In den Tod getrieben

Bis zuletzt hielten die Nazis an Rassenwahn und massenmörderischem Antisemitismus fest: Noch kurz vor der Befreiung durch die Alliierten ermordeten sie Abertausende KZ-Gefangene auf sogenannten Todesmärschen

Auf ihrem Vormarsch befreiten die alliierten Truppen immer wieder NS-Konzentrationslager, in denen Hunderttausende Menschen unter unsäglichen Umständen inhaftiert und ständiger Gewalt ausgesetzt waren. Viele von ihnen wurden ermordet. Das Symbol des NS-Terrors war das Vernichtungslager Auschwitz, dessen Häftlinge am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurden. akg-images

Von Peter Bierl

Bild: Gedenkstätte Dachau

In den letzten Monaten des Krieges ermorden die Deutschen auf sogenannten Todesmärschen noch etwa eine Viertelmillion Menschen. Es sind Überlebende aus den Konzentrationslagern, die vor den anrückenden alliierten Befreiern weggeschafft werden. Die Nationalsozialisten setzen damit den Genozid bis zur allerletzten Minute fort, und zwar mit den Mitteln, die ihnen angesichts der bevorstehenden Niederlage noch zur Verfügung stehen – und mit Beteiligung von Zivilisten.

Vernichtung durch Arbeit

Deutlich wird der Zusammenhang zwischen Tötungsabsicht und fehlenden Mitteln bei den elf Außenlagern des KZ Dachau bei Kaufering im südwestlichen Oberbayern. Dort lässt die Organisation Todt (OT), zuständig für die Rüstungsproduktion, mithilfe von KZ-Sklaven riesige Bunker anlegen, um im Untergrund Jagdflugzeuge zu fertigen. Der erste Transport aus Auschwitz trifft am 18. Juni 1944 ein. Insgesamt werden bis zu 30 000 Menschen dorthin verschleppt, darunter Frauen und Kinder.

Das Programm ist Vernichtung durch Arbeit. Sie hausen in Erdlöchern, kalt, schmutzig und voller Ungeziefer, ihre Kleidung ist dünn und löchrig, das Essen knapp und schlecht. Fleckfieber, Tuberkulose und Typhus grassieren. Die Arbeitssklaven fällen Bäume, bauen Dämme für Schienen und schleppen schwere Zementsäcke. Insgesamt kommt in knapp zehn Monaten mindestens ein Drittel bis die Hälfte von ihnen ums Leben. Im Oktober werden mehr als 1300 Gefangene als arbeitsunfähig selektiert, nach Auschwitz deportiert und ermordet. Dennoch gibt es Widerstand. In den Lagern bilden sich zionistische Gruppen, eine Zeitung in jiddischer Sprache wird handschriftlich vervielfältigt.

Als amerikanische Truppen von Westen näherrücken, will der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Ernst Kaltenbrunner, die Lager bombardieren lassen, um die Häftlinge zu töten. Aber dafür fehlen die Bombenflugzeuge. Also schickt die Lagerleitung die noch knapp 10 000 Insassen zu Fuß und in Zügen ins Stammlager Dachau oder das Nebenlager Allach. Dort werden sie mit anderen, die aus den Konzentrationslagern Buchenwald oder Flossenbürg dorthin gebracht worden waren, weiter nach Süden in Richtung Alpen getrieben. Wer unterwegs erschöpft niedersinkt, wird von den Wachen erschossen oder von Bluthunden zerfetzt. Das Krankenlager IV in Kaufering zündet die SS noch an, die US-Soldaten finden Hunderte verbrannter Leichen.

Getrieben von Antisemitismus

Bereits zu Kriegsbeginn organisieren die Nationalsozialisten solche Vernichtungsmärsche. Einige Tausend Juden werden im Dezember 1939 von Chełm zur deutsch-sowjetischen Demarkationslinie am Bug getrieben, dabei werden Hunderte getötet. Etwa 800 Juden aus Lublin sollen Mitte April 1940 nach Biała Podlaska laufen, nur wenige Dutzend überleben. Im Juli und August 1941 erleiden Zehntausende Juden aus der Bukowina und Bessarabien ein ähnliches Schicksal. Diese Gebiete hatte die Sowjetunion 1940 Rumänien abgepresst, ein Jahr später marschieren die Deutschen ein.

Die meisten Todesmärsche finden gegen Ende des Krieges statt. Ab Sommer 1944 werden die Lager im Baltikum, in Ostpolen und Südosteuropa vor der herannahenden Roten Armee geräumt, von Januar bis März 1945 werden Gefangene weiter nach Westen verschleppt und zwischen März und Mai finden eher ziellose Bewegungen innerhalb des schrumpfenden deutschen Machtbereichs statt. Der Begriff Todesmärsche bezieht sich darauf, dass die Gefangenen bereits ausgemergelt und halbverhungert waren und unterwegs von ihren Wächtern misshandelt und massakriert wurden. Der Anblick solcher Kolonnen sei alltäglich gewesen, schreibt Shmuel Krakowski, ein polnisch-israelischer Historiker und Direktor des Archivs von Yad Vashem, der selbst die Konzentrationslager überlebt hatte.

Wer unterwegs erschöpft niedersinkt, wird von den Wachen erschossen oder von Bluthunden zerfetzt.

Der US-amerikanische Historiker Daniel Jonah Goldhagen führt die Todesmärsche als Beleg dafür an, dass die Deutschen bis zuletzt von einem mörderischen Antisemitismus getrieben waren. Als Paradebeispiel für seine These führt er die etwa 1000 Frauen an, die vom Lager Grünberg in Niederschlesien am 29. Januar zur Stadt Helmbrechts südlich von Hof laufen mussten, dabei wurden 200 Frauen ermordet. Von Helmbrechts mussten sie am 13. April zusammen mit anderen weitergehen, insgesamt etwa 1200 Gefangene, die Hälfte sind Jüdinnen. Sie liefen über die Grenze in die deutsch besetzte Tschechoslowakei, wo die Nicht-Jüdinnen zurückgelassen wurden, während die Jüdinnen unter entsetzlichen Bedingungen bis Volary weitergetrieben wurden. Ein US-Offizier beschreibt die überlebenden Frauen am 7. Mai als Greise, dabei handelt es sich um Teenager. Kurz vor Abmarsch in Helmbrechts trifft ein Kurier Heinrich Himmlers ein und übermittelt den Befehl des Reichsführers SS, niemanden mehr zu töten. Der Bote habe die weiblichen SS-Wachen aufgefordert, ihre Prügel abzulegen, was diese nicht taten, schreibt Goldhagen.

Beim Massaker von Gardelegen verbrennen die Wachen mithilfe örtlicher Funktionäre und Zivilisten am 13. April mehrere Tausend Gefangene eines Todesmarsches vom Lager Dora-Mittelbau in einer Scheune bei lebendigem Leib. Manche Märsche verlaufen kreuz und quer, vom KZ Flossenbürg nach Regensburg mit einem gewaltigen Umweg über Sachsen oder vom KZ Neuengamme nach Sandbostel über Bergen-Belsen im Süden und Lübeck im Norden. Die Unterschiede zwischen Häftlingsgruppen seien verschwommen, betroffen waren jüdische, polnische und russische Gefangene gleichermaßen, schreibt der israelische Historiker Daniel D. Blatman.

Gräuel bis zuletzt

Dass es speziell darum ging, Juden zu quälen und zu morden, könnte für die ersten beiden Phasen der Todesmärsche zutreffen, für die letzte im Chaos eher nicht. Aus dem Lager Bor in Jugoslawien sollen 6000 Juden nach Ungarn verschleppt werden, nur einige Hundert überleben, die übrigen werden massakriert. Etwa 76 000 Juden werden Anfang November von Budapest zur österreichischen Grenze getrieben, Tausende werden erschossen, verhungern, erfrieren oder sterben an Krankheiten. Am 20. Januar führt die SS etwa 7000 Juden, davon 6000 Frauen, aus dem Lager Stutthof. Als sie am 31. Januar Palmücken an der Ostsee erreichen, sind 700 bereits getötet worden, die anderen erschießt die SS am Strand.

Zu Beginn des Jahres 1945 wird der Rückzug immer chaotischer, Kommandostrukturen zerfallen, dennoch verüben die Deutschen unfassbare Gräuel, aber wahllos, etwa in Buchberg bei Bad Tölz, wo die SS etwa 120 sowjetische Zwangsarbeiter*innen aussortiert und erschießt, die Juden und Jüdinnen aber leben lässt. Anfang Februar löst die SS das Lager Groß-Rosen mit allen Nebenlagern auf, von etwa 40 000 Gefangenen werden mehr als die Hälfte ermordet. Bei den Todesmärschen aus dem KZ Stutthof ab dem 25. April kommen etwa 26 000 Menschen ums Leben. Im Außenlager Mühldorf-Mettenheim, einem halb unterirdischen Rüstungsbetrieb der Firma Messerschmitt, werden 4000 Menschen am 25. April in einen Güterzug gepfercht, der fünf Tage durch Oberbayern fährt. Es gibt kein Essen und keine Toiletten.

In Poing östlich von München bleibt der Zug wegen eines Defekts liegen. Die Wachen schießen auf Gefangene, die fliehen, mehr als 50 Tote und 200 Verletzte bleiben liegen, als der Zug sich wieder in Bewegung setzt. Als US-Soldaten den Zug am 30. April in Seeshaupt am Starnberger See entdecken, liegen Tote und Verwundete in den Waggons übereinander gestapelt in Blut und Exkrementen. Überlebende leiden unter Flecktyphus und Tuberkulose, 63 von ihnen sterben nach der Befreiung an Unterernährung und Krankheiten. Der Lagerkommandant von Mühldorf will noch am 2. Mai etwa 600 Gefangene ermorden lassen, die man im Lager gelassen hatte. Sein Befehl wird nicht mehr befolgt. Die US-Einheiten sind etwa 15 Kilometer entfernt.

»Endphaseverbrechen«

Die Todesmärsche bewegen sich durch Städte und Dörfer. Bei manchen Anwohnern lösen die lebenden Leichen, die an ihren Haustüren vorbeiwanken, Entsetzen und bei einigen Hilfsbereitschaft aus. Manche Überlebende berichten, dass Einheimische ihnen Brot, Wasser oder Kartoffeln geben wollten. »Der Name dieser Stadt ist mir im Gedächtnis geblieben, nicht nur, weil er mir sonderlich vorkam, auch nicht nur, weil ich nach zehn Monaten Lager und Wald das erste Mal wieder eine Stadt erblickte. Es gab noch einen weiteren Grund«, notiert Zwi Katz in seinen Erinnerungen über Fürstenfeldbruck. Aus den Fenstern sei ihnen Brot zugeworfen worden. »Es war aufmunternd und stimmte mich optimistisch, der Krieg ging sichtlich zu Ende.«

Weil nur die Überlebenden berichten können, entsteht ein falscher Eindruck. Die meisten Deutschen verbergen sich in ihren Häusern, aus Angst vor den gefährlichen »Untermenschen« der NS-Propaganda, die um Hilfe betteln oder stehlen; manche auch, weil die Wachen hilfsbereite Zeitgenossen bedrohen. Die Bevölkerung handelt extrem feindselig, wie Shmuel Krakowski schreibt. »Diese Situation löste eine schreckliche Welle der Gewalt von Zivilisten aus, die bis dahin nicht aktiv am Genozid beteiligt waren«, bilanziert Daniel D. Blatman. Er spricht von einer »genozidalen Mentalität«.

Kinder bewerfen die Elendszüge mit Steinen. Lokale NS-Funktionäre, Bürgermeister, Polizisten, Volksturmmänner und Hitlerjungen machen Jagd auf geflohene »Zebras«, wie die Gefangenen aufgrund ihrer blauweiß gestreiften KZ-Kleidung genannt wurden. Die sogenannten Endphaseverbrechen zeigen, dass Rassenwahn und Massenmord bis zum letzten Augenblick die Charakteristika dessen waren, was von einer AfD-Größe als »Vogelschiss« in der deutschen Geschichte abgetan wurde.

Erstveröffentlicht im nd v. 1.5. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1190934.jahre-befreiung-in-den-tod-getrieben.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

Mainstream titelt:“Die Linke als Kanzlermacherin“ – – Oops?

Ferat Koçak, Bundestagsabgeordneter der Partei die LINKE aus Berlin Neukölln, freut sich noch über das Scheitern von Friedrich Merz im ersten Wahlgang und jubeliert: „Merz blamiert! Merz hält Wort – erste erfolgreiche Zurückweisung an der Grenze zum Kanzleramt!“

Und Ole Nymoen hatte gerade seine triumphale Eilmeldung zur gescheiterten Kanzlerwahl von Merz rausgehauen. „Christian Lindner nicht mehr Deutschlands frechster Arbeitsloser.“

Da kungeln fast zeitgleich LINKE Partei- und Fraktionsspitze mit den Regierungsparteien aus, wie durch eine Zweidrittelmehrheit die Geschäftsordnung des Bundestags geändert werden kann, um die Wahlschlappe dieses „übelsten Kapitalistenvertreters“ schnellstmöglich auszumerzen!

Der linke Blogger Fabian Lehr fragt irritiert: „Ines Schwerdtner twittert ‚An uns hat es nicht gelegen‘, Bodo Ramelow schäumt, so etwas dürfe sich im Sinne der Stabilität des Landes nicht wiederholen. Soll das jetzt ernsthaft heißen, die LINKE hat für Merz gestimmt oder versteh ich was falsch? Wo findet man eine Erklärung zum Abstimmungsverhalten? Ich finde auf den Accounts von LINKE-Spitzenpersonal nur kryptische Botschaften.“

Die Tagesschau meldet am Nachmittag Vollzug: „Dann kam am frühen Nachmittag doch die Einigung auf einen zweiten Durchgang zustande. Dazu änderte der Bundestag mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit die Geschäftsordnung, um die Wahl noch heute möglich zu machen. Die Fraktionen von Union, SPD, Grünen und Linken hatten dies gemeinsam beantragt.“

Merz konnte dann noch gestern am gleichen Tag im zweiten Wahlgang gewählt werden, um seine Kanzlersschaft wie geplant anzutreten. Eine bürgerliche „Staatskrise (oh Schreck und Graus) konnte gerade noch verhindert werden.“

Die Inszenierung Merz’ als Kanzler, der aufräumt und das deutsche Kapital in Europa und der Welt mit starker Hand zum Erfolg führen will, hat aber – trotz rascher Schadensbegrenzung – deutliche Blessuren bekommen.

Die Linke als Kanzlermacherin: Merz ist ihr zu Dank verpflichtet“, titelte am Abend der Berliner Tagesspiegel. Die „Frankfurter Rundschau“ meldet, dass für die Veränderung der Geschäftsordnung ein Deal zwischen der Union und den Linken ausgehandelt wurde. Ausgehandelt durch Spitzenpersonal der CSU. Die Linke Fraktionsvorsitzende Reichinnek blinzelte in diverse Kameras und sagte sinngemäß, dass ihre Fraktion immer dazu bereit stünde einen vernünftigen Ablauf im Parlament zu gewährleisten. Dafür erwarte man nun aber auch Gegenleistungen. Welche das sind, darüber durfte dann trefflich in den Abendtalkshows spekuliert werden. Nach soviel „Gemeinsamkeit“ müssten CDU/CSU ihren Unvereinbarkeitsbeschluss mit der Partei die LINKE zur Disposition stellen. Eine Zusammenarbeit wie mit dem BSW müsste doch auch mit dieser Linken möglich sein.

Bittere, aber auch kontroverse Kommentare aus der Linken Szene:

Kann mir das mal jemand erklären? Wollte Reichinnek nicht gestern noch den Kapitalismus stürzen? Heute hilft die Linke dem bösesten Kapitalisten im Land ins Amt. [1]Linke: Demokratie „ernsthaft bedroht“ – Heidi Reichinnek ruft zu Sturz des Kapitalismus auf – WELT (Marco Gasch)

Eine linke Partei mit einem Hauch Selbstachtung müsste natürlich offensiv kommunizieren, Merz auf jede mögliche Weise zu sabotieren. (Fabian Lehr)

Echt traurig, dass die Linkspartei nicht einmal schafft zu sagen, dass jeder Tag ohne Merz als Kanzler erstmal positiv zu bewerten ist. Dieses staatstragende Gefasel und der vorauseilende Gehorsam ist nur peinlich. Selbst aus reformistischer Perspektive müsste das doch peinlich sein. (Jens Feldmann)

RND 7.Mai 2025

Bei der Linkspartei offenbart sich ihre eigene innere Widersprüchlichkeit. Während der Leitantrag zum Bundesparteitag verspricht, Kurs auf die Schaffung einer Klassenpartei hin zu einer sozialistischen Mitgliederpartei zu nehmen, vermag und will sich offenbar nicht nur der Regierungssozialist Bodo Ramelow den Sorgen der bürgerlichen Klasse um ihr Parlament, um ihre politische Herrschaftsform, nicht verschließen. (Martin Suchanek)

Die Dinge sind eindeutig. Die Linke fühlt sich als ein Teil des politischen Establishments – also mindestens die Partei- und Fraktionsspitze – und genau so agiert sie. (…) Genau wie vorher auch die Zustimmung zu den Kriegskrediten im Bundesrat. Wenn das jetzt keinen Aufschrei auf dem bevorstehenden Bundesparteitag am Wochenende ergibt, dann weiß ich wirklich nicht, ….“ (Andreas Grünwald)

Wäre zum Schluss noch anzumerken: eine Unterstützung von Merz ist mitnichten ein Beitrag zur Errichtung einer Brandmauer gegen die AFD.

Thies Gleiss, ergrauter Sprecher der antikapitalistischen Linken in der LINKEN aber winkt ab statt aufzuschreien und erklärt die Kritik für „STILLE POST DES SCHWACHSINNS…“ vom Erzfeind BSW. Seine Begründung: „Der LINKEN ging es vordergründig darum, zu verhindern, dass am Freitag, wo wir Parteitag haben, abgestimmt wird. Als nur Fernsehbeobachter der aufgemischten Stimmung im Bundestag nach dem ersten Wahlgang kann ich als alter Radikalinski-Taktiker allerdings nur bekräftigen, dass es am besten wäre, wenn sofort neu abgestimmt wird. Jede Stunde, die verstreicht, ist für die Peitschenschwinger in den Koalitionsfraktionen nützlich, ihre Abweichler:innen auf Linie zu bringen. Was dann ja auch geschehen ist. Es gibt wie immer unterschiedliche Motive für solche Handlungsentscheidungen (und der Auftritt von Ramelow als Riesenstaatsmann war eher zum Lachen), aber aus meiner, antikapitalistischen, linksradikalen Sicht war das Verhalten der LINKEN-Fraktion sehr richtig.“

Gleiss erhält heftigen Widerspruch, auch aus dem eigenen Umfeld:

Wäre schon ne Möglichkeit gewesen zu sagen: Pech gehabt cduspd, ihr habt euren Laden nicht im Griff und wir stehen in klarer Oposition zu diesem Bündniss , das Ausgrenzt, Abschiebt, soziale Errungenschaften schleift. Macht euren Scheiß, aber macht ihn ohne uns. Es ging um ne Haltungsfrage, die hätte man einnehmen können und letztlich hat man ja eine Haltung eingenommen: im Zweifelsfalle sind wir in „Gefahr und höchster Not“ im Boot. Was ich aber richtig merkwürdig finde ist die Nummer, es ist uns gelungen den „Unvereinbarkeitsbeschluß“ der cdu zu kippen. Das ist einfach blöd. Warum haben wir eigentlich keinen eigenen Unvereinbarkeitsbeschluß?(Olaf Zimmer)

„Mehr Klassenbewusstsein wagen“ passt nicht zusammen mit „Mehr CDU Zusammenarbeit“. ( Bernd Rave)

< ironie> alles nicht so schlimm aus linksradikaler Sicht, stell dir mal vor diese ganzen klassenbewussten, linksradikalen Abgeordneten hätten etwa Freitag wählen müssen und nicht am Parteitag teilnehmen können. Die paar Basisdelegierten ohne wichtige Mandate mit Staatsknete wären doch garnicht in der Lage gewesen Beschlüsse zu fassen. Nun herzte und so weiter Barrikaden Heidi den BlackRocker und wird dann eben im Mai mit Merz den Kapitalismus stürzen nachdem sie Merz gestützt hat. (Bernd Brelja)

Es ist doch eher so, dass jeder weitere Tag die Diskussion um Merz als Kanzlerkandidaten weiter entflammen und ihm dadurch mehr schaden als nutzen würde. (…) Wir sabotieren die Regierung Merz, wo wir nur können. Jeder Tag ohne Merz als Kanzler ist erstmal ein guter Tag. (..) Offensichtlich geht es der Linksfraktion aber gar nicht darum, sondern vielmehr darum, sich selbst hoffähig zu machen für eine künftige rot-rot-grüne oder gar eine Volksfrontregierung mit der CDU. Anders kann man die Kommentare von Schwerdtner und Ramelow gar nicht bewerten. Das ist einfach ein weiterer Schritt in Richtung bürgerliches Establishment, wie zuvor schon die schändliche Abstimmung gemeinsam mit AfD, CDU und co. zur Unterstützung Israels im Gaza-Genozid und die Verweigerung, den neuen Bundestag schneller einzuberufen bzw. zumindest im Bundesrat gegen die grenzenlose Aufrüstung zu stimmen. (Jens Feldmann)

Ich finde, es wäre keine sinnlose „Fundamentalopposition“ (als Selbstzweck) gewesen, den Blackrock-Lobbyisten und Turbokapitalisten Friedrich Merz länger als 1 Tag zappeln zu lassen. (Detlef Hertz)

Fazit: trotz heftigen Widerspruchs, es trügt die Hoffnung wohl ein weiteres Mal, dass sich von einer antikapitalistischen Basis ausreichend Widerspruch regt und sich auf dem Parteitag ein konsequent antikapitalistischer Kurs mit dafür geeignetem Personal durchsetzt.
PS: Dobrindt ordnet an: Asyl-Stopp an allen Grenzen- SOFORT! Es konnte ja einigen nicht schnell genug gehen!

Titelbild:Collage Peter Vlatten

„Kriegstüchtig wie nur je“? Von Zeitenwende, Kriegstüchtigkeit und Heimatschutz

Inzwischen gibt es eine weit verzweigte Diskussion über die „Brandmauer“. Handelt es sich nicht eher um eine Gummiwand, bei der sich Diskurs und politische Praxis der regierenden Parteien der sogenannten Mitte immer weiter nach Rechts verschieben? Wird nicht gerade die wichtigste Lehre nach 1945 – „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg! Das gehört zusammen!“ – von den herrschenden Parteien mit Füßen getreten? Das gilt auch für den Schwur, nie wieder einen militärisch-industriellen Komplex als ökonomische Basis für ein faschistisch imperialistisch agresssives Regime in Deutschland zu dulden. Die aktuelle Praxis, einen dominanten industriellen Hochrüstungskomplex mit finanziellen Mitteln ohne Limit aufzubauen, ist das Gegenteil. Kriegstüchtig ist mehr als Verteidigungsfähig. Extensiver Militarismus frisst sich in die gesamte Gesellschaft und geht mit Rechtsextremismus schwanger. Militarismus bedarf letztlich überzeichneter Feindbilder, nach außen, aber auch nach innen, bedarf der Sündenböcke, der Bereitschaft Gegner zu töten. Und vermeintliche „Verräter“ müssen ausgegrenzt bis schließlich physisch ausgemerzt werden. Karim Akerma hat jetzt einige der Kernbegriffe der „Zeitenwende“ unter die Lupe genommen. Seine Recherchen fördern Bedenkliches zu Tage. Wortschatz und damit Geist der Nazizeit miefen wieder – ganz Staatsräson und auch hochoffziell – durch unser Land. (Peter Vlatten)

„Kriegstüchtig wie nur je“? Von Zeitenwende, Kriegstüchtigkeit und Heimatschutz

Karim Akerma, 3. Mai 2025, Tabularasa

„Zeitenwende“ – dieses Wort brachte Olaf Scholz im Februar 2022 im Anschluss an die russische Invasion in die Ukraine in Umlauf. Das Wort klang unerhört fundamental. Wie etwas, das unweigerlich über uns kommt. Nach abgründiger Ahnung um die Tiefen des Seins. Nach Heidegger und Geschick, nicht nach Menschengemachtem.

Was hat es mit dieser ominösen Zeitenwende auf sich? Eine Konturierung des Begriffs lieferte Verteidigungsminister Boris Pistorius, als er sich anschickte, eine neue „Kriegstüchtigkeit“ zu verlangen: Am 29. Oktober 2023 sagte Pistorius in der ZDF-Sendung Berlin direkt:

„Wir brauchen einen Mentalitätswechsel. In der Truppe, da ist er in vollem Gange. (…) Wir müssen uns wieder an den Gedanken gewöhnen, dass die Gefahr eines Krieges in Europa drohen könnte, und das heißt, wir müssen kriegstüchtig werden, wir müssen wehrhaft sein und die Bundeswehr und die Gesellschaft dafür aufstellen.

Mit dieser Aussage konkretisierte Pistorius den bis dato recht auslegungsoffen gebliebenen Befund seines Kanzlers. Jetzt zeichnete sich ab, dass es die „Kriegstüchtigkeit“ war, die im perspektivischen Fluchtpunkt der Zeitenwende lag. Dem mythischen Ei der Zeitenwende war etwas nicht minder Archaisches entschlüpft: der Wille zum Krieg.

Nun steht die Forderung nach „Kriegstüchtigkeit“ zum einen in eklatantem Widerspruch zum Friedensgebot des Grundgesetzes. Letzterem zufolge gab sich das deutsche Volk sein Grundgesetz, um

„… in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen …“

Zum anderen knüpft der Ruf nach „Kriegstüchtigkeit“ unmittelbar an einen ausgiebigen Wortgebrauch in der Zeit des Nationalsozialismus an, wodurch der Begriff für alle Zeiten naiver Verwendbarkeit entzogen worden war. In seinen digital ohne Weiteres zugänglichen Tagebüchern bedient sich Reichspropagandaminister Goebbels des Unwortes „Kriegstüchtigkeit“ über Jahre hinweg:

  1. November 1942

Mit Blick auf deutsche Soldaten, die sich in Kriegsgefangenschaft befinden notiert Goebbels:

„Man soll im Kriege nicht vom Frieden reden, (…) es liegt im Interesse unserer Gefangenen, dass wir den Krieg gewinnen und dafür tüchtig und innerlich abwehrbereit bleiben und nicht durch vorzeitige Sentiments die Kriegstüchtigkeit des deutschen Volkes vermindern.“

Man erinnere sich, dass Friedens-Aspirationen zu Beginn des Ukrainekriegs öfters mit der Bemerkung zurückgewiesen wurden, es sei jetzt nicht die Zeit, über Frieden zu reden.

  1. Mai 1943

Nachstehend konstatiert Goebbels, dass ein „Mentalitätswechsel“ zugunsten der Kriegstüchtigkeit längst abgeschlossen und konsolidiert sei. Den vollzogenen „Mentalitätswechsel“ nennt er „moralische Kriegstüchtigkeit“:

„Die moralische Kriegstüchtigkeit unseres Volkes an der Front und in der Heimat ist vollkommen unantastbar.“

l8. Juli 1943

Im Folgenden erläutert Goebbels, dass für vollumfängliche Kriegstüchtigkeit nicht allein die materielle Rüstung entscheidend ist, sondern eben auch die „Moral“ – dass Kriegstüchtigkeit immer auch eine Frage der „Mentalität“ ist:

„Neben dem Krieg der Waffen, der soeben in ein neues Stadium eingetreten ist, spielt sich ein erbitterter Krieg der Nerven ab. Er verdient mehr Beachtung, als ihm im allgemeinen geschenkt wird. Selbstverständlich können nur die Waffen die letzte Entscheidung bringen, aber dazu bedürfen sie einiger wichtiger Voraussetzungen, unter denen die Kriegstüchtigkeit der Moral von hervorragendster Bedeutung ist. Es wurde schon öfter darauf hingewiesen, daß wir den ersten Weltkrieg auf diesem Felde verloren haben, ein Beweis dafür, daß das Fehlen dieser Voraussetzung kriegsentscheidend sein kann.“

  1. August 1943

Goebbels sorgte sich nicht allein um die deutsche Kriegstüchtigkeit, sondern auch um diejenige der italienischen und japanischen Alliierten. Man müsse sich vergegenwärtigen, so Goebbels in seinem Tagebuch, „dass ein Wiederaufflammen der Luftoffensive gegen Italien die defaitistischen Strömungen im italienischen Volk wesentlich verschärfen und verstärken wird. Das italienische Volk ist nicht mehr als kriegstüchtig anzusprechen.“

  1. Juli 1944

Während Goebbels Italien bereits im August 1943 als kriegsuntüchtig abgeschrieben hatte, titelte das Nazi-Wochenblatt DAS REICH am 9. Juli 1944: „KRIEGSTÜCHTIG WIE NUR JE“. Unter dieser Überschrift findet sich ein Leitartikel von Joseph Goebbels namens „Der Krieg in der Sackgasse“.

  1. Juli 1944

Blieb die „Kriegstüchtigkeit“ unerreicht? Wenige Tage nach dem Anschlag auf Hitler am 20. Juli 1944 bemerkt Goebbels in einer Rede am 26.7.1944: „Ich verspreche dem deutschen Volke, nichts unversucht zu lassen, um in wenigen Wochen die Heimat in jeder Beziehung kriegstüchtig zu machen.“

  1. Juli 1944

Blieb die „Kriegstüchtigkeit“ unerreicht? Wenige Tage nach dem Anschlag auf Hitler am 20. Juli 1944 bemerkt Goebbels in einer Rede am 26.7.1944: „Ich verspreche dem deutschen Volke, nichts unversucht zu lassen, um in wenigen Wochen die Heimat in jeder Beziehung kriegstüchtig zu machen.“

  1. Januar 1945

Japan betreffend, den faschistischen Alliierten im fernen Osten, notiert Goebbels wohl zur Selbst-Beruhigung am 22. Januar 1945 im Tagebuch:

„Der japanische Reichstag ist zusammengetreten, um Reden des Ministerpräsidenten Koiso und des Außenministers Schigemitsu entgegenzunehmen. Diese Reden ergehen sich in allgemeinen Floskeln; aber sie sind verhältnismäßig kriegstüchtig.“

  1. März 1945

Unmittelbar vor der deutschen Niederlage findet sich in Goebbels Tagebucheintrag folgende Ausführung, die nicht etwa die unabweisliche Niederlage eingesteht, sondern allein die Kriegstüchtigkeit der deutschen Luftwaffe in Frage stellt:

„Es ist bezeichnend, dass in den Beratungen für den totalen Kriegseinsatz jetzt der Vorschlag gemacht wird, die gesamte Luftwaffe überhaupt abzuschaffen, und das, was von ihr an Kriegstüchtigkeit überhaupt noch übriggeblieben sei, auf die anderen Wehrmachtsteile zu übertragen.“

Der Befund, dass es sich bei „kriegstüchtig“ um einen durch die deutsche NS-Vergangenheit diskreditierten Begriff handelt, ist kaum von der Hand zu weisen. Dies wirft offene Fragen auf. Etwa: Wie ist es erklärlich, dass der deutsche Verteidigungsminister hartnäckig versucht, einem durch die Nazi-Vergangenheit unmöglich gewordenen Begriff von Untergang und Tod neues Leben einzuhauchen? Warum rückte er niemals von diesem Begriff ab? Weshalb hielt er selbst dann noch an diesem unsäglichen Begriff fest, als Kritik geäußert worden war? Pistorius verteidigte seinen ungeheuerlichen Wortgebrauch im Juni 2024 folgendermaßen: „Es ist notwendig, auch durch die richtigen Begriffe deutlich zu machen, worum es geht.“

Zeitenwende

Die wiedergeborene „Kriegstüchtigkeit“ erläuterte den mythischen Begriff der „Zeitenwende“. Auch dass Deutschland vor einer Zeitenwende stehe, hatte bereits Goebbels geraunt, als er sich am 24. Dezember 1942 in einer Rundfunkansprache an das deutsche Volk wandte: „Wir wissen, … dass wir an einer Wende der Zeit stehen …

„Zeitenwende“ und „Kriegstüchtigkeit“ sind durch die deutsche NS-Vergangenheit diskreditierte Begriffe. Es sind Unworte, von denen man annehmen durfte, dass sie mit dem Nationalsozialismus untergegangen waren. Insbesondere, dass sie jetzt in einem ähnlichen Verweisungszusammenhang wie in der NS-Zeit instrumentalisiert werden, ist skandalös. Und damit nicht genug: Fragen, die sich hinsichtlich Zeitenwende und Kriegstüchtigkeit stellen, müssen auch mit Blick auf den Begriff „Heimatschutz“ aufgeworfen werden.

Heimatschutz

Im aktuellen Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD steht geschrieben:

„Wir wollen die Reserve und den Heimatschutz weiter stärken …“

Nun war während der NS-Zeit der „Heimatschutz“ in der Slowakei eine der Waffen-SS unterstehende Organisation der deutschen Minderheit. Zeitweilig befehligte der Heimatschutz das KZ Sered. Ende September 1944 war der Heimatschutz in Bratislava an einer Razzia gegen Juden beteiligt. Und schließlich übernahmen im Oktober 1944 u.a. Angehörige des Heimatschutzes die Leitung einer sogenannten „Judensammelstelle“ in Bratislava.

Der Begriff Heimatschutz ist nicht nur durch die NS-Vergangenheit kontaminiert, sondern auch durch die jüngste deutsche Vergangenheit. So verkehrte der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) im „Thüringer Heimatschutz. – Laut Bundeszentrale für politische Bildung die militanteste Neonazi-Gruppierung Ostdeutschlands; so sprach sich die Partei „Der III. Weg“ für Heimatschutz aus; und schließlich benutzte auch die AfD– von der sich die Koalitionspartner doch distanzieren möchten – in ihrem Programm zur Bundestagswahl 2017 – an einer Stelle das Wort Heimatschutz. Die AfD verlangte bereits damals die Wiedereinführung der Wehrpflicht und notierte in ihrem Programm:

„Die allgemeine Wehrpflicht verwurzelt die Streitkräfte in der Gesellschaft. Dazu könnte der Wiederaufbau von Heimatschutzkräften oder ein Milizsystem nach Schweizer Vorbild mit kurzer Präsenzpflicht geeignet sein.“

Vielleicht weil es sich um einen diskreditierten Begriff handelt, gebrauchte die AfD den Begriff Heimatschutz 2017 nur an einer Stelle – und dann nicht wieder. Anders als der Koalitionsvertrag 2025, der hier keine Scheu an den Tag legt.

Die Verwendung eines derart belasteten Begriffes ist umso schäbiger, als man mit dem Koalitionsvertrag den Eindruck vermitteln möchte, alles nur Erdenkliche zum Schutz jüdischen Lebens in Deutschland zu tun: „Wir fördern die Vielfalt des jüdischen Lebens in Deutschland …“. Weit gefehlt, da man es nicht einmal für nötig hält, Worte aus einem Koalitionsvertrag und dem politischen Tagesgeschäft herauszuhalten, deren purer Klang einen halbwegs sensiblen Menschen schaudern lässt.

Bei alledem verfügt das Parlament über einen hervorragenden Recherche-Dienst – den Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestags. Eine souveräne Einrichtung wie der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags wird Anleihen beim Nazi-Vokabular kaum durchgehen lassen. Was die Frage umso lauter werden lässt, warum der schauderhafte Gesang von „Kriegstüchtigkeit“ und „Heimatschutz“ überhaupt ertönen konnte und gepflegt wird. Alles Nähere wird ein Untersuchungsausschuss des Bundestags zu klären haben – nicht zuletzt auch die Frage, ob ein Koalitionsvertrag Bestand haben kann, der Anleihen bei NS-Begrifflichkeiten macht.

Wir danken für das Publikationsrecht

Titelbild: Stopwatch, Time, Racetrack royalty-free stock illustratio, Quelle: jarmoluk, Pixabay License, Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig

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