Die falsche Enteignungsdebatte

Warum Vonovia und Rheinmetall gleichermaßen davon profitieren.

Von HANNES DRAEGER

Steffen Krach, SPD-Kandidat in Berlin, wollte Die Linke im Wahlkampf vorführen – und ist damit selbst zum Gespött in den sozialen Netzwerken geworden. Zu Recht: Nichts ist heute dringlicher, als die großen Immobilienkonzerne zu enteignen und den Berliner Mieter:innen Luft zu verschaffen.

Die Kritik von links richtet sich vor allem gegen den Verrat der SPD an der Berliner Bevölkerung: Bis heute weigert sie sich, den erfolgreichen Mietenvolksentscheid umzusetzen. Doch auch Krachs Aktion, die Enteignung des Russischen Hauses zu fordern, verdient eine kritische Einordnung.

Dabei soll es hier weniger um die politische Ausrichtung des Russischen Hauses selbst gehen.

Seine Arbeit beruht auf einem zwischenstaatlichen Regierungsabkommen zwischen Russland und der Bundesrepublik von 2013 zur Förderung des Kulturaustauschs. Die Betreiber sind dem russischen Außenministerium unterstellt – ein kritischer Blick auf die dort etwa in Ausstellungen verbreiteten Narrative ist daher angebracht.

Wogegen wir uns jedoch wehren müssen, ist der Chauvinismus, der in solchen Debatten immer wieder mitschwingt. Es ist noch nicht lange her, dass die vermeintliche Sicherheitsexpertin Florence Gaub bei Markus Lanz erklären durfte, auch wenn „Russen europäisch aussehen, [seien] es keine Europäer […J im kulturellen Sinne“. Russen hätten außerdem einen „anderen Bezug zur Gewalt“ und einen „anderen Bezug zum Tod“.

Unter Beifall aus taz und Grünen erhielt der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan 2022 den „Friedenspreis“ des Deutschen Buchhandels, obwohl er in seinem Buch Russen pauschal als „Tiere“ und „Unrat“ bezeichnete.

Die Debatte um das Russische Haus lässt sich von dieser gesellschaftlichen Entwicklung nicht trennen. Ein „nationales Wir“ wird beschworen, das sich gegen die „russische Bedrohung“ verteidigen müsse. Solche Debatten erzeugen Aufmerksamkeit, halten die Konfrontation präsent und tragen letztlich zur geistigen Mobilmachung für Zeitenwende und Jahrhundertaufrüstung bei.

Wo sonst der triste König Sachzwang jede politisch wirksame Maßnahme blockiert, scheint gegen „russische Einflussnahme“ plötzlich alles möglich. Um das Russische Haus zu schließen, könne man etwa kreativ werden, Brandschutzprüfungen ansetzen und das Bauamt einschalten, forderte ein Anwalt auf einer Veranstaltung der Grünen.

Ein Grünen-Funktionär ging noch weiter und brachte unter Berufung auf die EU-Sanktionen sogar Freiheitsentzug für Ausstellungsbesucher ins Spiel.

Doch niemand fragt: Wo bleibt dieses Maulheldentum, wo diese inszenierte Prinzipientreue, wenn es um Kriegsverbrechen von Staaten geht, die mit der Bundesrepublik verbündet sind?

Ich teile Ingar Soltys Beobachtung, dass sich viele Grünen-Funktionäre innerlich längst im Krieg mit Russland sehen und im „nationalen Wir“ aufgegangen sind. Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang den Weg der SPD in den Ersten Weltkrieg 1914 zu studieren: Unter dem Banner eines fortschrittlichen Kampfes gegen das reaktionäre Zarenreich gewannen patriotische Denkmuster und ein zunehmend aufgeheiztes Russen-Bashing an Boden.

Dass die BILD-Zeitung Krachs Foto-Aktion begeistert aufgriff, ist deshalb ebenso bezeichnend wie erwartbar. Sozialistinnen und Sozialisten sollten sich an dieser Spielart der „inneren Zeitenwende“ nicht beteiligen. Wir hegen keinerlei Sympathie für die russische Regierung. Aber ebenso entschieden stehen wir gegen antirussischen Chauvinismus – auch dann, wenn er sich als vermeintlich fortschrittlicher Kampf gegen autoritäre Regime präsentiert.

Die Vorstellung, dass solche Aktionen die Chancen auf Frieden in der Ukraine erhöhen, ist absurd.

Jede öffentlichkeitswirksame Verschärfung der Spannungen zwischen der Bundesrepublik und Russland stärkt die russische Regierung an der Heimatfront. Sie kann sich einmal mehr als Verteidigerin gegen den „äußeren Feind“ inszenieren.

Was in Zeiten wachsender Konfrontation tatsächlich steigt, sind die Aktienkurse von Rheinmetall.

Erinnern wir uns: Auch der antimuslimische Rassismus konnte seine Wirkung voll entfalten, weil geistige Brandstifter im Inneren ihre islamfeindlichen Vorstellungen zu einer Zeit verbreiteten, als die Bundesrepublik sich am sogenannten „Krieg gegen den Terror“ in muslimisch geprägten Ländern beteiligte.

Einer der prominentesten Stichwortgeber dieser Debatte war übrigens ein gewisser Thilo Sarrazin

– damals führender Funktionär der Berliner SPD.

Hannes Draeger auf Instagram

Sinfonieorchester musiziert gegen Vonovia

Mit Pauken und Trompeten spielte die Gruppe Lebenslaute vor der Zentrale des Wohnungskonzerns in Bochum auf. Ein Auftritt im Kunstmuseum wurde verboten.

Von PETER NOWAK

Titelphoto: privat

Siehe zu diesem Thema auch die folgenden aktuellen Artikel im nd:

Vergesellschaftung – Ausweg aus der Krise

Die Linke hat recht. Keine Kompromisse bei der Enteignung

Es war ein ungewöhnliches Bild am Donnerstagmorgen vor der Vonovia-Zentrale in Bochum. Vier Stunden lang blockierten rund 90 in Schwarz und Weiß gekleidete Musiker*innen und Sänger*innen die Eingänge des Gebäudes. Sie beschallten die Straße mit klassischen Werken von Clara Schumann, Florence Price und Joseph Haydn, aber auch mit Musik von Kurt Weill. Der »Baggerführer Willibald« von Dieter Sieverkrüp animierte das Publikum zum Mitsingen. Dort heißt es in einer Strophe: »Wie Willibald das sagt, so wird es auch gemacht! Die Bauarbeiter legen los. Und bauen Häuser, schön und groß, wo jeder gut drin wohnen kann – weil jeder sie bezahlen kann!«

Um bezahlbaren Wohnraum geht es auch der Musikgruppe Lebenslaute diese Woche. Sie will den Verantwortlichen von Vonovia kein Ständchen bringen. »Wenn, dann wollten wir ihnen den Marsch blasen«, sagte eine Aktivistin mit einem Lachen zu »nd«. Sie und die anderen spielen regelmäßig widerständige Musik. So musizierten sie 2024 vor einem Neonazizentrum in Eisenach, 2020 vor der Zentrale des Rüstungskonzerns Rheinmetall in Unterlüss und 2019 vor der Flüchtlingsunterkunft Horst in Mecklenburg-Vorpommern.

»Der Konzern betreibt Spekulation, Entmietung, Luxussanierung und Verdrängung von Mieter*innen – mit dem ausschließlichen Ziel, den Profit der Aktionäre zu steigern.« Viola Forte Lebenslaute

Dieses Jahr hatten sich die Musiker*innen den Vonovio-Konzern als Ziel ihrer künstlerischen Intervention ausgewählt. Er ist einer der großen Player am Immobilienmarkt. »Vonovia macht Wohnraum zum Renditeobjekt. Der Konzern betreibt Spekulation, Entmietung, Luxussanierung und Verdrängung von Mieter*innen – mit dem ausschließlichen Ziel, den Profit der Aktionäre zu steigern«, begründet Lebenslaute-Sprecherin Viola Forte gegenüber »nd« die Auswahl.

Ein für Freitagabend im Bochumer Kunstmuseum geplantes Lebenslaute-Konzert sagte die Museumsleitung ab. In einem »nd« vorliegenden Schreiben heißt es zur Begründung: »Ihre Zusicherung, dass Strafvorschriften nicht verletzt werden, ist für uns nicht nachvollziehbar, wenn Sie weiterhin den Namen des Wohnungsbauunternehmens Vonovia nennen wollen.« Lebenslaute wies die Vorwürfe zurück und verlegte das Konzert in die Bochumer Innenstadt. Eine Nachfrage von »nd« an das Bochumer Kunstmuseum, ob vielleicht Druck von Seiten der Politik oder von Vonovia bei der Absage eine Rolle gespielt hätten, blieb unbeantwortet.

Ähnliche Artikel

»Vonovia ist in 16 Lobbyverbänden aktiv und steckt Millionen in Lobbyarbeit«, kritisiert Forte und verweist auf ein aktuelles Beispiel. »Die Regierungskoalition will den Ländern die Anwendung von Artikel 15 Grundgesetz verbieten, der die Vergesellschaftung von großen Unternehmen möglich macht. Damit stellt sie sich offen auf die Seite von Finanz- und Immobilienkonzernen statt auf die der Mieter*innen.«

Die drohende Streichung des Vergellschaftungsparagrafen ist eine Reaktion auf das Volksbegehren der Berliner Initiative Deutsche Wohnen und Co. Enteignen. Es wurde in Berlin 2021 mit großer Mehrheit von der wahlberechtigten Einwohnern der Hauptstadt angenommen, aber bis heute von der Politik verschleppt. Nach dem Berliner Vorbild hat sich auch in Nordrhein-Westfalen eine Initiative Vonovia Enteignen gegründet. Diese Forderung haben die Aktivist*innen von Lebenslaute aufgenommen. Aber sie richten auch weitere Ansprüche an die Politik. »Mieten deckeln, Sozialwohnungen erhalten, Spekulation stoppen und das Grundgesetz anwenden«, fasst Forte knapp zusammen.

Erstveröffentlicht im nd v. 8.8. 2026
Musikorchester musiziert gegen Vonovia

Wir danken für das Publikationsrecht.

Die Ausstellung „Leere Schulbänke im Iran“ kommt nach Berlin

Wann: Am 29. August 14:00 – 20:00 Uhr

Wo: Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Str.4. 10405 Berlin

Im Januar 2026 erschütterten landesweite Proteste den Iran. Auf den Straßen des gesamten Landes wurden Demonstrierende von den Sicherheitskräften der Islamischen Republik getötet. Unter den Opfern befanden sich erschreckend viele Kinder und Jugendliche.

Die Lehrer*innengewerkschaften des Coordinating Council of Iranian Teachers` Trade Associations (CCITTA) spielten während dieser Proteste eine wichtige Rolle bei der Organisation des zivilgesellschaftlichen Widerstands. Sie organisierten unter anderem die Kampagne „Empty Desks“, um an die getöteten Schüler*innen zu erinnern. In diesem Rahmen wurden ihre Namen, Bilder und Lebensgeschichten gesammelt und dokumentiert, damit sie nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden.

Während des Angriffskrieges der USA und Israels gegen den Iran führte die CCITTA eine ähnliche Kampagne unter dem Motto „Abandoned Backpacks“ durch. Dabei dokumentierte sie unter anderem die Namen von mehr als einhundert Schulkindern, die Ende Februar 2026 bei der Bombardierung einer Grundschule für Mädchen in Minab durch die USA ums Leben kamen. Zudem rief sie zu Gedenkaktionen für die Opfer auf.

Am 29. August wird dazu im Haus der Demokratie die Ausstellung „Leere Schulbänke“ des Solidaritätsnetzwerkes iranischer Lehrer*innen im Exil gezeigt. Die Ausstellung besteht aus einer mehrere Meter langen Dokumentationswand, auf der hunderte Schüler*innen zu sehen sind, deren Schicksale von der CCITTA dokumentiert wurden und die entweder während der Proteste im Januar oder während des Krieges ihr Leben verloren haben.

Im Rahmen der Ausstellung werden auch iranische Kolleg*innen über die derzeitige katastrophale Lage im Bildungsbereich, die aktuelle Situation von Lehrkräften und Schüler*innen sowie die Arbeit der iranischen Gewerkschaften während des Krieges im Iran berichten. Es spricht unter anderem Esmaeil Abdi. Er war früher Generalsekretär der Teheraner

Lehrer*innengewerkschaft (ITTA). Insgesamt verbrachte er zehn Jahre in Haft, unter anderem im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran.

Veranstalter*innen:

Solidaritätsnetzwerk iranischer Lehrer*innen im Exil

Komitee zur Unterstützung der politischen Gefangenen im Iran-Berlin e.V.

Iranische Aktivist*innen im Exil, Berlin

AG Internationales der GEW Berlin

Quelle: GEW Berlin , Berlin Education Workers

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