Gedenkstätten – Gedenksteine

Auf dieser Seite stellen ich fotografisch Gedenkorte vor – die als Mahnung und Erinnerung an den 2. Weltkrieg und den Faschismus.

Es sind meine ganz persönlichen, in Fotos festgehaltenen Eindrücke beim Aufsuchen dieser Gedenkstätten. Sie sollen anregen, sich Gedanken zu machen, wie wir eine friedliche Zukunft aufbauen können.

Die Reihenfolge wird ständig erneuert.

Inhaltsverzeichnis



01.09.2022: Bernau bei Berlin

weitere Infos hier:

Sowjetischer Ehrenfriedhof in Bernau bei Berlin

Im Gedenken an Konrad Wolf


12.07.2020: Fürstenberg, an der Havel


11.10.2019: Gleis 17, Berlin-Grunewald

Meine Video über die Gedenkveranstaltung, vom 18.10.2018 „Soll ich wieder in Angst leben! Vera Friedländer 18.10.2018“


Ludwigsfelde

Weitere Info:

Ludwigsfelde – Friedhof

Ludwigsfelde ergab sich im April 1945 kampflos der anrückenden Roten Armee


Anklam


Bürgerpark, Berlin-Pankow

weitere Info:


Wolfenbüttel

weitere Infos:


Jüdischer Friedhof, Berlin-Weißensee

weitere Infos:


Jüdischer Friedhof, Schönhauser Allee

Foto: Ingo Müller, 01.06.2019

weitere Infos:


Sowjetisches Ehrenmal Schönholzer Heide – Berlin, Pankow


Hauptfriedhof – Hanau


Außenstelle Belzig des KZ Ravensbrück


Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück


04.05.2023; Waren an der Müritz, sowjet. Ehrenmal

Sowjetisches Ehrenmal am Stüde, Waren an der Müritz


18.05.2023; Sowjetischer Ehrenfriedhof, Neustrelitz


18.05.2023; Gedenkpark, Neustrelitz


22.05.2023, Sowjetisches Ehrenmal Berlin Tiergarten


28.05.2023, Friedhof Schloßkirchhof Buch

Foto: Ingo Müller, Berlin-Buch, 28.05.2023

01.06.2023, Pfarrer Dr. Schwentner-Denkmal, Neustrelitz

or der katholischen Kirche in Neustrelitz steht das Pfarrer Dr. Schwentner-Denkmal.

Pfarrer Dr. Schwenter wurde am 30. Oktober 1944 durch die Nazis hingerichtet.

Weitere Infos:


01.06.2023, Kriegsgräberstätte 1. WK – Neustrelitz


01.06.2023, Wohn- und Geschäftshaus – Neustrelitz

In der Schloßstr. 11, ein Wohn- und Geschäftshaus in Neustrelitz steht ein unscheinbarer Satz, auf der Hinweistafel, der jedoch den Mut von 2 Bewohner des Hause während der Naziherrschaft darstellt.

Die Bewohner Hahn und Schölzgen versteckten hier, einen aus dem Warschauer Ghetto geflohenen jüdischen Pelzhändler.

Hier der Auszug aus der Hinweistafel und die Hinweistafel als ganzes:


06.06.2023: sowjet. Ehrenfriedhof Rostock

ist ein Ehrenfriedhof und Ehrenmal für 312 gefallene Soldaten und sechs Offiziere der Roten Armee sowie 397 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter.


11.06.2023, Gedenkort NS Zwangslager Berlin-Marzahn und Gedenkstein für die Opfer des Lagers

Auf dem Gelände am heutigen Otto-Rosenberg-Platz in Berlin-Marzahn befand sich zwischen 1936 und 1945 ein nationalsozialistisches Zwangslager für Sinti und Roma. Der historische Ort, an dem bis 1947 noch einzelne Familien untergebracht waren, geriet immer mehr in Vergessenheit. Weiterlesen hier:

Foto der Galerie: Ingo Müller, 11.06.2023

Fotogalerie: Ingo Müller, 11.06.2023, Gedenkstein für die Opfer des Lagers

Gedenkstunde und Kranzniederlegung zum 87. Jahrestags der Verschleppung der Berliner Sinti und Roma ins Zwangslager Berlin-Marzahn


Parkfriedhof Marzahn sowie sowjet. Ehrenmal, Gedenkstein für 20 polnische Zwangsarbeiterinnen der A.E.G., die Sinti- Gedenkstätte und Zwangsarbeiter-Denkmal

