Burgfrieden heute? Gewerkschaftsführungen und Widerspruch von unten

Ein Beitrag zur notwendigen innergewerkschaftlichen Auseinandersetzung in Sachen Antimilitarismus

Von Andreas Buderus und Johannes Schillo

Titelphoto: Jochen Gester

Vorbemerkung FGLB: In der innergewerkschaftlichen Auseinandersetzung um den Kurs der DGB-Gewerkschaften in der Frage von Krieg und Frieden haben sich zwei Strömungen herausgebildet, die beide dafür eintreten, dass die Gewerkschaften die Politik der „Kriegsertüchtigung“ ablehnen und bekämpfen. Sie sind sich jedoch über den Weg, wie dies am erfolgreichsten erreicht werden kann, nicht einig. Das offenbarte sich schließlich darin, dass es nicht zu einer gemeinsamen Intervention auf dem DGB-Bundeskongress in Berlin kam, sondern die Strömungen getrennt agierten. Der folgende Beitrag ist gut geeignet, die reale Basis des Konflikts zu begreifen. Wir hoffen, dass er dazu beiträgt, den Konflikt zu versachlichen und einzudämmen. (JG)

Der Text, auf den sich diese Stellungnahme bezieht, ist hier zu lesen:

In der gewerkschaftlichen Opposition – aber nicht nur da – wird der DGB-Führung seit der „Zeitenwende“ 2022ff eine „Burgfriedenspolitik“ vorgeworfen, also der Bogen geschlagen zum Jahr 1914, als Deutschland seinen ersten „Griff nach der Weltmacht“ (Fritz Fischer) wagte. Bernhard Pfitzner hat dazu Anfang 2026 in gewerkschaftlichen Netzwerken einen Diskussionsbeitrag „Zur Behauptung einer ‚Burgfriedenspolitik‘ der Gewerkschaftsführungen“ veröffentlicht, der Widerspruch anmeldet. Pfitzner, der sich auf die „Überlegungen zur weiteren Strategie der Friedensbewegung“ des Kasseler Friedensforums bezieht, hält die Herstellung eines solchen Zusammenhangs für verfehlt. In unveränderter Form versandte er seinen Beitrag über dieselben gewerkschaftlichen Kanäle im Juli erneut – als „Antwort“ auf die Einladung zu einer Vernetzungskonferenz gewerkschaftlicher Widerstand, die gemeinsam organisiert wird von der gewerkschaftlichen Basisinitiative Sagt NEIN! Gewerkschafter*innen gegen Krieg, Militarismus und Burgfrieden, von Gewerkschaftslinke Hamburg und der Vereinigung für kämpferische Gewerkschaften (VKG).

Pfitzner bezieht sich bei seiner Kritik auf die Feststellung des Kasseler Papiers, demzufolge die Kooperation der Friedensbewegung mit den Gewerkschaften zwar wichtig ist, aber „angesichts der Burgfriedenspolitik der Gewerkschaftsführungen und der Unterstützung des Rüstungskeynesianismus keine kurzfristigen Erfolge zu erwarten (sind).“ Demgegenüber hat Pfitzner zwei Einwände. Erstens, „dass eine Parallelisierung der heutigen zur damaligen Gewerkschaftspolitik weit an der Realität vorbeigeht“, und zweitens, dass der Angriff auf die Gewerkschaftsführungen „notwendige innergewerkschaftliche Klärungsprozesse (erschwert)“, speziell auch deswegen, weil bisher niemand hätte „erklären können, wo die ominöse Grenze zwischen ‚gewerkschaftlicher Basis‘ und ‚Gewerkschaftsführungen‘ verläuft.“

Mit diesen Einwänden, darauf weist Pfitzner eigens hin, ist keine Reinwaschung der heutigen DGB-Linie beabsichtigt. Eine Kritik an Tendenzen in den deutschen Gewerkschaften, die der „Durch-Militarisierung“ der Gesellschaft mit dem Ziel der „Kriegstüchtigkeit“ zuarbeiten, hält er durchaus für angebracht. Der Dissens bezieht sich auf die genannten beiden Punkte.

1. Die Verwendung des Terminus „Burgfriedenspolitik“

Pfitzner zitiert dazu den Aufruf der Vorständekonferenz der Gewerkschaften vom 2. August 1914, in dem es heißt: „Die Konferenz beschließt alle Lohnbewegungen und Streiks abzubrechen.“ Ein solcher Beschluss sei in der heutigen DGB-Politik nicht zu finden, „die Geißelung der gegenwärtigen Politik ‚der‘ Gewerkschaften/Gewerkschaftsvorstände“ mit dem betreffenden Vorwurf gehe also fehl, eine solche Parallelität existiere nicht.

Darauf ist Folgendes zu erwidern: Die Bezeichnung der heutigen DGB-Linie als Burgfriedenspolitik ist natürlich eine Analogiebildung. Zwischen der Situation von 1914 und 2022ff bestehen deutliche Unterschiede, was jedem, der den Begriff verwendet, klar ist und keine Gleichsetzung der Situation von gestern mit heute beabsichtigt. Das Wort Burgfrieden findet sich ja auch nicht im Aufruf der Vorständekonferenz. Es hat sich in der Geschichtsschreibung (als Folge politischer Auseinandersetzungen) eingebürgert wie etwa der Ausdruck Weimarer Republik, der ebenfalls nicht wörtlich zu nehmen ist. Worauf zielt der Vorwurf? Er kritisiert eine politische Parteinahme, was hier anhand von zwei aussagekräftigen Belegen noch einmal verdeutlicht werden soll:

Die Bundeszentrale für politische Bildung hält fest: „Innen- und Außenpolitik waren im Deutschen Kaiserreich während des Ersten Weltkrieges eng miteinander verwoben. Jahrelang hielt der ‚Burgfrieden‘ in der Politik… Am Beginn des Krieges standen die einstimmige Bewilligung der Kriegskredite im Reichstag und der Burgfriedensschluss aller Parteien zur Unterstützung der deutschen Kriegspolitik, der sich zur Überraschung und Freude der bürgerlichen Öffentlichkeit auch unter Einschluss der Sozialdemokratie vollzog. Die Innenpolitik der folgenden Kriegsjahre entwickelte sich im Zeichen dieses Burgfriedens, der lange bewahrt wurde, zugleich aber immer mehr innere Widersprüche hervorbrachte und sich schließlich aufzulösen begann.“

Die Website Gewerkschaftsgeschichte der Hans-Böckler-Stiftung bringt den Sachverhalt so zur Sprache: „Alle Gewerkschaften folgen dem Aufruf Kaiser Wilhelm II., schließen sich dem ‚Burgfrieden‘ an und lassen sich in die nationale ‚Volksgemeinschaft ohne Parteien‘ einbinden. Doch die anfängliche Zustimmung der Arbeiterschaft bröckelt je länger der Krieg dauert. Schlechte Nachrichten von der Kriegsfront und knappe Lebensmittel an der Heimatfront treiben die Menschen auf die Straßen.“

Der Terminus Burgfrieden (der historisch aus den europäischen Feudalverhältnissen stammt und dort eine spezielle Bedeutung hat) wird also seit dem Zeitalter der imperialistischen Kriege in der übertragenen Bedeutung eines nationalen Schulterschlusses benützt, der die objektiven gesellschaftliche Gegensätze und Spaltungstendenzen kennt, sie aber kaltzustellen und außer Kraft zu setzen versucht. In diesem Sinne greift etwa Sagt NEIN! diesen alten Vorwurf auf, stellt sich damit in eine klassenautonom-emanzipatorische Gewerkschaftstradition (die es neben der nationalen immer gegeben hat) und adressiert ihre Kritik an die DGB-Führung bzw. veranschaulicht sie mit einem Begriff, der mehr ist als eine historischen Reminiszenz.

2. Basis und Apparat: eine Frage der Funktion

Pfitzner hält der Kritik an den „Gewerkschaftsführungen“ entgegen, bisher habe ihm niemand erklären können, wo denn die „ominöse Grenze“ zwischen gewerkschaftlicher Basis und Führung verlaufe. Zur Illustration verweist er auf seine eigene Biographie: Er habe Funktionen von der örtlichen bis zur Bundesebene ausgeübt, sei Delegierter auf unterschiedlichen Ebenen und zugleich immer auch „einfaches Mitglied“ gewesen. War er also einmal Basis und ein anderes Mal Führung?

Die Frage klärt das Problem nicht – sie beschreibt es. Natürlich bleibt ein Bundesfunktionär zugleich Gewerkschaftsmitglied, so wie ein Minister Staatsbürger bleibt. Niemand behauptet, dass Menschen mit der Übernahme einer Funktion ihre Persönlichkeit wechseln oder plötzlich einer anderen Spezies angehören. Die Frage ist nicht, was jemand als Mensch ist, sondern welche Funktion er innerhalb einer Organisation ausübt, über welche Entscheidungs-, Definitions- und Verfügungsmacht er verfügt und welchen institutionellen Zwängen diese Funktion unterliegt.

Wer diesen Unterschied wie Pfitzner mit dem Hinweis verwischt, auf allen Ebenen gebe es eben ‚solche und solche‘, landet schnell bei einem organisationspolitischen Kalauer: ‚Sind doch alles nur Menschen‘. Das mag menschenfreundlich klingen, erklärt aber politisch ziemlich wenig. Denn die Unterscheidung von Basis, Führung und Apparat ist keine moralische Sortierung, etwa in gute Kolleginnen unten und schlechte Funktionäre oben. Sie bezeichnet unterschiedliche Positionen innerhalb einer Organisation und die damit verbundenen Handlungsmöglichkeiten. Ein Vertrauensmann, eine Betriebsrätin oder ein Delegierter können selbstverständlich Positionen des Apparates vertreten; umgekehrt kann ein hauptamtlicher Funktionär gegen den Kurs der eigenen Führung opponieren. Dadurch verschwinden aber weder die unterschiedlichen Funktionen noch die ungleiche Verfügung über Ressourcen, Informationen, hauptamtliche Strukturen, Verhandlungszugänge, Öffentlichkeit und organisatorische Entscheidungsmacht.

Genau hierin liegt der analytische Kern dessen, was Robert Michels bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Tendenz zur Oligarchisierung großer Organisationen beschrieben hat („Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie – Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens“, 1911). Mit wachsender Größe entstehen demnach Arbeitsteilung, Professionalisierung und spezialisierte Leitungsstrukturen. Wissen, Kommunikationswege und Entscheidungsbefugnisse konzentrieren sich zunehmend bei einem vergleichsweise kleinen Kreis. Aus ursprünglich delegierten Funktionen können dabei eigene organisatorische Interessen entstehen: an Kontinuität, institutioneller Absicherung, Berechenbarkeit und dem Erhalt der eigenen Vermittlungsposition. Das bedeutet weder, dass jede Organisation zwangsläufig vollständig oligarchisch wird, noch dass Funktionär*innen persönlich korrumpiert sein müssen. Es bedeutet zunächst nur: Organisationen entwickeln Eigendynamiken, die sich nicht aus den Charaktereigenschaften der handelnden Personen erklären lassen.

Für Gewerkschaften ist diese Erkenntnis keineswegs neu. Karl Marx sah schon 1865 in ihnen unverzichtbare Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalt des Kapitals, warnte aber zugleich davor, dass sie ihren weitergehenden Zweck verfehlen, wenn sie sich auf die Bearbeitung der unmittelbaren Auswirkungen des Lohnsystems beschränken und dessen Überwindung aus dem Blick verlieren („Lohn, Preis, Profit“, 1865). Rosa Luxemburg beschrieb 1906, wie die Spezialisierung gewerkschaftlicher Leitungsarbeit und die Konzentration auf die alltäglichen ökonomischen Einzelkämpfe einen eigenen, zunehmend verengten Funktionärshorizont und bürokratische Denkweisen hervorbringen können („Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“, 1906). Und Leo Trotzki verwies 1935 darauf, dass gerade Phasen relativer gesellschaftlicher Stabilität und geringer Eigenaktivität der arbeitenden Klasse den Einfluss und die gesellschaftliche Stellung reformistischer Bürokratien stärken, während gesellschaftliche Erschütterungen deren scheinbare Unentbehrlichkeit und politische Beweglichkeit schnell infrage stellen können („Arbeiterstaat, Thermidor und Bonapartismus“, 1935).

Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht, wo auf einer Mitgliederliste eine ominöse Grenzlinie zwischen Basis und Führung gezogen werden soll. Eine solche geometrische Grenze gibt es selbstverständlich nicht. Entscheidend ist, welche Funktionen innerhalb der Organisation Entscheidungen vorbereiten und treffen, politische Linien formulieren, Ressourcen kontrollieren und diese Entscheidungen gegenüber Mitgliedschaft und Öffentlichkeit durchsetzen – und wo Kolleg*innen diese Entscheidungen lediglich nachvollziehen, beeinflussen, bekämpfen oder durch eigene Organisierung verändern können.

Und natürlich gibt es in den DGB-Gewerkschaften heute genauso wie 1914 Vorstände, die – natürlich immer nur „im Rahmen der Beschlusslage“… – die maßgeblichen Entscheidungen für ihre Organisationen treffen und deren Befolgung im Apparat und bei den Mitgliedern dann durchsetzen. Wie elastisch dieser Rahmen allerdings sein kann, zeigt sich gerade dort, wo der antimilitaristische normative Kern und die ergänzenden Beschlüsse in der praktischen Übersetzung durch die Apparate so weit an Kontur verlieren, dass sie schließlich mit Sozialpartnerschaft, Standortlogik und nationalem Kriegskurs wieder vereinbar erscheinen.

3. Wenn die Basis nicht mehr mitzieht

Wie wenig es bei der Kritik an der Gewerkschaftsbürokratie um eine starre Gegenüberstellung von „oben“ und „unten“ geht, lässt sich gerade an den gegenwärtigen innergewerkschaftlichen Auseinandersetzungen um den Zusammenhang von imperialistischem Krieg nach außen und sozialem Krieg nach innen, von Sozialkahlschlag und Demokratieeinschränkung beobachten. Sagt NEIN! ist eine Basisinitiative, die mit inzwischen fast 40.000 Unterstützer*innen wahrnehmbar in diese Debatten eingreift, ohne selbst über die Entscheidungs- und Verfügungsmacht der gewerkschaftlichen Apparate zu verfügen. Auf der Homepage der Initiative lässt sich im Einzelnen überprüfen, welche Entscheidungen „der Führung“ warum angegriffen werden und was sich an „der Basis“ in diesem Sinne bereits tut und welche Aktionen folgen sollten. Von der Initiative wird auch konkret benannt, wer mit welcher Kritik gemeint ist und wo sich erfreuliche Veränderungen ergeben.

Widerspruch kann also von der Basis ausgehen, wachsen und politischen Einfluss gewinnen. Zugleich verfügen die Apparate über erhebliche Möglichkeiten, einen einmal eingeschlagenen Kurs auch gegen solchen Widerspruch zu behaupten. Gerade wenn gesellschaftliche Stabilität schwindet und ökonomische Krise, Sozialabbau und Kriegspolitik die bisherigen Vermittlungsformen unter Druck setzen, kann sich dieses Spannungsverhältnis erheblich zuspitzen.

Während 2025 der stellvertretende IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Kerner den Antikriegstag – innergewerkschaftlich noch weitgehend unkritisiert – nutzen konnte, um sich beim Militärisch-Industriellen Komplex lieb Kind zu machen, wächst heute, angesichts der global weiter eskalierenden Kriege und des immer sichtbarer werdenden Zusammenhangs von Krieg nach außen und Sozialkahlschlag sowie politischer Formierung, also sozialem Krieg nach innen, der Widerspruch in den Gewerkschaften selbst. Vertrauensleute in Untertürkheim rufen zum Widerstand gegen sozialen Kahlschlag und Militarisierung auf, in Bremen und Düsseldorf kommt es zu selbständigen Arbeitsniederlegungen, Teile der IG Metall-Jugend gehen offen in Opposition. Ende Juli 2026 melden sich mehrere Ortsjugendausschüsse der IG Metall in Südwest sowie die JAV Mercedes-Benz Untertürkheim mit einer bemerkenswert eindeutigen Erklärung zu Wort. Deren Fazit lautet: „Wir engagieren uns in unserer Gewerkschaft und fordern Demonstrationen gegen die Gier der Bosse, gegen die Regierung und für eine bessere Zukunft – bis hin zum Streik. Und wenn die Gewerkschaftsspitzen zögern, dann machen wir es selbst.“

Davon offenbar vollständig unberührt mobilisiert der DGB für den 26. September bundesweit unter der Überschrift „Hart verdient! Deine Arbeit. Deine Gesundheit. Deine Rente.“ Es geht in kämpferischen Tönen gegen Sozialabbau – ohne den Zusammenhang mit Aufrüstung und Kriegspolitik überhaupt zu benennen! Und auch der Aufruf zum Antikriegstag 2026 bleibt trotz erkennbar politisch erzwungener Hinwendung zu einer klaren Ablehnung der Wiedereinführung der Wehrpflicht und anderer Zwangsdienste nach wie vor auf der national-sozialpartnerschaftlich eingebundenen Linie.

Pointierter lässt sich der kritisierte Widerspruch zwischen Apparat und Basis gegenwärtig kaum beschreiben. Und ebensowenig, was mit dem Vorwurf einer fortdauernden Burgfriedenspolitik gemeint ist: eben nicht, dass „die“ Gewerkschaften geschlossen hinter diesem Kurs stünden oder die Basis grundsätzlich friedenspolitischer wäre als ihre Funktionär*innen. Die Kritik zielt im Kern auf die Politik der maßgeblichen Vorstände und Apparate, die trotz wachsenden Widerspruchs an sozialpartnerschaftlicher Einbindung, nationaler Standortlogik und der politischen Vermittlung staatlicher Kriegsvorbereitung festhalten. Dass dieser Kurs innerhalb der Gewerkschaften zunehmend umkämpft ist, widerlegt den Begriff des Burgfriedens deshalb nicht. Es bezeichnet vielmehr gerade den politischen Konflikt, in dem dieser Zustand von unten aufzubrechen beginnt.

4. Gewerkschaften zwischen Widerstand und Integration

Natürlich kann man Pfitzner zugestehen, dass die Diskussion über das Agieren der Gewerkschaft häufig unter zwei entgegengesetzten Verkürzungen leidet. Die eine identifiziert Gewerkschaften weitgehend mit ihren Führungen. Aus jeder Stellungnahme eines Vorstandes wird unmittelbar auf die Organisation insgesamt geschlossen. Die andere verwechselt die Gewerkschaften mit der „Klasse für sich“ und fordert, ihre Beschlüsse müssten unmittelbar Ausdruck proletarischer Interessen sein, die sich gegen Kapital und Nation stellen.

Beide Sichtweisen greifen zu kurz. Gewerkschaften sind historisch gewachsene Organisationsformen der Arbeiter*innenbewegung, die sich aus der existenziellen Notlage eines Lebens von Lohnarbeit ergeben: Wer unter dem Zwang steht, seine Arbeitskraft zu verkaufen, muss sich mit einem Käufer einig werden, der ein entgegengesetztes Interesse vertritt, nämlich die Anwendung von Dienstkräften auf der einen Seite möglichst kostengünstig und auf der anderen möglichst ertragreich gestalten will. Organisationen wie Gewerkschaften, die hier auf die Verkaufsbedingungen Einfluss nehmen wollen, müssen sich mit diesem Widerspruch herumschlagen. Er ist ihrer Arbeit immanent und nicht einfach von einer abgehobenen Führung verursacht. In Gewerkschaften verdichten sich Erfahrungen, Interessen, Hoffnungen, Niederlagen und gesellschaftliche Kräfteverhältnisse. Sie sind geprägt von den realen Gegensätzen der kapitalistischen Gesellschaft, in der sie existieren. Gleichzeitig gehören sie zu den wenigen verbliebenen Organisationen, in denen sich Millionen Lohnabhängige überhaupt noch kollektiv organisieren.

Ihre politische Bedeutung liegt genau in dieser Widersprüchlichkeit. Wer die Gewerkschaften auf ihre Vorstände reduziert, übersieht die Kolleg*innen in den Betrieben, die Vertrauensleute, die Betriebs- und Personalräte, die Jugendstrukturen, die betrieblichen Initiativen und die vielen alltäglichen Auseinandersetzungen, aus denen gewerkschaftliches Bewusstsein überhaupt erst entsteht. Wer die Gewerkschaften per se ausschließlich als Kampforganisationen versteht und die Führung – moralisierend – eines Verrats bezichtigt, unterschätzt die reale Macht sozialpartnerschaftlicher, staatlicher und institutioneller Integrationsmechanismen.

Dabei verläuft die Trennlinie keineswegs einfach zwischen einer angeblich friedensbewegten Basis und burgfriedlichen Führungen. Auch viele aktive Kolleg*innen, Betriebs- und Personalräte erleben ihre politische Praxis vor allem durch die Anforderungen des unmittelbaren betrieblichen Alltags. Werksschließungen verhindern, Personalaufstockung durchsetzen, Schichtpläne verhandeln, Tarifverträge sichern – all das sind konkret anstehende Aufgaben. Sie erzeugen einen Horizont, der häufig auf das unmittelbar zu Bearbeitende gerichtet bleibt. Die Frage, wie sich die jeweiligen Konflikte in größere gesellschaftliche Entwicklungen einfügen und mit diesen zusammenhängen, tritt dabei leicht in den Hintergrund.

Hierin liegt eine Stärke und eine Begrenzung gewerkschaftlicher Praxis zugleich. Gewerkschaften organisieren reale Interessen. Sie erzeugen Solidarität, kollektive Handlungsfähigkeit und Widerstandskraft. Gleichzeitig reproduzieren sie immer wieder die Bedingungen, unter denen sie handeln. Sozialpartnerschaft erscheint dann nicht als politische Entscheidung, sondern als pragmatische, letztlich unabweisbare Notwendigkeit. Standortkonkurrenz wird zur Sachzwanglogik. Nationale Wirtschaftsinteressen erscheinen als gemeinsame Interessen von Kapital und Arbeit. Diese Lage im Blick zu behalten, ist die Aufgabe einer Opposition, die effektive Veränderung vorhat – und nicht einfach Enttäuschung über die eigene Machtlosigkeit reproduzieren will.

5. Zu guter Letzt: Der Ausgang ist offen

Der entscheidende sachliche Punkt für Pfitzners Ablehnung der historischen Analogie bleibt der Satz aus dem Aufruf der Gewerkschaftskonferenz vom 2. August 1914: „Die Konferenz beschließt alle Lohnbewegungen und Streiks abzubrechen.“ Eine vergleichbare Beschlusslage gibt es heute nicht. Das ist richtig – und der Unterschied ist keineswegs nebensächlich. Der Vorwurf der Burgfriedenspolitik behauptet jedoch, wie dargelegt, keine Identität zwischen 1914 und der Gegenwart. Er bezeichnet eine politische Orientierung. Gerade deshalb lohnt ein letzter Blick darauf, was die historische Parallelisierung an Aufklärung hergeben kann.

Erstens: Seit den 1950er Jahren verzichten die DGB-Gewerkschaften auf die Durchführung von Streiks mit ausdrücklich politischen Inhalten, wie sie die Gewerkschaftsbewegung seit dem 19. Jahrhundert geprägt haben. Obwohl arbeitsrechtlich gar nicht geklärt und sowieso eine Frage des Kräfteverhältnisses, gilt der politische Streik in der BRD als rechtswidrig bzw. als „ein bisschen verboten“, wie die Bundeszentrale für politische Bildung präzisiert. Was die Gewerkschaften der Obrigkeit 1914 also erst ausdrücklich zusagen mussten, gehört damit heute – jedenfalls hinsichtlich des gewerkschaftlichen Einspruchs gegen politische Entscheidungen – weitgehend zu ihrer selbstverständlichen Geschäftsgrundlage.

Natürlich wurden damals zudem die „Lohnbewegungen“ abgebrochen, also die ‚unpolitischen‘ Arbeitskämpfe, jedenfalls so weit sie Bewegungscharakter hatten. Die Gewerkschaften meldeten sich damit aber nicht als Interessenvertretung der Arbeiter*innen ab, sondern überführten sie in die neue Rolle einer sozialpartnerschaftlich gestalteten Betreuung des Faktors Arbeit, die sich am national definierten Gemein- bzw. Betriebswohl orientiert und eine überzogene kämpferische Mobilisierung der Basis vermeidet – seit dem „Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst“ vom 5. Dezember 1916 bis hinein in den Schützengraben. Ein Verständnis gewerkschaftlicher Politik, das angesichts des Schweigens zur Novellierung bzw. Reaktivierung der Notstandsverfassung und insbesondere des „Arbeitssicherstellungsgesetzes (ASG)“ der heutigen Praxis der DGB-Gewerkschaften jedenfalls nicht völlig fremd erscheint.

Zweitens: Der entscheidende Unterschied bleibt bestehen. 1914 hatte der Krieg unter direkter deutscher Beteiligung bereits begonnen. Heute wird die Gesellschaft auf die möglichst widerspruchs- und vor allem widerstandslose Akzeptierung von Sozialkahlschlag und Demokratieabbau zur Finanzierung des Ukrainekrieges, der Unterstützung der US-Kriege, der Umstellung der Gesellschaft auf Kriegswirtschaft und auf mögliche neue deutsche Kriege vorbereitet. Gerade deshalb kommt der institutionellen Vorbereitung der militaristischen Formierung der Gesellschaft besondere Bedeutung zu.

Es stimmt zwar, es finden noch Tarifauseinandersetzungen statt. (Zu denen im Einzelnen viel zu sagen wäre.). Es gibt zunehmenden innergewerkschaftlichen Widerspruch, oppositionelle Initiativen und Kolleg*innen, die sich weigern, Sozialabbau, Aufrüstung und Kriegsvorbereitung als voneinander getrennte Sachzwänge hinzunehmen. Dass aber das gängige Arbeitsrecht im gegebenen („Spannungs-“, „Verteidigungs-“ oder „Bündnis-“) Fall ausgehebelt wird, ist in der Notstandsverfassung der BRD seit Jahrzehnten festgeschrieben. Dies motivierte ja seinerzeit oppositionelle Stimmen im DGB (so den langjährigen IG Metall-Vorsitzenden Otto Brenner), auf der Notwendigkeit des politischen Streiks zu bestehen. Anschaulichstes Beispiel ist das erwähnte und ohne Widerspruch der Gewerkschaften in die aktive Kriegsvorbereitung eingebaute ASG. Das Gewerkschaftsforum hat dazu resümiert: „Die von den DGB-Gewerkschaften so hochgehaltene Sozialpartnerschaft wird in die militärische Zwangsarchitektur überführt, die Interessenvertretung zur staatlichen Mobilmachung genutzt und die Kriegsvorbereitung greift praktisch in Betriebe, Tarifverhältnisse und kollektive Rechte ein.“

Fazit: Der gegenwärtige Burgfrieden ist weder vollständig hergestellt noch unumkehrbar. Die oppositionellen Kräfte in der Gewerkschaft stemmen sich dagegen, dass der hier kritisierte opportunistische Kurs der Apparate weiter verfolgt wird und dass die Massen sich auf eher kurz denn lang dort wiederfinden, wo sie 1914 und dann wieder 1939 hinkommandiert wurden: auf den Schlachtfeldern, wo sie das Material abgeben für das Ringen ihrer Warlords darum, wie die imperialistischen Machtverhältnisse zu gestalten sind. Die historische Analogie ist insofern keine Prophezeiung. 1914 ist eine Warnung, kein Fahrplan. Ob sich die Gewerkschaften erneut und weiter in die Logik nationaler Mobilmachung einordnen lassen oder ob es gelingt, den bereits aufbrechenden Widerspruch zu organisierter Gegenwehr zu entwickeln, ist eine politische Auseinandersetzung der Gegenwart. Genau deshalb lohnt es, sie zu führen.

P.S. Die nächste Gelegenheit dazu bietet die eingangs erwähnte Vernetzungskonferenz zum gewerkschaftlichen Widerstand am 16. und 17. Oktober in Kassel.

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Die Autoren:

Andreas Buderus und Johannes Schillo sind langjährige ver.di-Mitglieder und in der gewerkschaftlichen Basisinitiative Sagt NEIN! aktiv.

Erstveröffentlichung beim Gewerkschaftsforum Dortmund
https://gewerkschaftsforum.de/burgfrieden-heute-gewerkschaftsfuehrungen-und-widerspruch-von-unten/

Wir danken den Kollegen für diesen guten Beitrag.

Plattform-Ökonomie: Wird in China die Zukunft der Arbeit definiert?

Von WOLFGANG MÜLLER

Wolfgang Müller ist Sozialwissenschaftler und Informatiker und hat nach seinem Berufsverbot mehrere Jahre in Beijing gelebt. Für die IG Metall hat er die Beziehungen zu den chinesischen Gewerkschaften aufgebaut und organisiert seit über 10 Jahren Studienreisen mit dem Schwerpunkt Arbeitswelt in China. Im Frühjahr 2021 erschien im VSA Verlag sein Buch »Die Rätsel Chinas – Wiederaufstieg einer Weltmacht«.

