Hybris eines Kapitalisten

Von Jochen Gester

Wir können gerade Zeuge einer für die Gewerkschaftsbewegung wichtigen sozialen Auseinandersetzung sein. Sie hat hohe symbolische, aber auch ganz praktisch-politische Bedeutung für die gewerkschaftliche Arbeit im bedeutendsten Sektor der Metall- und Elektroindustrie, der Automobilindustrie. Ort der Handlung ist nicht die Automobilproduktion selbst in einem ihrer Zentren, sondern sie spielt im kleinen Schweden. Antipoden der Auseinandersetzung sind der Milliadär Elon Musk, Eigentümer des Tesla-Konzerns und IF Metall, die Gewerkschaft der schwedischen Metallarbeiter:innen, Schwesterorganisation der IG Metall. Schweden selbst beherbergt nur Reparatur- und Serviceleistungen von Tesla. Montagewerke gibt es nicht.

IF Metall verhandelt seit 2018 mit Tesla und will, dass das Unternehmen einen Tarifvertrag unterzeichnet. Bisher ohne Ergebnis. Jetzt ist den Schweden der Geduldsfaden gerissen.

Gut organisierte Gewerkschaften und ein attraktives Streikrecht

Die Gewerkschaften in diesem skandinavischen Land sind nicht sehr streikfreudig, was allerdings nicht daran liegt, dass sie dazu nicht in der Lage wären. Eher daran, dass es in der Regel ausreicht, damit zu drohen. Denn sie sind gut organisiert. Dies hat vor allem historische Gründe. Das schwedische Koalitions- und Arbeitskampfrecht trägt nicht wie in Deutschland das Muttermal einer schweren Niederlage, wie dies beim sehr restriktiven deutschen Arbeitsrecht der Fall ist, das in der Nazi-Zeit seinen Ursprung hat. Es war ein Ergebnis des erfolgreichen Generalstreiks im Jahre 1909, durch den sich die Arbeiterbewegung großen gesellschaftlichen Einfluss erstreiten konnte. Diese Rechtsposition wurde im Wesentlichen bis heute verteidigt. Noch heute sind 70% der Lohnabhängigen gewerkschaftlich organisiert. 9 von 10 Beschäftigten genießen den Schutz von Tarifverträgen. Es ist klar, dass die Kolleg:innen im hohen Norden diese Errungenschaft auch verteidigen wollen.

Das Geschäftsmodell“ von Elon Musk

Dies müssen sie jetzt, denn der Tesla-Boss Elon Musk lässt zwar Autos mit futuristischem Design bauen und setzt technologische Standards in der Elektromobilität, doch die Rolle, die er den Menschen zuschreibt, die seinen Reichtum erschaffen haben und weiter vergrößern, erinnert eher an die Barone der Eisen- und Stahlindustrie vor über 100 Jahren. Musk hat erklärt, Gewerkschaften und Tarifverträge passten nicht zu seinem Geschäftsmodell. Und schließlich ist es ihm gelungen, sich diese bisher überall vom Hals zu halten und so einen großen Konkurrenzvorteil zu verschaffen.

Der verweigerte Tarifvertrag steht dabei nur Pate für den Versuch, die Belegschaften daran zu hindern, sich wirkungsvoll gegen miese Arbeitsbedingungen zu wehren. Das beginnt mit schlecherer Bezahlung als im Branchendurchschnitt und mit geringeren in der Firma erwerbbarer Rentenleistungen und endet mit der Umgestaltung vorher in Zeitarbeit und nach qualitativen Gesichtspunkten zu verrichtender Reparaturarbeiten in Akkordabeit mit regiden Zeitvorgaben, was immer wieder dazu führt, dass kaputte Autos ausgeliefert werden. Auch werden unbezahlte Überstunden erpresst.

Das Ende der Geduld ist erreicht

In Schweden will man sich offensichtlich jetzt diese Art der Nötigung ersparen und hat den von Tesla hingeworfenen Fehdehandschuh aufgenommen.

IF Metall hat ihre Mitglieder in den betroffenen Betrieben aufgefordert, die Arbeiten für Tesla ruhen zu lassen. Das haben sie gemacht. Die Streikkassen sind voll. Die Gegenseite kann also nicht hoffen, dass den Streikenden demnächst die Luft ausgeht. Auch werden die in Taxis aus anderen Regionen mobilisierten Streikbrecher nicht zum erhofften Erfolg führen.

Breite gewerkschaftliche Unterstützung

Unterstützung bekommt IF Metall von den Gewerkschaften des Transportsektors, die veranlasst haben, dass in den vier großen schwedischen Häfen keine Tesla-Autos mehr be- und entladen werden. Dies ist ganz legal, denn das schwedische Arbeitsrecht ermöglicht auch Sympathiestreiks. Derweil haben weitere Gewerkschaftsverbände Unterstützung zugesagt. Die Gewerkschaft Seko hat angekündigt, dafür zu sorgen, dass Ersatzteile und andere Komponenten für die Tesla-Werkstätten nicht ausgeliefert werden. Auch soll das die Zustellung und Abholung von Briefen, Paketen und Paletten umfassen. Die Gewerkschaften Fastighets und Elektrikerna wollen die Reinigung des Tesla-Geländes stoppen und defekte Ladesäulen nicht mehr reparieren. Und am 17. November soll die Hafenblockade auf alle Häfen ausgeweitet werden. Die norwegischen Gewerkschaften wollen ebenfalls solidarisch sein. Sollte Tesla versuchen, die Hafenblockade über norwegische Häfen zu umgehen, werde man nicht untätig bleiben.

Auch die IG Metall verfolgt mit Sympathie die Aktionen der schwedischen Kolleg:innen. Bezirksleiter Dirk Schulze machte an die Tesla-Kolleg:innen gewandt gegenüber der Presse am 9. November deutlich, warum dieser Konflikt auch für uns große Bedeutung hat:

„Ihr geht mit eurem Streik voran und macht deutlich, dass auch bei Tesla keine gewerkschaftsfreien Räume zugelassen werden. Euer Streik gibt auch den Kolleginnen und Kollegen in Grünheide Mut und Zuversicht, sich gewerkschaftlich zu organisieren und ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.“

Wer bestimmt die Regeln?

Wenn es zum Show Down kommt, so nicht deshalb,weil die LO (Dachverband der Arbeitergewerkschaften) den unbedingt will. Die sozialdemokratisch dominierten Gewerkschaften haben das Streiken ein wenig verlernt und glauben an die Sozialpartnerschaft. Es ist die offene Provokation Musks, der sie dazu zwingt, wollen sie nicht ihr Gesicht verlieren.

Eine Stellungnahme der Elektrikergewerkschaft lässt den Unmut erahnen, der sich da zusammenbraut:

„Wir haben es mit einem multinationalen Unternehmen zu tun, das sich imperialistisch verhält und Schweden seine eigenen Regeln aufzwingen will. Deshalb müssen wir jetzt zusammenhalten.“

Bereits in den 90er Jahren hatte ein Unternehmen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten hier schon mal den Konflikt gesucht. Der Spielzeughersteller Toys R Us. Drei Monate verweigerte er die Unterschrift unter einen Tarifvertrag. Nach einem Boykott durch Anzeigenbüros, Müllabfuhr, Geldtransporte und durch Kund:innen besann man sich dann eines Besseren.

Klar ist: Das Geschäftsmodell von Tesla und das Arbeits- und Lebensmodell der Beschäftigten nicht nur in Schweden vertragen sich nicht. Klar ist auch, welches Modell ein Auslaufmodell ist. Auf jeden Fall wird die Freude überall groß sein, wenn Musk das auch mit seiner Unterschrift dokumentiert.

Die landesweiten Streiks der italienischen Basisgewerkschaften waren ein Riesenerfolg!

Die italiensichen Basisgewerkschaften mobilisierten am 20. Oktober zu landesweiten Streiks gegen den Krieg , soziale Verelendung und die rechtsradikale MeloniRegierung. Wir berichteten !

Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin, Arbeitskreis Internationalismus IG Metall Berlin , Berliner Gewerkschaftlicher Ratschlag gegen Aufrüstung und Krieg sowie die Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften Berlin (VKG) stärkten den italienischen Kolleg:innen am 20.Olktober mit einer Solidaritätserklärung den Rücken. Die Streiks waren eine eindrucksvolle Mobilisierung von unten !

Gemeinsame Presseerklärung der italienischen Basisgewerkschaften zum 20.Oktober

Die bemerkenswerte Beteiligung der Arbeitnehmer an dem nationalen Generalstreik, zu dem gestern Adl, Cub, Sgb, SI Cobas und Usi-Cit gegen Krieg und Lebenshaltungskosten und für kräftige Lohnerhöhungen aufgerufen hatten, wurde in diesen Stunden sogar von der regierungsnahen Presse und den Medien anerkannt. 

Hohe Zustimmungsraten wurden in fast allen Schlüsselsektoren des öffentlichen und privaten Sektors verzeichnet und privaten Sektors: Luftverkehr (rund 60 %) und Bahn, ÖPNV, Güterverkehr und Logistik (mit Spitzenwerten von 100% im Zentrum-Nord), kommunale Schulen und Kindergärten (100% in Bologna), Häfen, großflächiger Einzelhandel, metallmechanische Fabriken (vor allem Ducati, Marcegaglia und Vertragsunternehmen), Sozialgenossenschaften, Gesundheitswesen.

Ebenso hoch war die Beteiligung der Arbeitnehmer an den Initiativen, die außerhalb des Arbeitsplatzes und in den Bezirken.

Die Solidarität der Arbeitnehmer in vielen Städten mit dem palästinensischen Volk, das Opfer der brutalen israelischen Aggression im Gaza-Streifen ist, ist ebenfalls groß.

Dies ist ein Beweis dafür, dass die Entscheidung, einen Streik auszurufen, richtig und unantastbar war: am Arbeitsplatz. An den Arbeitsplätzen, wo die Menschen oft bis zur Mitte des Monats kämpfen, wächst die Unzufriedenheit und die Bereitschaft zum Kampf und zum Protagonismus von unten ist mit bloßem Auge spürbar. 

Die kriegstreiberische Politik und das soziale Gemetzel der Regierung erforderten eine sofortige Antwort die das von den konföderalen Gewerkschaften auferlegte Klima des sozialen Friedens und des Stillstands durchbrechen würde und die weit über die harmlosen Spaziergänge von Landini & Co. hinausgehen würde.

In den kommenden Wochen werden wir uns dafür einsetzen, dass der Erfolg des Streiks zur Entwicklung und Konsolidierung der Arbeitermobilisierungen führt: dies beginnt bereits mit den morgigen Plätzen, die in ganz Italien gegen den Krieg, die Militärausgaben und in Solidarität mit dem palästinensischen Widerstand stattfinden werden, dem wir unsere uneingeschränkte Unterstützung zusichern.

20.10.2023

AdL Varese – Cub – SGB – Si Cobas – Usi Cit

Solidarität mit den landesweiten italienischen Streiks am 20. Oktober

Die italiensichen Basisgewerkschaften mobilisieren gegen den Krieg , soziale Verelendung und die rechtsradikale MeloniRegierung..

20. OKTOBER IST GENERALSTREIK
– Gegen Krieg, hohe Lebenshaltungskosten und Prekarität
WIR STOPPEN DIE MELONI-REGIERUNG
 Für allgemeine Lohnerhöhungen in Höhe der Inflation

hier die Original Übersetzung des Aufrufs der italienischen Kollegen!

Berliner Gewerkschafter:innen erklären sich solidarisch:

Berliner Gewerkschafter:innen senden solidarische Grüße an die Kollegen von S.I. COBAS, SGB, CUB und alle anderen kämpfenden Gewerkschafter in Italien. Wir hoffen, dass sich weitere Gewerkschaften anschließen. Euer Streik ist ein wichtiger Widerstand gegen die erzreaktionäre rechte Regierung, die den Armen das Bürgergeld streicht, die Arbeiter angreift und den Kriegskurs vorantreibt.

Die abscheuliche Ermordung israelischer Zivilisten durch HAMAS war ein Verbrechen. Jetzt droht der ausgehungerten palästinensischen Bevölkerung von Gaza ein blutiger Angriff durch die israelische Armee mit massenhaften zivilen Opfern. Aber auch die israelische Bevölkerung leidet unter der weiteren Eskalation und einem nicht enden wollenden Beschuss durch HAMAS und seinen Verbündeten. Die internationale Arbeiterbewegung muss sich all diesen Angriffen entgegenstellen.

Wir wünschen eurem Streik viel Erfolg!

  • Nein zu Krieg und Militär, zur Produktion und zum Versand von Waffen
  • Nein zur Abschaffung des Bürgergeldes
  • Für eine allgemeine Erhöhung der Löhne in Höhe der Inflation
  • Für stabile und sichere Arbeitsplätze und einen garantierten Lohn für alle Arbeitslosen
  • Keine weiteren Toten bei der Arbeit

Erstunterzeichner:

  • Arbeitskreis Internationalismus IG Metall Berlin
  • Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin
  • Berliner Gewerkschaftlicher Ratschlag gegen Aufrüstung und Krieg
  • Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften Berlin, VKG
  • René Arnsburg, Mitglied Landesbezirksvorstand ver.di Berlin-Brandenburg
  • Georg Holodynski, GEW, Vertrauenskörper und Landesdelegierter

—————————————————————————————————————————————————————-

Solidarietà con lo sciopero generale italiano del 20 ottobre

I sindacalisti berlinesi inviano saluti di solidarietà ai colleghi di S.I. COBAS, SGB, CUB e a tutti gli altri sindacalisti in lotta in Italia. Ci auguriamo che altri sindacati si uniscano a noi. Il vostro sciopero è un’importante resistenza al governo di destra arci-reazionario che sta tagliando l’assegno di cittadinanza ai poveri, attaccando i lavoratori e spingendo il corso della guerra.

L’efferato omicidio di civili israeliani da parte di HAMAS è stato un crimine. Ora la popolazione palestinese di Gaza, affamata, sta affrontando un sanguinoso attacco da parte dell’esercito israeliano con vittime civili di massa. Ma anche la popolazione israeliana sta subendo un’ulteriore escalation e un bombardamento incessante da parte di HAMAS e dei suoi alleati. Il movimento operaio internazionale deve opporsi a tutti questi attacchi.

Auguriamo al vostro sciopero di avere successo!

  • No alla guerra e alle militari, alla produzione e invio di armi
  • Basta con la strage del morti sul lavoro
  • Non all abolizione del reddito di cittadinanza
  • Per l’aumento generalizzato dei salari pari all’inflatione
  • Per il lavoro stabile e sicuro e un salario garantito a tutte le disoccupate e tutti di disoccupati

Primo firmatario:

  • Arbeitskreis Internationalismus IG Metall Berlin
  • Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin
  • Berliner Gewerkschaftlicher Ratschlag gegen Aufrüstung und Krieg
  • Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften Berlin, VKG
  • René Arnsburg, Mitglied im Landesbezirksvorstand ver.di Berlin-Brandenburg
  • Georg Holodynski, GEW, Vertrauenskörper und Landesdelegierter
Siehe auch unseren Beitrag  : Berliner Gewerkschafter*innen mobilisieren gegen Aufrüstung und Krieg

Solidarity with the Italian General Strike on October 20

Berlin trade unionists send solidarity greetings to the colleagues of S.I. COBAS, SGB, CUB and all other struggling trade unionists in Italy. We hope that other unions will join. Your strike is an important resistance to the arch-reactionary right-wing government that is cutting off the citizen’s benefits to the poor, attacking the workers and pushing the course of war.

The heinous murder of Israeli civilians by HAMAS was a crime. Now the starved Palestinian population of Gaza is facing a bloody attack by the Israeli army with mass civilian casualties. But the Israeli population is also suffering from further escalation and a never-ending shelling by HAMAS and its allies. The international labor movement must oppose all these attacks.

We wish your strike every success!

  • No to the war and the military, the production and transport of weapons
  • No more death at work
  • No to the abolition of citizenship income
  • For the generalized increase of wages equal to the inflation
  • For stable and secure work and a guaranteed wage for all unemployed women and men

First signatory:

  • Arbeitskreis Internationalismus IG Metall Berlin
  • Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin
  • Berliner Gewerkschaftlicher Ratschlag gegen Aufrüstung und Krieg
  • Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften Berlin, VKG
  • René Arnsburg, Mitglied im Landesbezirksvorstand ver.di Berlin-Brandenburg
  • Georg Holodynski, GEW, Vertrauenskörper und Landesdelegierter

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung