Deutsche Kriegstüchtigkeit: Was vor 75 Jahren nicht im Grundgesetz stand

Von Peter Nowak

Die Wiederbewaffnung war von Repression gegen Andersdenkende begleitet. Statt zu feiern, sollte die Realität kritisch geprüft werden. Ein Kommentar.

Vor rund 20 Jahren gab es große Proteste, als die Bundeswehr mit öffentlichen Gelöbnisfeiern den Wiederaufstieg des deutschen Militarismus zelebrierte. Der hatte nach 1990 in der vergrößerten Bundesrepublik einen mächtigen Sprung gemacht.

Ortswahl für Bundeswehr-Rituale: Ein Politikum

Zeitweise verzog sich die Bundeswehr mit ihren Zeremonien auf das Gelände des Bendlerblocks, wo schon seit mehreren Generationen jene Behörde residiert, die schönfärberisch Verteidigungsministerium genannt wird – und doch viel öfter ein Kriegsministerium war.

So könnte es auch nach der „Zeitenwende“ wieder genannt werden. Schließlich spricht der Amtsinhaber davon, dass Deutschland wieder kriegstüchtig werden muss. „Kanonen statt Butter“ ist zumindest sinngemäß längst wieder zur politischen Maxime geworden.

Reklame für Wehrpflicht und Kriegstüchtigkeit

Zudem wird über die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht diskutiert. Deutschland soll erklärtermaßen „kriegstüchtig“ werden, wie es der zuständige Bundesminister Boris Pistorius (SPD) nennt.

Da ist es nur konsequent, dass die Bundeswehr gerade wieder ein Gelöbnis außerhalb des Bendlerblocks abhielt, direkt vor dem Berliner Abgeordnetenhaus. Nur wenige Meter entfernt kann man sich in der „Topographie des Terrors“ über die Verbrechen des letzten deutschen Versuchs informieren, zur Weltmacht zu werden.

Kitschige Polit-Phrasen über Sicherheit, Freiheit und Frieden

Es wird zwar noch daran erinnert, aber immer mit dem Hintergedanken: Beim nächsten Versuch haben wir die richtigen Bündnispartner dabei. Weil nun die Menschen nicht so gerne für Volk und Vaterland in den Tod ziehen, wenn die nackten Kapitalinteressen benannt werden, braucht man auch etwas für das Gemüt.

Dafür dient das ganze Zeremoniell der Feier des Grundgesetzes, das nun 75 Jahre alt wird. Dazu wird dann ein Polit-Kitsch verbraten, der sich so liest:

Wir feiern 75 Jahre Grundgesetz und die damit verbundenen Kernelemente Sicherheit, Freiheit, Frieden und Demokratie. Unsere freiheitlich demokratische Grundordnung und die Bundeswehr sind inhaltlich eng miteinander verknüpft. Mit dem Gelöbnis wollen wir deutlich sichtbar unterstreichen, dass die Bundeswehr als Parlamentsarmee in die Mitte der Gesellschaft gehört. Dies gilt vor allem in Zeiten, in denen sie sicherheitspolitisch wieder eine größere Rolle spielt.Die Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses, Cornelia Seibeld (CDU)

Die Wiederbewaffnung war im Grundgesetz nicht vorgesehen

Interessant ist, was bei soviel inhaltsleerem Wortgeklingel vergessen wird: In der ursprünglichen Fassung des Grundgesetzes war eine Wiederbewaffnung nicht vorgesehen – und viele hätten sie sich 1949 auch nicht vorstellen können.

Das war eine Konsequenz der beiden von Deutschland ausgegangenen verbrecherischen Weltkriege. Eine dritte Gelegenheit wollten damals auch die anderen kapitalistischen Mächte Deutschland nicht geben. Doch als die BRD im Kalten Krieg zum Vorposten des Kampfes gegen die vermeintlich kommunistische Gefahr wurde, war das alles schnell vergessen.

Für die Wiederbewaffnung Deutschlands 1956 musste das Grundgesetz geändert werden – und sie wurde gegen eine große Opposition durchgesetzt. Das hatten Hunderttausende, die in den 1950er-Jahren aus sehr unterschiedlichen Gründen in der BRD gegen die Remilitarisierung auf die Straße gingen, durchaus erkannt.

