Demolierte Demokratie

»Unsere Demokratie verteidigen« – was der Aufstieg der AfD mit der politischen Mitte zu tun hat

von Raul Zelik

Kaum ein Begriff ist in den vergangenen Wochen so häufig gefallen wie »unsere Demokratie«. Grünen-Politikerin Ricarda Lang jubilierte, die »Mitte dieses Landes« habe sich in Bewegung gesetzt, »um unsere demokratische Grundordnung zu verteidigen«. Aus Bayern verlautbarte der CSU-Fraktionsvorsitzende im Landtag Klaus Holetschek: »Wir werden unsere Werte und unsere Demokratie gemeinsam und entschlossen verteidigen.« Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger verkündete, sein Verband stehe fest zu »den Grundlagen der repräsentativen Demokratie«. CDU-Chef Friedrich Merz lobte die Demonstrationen gegen die AfD als »ermutigendes Zeichen unserer lebendigen Demokratie«. Und DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi ließ wissen: »Wir lassen uns unsere Demokratie nicht kaputtmachen!«

Klingt gut, aber von welcher Demokratie ist da eigentlich die Rede? Von der, die es einer Mieter*innen-Initiative ermöglicht, einen Volksentscheid zur Vergesellschaftung von Wohnraum in Berlin durchzusetzen und zu gewinnen – oder von der, in der sich die Senatsparteien weigern können, den Volksentscheid umzusetzen? Von der Demokratie, in der mehr als 70 Prozent der Bevölkerung seit mittlerweile zwei Jahrzehnten bei Umfragen die Einführung einer Millionärssteuer befürworten – oder von der, in der diese Steuer völlig undenkbar ist, weil keine Regierung den folgenden Unternehmeraufstand überleben würde? Von der Demokratie, in der alle Erwachsenen in freier Wahl ihre Abgeordneten bestimmen – oder von »unserer« real existierenden Demokratie, in der (wie in vielen Großstädten) 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von Wahlen ausgeschlossen bleiben, weil sie zwar seit Langem hier leben, ihnen aber die entsprechende Staatsangehörigkeit fehlt? Man muss schon sagen: Am Ende ist »unsere Demokratie« auch ohne AfD ziemlich demoliert.

Kein Zweifel: Wenn der Faschismus vor der Tür steht und Nazikader über Massendeportationen beraten, muss man mit allen an einem Strang ziehen, die das verhindern wollen. FDP-Minister, die die Einführung einer Kindergrundsicherung verhindern, aber jederzeit 100 Milliarden Euro für militärische Aufrüstung locker machen, mögen mit der Menschenverachtung der AfD mehr gemein haben, als sie selbst glauben. Dennoch wäre ein AfD-Staat unendlich viel schlimmer als die Gesellschaft extremer sozialer Ungleichheit, in der wir heute leben.

Trotzdem muss man, wenn jetzt überall von der »Verteidigung der Demokratie« die Rede ist, kritische Fragen stellen. Im Aufruf zur Demonstration #WirSindDieBrandmauer am 3. Februar werden Rassismus und soziale Ausgrenzung richtigerweise in einem Atemzug genannt. Es gelte, »ein solidarisches Miteinander zu verteidigen«, heißt es in dem Aufruf, den Sozialverbände, Klimabewegung und antirassistische Gruppen initiiert haben. »Soziale Gerechtigkeit« wird eingefordert und: »eine Gesellschaft, die niemanden zurücklässt«.

Stimmt! Der Punkt ist jedoch, dass »unsere« real existierende Demokratie eine Form von Gesellschaft ist, in der zwar alle (Deutschen) wählen dürfen, aber dennoch einige wenige herrschen – während die meisten anderen beherrscht werden. Die politische Gleichheit, die verfassungsrechtlich festgeschrieben ist, wird von der ebenso verfassungsrechtlich garantierten Eigentumsordnung konsequent auf den Kopf gestellt. Inwiefern? Große Vermögen sind die wichtigste Machtressource in unserer Gesellschaft und verhindern damit politische Gleichheit. Ein Unternehmer kann mithilfe von Medienkonzernen, Lobbyverbänden, Stiftungen, Forschungseinrichtungen und eigenen Investitionsentscheidungen enormen politischen Einfluss ausüben und, falls nötig, Regierungen brechen. Der Paketbote hingegen entscheidet im besten Fall darüber, ob er bei Netflix oder Amazon streamt.

Die politischen Systeme des globalen Südens werden häufig als »Oligarchien« bezeichnet: Reichtum und politische Macht sind dort in den Händen weniger konzentriert. Bei derartigen Hinweisen fällt allerdings unter den Tisch, dass Deutschland in Sachen Ungleichheit dem globalen Süden in nichts nach steht. Laut Gini-Index liegt Deutschland bei der Ungleichverteilung von Vermögen mit einem Wert von 0,79 knapp hinter der Ukraine und Peru, aber noch vor Kasachstan und Kirgisistan. Bei einem Wert von 0 besäßen alle Menschen gleich viel, bei 1 eine einzige Person das gesamte Vermögen der Gesellschaft.

Wer jetzt auf die Straße geht, um »die Demokratie zu verteidigen«, darf diese Kritik nicht zurückstellen. In Teilen der Bewegung gegen die AfD wird das genaue Gegenteil vertreten. Die Parteien setzen den »Extremismus von links«, der Gemeineigentum und Solidarität durchsetzen will, sowieso systematisch mit dem »Extremismus von rechts« gleich, der sich Ungleichheit, Konkurrenz und Gewalt auf die Fahnen schreibt. Und die Amadeu-Antonio-Stiftung beispielsweise, die zweifelsohne in vieler Hinsicht wichtige Arbeit leistet, hat die Kritik an Superreichen in der Vergangenheit des Öfteren in die Nähe des Antisemitismus gerückt, weil ihrer Meinung nach durch eine derartige Kritik ein strukturelles Verhältnis personalisiert werde.

Der Aufstieg der AfD ist eben kein extremistischer Angriff, der die liberale Gesellschaft von außen zerstört. Er kommt aus ihrer Mitte und beruht, zumindest teilweise, auf ihren Werten. Wunderbar nachlesen lässt sich das bei dem israelischen Historiker Ishay Landa, der in seinem Buch »Der Lehrling und sein Meister« die Gemeinsamkeiten von liberaler Tradition und Faschismus untersucht. Landa widerspricht der Vorstellung, wonach »der Liberalismus und die zu ihm gehörende Demokratie« in den 1930er Jahren »von ›verbrüderten Feinden‹«, nämlich den Extremisten von links und rechts, in die Zange genommen worden seien. Unterschlagen werde bei dieser Art der Geschichtsschreibung, so Landa, dass große Teile der politischen Mitte »auf Grundlage einer dezidiert prokapitalistischen und probürgerlichen Position antiliberal« wurden. Wer Privateigentum und die Freiheit der Märkte kompromisslos verteidigt, muss die Demokratie ab einem bestimmten Punkt als Gefahr wahrnehmen.

Dem Historiker geht es nicht darum, alte und platte Faschismustheorien der kommunistischen Linken aufzuwärmen. Landa will vielmehr bewusst machen, dass demokratische Errungenschaften in der Vergangenheit oft gegen den Liberalismus durchgesetzt werden mussten und sich nicht wenige Politiker der politischen Mitte für faschistische Politik begeisterten, wenn es half, »das Eigentum« zu schützen. Es waren die bürgerlichen, wirtschaftsfreundlichen Parteien, die dem Faschismus in den 1920er und 1930 Jahren zur Macht verhalfen.

Alle zusammen gegen den Faschismus ist das richtige Motto der Stunde. Aber wir sollten nicht vergessen, dass »unsere Gesellschaft« weitaus weniger mit Demokratie zu tun hat, als uns eingeredet wird. Was wir im Augenblick gegen die AfD zu verteidigen hoffen, ist ein Mindestmaß an Freiheits- und Menschenrechten – die allerdings auch von der politischen Mitte in den vergangenen Jahren bereits massiv beschnitten worden sind.

Die Parteien der Mitte verteidigen eine Ordnung, in der wirtschaftliche Ungleichheit die Demokratie zur Farce werden lässt. Die Rechte will angesichts des Widerspruchs noch weniger soziale Rechte und noch mehr Ungleichheit und Autoritarismus. Die Aufgabe von Linken muss es sein, für eine Gesellschaft zu kämpfen, in der die Demokratie real wird, weil sie auch das wirtschaftliche Leben erfasst und auf echter Gleichheit beruht.

Wenn wir »unsere Demokratie« sagen, meinen wir etwas völlig anderes, als dem Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger vorschwebt.

Erstveröffentlich im nd v. 3.2. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1179730.demos-gegen-rechts-demolierte-demokratie.html?sstr=Zelik

Wir danken für das Publikationsrecht.

Ökosozialismus? Veranstaltung mit Prof. Klaus Dörre

Titelbild: almanac of the future

02.02.2024 | AK Internationalismus IG Metall Berlin [1]Ökosozialismus? Veranstaltung mit Prof. Klaus Dörre

Ist eine nachhaltige Gesellschaft auf Basis der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung möglich? Mit dieser und weiteren brennenden Fragen beschäftigen wir uns am 16. Februar.[2]Ökosozialismus? Veranstaltung mit Prof. Klaus Dörre

Veranstaltung mit Prof. Klaus Dörre (FSU Jena)
Wann: 16. Februar 2024 um 18 Uhr
Wo: IG Metall-Haus (Alte Jakobstraße 149)

Die Gewerkschaften und besonders die IG Metall stehen vor großen Herausforderungen. Denn die Industrie, in der wir arbeiten und die unseren Lebensstandard ermöglicht, ist auch stark verantwortlich für die hohen CO2-Emissionen – und damit für den fortschreitenden Klimawandel und die zunehmende Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Ein Umsteuern ist unerlässlich.

Dies wird auch von Politikern fast aller Couleur immer wieder betont. Gleichzeitig stellen wir fest, dass die dafür notwendigen Weichenstellungen ausbleiben oder wenig Wirkung zeigen.

Warum ist das so?Der Kapitalismus ist auf dauerhaftes Wachstum angewiesen. Doch dies bedeutet Raubbau an unseren Lebensgrundlagen. Das ökologische Gleichgewicht der Erde kippt. Gleichzeitig basiert unsere Gesellschaft auf einer entwickelten gesellschaftlichen Arbeitsteilung und einem breiten Angebot an Gütern und Dienstleistungen.

Wie kommen wir heraus aus diesem Dilemma? Der gewerkschaftsnahe Sozialwissenschaftler Klaus Dörre hat dieser Frage ein Buch gewidmet: Die Utopie des Sozialismus. Darin spart er nicht mit Kritik an Erfahrungen, die mit Gesellschaften gemacht wurden, die „Sozialismus“ für sich beanspruchten. Er meint jedoch: „Ihr Scheitern war nicht zwingend, sondern ließe sich durch eine andere Organisation der Arbeit und durch die Ausweitung der Mitspracherechte der Arbeitenden vermeiden!“
Ist eine so nachhaltige Gesellschaft auf Basis der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung möglich? Kann es einen „grünen Kapitalismus“ geben, der nur die genutzten Energiequellen wechselt und ansonsten alles beim Alten lässt? „Unmöglich“ sagen viele und auch Klaus Dörre. Er meint, wir müssen über eine neue Form des Sozialismus nachdenken. Wir fragen: Wie sieht die konkrete Utopie aus, wie ist sie zu erreichen und welche Klassenbündnisse sind dafür nötig?

Die Orientierung auf einen „neuen Sozialismus“ bedeutet nicht, die Lösung der brennenden Probleme, in die Zukunft zu vertagen. Hier und heute müssen wir um jeden einzelnen Schritt kämpfen, um unsere Lebensweise den Erfordernissen des Kampfes gegen den Klimawandel anzupassen. 

Die Veranstaltung ist Teil der Reihe „Klima – Krise – sozial-ökologische Transformation“ und eine Kooperation von Arbeitskreis Internationalismus der IG Metall und dem Diskussionskreis um den, „Buchladen Schwarze Risse“!

Zur Lage der Arbeit in der globalisierten Einschaltquotenbestsellerlistenkultur

Von Dieter Braeg

In den70ziger und 80ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es in Deutschland eine beachtenswerte literarische und gesellschaftspolitische Entwicklung, zunächst war es die Gruppe 61 mit Max von der Grün, die ab dem Jahr 1961 die Probleme der Arbeitswelt in Romanen behandelten. Später waren es die Texte zahlreicher Werkstätten der Arbeitskreise Literatur der Arbeitswelt, die im Fischer Taschenbuchverlag sehr erfolgreich publiziert wurden. Ich erinnere mich etwa an die Titel „Der rote Großvater erzählt“, „Vertrauensleute berichten“, „Wir lassen uns nicht verschaukeln“, „Für Frauen“ oder der Roman zum Frauenstreik bei Pierburg „Elefteria oder die Reise ins Paradies“. An die dreißig Bände die die ganze Themenproblematik der Arbeit, des Lebens von Frauen und Männern in abhängiger Beschäftigung abdeckten. Deutsche und österreichische Literaturhäuser, denen ich angeboten hatte, doch endlich sich mit der Geschichte des Werkreises und der dort schreibenden Autorinnen und Autoren zu beschäftigen ergab das, was die heutige Bestsellerkompetenz in Druck, Wort und Fernsehen zu bieten hat: NULL Reaktion. Der Herr D. Scheck, der sich leider nie selbst auf dieses Rollenband setzt, über das er Bücher entsorgt, die ihm nicht gefallen, rät: „Ein Roman, der von der alles verzehrenden Liebe eines 49-jährigen Tierarztes zu einer 14-jährigen Bauerstochter erzählt. Große Kunst, schwer auszuhalten.“ Arbeitswelt und deren Literatur hält der Buchfließbandmörder gar nicht aus. Ist ihm das zu schwer?

In der Literatur kommt das Thema Arbeit kaum vor und Mensch denkt, diese nichtunsere Gesellschaftsordnung hat Arbeit nicht nötig. Falsch gedacht! In der Literatur wird heute, ob im Berchtesgadenerland Gesinnungsmorast oder in Schleswig-Holsteins Fischerdörfern fleißig gemordet, der „lokale“ Krimi feiert Urständ, dazu wird auch noch täglich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Lebendige zu Tode gebracht. Kurz und gut, die Literatur entfernt sich immer weiter von jenem Thema, das eigentlich immer wichtiger werden sollte. Der Grundwiderspruch zwischen abhängiger Beschäftigung und der „Gesellschaft“, einer wahrlich Tag für Tag reicher Werdenden, die über die Produktionsmittel verfügt, findet in der Literatur nicht statt und schon längst ist aus dem Schlager „Hey Boss ich brauch mehr Geld“ ein leider nie komponiert und gesungenes „Hey Malocherin Malocher, mach‘s billiger“. In der letzten Ausgabe im Jahre 1933, der Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“, dann wie alle anderen nicht der NSDAP zugehörigen Blätter, entweder inhaltlich gleichgestellt oder verboten, erschien am 28.2. 1933 folgende Bemerkung:

„Deutsch für Deutsche Wir wollen den Aasgeier des Marxismus mit Stumpf und Stiel ausrotten! Aus einem Wahlplakat der NSDAP“.

Passt das nicht zu jenem Wahlplakat, mit dem die nationalistisch reaktionäre österr. FPÖ-Wahlwerbung betrieb? „Daham statt Islam!“ Das „Daham“ wird und bleibt für viele unbezahlbar! Findet da Literatur statt? Gibt es auf den Krimibestsellerlisten den Titel „Mieterbundfunktionärsmord“ oder „Untermieterinnenmord“? Nein, da schwimmt lieber irgendeine Leiche im Leopoldskroner Weiher oder in der Spree und ein debiler Polizeiapparat unterhält mit Steinzeitermittlungsmethoden und Dialogen, die jede polizeiliche Ermittlungsarbeit diskreditiert.

Der Alltag durch Corona schon brutal verändert, hat kaum einen Zugang zur Literatur, wir erleben u.a. Symbolpolitik, Konsumanreiz, Arbeitsplatzverlagerungen und einen Selbstoptimierungskult

Josaph Pontus, der Autor des Buches „Am laufenden Band-Aufzeichnungen aus der Fabrik“ kam im Jahre 1978 zur Welt. Er studierte Literatur und Sozialarbeit in Reims und Nancy. Nach 10 Jahren Sozialarbeit in den Pariser Vororten zog er in die Bretagne und arbeitete dort fast drei Jahre in Fischfabriken. Joseph Pontus starb im Februar 2021. Er erlebte in Frankreich noch den Erfolg seiner literarischen Arbeit. Es ist zu befürchten, dass im Dschungel der Literaturkritik dieses Buch keinen Platz findet. Die Kritikschrottproduktion eines literarischen Quartetts mit ihren Protagonistinnen und Protagonisten reicht nicht in jene Welt in der profitorientiert produziert wird und wo höchstens die Garnele, aber nicht der Mensch im Mittelpunkt steht.

„Ich kenne nur wenige Orte mit einer so
Kompromisslosen existentiellen radikalen Wirkung wie
Griechische Heiligtümer
Gefängnisse
Inseln
Und die Fabrik
Kommt man heraus
Weiß man nicht kehrt man zurück in die echte Welt oder verlässt
Man sie
Obwohl man weiß eine echte Welt gibt es nicht
Aber egal“

Joseph Ponthus ist im Jahre 2021 an Krebs gestorben. In Frankreich ist sein Buch noch zu Lebzeiten erschienen. Die deutsche Übersetzung haben Mira Lina Simon und Claudia Hamm zu verantworten. Sie haben großartige Arbeit geleistet.

Arbeitswelt, dazu Tagebucheiträge sind Bestandteile eines außergewöhnlichen Romans. Ein Manifest der Solidarität.

Auf insgesamt 237 Seiten wird die Geschichte eines Zeitarbeiters in Fischfabriken und Schlachthöfen erzählt. Ponthus wählt eine einfache und mitfühlsame Sprache, um den Arbeitsalltag in die Realität zu holen. Monotonie, Schichtarbeit, Gestank, Kälte, körperliche Erschöpfung und dazu das brutale Töten von Tieren. Da hilft die helfende Solidarität der anderen Beschäftigten, während das Fließband läuft und Tonnen Wellhornschnecken verzehrfertig gemacht werden. Es bedarf anderer Gedanken und so gibt es Erinnerungen, Trost mit Marx im Kampf gegen die ungehemmten Brutalitäten des Kapitalismus.

Dieser Roman in Versen beschreibt die Fabrikarbeit, die moderne Sklaverei in einer Lebensmittelindustrie, bei der nach Lektüre von LeserinLeser der Appetit auf Garnelen und anderes Fischiges sicherlich restlos vergangen sein wird! Hier verbeugt sich ein Autor vor jeder Arbeiterklasse, die in dieser nichtunseren Gesellschaft oft keinen Platz mehr hat.

Garnelen putzen, sortierten, Schweinehälften verladen und die Fabrikhallen reinigen:

„Ich komme mit meinem Schlauch

Alles ist rot vom Blut und weiß vom Fett“.

Ponthus hinterlässt ein einzigartiges lyrisches Sachbuch: In klaren Sätzen mit wahrer Realität schafft er ein Gedicht als Roman über eine Welt, von der viele glauben, es gäbe sie nicht mehr. Einschaltquotenkulturmentalität, inkompetente Literaturkritikerinnen und Kritiker, dazu eine „Nachrichtenwelt“ in der Börsenkursberichte mehr zählen als die täglichen Arbeitsabläufe, die noch immer bestätigen, dass die Demokratie vor den Fabriktoren endet. Dieses Buch hat auf der SPIEGEL Bestsellerliste nichts verloren, aber es sollte Pflichtlektüren werden im Schulunterricht, damit klar wird wie Arbeit und Literatur zusammengehören!

Buch: Josef Ponthus „Am laufenden Band“ – Aufzeichnungen aus einer Fabrik- 292 Seiten, Matthes&Seitz Verlag, Berlin ISBN 978375180043 22,95 €

Erstveröffentlicht in „Ossietzky“ Nr. 1 – 2024
https://www.ossietzky.net/ausgabe/2024-01/
Wir danken dem Autor für das Abdruckrecht.

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