Der Nuclearban Radmarathon trägt alte Ideale mit dem Fahrrad durch Berlin und Brandenburg
Von Tom Mustroph
In diesem Jahr führte die Rennraddemo von Berlin über Seelow, Frankfurt/Oder und Fürstenwalde bis zurück in die Hauptstadt. Bild: Julius Päske
Die Regenwolken hatten sich gerade erst verzogen, als sich ungefähr 50 Menschen am Samstag vor einer Woche auf Rennrädern vor der Internationalen Psychoanalytischen Universität in Berlin Moabit trafen. In einem extra bereitgestellten Raum der Uni hefteten sie sich Startnummern an ihre Trikots, überprüften noch einmal ihr Material, stürzten schnell einen Begrüßungskaffee hinunter und setzten sich dann wieder auf ihre Rennmaschinen – begleitet von zehn Polizeimotorrädern und zwei Einsatzwagen, die unterwegs die Kreuzungen absperren würden. 260 Kilometer durch Berlin und Brandenburg lagen vor allen. Eine herausfordernde Distanz. Allerdings auch für ein herausragendes Ziel: Der Nuclearban Radmarathon setzt sich für die Abschaffung von Atomwaffen ein.
»Wir öffnen die Herzen für ein Thema, das im Moment so sperrig ist. Alle schreien nach Aufrüstung, auch die Atomwaffenstaaten, stets unter dem Motto: ›Wir müssen wieder unsere Muskeln zeigen.‹ Aber die Muskeln spielen lassen, wird auf Dauer nicht funktionieren. Wir müssen das Gegenteil machen, müssen zusammenkommen. Und dafür sind wir ein Beispiel, dafür steht diese Fahrt«, sagt Roland Blach »nd«. Blach arbeitet hauptamtlich für die Friedenswerkstatt Mutlangen. Dort ist vor mehr als 20 Jahren auch die Idee für den Nuclearban Radmarathon entstanden.
»2004, im Vorfeld des 60. Jahrestags des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und Nagasaki, haben wir uns gefragt: Wie können wir das Gedenken an die überlebenden Opfer, die ja jetzt allmählich wegsterben, aufrechterhalten und auch das Wissen um die Notwendigkeit abzurüsten? Wir wollten etwas machen, das auf eine gute Art und Weise Menschen anzieht«, blickt Blach auf die Entstehungsgeschichte zurück.
330 Kilometer gegen das Vergessen
Bekannt war schon, dass es zum traurigen Jubiläum der Atombombenabwürfe Aktionen an den US-Stützpunkten in Stuttgart, Ramstein und Büchel geben würde. »Stuttgart war die Kommandozentrale für die amerikanischen Streitkräfte in Europa. In Ramstein gab es damals Atomwaffen, in Büchel in der Eifel gibt es sie auch jetzt noch. Ein Freund, der selbst schon fast die ganze Welt umradelt hat, sagte zu mir: ›Komm, wir fahren die drei Orte mit dem Fahrrad ab. Das sind 330 Kilometer. Das können wir an einem Tag schaffen. Es gibt so eine Szene, die das macht‹.«
Die Szene gab es in Süddeutschland, wo der Radmarathon in diesem Jahr bereits zum 22. Mal ausgetragen wurde. Und es gibt sie auch in Berlin und Umland, wo die nordöstliche Version zum mittlerweile dritten Mal ausgetragen wird. Manche sind in diesem Jahr neu dabei. »Wir haben die Veranstaltung letztes Jahr an uns vorbeirauschen sehen und dachten, dass das eine coole Sache ist«, erzählt Andreas, 45 Jahre, gebürtiger Berliner, der inzwischen aber bei Bernau wohnt. »Wir haben recherchiert: Was ist das überhaupt? Was waren das für Verrückte, die da mit Polizeibegleitung und schicken Trikots durch die Stadt geflitzt sind? Und dann war ziemlich schnell klar, dass im nächsten Jahr entweder ich oder meine Frau mitfahren.«
Die Faszination war eine doppelte: »Für uns als Sportler ist es natürlich cool, mal auf einer eigenen, abgesperrten Strecke durch die Stadt fahren zu können. Und mit der Forderung dahinter können wir uns auch identifizieren.« Lange Rennstrecken sind für ihn und seine Partnerin auch kein Problem. Die Mecklenburger Seenrunde sind sie abgefahren, über 300 Kilometer, und auch mal von Berlin zum Brocken im Harz – eine vergleichbare Distanz.
Von Berlin nach Paris für die gute Sache
Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben bereits ihre Erfahrungen im Langstreckenbereich gesammelt. »Wir fahren schon mal einfach aus Daffke von Berlin nach Dresden«, erzählt Silvio Fränkel, der in diesem Jahr auch schon von Berlin nach Paris gefahren ist – allerdings nicht nur zum Spaß, sondern im Kontext der Benefizfahrt von Team Rynkeby. »Es geht darum, Kindern, die an Krebs erkrankt sind, und deren Familien zu helfen«, erzählt er »nd«. Am 3. Juli ging es los. »Wir trafen dann am 10. Juli in Paris ein mit mehr als zweitausend anderen Sportlern aus vielen anderen Ländern.«
Besonderer Höhepunkt in diesem Jahr: Es fuhr ein Kind mit, das zuvor selbst an Krebs erkrankt war und auch dank der gesammelten Spenden geheilt werden konnte. »Ich fahre einfach gerne Rad. Und wenn ich das noch mit einem guten Zweck verbinden kann, ist das umso schöner«, fasst Fränkel seine Motivation zusammen. Nicht überraschend also, dass er auch beim Nuclearban Radmarathon dabei war.
Zwischenstopp am Brandenburger Tor
Die Fahrt ist in einige Teilabschnitte gegliedert. Der erste ist kurz, führt von Moabit zum Brandenburger Tor. Das 50 Teilnehmer umfassende Feld fährt angeleuchtet vom Blaulicht der Polizeibegleitung eine Schleife vor dem Tor. Organisator Blach hält eine kurze Rede. Er zeigt auf die umliegenden Botschaftsgebäude der USA, von Großbritannien und Frankreich – allesamt Atommächte. »Wir wünschen uns sehr, dass wir diese Massenmordwaffen in naher Zukunft nicht mehr haben werden«, wendet er sich an die abweisenden Gebäude, deren Kameraaugen den Wunsch vielleicht doch aufgezeichnet haben.
»Natürlich sieht es gerade ein bisschen anders aus, aber dafür sind wir unterwegs, dass dieses System der Atomwaffen überwunden wird«, sagt er, und er erinnert an den legendären Spruch der Friedensbewegung der 1980er Jahre aus Mutlangen: »Unser Mut wird langen, nicht nur in Mutlangen«.
Weiter geht es dann über etwa 70 Kilometer nach Seelow, 1945 Schauplatz einer der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Jetzt nennt sich Seelow »Stadt des Friedens«. »Wir sind auch im Städtenetzwerk ›Bürgermeister für den Frieden – Mayors for Peace‹ vertreten. Und da geht es genau darum, dass der Atomwaffenverbotsvertrag unterzeichnet wird von allen Staaten«, betont Bürgermeister Robert Nitz, der an diesem Samstagmittag eigens zum Empfang der Langstreckenradler für eine atomwaffenfreie Welt gekommen ist und mit seinen Mitarbeiterinnen eine reich gedeckte Tafel mit Kaffee und Kuchen vorbereitet hat.

An den Zwischenstopps gab es für die Radsportler Suppe, Würstchen oder auch mal ein Friedenslied. Julius Päske
Auch Frankfurt an der Oder ist beim internationalen Netzwerk der »Mayors for Peace« dabei, wie eine prächtig im Wind wehende Fahne am Rathaus belegt. Auf dem Platz vor dem Rathaus hat das örtliche Friedensnetz eine Fahne mit dem alten Spruch der kirchlichen Friedensbewegung »Schwerter zu Pflugscharen« aufgestellt. Es gibt Suppe und Würstchen für die Radfahrer, ein Friedenslied wird gesungen. Und auch hier ist das Stadtoberhaupt gekommen. Oberbürgermeister Axel Strasser ist froh, dass der Nuclearban Radmarathon in seiner Stadt ist. Mit einem kleinen administrativen Trick hat er das Rathaus auch am Wochenende dafür geöffnet. »Wir haben beschlossen, dass wir die Bürgersprechstunde auf den heutigen Tag legen. Damit ist das Rathaus, das sonst am Samstag geschlossen ist, am heutigen Tag offen und wir können die Teilnehmer hier begrüßen«, erzählt er »nd«.
Trotz der vielerorts zu beobachtenden politischen Aufrüstung betont Strasser: »Ich bin Oberbürgermeister einer Stadt mit 57 000 Einwohnern. Krieg ist immer eine Katastrophe. Aber wenn ich mir die Zerstörungskraft dieser Waffen ansehe, würde das für eine Stadt wie Frankfurt bedeuten, dass sie mit einem Schlag ausgelöscht wäre. Diese Vorstellung allein macht es für mich so abwegig, über Atomwaffen als Abschreckung nachzudenken.«
Auch auf den nächsten Stationen, in Fürstenwalde und Königs Wusterhausen, positionieren sich Vertreter der Stadtverwaltung ganz deutlich gegen Atomwaffen. Der Radmarathon hat neue Banden geknüpft. Auch auf offener Strecke wird das Peloton immer mal wieder gefilmt, beklatscht, freudig begrüßt. »Rennradfahren ist ein Medium, das Menschen zusammenbringt«, konstatiert Initiator Blach zufrieden und verweist auf viele offene Türen bei den Stationen unterwegs. Nur in Berlin, beim Endpunkt des Marathons vor dem Roten Rathaus, bleiben die Tore geschlossen. Auch die lokale Politik hält sich auffallend zurück – ganz so, als sei die Sorge vor der atomaren Gefahr nur eine Sache der Brandenburger Rathäuser. Berlin hat – wieder einmal – Nachholbedarf.
Erstveröffentlicht im nd v. 31.8. 2026
https://nd.digital/editions/nd.DerTag/2026-08-31/articles/24042327 (Abo)
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