Der erste Tote der Wiederbewaffnung: Ein junger Demonstrant

Gegen sie wurde ein Großaufgebot der Polizei eingesetzt. Der erste von der Polizei nach 1945 in der BRD erschossene Demonstrant war der gerade 21-jährige Philipp Müller, den die Kugeln der Ordnungshüter trafen, als er 1952 gegen die Wiederbewaffnung protestierte.

In den 1950er-Jahren gab es eine erste massive Repressionswelle gegen linke Kritiker. Dazu zählt auch das Verbot der KPD und zahlreicher linker Organisationen, die Verfolgung linker Gewerkschafter sowie tatsächlicher oder vermeintlicher Kommunisten und Sozialisten in der BRD.

Altnazis gegen Kommunisten: Alte Rollenverteilung im neuen Staat

Dies waren keine Einzelfälle, die Repressalien hatten System. So schnell wie die ehemaligen Nazis und ihre Förderer wieder in den alten Machtpositionen in der BRD saßen, so schnell wurden die wenigen aktiven Antifaschisten, die Widerstand gegen den NS-Staat geleistet hatten, wieder inhaftiert.

Mit dem Vorwurf, die Arbeit der verbotenen KPD fortzusetzen, hatte man immer eine gute Handhabe, um gegen Oppositionelle vorzugehen. Und die wurde reichlich genutzt. Nach dem KPD-Verbot wurden viele verfolgt und inhaftiert, waren es die NS-Widerstandskämpfer, die mitansehen mussten, wie ihre Gegner von einst, die Nazis wieder in hohen Positionen saßen.

Von dieser realen Praxis der Verfolgung müsste heute die Rede sein, statt das Ideal eines Grundgesetzes zu beschwören, das mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat.

Von der DDR-Opposition lernen

Im Vergleich zwischen Anspruch und Wirklichkeit könnten wir durchaus von den linken DDR-Oppositionellen nennen, die Ilko Sascha Kowalczuk in der taz beschreibt. Sie machten die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der DDR-Verfassung immer wieder zum Thema.

„In der DDR berief ich mich oft auf die Verfassung, um meine Kritik am SED-Staat mit dessen eigenen Papieren zu untermauern“, schrieb Kowalczuk. Berechtigterweise kritisiert er auch, dass nach 1989 keine neue Verfassung geschrieben, sondern das westdeutsche Grundgesetz einfach übergestülpt wurde.

Unverständlicherweise schwadroniert Kowalczuk aber im Anschluss von den „Freiheitsfeinden von links und rechts“ und merkt gar nicht, dass er damit in eine autoritäre Staatsschutzsprache verfällt.

Es ist diese Feinderklärung, die auch das Grundgesetz seit 75 Jahren begleitet. Dabei wird aber schnell klar, dass der Feind links steht und die Rechten nur dann die Staatsgewalt zu spüren bekamen, wenn sie zu offen gegen die Staatsräson verstoßen. Das bekommt jetzt der nato-kritische Teil der AfD zu spüren.

Doch die Opfer der üblichen Auslegung Grundgesetzes waren größtenteils Linke, erst tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder und Sympathisanten der KPD, aber auch unabhängige Sozialisten wie der Gewerkschaftler Viktor Agartz, der durch eine Verfassungsschutzaktion kaltgestellt wurde.

FDGO als Waffe gegen Linke

Ab Mitte der 1960er-Jahre bekam dann auch die Neue Linke, die sich klar vom autoritären Nominalsozialismus osteuropäischer Prägung distanzierte, die Schärfe des Rechtsstaats zu spüren.

Heute ist weitgehend vergessen, wie in den 1970er- und 1980er-Jahren das Kürzel „FDGO“ zum Schrecken für eine kritische Generation wurde. „Stehen sie auf den Boden der Freiheitlich-demokratischen Grundordnung?“ Diese Frage konnte über die beruflichen Perspektiven hunderttausender Menschen entscheiden.

Die Regelanfrage beim Verfassungsschutz führte schnell zu Berufsverboten, die es aber offiziell in der BRD nicht geben dürfte. Das konnte bedeuten, dass jemand schon deshalb nicht Lehrerin werden durfte, weil er oder sie in einen Artikel oder einer Rede das Wort „Berufsverbot“ verwendet hatte.

Man brauchte nicht in einer inkriminierten linken Partei wie der DKP zu sein, um nicht Lehrer, nicht Postbeamter oder Briefträger werden zu können. Es reichte schon, in einer Organisation mitzuarbeiten, in der auch Kommunisten aktiv waren. Das Klima der Verdächtigung und der Denunziation hat der linksliberale Schriftsteller Heinrich Böll in seiner Erzählung „Du fährst zu oft nach Heidelberg“ gut beschrieben.

Tod eines Arbeiters durch Polizeigewalt vor 50 Jahren

Doch es blieb nicht nur bei Berufsverboten. Es gab auch Tote unter den Linken. Am 5. Juni jährt sich zum 50. Mal der Tod des Arbeiters Günther Routhier. Der mit einer maoistischen Kleinstpartei sympathisierende Frührentner besuchte 1974 mit seinem Sohn einen Arbeitsgerichtsprozess.

Als der Saal von der Polizei geräumt wurde, gab es viele Verletzte. Routhier wurde von einem Polizisten so heftig geschlagen, dass er starb. Sein Sohn versuchte vergeblich, die Polizisten auf die Vorerkrankung seines Vaters aufmerksam zu machen.

Nach Routhiers Tod gab es bis in die 1980er-Jahre hinein zahlreiche Prozesse gegen Menschen, die Mordvorwürfe gegen die Polizei erhoben hatten. Einige Verurteilte mussten deswegen ins Gefängnis. Heute ist Routhier weitgehend vergessen. Es wäre doch eine gute Gelegenheit, zu seinem Todestag an 75 Jahre Repression gegen Linke zu erinnern.

Es ist einer historischen Amnesie geschuldet, dass heute mit großem Brimborium 75 Jahre Grundgesetz gefeiert werden und selbst Linksliberale nur dazu aufriefen, es zu verteidigen. Das zeigt, wie sehr eine staatskritische Linke heute fehlt.

Bundeswehr-Gelöbnis nicht völlig ungestört

Allerdings haben Adbuster auf Plakaten ein Stück Realität sichtbar gemacht und dafür gesorgt, dass besagte Bundeswehr-Gelöbnis nicht ganz ungestört von Protest über die Bühne gehen konnte. In dem Satz „Ausbeutung gewaltsam verteidigen“ kommt die Realität hinter den Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag des Grundgesetzes gut zum Ausdruck.

Zum Schluss stellt sich die Frage: Hat das Grundgesetz in der Realität gar keinen Wert? Das kann mit einer Passage aus Franz Josef Degenhardt „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“ beantwortet werden:

„Also, sie berufen sich hier pausenlos aufs Grundgesetz. Sagen sie mal, sind Sie eigentlich Kommunist?“

Erstveröffentlicht auf „Teleplis“ v. 23.5. 2024
https://www.telepolis.de/features/Deutsche-Kriegstuechtigkeit-Was-vor-75-Jahren-nicht-im-Grundgesetz-stand-9729998.html?wt_mc=nl.red.telepolis.telepolis-nl.2024-05-24.link.link

Wir danken dem Autor für das Publikationsrecht.

Den Haag bremst Israel

Martin Ling über die Entscheidung des Internationalen Gerichtshofes

Es ist eine glasklare Anordnung des Internationalen Gerichtshofes (IGH) in Den Haag: Sofortiger Stopp der am 7. Mai gestarteten Militäroffensive Israels in Rafah! Sofortige Öffnung der Grenzen zu Rafah, um freien Zugang für die humanitäre Hilfe zu gewährleisten, um das Leid der palästinensischen Bevölkerung zu mildern. Der IGH gab dem Eilantrag Südafrikas statt, den sofortigen Rückzug des israelischen Militärs aus Rafah im Süden des Gazastreifens anzuordnen, um irreparablen Schaden und Leid von der palästinensischen Bevölkerung abzuwenden. Das haben die Richter der IGH mit großer Mehrheit entschieden – mit 13 zu zwei Stimmen.

Die Anordnung ist weitergehend als diejenigen aus den Eilentscheidungen vom 26. Januar und 28. März, da sie einen sofortigen Stopp der Militäraktion fordert, statt nur auf einen verhältnismäßigeren Einsatz der militärischen Mittel zu drängen, um die Zivilbevölkerung besser zu schützen.

Dass Israel dem IGH folgt, steht nicht zu erwarten, denn auch den vorangegangenen Eilentscheidungen wurde nicht in dem Maße nachgekommen, wie es der IGH angeordnet hatte. Das wurde ausdrücklich in der Entscheidung benannt.

Der IGH konnte den Gaza-Krieg bisher nicht stoppen. Doch auch seine Entscheidungen tragen wie die Anerkennung Palästinas als Staat, die beantragten Haftbefehle vom Strafgerichtshof und auch die Demonstrationen in Israel, die auf Verhandlungen zu der sofortigen Freilassung der Hamas-Geiseln drängen, dazu bei, dass der Druck auf Israels rechts-ultrarechte Regierung wächst. Mehr kann der IGH nicht leisten.

Quelle: nd v. 25.5. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1182438.internationaler-gerichtshof-den-haag-bremst-israel.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

Etwas mehr Informationen zum Urteil liefert die zur Friedrich-Eber-Stiftung gehörige Plattform IPG:
https://www.ipg-journal.de/regionen/naher-osten/artikel/deutliche-abfuhr-7279/

Neukölln: Schulstreik gegen Gaza-Krieg

Am 31. Mai sind die nächsten Schulstreiks agekündigt. Wie im Beitragsbild zu erkennen wird gerade breit plakatiert: Gegen Kinderarmut Militarisierung und Rassismus. (Jochen Gester)

Von Jule Meier

Bild: Jochen Gester

200 Schüler streiken gegen die Rafah-Offensive in Palästina

Es ist kein Zufall, wo der Schulstreik an diesem Mittwochmorgen startet. Knapp 200 Schüler*innen versammeln sich vor dem Ernst-Abbe-Gymnasium auf der Sonnenallee in Neukölln. Die Schule machte kurz nach dem 7. Oktober Schlagzeilen wegen eines Videos, das in den sozialen Medien viral ging und dort immer noch zu sehen ist. Es zeigt, wie ein Lehrer einen Schüler auf dem Schulhof ins Gesicht schlägt, woraufhin der Schüler ihn tritt. Vor dieser Szene soll der Schüler eine Palästina-Flagge gezeigt haben. Laut Aussagen des Lehrers soll der Schüler ihn zuerst mit einer Kopfnuss angegriffen haben – das ist auf dem Video jedoch nicht zu erkennen.

Was heute stattdessen vor dem Ernst-Abbe-Gymnasium zu sehen ist, sind rote und schwarze Kufiyas, Fahnen der Frauenorganisation Zora und Young Struggle. Zum Schulstreik, der vor dem Gymnasium startet, riefen der Kommunistische Jugendbund (KJB) und Migrantifa auf. In einer gemeinsamen Pressemitteillung warnen sie vor den Folgen, die die Rafah-Offensive mit sich zieht. Über eine Million geflüchtete Palästinenser*innen suchen in dem südlichen Gebiet des Gazastreifens Schutz. Die »Tagesschau« berichtete am 22. Mai, dass die Vereinten Nationen die Lebensmittelverteilung einstellen, unter anderem, da Hilfstruppen nicht sicher arbeiten könnten. Die WHO spricht davon, dass die Kliniken in Rafah kurz vor dem Aus stünden.

»Der Krieg Israels gegen die Bevölkerung von Gaza trifft vor allem junge Menschen, denn rund die Hälfte derer, die dort leben, sind keine 18 Jahre alt«, schreiben die Streikaufrufenden in einer Pressemitteillung. Im Gespräch mit »nd« erklären die Pressesprecher*innen Luisa und Jurek, warum sie demonstrieren. Jurek betont, dass die Dringlichkeit des Anliegens eine besondere Aktionsform brauche: »Rafah ist eine Zäsur. Es gibt gar keinen Rückzugsort mehr für Palästinenser*innen.« Luisa ergänzt, dass die Bilder zerbombter Schulen an Schüler*innen in Deutschland nicht vorbeigingen.

nd.Muckefuck ist unser Newsletter für Berlin am Morgen. Wir gehen wach durch die Stadt, sind vor Ort bei Entscheidungen zu Stadtpolitik – aber immer auch bei den Menschen, die diese betreffen. Muckefuck ist eine Kaffeelänge Berlin – ungefiltert und links. Jetzt anmelden und immer wissen, worum gestritten werden muss.

Auf die Frage, warum sich gerade junge Menschen seltener gegen Waffenlieferungen positionieren, antwortet Jurek, dass eine Erzählung Früchte getragen hätte, dass »Frieden und Sicherheit mit Waffenexporten durchgesetzt werden«. Es dürfe nicht die einzige Antwort für Frieden sein, sich bedingungslos und einseitig hinter einen hochmilitarisierten Staat zu stellen, meint Jurek. Luisa sagt, dass es ihnen darum ginge, das Schweigen zu brechen. Eine Auseinandersetzung mit dem Krieg würde in der Schule ausbleiben, da ihnen gesagt würde, dass das Thema »so schwierig« sei.

»Schwierig« ist auch das Wort, das mehrere angesprochene Schüler*innen benutzen, um ein Angebot für ein Gespräch abzulehnen. Auf die Frage nach den Gründen verweisen die meisten darauf, dass es mit deutschen Medien schwierig sei.

Laut und deutlich spricht hingegen der erste Redner beim Schulstreik ins Mikrofon. Der bei Migrantifa organisierte Musiker Shadore ist seit zehn Jahren nicht mehr in der Schule, hat sie jedoch nicht vergessen. »Zu meiner Schulzeit hatte ich viele Namen«, sagt er. Ein Lehrer habe ihn »Shredder« genannt, nach dem Bösewicht in der Comicserie Ninja Turtles. »Oder Mustafa oder Hüssein, weil er mich mit einem anderen Ausländer verwechselte«, sagt er. »Das hat einen Namen: Rassismus«, ruft er unter Beifall ins Mikrofon. »Berlin kürzt den Neuköllner Haushalt für Soziales und rüstet gleichzeitig die Polizei auf den Straßen auf«, ruft Shadore. Er stehe heute hier für eine Schule, in der Schüler*innen mitbestimmen und zusammen lernen können.

Mit welcher Härte die Polizei durchgreifen kann, durfte die Frauenorganisation »Zora« im Dezember bei insgesamt acht Hausdurchsuchungen erfahren. Anlass für die Razzien in den Privatwohnungen der Jugendlichen, wie auch im Kreuzberger »Karanfil« und im Weddinger »Interbüro«, waren Flyer Zoras gewesen, welche sich positiv auf die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) bezogen. Die PFLP war am Massaker vom 7. Oktober beteiligt und ist von der EU als terroristische Organisation eingestuft, in Deutschland jedoch nicht verboten. Eine Zora-Sprecherin nennt die polizeilichen Maßnahmen »lächerlich«. In ihrem Redebeitrag spricht sie sich für ein »Ende der Besatzung und des Krieges« aus und ruft dazu auf, »Schulen zu Orten des Widerstands gegen Unterdrückung zu machen«.

»Ich bin heute hier, weil ich sagen will, dass nicht alle Lehrer bedingungslos solidarisch mit Israel sind«, sagt der Lehrer Steffen von der gegenüberliegenden Albert-Schweizer-Schule. Er trägt eine GEW-Weste, da er heute auch für bessere Arbeitsbedingungen mit seinen Kolleg*innen streikt. Steffen bezieht sich in seinem Redebeitrag positiv auf den jüngst veröffentlichten Brief von 120 Akademiker*innen gegen die harten Polizeieinsätze an Bildungseinrichtungen und für friedlichen Protest. »Wenn wir hier heute von einem freien Palästina sprechen, dann heißt das auch für Juden«, betont er. Ihm sei es wichtig, wegzukommen von der »Cancel Culture« und hin zu einem offenen Diskurs. Auch sein 14-jähriger Sohn streikt heute mit. »Weil ich gegen den Genozid bin«, sagt er »nd«, als die rund 200 streikenden Jugendlichen von der Kundgebung vor dem Neuköllner Gymnasium in eine Demonstration übergehen.

Quelle: nd v. 23.5. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1182364.gaza-krieg-neukoelln-schulstreik-gegen-gaza-krieg.html?sstr=Schulstreik

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung