Vom rheinischen zum schweinischen Kapitalismus

Wo bleibt die Demokratie? Im Schweinestall ist sie unmöglich. Das wird sich unter Merz nicht ändern.

Von Hans-Peter Waldrich

Bildcollage: Jochen Gester

Freilich kann gefragt werden, ob Deutschland ein Schweinestall ist. Nur weil sich „schweinisch“ auf „rheinisch“ reimt? Mit diesem Spruch gemeint war jene radikale Wende, die ab Ende der 1970-Jahre alle „westlichen Demokratien“ ergriff und in Deutschland das „Soziale“ an der dortigen Marktwirtschaft zunehmend abräumte. Der Kapitalismus warf seinen Schafspelz ab und zeigte wieder erkennbar, dass der Wolf Zähne hat und Beute macht. Nicht nur in Bonn am Rhein.

Überall gelang es dem Geldadel, seine Vorrechte rücksichtsloser durchzusetzen und soziale Zugeständnisse deutlicher zurückzufahren. Kaum mehr kaschiert wurde die Tatsache, dass sich der Kapitalismus, basierend auf den Privilegien der Eigentümer, in der Art eines modifizierten Feudalsystems nun nicht mehr zu verstecken brauchte.

Seitdem gilt, was der auf Sozialpolitik spezialisierte Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge so ausdrückt: Entstanden sei ein System, „das brutale Ausbeutung, drastische Entrechtung der Beschäftigten, systematisches Lohn- und Sozialdumping, skrupellose Leuteschinderei und massenhafte Tierquälerei durch eine kleine Gruppe von Millionären und Milliardären, die eng mit Exponenten des politischen Regierungssystems verbunden sind, kaum Grenzen setzt.“

Ich gehöre zu jenem städtisch-akademischen Milieu, das eigentlich bevorzugt die Grünen wählt und solche Tatbestände vorwiegend ignoriert. Von der Not jenes DHL- Boten, der an meiner Türe eilig Buchsendungen abliefert, spüre ich selbst recht wenig. Bei guter Pension lebe ich mehr oder weniger in freiwilliger Armut, weil ich – wer weiß warum – nur sehr wenig zum Leben brauche. Zwei kleine Zimmer, ein wenig Garten, kein Auto, keine Aktien, keine Rentner-Kreuzfahrten rund um die Welt. Ich weiß ja, dass das letzte Hemd, auch meines, keine Taschen haben wird. Gehe ich wählen oder äußere politische Meinungen, ist klar, dass dies nichts mit irgendwelchen Geldinteressen zu tun hat. Insofern bin ich untypisch für die Demokratie im Kapitalismus.

Einflusslos in der „Demokratie“

Andererseits ist mir klar: Politisch bin ich völlig einflusslos. Ob es mich gibt oder nicht – die Politik geht ihren Gang. Es geht mir wie den anderen Einflusslosen um mich herum. Ab und zu malen sie ein bedeutungsloses X in einen der kleinen Kreise rechts auf den Stimmzetteln und beobachten anschließend, dass die Macht wieder dort gelandet ist, wo sie, der politischen Schwerkraft folgend, hinzugehören scheint: In den Händen derer, die sie offensichtlich gepachtet haben.

Wie kommt das?

Dramatische Umverteilung

Unterdessen scheint mir eine solche Frage naiv zu sein. Zunehmend und für jedermann offensichtlicher liegt die Antwort auf der Hand. Ich verzichte hier darauf, die dramatische Umverteilung von Einkommen und vor allem der Vermögen von unten nach oben in Zahlen darzustellen. Eher willkürlich greife ich eine Gegenüberstellung heraus, die ebenfalls Christoph Butterwegge anführt: Das Privatvermögen der reichsten Bundesbürger übersteigt das monatliche Einkommen deutscher Grundsicherungsempfänger um beinahe das 100-Millionen-Fache. Wer mehr über die Verteilung von Einkommen und Vermögen auch weltweit wissen will, der google die Oxfam-Berichte, die sich mit diesem Thema befassen.

Wie ist Demokratie unter solchen Bedingungen überhaupt nur denkbar? Ich weiß, es existiert die Behauptung, das demokratische Ideal sei schon dann erreicht, wenn es möglich sei, unter den konkurrierenden Eliten die eine abzuwählen und der anderen die Macht zu übergeben. Ein Beispiel könnte jener Elitenaustausch sein, der 1998 stattfand. Damals machte ich mein Kreuzlein bei der SPD, denn ich erlag einer Nostalgie, die mir immer noch vorgaukelte, die SPD sei eine soziale, eine demokratische, also eine sozial-demokratische Partei.

Anschließend schwor ich mir, nie mehr so dämlich zu sein. Denn die neue (nun „sozialdemokratische“ und auch „grüne“) Elite hatte sich bereits entschlossen, die Interessen der alten Elite schlicht zu übernehmen, sie aber effektiver zur Geltung zu bringen. Das hieß damals: die neoliberale Revolution konsequent gegen die Bevölkerung durchzusetzen. In Kooperation mit parallelen Vorgängen in Großbritannien, sorgte die neue (Schröder-) Regierung dafür, dass die Gewinne oben und die Verzichte unten den „Standort Deutschland“ aufpäppelten. Nun nicht mehr als konservative Maßnahme, sondern als eine „sozialdemokratische“. Aufschluss darüber gibt etwa das sogenannte Schröder-Blair-Papier, in welchem dieser Plan im Einzelnen dargestellt wurde.

Mehr Demokratie wagen?

Schröders Maßnahmen waren das Gegenprogramm zu Willy Brandts Ansage bei dessen Regierungsantritt 1969: „Mehr Demokratie wagen“. Es kann keine Rede davon sein, dass Brandts optimistische Ankündigung jemals realisiert worden wäre. Doch was hätte eine Umsetzung bedeutet? Demokratie, verstanden als Volks- und nicht als Elitenherrschaft, verlangt Räume der allgemeinen Teilhabe und Teilnahme. Da reicht das Kreuzleinmalen nicht mehr.

Überall, wo Organisationen Entscheidungen fällen, die machtförmig das Leben der Menschen beeinflussen, sollten solche Räume existieren. Basis wäre eine demokratisch organisierte Bildung. Bereits auf den Schulen würde Demokratie praktiziert und eingeübt. Vor allem würden demokratische Strukturen dort herrschen, wo die meisten Menschen die längste Zeit ihres Lebens verbringen, nämlich in der Arbeitswelt, der Wirtschaft. Als Sozialdemokraten noch Sozialdemokraten waren, nannten sie das Wirtschaftsdemokratie.

Worum es dabei geht, will ich als Frage formulieren: Wäre es zumindest vorstellbar, dass sich die politische Teilhabe der Staatsbürger nicht nur auf die Auswahl zwischen zwei, maximal drei elitären Cliquen oder Clans beschränkt? Also nicht bloß auf den Wechsel von Personal, das sich im Hinblick auf Grundfragen wie ein Ei dem anderen gleicht? Soziale Demokratie, Sozial-Demokratie könnte bedeuten, dass die Menschen eines Landes direkten Einfluss auf allen Ebenen und in allen gesellschaftlichen Bereichen haben. Sich also tagtäglich in einer demokratischen Welt befinden und nicht bloß am Wahltag.

Ganz offensichtlich ist es, dass eine in diesem Sinn soziale Demokratie im Gegensatz zur kapitalistischen Realität steht. Wo die kollektiven Arbeitsergebnisse und die öffentlich finanzierten Leistungen in ihren Resultaten überwiegend von einem winzigen Geldadel abgeschöpft werden, da ist alles „Soziale“ bereits vordefiniert: Das Zusammenspiel der Menschen in einer Arbeitsgesellschaft hat der Produktion von privatem Reichtum zu dienen. Das schließt nicht aus, dass unter günstigen Umständen auch die Masse der Lohnabhängigen ein wenig davon zu sehen bekommt. Sei es durch „Sozialpolitik“ oder durch – meist nur vorübergehendes – Ansteigen der Löhne und Gehälter.

Beispiel Deutsche Bahn

Wir alle leiden unter der mentalen Einschränkung, dass wir uns jenseits des Kapitalismus nichts mehr vorstellen können. Dass die Menschheit die längste Zeit über ohne Kapitalismus klarkam und ihn eines Tages vielleicht abgeschafft haben wird, liegt jenseits auch der kühnsten Träume der allermeisten.

Daher ein Beispiel: Die Deutsche Bahn wurde einst hochgradig mit Steuermitteln funktionsfähig gemacht. Sie war als öffentliches oder anders gesagt als soziales Eigentum gedacht. An diesem Punkt hätte man die innere Struktur der Deutschen Bahn nach demokratischen Grundsätzen organisieren können, etwa in der Weise einer gemeinnützigen Genossenschaft. So etwas wie ein „Volksbahn“ bzw. eine Bürgerbahn wäre entstanden. Mit dem schlichten Auftrag, die Menschen pünktlich und sicher von A nach B zu transportieren. Niemandem hätte sie einen besonderen Reichtum bescheren müssen.

Stattdessen und als Folge der neoliberalen Wende sollte die Bahn an die Börse gebracht werden und in Form von Aktien in die Hände von Rentiers gelegt werden, Geldleuten, die sich für pünktlichen Transport kaum interessieren, stattdessen aber für hohe Gewinne. Dem Reichtum wollte man zuschustern, was man der Gesellschaft, den Staatsbürgern und damit dem Allgemeinwohl entzog. Kein eigentlich demokratischer Vorgang, sondern eine Zwangsumverteilung.

Oft stehe ich fluchend auf den Bahnsteigen und preise mich glücklich, wenn der Zug, den ich nutzen wollte, überhaupt irgendwann einläuft. Ab und zu ruft mir ein Kundiger, der ebenfalls im Bahnchaos herumirrt, den Namen „Mehdorn“ zu. Bei rund sechs Millionen jährlicher Entlohnung hatte dieser unfähige Manager aber lediglich jene Ideologie bedient, die von einer Regierung aus SPD und Grünen an ihn herangetragen wurde. Alles Öffentliche ist von Übel, gut ist nur das „Private“. Deshalb –  diese Devise ist nicht totzukriegen – mehr Markt, „mehr Kapitalismus wagen“ (so der Titel einer Veröffentlichung von Friedrich Merz). Wäre ja auch überraschend, wenn die zurzeit neue Elite einen grundsätzlich anderen Kurs fahren würde als die vorhergehende. (Was nicht heißt, dass die Bahn nun wirklich an die Börse kommt).

Das Oberschweinische

Nun zum Schweinischen und gewissermaßen dem Oberschweinischen, um noch einmal das Bonmot zu bemühen. Der „rheinische“, also der sozial etwas gedämpfte Kapitalismus ist schon lange durch die marktradikale Wende ersetzt worden. Und wieder einmal kommt ein Signal aus den USA. Weshalb nicht die Masken vollends fallen lassen? Die Inbesitznahme des Staates durch den Hyper-, den Überreichtum ist jenseits des Atlantiks vollzogen worden, also durch jene Teil-Elite, die entdeckt hat, dass Demokratie und Rechtsstaat nur insoweit benötigt werden, als sie die Bereicherungschancen verbessern und schützen.

Auch hier geschieht nichts unbedingt Neues: die neue Elite posaunt nur lauter heraus, was auch der alten schon maßgebend war und ist bereit, dafür auch die Verfassung auszuhebeln. Legitimation, Zustimmung zu solchen Raubzügen kann durch die Bewusstseinsindustrie erzeugt werden. Was die meisten meinen und in Wahlentscheidungen kundtun, wird nicht dem Zufall überlassen, sondern im Umfeld der Herrschaftseliten von der Heerschar der Günstlinge und Mitprofiteure medial erzeugt. Die Kreuzleinmaler hat man im Griff.

Nun wundern sich viele, dass die Clique rund um Donald Trump Sympathien für Russland hegt und damit die USA irgendwie die Fronten wechseln. Dabei war Russland praktisch der Testdurchlauf für den Übergang des Kapitalismus in seiner pseudodemokratischen Form zu seiner oberschweinischen Version. Putins Macht beruht auf den Ergebnissen einer wirtschafts- und sozialpolitischen Umwälzung, durch die öffentliches Eigentum ausgeplündert wurde, um es durch „Privatisierung“ einer Handvoll von Oligarchen zuzuschustern. Natürlich bleibt privatisiertes Gemeineigentum auch anschließend von öffentlicher Relevanz, aber es kann gegen den demokratischen Zugriff der Vielen besser verteidigt werden.

Das neu-alte Monster im Osten, von dem wir uns –  glaubt man unserer Propaganda – so großartig positiv abheben, ist also auch von uns selbst mit aus der Taufe gehoben und großgezogen worden. Einfach weil wir ihm jene DNA einpflanzen halfen, die wir als unentbehrlich auch für unsere eigene Lebensweise betrachten: den Plünderungskapitalismus. Man befasse sich etwa mit jenen Vorgaben, die der Internationale Währungsfonds (IWF) an seine Kreditvergaben knüpfte und die auch Russland gegen alle soziale Vernunft akzeptieren musste. Sparen unten, Renditen oben! so schlagwortartig diese Erwartung.

Schweinische Feinbilder

Aber damit des Schweinischen nicht genug. Jede autokratische Herrschaftsweise verlangt nach einer Herrschaftsideologie, die die eigentlichen Ziele der Machthaber schönredet und verhüllt. Da links-kritische Legitimationen ausfallen, bieten sich Nationalismus, Ethnozentrismus und geschürte Xenophobie an. So etwas wie MAGA klingt in den Ohren der sozial Gebeutelten immer gut. Ego-Massage durch Identifikation mit irgendwelchen großartigen Nationen, Ethnien oder Religionen ersetzt demokratische Teilhabe vollkommen.

Sofern zusätzlich Sündenböcke verfolgt werden können – neben den Flüchtlingen Schwule, Transgeschlechtliche oder Abtreibungsbefürworterinnen – ist dem Drang nach Bestrafung Schuldiger genüge getan. Juden kommen freilich auch infrage. In einem nächsten Schritt lenken außenpolitische Abenteuer, Kriege vor allem, besonders wirksam von den anstehenden Plünderungen ab – ein uraltes Rezept.

Während oben also die Renditen sprudeln und im Umfeld der Korruption der Rubel rollt, darf das Fußvolk sich insofern mitgenommen fühlen, als es am großartigsten Neuanfang teilnimmt, den die Weltgeschichte je gesehen hat. Verkündet wird: Nun sei die Demokratie auf ihrem Gipfel, weder durch kleinliche Richter noch durch dämliche Intellektuelle bekrittelt oder gebremst. Parlamente tun tendenziell weiterhin, was sie zuvor schon gerne taten: sie bestätigen den Kurs der begnadeten Machthaber.

Ich vermute, dass hierzulande und in Europa auch sonst verbreitet das Feindbild Russland eine wichtige Funktion übernehmen wird: nämlich ideologisch davon abzulenken, dass man sich selbst immer weniger von dem bekämpften System im Osten unterscheidet. Auch der Kalte Krieg pflegte Todfeindschaften, obgleich die sogenannte Konvergenztheorie zeigen konnte, wie sehr sich die verfeindeten Systeme in West und Ost einander anglichen.

Aber die Transatlantiker müssen umdenken. Unter Ausblendung der Kapitalismusfrage haben sie das US-System idealisiert. Natürlich werden sie in ihrer Beschränktheit nur erkennen können, dass die Trumpianer eine falsche Weltsicht haben, verkehrte Auffassungen vertreten und dass nun vielleicht auch Trump der Demenz verfällt. Verborgen wird ihnen bleiben, dass es sich nicht um die zufällige Demenz eines einzelnen, sondern um ein System, nämlich eine Art politische „Maschine“ handelt, die den Trumpismus hervorbringt: nämlich um eine Aneignungsmaschine, die sich als Demokratie ausgibt. Ihr Zweck, ihre Konstruktion läuft darauf hinaus, dass gewissermaßen unter der Hand dasjenige, was dem demokratischen Prinzip nach allen gehört, im Portefeuille der Wenigen landet.

Und Deutschland?

In Deutschland sind wir vom Eintreten des „Oberschweinischen“ noch ein Stück weit entfernt. Sobald aber ein Milliardär oder jemand, der von Milliardären unterstützt wird, beginnt, MAGA-Sprüche zu klopfen, die Gerichte anzugreifen oder die allemal zur Anpassung neigenden Medien vollends unter die staatliche Knute zu zwingen, ist Alarmstufe rot angesagt.

Vielleicht begreifen dann endlich jene, die auf Demonstrationen die Demokratie verteidigen, was hier Thema ist. Thema ist nicht so sehr die undemokratische Einstellung etwa von AfD-Wählern. Ob alle hier betroffenen zehn Millionen wirklich keine Demokratie wollen oder nicht eher eine wirkliche Demokratie, lässt sich begründet fragen.  Thema ist, dass wir uns (strukturell gesehen!) im Getriebe einer Aneignungsmaschine befinden, die extreme Machtungleichgewichte schafft und den vom System her Privilegierten die Möglichkeit zuspielt, auf den demokratischen Firlefanz schließlich auch offiziell zu verzichten.

Mich tröstet ein wenig, dass Black-Rock-Merz zwar reich, aber nicht wahnsinnig reich ist und den Hyper-, also Überreichen als armer Schlucker vorkommen muss. Da seine Lebens- und Erfahrungswelt freilich eine völlig andere ist, als die der großen Mehrheit in diesem Land, mag er der stillen Überzeugung sein, dass deren Interessen eigentlich diejenigen von Losern sind, die man mit geeigneten Sprüchen ruhigstellen und nicht weiter berücksichtigen sollte.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 21.5. 2025
https://overton-magazin.de/hintergrund/politik/vom-rheinischen-zum-schweinischen-kapitalismus/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Der Umbau der Auto- zur Mobilitätsindustrie

Kämpferische Rede auf der BMW Hauptversammlung

Rede von Tobi Rosswog an der Hauptversammlung von BMW über Konversion, Vergesellschaftung und der Umbau der Auto- zur Mobilitätsindustrie.

Bild: zVG

Liebe Susanne, lieber Stefan, lieber Oliver, liebe Freund*innen und Aktionär*innen von BMW, einen wunderschönen Tag!

Ich heisse Tobi Rosswog und komme aus der VerkehrsWendestadt Wolfsburg, die einige von euch noch als Autostadt bekannt sein mag.

Mit kämpferischen Kolleg*innen vom Band und aus dem Büro haben wir in den letzten Jahren über 100 bunte und spektakuläre Aktionen gemacht unter dem Motto “VW steht für VerkehrsWende”, um den automobilen Konsens aufzubrechen. Bisher war ich auf VW und Porsche Hauptversammlungen.

Heute bin ich bei BMW. Vielleicht steht das ja bald für die bayerischen Mobilitäts-Werke?

Passend zum Thema…

Das Geschäftsmodell der Quandts

Vom firmeneigenen KZ zur Kinderarbeit im Kongo

Ein Lob aber kurz vorweg, bevor es unbequem wird: Wir treffen uns heute nicht virtuell. Wir kommen zusammen und der Protest von Menschen kann ganz anders wirksam sein als im Online-Raum. Und ja… Viele mögen das zunächst nicht nachvollziehen, aber es regt doch zur Diskussion an. Und das ist doch wichtig.

Beginnen wir kurz mit der ökologischen Katastrophe: Am 3. Mai – vor rund einer Woche – war der deutsche „Erdüberlastungstag“. Wir haben alle unsere in Deutschland zur Verfügung stehenden Ressourcen bereits aufgebraucht. Damit leben wir über unsere ökologischen Grenzen. 49 Millionen zugelassene Autos in Deutschland tragen dazu massgeblich bei. Und das egal welcher Antriebsart. Das System Auto ist das Problem. Jeden Tag 8-9 tote, über 1000 Verletzte. Allein in Deutschland. Stellten wir uns vor ein anderes Verkehrsmittel wäre so dramatisch gefährlich. Es würde direkt verboten werden. Aber im Autoland Deutschland mit VW, Daimler und eben auch BMW so nicht. Dabei hat übrigens schon eurer hochgeschätzer Vorstandsvorsitzender das Problem auf dem Punkt gebracht, wenn Eberhard von Kuenheim damals sagte: “Es kann schon sein, dass es zu viele Autos gibt. Aber immer noch zu wenig BMW.”

