten

In Spanien und Frankreich brennen die Wälder. Das könnte bei uns auch der Fall sein. Wie wir das verhindern können, weiß Marcel Bauer.

Gesunde Wälder bieten Schutz – vor Sonne, Hitze, Lärm und Gestank. In ihnen ist die Luft kühler, feuchter und sauberer. Das geschlossene Blätterdach, humusreiche Böden, die Neubildung von Grundwasser und die Wasserspeicherung durch Blätter, Moose und Wurzeln sowie die Sauerstoffproduktion machen den gesunden Wald zu einem der wichtigsten Lebensräume und Klimaschützer.

Das ist aber nicht in allen Wäldern so. In der Bundesrepublik sind fast alle Wälder Wirtschaftswälder. Sie werden auf die Produktion möglichst gerader, astloser und von Erntemaschinen und Sägewerken gut verwertbarer Stämme ausgerichtet. Manche Bäume, vor allem Nadelbäume, liefern besseres Bauholz und werden oft an Orten gepflanzt, an denen sie natürlicherweise nicht vorkommen würden.

In einem reinen Wirtschaftswald stehen diese Bäume in Reih und Glied nebeneinander, wie der Mais auf dem Acker. Sie sind dann anfällig für Krankheiten, Schädlinge und extreme Wetterereignisse wie Sturm, Dürre und Hitze. Die Folgen sind längst sichtbar: Nur noch jeder fünfte Baum ist gesund. Der Rest ist von Krankheiten befallen, zeigt Mangelerscheinungen oder steht, insbesondere seit den Dürren 2018 und 2020, unter Trockenstress. Eine Entwicklung, die sich mit der Erderhitzung weiter verschärft.

Marcel Bauer

privat

Marcel Bauer ist Forstwirt und Sprecher für Lebensmittel und nachhaltige Bodennutzung der Linksfraktion im Bundestag. Als Obmann im Ausschuss für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat setzt er sich für eine für ökosozialistische Konzepte ein.

Trockenstress macht Nadelwälder besonders anfällig für Feuer. Geschwächte Wälder schaffen die Voraussetzungen dafür, dass sich Brände zu Feuerstürmen entwickeln. Dann erzeugt das Feuer sein eigenes Wetter, breitet sich zunehmend aus eigener Dynamik aus und wird kaum noch kontrollierbar. So ist es aktuell in Spanien und Frankreich.

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Wie alle Ökosysteme haben Wälder Kipppunkte. Werden sie überschritten, verlieren sie ihre Fähigkeit, Leben zu erhalten. Stattdessen kann ein unaufhaltsamer Zusammenbruch einsetzen, der die vom Wald abhängigen Lebensgemeinschaften, einschließlich des Menschen, zerstört. Das ist die Gefahr, vor der wir stehen. Und dennoch liegt der Fokus der deutschen Forstwirtschaft weiterhin auf der Gewinnerzielung. Auch in den Staats- und Kommunalwäldern.

Seit Jahrzehnten ist bekannt: Mischwälder mit verschiedenen Baumarten und Altersstrukturen sind widerstandsfähiger gegen Hitze, Dürre und Krankheiten. Sie speichern mehr Wasser, fördern die Artenvielfalt und schützen unsere Lebensgrundlagen. Der notwendige Waldumbau ist gesellschaftlicher Konsens – doch er wird verschleppt. Vielerorts werden kurzfristige wirtschaftliche Interessen priorisiert: Personal wird abgebaut, industrielle Bewirtschaftung ausgebaut.

Die Nutzung des Waldes muss dem Gemeinwohl dienen. Der Schutz vor Austrocknung unserer Gesellschaft und vor einer alles verzehrenden Feuersbrunst ist ein übergeordnetes gesellschaftliches Interesse, und jegliche Nutzung muss dieser Schutzfunktion untergeordnet werden. 2026 stellte der Bund mit circa 1,7 Milliarden Euro nur 0,3 Prozent des Gesamthaushaltes für natürlichen Klimaschutz bereit. 2027 ist von dieser Regierung mit nicht viel mehr zu rechnen.

Diese Regierung muss ihren Kurs dringend ändern und den Waldumbau zur Chefsache machen. Dafür braucht es mehrstellige Milliardenbeträge und eine Forstwirtschaft, welche der Rettung des Waldes und unserer Lebensgrundlagen absolute Priorität beimisst.

Erstveröffentlicht im nd v. 31.7. 2026
Wenn wir den Wald nicht retten …

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