„Jüdische Stimmen“ zum Aktuellen Gaza-Krieg und zur Gewalteskalation In Israel

In Deutschland werden zunehmend Zionismus und die Poltik einer rechtsextremen isrealischen Regierung mit der gesamten israelischen Bevölkerung oder sogar auch dem gesamten Judentum weltweit gleichgesetzt. Ein Zerrbild!

Bis zum brutalen Anschlag der Hamas am 7. Oktober protestierte und demonstrierte monatelang die Hälfte der israelischen Gesellschaft gegen die israelische Regierung Nethanjahus mit massiven Vorwürfen, dass diese die Demokratie abschaffe und eine gefährliche rassistische und religiös fundamentalistische Spaltungs- und Konfrontationspolitik betreibe – gerade auch gegen arabische Mitbürger und Palästinenser. Auch weltweit halten Millionen Juden den zionistischen Kurs für falsch und fordern die Respektierung der Rechte der Palästinenser und eine friedliche Lösung auf Augenhöhe.

Wer in Deutschland sich dieser Kritik anschliesst wird aktuell mehr denn je pauschal mit dem Etikett „antisemitisch“ diffamiert. Bundestag und Regierung erklären sich „bedingungslos“ solidarisch mit Israel ! „Bedingungslos“ auch mit der demokratie- und fremdenfeindlichen Politik des amtierenden Regierungschefs Nethanjahu? „Bedingungslos„, unabhänig davon , ob Israel Völker- und Menschenrecht beachtet? Zu solcherart Politik gibt man vor, hier in Deutschland „noch“ eine „Brandmauer“ errichtet zu haben.

Der Konflikt „Naher Osten“ ist für einige bekannte Akteure aus der „Ukraine – Kriegseskalation“ eine neue Gelegenheit, Rote Linien zu brechen. Hofreiter (Grüne), Kiesewetter (CDU) und der FDP Generealsekretär erklärten gestern im ZDF, dass bedingungslose Solidarität mit Israel als Staatsräson nicht nur „unlimitierten “ Einsatz von Geld- und Militärhilfen bedeute, sondern auch den Einsatz „deutschen Lebens“. Das Handelblatt spricht von „Zeitenwende Nummer Zwei„.

Unter dem Eindruck des Massakers durch Hamas, eines nationalistisch, religiös fundamentalistisch und faschistisch irregeleiteten palästinensischen Widerstandes, versucht Nethanjahu seinerseits eine nationalistische Einheitsfront mit der Opposition zu bilden. Das gelingt auf zionistischer Führungsebne, aber die kritischen und besonnenen isrealischen und jüdischen Stimmen wollen nicht verstummen. In Israel selbst und überall auf der Welt. Zur Propaganda der zionistischen Lobby erklären sie : „Nicht in unserem Namen!“ Wir helfen Ihnen Gehör zu verschaffen. Es sind Juden, die die Deutsche Bundesregierung auffordern, Menschen-, Völkerecht und Grundgesetz endlich zu achten! Wer die Flagge der Palästinenser verbietet, bedient blanken Rassismus. Wohlgemerkt es geht nicht um Symbole von Hamas oder das Abfeiern eines menschenverachtenden Anschlags. Die Hamas repräsentiert ebenso wenig das palästinensische Volk wie Nethanyahu und Zionismus das isrealische Volk oder das Judentum.

Bedingungsloses und kritikloses Unterstützen der isrealischen mit rechtsextremen Ministern durchsetzten Regierung und Armee leistet dem Antisemetismus gefährlichen Vorschub. Ebenso wenn 2,2 Millionen Menschen im GAZA unter Missachtung des Völkerechts in Geiselhaft genommen werden. Zur Anerkennung des Existenzrechts von Israel gehört eben unabdingbar die Anerkennung der Rechte der Palästinenser, die Aufhebung der Besatzung und aller Repressionen sowie die Befreiung von geopolitischer Instrumentalisierung nicht zuletzt auch durch die USA . Ohne die Behebung der Ursachen für den gegenseitigen Hass anzugehen, droht die Spirale von Leid, Hass und Gewalt, aber eben auch Antisemetismus, immer weiter zu eskalieren. Ebenso der Ausbruch eines militärischen Fläschenbrandes.

Hier einige unserer Beiträge zum Thema mit namhaften jüdischen Autoren:

Israelische Presse kritisiert massiv “bedingungslose” deutsche Unterstützung für die zionistische Regierungspolitik

Moshe Zuckermann: „Dass viele Zivilisten im Gazastreifen umkommen, hat Israel nie bekümmert“

 Gideon Levy: " Israel kann nicht 2 Millionen Menschen in Gaza gefangen halten, ohne einen grausamen Preis dafür zu bezahlen."

GAZA - ein unentrinnbares Inferno für die Zivilbevölkerung droht

Stellungnahme der „Jüdischen Simme“ zum aktuellen Gaza-Krieg und der Gewalteskalation in Israel

Nach diesem Wochenende fällt es schwer, die richtigen Worte zu finden. Wir sind voller Trauer um die Toten, in Gedanken bei den Trauernden und Verletzten, voller Angst um Freund:innen und Verwandte in ganz Israel-Palästina. 

Wir sind auch wütend, wütend auf die Unterstützer des 75jährigen israelischen Kolonialregimes und die Blockade des Gazastreifens, die zu diesen Ereignissen geführt hat.

Nun ist eingetreten, wovor viele in unseren Reihen seit Jahren gewarnt haben. 16 Jahre Blockade, Mangel an sauberem Wasser, Strom, medizinischer Versorgung sowie regelmäßige Bombenangriffe haben Gaza zu einem Pulverfass gemacht. Gaza gilt laut UN seit 2020 als unbewohnbar. Was nun geschehen ist, glich einem Gefängnisausbruch, nachdem die Insassen zur lebenslangen Haft verurteilt wurden, nur weil sie Palästinener:innen sind.

Die israelische Regierung hat eine Kriegserklärung abgegeben, doch der Krieg gegen die palästinensische Bevölkerung dauert schon 75 Jahre. Vertreibung, Bombardements, Verhungern, Verdursten, Beschränkung von Essen, Strom, Wasser – das sind die Wurzeln der Gewalt.

Viele in Deutschland zeigen sich gerade solidarisch mit Israel, mit einem Apartheidstaat, der eine rassistische Politik gegen das palästinensische Volk ausübt, die schon Zehntausende das Leben gekostet hat. Doch wer das Blutvergießen tatsächlich beenden möchte, muss sich für eine radikale Veränderung der bisherigen Politik einsetzen, damit alle Menschen in Freiheit leben können.

Die deutsche Regierung hat seit Jahren keine Außenpolitik in Israel-Palästina. Die Palästinenser:innen werden in Deutschland systematisch entmenschlicht: Sie dürfen für ihre politischen Rechte und  Aufforderungen nicht demonstrieren, ihre Geschichte, Identität oder Gefühle zeigen. Die deutsche Politik hat den gewaltlosen Widerstand in Form von BDS oder Demonstrationen immer wieder kriminalisiert und unterdrückt.

Wir fordern die deutsche Regierung auf, ihr eigenes Grundgesetz zu respektieren: die Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen Israels nicht mehr zu unterstützen, Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu sichern und sich dafür einzusetzen, dass alle Menschen zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan die gleichen Rechte bekommen.“

Wer ist die Jüdische Stimme?

Die “Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost” wurde am 21. Oktober 2007 als Verein gegründet. Am 9. November 2003 wurde in Berlin unter dem Namen “Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost” die Sektion der Föderation “European Jews For A Just Peace” (“Europäische Juden für einen gerechten Frieden”) in den Räumen des Hauses der Demokratie und der Menschenrechte ins Leben gerufen.

Die “Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost” handelt auf der Grundlage der Gründungserklärung der “European Jews For A Just Peace” (EJJP), die im September 2002 in Amsterdam von 18 jüdischen Organisationen aus 9 europäischen Ländern verabschiedet wurde. Als assoziiertes Mitglied der Föderation will sie über die Notwendigkeit und Möglichkeit eines gerechten Friedens zwischen Palästina und Israel informieren. Ihre wesentliche Aufgabe sieht sie darin, darauf hinzuwirken, dass die Bundesregierung ihr außenpolitisches und ökonomisches Gewicht in der Europäischen Union, in den Vereinten Nationen und nicht zuletzt auch in Nahost nachdrücklich und unmissverständlich im Interesse der Herstellung eines lebensfähigen, souveränen Staates Palästina auf integriertem Hoheitsgebiet und innerhalb sicherer Grenzen nutzt und aktiv zur Verwirklichung eines dauerhaften und für beide Nationen lebensfähigen Friedens beiträgt.


Allen jenen, die sich anmaßen, für alle Juden einer Nation oder gar der Welt zu sprechen, rufen wir entgegen:


Nicht in unserem Namen!
Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahos

Wir unterstützen ausdrücklich auch die Erklärung der SOL „Opposition gegen Israels Angriff ist kein Antisemitismus“, die Einschränkung der demokratischen Rechte, um Protest gegen Isreals Politik zu verhindern, ist unerträglich!

Titelfoto aus „Jüdische Stimme“

Die Gelegenheit: Wie gerade jetzt der Kreislauf der Gewalt durchbrochen werden könnte

Bild: You Tube Video. Screenshot

Von Hans-Peter Waldrich

Es scheint, als würden durch eine Zertrümmerung des Gazastreifens genau jene Dispositionen erneut erzeugt, die zu den blutigen Gemetzeln in Israel geführt haben. Doch es gäbe einen Ausweg.

Im sozialen Leben gibt es keine Naturgesetze. Gleichwohl können kollektive Verhaltensweisen nahezu als eine Physik des menschlichen Zusammenlebens betrachtet werden. Demütigt eine Gruppe systematisch eine andere, so wissen wir mit an absoluter Sicherheit grenzender Gewissheit: die gedemütigte Gruppe wird, sobald ihr das möglich ist, in gleicher Weise zurückschlagen. Man nennt es den Kreislauf oder die Spirale der Gewalt. In diesem Kreislauf befindet sich Israel im Konflikt mit den Palästinensern seit seiner Gründung 1948. Arabische Staaten wollten das Problem sofort mit Gewalt lösen, israelische Gegengewalt führt damals zur Vertreibung von 700 000 Arabern aus ihrer Heimat.[i]

Israel hat sich seit seiner Gründung in diesem Kreislauf verfangen. Dabei stellt sich kaum die Frage, wer angefangen hat. Ist dieser Gewaltkreislauf erst einmal etabliert, folgt er einer eisernen Regel: Auge um Auge, Zahn um Zahn – Zahn um Zahn, Auge um Auge. Zwar stammt diese Metapher aus dem jüdischen Alten Testament, aber sie entspricht nicht der Tradition des aufgeklärten modernen Judentums. Der Staat Israel entstand nicht aus dieser Tradition.

Mensch, du bist mein Bruder!

Rolf Verleger, ehemaliges Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, schrieb 2010: „Anstatt gemäß der jüdischen Tradition Frieden, Gerechtigkeit und Verständigung anzustreben, treibt Israel von einem Gewaltexzess zum nächsten.“[ii] Zur Zeit ist das schon wieder so. Unfassbare Gewalt wird von Seiten Israels mit unfassbarer Gewalt beantwortet. Dabei beruht der Grundgedanke des „Judenstaates“ auf einer ganz anderen Philosophie. Theodor Herzl, der die Idee des Judenstaates in die Welt brachte, war gerade kein Anhänger des Kreislaufs der Gewalt.[iii] Er propagierte nicht die Verdrängung der arabischen Bewohner Palästinas, sondern forderte vielmehr ihre Gleichberechtigung in einem multikulturellen Gemeinwesen. Herzl: „Es gibt nur einen Weg dafür: Die größtmögliche Toleranz. Unser Motto muss daher sein, jetzt und immerdar: Mensch, Du bist mein Bruder.“[iv] In diesem Sinn sollte der Judenstaat der Welt ein Vorbild sein, ein Staat, in dem Menschen jeglicher Herkunft und aller Religionen friedlich zusammenleben – selbstverständlich ein demokratischer Staat, kein Herrschaftssystem einer ethnischen Elite.

Weil die Gesetzmäßigkeiten der Unmenschlichkeit fast so ehern sind wie die Gesetze der Physik, werden wir nun das Gegenteil dessen erleben, was einst die Ausgangsidee des Zionismus war. Hatte die Traumatisierung derer, die im Freiluftgefängnis von Gaza geschunden werden, letztlich jene terroristische Grausamkeit bewirkt, die wir kürzlich erlebten, so wird der Gegenschlag nun genau den blutigen Boden düngen, aus dem diese Grausamkeit erwuchs. Noch mehr Grausamkeit wird daraus entstehen. Und – diesen Gedanken sollte man zulassen –: Es ist vielleicht eine Frage der Zeit, bis Israel nach diesem Rezept vom Erdboden verschwindet. Denn die internationalen Machtverhältnisse, die Israel stützen, werden nicht auf Ewigkeit so bleiben. Gelten kollektive soziale Regelmäßigkeiten oft fast so verbindlich wie Gesetze der Physik, so gibt es also keinen Ausweg.

Der Ausweg

Aber die sozialen Regelmäßigkeiten sind Gesetzmäßigkeiten mit Einschränkung. Der Unterschied zu den Fallgesetzen: Diese folgen der Schwerkraft, menschliches Handeln in Abwandlung sehr oft ebenfalls, aber – und das ist das Überraschende: keineswegs immer. Was könnte im gegenwärtigen Konflikt grundsätzlich anders laufen? Regel eins im konkreten Fall: Überzeugt Abschied nehmen vom Weg der Gewalt! Nicht tun wie in Stein gemeißelt, was man immer schon tat.  Nicht dem bedingten Reflex folgen, der da lautet: greift dich jemand an, dann greife ihn ebenfalls an. Und nicht blind und taub das Übel hochkochen und verschlimmern, sondern konsequent die Laufrichtung ändern. Israel könnte jetzt völlig anders handeln, als es seiner Gewohnheit entspricht. Es könnte!

Was also tun? „Halt!“ könnte das zur Zeit militärisch überlegene Israel rufen. Wir werden jetzt nicht zum soundsovielten Mal eine Zivilbevölkerung malträtieren. Wir werden nicht erneut jene ohnmächtige Wut auslösen, die uns abermals Terroristen schickt. Und wir fordern auf, jetzt, gerade jetzt, den großen Schritt in die Gegenrichtung zu tun. Präsident Biden, Bundeskanzler Scholz, Herr Sunak! Unterstützen sie uns bitte jetzt! Jetzt, genau jetzt, wollen wir im großen Maßstab wirklich verhandeln. Noch sind wir überlegen, und wir könnten flächendeckend zum Töten übergehen. Aber halt! Gerade das wollen wir jetzt nicht tun! Unser Vorschlag: Schluss mit der Apartheid in Israel und den besetzten Gebieten. Allen Bürgerinnen und Bürgern Israels und seiner Gebiete wollen wir gleiche Rechte einräumen. Schluss mit der „Ethnokratie“ (Shlomo Sand), in der Menschen, die sich Juden nennen, über fast alles bestimmen und der Rest nach unserer Pfeife zu tanzen hat. Eine ganz normale Bürgerdemokratie wollen wir werden. Was wir bieten ist unser Verzicht auf eine Zertrümmerung des Gazastreifens. Doch für solche Verhandlungen brauchen wir euren Beistand, internationale Unterstützung.

Stärke und Großmut

Eine solche Wendung könnte wirken. Etwas zu unterlassen, was geschehen könnte, weil man die Mittel dazu besitzt (den Gegenschlag), ist ein gutes Faustpfand. Großmut im Rahmen einer solchen Machtkonstellation wirkt besser als aus einer Position der Schwäche. Noch ist Israel militärisch gut gerüstet, unterstützend tauchen Kriegsschiffe an seiner Küste auf. Noch sind Zweifel an der Macht Israels unberechtigt. Wird es aber auf ewig so bleiben? Kann der Judenstaat endlos auf Macht und Gewalt gegründet werden? Kann er überhaupt ewig ein „Judenstaat“ sein, auch wenn von so genannten Juden längst angezweifelt wird, dass „Jude“ überhaupt eine gesicherte Identität ist?[v] Die Zweistaatenlösung ist durch die Siedlungspolitik verspielt. Der auf staatsbürgerlicher Gleichheit beruhenden Bürgerstaat kann aber immer noch verwirklicht werden. Weshalb nicht die große Krise in dieser Hinsicht nutzen? Gefährliche Krisen bergen auch große Chancen. Doch diese müssen gesehen und ergriffen werden.

[i]Bernhard Wasserstein, Israel und Palästina, Warum kämpfen sie und wie können sie aufhören? 2. Aufl. München 2009,  S. 155.
[ii]Rolf Verleger, Israels Irrweg, Eine jüdische Sicht, 3. Aufl. Köln 2010, S. 117.
[iii]Theodor Herzl, Der Judenstaat, Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage, Leipzig, Wien 1896 und: Ders.: Altneuland, Leipzig 1902, Neuauflage: Berlin 2023.
[iv]Zit. nach Verleger a. a. O. S. 51.
[v]Shlomo Sand, Die Erfindung des jüdischen Volkes, Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand, 4. Aufl. Berlin 2012.

Erstveröffentlicht im overton Magazin
https://overton-magazin.de/kommentar/politik-kommentar/die-gelegenheit-wie-gerade-jetzt-der-kreislauf-der-gewalt-durchbrochen-werden-koennte/

wir danken für das Abdruckrecht.

„Mit amerikanischer und europäischer Unterstützung vernichtet Israel den Gazastreifen.“

Foto: Al Araby, MediaWiki, Gaza, 10. Okober

Von Gideon Levy

Eine Bodeninvasion des Gazastreifens ist eine vorausgesagte Katastrophe.

Israel steht kurz vor einer katastrophalen Bodeninvasion des Gazastreifens – oder wird sie bereits gestartet haben, wenn diese Kolumne erscheint. Die Invasion wird wahrscheinlich in einem Fiasko enden, wie es Israel und Gaza noch nie erlebt haben. Dagegen könnten die Bilder, die in den letzten Tagen aus dem Gazastreifen kamen, wie eine Werbeveranstaltung aussehen. Wir könnten es mit einem Massengemetzel zu tun haben.

Eine große Anzahl israelischer Soldaten wird sinnlos getötet werden. Die Bewohner des Gazastreifens werden eine zweite Nakba erleben, deren erste Anzeichen bereits vor Ort sichtbar sind. Niemand wird aus diesen Gräueltaten als Sieger hervorgehen.

Progressive warnen vor „ethnischer Säuberung“ in Gaza und vertiefen die Kluft zu den etablierten Demokraten. Mit amerikanischer und europäischer Unterstützung vernichtet Israel den Gazastreifen. Es muss an den Tag danach denken.

In Gaza ist es schwer, auf den Beinen zu bleiben, aus Angst, denke ich.

Von Stunde zu Stunde werden die Bilder aus Gaza immer erschreckender. Die israelischen Medien, die in den Kampf verwickelt sind, verraten ihre Rolle und hindern ihr Publikum daran, die Szenen zu sehen. Sie begnügen sich mit endlosen langweiligen Reden von Generälen.

Aber die Tatsache, dass Israel nicht zeigt, was in Gaza passiert, bedeutet nicht, dass sich die Katastrophe dort nicht abspielt. Am Samstag flohen mehr als eine Million Menschen, die Hälfte davon Kinder, um ihr Leben oder blieben in einem selbstmörderischen Akt in ihren zerstörten Häusern.

Ältere Menschen, Frauen, Kinder, Behinderte und Kranke fliehen zu Fuß, auf den Motorhauben von Autos, auf Eseln oder Motorrädern mit nur wenigen Habseligkeiten in Richtung Süden. Die Menschen sind auf dem Weg ins Verderben, und sie wissen es.

Keiner in der riesigen Prozession Richtung Süden glaubt, dass er ein Haus haben wird, in das er zurückkehren kann. Es gibt niemanden, der nicht an die Szenen der Nakba erinnert wird, die die vorherige Generation ihrer Familien vor 75 Jahren durchgemacht hat. Der Gazastreifen glich am Samstag Nagorno-Karabach.

Wohin werden die Palästinenser in Gaza gehen? Wo werden sie sich verstecken? Wo werden sie Zuflucht finden? Im Meer, vielleicht. Es gibt keinen Strom, kein Wasser, keine Medikamente und kein Internet.

Diese Vertreibung ist eine kollektive Massenbestrafung, die ein Omen für das ist, was noch kommen wird. Israel sagt, dass der nördliche Gazastreifen von der Hamas geräumt werden muss, und dann wird es weiter nach Süden ziehen. Zwei Millionen Menschen, oder diejenigen, die noch am Leben sind, werden dann aufgefordert, zurück in den Norden zu fliehen, um den Süden zu säubern.

Die Mission wird erfüllt sein. Die israelischen Verteidigungskräfte werden die vielen Todesopfer, die sie verursacht haben, zur Kenntnis nehmen und behaupten, dass die meisten von ihnen zur Hamas gehörten. Jeder Teenager wird als Hamas-Mitglied bezeichnet werden. Mehr als 600 palästinensische Kinder sind bereits am Samstagnachmittag getötet worden, noch vor einer Bodeninvasion. Sie gehörten nicht zur Hamas.

Israel wird siegreich sein. Gaza wird dem Erdboden gleichgemacht werden. Das unterirdische Tunnelnetz der Hamas wird geräumt werden. Die menschlichen Tiere werden ermordet werden. Der Gestank des Todes, der aus dem Streifen aufsteigen wird, wird sich mit den Szenen der Hungertoten und der dem Tod nahe stehenden Menschen in den überfüllten Krankenhäusern vermischen.

Und die Welt wird Israel weiterhin unterstützen. Israel wurde barbarisch angegriffen und hatte keine andere Wahl. Die israelischen Geiseln könnten den Preis mit ihrem Leben bezahlen.

Und der Morgen wird über einem Gaza in Trümmern dämmern. Und was dann? Wer wird dort die Regierungsgeschäfte übernehmen? Die Vertreter der Jewish Agency? Die Kollaborateure von Gaza? Und was wird Israel davon haben? Und das, ohne einen Mehrfrontenkrieg zu erwähnen, der ebenfalls ausbrechen und das Spiel völlig verändern könnte.

Israel lässt sich auf eine gefährliche Militäroperation ein, die keine Aussicht auf Erfolg hat.

Es kann seinen Verbündeten in Washington fragen, was Amerikas sinnlose Kriege für Regimewechsel in der ganzen Welt gebracht haben. Darüber, wie viele Menschen unnötigerweise getötet wurden und wer durch das amerikanische Schwert die Macht übernommen hat. Aber wir brauchen nicht Amerika oder auch nur an die Katastrophe der Palästinenser zu denken, um zu verstehen, dass wir auch für Israel an der Schwelle einer historischen Katastrophe stehen.

Wenn diese Mission tatsächlich ausgeführt wird und Israel den Gazastreifen auf den Kopf stellt, wird dies für Generationen in das Bewusstsein der arabischen Welt, der muslimischen Welt und der Dritten Welt eingebrannt werden. Eine zweite Nakba würde Hunderte von Millionen Menschen auf der ganzen Welt davon abhalten, Israel zu akzeptieren. Es könnte einige arabische Regime geben, die zunächst Zurückhaltung üben werden, aber die öffentliche Meinung in ihren Ländern wird nicht zulassen, dass diese Zurückhaltung anhält.

Den Preis dafür wird Israel zahlen müssen, und er wird höher sein, als Israel derzeit denkt. Israel steht kurz vor einem katastrophalen Krieg – oder hat ihn vielleicht schon begonnen.

Zum Original dieses Artikels von Gideon Levy auf Haaretz. Die Übersetzung besorgte Christian Müller.

Erstveröffentlicht in GlobalBridge
https://globalbridge.ch/

Wir danken für das Abdruckrecht.

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