Die Welt braucht einen Tag des Waffenstillstands

14.11.23 – USA – David Swanson, Pressenza

Dieser Artikel ist auch auf Englisch verfügbar

Ukraine braucht einen Waffenstillstand.
Palästina braucht einen Waffenstillstand.
Nagorno-Karabach braucht einen Waffenstillstand.
Syrien, Sudan, Nigeria und so viele andere Länder brauchen einen Waffenstillstand.
Die US-amerikanische Bevölkerung und ihre Amokläufer brauchen einen Waffenstillstand.

Und mit Waffenstillstand meine ich nicht eine Pause zum Nachladen. Ich meine ein Ende des idiotischen Wahnsinns von Massenmorden, die eine nukleare Katastrophe herbeiführt. Ein Ende, um einen klügeren Weg auszuhandeln. Einen Kompromiss ohne weiteres Töten.

Und mit verhandeln meine ich nicht, dass Sie die Klappe halten und kriechen und alles tun, was ich verlange, oder ich werde die Mordmaschine wieder anwerfen. Mit verhandeln meine ich: Wie können wir eine Lösung finden, die die Interessen aller respektiert und es uns ermöglicht, auf den Tag hinzuarbeiten, an dem wir diesen Konflikt hinter uns lassen können? Verhandeln ist das Gegenteil von einfach. Es ist viel einfacher, Dinge in die Luft zu jagen.

Die weltweiten Waffengeschäfte, die Waffenarsenale von Diktaturen und so genannten Demokratien gleichermaßen, können Kriege sehr wirkungsvoll in Richtung Waffenstillstand und Verhandlungen bewegen, indem sie den Auslieferungsstrom von Waffen stoppen.

Sie würden einem Todesschützen keine mehr Kugeln geben und ihn gleichzeitig bitten, mit dem Schießen aufzuhören.

Auch sollten sich unsere Forderungen an die US-Regierung nicht darauf beschränken, sie anzuflehen, sich für einen Waffenstillstand auszusprechen, während wir weitere Berge kostenloser Waffen liefern, die von Ihnen und mir bezahlt werden, den stolzen, übermäßig stolzen Bewohnern der einen reichen Nation, die sich nicht um Gesundheitsfürsorge, Bildung, Rente oder Infrastruktur kümmern kann, weil sie sich nur für den Krieg interessiert.

Wir brauchen einen globalen Waffenstillstand.
Und wir brauchen mehr als das.
Wir brauchen eine Gesellschaft, in der es akzeptiert wird, nicht zum verräterischen Gehilfen verschiedener Feinde zu werden, wenn man das sagt.

Wir brauchen eine Gesellschaft, in den Tag des Waffenstillstands so feiert, wie er geschaffen wurde, und nicht als Tag der Veteranen, zu dem er umgewandelt wurde. Der Waffenstillstandstag war ein Tag, an dem man einen Krieg beendete und hoffte, dass alle kriegerischen Handlungen ein Ende finden würden. An dem man sich vorstellte, dass die Welt nun etwas so Schreckliches gesehen hatte, dass sie nicht zulassen würde, dass es sich wiederholte. Und an dem man annahm, dass der in Versailles ausgehandelte Frieden nicht auf schreckliche Weise zu einer Garantie für den Zweiten Weltkrieg missbraucht werden würde. Der Tag des Waffenstillstands war ein Tag, an dem man sich verpflichtete, für ein Ende des Krieges zu arbeiten.

Genau in der 11. Stunde des 11. Tages des 11. Monats 1918 hörten die Menschen in ganz Europa plötzlich auf, aufeinander zu schießen – zumindest in Europa; in Afrika schossen sie noch wochenlang weiter. Bis zu diesem Zeitpunkt töteten sie und ließen sich erschießen, fielen und schrien, stöhnten und starben, durch Kugeln und Giftgas. Und dann hörten sie auf, um 11.00 Uhr morgens. Sie hörten pünktlich auf. Nicht, weil sie müde geworden oder zur Vernunft gekommen wären. Sowohl vor als auch nach 11 Uhr befolgten sie einfach nur Befehle. Das Waffenstillstandsabkommen, das den Ersten Weltkrieg beendet hatte, hatte 11 Uhr als Ende des Krieges festgelegt, eine Entscheidung, die es ermöglichte, dass 11.000 weitere Männer getötet, verwundet oder vermisst wurden – wir könnten hinzufügen „ohne Grund“, nur würde das bedeuten, dass der Rest des Krieges aus irgendeinem Grund stattfand.

In den darauffolgenden Jahren wurde diese Stunde, dieser Moment des Endes eines Krieges, der allen Kriegen ein Ende setzen sollte. Dieser Moment, der eine weltweite Freudenfeier und die Wiederherstellung eines gewissen Anscheins von Vernunft ausgelöst hatte, zu einer Zeit des Schweigens, des Glockenläutens, des Erinnerns und der Hingabe an die tatsächliche Beendigung aller Kriege. Das war es, was der Waffenstillstandstag war. Es war keine Feier des Krieges oder derjenigen, die am Krieg beteiligt waren, sondern eine Feier des Augenblicks, in dem ein Krieg beendet wurde – und eine Erinnerung und Trauer um diejenigen, die der Krieg zerstört hat.

Der Kongress verabschiedete 1926 eine Resolution zum Tag des Waffenstillstands, in der er zu „Übungen aufrief, die darauf abzielen, den Frieden durch guten Willen und gegenseitiges Verständnis aufrechtzuerhalten […] und die Bevölkerung der Vereinigten Staaten aufforderte, den Tag in Schulen und Kirchen mit angemessenen Zeremonien der freundschaftlichen Beziehungen zu allen anderen Völkern zu begehen.“ Später fügte der Kongress hinzu, der 11. November solle „ein Tag sein, der der Sache des Weltfriedens gewidmet ist“.

Wir haben nicht so viele Feiertage, die dem Frieden gewidmet sind, dass wir es uns leisten könnten, einen zu streichen. Wenn die Vereinigten Staaten gezwungen wären, einen Kriegsfeiertag zu streichen hätten sie Dutzende zur Auswahl, aber Friedensfeiertage wachsen nicht auf Bäumen. Der Muttertag ist seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt worden. Der Martin-Luther-King-Tag ist zu einer Karikatur geworden, die jedes Eintreten für den Frieden ausblendet. Der Tag des Waffenstillstands erlebt ein Comeback.

Der Tag des Waffenstillstands als Tag gegen den Krieg hatte in den Vereinigten Staaten bis in die 1950er Jahre Bestand, in einigen anderen Ländern unter dem Namen Remembrance Day (dt. Gedenktag) sogar noch länger. Erst nachdem die USA mit Atombomben Japan angriff, Korea zerstört, den Kalten Krieg begonnen, die CIA gegründet und einen permanenten militärisch-industriellen Komplex mit großen Stützpunkten rund um den Globus errichtet hatten, benannte die US-Regierung den Tag des Waffenstillstands am 1. Juni 1954 in Tag der Veteranen um.

Der Veterans Day ist für die meisten Menschen nicht mehr ein Tag, an dem sie das Ende des Krieges bejubeln oder gar seine Abschaffung anstreben. Der Veterans Day ist nicht einmal ein Tag, an dem man die Toten betrauert oder sich die Frage stellt, warum Suizid die häufigste Todesursache unter den US-Soldaten ist oder warum so viele Veteranen keine Wohnung haben. Der Veterans Day wird im Allgemeinen nicht als kriegsbefürwortende Veranstaltung beworben. Aber in einigen Klein- und Großstädten wird den Ortsverbänden der Veterans For Peace jedes Jahr die Teilnahme an den Paraden zum Veterans Day mit der Begründung untersagt, dass sie gegen den Krieg sind. Die Paraden und Veranstaltungen zum Veterans Day in vielen Städten loben den Krieg, und praktisch alle loben die Teilnahme am Krieg. Fast alle Veranstaltungen zum Veterans Day sind nationalistisch geprägt. Nur wenige fördern „freundschaftliche Beziehungen zu allen anderen Völkern“ oder setzen sich für die Schaffung von „Weltfrieden“ ein.

In vielen Teilen der Welt, vor allem, aber nicht ausschließlich in den Ländern des britischen Commonwealth, wird dieser Tag Remembrance Day genannt und sollte ein Tag der Trauer um die Toten und der Bestrebung sein, den Krieg abzuschaffen, damit es keine weiteren Kriegstoten gibt. Doch der Tag wird militarisiert, und eine seltsame Kombination, die von den Waffenkonzernen erdacht wurde, nutzt diesen Tag, um den Menschen zu sagen, dass sie die bereits Getöteten entehren, wenn sie nicht das Töten weiterer Männer, Frauen und Kinder im Krieg unterstützen.

Die Geschichte vom ersten Tag des Waffenstillstands über den letzten in Europa gefallenen Soldaten im letzten großen Weltkrieg, in dem die meisten Toten Soldaten waren, verdeutlicht die Dummheit des Krieges. Henry Nicholas John Gunther war in Baltimore, Maryland, als Sohn aus Deutschland eingewanderter Eltern geboren worden. Im September 1917 war er eingezogen worden, um bei der Tötung von Deutschen zu helfen. Als er von der Front nach Hause schrieb, um zu beschreiben, wie schrecklich der Krieg war und um andere zu ermutigen, sich der Einberufung zu entziehen, wurde er degradiert (und sein Brief zensiert). Daraufhin hatte er seinen Kameraden gesagt, dass er sich beweisen würde. Als der Stichtag 11.00 Uhr an jenem letzten Tag im November näher rückte, stand Henry entgegen den Befehlen auf und stürmte mutig mit seinem Bajonett auf zwei deutsche Maschinengewehre zu. Die Deutschen waren sich des Waffenstillstands bewusst und versuchten, ihn abzuwinken. Er näherte sich weiter und schoss. Als er sich ihnen näherte, beendete ein kurzes Maschinengewehrfeuer um 10:59 Uhr sein Leben. Henry erhielt seinen Rang zurück, aber nicht sein Leben.

In einem Buch mit dem Titel Guys Like Me von Michael Messner erzählt der Autor, wie sehr sein Großvater den Veterans Day verabscheute.

„Ich versuchte, Gramps mürrische Stimmung zu unterbrechen, indem ich ihm einen schönen Veteranentag wünschte. Das war ein großer Fehler.

„Veterans Day!‘, bellte er mich mit der kieseligen Stimme eines lebenslangen Rauchers an. „Es ist nicht der Veteranentag! Es ist der Tag des Waffenstillstands. Diese gott… verdammten… Politiker… haben ihn in Veteranentag umbenannt. Und sie verwickeln uns in immer mehr Kriege.“ Mein Großvater hyperventilierte jetzt, seine Leberwurst war vergessen. „Ein Haufen Gauner! Die führen die Kriege nicht, weißt du. Kerle wie ich führen die Kriege. Wir nannten ihn den ‚Krieg, der alle Kriege beendet‘, und wir glaubten daran.“ Er beendete das Gespräch mit einem Brummen.

„Veterans Day! Der Tag des Waffenstillstands symbolisierte für Opa nicht nur das Ende seines Krieges, sondern das Ende des gesamten Krieges, den Anbruch eines dauerhaften Friedens. Dies war kein leerer Traum. Tatsächlich hatte eine Massenbewegung für den Frieden die US-Regierung 1928 dazu gedrängt, den Kellogg-Briand-Pakt zu unterzeichnen, einen internationalen „Vertrag über den Verzicht auf Krieg“. Damals als […] Eisenhower das Gesetz unterzeichnete, mit dem der Name des Feiertags in Veterans Day geändert wurde, um die Veteranen des Zweiten Weltkriegs einzubeziehen, war das für meinen Großvater ein Schlag ins Gesicht. Die Hoffnung verflog und wurde durch die hässliche Realität ersetzt, dass Politiker weiterhin Gründe finden würden, amerikanische Jungs – ‚Jungs wie mich‘ – in Kriege zu schicken, um dort zu kämpfen und zu sterben.“

Gregory Ross, ein Veteran eines dieser Kriege, schrieb ein Gedicht mit dem Titel „A Moment of Silence in a Forest of White Crosses“. Das Gedicht entstand 1971, mit der Intention, es bei einer großen Antikriegskundgebung auf dem Arlington National Cemetery vorzutragen.

Die Toten
brauchen unser Schweigen nicht, um geehrt zu werden
verlangen nicht unser Schweigen, um sich zu erinnern.
akzeptieren unser Schweigen nicht als Gedenken, als Ehre.
erwarten nicht, dass unser Schweigen endet
das Gemetzel des Krieges
das verhungerte Kind
die vergewaltigte Frau
die Grausamkeit der Intoleranz
die geschändete Erde
Es sind die Lebenden, die unser Schweigen erfordern
in einem Leben der Angst und Mittäterschaft

Die Toten
benötigen unseren Mut, um den Mächtigen und Gierigen zu trotzen.
erfordern unser Leben, um laut, mitfühlend und mutig zu sein.
erfordern unseren Zorn für die Weiterführung des Krieges in ihrem Namen.
erfordern unser Entsetzen, über die Verstümmelung der Erde in ihrem Namen.
erfordert, dass unsere Empörung respektiert wird, dass man sich an sie erinnert.

Die Toten
haben keine Verwendung für unser Schweigen

Dieser Beitrag wurde von unserer Partnerseite Pressenza übernommen!

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Sabine Prizigoda vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. PRESSENZA SUCHT Freiwillige!

Es ist an der Zeit: Bundesweiter Protest gegen Krieg und sozialen Niedergang

Update 19. NOVEMBER

25. November 2023, Auftaktkundgebung 13.00 Uhr Brandenburger Tor Berlin. Demonstrationszug, Schlusskundgebung 15 Uhr Brandenburger Tor


„Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin“, „Arbeitskreis Internationalismus IG Metall Berlin“ und „Berliner Gewerkschaftlicher Ratschlag gegen Aufrüstung und Krieg“ rufen alle Kolleginnen und Kollegen auf: Setzen wir am 25.11. als Gewerkschafter:innen ein deutliches Zeichen gegen Krieg und sozialen Kahlschlag! Rüstungswahnsinn stoppen!

Auch die IG Metall Berlin ruft nun auf ihrer Website zur Demo auf : "Nein zu den Kriegen" 

Inzwischen ist der Krieg in Nahost eskaliert. Deutschland gehört zu den wenigen Staaten, die sich gegen einen Waffenstillstand aussprechen, und ist das einzige Land, dass die „bedingungslose“ Unterstützung von Israel als Kriegspartei zur Staatsräson erklärt hat. Inzwischen wurde die Parole ausgegeben : „Deutschland muss kriegstüchtig werden“. Nach dem jüngsten Urteil des Bundesverfassungsgerichts gegen das Sondervernögen, drohen sämtlichen Ausgaben für Soziales, Klimaschutz und Gesundheit erneut weitere schmerzhafte Kürzungen. Einzige Ausnahmen: das Sondervermögen der Bundeswehr, da grundgesetzlich verankert. Und noch heute wurde die Verdoppelung der militärischen Unterstützung der Ukraine von 4 auf 8 Milliarden Euro festgezurrt. Selbstverständlich wird versichert, dass auch das 2 % Ziel p. a. für die Bundeswehr weiterhin absoluten Vorrang habe. Wir sehen, es hört nicht auf. Wir müssen uns zur Wehr setzen!

Treffpunkt der Berliner Gewerkschafter:innen am 25. 11. 12:30 Uhr : Tiergarten Ecke Ebertstr. /Behrenstr

Diskrimminierte des globalen Südens, ob Kurd:innen, Palästinenser:innen oder andere kommt zum Brandenburger Tor. Und alle Frauen: Am Tag des Kampfes gegen Gewalt gegen Frauen, protestiert mit am Brandenburger Tor gegen Krieg. Nirgends gibt es soviel Gewalt gegen Frauen wie im Krieg!

zur Info Aufruf Berliner Gewerkschaftlicher Ratschlag gegen Aufrüstung und Krieg"

Wir publizieren hier den Aufruf der Initiatoren

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,
 
in der Woche vom 27.11 bis 30.11 verabschiedet der Bundestag den Haushalt 2024, den man nur noch als Kriegsetat bezeichnen kann. Erstmals wird Deutschland das Zwei-Prozent-Ziel (nach NATO-Kriterien) erreichen und jeder 5. Euro für das Militär ausgegeben. Das ist ein Kriegs- und Krisenhaushalt mit Umverteilung von unten nach oben sowie der Ausdruck einer von der Ampel unter Mithilfe der Mehrheit der Opposition durchgedrückten gesellschaftlichen Neuorientierung auf Krieg und autoritärer Krisenbewältigung. Die Folge der völlig verfehlten Regierungspolitik sind die Gefahr der Deindustrialisierung und Demokratieabbau.

Aktuelles immer auf der Webseite: https://nie-wieder-krieg.org

Indieser politischen Situation gehört Mut dazu, zum eigenständigen Handeln aufzurufen. Wir haben ihn und wollen den Protest bundesweit auf die Straße tragen. „Nein zu Kriegen – Rüstungswahnsinn stoppen – Zukunft friedlich und gerecht gestalten“ (https://nie-wieder-krieg.org) ist unsere Antwort auf die Kriegspolitik der Bundesregierung und die asozialen Konsequenzen deutscher Kriegsbeteiligung sowie die Unterstützung einer uns selbst schädigenden Sanktionspolitik.
 
Der Aufruf ist ein Bündnisaufruf von Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen und sozialen Organisationen und Initiativen, die bei aller Unterschiedlichkeit, ja sogar bei gegensätzlichen Positionen in den zentralen Forderungen übereinstimmen:

  • Der Krieg in der Ukraine – und nun auch in Nahost – muss – wie alle Kriege auf der Welt – beendet werden. Deshalb fordern wir einen Waffenstillstand und Verhandlungen als zentrale Forderung, damit das Töten und Morden sowie die tägliche Zerstörung beendet werden. Wir unterstützen alle Initiativen für Verhandlungen, besonders die des Globalen Südens und der BRICS Staaten und fordern die Bundesregierung auf, endlich eigenständige diplomatische Initiativen zur Beendigung des Krieges einzubringen.
  • Den zutiefst unsozialen und die Zukunft des Landes zerstörenden Sozialabbau lehnen wir ab. Im Aufruf benennen wir die Konsequenzen: „Mit 85,5 Milliarden Euro sind die Militärausgaben 2024 die größten seit Bestehen der Bundesrepublik. Das Gesundheitswesen, die Infrastruktur, Unterstützung für Kinder und bezahlbare Mieten, Bildung, Wissenschaft und Ausbildung sind dagegen durch dramatische Mittelkürzungen bedroht. Für immer mehr Menschen zeichnet sich eine soziale und ökonomische Katastrophe ab.

 
Unverzichtbar für eine Alternative zur Konfrontation, die immer auch die Gefahr des nuklearen Holocaust beinhaltet, ist die „Politik der gemeinsamen Sicherheit“. Sicherheit ist immer nur miteinander und nie gegeneinander möglich. Dieser Gedanke der internationalen Kooperation und Solidarität soll unsere Demonstration des Friedens durchziehen.


Wir wenden uns mit dieser bundesweiten Demonstration an alle Menschen, die mittun wollen, aus der Sackgasse von Konfrontation und Krieg herauszukommen. Lasst uns in der jetzigen Situation, in der die Welt zunehmend aus allen Fugen gerät, aufeinander zugehen, Barrieren überwinden und für Versöhnung werben.


Lasst uns alte Streitigkeiten, Differenzen, unterschiedliche Einschätzungen zurückstellen, um in dieser Situation größter Gefahr für den Weltfrieden gemeinsam zu handeln. Wir wollen die Friedensbewegung stärken und viele unterschiedliche Kräfte zum gemeinsamen Handeln ermutigen.


Aktuelles immer auf der Webseite: https://nie-wieder-krieg.org

Ihr findet dort auch unseren Mobilisierungsflyer zum Ausdrucken und Verteilen unten auf der Seite.

Auch alle aktuellen Informationen findet ihr auf der Webseite: Die Liste der Aufrufenden für diese Demonstration ist am 8.10. geschlossen worden.

Wir wünschen aber möglichst viele weitere Unterstützer:innen aus allen Bereichen des Lebens, aus Organisationen und Parteien, Vereinen und Bündnissen, um die Breite und Vielfalt derer sichtbar zu machen, die hinter dieser Aktion stehen. Wir bitten euch um Unterstützung bei der Suche.  Eigen¬ständige Aufrufe aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und Aufrufe von Organisationen und Initiativen sind willkommen. Alle tragen dazu bei, eine positive Atmosphäre für die bundesweite Demonstration zu schaffen.
 
Die Auftaktkundgebung beginnt um 13.00 Uhr am Brandenburger Tor in Berlin. Es folgt ein Demonstrationszug und gegen 15.00 Uhr die Schlusskundgebung, ebenfalls am Brandenburger Tor. Ende ist gegen 16.00 Uhr.
 
Auf der Webseite findet ihr auch alle aktuellen Informationen zum Ablauf und weitere organisatorische Hinweise – wie die Parkplätze für die Busse.


Vorbereitung vor Ort

Werdet Multiplikator:innen, indem ihr aktiv mitwirkt, diese Demonstration anzukündigen und für möglichst viele Teilnehmer:nnen zu sorgen:

  • Werbt, wo immer ihr könnt
  • Gewinnt neue Aktive und gründet neue Friedensinitiativen
  • Organisiert an vielen Orten Veranstaltungen und Aufklärung
  • Macht überall die Fahrt nach Berlin zu einem gemeinsamen Friedensereignis
  • Nutzt alle Möglichkeiten der sozialen Medien


Anreise

Bitte teilt uns mit, was ihr zur Vorbereitung der Demonstration plant:
Veranstaltungen etc., aber auch, mit wie vielen Bussen ihr nach Berlin kommt.

Genaue Hinweise zur Anreise werden wir euch noch zukommen lassen. Parkplätze in der Nähe des Brandenburger Tors sind vorhanden.

Für die Region um Berlin und die umliegenden Bundesländer ist eine Anreise mit den Regionalzügen bzw. die S-Bahn die beste Möglichkeit.

Finanzen

Selbst bei sparsamster Vorbereitung und immenser ehrenamtlicher Tätigkeit: große Aktionen kosten Geld. Bitte unterstützt uns auch in dieser Hinsicht. Wir freuen uns über jede auch noch so kleine Spende auf das folgende Konto der Friedens- und Zukunftswerkstatt, bei der Frankfurter Sparkasse, IBAN DE20 5005 0201 0200 0813 90 – BIC HELADEFF1822 – Stichwort: „25.11. – Berlin“

Vielen Dank.
 

Dieses ist das erste Schreiben zur Vorbereitung der bundesweiten Demonstration, weitere werden folgen.
 
Wir wollen mit der Demonstration einen Anstoß geben, dass mehr Menschen sich für ihre Interessen, für den Frieden aktiv einsetzen
 


Mit friedlichen Grüßen
 
„Ukraine Initiative – die Waffen nieder“: Yusuf As, Reiner Braun, Wiebke Diehl, Andreas Grünwald, Claudia Haydt, Rita-Sybille Heinrich, Jutta Kausch-Henken, Ralf Krämer, Willi van Ooyen, Christof Ostheimer, Hanna Rothe, Peter Wahl

Der Vizekanzler erklärt die Staatsräson

Martin Suchanek, 8.Nivenber 2023

Robert Habecks „Rede zu Israel und Antisemitismus“ vom 1. November wurde mittlerweile millionenfach gehört oder gelesen. Regierung und Opposition feiern sie als „Meisterleistung“, als politisches Feuerwerk. Der ehemalige Chefredakteur der Bild-Zeitung, Julian Reichelt twittert von „moralischer Klarheit, rhetorischer Brillanz und vor allem tief berührender, aufrichtiger Empathie“, die FAZ spricht von der heißersehnten „Kanzlerrede des Vizekanzlers“.

So viel Zuspruch erhielt ein Vertreter der Ampel-Koalition lange nicht. Boulevard- und Qualitätsjournalismus, Regierung und Opposition sind endlich geeint, wenn es um die seit Jahrzehnten zur Staatsräson erklärte „Solidarität mit Israel“ geht. Dabei enthält die Rede Habecks nichts wirklich Neues, stellt aber den Versuch einer Gesamtdarstellung und Begründung der Feststellung „Israels Sicherheit ist deutsche Staatsräson“ dar.

Gleichsetzung von Antizionismus mit Antisemitismus

Am Beginn seiner Ausführungen verweist Habeck darauf, dass die Solidarität mit Israel aus der Verantwortung für die eigene deutsche Geschichte erwachse. Die Verantwortung des deutschen Faschismus und Imperialismus für die Shoa, für den industriellen Massenmord an 6 Millionen Juden und Jüdinnen, zieht er heran, um daraus ein Schutzversprechen für den Staat Israel abzuleiten.

Diese Gleichsetzung des Kampfes gegen Antisemitismus mit der Verteidigung Israels und seiner Politik bildet seit Jahrzehnten den ideologischen Begründungszusammenhang der zur Staatsräson erhobenen Nahostpolitik. Dem entspricht die Gleichsetzung von Antizionismus und Israelkritik mit Antisemitismus. Zwar gesteht Habeck zu, dass Kritik an der Siedlerbewegung in der Westbank und Empathie mit getöteten Palästinenser:innen gerechtfertigt und erlaubt seien – jedoch nur, solange sie nicht an die Ursachen des Leides gehen, nur solange sie die systematische Vertreibung der Palästinenser:innen und den rassistischen Charakter des Staates Israel ausklammern. Schon die Forderung nach einem gemeinsamen binationalen, säkularen Staat, in dem alle das Recht auf Rückkehr haben, in dem Jüd:innen und Palästinenser:innen gleichberechtigt zusammenleben, der also kein Privileg für eine Nation mehr kennt, gilt schon als „antisemitisch“, weil „israelfeindlich“.

Israel habe, so Habeck, ein Recht auf „Selbstverteidigung“ – ein Codewort für Jahrzehnte der Landnahme, Vertreibung, Siedlungspolitik und Militärschläge gegen die Palästinenser:innen in Gaza und der Westbank. Mit diesem „Recht“ steckt der Minister zugleich auch ab, welche Kritik an Israels Luftangriffen und der beginnenden Bodeninvasion erlaubt sei – und welche nicht. Das Einfordern des Kriegsrechts und internationaler Standards gesteht Habeck zu, eine grundsätzliche Kritik am Angriff Israels ginge aber nicht. Schließlich dürfe das Existenzrecht Israels nicht „relativiert“ werden. Folgerichtig wird die Unterstützung Israels im Krieg gegen Gaza zum Lackmustest, ob es jemand mit der Solidarität wirklich erst meint und über die Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus zum Prüfstein, ob jemand antisemitisch ist oder nicht.

Lies zum Thema aktuell "Bad cops of Berlin", Demokratiedefizite - Willkür gegen Jüd:innen - Rassismusprobleme

Verkehrung der Realität

Ganz im Sinne dieser Setzung durchzieht Habecks Rede eine eng damit verknüpfte Schwarz-Weiß-Malerei. So verweist er auf die Angst jüdischer Menschen in Deutschland vor antisemitischen Übergriffen und betont die Notwendigkeit, diesen entgegenzutreten. Zugleich verharmlost er den massiv ansteigenden Rassismus und behauptet: „Während es schnell große Solidaritätswellen gibt, etwa wenn es zu rassistischen Angriffen kommt, ist die Solidarität bei Israel rasch brüchig.“

Von den „Solidaritätswellen“ haben die meisten Opfer rassistischer Angriffe bisher wohl wenig mitbekommen. Im Gegenteil: AfD, Freie Wähler, CDU/CSU, aber natürlich auch FDP, SPD und Grüne werden seit Monaten nicht müde, Flüchtlinge und Migrant:innen rassistisch zu stigmatisieren, immer neue Angriffe auf die Rechte von Migrant:innen und Geflüchteten zu fordern und auf den Weg zu bringen. Das Asylrecht oder, genauer, dessen Restbestände stehen unter Dauerbeschuss. Migration muss „kontrolliert“, also eingeschränkt werden. Dafür werden Tausende Tote im Mittelmeer billigend in Kauf genommen, dafür sollen der EU vorgelagerte „Asylzentren“, also Abschiebelager aufgebaut werden.

In diesen Chor stimmen Habeck und seine vorgebliche Menschenrechtspartei, die Grünen, längst ein. Ganz auf dieser Linie geht es auch in seiner Rede zu. Während er verbal Kritik an Israel noch zulässt, ergeht an jede reale Empörung, die sich auf der Straße zeigt, eine Kampfansage. So heißt es wörtlich: „Antisemitismus ist in keiner Gestalt zu tolerieren – in keiner. Das Ausmaß bei den islamistischen Demonstrationen in Berlin und in weiteren Städten Deutschlands ist inakzeptabel und braucht eine harte politische Antwort.“

Offenkundig weiß der Minister besser, wer sich an den vielen kriminalisierten wie auch an den schließlich doch erzwungenen, legalen Demonstrationen beteiligt hat, als Zehntausende Menschen, die dort lautstark ihre Solidarität mit Palästina zum Ausdruck gebracht haben. Alle einigermaßen objektiven Beobachter:innen wissen, dass die große Masse diese Aktionen keine „islamistischen Demonstrationen“ waren und sie wissen auch, dass sich diese Manifestationen klar gegen Antisemitismus wandten. Sie wandten sich aber auch gegen den Zionismus, die israelischen Bombardements und solidarisierten sich mit dem Recht der Palästinenser:innen auf Widerstand, auf Selbstverteidigung.

Hier zeigt sich auch der reale Kern der Staatsräson im Nahen Osten. Deutschland steht auf Seite einer Kriegspartei, nämlich des Aggressors, des Unterdrücker:innenstaates Israel, dessen Existenz auf der Vertreibung der Palästinenser:innen und seiner Funktion als Vorposten zur Sicherung der Interessen des US-Imperialismus und seiner Verbündeten, darunter Deutschland, fußt. Und diese ökonomischen und geostrategischen Interessen sind der eigentliche materielle Gehalt der Staatsräson, für deren Begründung die Shoa instrumentalisiert wird.

Damit rechtfertigt er nicht nur die Unterdrückung. Er setzt nicht nur die Verteidigung Israels mit der Verteidigung der jüdischen Bevölkerung fälschlich gleich, er spricht zugleich den Palästinenser:innen ihr Recht auf Selbstverteidigung ab, indem er sie faktisch mit der Hamas gleichsetzt und diese wiederum auf eine „Terrororganisation“ reduziert. Folglich sind für Habeck alle Palästinenser:innen, ja implizit alle Muslim:innen und alle arabischen Migrant:innen der Hamas-Unterstützung und des Antisemitismus verdächtig, sofern sie nicht die von der Regierung und den deutschen Medien geforderten Bekenntnisse zum Selbstverteidigungsrecht Israels ablegen.

Natürlich dürfen bei Habecks Rede kritische Bemerkungen an zur AfD, zum deutschstämmigen Antisemitismus und zu Putin-Versteher:innen nicht fehlen. Diese ideologische Abgrenzung stellt aber wenig mehr als eine rituelle Floskel des Menschenrechtsimperialismus dar, der vor etwas mehr als einem Jahr erst „humanitäre“ Öl- und Gaslieferungen mit Katar als Ersatz für „schmutziges“ russisches Öl und Gas vereinbarte. Und dies ist nur ein Beispiel für eine Außenpolitik, die sich im Kampf um die Neuaufteilung der Welt gegenüber China und Russland mit einem gigantischen Aufrüstungsprogramm ins Zeug legt und die von ihrer „zivilisatorischen Überlegenheit“ in Afghanistan und jüngst in Mali Zeugnis abgelegt hat.

Und davon wird es noch mehr geben müssen, wenn Deutschland und die EU im Sinne des Kapitals erfolgreich sein sollen. Das weiß auch Habeck.

Zivilisationsbruch

Und natürlich weiß auch er, dass schon jetzt rund 10.000 Palästinser:innen – die Mehrheit Zivilist:innen, darunter Tausende Kinder – in Gaza infolge der Angriffe der IDF getötet wurden. Und er weiß, dass diese Zahl noch massiv steigen wird, möglicherweise ein Großteil der Bevölkerung Gazas vertrieben werden soll, wenn es nach den Vorstellungen der Notstandsregierung Netanjahu geht. Und natürlich lehnt der „Humanist“ Habeck selbst einen Waffenstillstand ab, allenfalls kurzfristige „Pausen“ soll es bei Bombardements und Beschuss geben.

Zur Begründung dieser Aggression, die, wie selbst die UNO nicht müde wird zu betonen, mit permanenten Völkerrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen einhergeht, greift er auf eine weitere argumentative Figur zurück: „Kontextualisierung aber darf nicht zu Rechtfertigung führen.“

Er meint damit den Angriff der Hamas vom 7. Oktober und die Ermordung hunderter unschuldiger Zivilist:innen. In der Tat ist Letztere nicht zu rechtfertigen. Die Gruppe Arbeiter:innenmacht, aber auch praktisch alle Aufrufenden zu den verschiedenen Demonstrationen in Solidarität mit Palästina haben die willküriche Tötung von Zivilist:innen wiederholt kritisiert. Doch darum geht es Habeck nicht. Mit der Forderung meint er etwas ganz anderes. Die Geschichte Israels und Palästinas, die Vertreibung der Palästinenser:innen und deren nationale Unterdrückung durch den zionistischen Staat, die Politik der israelischen und imperialistischen Regierungen der letzten Jahre dürften überhaupt keine Rolle für das Begreifen und Bewerten der Aktionen der Hamas und andere palästinensischer Organisationen spielen.

Der gesamte politische, ökonomische und historische Kontext, vor dessen Hintergrund der 7. Oktober eigentlich erst begriffen und verstanden werden kann, müsse vielmehr zurücktreten, ja ausgeblendet werden. Das Ins-Verhältnis-Setzen, ohne das keine geschichtliche Tat als solche begriffen werden kann, wird unter den Generalverdacht einer „Relativierung“ gestellt.

Diese Enthistorisierung bildet zugleich ein entscheidendes Element in Habecks Rechtfertigung der deutschen Staatsräson und der Verteidigung Israels. Indem die Taten der Hamas als „Zivilisationsbruch“, als eine unbegreifliche Aktion, als Entäußerung eines absolut Bösen, eines „reinen“ Vernichtungswillens interpretiert werden, wird der geschichtliche Kontext sekundär, wenn nicht irrelevant. Wird die Tat der Hamas einmal so gesetzt, kann jeder Verweis auf den realen Kontext auch nur als Verharmlosung einer singulären, scheinbar außerhalb der Geschichte und gesellschaftlicher Verhältnisse stehenden Tat abgebügelt werden. Beim so verstandenen „Zivilisationsbruch“ gibt es letztlich nichts zu verstehen, zu begreifen oder herzuleiten. Es gilt zu glauben. Diese Figur ist dem religiösen, idealistischen Denken entlehnt, wo ansonsten das absolut Böse beheimatet ist.

Mit dem absolut Bösen – der Hamas in diesem Fall – tritt natürlich auch das Gute auf die Weltbühne oder zumindest in der Rede Habecks: Israel.

Natürlich ist Habeck nicht so blöde, dieses als makellos Gutes auszumalen. Aber er kontrastiert es wohlwollend gegenüber dem Widerstand der Palästinenser:innen und natürlich der Hamas. Israel wäre schließlich gerade dabei gewesen, mit arabischen Regimen eine „Normalisierung“ herbeizuführen. Dass diese auf Kosten der Palästinenser:innen gegangen wäre, verschweigt er bei seiner selektiven „Kontextualisierung“.

Die Hamas und ihrer Unterstützer:innen, allen voran der Iran, würden keine Zweistaatenlösung wollen, erklärt Habeck, verschweigt jedoch, dass diese seit Jahrzehnten von der israelischen Rechten und insbesondere der Regierung Netanjahu sabotiert und praktisch ad acta gelegt wurde. Die Mordtaten der Hamas zielten auf eine Verhinderung des Friedens, erklärt Habeck. Und die 10.000 Toten, die seit dem 7. Oktober auf das Konto der israelischen Armee gehen? Lt. Habeck ein Beitrag zur Selbstverteidigung und zum Frieden – mit Friedhofsruhe.

Der Krieg zwischen Israel und den Palästinenser:innen wird aus seinem historischen Kontext gerissen. Selbst schon die Thematisierung seiner Wurzeln in der Errichtung eines kolonialistischen Siedler:innenstaates wird tabuisiert. Den Kampf von Unterdrücker:innen und Unterdrückten auch nur zu benennen, wird als antisemitisch diffamiert. Habeck und die bürgerliche Öffentlichkeit preisen seine Rede und sein Ableitungen als „vernünftig“ und „demokratisch“.

In Wirklichkeit stellt die Tabuisierung des geschichtlichen, politischen und ökonomischen Kontextes eine Form der Vernunftfeindlichkeit und des Irrationalismus dar, den Rückgriff auf eine quasi religiöse Argumentationsfigur.

Ist der 7. Oktober einmal als Entäußerung des absolut Bösen bestimmt, so bedürfen die Mittel des Kampfes gegen dieses keiner weiteren Rechtfertigung. Dass sich Israel ans Völkerrecht halte, sei zwar wünschenswert, letztlich jedoch zweitrangig. Wem nach 10.000 Toten Bedenken kommen, dem kann jederzeit „Relativierung“ vorgehalten werden.

Diese irrationale Form der Rechtfertigung jeder Israelsolidarität entspricht nicht nur dem Zeitgeist, sie dient auch dazu, die Bevölkerung auf „Durchhalten“ einzustimmen, wenn noch viel mehr Menschen sterben, wenn der Krieg Formen des Genozids annimmt oder Hunderttausende, wenn nicht Millionen Palästinenser:innen vertrieben werden sollten.

Wenn die Taten der Hamas keine Kontextualisierung, keine „Relativierung“ kennen dürfen, so gibt es auch bei den Vergeltungsmaßnahmen letztlich kein „Maß“, ist letztlich alles erlaubt. Eine solches Rechtfertigungsmuster dient nicht nur der Entschuldigung der Angriffe Israels, es bildet zugleich auch eine Blaupause für zukünftige Einsätze des deutschen Imperialismus gegen seine zum „Bösen“, zu „Zivilisationsbrecher:innen“ stilisierten Feind:innen.

Und sie dient auch gegen die „inneren Feind:innen“, gegen palästinensische und arabische Migrant:innen, gegen die antiimperialistische und antikolonialistische Linke und auch gegen alle Lohnabhängigen, die sich belgische und britische Gewerkschaften zum Vorbild nehmen, die beschlossen haben, die Lieferung von Kriegsgerät an Israel zu blockieren. Auch sie würde die Staatsräson mit aller Härte treffen, daran lässt Habeck keinen Zweifel.

Der Minister verwendet zwar religiöse Argumentationsfiguren zur Begründung der Staatsräson und Israelsolidarität. Aber er wandelt nicht im Himmel, sondern auf Erden und verfolgt durchaus profane Ziele. So kommt seine Rede auch nicht ohne die Drohung aus, dass ein Verstoß gegen die Staatsräson strafbar ist: „Wer Deutscher ist, wird sich dafür vor Gericht verantworten müssen, wer kein Deutscher ist, riskiert außerdem seinen Aufenthaltsstatus. Wer noch keinen Aufenthaltstitel hat, liefert damit einen Grund, abgeschoben zu werden.“

Diese Drohung müssen wir ernst nehmen und uns gemeinsam gegen die weitere Einschränkung demokratischer Rechte zur Wehr setzen und eine breite, klassenkämpferische Palästinasolidaritätsbewegung aufbauen.

Der Beitrag ist zuerst erschienen in Arbeiter:innenmacht!

Wir danken für die Publikationsrechte.

https://arbeiterinnenmacht.de/2023/11/08/der-vizekanzler-erklaert-die-staatsraeson/

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