Zwei Ereignisse zum chinesischen Neujahrsfest Mitte Februar zeigten die krassen Widersprüche von Chinas Entwicklung: Während tanzende Roboter die große Galaveranstaltung des Fernsehens dominierten, traf am Vorabend Chinas KP-Chef und Staatspräsident Xi Jinping demonstrativ eine Gruppe von Lieferkurieren. Er erklärte, ohne sie würden die chinesischen Städte nicht funktionieren.

Im April dieses Jahres veröffentlichten der Staatsrat, also die chinesische Regierung, und das Zentralkomitee der KP eine Direktive mit 12 Punkten zur Regulierung der Arbeitsverhältnisse in der Plattform-Ökonomie. Diese Maßnahmen zum Schutz der Beschäftigten sollen bis 2027 implementiert werden. Im Kern werden in der neuen Direktive diverse Richtlinien und Verordnungen bestätigt, die von verschiedenen Ministerien schon 2021 zur Plattformarbeit veröffentlicht wurden (Economist, 20.5.26). Der jetzige 12-Punkte-Plan fordert mehr Arbeitsschutz für neue Beschäftigtengruppen in verschiedenen Sektoren. Das Dokument fordert u.a. rechtzeitige und faire Bezahlung, ein verbessertes System der sozialen Sicherheit, besseren Arbeitsschutz bei extremen Witterungsbedingungen und mehr Transparenz, wie die Algorithmen der Plattformbetreiber Aufträge verteilen und Preise und Zeitvorgaben setzen.

Dass die KP und die chinesische Regierung hier erneut aktiv werden, zeigt die gesellschaftliche Dringlichkeit der Probleme der Plattform-Ökonomie.

Es zeigt zugleich, dass China immer mehr eine weitgehend digitalisierte Dienstleistungsgesellschaft ist mit sozialen Problemen, die in ihrer Schärfe den reichen Ländern des Westens wohl noch bevorstehen. Es geht um die Zukunft der Arbeit in entwickelten Gesellschaften, die Zukunft der Arbeit bei der weiteren Entwicklung kapitalistischer Produktionsverhältnisse.

Dabei hat die chinesische Regierung bislang immer den Weg verfolgt, der kapitalistischen Konkurrenz – und das gilt auch für die Plattform-Ökonomie – freien Lauf zu lassen. Mit Regelungen wird zunächst nur lokal oder regional experimentiert. Erst nach einer längeren Testphase werden dann landesweite Regeln und Gesetze implementiert.

Über 200 Millionen “in neuen Formen der Beschäftigung”

Im Straßenbild der Metropolen und von hunderten anderen Millionenstädten sind sie unübersehbar: die Zweirad-Lieferfahrer in ihren knallgelben, roten oder blauen Jacken. E-Commerce, die Abwicklung aller Transaktionen von der Bestellung bis zur Lieferung über das Netz, ist vermutlich in keinem anderen Land so verbreitet wie in China. Nach einer Studie eines Pekinger Finanzdienstleisters beschäftigen die digitalen Plattformen direkt oder indirekt über Subunternehmer mehr als 200 Millionen Menschen. Nach einer Schätzung der China Information Economics Society arbeiten sogar 240 Millionen, 27% aller Menschen im erwerbsfähigen Alter, in der Plattform-Ökonomie. Das sind mehr Beschäftigte als in der gesamten US-Wirtschaft.

Die Macht über das Leben von hunderten Millionen Menschen ist in Chinas digitalen Konzernen konzentriert. Konzerne wie Alibaba mit 230.000 und Tencent mit 100.000 Beschäftigten in der Stammbelegschaft sind die Treiber dieser Entwicklung, die die chinesische Gesellschaft polarisiert.

Im Maschinenraum der chinesischen Online-Wirtschaft arbeiten ca. 4 Mio. Programmierer, die 3,8 Millionen Homepages und Apps pflegen und damit die Online-Wirtschaft am Laufen halten. Ca. 5 Mio. Influencer mit jeweils mindestens 10.000 Followern sorgen für die Inhalte auf diesen digitalen Plattformen und damit für den Konsum der dort angebotenen Produkte und Dienstleistungen.

Zu den Beschäftigten in der Plattform-Ökonomie gehören auch etwa 16,5 Mio. Lkw-Fahrer.  Denn 70% aller Lkw-Fahrer bekommen mindestens die Hälfte ihres Transportvolumens von den über 2.500 LKW-Plattformen im ganzen Land. Dazu kommen die 5 bis 7 Mio. Paketkuriere, etwa 7,5 Mio. Essenslieferanten und geschätzt nochmal etwa 7,5 Mio. Fahrdienstleister, die über Plattformen wie Didi gebucht werden und in China das Taxi ersetzt haben. Immer mehr junge Chinesen wollten vor Jahren Didi-Fahrer werden.

Schließlich gehören zur chinesischen Plattform-Ökonomie auch Millionen Selbständige, die als Filmemacher, Regisseure oder Schauspieler ihr Geld zunehmend mit Mikrodramen verdienen, einem neuen Unterhaltungsformat im Netz. Auch die Millionen Influencer, die Produkte, Restaurants etc. bewerben, werden zu Chinas Gig Economy gezählt.

Nach einer Untersuchung des All-Chinesischen Gewerkschaftsbundes ACGB arbeiteten 2024 21% aller Beschäftigten in “neuen Formen der Beschäftigung“ – gemeint ist die Plattform-Ökonomie. Sie bietet Jobs für junge Leute, die auf der Suche nach Beschäftigung vom Land in die Städte kommen, für arbeitslose Städter und für Hochschulabsolventen, die noch auf der Suche nach Jobs entsprechend ihrer Ausbildung sind.

Aber nach der Studie des ACGB ist der Arbeitsmarkt in der Plattform-Ökonomie inzwischen zunehmend gesättigt, was zu sinkenden Preisen pro Auftrag und strengeren Kontrollen der Gig-Arbeiter durch die Plattformen führt. Unfälle häufen sich. Nach Daten des Lieferdienstes Meituan arbeiteten 2023 die Hälfte der Meituan-Kuriere weniger als 30 Tage im Monat. Ein Indiz dafür, dass der Job als Teilzeit- oder Übergangs-Beschäftigung gemacht wird.

Dass Paketkuriere mehr als 10.000 RMB oder umgerechnet 1.270 Euro monatlich verdienen können, ist längst Geschichte. Tatsächlich fallen die Erlöse immer mehr. Ein Kurier in der südchinesischen Metropole Shenzhen beklagte in einem Interview mit der Wochenzeitung Sanlian Lifeweek, für 10.000 RMB im Monat müsse er über 5.000 km fahren, zwischen 1.000 und 2.000 Aufträge erledigen und wenigstens 13 Stunden täglich sieben Tage die Woche arbeiten.

Nach einer Erhebung von 2023 verdienten Paketkuriere monatlich 6.803 RMB. Der Durchschnittslohn eines Fabrikarbeiters lag dagegen nur bei 6.043 RMB monatlich. Paketkuriere, LKW-Fahrer sowie Hebammen und andere postnatale Betreuerinnen hatten die höchsten Löhne von allen Berufen, die kein Studium voraussetzen.

Die jährliche Erhebung des Gig Economy Research Center ergab für die reiche südchinesische Provinz Guangdong, dass im Schnitt der letzten drei Monate die Hälfte aller erfassten Lieferfahrer weniger als 4.000 RMB oder 515 Euro pro Monat verdiente. Weniger als 20% der erfassten Fahrer verdienten mehr als 6.000 RMB; dafür mussten die meisten 8-12 Stunden täglich auf der Straße sein. In den letzten Jahren ist die Bezahlung pro Lieferung ständig gefallen. Nach den Angaben eines Essenskuriers verdienten sie 2019 noch 5-6 RMB pro Lieferung, bei Bestellungen über 3 km sogar bis zu 10 RMB. Jetzt gibt es bei Bestellungen unter 3 km noch 3,8 RMB und über 3 km nur noch 4,5 RMB. Auch die Zuschläge bei extremer Hitze sind von der Plattform Meituan gestrichen. Meituan bezahlt die Fahrer gestaffelt nach der Zahl der Auslieferungen: Wer mehr ausliefert, bekommt pro Lieferung mehr Geld. Als sich 2024 Essenslieferanten in der Hafenstadt Yantai in Shandong über vorenthaltene Löhne durch den lokalen Franchisenehmer beschwerten, wurden kurz danach ihre Accounts gesperrt. Berichte über Proteste von Lieferkurieren sind häufig, aber ihre Organisationsmacht ist gering. Nach einer Studie aus Peking von 2020 arbeiteten 95% der Essenskuriere mehr als 8 Stunden täglich, 28% sogar 12 Stunden. Die Hälfte der Befragten erledigte pro Monat über 800 Lieferungen.

Die große gesellschaftliche Rolle der Plattform-Ökonomie ist längst ein Thema der Kultur in China. Das Buch von Hu Anyou über seine Erfahrungen als Paketbote ist inzwischen auch in Deutschland aufgelegt. (1) Die Dokumentation „The Life of China‘s Food Delivery Riders in 2026“ (2), die auch auf YouTube verfügbar ist, begleitet Fahrer in drei unterschiedlichen Bezirken Beijings: in der vornehmen Gegend Wanliu, im Central Business District (CBD) und in Yuxinzhuang, einem Vorort im Norden Beijings nahe des sechsten Ringes. Dort leben viele der Fahrer, die häufig aus Dörfern der Beijing umgebenden Provinz Hebei stammen.

Ride-Hailing-Fahrer bislang privilegiert

Das gute, alte Taxi ist in China längst tot. Den Markt haben sogenannte Ride-Hailing-Firmen übernommen. Fahrdienste werden über digitale Plattformen oder mobile Apps bestellt. Die führenden Unternehmen heißen Didi und Meituan Dache.

Diese Branche ist ein großer und war bis vor kurzem vor allem ein sehr sehr gesuchter Arbeitgeber. Im vergangenen Jahr arbeiteten knapp 7,5 Millionen Fahrer in diesem Gewerbe. Nach einer neuen Studie des China Research Center on New Forms of Employment (CNFE) mit über 5. 000 Fahrern in 13 Provinzen sind die Fahrer meistens Männer. Der Frauenanteil liegt unter zehn Prozent. Mit einem Altersdurchschnitt von knapp 40 sind sie im Durchschnittsalter der Erwerbsbevölkerung. Aber die Zahl der älteren Fahrer nimmt schnell zu, weil viele zu ihrer spärlichen Rente etwas dazu verdienen wollen. Über 20 Städte haben deshalb das Höchstalter für Fahrdienstleistungen erhöht. In Hangzhou, Shenzhen und Chengdu dürfen Fahrer jetzt bis maximal 65 Jahre am Steuer sitzen.

Aber die Metropole Shenzhen im südchinesischen Perlflussdelta, deren Einwohner zu 95% Migranten aus anderen Regionen Chinas sind, hat jetzt Ende Mai offiziell erklärt, dass keine neuen Fahrerlizenzen mehr ausgegeben werden. Der Markt ist gesättigt. In der Stadt sind 140.000 Fahrzeuge und 400.000 Fahrer für Fahrdienstleistungen registriert. Die Fahrer, die ihre Wagen oft auch als Wohnung nutzen, machen im Schnitt nur 13 Fahraufträge pro Tag. Aber mindestens 30 Fahraufträge sind für ein auskömmliches Leben nötig.

Die Jobs bei Didi & Co. sind für viele ein Auffangbecken. Vor allem ehemalige Bergleute aus Chinas riesiger Kohleindustrie und Stahlarbeiter, die ihren Job verloren haben, wechselten zu einem Ride-Hailing-Unternehmen. Rund 70 Prozent der Fahrer kommen aus Arbeiterberufen. Nur 7,4% hatten einen Hochschulabschluss, 22% waren ehemalige Zeitsoldaten.

An ihrem Job schätzen die Fahrer vor allem drei Dinge: sofortige Bezahlung, geringe Eintrittshürden und flexible Arbeitszeiten. Zudem haben die Fahrer eine stärkere Position in ihrer Arbeitsbeziehung mit den Plattformen als etwa Essenskuriere. Denn sie können Aufträge ablehnen und negative Bewertungen anfechten. Das durchschnittliche Einkommen beträgt 7623 Yuan (913 Euro). Das ist höher als der durchschnittliche Monatsverdienst eines Essenslieferanten (7.496 Yuan), eines Paketboten (6.124 Yuan) oder eines Bauarbeiters (5.900 Yuan). Besonders aktive Fahrer in den Metropolen verdienen gar 11.557 Yuan. Vier von fünf Fahrern sind deshalb mit ihrem Gehalt zufrieden. Ihre Job-Zufriedenheit ist deutlich höher als bei Lkw-Fahrern (22 Prozent) und als in anderen Arbeiterberufen in China. Nach der Studie sind 63% der Fahrer die einzigen Verdiener in ihren Familien. Über drei Viertel der Befragten heuerte als Fahrer an, nachdem sie den vorherigen Job verloren hatten.

2024 waren knapp 7,5 Millionen zertifizierte Fahrer registriert, 60% mehr als 2020. Dagegen wuchsen die Fahraufträge im gleichen Zeitraum nur um 38%. Steigende Konkurrenz unter den Fahrern, unzureichende Sozialleistungen, herausfordernde Arbeitszeiten, aber auch die von den digitalen Plattformen kassierten Kommissionen für Vermittlungsdienste belasten die Fahrer. Nur jeder zehnte Fahrer zahlt selbst Beiträge zur Basis-Rentenversicherung und für die Krankenversicherung, während fast die Hälfte der Bauarbeiter und auch ein Drittel der LKW-Fahrer für ihre soziale Absicherung vorsorgen. Von der Didi-Plattform aufgelegte freiwillige Versicherungsprogramme werden wenig genutzt.
Die Aussichten für die Fahrer sind nicht mehr rosig. Die Branche hat ihren Sättigungsgrad erreicht. Es kommt deshalb zunehmend zu einem Preiswettbewerb, der die Einkommen der Fahrer schmälert, resümiert die Studie. (3)

Informelle Arbeit in Fabriken

Die Arbeitsplätze in der chinesischen Industrie in der Fertigung bieten schon lange keine auskömmliche Beschäftigung mehr. Zunehmend nutzen auch Industrieunternehmen die Plattform-Ökonomie. Das ist jedenfalls das Fazit von Studien der Pekinger Professorin Dandan Zhang und der ILO. Temporäre Beschäftigung ohne Arbeitsverträge und ohne Zugang zu Sozialleistungen wird in den Fabriken zur Regel. Die Gig-Fabrikarbeiter arbeiten als neue Tagelöhner und werden über die digitalen Plattformen vermittelt. Nach einer Feldstudie aus den Jahren 2022 bis 2024 in Chinas industriellen Zentren, den Provinzen Guandong im Perlflussdelta und Jiangsu um Shanghai am Jangtse, machten temporär Beschäftigte im Durchschnitt ein Drittel, in Hochphasen sogar zwei Drittel der gesamten Belegschaften aus. (4) In Werken mit über 10.000 Arbeitern kamen bis zu 80% der Arbeiter von Personalagenturen. Das Durchschnittsalter der Leiharbeitnehmer war 27, die meisten kamen aus ländlichen Regionen. Der temporäre Job erforderte meistens geringen Qualifikationen. Aber die meisten hatten den Abschluss einer Oberschule und viele auch einen Universitätsabschluss.