Der Parkfriedhof in Berlin-Marzahn, war für mich sehr beeindruckend, vor allem deswegen, da gleichzeitig 4 Ehrenmale bzw. Denkstätten/Gedenksteine auf einen Friedhof vereint sind. Es handelt sich dabei “Sowjetisches Ehrenmal” (Militärfriedhof); “Gedenkstein für 20 polnische Zwangsarbeiterinnen der A.E:G“; die “Sinti-Gedenkstätte” und das “Zwangsarbeiter-Denkmal

Sowjetisches Ehrenmal

Gedenkstein für 20 polnische Zwangsarbeiterinnen der A.E:G

Foto: Ingo Müller, 11.06.2023

Sinti-Gedenkstätte

Zwangsarbeiter-Denkmal


Sowjetisches Ehrenmal, Bassinplatz, Potsdam, 02.07.2023


02.08.2023: Gedenktafel, Julius Hirschberg, Reinhardtstraße 34, Berlin

Diese Tafel befindet sich in Berlin, in der Reinhardtstraße 34 und folgender Text steht auf der Tafel:

“Geh. Rat Prof. Dr.
Julius Hirschberg
1843-1925

hat diesen am 21. Juni 1908 eröffneten Neubau seiner
seit dem 1. Januar 1873 an gleicher Stelle in einem
Wohnhaus untergebrachten gemeinnützigen
AUGEN-HEILANSTALT
errichten lassen, die hier unter Leitung seines
Schülers Wilhelm Mühsam bis zur 1936 durch
Rassengesetze erzwungenen Schliessung bestand.”

Foto: Ingo Müller, 02.08.2023



02.08.2023: Gedenktafel, Paul Ferdinand Straßmann, Schumannstraße 18, Berlin

Die ehemalige Privatklinik von Prof. Paul Straßmann in der Schumannstraße 18 in Berlin-Mitte, jetzt ein als Straßmann-Haus bezeichnetes Bürogebäude.

Folgender Text steht auf der Tafel:

“Das Haus Schumannstraße 18 wurde in den
Jahren 1908/1909 als moderne Frauen- und
Geburtenklinik errichtet. Sein Bauherr war
Professor Paul Ferdinand Straßmann
23.10.1866 Berlin – 15.08.1938 Gstaad
Hier praktizierte, lehrte und wohnte der
international renommierte Arzt und Wissen-
schaftler. Er besaß gleichzeitig hohe Aner-
kennung als Kunstförderer. Wegen seiner
jüdischen Herkunft wurde er 1935 der
Lehrbefugnis beraubt und musste 1936
unter dem Druck der Nationalsozialisten die
Klinik schließen und einem Zwangsverkauf
zustimmen.
Berlin im September 2003″

Foto: Ingo Müller, 02.08.2023


14.09.2023: Gedenkstein im Heinrich-Kleist-Park Berlin

Im jetzigen Sitz Des Kammergericht Berlin, war während der Zeit des Nationalsozialismus der Volksgerichtshof für kurze Zeit (August bis Oktober 1944) unter Roland Freisler im Preußischen Kammergericht untergebracht. Freisler war einer der radikalsten Verfechter nationalsozialistischer Strafrechtsprinzipien und maßgeblich an der Verfolgung und Verurteilung von Regimegegnern beteiligt. Nach dem Stauffenberg-Attentat auf Hitler wurden hier am 7./8. August 1944 die Todesurteile über die führenden Köpfe des militärischen Widerstandes (von Witzleben, Graf York von Wartenberg und von Hase) verhängt.


30.09.203: Slonk und Friedhof mit Massengrab

Eine kleine Gruppe der VVN-BdA (Berlin) fuhr am 30.09.2023, zum Gedenken an die Opfer des Massaker von 30. Januar 1945. Dort wurden in der Nacht 819 Menschen des KZ Sonnenburg erschossen. Sie sind eines der vielen Opfer des deutschen Faschismus. Einer der Täter, der Direktor des Zuchthauses, Theodor Knops, der n ach dem Krieg in einer westdeutschen Strafanstalt arbeitete wurde die Untersuchung aus „Mangel an Beweisen“ eingestellt. Zwei weitere Täter wurden angeklagt an Völkermord mitgewirkt zu haben, jedoch ein Kieler Gericht sprach die Angeklagten am 2. August 1971 frei. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Sonnenburg Anschließend ging es zum Friedhof mit dem Massengrab der ermordeten Gefangenen des KZ Sonnenburg.


07.12.2023: Halle verschiedene Gedenktorte

Bei einen Besuch in Halle wurde ich auf mehrere Gedenkstätten und Gedenkorte aufmerksam. So unter anderem die Gedenkanlagen für die zivilen Opfer des Luftkrieges, am 7.Juli und 16. August 1944 .

[1]https://www.halle-im-bild.de/fotos/gedenksteine-staetten/bombenopfer-gertraudenfriedhof auf den GERTRAUDENFRIEDHOF.


Des weiteren befindet sich auf dem Gertraudenfriedhof eine Gedenkstätte für die Ausländische Opfer des Faschismus.

Auf den anliegenden kleinen Gedenksteine sind die 18 Herkunftsländer der Opfer festgehalten.


Ebenso befindet sich hier die Anlage „vom NS-Staat Hingerichteten

Die Innenschrift der Stelle lautet: „Hier liegen 679 vom nationalsozialistischen Staat Gemordete“


Eine weitere Gedenkstätte ist die „Passion“ von Herbert Volwahsen. Der Künstler verarbeitete darin seine Eindrücke, die er während eines erlebten Bombenangriffs auf Dresden 1945und der Begegnung mit ausgemagerten KZ-Häftlingen sammelte.

Passion

Bewegender Abschied von namenlosen Kindern auf dem Gertraudenfriedhof

Des weiteren fanden auf den Gertraudenfriedhof, seit dem 12.April 2018, 74 Kinder ihre letzte Ruhestelle. Es handelt sich um die jahrzehntelang im Anatomischen Institut der Universität Halle aufbewahrten konservierten Kinderleichen aus den Jahren 1920 bis 1940.

Weitere Infos über diese Schicksal der Kinder findet Ihr hier:


Seit 2014 erinnert ein Gedenkobelisk auf dem Gertraudenfriedhof in Halle/Saale an Krystyna Wituska und 60 weitere Opfer der Nazidiktatur.

Krystyna Wituska war kaum 23 Jahre alt, als sie durch Gerichtsurteil vom 19. April 1943 wegen ihrer konspirativen Arbeit gegen das Dritte Reich zum Tode verurteilt wurde. Das Todesurteil wurde am 26. Juni 1944 in Halle vollstreckt. Anschließend wurde der Leichnam der Anatomie übergeben. Krystyna Wituska wäre wohl in Vergessenheit geraten, hätte man ihre vielen Briefe und Kassiber nicht gefunden, außergewöhnliche Zeugnisse des Reifeprozesses der jungen Soldatin des Nachrichtendienstes der Armia Krajowa (Heimatarmee), die auch ihre Aussöhnung mit dem Schicksal belegen. [5] Quelle: https://www.porta-polonica.de/de/atlas-der-erinnerungsorte/krystyna-wituska-1920-1944


Leider wurde es immer dunkler, so dass ich den Südfriedhof nur einen kurzen Besuch abstatten konnte. Bei stark zunehmender Dunkelheit habe ich doch noch einige Gedenkstätten/Orte gefunden.

Die Gedenkanlage für die in Halle verstorbenen Sowjetbürger auf dem SÜDFRIEDHOF erinnert in erster Linie an Soldaten der Streitkräfte der Sowjetunion, die in Friedenszeiten in Halle starben. [6]https://www.halle-im-bild.de/fotos/gedenksteine-staetten/sowjetbuerger-suedfriedhof


Das Fahnenmonument

Das Fahnenmonument (auch „Fahne“) genannt, erinnert an die Oktoberrevolution in Russland und wurde zu deren 50. Jahrestag 1967 errichtet. 


02.05.2024 Erfurt

Diese 3 Gedenkort liegen auf dem Hauptfriedhof in Erfurt.

Bombenopfer

DIE TOTEN
MAHNEN

DEN OPFERN DES
BOMBENTERRORS
AUS DEM ZWEITEN
WELTKRIEG

VdN – Denkmal

EHRENDES GEDENKEN
DEM ANTIFASCHISTISCHEN
WIDERSTAND
UND DEN OPFERN
DES NAZIREGIMES

Sowjetischer Ehrenhain

Hier liegen 604, vorwiegend zivile, Opfer des 2. Weltkrieges begraben. Meist Zwangsarbeiter aus der damaligen Sowjetunion.

Die Opfer wurden 1947 vom Nord- und Südfriedhof und vom Jüdischen Friedhof auf den Hauptfriedhof umgebettet. Am 1. Mai 1954 wurde die Anlage eingeweiht.

1994 haben die russischen Streitkräfte vor ihrem Abzug die Grabanlage zur weiteren Unterhaltung an die Stadt Erfurt übergeben. Im Jahr 1996 konnten auf Bronzetafeln und Pultsteinen alle Namen aufgeführt werden.

Hier findet jährlich am 8. Mai, dem Tag der Befreiung, eine Kranzniederlegung statt.

06.06.2024 Eisenhüttenstadt – Sowjet. Ehrenmal

Auf dem Platz des Gedenkens befindet sich unter dem sowjetischen Ehrenmal die Ruhestätte für mehr als 4.000 sowjetische Kriegsgefangene aus dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager STALAG III B in Fürstenberg (Oder). Die Soldaten der Roten Armee kamen von 1941 bis 1945 durch Misshandlungen, Hunger und Krankheiten ums Leben und wurden in zwei Massengräbern in der Nähe des Kriegsgefangenenlagers beerdigt.

References

References
1 https://www.halle-im-bild.de/fotos/gedenksteine-staetten/bombenopfer-gertraudenfriedhof
2 Derzeit gibt es sechs international anerkannte Nachfolgestaaten Jugoslawiens: Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien und Slowenien. Der völkerrechtliche Status des Kosovo ist strittig.
3 Tschechoslowakische Sozialistische Republik. 
4 Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
5 Quelle: https://www.porta-polonica.de/de/atlas-der-erinnerungsorte/krystyna-wituska-1920-1944
6 https://www.halle-im-bild.de/fotos/gedenksteine-staetten/sowjetbuerger-suedfriedhof

Herr Kapitalist

Gedicht und Bildcollage Peter Jüriens

Herr Kapitalist

Deine hunderten prächtigen Herden
sind schon lange ins Trockene gebracht – Das eine Lamm der Armen auf Erden
friert in Regen und Winternacht.

Und doch bist Du nicht zufrieden
und doch bist Du noch nicht satt
Deine Fresssucht ist entschieden
größer, als es je Hunger hat.

Und doch musst Du noch mehr raffen
Und die Armen noch weiter ausbluten
Sie woll’n Leben, doch Du verkaufst Waffen
Du gehörst halt nicht zu den Guten.

Und Deine hunderten Herden
weiden auf des Lammes Gebeinen
so, daß Kinder zertrampelt werden
und die Mütter nur endlos weinen,

Und die Väter nur endlos hassen
Und das wird dann immer schlimmer
Und Du kannst das Rauben nicht lassen
Und Du wirst das nicht einsehen, nimmer!

Darum muss man es Dir nehmen
Und man muss Dich dann gut bewachen
Sonst würdest Du ganz ohne Schämen
Bis zum Untergang weitermachen

Deine hunderten riesigen Herden
die gebühren den Armen der Welt.
Das ist, wie es ist, Herr Kapitalist –
Und wird niemals vergeben werden.

PMJJ2024

Wir danken Peter für die Publikationsrechte

»Die Dinge sind oft näher, als sie scheinen«

Heraus zum 1. Mai! Doch wie geht es dem Arbeiterlied? Ein Gespräch mit Kai Degenhardt

Interview: Christof Meueler

Seit knapp zehn Jahren gehört das Singen von Arbeiterliedern zum immateriellen Weltkulturerbe. Ist das gut oder schlecht?

Es zeigt jedenfalls, dass Arbeiterlieder inzwischen offenbar als vom Aussterben bedroht angesehen werden und als kulturelle »Waffe im Klassenkampf« nicht gerade gefürchtet sind.

Sie haben über das Arbeiterlied ein Buch geschrieben: »Wessen Morgen ist der Morgen«. Hatten Sie schon länger den Plan, einen Situationscheck des Arbeiterliedes vorzunehmen?

Ja, das hatte ich schon länger im Kopf. Als linker Liedermacher wird man häufig von Gewerkschaften eingeladen, auch zum 1. Mai. Und da werden gerne Arbeiterlieder gehört und gefordert. Damit habe ich früher immer ein bisschen gefremdelt.

Warum?

Das entsprach nie meinen eigenen Hörgewohnheiten, ich bin damit nur am Rande sozialisiert worden. Als Jugendlicher habe ich zwar auch Floh de Cologne gehört, aber das war für mich damals nicht Arbeiterlied im eigentlichen Sinn. Und es gab diese Platte vom Pläne-Label »Hören sie mal rot…«, das Arbeiterlieder-Festival 1970 in Essen. Als ich Kind war, lief die manchmal bei uns zu Hause.

Sie haben nicht nur ein Buch über das Arbeiterlied geschrieben, sondern auch eine Platte mit Beispielen eingespielt. Darauf sind zum Teil diese klassischen Lieder, die auch auf »Hören Sie mal rot« zu finden waren, die aber von Ihnen anders arrangiert und interpretiert werden. »In Hamburg fiel der erste Schuss« ist mit Emphase gesungen, dagegen wird der alte Agitprop-Hit »Der rote Wedding« sehr vorsichtig, fast schüchtern vorgetragen.

Ich finde es schwierig, die alten Lieder ganz traditionell zu bringen. In der Klassik nennt man das, glaube ich, historische Aufführungspraxis. Das habe ich im Übrigen auch bei »In Hamburg fiel der erste Schuss« nicht gemacht. Ich habe da eine verzerrte E-Gitarre gespielt und eben keine Schalmeien und Trommeln eingesetzt. Beim »Roten Wedding« kam mir die optimistische Siegesgewissheit dieses Liedes, im Wissen darum, was historisch danach passiert ist, nicht so einfach über die Lippen und über die Finger. Da musste ich eine Vortragsweise finden, die auch das Gebrochene, die erlittene Niederlage, transportiert.

Dagegen haben Sie »Tonio Schiavo«, klassisch dargeboten, da sehe ich gar keinen Unterschied.

Da wäre ich auch der Falsche, eine Neuinterpretation anzulegen. Ich war mit meinem Vater, der das Lied ja geschrieben hat, fast 20 Jahre auf Tour, da haben wir es hunderte Male zusammen in dieser Art gespielt.

Das vorletzte Lied auf dem Album stammt von Ihnen, »Nachtlied vom Streik«. Es handelt von einem verrenteten Arbeiter vor dem Fernseher, der den gesellschaftlichen Widerstand gegen die globalen Katastrophen schwach findet, denn er weiß: »Ohne Streik wird gar nichts gehen.«

Das Lied beschreibt auch die fragmentierte Zusammensetzung der Arbeiterklasse. Es gibt die Dienstleistungen an der Kasse, im Pflegebereich, am Band und an der Schuttrutsche und international natürlich auch, wenn die Stahlproduktion in Südostasien stattfindet. Und die vielen Wanderarbeiter und Wanderarbeiterinnen, die versuchen, in die besser bezahlten Weltgegenden zu kommen. Trotzdem gilt: »Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will«, wie es schon Georg Herwegh 1863 für eines der ersten deutschen Arbeiterlieder, »Bet’ und arbeit’!«, gedichtet hat.

Arbeiterlieder entstehen eigentlich nur durch kollektive Praxis, durch Bewusstwerdung in der Auseinandersetzung – das ist die Quintessenz Ihres Buchs. Wenn dieses Handeln nicht da ist, wirken die alten Lieder museal.

Darum ging es mir bei der Platte. Denn das Pathos und das Triumphalistische aus den Vortragsweisen von früher habe ich oft als so eine Art Folkloreabend zum Mutmachen für die Übriggebliebenen erlebt. Daran stört mich weniger der unzeitgemäße Sound, als dass damit ein falscher Trost gespendet werden soll. Ich maße mir aber jetzt nicht an, die zeitgemäße Version als State of the Art zu bieten. Mein Ansatz ist als Aufforderung zu verstehen, dass dies jüngere Leute machen müssen, damit es für sie passt, wenn sie in den Kämpfen stehen.

Die gibt es ja – auch als Streiks, bei Amazon oder in der Pflege. Ich weiß aber nicht, was da gesungen wird.

Ich auch nicht. Bei den Demos höre ich oft nur die Trillerpfeifen. Früher wurde vor den Werkstoren ja regelmäßig gesungen, etwa von Hannes Wader, Frank Baier, Schlauch oder Fasia.

In der Bundesrepublik wurden Arbeiterlieder meist gesungen von Leuten, die nicht so weit von der DKP entfernt waren.

