MailÀnder Scala: Kraftvolle Aktion gegen die Bombardierung von Gaza

Wir publizieren diese Geschichte zum Jahreswechsel weil sie Mut macht. Sie handelt von einer gelungenen Aktion, die das Schweigen bricht und der Unwahrheit und Verlogenheit die Stirn bietet. Bringen wir 2024 den Mut auf, um durch unzÀhlige solcher Aktionen den Ungeist der Eskalation von Gewalt und Krieg in die Defensive zu zwingen! (Peter Vlatten)

von Andrea De Lotto 27.12.23 – Mailand, Italien , Pressenza

Am Samstag, 23. Dezember um 14:00 Uhr fand in der MailĂ€nder Scala die Generalprobe des Weihnachtskonzerts statt. Das Orchester und der Chor sind „in Zivil“, das Publikum ist „bodenstĂ€ndig“, niemand hat bezahlt.

Ab und zu unterbricht der Dirigent das Orchester, gibt Anweisungen, lÀsst wiederholen, doch die AtmosphÀre entspricht der des vielleicht wichtigsten Theaters der Welt.

Diesen Nachmittag haben einige Personen beschlossen, dass auch dort etwas gesagt werden muss, um gehört zu werden. Sie warten auf das Ende, sie wollen weder unterbrechen noch stören, aber sie wollen gehört werden!

Video Pressenza

Im Moment des Schlussapplauses werden zwei Banner ausgerollt, Fahnen erscheinen, eine Person fordert alle auf, sich vor Augen zu fĂŒhren, was in der Welt gerade geschieht. Sie will jenen Gehör verschaffen, die unter den Bombardierungen und Massakern leiden, nicht nur in Gaza, sondern auch in der Ukraine, im Sudan, in Äthiopien, im Tschad, im Jemen, in Kurdistan


Am Ende gibt es viel Beifall und GlĂŒckwĂŒnsche, sogar die Orchestermusiker nicken zustimmend.

TagtĂ€glich werden wir einen Weg finden mĂŒssen, unserer Stimme Gehör zu verschaffen, bis wir die ohrenbetĂ€ubenden und hĂ€mmernden KlĂ€nge der Bomben ĂŒbertönen können. Wir mĂŒssen unsere kleinlichen, opportunistischen, schĂ€ndlichen und tauben Regierungen endlich aufrĂŒtteln.

Habt Mut. Lasst uns gemeinsam weitermachen.

Der Beitrag von Andrea De Lotto ist erschienen in Pressenza, 27.12.2023

Wir danken fĂŒr die Publikationsrechte

PalĂ€stina/Israel: «Zwei hochtraumatisierte Bevölkerungen stehen einander gegenĂŒber»

Interview mit Anjuska und Jochi Weil*

Zeitgeschehen im Fokus Weltweit hört man von jĂŒdischer Seite «Not in our name!» Was ist damit gemeint?

Jochi Weil Die israelische Regierung beansprucht im Namen von allen JĂŒdinnen und Juden zu sprechen. Das ist ihre Grundhaltung abgeleitet von «Am Israel», das heisst «das Volk Israel». «Not in our name!» heisst: Wir sind zwar Juden, genau wie die anderen auch, aber was die israelische Regierung da verkĂŒndet und macht, das ist nicht in unserem Namen. So sehe ich das vereinfacht. Hast Du eine ErgĂ€nzung?

Anjuska Weil In den USA ist diese Bewegung schon recht stark. Noch eine ErgĂ€nzung, ich bin nicht JĂŒdin. Ich habe einen jĂŒdischen Vater. Im Judentum geht die Religionszugehörigkeit von der Mutter aus.

Auf welchen ethischen Grundlagen beurteilen Sie die Lage im Nahen Osten?

Jochi Weil FĂŒr mich gibt es zwei ethische Grundlagen. Einerseits wichtige Stellen in der Thora wie «Suche den Frieden, jage ihm nach», Psalm 34 – vom Christentum spĂ€ter ĂŒbernommen, aber ganz klar jĂŒdischen Ursprungs – und natĂŒrlich dann in der Thora «Gerechtigkeit, und nur Gerechtigkeit sollst Du verfolgen». Andrerseits die Allgemeine ErklĂ€rung der Menschenrechte von 1948. Das Individuum, der einzelne Mensch ist fĂŒr mich das Zentrum schlechthin. Was ich jetzt erlebe, diese vielen Tötungen, bis jetzt schon ĂŒber 19 000 Menschen, und Verletzte an Leib und Seele sowie dann die vielen Zerstörungen, das tangiert das, was mir wichtig ist. Ich sehe natĂŒrlich auch, dass wir Menschen widersprĂŒchlich sind mit all unseren Idealen.

Anjuska Weil Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung – ethische Grundlagen – sind eigentlich seit der StaatsgrĂŒndung von Israel ein ganz schwieriges Problem. Eine nationale HeimstĂ€tte fĂŒr das jĂŒdische Volk in PalĂ€stina (Balfour-Deklaration 1917) heisst nicht per se, dass man alle anderen ausschliesst, sondern dass es eine HeimstĂ€tte fĂŒr jĂŒdische Menschen ist. Aber dann hat die jĂŒdische Seite die anderen immer mehr verdrĂ€ngt. Gleichberechtigung hat bei der StaatsgrĂŒndung Israels nicht mehr existiert oder gar nicht existiert. 

Die Balfour-ErklĂ€rung spricht auch von der «Massgabe, dass nichts geschehen soll, was die bĂŒrgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht jĂŒdischen Gemeinschaften in PalĂ€stina» in Frage stellen könnte.

Jochi Weil In der UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung von 1948 heisst es, dass man mit der örtlichen Bevölkerung zusammenleben will.Âč Aber erst mit der Zeit erhielt diese das Wahlrecht. So sind die WidersprĂŒche ein Beispiel dafĂŒr.

Der österreichisch-israelische Religionsphilosoph Martin Buber Àusserte einmal, Juden seien als GÀste nach PalÀstina gekommen und sollten sich dort auch wie GÀste verhalten.

Anjuska Weil Ja, Israel war bei der StaatsgrĂŒndung ein Fremdkörper in der Levante und ist es leider geblieben, weil man sich nicht wie GĂ€ste verhalten hat, im Gegenteil. Man kam mit einem europĂ€ischen, kolonialistischen SelbstverstĂ€ndnis, das die anderen – nicht explizit aber implizit – als minderwertig betrachtete. HĂ€tte man die Gedanken von Martin Buber berĂŒcksichtigt, wĂ€re die Geschichte anders verlaufen. 

Diese ethische Grundlage von Martin Buber 


Jochi Weil Sie hat sich nicht durchgesetzt. Buber, ein Kulturzionist, gehörte zu dieser Gruppe, die einen binationalen zionistischen Staat wollte, in dem Juden und Araber gleichwertig und gleichberechtigt miteinander leben. Der Begriff «PalĂ€stinenser» ist relativ neu. Er ist spĂ€ter entstanden im Zusammenhang mit der PalĂ€stinensischen Befreiungsorganisation (PLO) in den 1960er Jahren. 

Dieser binationale Staat sollte auch sehr kulturell ausgerichtet sein. Bis zur StaatsgrĂŒndung war auch der zionistische Hashomer Hatzair, die jĂŒdische, zionistische, sozialistische Jugendbewegung, die ja auch international vertreten ist, einst stark von Martin Buber geprĂ€gt. Nach der StaatsgrĂŒndung hat sich der Hashomer Hatzair nicht mehr fĂŒr einen binationalen Staat geĂ€ussert. 

Anjuska Weil Es gab ja auch diese Stimmen, die sagten, «nicht vorpreschen mit der StaatsgrĂŒndung», warten, bis die arabische Seite auch so weit ist. 

Jochi Weil Ja, das ist die berĂŒhmte Auseinandersetzung zwischen Ben Gurion und Nahum Goldmann, GrĂŒnder und PrĂ€sident des World Jewish Congress und PrĂ€sident der World Zionist Organisation. Beide waren Zionisten, aber sie haben sich unterschieden. Ben Gurion hat gesagt: «Nein, jetzt proklamieren wir diesen Staat.» Und damit war Goldmann nicht einverstanden. 

1982 haben Sie das Gedicht «Friede» geschrieben, in dem Sie von einer Zweistaatenlösung sprechen. 

Jochi Weil Das war vor der Konferenz in Algier von 1988, als Arafat mit «C’est caduc» (das ist hinfĂ€llig), Artikel 15 und 22 in der palĂ€stinensischen Nationalcharta ausser Kraft setzte, so unter anderem den Wortlaut «Beseitigung der zionistischen und imperialistischen PrĂ€senz» in PalĂ€stina. 

Anjuska Weil Damals war eine Zweistaatenlösung möglich. Es gab die Siedler noch nicht so wie jetzt, noch nicht diese FestungsstĂ€dte. 

Jochi Weil Ja, vor allem noch nicht so viele Siedler. Und dann, wohlverstanden noch unter der sozialdemokratischen Regierung. Der Likud kam erst spĂ€ter. 

Ausgehend von der aktuellen Situation im Nahen Osten: Was brĂ€uchte es fĂŒr einen wirklichen Frieden? 

