„Die Medien werden munitioniert“

Wir haben bereits öfters über die Diffamierungs- und Cancelkultur berichtet , die sich in Deutschland gefährlich ausgebreitet hat. Es ist Wasser auf die Mühlen des sich breit machenden Rechtsextrenismus aus der Mitte der Gesellschaft. Ein Beispiel , das viel sagt zur aktuellen Situation: „Opfer der Staaträson„. Hier zum Thema ein Interview der UZ am 12. Januar mit dem linken Abgeordneten Andrej Hunko (BSW). (Peter Vlatten)

An der Heimatfront soll Ruhe sein. Regierungskritiker werden mundtot gemacht und ein gesellschaftliches Klima geschaffen, das keinen Diskurs mehr zulässt. UZ sprach mit dem Bundestagsabgeordneten und Vorsitzenden der Fraktion der Vereinigten Europäischen Linken (UEL) in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats Andrej Hunko (BSW) darüber, wie dieser Prozess abläuft, warum er bis in linke Kreise hineinwirkt und wie US-Institute die deutsche Presse beeinflussen.

UZ: Im Dezember ergab eine Allensbach-Umfrage, dass nur noch eine Minderheit der Deutschen das Gefühl hat, die eigene Meinung frei äußern zu können – ein Rekordtiefstand. Wie ist es nach zwei Jahren „Zeitenwende“ um die Meinungsfreiheit bestellt?

Andrej Hunko: Das Ergebnis dieser Umfrage überrascht mich nicht. Wir haben mittlerweile eine Kultur, in der eine abweichende Meinung dazu führt, dass gleich die ganze Person diskreditiert wird. Das hat aber nicht erst mit der „Zeitenwende“ angefangen. Ich sehe drei Wellen dieser Verengung des Diskurses. In der Corona-Zeit, dann im Ukraine-Krieg und jetzt im Zuge des Krieges in Gaza kamen neue Qualitäten hinzu. Diese verheerende Entwicklung zieht sich bis in das persönliche Umfeld der Menschen, in die Familie, den Freundes- und Kollegenkreis. Während der Corona-Zeit sind Gruppen auseinandergebrochen. Es gab von den großen Medien Vorschläge, wie: Was tun, wenn der Opa schwurbelt? Und was, wenn der Opa ein Putin-Versteher ist? Das betrifft nicht nur die politischen Akteure, sondern alle.

Deshalb ist der Einsatz für Meinungsfreiheit, also der voltairische Gedanke, wichtiger denn je, auch aus linker Perspektive. Im Nachgang des „Was tun?!“-Kongresses in Frankfurt schrieb ein Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung auf „X“, dass der Kampf um Meinungsfreiheit ein „rechter Topos“ sei. Das ist auch ein Ausdruck der Situation, in der wir heute sind.

UZ: Ursprünglich linke Organisationen sind inzwischen Teil dieses Prozesses …

Andrej Hunko: Das liegt daran, dass sich in vielen linken Organisationen – insbesondere in meiner ehemaligen Partei „Die Linke“ – der Moralismus ausgebreitet hat. Damit meine ich ein überaus verkürztes Gut-Böse-Schema, das von vielen jungen „Linken“ aufgenommen wird, während sie sich politisieren. Das Schema ist einfach: Russland ist böse, der Westen ist gut. Diese „Linken“ sagen: Wir sind die Besseren unter den Guten. Die Regierung gehört zwar auch irgendwie zum guten Lager, aber wir kritisieren sie, weil wir die besseren Guten sind. Menschen mit diesem Politikzugang sind instrumentalisierbar für die Phänomene, die ich eben beschrieben habe. Der entscheidende Zugang zu linker Politik, das kritische Hinterfragen von Vorgängen, von Interessen und Machtstrukturen, ist immer mehr ins Abseits geraten.

UZ: Wie sind deine persönlichen Erfahrungen mit den Mechanismen, die kritische Stimmen mundtot machen sollen?

