Film Night Israel – Palästina

ARNA’S CHILDREN, Film von Juliano Mer Khamis (2003, 84 min)

Samstag, den 25.5.2024 @Spore Initiative, Hermannstraße 86, 12051 Berlin, Beginn 17 Uhr

Die Jüdische Stimme präsentiert eine Reihe von Dokumentar- und Spielfilmen aus Palästina und Israel – Filme, die einzigartige und wichtige Perspektiven auf den aktuellen Genozid und die ethnische Säuberung zeigen, deren Zeugen wir tagtäglich sind.

Durch diese unterschiedlichen Einblicke in die Realität der Besatzung und der andauernden Nakba, sowie durch moderierte Podiumsdiskussionen nach jedem Film, möchten wir zu Diskussionen und Begegnungen anregen, die die Teilnehmenden aufklären und informieren

17:00:
Whose Child Not Ours? A reading with clarinet.
Leila Boukarim and J.K. Langford turn to the voices of children and young writers in Gaza, reading poems and testimonies from Gaza, as well as from their own work.

19:00: Arna’s Children

Juliano Mer Khamis tells the story of a theater group founded by his mother, Arna Mer Khamis. Arna comes from a Zionist family and married a Palestinian Arab, Saliba Khamis, in the 1950s. In the West Bank, she opened an alternative education system for children whose normal lives were disrupted by the Israeli occupation. The theater group she founded engaged children from Jenin and helped them express their everyday frustrations, anger, bitterness and fear. Arna’s son Juliano, the director of this film, was also one of the directors of the theater in Jenin. He used his camera to film the children during rehearsals from 1989 to 1996. Now he returns to see what happened to them.

  • Film with English subtitle

20:30: Moderated Q&A with a graduate of the Freedom Theatre

  • Conversation in English

Die Filmvorführungen finden monatlich statt, der Eintritt ist frei, Spenden sind jedoch willkommen und werden vollständig für den Erwerb der Rechte für die Vorführung zukünftiger Filme dieser Reihe und für Spenden an die Gaza-Hilfe verwendet.

siehe auch "Grossdemo in Berlin setzt Zeichen für ein freies Palästina für Alle!"

Einige verwandte Quellen:
The Freedom Theatre: https://thefreedomtheatre.org/
Passages Through Genocide https://www.gazapassages.com
A Million Kites https://www.amillionkites.com

Falsche und richtige Ängste

Putin greife die Nato an. Wie die Menschen in ein Desaster manipuliert werden, das weit realistischer ist als diese höchst unwahrscheinliche Voraussage.

Von Hans-Peter Waldrich

Bild: seemoz

Vergleicht man die heute grassierenden Ängste rund um den Ukrainekrieg, so ist eines deutlich: Was eher unwahrscheinlich, vielleicht sogar ganz angeschlossen ist, das macht große Angst. Fast überhaupt keine Angst macht dagegen, was sehr leicht passieren könnte und gewiss die mit Abstand größte Gefahr darstellt.

Ängste werden medial erzeugt

Freilich gilt die Regel: Angst machen nur Gefahren, von denen man weiß. Bedrohungen überhaupt wahrzunehmen, verlangt Information. Somit sind es in der Massengesellschaft vor allem die Medien, die darüber entscheiden, was als Gefahr angesehen wird und was nicht. Wie eine Ware muss eine Gefahr „beworben“ werden, ohne Reklame dafür ist sie nicht existent. „Hier bitte hinschauen und sich ängstigen!“ lauten mediale Botschaften. „Hier ist etwas zum Fürchten – dort drüben ist es nicht!“

Dementsprechend haben nur diejenigen Ängste eine Chance sich auszubreiten, die den jeweiligen politischen Eliten genehm sind. Sich vor etwas zu fürchten, das den Eliten keine Zustimmung sichert, sollte unterbleiben. Dann heißt es: Angst ist ein schlechter Ratgeber, wer wird denn hier Angst haben! Es gibt also „gute“ und „schlechte“ Ängste.

Die „gute“ Angst

Kommen wir zunächst zur „guten“ Angst. Zurzeit lautet sie: Putin wird die Nato angreifen! Wer die Botschaft hört, sieht Putin vor der Haustüre stehen. Zunächst wird er im Baltikum einmarschieren, dann sich Richtung Polen bewegen und schließlich – wer weiß – auch Köln oder Paris erreichen.

Eine „gute“ Angst also. Schrecklich unrealistisch zwar, aber funktional für die Eliten. Die Botschaft lautet: Putin ist ein zweiter Hitler, nichts Anderes als ein Eroberer und er verfügt über unbeschränkte Macht. Mit allen denkbaren Mitteln muss er deshalb gestoppt werden. Wohlgemerkt: Mit allen Mitteln, koste es, was es wolle. Und das ist wörtlich zu nehmen. Der totale Einsatz ist gefragt. Haltet euch bereit!

Während also nicht wenige Menschen vor Putin, dem Teufel in Menschengestalt zittern, kommt die wirkliche Gefahr aus einer ganz anderen Ecke. Aber in diese Richtung schaut kaum jemand. Denn unser medial betreutes Denken sieht hier nichts. Was die „Qualitätsmedien“ ausblenden, wo sie Blindheit verordnen, da ist gähnende Leere.

Die „schlechte“ Angst, aber real

Wovon rede ich? Schlicht vor der ganz realen Gefahr eines alles zerstörenden Atomkriegs. Europa, gar die Welt in Flammen, ein langsames Sterben, das Ende unserer Zivilisation, vielleicht das Ende der Menschheit.

Den Manipulateuren der Angst kommt freilich entgegen, dass eine so gewaltige Katastrophe unsere Vorstellungskraft übersteigt. Apokalypse-Blindheit gehört zur Alltagsausstattung von Homo Sapiens. Nur zu gerne wähnen wir, dass so unendlich Schreckliches, eben weil es so schrecklich ist, niemals eintreten wird. Ein Fehlschluss leider. Doch die Manipulateure bauen auf ihm auf.

Vergleichen wir einmal die beiden Ängste miteinander. Angst Nummer eins: Putin greift die Nato an. Gewiss nicht restlos ausgeschlossen, aber doch äußerst unwahrscheinlich. Der Kürze halber nur wenige Zahlen: Nach verschiedenen Berechnungen liegen die Militärausgaben der Nato zwischen dem 15 und dem 20-fachen der russischen. Die Nato hat insgesamt das 3,6-fache an Soldaten unter Waffen. Bei schweren konventionellen Waffen ist die Nato so gut wie haushoch überlegen. Nur im Hinblick auf Atomwaffen hat Russland einen Vorsprung. Auf seine nukleare taktische Streitmacht legt Russland großen Wert. Durch nukleare Waffen gleicht Russland seine konventionelle Unterlegenheit aus.

Im Vergleich ist die erste der beiden Ängste also nahezu gegenstandslos. Schauen wir auf die zweite Angst, die vor dem Atomkrieg. Könnte es zu einer nuklearen Auseinandersetzung kommen? Politikwissenschaftler warnen seit Langem: Ja, dazu könnte es kommen. Und zwar vor allem, sofern Russland so sehr unter Druck gesetzt wird, dass es auf die nächste Stufe der Eskalation wechselt und die atomare Schwelle übertritt.

Wie der Westen, wie die USA dann reagieren würden, steht in den Sternen. Zwar ist in den USA eine Sonderkommission genau für diese Frage eingesetzt worden. Ob sich hierzulande irgendjemand darüber den Kopf zerbricht, ist unbekannt. Das weit wahrscheinlichere und äußerst bedenkliche Risiko wird ausgeblendet, medial und wohl auch auf Regierungsebene. Devise: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

Was wäre auch mit Ängsten anzufangen, die den Atomkrieg befürchten? Die Menschen könnten auf die Idee verfallen, Zivilschutz zu fordern, Informationen darüber, wie sie sich im Fall des Falles zu verhalten hätten. Sie könnten statt der zunehmend sinnlosen Ausgaben für Waffen nach preiswerteren Wohnungen rufen. Überhaupt könnte die ganze Fragwürdigkeit der „Zeitenwende“ ins Bewusstsein treten.

Denkt Putin offensiv oder defensiv?

Wer aber auf Putin, den Gottseibeiuns, den Satan mit blutunterlaufenen Augen starrt, der stellt solche Fragen nicht mehr. Ist Putin identisch mit Hitler, wissen wir genau, was er vorhat. Er will das Imperium Russland wiederherstellen, vielleicht die Welt erobern. Was denn sonst? Zu fragen, ob seine Absichten eher defensiv sind, er nicht erobern, sondern – aus seiner Warte gesehen – verteidigen will, darf nicht einmal in Erwägung gezogen werden.

Dabei ist genau dieser Unterschied entscheidend: Ob eine Macht von offensiven oder defensiven Motiven angetrieben wird, bestimmt ihr Handeln in jeweils ganz verschiedene Richtung. Könnte es nicht sein, dass Putin schlicht die Ukraine als russische Einflusssphäre betrachtet? Etwa so, wie die USA Mittelamerika stets als Einflusssphäre definiert haben? Dass er nicht will, dass Nato und Atomwaffen allzu dicht an seinen Grenzen stehen?  Ganz in der Weise, wie es auch die USA in der Kubakrise im Hinblick auf ihre Grenzen sahen? Dafür spricht vieles und es wäre defensiv motiviert. Eroberungen im Stile Hitlers wären ein offensives Konzept.

Wie auch immer: Angst Nummer eins (gewissermaßen die offizielle Angst wenigstens hier in Deutschland) würde voraussetzen, dass Putin ein offensiver Imperator ist. Und während er zugleich ein Wahnsinniger sein müsste, würde er die Nato angreifen wollen, müssten wir sicher wissen, dass diese Interpretation seiner Absichten die richtige ist. Niemand aber kann das beweisen.

Angst Nummer zwei: Putin müsste auch wahnsinnig sein, wenn er zu Atomwaffen greift. Gleichwohl ist dieser Wahnsinn um vieles wahrscheinlicher. Man stelle sich vor, der Sieg der Ukraine über Russland stünde an. Ganz so, wie es bei uns öffentlich ausgerufen wird. Der Westen hätte so lange interveniert und immer härtere Waffen geschickt, bis Russland schließlich das Handtuch wirft. Wie realistisch ist es anzunehmen, Putin würde mit einem Winseln den Schwanz einziehen und sich in seine Datscha zurückziehen? Oder gar Reparationen an die Ukraine zahlen, um Vergebung bitten?

Realangst wird umgeleitet

Hier bekommt Angst Nummer zwei ihr Gewicht. Weil das völlig unrealistisch ist, und Putin viel wahrscheinlicher sich mit allen – tatsächlich allen! – Mitteln gegen den Eintritt dieser Situation wehren wird, kann diese zweite Angst als wohlbegründet angesehen werden. Die Angst vor dem atomaren Inferno ist eine Realangst. Realängste sind Ängste, die uns warnen wollen. Psychologisch gesehen hat Realangst eine Warnfunktion. Die Evolution wusste – sozusagen – was sie tat, als sie diese Angst einrichtete.

Doch durch die Umleitung dieser Realangst auf die Furcht vor dem Monster Putin, kann auch angesichts des größten nur denkbaren Risikos, eines Risikos für die gesamte Menschheit, des finalen nuklearen Knalls, eine Politik der Ignoranz betrieben werden. Bedenken- und gedankenlos zündelt man immer weiter.

Da wird mit dem Eingreifen westlicher Truppen gedroht, Atomwaffen sollen in unmittelbarer Nähe der russischen Grenze aufgestellt werden, gefordert wird, die Kommandostationen Russlands zu bombardieren und überhaupt den Krieg offensiv nach Russland hineinzutragen.

Wir befinden uns also unmittelbar in einer heftigen hegemonialen Auseinandersetzung. Einem zweiten Kalten Krieg, der schon lange heiß ist. Eher noch als bei allen Krisen der Vergangenheit könnte unversehens ein Kipppunkt erreicht sein. Dann könnte es blitzschnell todernst werden.

Als es noch Menschen gab, die falsche Ängste von Realängsten unterscheiden konnten, veröffentlichte der renommierte Philosoph Ernst Tugendhat ein Buch mit einem bezeichnenden Titel: „Nachdenken über die Atomkriegsgefahr und warum man sie nicht sieht“. Könnte es nicht sein, so schreibt er, „dass bei dem bevorstehenden Holocaust, diejenigen von uns, die nicht sofort tot sind, diejenigen, die noch Waffen haben sollten, von sich aus bitten würden, sie und ihre Kinder zu erschießen, und dass wir, sollte es noch Gaskammern geben, freiwillig an ihren Toren Schlange stehen würden.“

Tugendhat forderte den „Mut zur Angst“. Natürlich meinte er eine realistische Angst.

Erstveröffentlichtt im Overton-Magazin v. 23.5. 2024
https://overton-magazin.de/hintergrund/gesellschaft/falsche-und-richtige-aengste/

Wir danken dem Autor für das Publikationsrecht.

„Eine neue Etappe der Repression“

Am 75. Jahrestag des Inkrafttretens des Grundgesetzes ist Deutschland auf dem Weg in eine autoritäre Formierung: Die Kriege in der Ukraine und in Gaza bringen in der Bundesrepublik zunehmend Ausgrenzung und Repression hervor.

23 Mai 2024

Foto: The Left Berlin

Von „German Foreign Policy

BERLIN (Eigener Bericht) – Am heutigen 75. Jahrestag des Inkrafttreten des Grundgesetzes (23. Mai 1949) befindet sich Deutschland in einer Phase einer rasch zunehmenden autoritären Formierung. Während etwa Bundeskanzler Olaf Scholz die „Freiheits- und Werteordnung“ des Grundgesetzes lobt und in offiziellen Stellungnahmen von „75 Jahren Freiheit“ die Rede ist, werden außenpolitisch missliebige Meinungen zunehmend unterdrückt und ihre Anhänger ausgegrenzt. Ein erster Schub in diese Richtung war mit dem Beginn des Ukraine-Krieges einhergegangen; damals waren russische Medien verboten, russische Künstler boykottiert und sogar Werke russischer Komponisten aus Programmen genommen worden. Seit dem Beginn des Gaza-Kriegs werden Palästinensern und ihren Unterstützern Literaturpreise entzogen, Kulturzentren genommen und Bankkonten gekündigt, Letzteres auch dann, wenn es sich um jüdische Organisationen handelt. Bundesminister beginnen, Hochschuldozenten, die sich für das Recht auf Protest aussprechen, offiziell zu disziplinieren, während Berlin Einreiseverbote gegen Kritiker verhängt, darunter ein ehemaliger griechischer Minister. Aus dem westlichen Ausland sind zunehmend entsetzte Reaktionen zu vernehmen.

Sendeverbote

Ein starker Schub in Richtung auf eine autoritäre Formierung der deutschen Öffentlichkeit war zu Beginn des Ukraine-Kriegs zu verzeichnen. War schon zuvor, ab 2014 und vermittelt nicht zuletzt über die Leitmedien, massiver Druck auf all diejenigen ausgeübt worden, die sich einem offen antirussischen Grundkonsens verweigerten („Putin-Versteher“), so ging die Bundesrepublik nun unter anderem zur Ausschaltung russischer Medien über – entweder, indem die deutschen Behörden ihnen Sendelizenzen verweigerten, oder durch ein Verbot auf EU-Ebene. Sender wie RT oder Sputnik sind seitdem in Deutschland nicht mehr erlaubt. Deutsch-russische Kooperationsprojekte auf den Feldern von Wissenschaft und Kultur, die vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) betrieben wurden, wurden nun umgehend auf Eis gelegt; die Frankfurter Buchmesse schloss Russlands Nationalstand aus – und wies darauf hin, Repräsentanten russischer Verlage könnten aufgrund der Russland-Sanktionen ohnehin kaum zu der Veranstaltung anreisen.[1] Boykotte russische Künstler, zuweilen gar der Werke längst verstorbener russischer Komponisten wie auch Forderungen, die Bücher russischer Autoren – sogar klassischer Schriftsteller – zu verbieten, spitzten die antirussische Formierung zu.

Geschichtsrevision

Diese dauert bis heute an, greift immer weiter aus und beeinträchtigt mittlerweile sogar die Erinnerung an die Befreiung Deutschlands und Europas von der NS-Herrschaft. So waren bei den Befreiungsfeierlichkeiten am 9. Mai am sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow nicht nur russische Fahnen und Symbole verboten, sondern auch die Flagge der Sowjetunion, die die Hauptlast bei der Niederwerfung des NS-Reichs getragen hatte. Überaus schikanöse Einlasskontrollen am Ehrenmal sorgten für recht lange Wartezeiten und schreckten von der Teilnahme an dem Gedenken an die Befreiung vom Nationalsozialismus ab. Verboten wurde sogar das Mitführen einer Tageszeitung, die auf ihrer Titelseite ein berühmtes historisches Foto von der Einnahme des Reichstags durch sowjetische Soldaten zeigte: Weil auf ihm eine sowjetische Flagge zu sehen ist, die die Soldaten gerade über dem Reichstag schwenken, musste, wer sich dem Gedenken anschließen wollte, die Zeitung im Müll entsorgen.[2] Das Foto ist aus zahlreichen Geschichtsbüchern bekannt. Ukrainische Flaggen hingegen waren erlaubt – und dies, obwohl die Organisationen der ukrainischen Faschisten, die 1941 einen ukrainischen Staat zu gründen versucht hatten, mit den Nazis kollaboriert sowie den Massenmord an den europäischen Juden aktiv unterstützt hatten.[3] Auch zugelassen waren Werbemaßnahmen ultrarechter Aktivisten aus dem „Reichsbürger“-Milieu.

Ausgegrenzt

Ein weiterer massiver Schub in Richtung auf eine autoritäre Formierung erfolgt seit dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 und dem Beginn des Gaza-Kriegs; er richtet sich pauschal gegen palästinensische Organisationen, gegen ihre Unterstützer und gegen alle, die Sympathie mit ihren Anliegen zu erkennen geben. So wurde beispielsweise die Vergabe diverser Literaturpreise, deren ursprünglich vorgesehene Empfänger sich mit Kritik an der israelischen Politik hervorgetan hatten oder auch nur palästinensischer Herkunft waren, unbestimmt verschoben oder vollständig abgesagt, so etwa eine offiziöse Auszeichnung, die auf der Frankfurter Buchmesse vergeben wird.[4] Die Berliner Behörden strichen einem bekannten Kulturzentrum in der Hauptstadt, das für palästinensische Anliegen offen ist, alle Fördermittel und verlangten die Räumung seines Gebäudes. Die Exempel wirken: In ganz Deutschland berichten Organisationen, die palästinensische Anliegen unterstützen, sie seien kaum noch in der Lage, Räumlichkeiten für Treffen und Veranstaltungen zu finden. Der Repression durch deutsche Stellen ausgesetzt ist mit der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost auch eine jüdische Vereinigung; ihr sperrte die Berliner Sparkasse bereits im März das Bankkonto.[5]

Ausgesperrt

Mittlerweile beginnt die Bundesregierung, Hochschuldozenten öffentlich zu disziplinieren, greift zu Reiseverboten und setzt sie EU-weit durch. Vor zwei Wochen hatten nach der Räumung eines Protestcamps an der Freien Universität Berlin durch die Polizei ungefähr 300 Lehrkräfte in einem Protestschreiben erklärt, sie verteidigten – unabhängig von ihrer Haltung zu den Forderungen des Protestcamps – das „Recht auf friedlichen Protest“.[6] Daraufhin äußerte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger, die Stellungnahme mache sie „fassungslos“. Die öffentliche Verurteilung durch die Ministerin schädigt die Unterzeichner des Protestschreibens und schreckt andere davon ab, sich der Kritik anzuschließen. Zuvor hatten die deutschen Behörden zwei Referenten eines Palästina-Kongresses an der Teilnahme an der Veranstaltung gehindert. Gegen den ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis hatte Berlin ein politisches Betätigungsverbot verhängt.[7] Den palästinensischen Arzt und Rektor der University of Glasgow, Ghassan Abu-Sittah, hatte sie mit einem Einreiseverbot belegt, und zwar für den gesamten Schengen-Raum. Abu-Sittah konnte daher Anfang Mai auch an einer Veranstaltung des französischen Senats nicht teilnehmen. Das Verwaltungsgericht Potsdam hat das Einreiseverbot inzwischen für rechtswidrig erklärt.[8]

„Gegen ethnische Minderheiten“

Aus dem westlichen Ausland sind zunehmend entsetzte Reaktionen zu vernehmen. Bereits im Dezember konstatierte die New York Times, Deutschland drohe seinen „Ruf als Zufluchtsort für künstlerische Freiheit“ zu verlieren [9], während die Washingtoner Onlinezeitung The Hill notierte: „Nahezu jede größere Einrichtung in Deutschland ist an einer Welle der Repression gegen ethnische Minderheiten beteiligt gewesen“ – gegen „Palästinenser, andere Nichtweiße und jüdische Antizionisten gleichermaßen“, und dies „in einem Ausmaß und einer Intensität, die in der deutschen Nachkriegsgeschichte beispiellos ist“ [10]. Im April zitierte der britische, gewöhnlich deutschlandfreundliche Guardian konsterniert die Aussage einer in Nordafrika geborenen und heute in Berlin lebenden Aktivistin, „Demokratie und Meinungsfreiheit“ seien in der Bundesrepublik offenbar nur noch „Fassade“.[11] Im Mai äußerte die französische Senatorin Raymonde Poncet Monge (Europe Écologie – Les Verts), die Ghassan Abu-Sittah zu der Veranstaltung des Senats eingeladen hatte, zu der auf Berliner Betreiben verfügten Einreisesperre: „Das ist grauenhaft! Das ist eine neue Etappe der Repression“.[12]

Der dritte Schub

Dabei hat längst ein dritter Schub in Richtung auf eine autoritäre Formierung begonnen, der sich gegen den stärksten Rivalen der Bundesrepublik richtet – gegen China. Schon vor Jahren ergab eine wissenschaftliche Untersuchung, die deutsche China-Berichterstattung sei „von teil noch aus kolonialen Zeiten herrührenden Klischees und Stereotypen geprägt“.[13] Seither hat auch der staatliche Druck auf in Deutschland lebende Chinesen, ihre Unterstützer und ihre Kooperationspartner zugenommen. So dürfen Chinesen, die bestimmte staatliche Stipendien erhalten, an manchen deutschen Hochschulen nicht mehr studieren. Deutsche Hochschulen stellen zunehmend ihre bisherige Kooperation mit chinesischen Kulturinstituten (Konfuzius-Institute) ein. Mit der Verschärfung des Konflikts mit der Volksrepublik steht – ähnlich wie zuvor gegen Russland und aktuell gegen Palästinenser – eine Verschärfung der inneren Frontbildung gegen China und gegen Chinesen bevor.

[1] S. dazu Die dritte Front.

[2] Nico Popp: Antifaschistische Zeitenwende. junge Welt 08.05.2024.

[3] S. dazu Von Tätern, Opfern und Kollaborateuren (II).

[4] S. dazu „Zum Schweigen gebracht“.

[5] Berliner Sparkasse sperrt Konto der Jüdischen Stimme. juedische-stimme.de 27.03.2024.

[6] Stark-Watzinger „fassungslos“ über Brief von Uni-Lehrkräften – Kritik auch vom Senat. rbb24.de 10.05.2024.

[7] Daniel Bax: „Betätigungsverbot“ für Varoufakis? taz.de 13.04.2024.

[8] Ronen Steinke: Einreiseverbot war rechtswidrig. sueddeutsche.de 15.05.2024.

[9] Alex Marshall: German Cultural Scene Navigates a Clampdown on Criticism of Israel. nytimes.com 07.12.2023.

[10] Kumars Salehi: Germany’s unprecedented crackdown on pro-Palestinian speech. thehill.com 17.12.2023.

[11] Philip Oltermann: ‘Free speech is a façade’: how Gaza war has deepened divisions in German arts world. theguardian.com 25.03.2024.

[12] Benjamin Barthe: Le médecin palestinien Ghassan Abu Sitta, témoin de l’enfer de Gaza, interdit d’entrée sur le territoire français. lemonde.fr 04.05.2024.

[13] Jia Changbao, Mechthild Leutner, Xiao Minxing: Die China-Berichterstattung in deutschen Medien im Kontext der Corona-Krise. Studien der Rosa-Luxemburg-Stiftung 12/2021. Berlin 2021. S. dazu Feindbild China.

Erstveröffentlicht bei „German Foreign Policy“ am 22-5- 2024
https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9566

Wir danken für das Publikationsrecht.

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