Anjuska Weil Nicht diese Politiker, die jetzt an der Macht sind. Das kann man ganz klar festhalten. Wie auch immer es jetzt weitergeht mit dem schrecklichen Krieg, in jedem Fall braucht es Menschen – jĂŒdisch-israelische, aber auch jĂŒdische in der Diaspora und palĂ€stinensische dort und in der Disapora – , die etwas Konstruktives miteinander machen können. Eine ganz wichtige Grundlage fĂŒr die Zukunft ist, dass man einander vertraut und sich auf Augenhöhe begegnet. 

Jochi Weil Ja, das kann ich ohne Vorbehalt unterschreiben. FĂŒr einen wirklichen Frieden braucht es – die Schweiz mĂŒsste dabei mithelfen – eine internationale Konferenz, bei der die Frage PalĂ€stina/Israel wirklich aufs Tapet kommt, und zwar ernsthaft. Es hat schon viele Konferenzen gegeben mit bla, bla, bla. Es ist sehr wichtig, dass das auch national auf den Tisch kommt und in anderen LĂ€ndern auch. In dem Sinne folge ich meinem Freund, Alon Liel. Er war einst als israelischer Botschafter in SĂŒdafrika ein GesprĂ€chspartner von Nelson Mandela. Vor einigen Jahren ist er in Europa zu verschiedenen Parlamenten gereist und hat sie aufgefordert, den Staat PalĂ€stina anzuerkennen. 

Anjuska Weil Noch etwas wĂ€re wichtig. Immer wieder wird gesagt, auf palĂ€stinensischer Seite gĂ€be es keine GesprĂ€chspartner. Es gibt aber jemanden, der den Konsens von allen palĂ€stinensischen Fraktionen hĂ€tte. Es ist Marwan Barghouti, der seit 2004 im GefĂ€ngnis ist. Es geht nicht darum, einfache Parallelen zu ziehen zu SĂŒdafrika. Dort hat es auch jemanden gegeben, der im GefĂ€ngnis war, Nelson Mandela. Der sĂŒdafrikanische StaatsprĂ€sident Frederik Willem de Klerk hatte die Weisheit, diesen aus dem GefĂ€ngnis zu entlassen und ihn als GesprĂ€chspartner zu akzeptieren. Wenn es möglich wĂ€re, Marwan Barghouti als GesprĂ€chspartner aus dem GefĂ€ngnis zu holen, wĂ€re das ein ganz grosser und wichtiger Schritt. 

Jochi Weil Ja, das vertrete ich auch. Israel mĂŒsste Marwan Barghouti  befreien. Er hat einen Ă€hnlichen Weg gemacht wie Nelson Mandela. Irgendwann kam er zu der Erkenntnis «Nein, Gewalt ist es nicht. Diesen Weg gehen wir friedlich». Israel mĂŒsste  bereit sein, ihn frei zu lassen, und das sehe ich im Augenblick nicht. Aber auch Mustafa Barghouti, PrĂ€sident der Palestinian Medical Relief Society (PMRS), wĂ€re ein palĂ€stinensischer GesprĂ€chspartner fĂŒr Friedensverhandlungen. Er ist eine wichtige Persönlichkeit, nur hat er keine Hausmacht. 

Anjuska Weil Die Frage ist, was man machen kann. Eine internationale Kampagne zur Freilassung von Marwan Barghouti könnte etwas bringen und wĂŒrde ihn auch bekannter machen. 

Jochi Weil Das finde ich gut, sehr gut. Er gehört zur Fatah.

Was sind Ihre weiteren Überlegungen? 

Jochi Weil Ich wĂŒrde der Hamas empfehlen: «Ergebt Euch, sonst gibt es eine unglaubliche Katastrophe. Ihr habt militĂ€risch keine Chance – wirklich keine.» 

Ich kenne meine Leute, ich bin ja auch einer von ihnen, aber ich gehe mit dem anders um. Diese HĂ€rte, die sie haben und mit der sie im Gazastreifen vorgehen, das ist etwas, was sie durchziehen werden. Man hört deutliche Kritik von Uno-GeneralsekretĂ€r Guterres, von der WHO, von Uno-Resolutionen und so fort. Ich gehe auch vom Individuum aus. Diese vielen Opfer, Tote und Verletzte, wir haben alle nur ein Leben auf dieser Erde. Und da muss ich sagen, das darf nicht sein. Das darf nicht sein! Und darum sage ich ganz bewusst: «Ergebt Euch». Das sage ich um der Menschen willen. Das hat kaum mit Gerechtigkeit zu tun, aber mit dem Leben von jedem einzelnen PalĂ€stinenser und jeder PalĂ€stinenserin. Das könnte zu einer gewissen Ruhe fĂŒhren. Dann könnte man dann auch eine Konferenz realisieren. Das ist meine feste Überzeugung. 

Anjuska Weil Wir sind da unterschiedlicher Meinung. Ich respektiere, was Du sagst. Ich weiss, dass Du das nicht im billigen Sinne meinst, ĂŒberhaupt nicht. Aber ich denke, es geht nicht. Was ihnen noch bleibt, ist die eigene WĂŒrde zu behalten, in dem Sinne, dass sie sich nicht ergeben. Im Laufe der Geschichte sind viele untergegangen. Aber was geblieben ist, ist, dass sie sich nicht ergeben sondern tapfer gekĂ€mpft haben. In Europa die Pariser Kommune (1871), die Spanische Republik (1931 bis 1939), in den USA der Aufstand der Indigenen von Wounded Knee oder die SklavenaufstĂ€nde seit Spartakus. Der Mythos jener, die sich nicht ergeben haben, ist immer wieder die Basis fĂŒr andere, weiterzukĂ€mpfen. NatĂŒrlich gibt es auch Leute in der Bevölkerung, die sich lieber ergeben wĂŒrden als weiter zu kĂ€mpfen, das muss man auch respektieren. Hier haben wir eine unterschiedliche Position. Die Latinos sagen dazu «Patria o muerte». Das ist eine Haltung bei vielen, vor allem auch bei jĂŒngeren palĂ€stinensischen Menschen. Ich weiss nicht, wie respektiert die PalĂ€stinenser sein werden bei den eigenen Leuten, bei den internationalen Playern und bei den Israeli, wenn sie sich ergeben haben. 

Jochi Weil Ich muss vielleicht prĂ€zisieren: «Ergebt Euch im bewaffneten Kampf. Ihr habt keine Chance.» Und das mit der WĂŒrde möchte ich jetzt einfach einmal etwas in Frage stellen. Wenn ich jetzt sehe, wie die HamaskĂ€mpfer am 7. Oktober gewĂŒtet haben, dann muss ich sagen, da ist nichts von WĂŒrde. Ich rede auch davon, wie die Hamas mit ihrer Zivilbevölkerung umgeht.

Anjuska Weil Ja, da bin ich mit Dir einverstanden. Aber es gibt nicht nur die Hamas. Es sind auch die palĂ€stinensischen Menschen in der Westbank, beispielsweise in Jenin und in Chalil (Nablus). Das sind nicht einfach «Hamas». Auch sie kĂ€mpfen fĂŒr ihre WĂŒrde. Es ist die «ongoing Nakba» seit 75 Jahren. Es hat immer wieder Widerstand gegeben. Ich erinnere mich an eine Fahrt mit unserem palĂ€stinensischen Freund Saad in der Westbank. Als wir an hohen Felsen vorbeikamen, sagte er: «Schaut, von diesen Felsen haben sie unsere KĂ€mpfer hinuntergestossen.» Es war klar, das ĂŒberlebt man nicht. Ich habe dann gefragt: «War das in der Zeit der englischen Mandatsmacht?» Saad antwortete: «Jawohl, in dieser Zeit, aber ein Mandat von uns hatten die nie!» Die Art und Weise und die WĂŒrde, mit der er das gesagt hat, beeindruckte mich zutiefst. 

BrÀuchte es nicht eine Klage gegen Israel und die Hamas vor dem Internationalen Strafgerichtshof?

Jochi Weil Das lĂ€uft bereits. Karim Ahmad Khan, ChefanklĂ€ger des ICC, war bereits in Israel. Er wird auf beiden Seiten untersuchen. Dann gibt es natĂŒrlich die pfannenfertigen Voruntersuchungen vor allem zu den frĂŒheren Gazakriegen von 2008/2009 und 2014 unter Fati Bensouda. Die kommen dann auch noch dazu. Also das lĂ€uft. 

Es gibt noch etwas, was mir sehr wichtig ist. Anjuska, kannst Du das erzĂ€hlen? 

Anjuska Weil Ich bin so aufgewachsen, dass ich gegenĂŒber palĂ€stinensischen Menschen nie Angst entwickelt habe. Wir lebten im Wadi Jamal, etwas sĂŒdlich von Haifa. Unsere palĂ€stinensischen Nachbarn, bei denen ich ein- und ausgegangen bin als kleines MĂ€dchen, sind die ersten Leute, an die ich mich erinnern kann, die freundlich zu mir waren – ausser meiner engsten Kleinfamilie. Die Nachbarn waren sehr gut zu mir. Etwas ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Etwas weiter weg wohnte eine Familie, bei der die Frau aus dem Konzentrationslager gekommen ist. Sie hatte immer wieder, so wie wir das erlebt haben, völlig unvermittelt SchreianfĂ€lle, so auch, als ihr Sohn und ich miteinander gespielt haben. Das war so grĂ€sslich, dass es einem die Knochen zersĂ€gte. Wir Kinder haben augenblicklich alles fallen gelassen und sind weggerannt. Weil unsere palĂ€stinensischen Nachbarn am nĂ€chsten waren, haben wir uns bei ihnen in Sicherheit gebracht. Diese gute Erfahrung, dass wir uns in Sicherheit bringen konnten bei palĂ€stinensischen Nachbarn, das ist mir geblieben. Das Arabische gehört auch zum Soundtrack meiner Kindheit, obwohl ich kein Arabisch verstehe. 

JĂŒdische und palĂ€stinensische Leute haben jedoch – beide aus ihrer Erfahrung heraus und natĂŒrlich auch auf Grund der Propaganda – in der Regel Angst voreinander. Wie Jochi immer sagt, es sind zwei hochtraumatisierte Bevölkerungen, die einander gegenĂŒberstehen. Die jĂŒdisch-israelische Seite hat Angst vor Attentaten von PalĂ€stinensern. Die palĂ€stinensische Seite – im Gazastreifen sowieso – hat Angst vor Krieg und Bombardierungen. Die Kinder, die dort aufwachsen, kennen gar nichts anderes. Im Westjordanland kennen sie Israelis praktisch nur als Siedler und Soldaten und nicht als sich normal benehmende Zivilpersonen. Ich erinnere mich an einen Besuch bei einer palĂ€stinensischen Freundin im Gazastreifen. WĂ€hrend die Erwachsenen miteinander geredet haben, hat ihr Ă€ltester Sohn, damals etwa acht Jahre alt, gezeichnet. Er zeichnete Panzer mit ganz bösen Gesichtern. Vor den Panzern hatte es so kleine StrichmĂ€nnlein, tote Kinder. Immer wieder hat er dasselbe gezeichnet, immer wieder ein neues Blatt und immer wieder das. Das war nach dem Gazakrieg von 2008/2009. Jetzt ist er ein junger Mann, er muss 23 oder 24 Jahre alt sein. 

Jochi Weil Ja, das wollte ich auch ergĂ€nzen. Diese tiefen Verwundungen, die da sind und aufeinanderstossen, die sind ein hochexplosives Gemisch, eingerahmt von den Ängsten, von denen du erzĂ€hlt hast. Das ist ein Kernpunkt, je aus diesen Geschichten, der palĂ€stinensischen und der jĂŒdischen. Es ist kein Konflikt. Es ist eine absolute Tragödie. 

Anjuska Weil Ein Merkmal der Traumatisierung kann auch sein, dass man fĂŒr andere keine Empathie mehr entwickelt. Hin und wieder sieht man das bei FlĂŒchtlingsfrauen. Obwohl ihr Kind bitterlichst weint, reagieren sie nicht. Diese UnfĂ€higkeit zur Empathie kommt dann noch zu allem anderen dazu. 

Jochi Weil Ja, das ist eine klassische Haltung. Gestern Abend ist das auch zum Ausdruck gekommen. Es ist Chanukkazeit. Gestern hat man das vierte Licht angezĂŒndet. Es war sehr friedlich, und es wurde der israelischen Opfer und Geiseln, die umgekommen sind, gedacht. Aber kein Wort, kein einziges Wörtchen zu den Opfern im Gazastreifen und das, das unterscheidet mich. 

Was fĂŒr ein Friedensmodell wĂ€re fĂŒr die politische Zukunft von Israel und dem besetzten PalĂ€stinensischen Gebiet sinnvoll?

Jochi Weil Mein Fernziel ist jetzt, weil ich ein ĂŒberzeugter Schweizer bin, das Schweizer Modell mit den Kantonen und der Gewaltenteilung. Ich kann mir einen Kanton rund um Hebron oder rund um Jenin oder dann rund um Nazareth oder in Tel Aviv und so weiter vorstellen. Ich meine aber auf keinen Fall ein «Copy-paste». Wir – die Schweiz – sind ja das «gelobte Land», das muss man einfach sehen. Am prominentesten vertritt das Micheline Calmy-Rey. Sie kennt die Schweiz, sie war ja BundesrĂ€tin. Sie war auch MitbegrĂŒnderin oder GrĂŒnderin der Genfer Initiative im Jahr 2003. Das ist meine Vision. Es muss eine demokratische Lösung geben fĂŒr alle. Wenn man zum Beispiel einen Kanton Nazareth hat, sind jĂŒdische Menschen dort in der Minderheit. In Tel Aviv gibt es mehr JĂŒdinnen und Juden als Araber, die israelischen PalĂ€stinenser mĂŒssen dort genauso geschĂŒtzt sein. In jedem Kanton mĂŒssten dann die Minderheiten gleichberechtigt sein, wie zum Beispiel bei uns die romanische Bevölkerung, das ist fĂŒr mich sehr zentral. Unser Schweizer Modell gefĂ€llt mir trotz all den vielen Problemen, die wir im Land haben. Aber ich bin so dankbar, dass ich hier leben darf. Das möchte ich Israel-PalĂ€stina auch gönnen. Aber das ist das Fernziel, bis dann sind meine Knochen schon lĂ€ngstens verstaubt. 

Herr und Frau Weil, ich danke Ihnen fĂŒr das GesprĂ€ch.

Interview Dr. phil. Henriette Hanke GĂŒttinger

* Anjuska Weil (1946) verbrachte ihre ersten Lebensjahre in Jugoslawien und Israel. Sie war KindergĂ€rtnerin und Hortnerin und grĂŒndete mit ihrem Mann die  Sektion Ostschweiz von Terre des hommes. Zusammen mit einem Knaben aus Tunesien und einem MĂ€dchen aus Korea bilden sie eine Familie. Sie engagiert sich gegen Apartheid und Rassismus und fĂŒr Frieden und SolidaritĂ€t mit den Völkern des SĂŒdens, so auch gegen den US-Krieg in Vietnam. Sie arbeitete mit an Projekten von medico international schweiz in Vietnam. Seit 1994 ist sie PrĂ€sidentin der Vereinigung Schweiz-Vietnam. 2006 wurde sie von Vietnam mit der Freundschaftsmedaille ausgezeichnet, 2016 fĂŒr 25 Jahre Engagement fĂŒr die Leprakranken sowie fĂŒr 50 Jahre Vietnam-SolidaritĂ€t. Von 2001 bis zu ihrer Pensionierung 2013 war sie GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der Kampagne Olivenöl aus PalĂ€stina. FĂŒr die FraP! (Frauen Macht Politik!) sass sie 1991 bis 99 im ZĂŒrcher Kantonsrat. 

* Jochi Weil (1942) lebt mit seiner Frau Anjuska in ZĂŒrich. Er war Lehrer an der Volksschule und an der Berufsschule und engagierte sich fĂŒr Reformen im Strafvollzug Er amtete als Schlichter in Mietsachen, als Arbeitsrichter und als Beisitzer an Arbeitsgerichten. Er war engagiert bei medico international schweiz, vormals Centrale Sanitaire Suisse CSS ZĂŒrich, und MitbegrĂŒnder der «Kampagne Olivenöl aus PalĂ€stina». Er ist im Vorstand der Religiös-Sozialistischen Vereinigung der Deutschschweiz (Resos) und arbeitet mit im Komitee BrĂŒckenschlag ZĂŒrich-Amed/Diyarbakir in der SolidaritĂ€t mit Kurden und Kurdinnen. Jochi Weil ist Mitglied der Israelitischen Cultusgemeinde ZĂŒrich ICZ.

Âč www.hagalil.com/israel/independence/azmauth.htm

Anjuska und Jochi Weil (Bild zvg)
Anjuska und Jochi Weil (Bild zvg)

Erstveröffentlicht in Zeitgeschehen im Fokus v. 22.12.23
https://www.zeitgeschehen-im-fokus.ch/de/newspaper-ausgabe/nr-19-vom-22-dezember-2023.html#article_1618

Wir danken fĂŒr das Publikationsrecht.

Erdogans Geschenk zu Weihnachten: Erneute tĂŒrkische Luftangriffe auch auf das Umland von DĂȘrik

Was ist passiert?

Gerade hatten wir als StĂ€dtepartnerschaft eine Spendenkampagne fĂŒr den Wiederaufbau der durch die tĂŒrkischen Angriffe Anfang Oktober 23 zerstörten Infrastruktur gestartet, da erreichte uns am Vorabend von Weihnachten die Hiobsbotschaft, dass tĂŒrkische Kampfflugzeuge erneut die Energie-Infrastruktur im Umland von DĂȘrik bombardiert haben. Auch am 1. Weihnachtsfeiertag gingen die Luftangriffe weiter. Unter anderem wurde ein Druckerei angegriffen, welche die SchulbĂŒcher fĂŒr Nordsyrien druckt.

Betroffen sind die Ortschaften DirbespiyĂȘ, Xana SerĂź, Qere Cox, Koçerat, Xerab el CĂȘr, Teqil Beqil und BanĂȘ SikeftĂȘ, in deren unmittelbarer NĂ€he sich Gas- und Ölfelder befinden. In DirbespiyĂȘ wurde eine Ölraffinerie und eine Ölquelle bombardiert. Dort ist durch die LuftschlĂ€ge ein Brand ausgebrochen. In BanĂȘ SikeftĂȘ wurde ein Umspannwerk zerstört. Das fĂŒr DĂȘrik wichtige Umspannwerk bei Teqil Beqil wurde nun zum 3. Mal getroffen! Wieder gibt es in DĂȘrik keinen Strom und damit auch kein Wasser. Am 25.12. wurden Einrichtungen in Qamishlo und Kobene bombardiert.

Die Vorsitzende von WJAS, mit der wir die Mobile Klinik betreiben, schrieb uns:

„Entschuldigung, dass ich zu spĂ€t geantwortet habe, weil die Situation hier sehr schlecht ist. Die tĂŒrkische Regierung hat die restliche Infrastruktur zerstört. Am Anfang haben sie DirbespiyĂȘ, DĂȘrik und Umgebung bombardiert. Heute haben sie Alaya und drei Mal um das Alaya GefĂ€ngnis, in dem ISIS Gefangene sitzen, bombardiert. Es wurden dieses Mal auch zivile Einrichtungen, wie z.B. eine Bibliothek angegriffen. Ein Einzelkind wurde ermordet. Wir Frauen von WJAS können jetzt nicht arbeiten. Das WJAS BĂŒro ist geschlossen. Unsere Konferenz sollte eigentlich gestern stattfinden. Aber wir haben uns doch dann bei mir als kleine Gruppe getroffen, weil ein paar Vertreter anderer Ortsgruppen aus Tabqa, Raqqa und Kobane in Qamishli waren. Die Angriffe dauern weiterhin an und wir sind in einer sehr schlechten Situation. Viele GrĂŒĂŸe an alle.“

Was bedeutet die wiederholte Zerstörung der Infrastruktur?

Schon bei den Angriffen im Oktober wurde die Infrastruktur bei DĂȘrik hart getroffen, die Aufbauarbeiten sind noch lange nicht abgeschlossen. Das Bezirksparlament von Friedrichshain-Kreuzberg hatte mit großer Mehrheit in einer Resolution die Angriffe im Oktober auf die Partnerstadt verurteilt.

Auch in Nordsyrien ist momentan Winter. Ohne Gas zum Heizen und Kochen wird es ein harter Winter fĂŒr die Bevölkerung . Aber das will die tĂŒrkische Regierung: die Menschen sollen zermĂŒrbt werden und in die Flucht getrieben werden.

FĂŒr die tĂŒrkische Regierung sind die Menschen in Nord- und Ostsyrien Terroristen !

Das tĂŒrkische Verteidigungsministeriums bezeichnete die Angriffe in Nord- und Ostsyrien als „Vergeltung“ fĂŒr den Tod mehrerer tĂŒrkischer Soldaten bei Guerilla-Aktionen in der Kurdistan-Region des Iraks (KRI). Die Guerilla eroberte im Nordirak einen von tĂŒrkischen Truppen zuvor völkerrechtswidrig besetzten HĂŒgel zurĂŒck. Bei den heftigen Gefechten kamen 27 tĂŒrkische Soldaten ums Leben.

Ankara rechtfertigt die Angriffe in Nordsyrien mit Verweis auf Artikel 51 der UN-Charta, in der das Selbstverteidigungsrecht eines Landes geregelt ist. Das Verteidigungsministerium bezeichnete in einer Mitteilung die bombardierten Kraftwerke, Gas- und Ölfelder als ‚terroristische Stellungen‘. Es betonte, „den ‚Antiterrorkampf‘ so lange fortsetzen zu wollen, bis kein einziger Terrorist mehr ĂŒbrig ist‘, berichtete die kurdische Nachrichtenagentur ANF.

Orginalton Erdogan, der kein Wort zum Hamas-Massaker an Israelis vorlor, der die Hamas vielmehr als ‚Befreiungsorganisation‘ bezeichnete:

Laut der tĂŒrkischen Tageszeitung Cumhuriyet vom 23.12.2023 Ă€usserte sich der tĂŒrkische PrĂ€sident Erdogan zu den Luftangriffen wie folgt: â€žWir werden unsere Strategie, den Terrorismus an der Wurzel auszurotten, entschlossen fortsetzen, bis auch der letzte Terrorist beseitigt ist. Die TĂŒrkei wird um keinen Preis eine terroristische Organisation im Norden Iraks oder Syriens zulassen. Wir werden niemals von unserem Kampf gegen die angeheuerten Mörderbanden ablassen, die als Subunternehmer fĂŒr die Imperialisten dienen. Sowohl die blutigen Verbrecher als auch diejenigen, die die separatistische Organisation unterstĂŒtzen, werden frĂŒher oder spĂ€ter begreifen, dass es in der Zukunft unserer Region keinen Platz fĂŒr den Terrorismus gibt. Ich wĂŒnsche allen unseren SicherheitskrĂ€ften, die den Terroristen innerhalb und außerhalb unserer Grenzen keine Luft zum Atmen lassen, Erfolg von Allah, dem AllmĂ€chtigen. Möge Allah unsere heldenhaften Soldaten siegreich machen.“

Mit welchem Recht werden die Menschen in Nordsyrien, die Sieger ĂŒber den IS, als Terroristen behandelt?

Wir fragen uns, was die multikulturelle und multikonfessionelle Bevölkerung von Nord- und Ostsyrien mit den KĂ€mpfen der Guerilla im Irak gegen die  Besatzung irakischen Territoriums durch die TĂŒrkei zu tun hat. Selbst der wissenschaftliche Dienst des Bundestags stuft die Angriffe der TĂŒrkei als völkerrechtswidrig ein. Der belgische Kassations-Gerichtshof urteilte 2020„dass es in der TĂŒrkei einen bewaffneten Konflikt gibt und dass die PKK Konfliktpartei in diesem innertĂŒrkischen bewaffneten Konflikt ist“ und daher Kriegspartei sei und keine Terrororganisation. Mit welchem Recht definiert die tĂŒrkische Regierung die Energieversorgung und die gesamte zivile Infrastruktur Nordsyriens als ‚terroristische Stellung‘?

Es gab nie Angriffe aus Nord- und Ostsyrien auf tĂŒrkisches Gebiet

Es gab noch nie Angriffe auf die TĂŒrkei von nordsyrischem Gebiet aus, die eine Selbstverteidigungssituation der TĂŒrkei rechtfertigen wĂŒrden. Trotzdem wird die gesamte kurdische Bevölkerung in der TĂŒrkei, im Nordirak und in Nordsyrien – und mit ihr die in Nordsyrien zusammenlebende arabische, assyrische, armenische und ezidische Bevölkerung – von der tĂŒrkischen Regierung in Sippenhaft genommen und zu Terroristen erklĂ€rt?

Unsere Erwartungen an die Bundesaussenministerin

Wir erwarten von unserer Außenministerin Annalena Baerbock, dass sie eine Protestnote nach Ankara schickt und sich lautstark fĂŒr ein Ende des Psychoterrors der TĂŒrkei in Nord- und Ostsyrien einsetzt.
Die Menschen dort wollen nichts anderes als Frieden und ihre demokratische Selbstverwaltung weiter konsolidieren. Erdogan jedoch scheint die Region zurĂŒck in autoritĂ€re, islamistische Strukturen Ă  la Hamas bomben zu wollen. Wollen wir, dass noch mehr Menschen von dort fliehen mĂŒssen? Ist das in unserem Interesse?

Jetzt erst recht Wiederaufbauhilfe leisten!
Lasst uns gemeinsam dem Zerstörungswahn der tĂŒrkischen Regierung in Nord- und Ostsyrien etwas entgegen setzen! Auf die Bundesregierung können wir anscheinend nicht zĂ€hlen, denn Geopolitik ist zynisch und geht ĂŒber Leichen.
Aber wir können unsere SolidaritĂ€t praktisch ĂŒber Spenden fĂŒr den Wiederaufbau der Infrastruktur und die Verstetigung der Demokratie in der Region ausdrĂŒcken. Es gibt viele Organisationen, die sich dafĂŒr einsetzen, wie z.B. die NGO ‚medico international‘, regionale Gruppen wie die ‚StĂ€dtefreundschaft Frankfurt-Kobane‘, der Verein ‚StĂ€dtepartnerschaft Köln-Qamishlo‘, der Verein ‚StĂ€dtepartnerschaft Oldenburg-Rakka‘ oder wir als erste deutsche offizielle StĂ€dtepartnerschaft ‚Friedrichshain-Kreuzberg – DĂȘrik‘ in Berlin. Erkundigt euch in euren StĂ€dten, es gibt viele Initiativen, die die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien mit konkreten Projekten unterstĂŒtzen.
Wer uns unterstĂŒtzen und fĂŒr DĂȘrik spenden will: wir sammeln Spenden fĂŒr unsere von der Frauenstiftung WJAS betriebene Mobile Klinik im Umland von DĂȘrik und fĂŒr die Reparatur von 3 Schulen in DĂȘrik.

© StĂ€dtepartnerschaft Friedrichshain-Kreuzberg – DĂȘrik e.V. | info@staepa-derik.org

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