Ich würde sagen, von Künstlern rund um den allemal parteinahen Pläne-Verlag. Aber es gab daneben natürlich diverse Gewerkschaftschöre, auch Arbeiterlieder bei den Spontis rund um das Trikont-Label und auch bei den Maoisten das eine oder andere Parteilied. Aus der offiziell-sozialdemokratischen Arbeiterbewegung ist seit den 70er Jahren aber nichts Vergleichbares hervorgegangen.

Rückblickend wirken die Agitprop-Gruppen der KPD vor 1933 am attraktivsten: Eine Mischung aus mobiler Revue und Liedern, produziert aus dem Umfeld von Piscator, Brecht und Eisler.

Da traf die Volksbühnenbewegung auf die Unterhaltungsmusik der 20er Jahre. Das war ein Quantensprung für das Arbeiterlied. Aber Eisler und andere kamen ja von den Neutönern, die wollten neben den roten Spieltruppen auch die europäische Avantgarde einbringen in die Arbeiterchöre. Die haben auch ziemlich abgefahrene, mehrstimmig-dissonante Sachen dafür komponiert, die aber von den normalen Amateurchören kaum noch zu singen waren.

In der DDR hat sich das Arbeiterlied nicht mehr entwickelt. Sie schreiben von einer Regression, von einem Rückgriff auf das Vorgefundene. Liegt das daran, dass die Arbeiterklasse zumindest offiziell an der Macht war?

Die Eigentumsverhältnisse waren zwar auf dem Papier andere, aber über die Verteilung des Mehrprodukts bestimmte die Partei, nicht die Arbeiter, um es mal platt zu sagen. Aber später gab es die Singebewegung und die sich daraus entwickelnde Liedermacherszene unter dem Stichwort »DDR konkret«, das Reinhold Andert geprägt hat, aus der dann eine Liedtheater-Szene mit Leuten wie Gundermann, Wenzel und Mensching entstand, die keine klassischen Arbeiterlieder gemacht, aber die den Alltag der DDR kritisch ausgeleuchtet haben – neben den Arbeiterliedern, die als staatstragendes Kulturerbe fortgeführt wurden, was leider auch oft sehr pompös und schwülstig wirkte.

Haben Sie während Ihrer Arbeit an dem Buch auch Frustration verspürt, weil eine politisch konfrontative Arbeiterbewegung gesellschaftlich einst viel stärker war und damit auch das Arbeiterlied?

Mir war das zwar von vornherein klar, doch mir ist noch einmal deutlicher geworden, wie grundlegend die Niederlage der gesamten Linken nach 1989/90 gewesen ist. Das Ende von Kohle und Stahl, das Verschwinden des klassischen Industrieproletariats und die Schwächung der Gewerkschaften. Der Niedergang dauert an. Es gibt eine fragmentierte Klasse mit starker Hierarchisierung und gleichzeitig einen mächtigen Nationalismus mit faschistischen Tendenzen. Und eine komplette Marginalisierung von revolutionärer Artikulation in den Medien. Da kommt sehr vieles zusammen an schlechten Bedingungen.

Andererseits lautet der letzte Satz in Ihrem Buch: »Die Dinge sind oft näher, als sie scheinen.«

Man hat das im vergangenen Jahr in England und in Frankreich gesehen: Wenn so eine Streikbewegung erstmal losbricht, bekommt sie eine eigene Dynamik und erfährt Solidarität. Dann würde auch hierzulande eine Feier am 1. Mai anders aussehen und die gemäßigten DGB-Positionen würden zurückgedrängt. Im Moment sieht es hier noch nicht danach aus, aber manchmal kann es eben auch schnell gehen.

Kai Degenhardt: Wessen Morgen ist der Morgen: Arbeiterlied und Arbeiterkämpfe in Deutschland. Papyrossa, 215 S., br., 16,90 €.
Kai Degenhardt: »Arbeiterlieder« (Plattenbau)

Interview

Uwe Bitzel

Kai Degenhardt, Jahrgang 1964, ist Liedermacher und Autor, der lange mit seinem Vater Franz Josef (1931-2011) auf der Bühne stand. Er hat nun Arbeiterlieder neu untersucht und eingespielt.

Quelle: nd v. 30.4.24
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1181861.arbeiterlieder-die-dinge-sind-oft-naeher-als-sie-scheinen.html?sstr=Die|Dinge

Wir danken für das Publikationsrecht.

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