Zaghafte Regulierung: Schließung der “Geisterküchen”

Essens-Lieferdienste in China müssen künftig regelmäßig überprüfen, ob die Namen der Küchen bzw. Restaurants auf ihren Apps den tatsächlichen Standorten entsprechen und ob sie eine entsprechende Lizenz haben. Ab Juni 2026 wollen die chinesischen Behörden unangekündigte Inspektionen durchführen. Hintergrund sind landesweite Beschwerden über Hygieneprobleme etc. So hatte sich eine Pekinger Kundin über eine Kuchenlieferung beschwert. Das Konditorei-Unternehmen, das angeblich über 380 Filialen verfügte, hatte aber keine einzige und außerdem eine gefälschte Lizenz. Die später landesweit ausgedehnte Untersuchung ergab ein Netzwerk von 67.000 nicht existierenden “Geister-Restaurants”. Die Bestellungen über die Apps wurden von den Essens-Lieferdiensten an die jeweils billigsten Anbieter weitergeleitet, die dann den Auftrag erledigten.

Die Essens-Lieferdienste hatten bislang auf Expansion gesetzt und ihre Lieferanten nicht kontrolliert. Mehr Restaurants und mehr Produkte machen eine App attraktiver. Im Dezember 2025 machten Essensbestellungen 56% aller Transaktionen im chinesischen Internet aus. Die großen E-Commerce-Firmen Meituan, Pinduoduo und JD.com (gerade bei der Übernahme von MediaMarkt-Saturn) müssen jetzt über 500 Mio. Euro Strafe zahlen.

Wenig regulierte Plattform-Ökonomie als Beschäftigungspuffer

Schon frühzeitig hat die chinesische Regierung speziell in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit auf die Plattform-Ökonomie gesetzt. Das hat dabei geholfen, die Beschäftigung insgesamt zu stabilisieren. Als Beispiel dafür gilt der Abbau von Überkapazitäten in Chinas Kohle- und Stahlindustrie von 2014 bis 2019. Nach Schätzungen des Ministeriums für Arbeit und soziale Sicherheit verloren damals 1,8 Mio. Arbeiter zumeist im Alter zwischen 40 und 50 ihren Arbeitsplatz. Typischerweise hatten sie kaum andere Qualifikationen und waren zudem die Hauptverdiener für ihre Familien. Nach einer Studie waren schon im Juni 2017 über 350.000 Stahl- und Kohlearbeiter als Fahrer zur Didi-Plattform gewechselt. Sie machten damals über 19% aller Didi-Fahrer aus.

Bei einer internationalen Konferenz vor 13 Jahren in China über Arbeitnehmerüberlassung und Zeitarbeit wurden die unterschiedlichen Sichtweisen über die neuen Formen der Beschäftigung sehr deutlich: Während die Vertreter aus Europa und den USA vor allem die Bedeutung fester, geschützter Arbeitsverhältnisse betonten und Zeitarbeit als Auswuchs kapitalistischer Ausbeutung kritisierten, stellten die chinesischen Gewerkschafter die Rolle von Zeitarbeit und der Plattform-Ökonomie für die Schaffung von Arbeitsplätzen heraus.

Die meisten Beschäftigten in Chinas Plattform-Ökonomie können leicht ersetzt werden und haben wenig Verhandlungsmacht. Viele sind auch schlecht ausgebildet. Ihre schlechten Arbeitsbedingungen und ihre mangelnde soziale Absicherung sind eigentlich ein Skandal für ein Land, das sich sozialistischen Zielen verpflichtet fühlt. Ein ganzes Jahrzehnt bis 2020 sind die digitalen Plattformen unter dem staatlichen Schutzschirm gewachsen und haben Millionen neue Arbeitsplätze mit geringen Eintrittshürden geschaffen.

Die chinesische Regierung hat es bislang vermieden, den Plattform-Betreibern höhere Kosten aufzuerlegen. Die Regelungen von 2020 sind nahezu wirkungslos verpufft, vermutlich vor allem, weil die zuständigen Lokal- und Regionalregierungen wenig zur Umsetzung getan haben.

Sind Beschäftigte in der Gig Economy Arbeitnehmer? Das ist nicht nur in China die Kernfrage. Die Richtlinie von 2021 für Essenslieferanten verlangt von den Plattformen und deren Partnern, “Arbeitnehmern mit einer etablierten Arbeitsbeziehung“ eine soziale Sicherung zu garantieren (Arbeitsschutz, Krankenversicherung, Rente). Aber in der Richtlinie fehlen präzise Kriterien für den Arbeitnehmerstatus. Das ist ein ständiges strittiges Thema in Arbeitsgerichtsprozessen. Das oberste Gericht in Peking urteilte, dass „willkürliches Personalmanagement, flexible und sehr verschiedene Entlohnungsmodelle und Unklarheiten in den Geschäftsfeldern hohe Hürden geschaffen haben, ein Arbeitsverhältnis festzustellen”. Das Gericht empfahl den Plattformen, klar zwischen Arbeitnehmern und freien Mitarbeitern zu unterscheiden.

Bei der Essensplattform Meituan gibt es jetzt zwei Sorten von Lieferanten: die einen sind Vollzeitbeschäftigte, die anderen freie Mitarbeiter oder Beschäftigte von Personalagenturen. Mit diesem Modell vermeiden Meituan (75% des Umsatzes waren 2020 Personalkosten) und andere Plattformen hohe Kosten für die soziale Absicherung der meisten Kuriere und behalten ihre Flexibilität. Die sozialen Kosten trägt die chinesische Gesellschaft.

Es ist deshalb fraglich, ob die jetzt im April 2026 erlassene neue Direktive von Regierung und ZK zur Verbesserung der Situation der Beschäftigten der Plattform-Ökonomie an dieser unbefriedigenden Situation etwas ändern wird.

Die zunehmende Einführung von KI in immer mehr Arbeitsprozessen wird zudem nach einer Studie eines Wissenschaftlers der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften das Beschäftigungsproblem in China noch weiter verschärfen: Der Forscher Cai Fang beschreibt einen gesellschaftlichen Prozess, in dem Arbeitskräfte zunehmend von Sektoren mit hoher Produktivität in weniger produktive Bereiche wechseln. Das werde die aktuelle paradoxe Situation einer hohen Jugendarbeitslosigkeit angesichts einer Masse von gut ausgebildeten Arbeitskräften noch weiter verstärken. Mit KI würden auch die Einkommensunterschiede weiter wachsen. Als Lösung sieht der Forscher die Entkopplung von Bezahlung und Produktivität durch eine stärkere Umverteilung. Ob das aber aktuell in China und besonders in der KP mehrheitsfähig ist, bleibt fraglich.

Aber auch die Plattform-Ökonomie ist voraussichtlich nicht mehr der große Beschäftigungsmotor und Puffer wie in den vergangenen 15 Jahren: Der Tech-Konzern und Plattformbetreiber JD.com geht davon aus, dass demnächst die Jobs von 700.000 Lieferanten durch Roboter wegfallen (Financial Times, 23.6.26).

Fußnoten

(1) Hu Anyan: Ich fahre Pakete aus in Peking, Berlin 2025

(2) https://at.video.search.yahoo.com/yhs/search;_ylt=AwrkNx3.nBFqud8PxgNvMgx.;_ylu=Y29sbwMEcG9zAzEEdnRpZAMEc2VjA3BpdnM-?p=2026%E4%B8%AD%E5%9B%BD%E5%A4%96%E5%8D%96%E5%91%98%E7%94%9F%E5%AD%98%E6%8A%A5%E5%91%8A%29&type=Y143_F163_225899_091823&hsimp=yhs-018&hspart=trp&ei=UTF-8&fr=yhs-trp-018#id=1&vid=4e98bbf67764d4aa23a24e58b007b7ec&action=vie

(3) https://www.beijingscroll.com/p/inside-chinas-748-million-ride-hailing

(4) https://researchrepository.ilo.org/view/delivery/41ILO_INST/13147301370002676?bypassKey=492dd5a5-3f7a-45de-9fa7-2d91f07c5f19&utm_source=substack&utm_medium=email


Der Artikel erschien auf https://isw-muenchen.de/ und wird hier mit freundlicher Genehmigung des Autors gespiegelt.
Bildbearbeitung: L.N.

Ein Spektrum der Kritiker:innen der „friedensethischen Neuausrichtung“ der deutschen Kirchen

Umdenkschrift III zum „Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden“ erschienen

In Antikriegsbewegungen haben Menschen, die eine religiös geprägte Weltanschauung besitzen, immer schon eine wichtige Rolle gespielt. Die Ablehnung des Krieges und der Kampf gegen Kriegsgefahren speist sich aus unterschiedlichen geistigen Quellen. So auch in Deutschland. Wirft man einen Blick zurück auf die letzte große Friedensbewegung der 1980er Jahre, so stößt man schnell darauf, dass Organisationen wie Pax Christi zu den Gründern gehörten und auch evangelische Christen wie Dorothee Sölle einen großen Einfluss auf die Menschen in der Bewegung hatten. Ich kann mich noch gut an eine Rede von ihr auf einer der großen Demos der Friedensbewegung in Bonn erinnern. Ihr von der Befreiungstheologie geprägtes Denken hatte ein authentische Kraft, die Herzen gewann. Sie stand repräsentativ für den Bruch mit einer reaktionären Tradition deutscher Pfarrhäuser und für ein Umdenken innerhalb der Kirchengemeinden. Im Zeichen der sog. „Zeitenwende“ gibt es auch hier einen erkennbaren Roll Back, der sich in der Denkschrift der EKD „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ (November 2025) wiederfindet. Diese Kehrtwende bleibt jedoch nicht ohne Widerspruch. Peter Bürger ist aktiv in der Friedensbewegung und einer der scharfsinnigsten und anerkannten Akteure dieser Bemühungen. Wir haben im Forum hier schon mehrere seiner Artikel veröffentlicht. Er ist Herausgeber einer mittlerweile dreibändigen Reihe unter dem Titel „Umdenkschrift – zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden“, die wir hier gerne vorstellen. In der Vorstellung des im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie jetzt erschienenen dritten Bandes heißt es:

Die jüngste EKD-Denkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ (November 2025) hat wegen ihrer regierungsnahen und militärfreundlichen Ausrichtung viel Widerspruch hervorgerufen. Erschlossen werden die kritischen Wortmeldungen zum neuen deutschen Kirchenkurs in der Reihe „Umdenkschrift zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden“. Der hier vorgelegte dritte Band enthält auf über 400 Seiten zahlreiche weitere Beiträge zur EKD-Kontroverse und dokumentiert Ökumenische Friedensstimmen, die ermutigen. Im öffentlichen Raum waltet weithin ein naiver Militarismus. Doch immer mehr Realisten und Fromme widersagen den Kriegspropheten: „Friede ist die Überlebensbedingung der Menschheit.“ Ein Text von Margot Käßmann (ehemalige Ratsvorsitzende der EKD) eröffnet die Dritte Sammlung: „Für mich ist mit dieser Denkschrift eine große Chance verpasst, in Zeiten massiver Aufrüstung glasklar für Abrüstung zu plädieren. Die Chance, den Pazifismus aus christlicher Überzeugung und auf Grundlage des Evangeliums wieder in die Debatte in der Mitte der Gesellschaft zu bringen. Die Chance, eine Ächtung atomarer Waffen und die Forderung nach einem Beitritt Deutschlands zum Atomwaffenverbotsvertrag ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Die Chance, deutlich zu machen, dass es nicht um Wehrpflicht geht, sondern um die Verpflichtung zum Kriegsdienst, demgegenüber die Verweigerung in der Tat das deutlichere christliche Zeichen ist. Da ist die Lehre Jesu glasklar. [. . .] Ja, traurig. Gerade in diesen Zeiten könnte unsere evangelische Kirche eine starke, klare Stimme für den Frieden und den Abbau von Feindbildern sein, wenn wir an den Konflikt in Israel und Gaza, an den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine denken. Diese Chance ist vertan. Hoffnung macht, dass es sie noch gibt, die vielen kleinen Friedensinitiativen und aktiven Kirchengemeinden . . .“

Hier findet sich auch eine Übersicht über die Artikel des Bandes: https://www.bod.de/booksample?id=6527951&referrer=shop

Infos und Bestellwege auch zu den beiden ersten Bänden sind hier:

(I) Umdenkschrift zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden. Kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. – Eine Sammlung. Herausgegeben von Peter Bürger, im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie (= edition pace Bd. 43). Hamburg: BoD 2026. [ISBN 978-3-6957-4347-6; Paperback; 300 Seiten; 11 farbige Abbildungen; Ladenpreis 12,99 Euro]
https://buchshop.bod.de/umdenkschrift-zum-evangelischen-diskurs-ueber-krieg-und-frieden-9783695743476 
Alle Infos zur Ersten Sammlung: https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/015537.html

(II) Umdenkschrift II zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden. Weitere kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. – Zweite Sammlung. Herausgegeben von Peter Bürger, im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie (= edition pace Bd. 44). Hamburg: BoD 2026. (ISBN 978-3-6957-4733-7; Paperback; 152 Seiten; Ladenpreis 7,99 Euro) https://buchshop.bod.de/umdenkschrift-ii-zum-evangelischen-diskurs-ueber-krieg-und-frieden-9783695747337 
Alle Infos zur Zweiten Sammlung: https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/015549.html

Umdenkschrift III zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden. Texte zur EKD-Kontroverse und Ökumenische Friedensstimmen. – Dritte Sammlung. Herausgegeben im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie. Hamburg 2026.  [ISBN 978-3-6957-8405-9; Paperback; 436 Seiten; Ladenpreis 16,99 Euro]  
(Alle Infos: lebenshaus-alb.de/magazin/015601.html).

Im Forum veröffentlichte Artikel von Peter Bürger:

https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/pazifisten-und-antimilitaristinnen-aus-juedischen-familien/

https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/christliche-kriegstheologie-im-update-hallelujah-der-atomkrieg-kann-kommen/

https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/51268-2/



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