Andrej Hunko: Solche Zurichtungsversuche von oppositionellen Parteien gibt es ja schon länger. Meine ersten Erfahrungen dieser Art habe ich im Jahr 2009 gemacht, als ich zum ersten Mal kandidiert habe. Der „Spiegel“ hatte einen Journalisten geschickt, um sich mit mir zu unterhalten. Über das Gespräch wurde nichts veröffentlicht. Stattdessen wurde ein Labeling vorgenommen, also festgestellt, wo man mich einsortieren muss. Das wurde dann von anderen Medien aufgegriffen. Wir kennen das noch aus der Geschichte der Grünen. Da gab es die Unterscheidung zwischen „Fundis“ und „Realos“ – auch so ein Labeling. Ich habe damals schon beobachtet, dass die Journalisten, die in den großen Medien für „Die Linke“ zuständig waren, ein ähnliches Konzept hatten. Bestimmte Leute, die als zu kritisch galten, wurden runter- und andere hochgeschrieben. Das ist also nichts Neues. Seit Corona und den genannten Ereignissen geht das aber noch sehr viel weiter.

Ich habe im Mai 2020 auf einer Kundgebung gesprochen, an der keine Personen teilnahmen, die irgendwie rechts waren. Dabei habe ich eine kritische, aber nicht fundamental ablehnende Haltung zur Corona-Politik der Bundesregierung geäußert. Ich habe zum Beispiel gesagt, dass es keine Studien gibt, die belegen, dass Kinder besondere Infektions-Spreader seien. Das wurde damals behauptet, heute nicht mehr. Neu war, dass ich danach in die Nähe von Recht­sextremisten gerückt wurde. Das hatte eine andere Qualität. Es wurde noch viel stärker auf die persönliche Integrität gezielt. Ich denke gerade an das damals verbreitete Hashtag „#SterbenmitStreeck“ gegen den Virologen Hendrik Streeck. Kritikern wurde unterstellt, für das massenhafte Sterben von Menschen zu sein oder es zumindest in Kauf zu nehmen.i

Das setzte sich während des Ukraine-Kriegs fort und richtete sich zunächst gegen Sozialdemokraten, die an den Resten der Entspannungspolitik festhalten wollten. Wer von der Forderung abwich, immer weiter Waffen zu liefern, wurde als „Putin-Knecht“ oder als „Relativierer eines Angriffskriegs“ diffamiert – in einer Art und Weise, die es so vorher nicht gab. Es setzte eine massive Cancel Culture ein, zum Beispiel gegen Roger Waters oder Gabriele Krone-Schmalz. Ich selbst habe das auch erlebt, als vermeintlich linke Räume gekündigt wurden, weil ich für Putin sei oder mit Querdenkern geredet hätte.

Zudem habe ich Nachweise darüber, dass die Charakterisierung meiner Person nicht nur aus den deutschen Redaktionsstuben kommt, sondern von US-amerikanischen Instituten, in meinem konkreten Fall vom „Institute of World Politics“. Die haben ein Dossier über mich angelegt und verschicken das an deutsche Medien.

UZ: Was steht in diesem Dossier?

Andrej Hunko: Da steht drin, was ich so alles Böses gemacht habe. Interessanterweise wird behauptet, dass ich ein „Putin-Propagandist“ sei und dass ich Positionen vertrete, wie sie auch ein Putin-Mann in Deutschland vertreten würde. Das ist albern, weil ich mich immer für linke fortschrittliche Oppositionelle gerade in Russland eingesetzt habe. Die russische Regierung sehe ich sehr, sehr kritisch und Putin halte ich eher für einen rechtskonservativen Politiker. Zu meiner großen Überraschung stand in diesem Dossier auch, dass ich im Jahr 2019 „plötzlich“ zum Leiter der Wahlbeobachtungsmission des Europarates in Georgien gewählt wurde. Das stimmt auch, ich war in Georgien und die Mission ist sehr gut verlaufen. Aber so etwas wird in den USA offenbar wahrgenommen und vermerkt. Wenn kritische Leute sensible Funktionen übernehmen, werden die Medien entsprechend munitioniert.

UZ: Wie kann der Widerstand gegen solche Mechanismen gestärkt werden?

Andrej Hunko: Es ist wichtig, dass man diese Kampagnen als solche erkennt und die Interessen aufdeckt, die dahinterstehen. Leider haben das viele Linke bisher nicht getan, sondern sich auch noch daran beteiligt.

Wir leben in einer Welt, die sich geopolitisch immer weiter polarisiert. Neben dem Ukraine-Krieg haben wir den Krieg im Gaza, der starke Anzeichen einer weiteren Eskalation aufweist. Es gibt die Angriffe Israels auf den Libanon, wir haben die Militärkoalition im Roten Meer, die sich möglicherweise gegen den Iran richtet. Deutschland unterstützt das politisch, was ich verheerend finde.

Schon bei Corona war auffällig, dass wir hier nur Impfstoffe aus NATO-Ländern bekamen. Damals, als es sich um eine Menschheitsbedrohung zu handeln schien und überall von Kooperation die Rede war, wurde die Bekämpfung der Gefahr geopolitisiert. Die Impfstoffe aus Russland, China oder Kuba wurden nicht zugelassen, sondern nur diejenigen des eigenen Blocks. Sputnik wurde trotz guter Werte verteufelt – ganz im Gegensatz zum sonstigen Narrativ. Im Zuge dieser geopolitischen Überlagerung wird der Kampf um Meinungsfreiheit und klassische demokratische Errungenschaften immer wichtiger werden. Je mehr sich die Welt geopolitisch polarisiert, desto wichtiger ist es, den wachsenden Druck im Inneren mit dieser Entwicklung zu kontextualisieren und ihm standzuhalten.

Das Interview Die Medien werden munitioniert ist zuerst erschienen in der UZ am 12.Januar 2024. Wir danken der UZ Redaktion und dem Interviewpartner für die Publikationsrechte,.

Titelbild: Andrej Hunko beim „Was tun?!“-Kongress in Frankfurt am Main (Foto: Vincent Cziesla)

„Sozialdemokraten“ mehrerer westlicher Länder plädieren für Waffenstillstand im Israel GAZA Konflikt

Weltweit stemmen sich parlamentarische Initiativen gegen den vom Westen unterstützten Kriegskurs und fordern einen Stopp des Krieges. Auch Sozialdemokraten aus mehreren westlichen Ländern plädieren nun für einen unverzüglichen Waffenstillstand im Israel GAZA Konflikt.

GAZA. Nicht verdrängen. Nicht vergessen !

Die Front des „Wertewestens“ bröckelt. Global mehren sich die Stimmen: Länder, die den Genoziod durch die israelische Armee an den Palästinenser:innen im GAZA nachweislich unterstützen, müssten wegen Beihilfe ebenfalls auf die Anklagebank des internationalen Gerichtshofs. Zuallererst die USA und Groß Britannien. Aber auch Deutschland steht als direkter Finanzier und Waffenlieferant für die „größten Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen“ seit dem zweiten Weltkrieg zur Diskussion.

Die interne Front von Regierungslager über alle „staatstragenden Parteien“ bis insbesondere nicht zuletzt der AFD zur Unterstützung bzw. dem Kleinreden des Massenmords in GAZA bekommt zunehmend Risse. Das Gewissen rührt sich angesichts der nicht mehr leugbaren Fakten von absoluter Barbarei. Laut Umfragen lehnt inzwischen eine Mehrheit der Deutschen eine „bedingungslose“ Unterstützung der Kriegspolitik des israelischen Staates gegen GAZA ab. Die'“regierungsamtliche“ Ablehnung der UN Positionen erzeugt Kopfschütteln. Die Diffamierung der Kritik an Verletzungen von Völker- und Menschenrecht als „antisemitisch“ sehen immer mehr Menschen als absurd und zynisch an. Die deutsche „Cancelculture“ steht international am Pranger.

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Kanada und den USA haben nun 20 sozialdemokratische Bundestagsabgeordneten einen offenen Brandbrief mit der klaren Forderung nach einem umgehenden Waffenstillstand in Nahost und einer dauerhaften Lösung des Konflikts formuliert. Der offene Brief trägt den Titel „Waffenstillstand jetzt – Humanitäre Katastrophe abwenden, Zwei-Staaten-Lösung vorantreiben!“ Hut ab vor diesen sozialdemokratischen Frauen und Männern, die trotz des politischen Drucks den Mumm haben, dem Mainstream die Stirn zu bieten! Dass hier ein Hauch offener demokratischer Diskussionskultur auflebt, kann nur begrüsst werden.

Ein Teil der Presse mag titeln "Aufstand gegen Scholz". Aber das ist sicher übertrieben. Kommentar eines kritischen Solzialdemokraten: "Unsere Bundestagsvizepräsidentin Aydan Özoğuz, unser Obmann im EU-Ausschuss Christian Petry, Ralf Stegner, Derya Türk-Nachbaur, Johannes Schraps, Sanae Abdi und viele mehr. Danke für euer Engagement und eure Courage! Ich hoffe, dass sich noch viele anschließen.Man könnte nun sagen: 20 Mitgliederinnen und Mitglieder der Bundestagsfraktion sind eine überschaubare Gruppe. Ich sage: Es ist ein Anfang, der Mut macht!"
Hier der offene Brief im Wortlaut :  "Open letter: Ceasefire now: Avert humanitarian catastrophe, advance the two-state solution.docx (google.com)" / "Offener Brief: Waffenstillstand jetzt: Humanitäre Katastrophe abwenden, Zwei-Staaten-Lösung vorantreiben.docx (google.com)"  
Die deutsche Fassung steht nach der englischen Fassung, bitte weiterscrollen!

Überschneidend: Eine weitere globale demokratische Initiative für Waffenstillstand, der sich auch deutsche SPD Parlamentarier angeschlossen haben, macht Furore: „Wir schließen uns zusammen, um einen sofortigen, multilateralen Waffenstillstand in Israel und Palästina, die Freilassung aller verbleibenden israelischen und internationalen Geiseln und die Erleichterung der humanitären Hilfe in Gaza zu fordern. Wir fordern weiterhin unsere jeweiligen Regierungen und die internationale Gemeinschaft auf, das Völkerrecht einzuhalten und die Rechenschaftspflicht für schwere Menschenrechtsverletzungen zu fordern.“

Eine Initiative von Sevim Dagdelen, Deutschland und Ilhan Omar, USA. Eine beeindruckende Liste von Unterzeichnern- schon jetzt – weltweit: “ Global Call › Parliamenterians for Ceasefire (parliamentariansforceasefire.org)

Fotoimpressionen: Bauernprotest am 15.01.2024

RBB24.de:

„Der Präsident des Bauernverbands hat mit neuen weitreichenden Protesten ab Montag gedroht, sollten die geplanten Subventionskürzungen beim Agrardiesel nicht zurückgenommen werden. „Die Landwirtinnen und Landwirte brauchen wir gar nicht fragen. Die rufen ständig an und fragen: ‚Bewegt sich was? Wenn sich nichts bewegt, gehen wir wieder auf die Straße'“, sagte Joachim Rukwied am Donnerstag.

Die bisherigen Proteste seien das „Vorbeben“ gewesen. „Wenn sich nichts verändert, dann kommt es möglicherweise zur Eruption. Ab kommenden Montag (22.01.2024 Anm. Ingo Müller) werden wir, sofern die Haushaltsbereinigungssitzung heute Abend kein in unserem Sinne positives Ergebnis bringt, wieder mit Aktionen, und zwar flächendeckend in der ganzen Bundesrepublik, fortfahren“, sagte Rukwied. Details nannte er nicht.“ Quelle:

Hier nun die versprochene Fotoimpression:

Foto: Ingo Müller

Und wer meint es ging Leise zu, der höre hier zu:

Video: Ingo Müller, 15.01.2024


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