Das bringt den Wachstumswahn und das Problem perfekt auf den Punkt. Der motorisierte Individualverkehr ist das Problem und das System Auto eine Sackgasse. Es nimmt uns den Platz zum Leben.

Kommen wir nun zum Sozialen. Hier wurde heute immer wieder vom “Team BMW” gesprochen. Oliver sagte sogar, dass ihm die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wichtig seien. Aber wenn ich mit BMW Arbeiter*innen vom Band spreche, sagen die mir komischerweise sehr frustriert: Wir müssen die Krise ausbaden. Wie fatal. Und warum?

Damit das Vermögen von Susanne und Stefan noch mehr wächst. Aktuell beläuft es sich auf rund 50 Milliarden Euro. Aber bei den Über-Reichen ist das ja nicht ganz klar, ob es nicht doch ein paar Millärdchen mehr sind. Das spielt ja auch kaum eine Rolle. Denn was sind schon eine Milliarde? Diese 1.000 Millionen mehr oder weniger. Aber bei den Armen ist es auf den Cent transparent.

Ich hab eine einfache Rechnung und Frage mitgebracht, die den fatalen neoliberalen Leistungsgedanken a la „Du bist Deines eigenen Glückes Schmied“ ad absurdum führt: Wie lange müsstest Du mit einem Stundenlohn von 15 Euro malochen, um auf das Vermögen von Susanne und Stefan in Höhe von rund 50 Milliarden Euro kommen?

50.000.000.000 Euro (= Vermögen) geteilt durch den Stundenlohn von 15 Euro und jährlicher Arbeitszeit von durchschnittlich 1750 Stunden pro Jahr ergibt: 1904761,9047619. Oder einfacher ausgedrückt: 1,9 Millionen Jahre.

Wer jetzt noch glaubt: Du musst Dich einfach anstrengen und dann kommst Du auf das Vermögen von Susanne und Stefan… Dem ist nicht mehr zu helfen.

Und eigentlich bringen es Susanne und Stefan selber auf den Punkt als sie in einem Interview mit dem Manager Magazin in 2019 den legendären und ehrlichen Satz bringen:

“Viele Menschen denken das Geld fliegt einem irgendwie zu.”

Ich denke das auch nicht. Es fliegt euch nicht irgendwie zu. Da stimme ich euch zu. Denn: Es ist gestohlen. Es liegt an Ausbeutungsstrukturen und einem braunen Erbe…. Es hat rein gar nichts mit diesem komischen Konzept von Leistung zu tun. Das ist Quatsch und das wissen wir alle hier.

Ich bitte euch, liebe Susanne und lieber Stefan. Bitte tretet nicht in die Fussstapfen eures Vaters, dem Nazi-Profiteur Herbert Quandt, der hier noch gross auf der Leinwand gefeiert wurde. Komplett absurd. BMW darf in Zeiten der Militarisierung künftig explizit nicht für Bayrische Militarisierungs-Werke stehen. Denn es ist Zeit Nein zu sagen.

Wir brauchen für das Gute Leben für Alle eine klare Absage an den kapitalistischen Irrsinn und eine deutliche Absage an den faschistischen Wahnsinn.

Wir brauchen andere Wege. Es geht nicht nur um ein bisschen weniger Autos, sondern eine ganz andere Gesellschaft, die dem Leben dient und nicht dem systematischen Leben einiger Weniger auf Kosten anderer. Und dabei sind natürlich nicht Susanne und Stefan allein dafür verantwortlich. Es ist das verbrecherische System des Kapitalismus, das es zu überwinden gilt.

Aber nun konkret: Es geht also um Konversion und Vergesellschaftung. Der Umbau der Auto- zur Mobilitätsindustrie. Das würde auch Beschäftigung langfristig sichern. Und ja… Dann gibt es nicht so viele Profite. Das stimmt. Deswegen brauchen wir die Vergesellschaftung von BMW, damit wir als Gesellschaft entscheiden können, was gebraucht wird. Oder kurz: Fabriken denen, die darin arbeiten.

Mein Vorredner bemühte Goethe, um den Leistungsfetisch zu begründen. Dann nutze ich nun Goethe um Rosa Luxemburg zu unterstreichen:

„Der Irrtum wiederholt sich immerfort in der Tat. Deswegen muss man das Wahre unermüdlich in Worten wiederholen“.

Rosa Luxemburg fasst es so zu zusammen: „Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat“.

Und auch, wenn es heute für mich zum ersten Mal nach über 1.500 Vorträgen vereinzelt Buh-Rufe gab, bleibt mir nichts anderes als klar zu machen: Nur, weil ihr dieses Märchen des Kapitalismus unermüdlich wiederholt – wahrer wird es davon nicht. Es ist eine grausame Realität für die meisten. Und deswegen dürfen wir ihn überwinden. Kollektiv. Gemeinsam. Solidarisch. Und ein erster Schritt ist: Rückverteilung jetzt!

Wir sehen uns beim Protest rund um die IAA in München im September zu der ja bereits eingeladen wurde.

Herzlichsten Dank!

Tobi Rosswog

Anmerkung:

In der Süddeutschen Zeitung werden rund 10% des Artikels “BMW beendet eine Ära – und sucht seine Zukunft” den Aktivitäten gewidmet:

“Und es soll niemand sagen, dass die Autobranche nicht politisch und emotional wäre. Zwei Frauen stehen schon kurz nach Beginn der Versammlung im Mittelteil der Halle auf und schreien etwas; auf den oberen Plätzen der Olympiahalle und vermutlich auch vorne auf der Bühne, wo Aufsichtsratschef Norbert Reithofer zur Einführung spricht, ist nichts davon zu verstehen.

Die Frauen werden schliesslich von Sicherheitsmitarbeitern aus der Halle gebracht. Es wird nicht die einzige Störaktion bleiben, doch der Ablauf wirkt fast schon einstudiert, geradezu wohlwollend von beiden Seiten. Alles läuft ruhig und gesittet ab, anders als bei früheren Veranstaltungen von Autoherstellern, als bisweilen Torten flogen und Aktivisten gegen ihren Widerstand aus der Halle gebracht wurden. Als später BMW-Chef Oliver Zipse spricht, fängt ein Mann in weissem T-Shirt mit Smiley-Aufdruck an, Papierflieger zu basteln und in die vorderen Reihen zu werfen. Auch er wird nach draussen begleitet. „Für das Klima und die Erde“, ruft schliesslich ein Aktivist auf den oberen Rängen.”

Erstveröffentlicht im Untergrundblättle v. 19.5.2025
https://www.untergrund-blättle.ch/wirtschaft/unternehmen/bayerische-mobilitaetswerke-kaempferische-rede-auf-der-bmw-hauptversammlung-009068.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

Niemand verlangt nach Großdeutschland

Als der Krieg sich wendete: Der monumentale antimilitaristische Roman »Stalingrad« von Theodor Plievier in einer Neuausgabe

Von Irmtraud Gutschke

Die Schlacht um Stalingrad dauerte lang, denn die von der Roten Armee eingekesselten deutschen Soldaten wurden von Hitler zum Durchhalten verpflichtet. »Männer verwandeln sich in Leichen. Das ist nicht ungewöhnlich und ist nicht widernatürlich. Das kommt vor im Zuge politischer und kriegerischer Veränderungen … Aber deine im Stalingrader Steinbruch hingekegelten Männer – es ist doch so, dass selbst die Erde sich ihnen versagt und dass Elstern ihre Augen, ihre Herzen, ihre Gedärme wegtragen –, was zementieren sie, das ist die Frage. Großdeutschland! Großdeutschland an der Wolga –… ist das Land der Slawen etwa eine wohlfeile Menschenplantage … Ein sich über den Osten erstreckendes und bis zur Wolga ausspannendes Großdeutschland, niemand verlangt danach und niemand braucht es … selbst Deutschland braucht es nicht.«

Starke Worte, eindrückliche Szenen in »Stalingrad«, dem monumentalen Roman von Theodor Plievier, der 1945 in Deutschland nach dem Krieg erschien, nachdem er zuerst 1943/44 in Moskau in der deutschsprachigen Exilzeitschrift »Internationale Literatur« erschienen war. Um ihn zu schreiben, konnte Plievier mit gefangenen deutschen Soldaten sprechen. Es war der erste Roman über den Untergang der sechsten deutschen Armee in Stalingrad. Während heute wieder von einem bevorstehenden Krieg mit Russland geredet wird, als solle diese Niederlage von einst wettgemacht werden, erscheint in einer Neuausgabe des Aufbau-Verlags die letztgültige Fassung des Autors, um uns daran zu erinnern, was Krieg bedeutet.

Carsten Gansel, der schon 2016 mit einer Neuausgabe von Heinrich Gerlachs Roman »Durchbruch bei Stalingrad« international für Aufsehen sorgte, erhellt in seinem Nachwort Zusammenhänge, die bislang kaum bekannt gewesen sind. Nach dem Krieg ging Plievier in die SBZ und arbeitete unter anderem für den neugegründeten Kulturbund. Warum wusste ich so wenig von diesem Autor? Weil er im Herbst 1947 von einer Vortragsreise durch Westdeutschland weggeblieben war. Wie oft in derlei Fällen wurde danach nicht mehr groß über ihn geredet. Und als mir Hermann Kant erzählte, er habe 1956 seine Diplomarbeit über den Roman »Stalingrad« geschrieben, merkte ich nicht auf. Dass Kant 1984 mit einem lobenden Nachwort für eine späte Rehabilitierung des einstigen Bestsellers gesorgt hatte, erfahre ich jetzt erst von Carsten Gansel.

In ausführlichen Recherchen folgt er dem Lebensweg des Autors, der auf der Ausbürgerungsliste der Nazis gestanden, 1935 am Allunionskongress der Sowjetschriftsteller teilgenommen, eine Zeit lang in der Wolgadeutschen Republik gelebt und aus nächster Nähe erfahren hatte, was stalinistischer Terror bedeutete – dem 70 Prozent der deutschen Exilanten zum Opfer fielen, wie ich hier lese. Auch dass die Zentrale der Komintern im baschkirischen Ufa stationiert war, wo Plievier für sowjetische Rundfunksender arbeitete. Fälschlicherweise dachte ich ja immer, er sei Augenzeuge der Schlacht um Stalingrad gewesen. Den Roman lesend, hat man daran auch keine Zweifel, weil niemand sich so viele Einzelheiten ausdenken könnte. Aber er hat sehr genaue Erkundigungen eingezogen, mit vielen Augenzeugen gesprochen. »Ungeheuerlich die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, ungeheuerlich auch das Einfühlungsvermögen, die scharfe Intelligenz, die beim zweiten Wort schon das Wesentliche erfasste, die Zähigkeit und Genauigkeit seines Arbeitens«, schreibt Gansel.

»Soldaten sind Mörder«, schrieb einst Kurt Tucholsky. Täter, ob freiwillig oder unter Zwang. Doch wie auch immer, und sei es durch Propaganda, sie werden auch zu Opfern einer Kriegsmaschinerie gemacht, zum Schlachtvieh für fremde Interessen. Minutiös beschreibt Theodor Plievier den Untergang einer Armee als Wende im Zweiten Weltkrieg, noch bevor die West-Alliierten eine zweite Front gegen Nazideutschland eröffneten. »Von nun an war es die Rote Armee, die die Oberhand hatte. Nach Beendigung der Kampfhandlungen am 2. Februar 1943 gerieten innerhalb weniger Tage 91 000 Mann in Kriegsgefangenschaft.« Sterberate 90 Prozent – auch das wird hier nicht verschwiegen. Plievier selbst stellt die haarsträubenden Vorgänge vor uns hin, ohne sie zu kommentieren. Ein großes, ein bleibendes Werk der Antikriegsliteratur.

Theodor Plievier: Stalingrad. Roman. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Carsten Gansel. Aufbau-Verlag, 624 S., geb., 30 €.

Erstveröffentlich im nd v. 6.5. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1191044.stalingrad-niemand-verlangt-nach-grossdeutschland.html?sstr=Stalingrad

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung