Ökosystem der Kriegstreiber

Wie die Berliner Start-up-Szene in die Kriegswirtschaft integriert wird

Von Chris Hüppmeier

Collage: Jochen Gester

Zalando, Rocket Internet oder Lieferando – Namen aus der Welt der sogenannten „New Economy“. Einst als Start-ups gestartet, sind diese sich gerne als Weltwunder an technologischem Fortschritt inszenierenden Unternehmen der Digital- und Plattformökonomie heute teils börsennotierte und international agierende Größen ihrer Branche. Alle haben ihren Ursprung im Berlin der 2010er Jahre.

Damals machte sich ein rot-roter Senat unter dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auf, um Berlin zur „Hauptstadt der Start-ups“ auszubauen. Nichts weniger als das „deutsche Silicon Valley“ sollte entstehen. Mit dem Aufbau eines umfassenden Start-up-Ökosystems sollte aus der „Arm, aber sexy“-Hauptstadt der Nullerjahre eine „Global City“ mit vielen neuen Arbeitsplätzen wachsen. War der Slogan „Arm, aber sexy“ für einige ein gelungener Marketinggag, verhöhnte Wowereit damit real breite Teile der Berliner Bevölkerung, die zu Beginn des neuen Jahrtausends bei 20 Prozent Arbeitslosenquote ein unwürdiges Dasein fristeten. Insbesondere traf das die Menschen im Ostteil der Stadt, die nach einem Jahrzehnt des radikalen Ausverkaufs der Hauptstadt der DDR mit wenig Hoffnung in die Zukunft blicken konnten. Sie waren beim Start-up-Hype, bei Wirtschaftswachstum und Wohlstand ohnehin nie mitgemeint. Es folgte ein bis heute fortgesetzter radikaler Ausverkauf der Stadt. Ganze Kieze wurden plattgemacht und als „Betongold“ für das Kapital wieder aufgebaut. Steigende Mieten, Zwangsräumungen und Verdrängung sind die Folgen. Darauf ist der Berliner Senat bis heute besonders stolz: „Europäische Start-up-Hauptstadt“ – ein Gütesiegel für eine gespaltene und marode Stadt. Doch damit nicht genug, jetzt kommt die Kriegswirtschaft.

Neuer „Hype“ und alte Bekannte

Auch die Start-up-Branche stottert. Laut einer Studie von „dealroom.co“ sind die Risikokapital-Investitionen in den vergangenen 24 Monaten um insgesamt 50 Prozent eingebrochen. Davon betroffen sind beinahe alle Tech-Bereiche, die für die Rüstung nicht interessant sind. Der „Hype“ der Pandemiezeit ist nun auch in der Gründerszene Berlins abgeklungen und der neue „Hype“ um Kriegstechnologie noch nicht richtig angekommen. Während die Investitionen in Start-ups im „Defense, Security and Resilience“-Segment explodieren, fließt nur ein Bruchteil des investierten Risikokapitals in Berliner Defense-Tech. Für den Senat in der „Hauptstadt der Start-ups“ hat die strategische Neuausrichtung zum Aufbau eines DefTech-Ökosystems den Charakter „wirtschaftlicher Vernunft“ – zumal sich der Kreis der Kapitalgeber in den vergangenen Monaten sprunghaft erweitert hat. Nachdem die EU-Kommission im vergangenen Jahr die Regeln für Investitionen sogenannter Nachhaltigkeitsfonds (ESG-Regeln) um Rüstungsgüter ergänzte, boomt der Markt. Der Hype um die Rüstungsmilliarden soll jetzt auch in Berlin fruchten.

Berlin – Stadt der Rüstung?

Nur vier Monate nach dem Senatsbeschluss zum Defence-Hub Berlin kam es zur Eröffnung des „TechHub-SVI Ost“ von Senat und Industrie- und Handelskammer (IHK) (siehe UZ vom 8. Mai). Auf der Pressekonferenz zur Eröffnung nannte SPD-Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey ein paar bemerkenswerte Kennzahlen. Es seien bereits „130 Unternehmen aus der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie in der Hauptstadtregion ansässig“ und „über 400 Unternehmen, die im Dual-use-Bereich Produkte, Software oder Technologien erarbeiten“. Die hohe Anzahl lässt aufhorchen, zählt Berlin doch, wie der Osten insgesamt, bislang eher zu den unterentwickelten Landstrichen der Rüstungsindustrie. Was sich allerdings gegenwärtig rasant wandelt, wie einige Fälle von Übernahmen ziviler Industriebetriebe durch Rüstungsschmieden darlegen. Der Senat will Berlin mit dem „TechHub SVI Ost“ zum Zentrum dieser Kriegsertüchtigung des Ostens machen.

Eine zentrale Rolle dabei spielt die Entwicklung der Technologien des modernen Krieges. Künstliche Intelligenz (KI), Cyber Security, Drohnen, Sensorik, Photonik, Robotik – all das, was in den vergangenen vier Jahren auf den ukrainischen Schlachtfeldern als „Innovationen“ der Kriegsführung hervorgebracht wurde. Dafür brauche es mehr Start-ups, mehr Forschung und Entwicklung und hierzu die umfassende Einbindung der Berliner Hochschulen und Universitäten. Gerade Letztere sollen die Dual-use-Fähigkeiten ihrer Forschungsvorhaben gleich mitdenken, heißt es im Positionspapier zum TechHub. Ziel ist es, das über fast zwei Jahrzehnte gereifte und komplexe Start-up-Ökosystem dafür zurechtzumachen.

Kamikazedrohnen-Einhorn „Stark Defence“

Ein Gewächs aus diesem über Jahre vom Senat gezüchteten und bevorteilten „Ökosystem“ aus „Entrepreneurs“, internationalem Risiko- und Finanzkapital sowie einer breit aufgestellten Forschungs- und Hochschullandschaft ist der Informatiker Johannes Schaback. Er hat über Jahre an der Start-up-Geschichte Berlins mitgewirkt und selbst als Gründer in der Digital- und Plattformökonomie sein Geld gemacht.

Strategisch klug also, wenn ein Offizier und Absolvent der Bundeswehr­universität in München diesen Berliner Netzwerker der Start-up-Szene für sich rekrutiert, um zum Jahresbeginn 2024 das erste Angriffswaffen produzierende Berliner Start-up zu etablieren: „Stark Defence“. Jener Bundeswehroffizier ist Florian Seibel. Er ist mit dem Münchener Drohnen-Start-up „Quantum Systems“ zur etablierten Größe auf dem Markt herangewachsen. Seine Zielsetzungen kommuniziert er ganz offen. Das Unternehmen solle zum „echten europäischen Champion“ aufsteigen, schildert er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in einem Interview.

Solche Ambitionen verlangen ein gut aufgestelltes Netzwerk: Im April wurde bekannt, dass Seibel eine gewisse Marie Theres Niedermaier, persönliche Referentin im Kanzleramt für Wirtschafts- und Finanzpolitik, zu Stark Defence rekrutierte. Der Verein „Lobbycontrol“ kommt deshalb zu dem Schluss, dass sich das Rüstungs-Start-up „offenbar um ein starkes Kontaktnetzwerk im politischen Berlin“ bemühe. Bereits im Sommer vergangenen Jahres wechselte der Sozialdemokrat Johannes Arlt nach dem Scheitern seiner Wiederwahl in den Bundestag kurzerhand zu „Stark Defence“. Er brachte die passende Expertise und sicherlich brauchbare Kontakte aus einer Legislatur im Verteidigungspolitischen Ausschuss mit.

Diese Bemühungen fruchten. Im Februar dieses Jahres war klar: Stark Defence darf der Bundeswehr Kamikazedrohnen verkaufen und erhält dafür zunächst 270 Millionen Euro, mit der Aussicht auf bis zu einer Milliarde. Mit dem Zuschlag haben Seibel und Co. dem Mitbewerber und Rüstungsriesen Rheinmetall einen deutlichen Schlag versetzt. Die Bundeswehr titelte in ihrer Mitteilung zum Kauf, die Kamikazedrohnen seien die „Gamechanger für die Bundeswehr“. Vorbei die Zeiten also, in denen der Panzerbauer seinen Leopard als „Gamechanger“ für die Ukraine inszenieren konnte. Die „Leos“ erfüllten das Merkmal auch nie. Spätestens dann nicht mehr, als Videos im Internet kursierten, in denen ein 30-Millionen-Euro-Koloss von einer für wenige hundert Euro zusammengebastelten Drohne zerstört wurde.

Soldaten im Smart-Casual-Look

Der Berliner Senat beginnt mit dem Aufbau des „Defence Hubs“ nicht bei Null. Bei genauerer Betrachtung besteht bereits ein sehr aktives Netzwerk aus Politikern, Militärs, Unternehmensberatungen und Risikokapital.

Ein zentraler Multiplikator ist das 2017 eröffnete Cyber Innovation Hub (CIH) der Bundeswehr in Berlin-Charlottenburg. Der Start-up-Szene nachahmend, in einem alten Loft direkt neben der Spree gelegen, ist das CIH als erste „digitale Innovationseinheit“ der Bundeswehr an den Start gegangen. In einer Zeit, in der in den Talkshows das Märchen von der Unterfinanzierung der Bundeswehr gesponnen wurde, entstand hier der Versuch eines frühen Treibers für den deutschen Defence-Tech-Bereich. Selbsterklärte Aufgabe sei es, „eine Schnittstelle zwischen Truppe, Start-ups und Forschung“ herzustellen mit dem Anspruch, „digitale Technologien radikal schnell in die Praxis zu bringen“, heißt es auf der CIH-Website.

Mit Sven Weizenegger hat sich die Bundeswehr einen nicht in ihren Reihen gedrillten Soldaten als Leiter herangezogen. Weizenegger arbeitete für die Telekom und gründete selbst mehrere Start-ups. „Für Start-Ups ist es eine große Chance, mit uns zusammenzuarbeiten“, sagt Weizenegger in einem Bundeswehr-Interview, „zum einen für die Entwicklung des eigenen Produkts, zum anderen aber auch, weil sie einen Beitrag zum Schutz der Demokratie leisten können“.

Das CIH-Programm „Intrapreneurship“ steht in diesem Geiste und will umgekehrt aktive Soldaten zum Einstieg in die Start-up-Szene ermuntern. Ein Paradebeispiel eines solchen Cyber-Soldaten ist Yorck Hesselbarth. Der KI-Spezialist ist am Berliner Start-up Orcrist Technologys beteiligt, das als „deutsches Palantir“ kursiert. Orcrist bewirbt sich um zahlreiche Förderungen aus Rüstungstöpfen des EU-Horizont-Programms und ringt derzeit mit anderen Start-ups um den Auftrag für ein „Palantir“ für die Bundeswehr. Dem gleichnamigen US-Ausspähunternehmen hatte die Bundeswehr zuvor eine Absage erteilt.

Leuchttürme des neuen Militarismus

Das Ökosystem der Start-up-Hauptstadt zeichnet sich durch ein weites und zuweilen undurchsichtiges Netz aus Hubs, Parks, Co-Working Spaces, Initiativen und Programmen aus, an dem Defence-Tech-Akteure bereits problemlos andocken konnten. Ein Beispiel findet sich am ehemaligen Flughafen Tegel. Dort ist in den vergangenen Jahren das Großprojekt „Berlin TXL“ entstanden. Das auf seiner Internetseite als „Leuchtturm für Nachhaltigkeit“ angepriesene Projekt ist als eine Art Start-up-Stadtteil konzipiert. Einen Platz fand hier unter anderem das zivil gestartete Drohnen-Start-up German Drones, das mit seinen Aufklärungsdrohnen mittlerweile im Ukraine-Krieg sein Geld verdient. Aber auch hinter Namen wie Project Q, Promethion, Radiant oder Sapper Intelligence verbergen sich Start-ups, die bereits im Defence-Tech-Bereich agieren. Wenig überraschend also, als der Regierende Bürgermeister bei der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstelung (ILA) Mitte Juni davon fantasierte, dass auf dem 500 Hektar umfassenden Tegeler Areal künftig ein „DefTech-Campus“ errichtet werden soll.

Ebenfalls auf der ILA gab Wegner eine weitere pikante Neuigkeit bekannt: Als Teil des Technologieparks Adlershof im Osten Berlins wird ein neues Innovationszentrum für „Luft- und Raumfahrt und Verteidigung“ entstehen. Dafür hat sich der CDU-Mann die Expertise eines seit Jahren an Krieg und Völkermord gewachsenen Players der Branche ins Berliner Boot geholt: Der Mitentwickler am bekannten Arrow-3-Raketensystem Israel Aerospace Industries (IAI) unterzeichnete zusammen mit der Senatskanzlei eine entsprechende Absichtserklärung. IAI wird federführend am Aufbau des Zentrums in Adlershof mitwirken. Mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Rhode & Schwarz und Jenoptic sind bereits namhafte Größen aus der ersten Rüstungsliga in Adlershof ansässig – in direkter Nähe zum angrenzenden Campus für Naturwissenschaften der Humboldt-Universität.

Ein weiterer bedeutender, aber unscheinbarer Ort liegt im südlichen Berlin. Auf dem Areal eines alten Gaskraftwerks existiert bereits seit 2013 der „Innovations-Hub“ Marienpark. Seit Kurzem macht der Park eine strategische Metamorphose durch. Wo früher ein Brauerei-Start-up Berliner Bier braute, steht jetzt der „Resilience Technology Campus“. Es vereint die Bereiche Künstliche Intelligenz, 3D-Druck-Technologien, „Cyber Security“ und DeepTech und kooperiert mit führenden europäischen Netzwerken der Branche. Um sich für die Szene in Position zu bringen, lädt es im Juli zum „European Defence Tech Hackathon“ ein. Ein europaweites Stelldichein von Militär, Defence-Tech-Startups und Hackern der Szene.

Begleitet wird der Resilience-Campus von der sogenannten „Expert Group: AI in Defence & Security“ des im Campus integrierten europaweiten Netzwerks „KI-Park“. Ein Prototyp eines „Experten“ für Tech-Militarismus ist Lars Ruth. Als Bankkaufmann bei der Deutschen Bank gestartet, hat er es bei der Bundeswehr-Marine zum Fregattenkapitän gebracht und verfolgte den lupenreinen Karriereweg eines Bundeswehr-Aufsteigers. Er hat einen Abschluss an der United States Naval Academy – einer traditionsreichen Militärakademie für Cyber-Warfare, Psychologie und Geheimdienste. Mit Zwischenstationen bei der NATO half Ruth dann zwischenzeitlich im Aufbaustab Cyber- und Informationsraum beim digitalen Umbau der Bundeswehr mit. Nach seiner Dienstzeit wechselte Ruth ins Unternehmensberatungsgeschäft und leitet seit 2021 die Abteilung „Defense, Security & Justice“ beim weltweiten Branchenprimus Deloitte. Ruths Biografie zeigt exemplarisch eindrucksvoll, welche Akteure im Rahmen des transatlantischen Militarismus für den angekündigten Umbau der „Hauptstadt der Start-ups“ zur Defence-Tech-Metropole stehen.

Für Berlin gilt: Die Voraussetzungen dafür sind längst geschaffen, wie der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) bei der Eröffnung des „Tech Hub SVI Ost“ in die Pressemikros prahlte. Die in diesem Artikel erwähnten Strukturen und Netzwerke zeigen das, bilden aber nur einen Ausschnitt dieser Entwicklung ab. Hinter der fremd wirkenden Welt der Start-ups, Ökosysteme und des Risikokapitals verbergen sich bedeutende Triebkräfte für den Umbau zur Kriegswirtschaft. Gerade deshalb sollten sie im Bewusstsein der Kriegsgegner sein.

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Erstveröffentlicht in der uz v. 26.6. 2026
https://www.unsere-zeit.de/oekosystem-der-kriegstreiber-4815854/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Berlin: Kundgebung am 27.6. gegen den Sozialkahlschlag – ein Auftakt

Auf Grund der extremen Hitze hatte der Berliner DGB auf die heute geplante Demonstration verzichtet – zugunsten einer Kundgebung mit gestrafftem Programm. Einige Hundert Gewerkschaftsmitglieder hatten sich nicht abschrecken lassen und waren mit Transparenten und eigenen Infoständen vor Ort erschienen, um so gegen die Angriffe auf den Sozialstaat zu demonstrieren, die auf ganzer Bandbreite die Lebensinteressen der abhängig Beschäftigten treffen. Zwei Losungen standen im Mittelpunkt: „Jetzt reichts!“ – Diese Nachricht geht an die Adresse der Regierenden. Sie sollen wissen, dass wir als Gewerkschafter:innen nicht bereit sind, die von der politisch Verantwortlichen geplanten Maßnahmen kampflos hinzunehmen. Und: „Es reicht für alle“. Damit wurde klargestellt, dass der Sozialstaat kein Finanzierungsproblem hat, wenn man den Mut aufbringt endlich die notwendige Finanzierung bei denen zu holen, die immer obszöneren Reichtum anhäufen. Die Losung richtete sich aber auch gegen die Demagogie des rechten Lagers, das die Migration für die Verschlechterung der Lebensumstände vieler Menschen verantwortlich machen will. Darüber, dass die AFD und ihr Umfeld keine Interessensvertretung der abhängig Beschäftigten sondern Treiber reaktionärer Politik im Sinne der Vermögenden sind, herrschte in den Redebeiträgen kein Zweifel. So lag es auch nahe, dass zu den Protestaktionen anlässlich des AFD-Bundesparteitags in Erfurt aufgerufen wurde. Der Zusammenhang zwischen dem Sozialkahlschlag und der Politik der Kriegsertüchtigung spielte leider kaum eine Rolle. Dafür sorgen aber viele Transparente der aktiven linken Basis, der es wichtig war auf dieser Kundgebung gerade dies zum Ausdruck zu bringen.

Bilder: Jochen Gester, Konstantin Kieser, Peter Vlatten

Russlands Gewerkschaften unter Druck

Die staatliche Repression erreicht jetzt auch die russischen Gewerkschaften. Können sie in Putins Russland überleben? Von Azamat Ismailov

Von Azamat Ismailov

Titelbild: 1. Mai 2025 in Moskau. ru-news

Vorbemerkung Forum-Red.: Vielleicht der Kerngedanke des Marxismus ist die Vorstellung von der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse. Dieses Werk bedeutet die Aufhebung des Klassengegensatzes und damit auch die Existenz der Arbeiterklasse als von den Produktionsmitteln getrenntes, entfremdetes Kollektiv, das der Herrschaft des Kapitals unterliegt. Die Arbeiterbewegung ist seit Beginn eine Bewegung, die gegen die Zumutungen dieser Herrschaft rebelliert und für die Erweiterung der politischen und sozialen Rechte der gesamten Bevölkerung kämpft: Rechte, auf die Bedingungen des Arbeitsprozesses Einfluss zu nehmen ebenso wie die Macht, die Grundfragen der gesellschaftlichen Entwicklung in einem demokratischen Prozess selbst zu bestimmen. Das Koalitions- und Streikrecht hat dabei natürlich eine zentrale Bedeutung. Begreift man diese Zielsetzung als Messlatte, so lässt sich damit der Grad realer Freiheit und Selbstbestimmung der arbeitenden Menschen eines Landes ablesen. In diesem Artikel wird sie angelegt an die Situation der russischen Arbeiterklasse und ihrer Gewerkschaften. Der Autor kennt diese Situation aus dem Inneren bestens. Möge sich jeder ein Urteil bilden, was die Messlatte aussagt. (JG)

Am 9. April geschah, was lange zu befürchten stand: Maskierte Sicherheitskräfte stürmten das Hauptquartier des zweitgrößten gewerkschaftlichen Dachverbandes des Landes, der Konföderation der Arbeit Russlands (Konfederazija truda Rossii, KTR), und die Büros ihrer zwei größten Mitgliedsverbände: der Föderalen Gewerkschaft der Fluglotsen und der Russischen Seeleutegewerkschaft. Flankiert wurden die Razzien von einer Hetzkampagne in kremlnahen Telegram-Kanälen: Den Gewerkschaftsführer*innen wurden subversive Tätigkeiten vorgeworfen, die angeblich von „Feinden Russlands“ finanziert worden seien.

Bisher ist es weder zu Verhaftungen noch zur Eröffnung von Strafverfahren gekommen. Ob dies so bleibt oder die russischen Gewerkschafter*innen das Schicksal ihrer belarussischen Kolleg*innen teilen werden, die vom Lukaschenka-Regime inhaftiert oder ins Exil gezwungen wurden, ist ungewiss.

Welche Auswirkungen haben der Ukrainekrieg und die Entwicklung des Putin-Systems hin zum Totalitarismus auf die Gewerkschaftsbewegung in Russland? Kann es ihr gelingen, den politischen „Winter“ zu überstehen und ihren Kern zu bewahren?

Die russische Arbeiterklasse im fünften Kriegsjahr

Trotz der verfahrenen Kriegslage gelang es dem Kreml lange, die Illusion eines nahezu normalen Lebens der russischen Bevölkerung aufrechtzuerhalten, zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht. Mehr noch: Einem Teil der Gesellschaft konnte weisgemacht werden, dass ihm die sogenannte militärische Spezialoperation und der Bruch mit dem Westen zu mehr Wohlstand verhelfen würden – wenn auch um den Preis des Verzichts auf gewisse Annehmlichkeiten und Freiheiten.

Das suggerierten nicht nur die großzügigen Zahlungen an Militärangehörige – bis zu vier Millionen Rubel für die Unterzeichnung eines Zeitvertrags bei der Armee –, was dem Vier- bis Fünffachen des durchschnittlichen Jahreslohns von Arbeiter*innen entspricht. Der Aufschwung der Rüstungsproduktion führte in Verbindung mit einem akuten Arbeitskräftemangel (eine Folge niedriger Geburtenraten, sinkender Zuwanderung und dem Bedarf an arbeitsfähigen Männern an der Front) zu einem Rekordwachstum der Löhne. Nach Angaben des Föderalen Steueramts stiegen diese zwischen 2022 und 2024 um 56 Prozent, während die offizielle Inflation bei 32 Prozent lag.

In jüngster Zeit scheint die Illusion des „Militär-Keynesianismus“ zu verfliegen. Das inflationsbereinigte Lohnwachstum hat sich 2025 verlangsamt und ist 2026 sogar ganz zum Erliegen gekommen. Erste Stimmen fordern bereits, den Gürtel enger zu schnallen. 

Davon profitierten nicht nur Beschäftigte der Rüstungsindustrie und verwandter Branchen. Um ihre Belegschaften zu halten, sahen sich auch zivile Betriebe gezwungen, in den Lohnwettlauf mit der Rüstungsindustrie und der Armee einzusteigen. Zwar verlief der Lohnanstieg äußerst ungleichmäßig und ging mit extremer Ausbeutung einher, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die Arbeiter*innen buchstäblich dafür bluten mussten. Doch nach Jahrzehnten neoliberaler Politik mochte selbst eine solche „Umverteilung des Reichtums“ manchen als Segen erscheinen.

In jüngster Zeit scheint die Illusion des „Militär-Keynesianismus“ allerdings zu verfliegen. Das inflationsbereinigte Lohnwachstum hat sich 2025 verlangsamt und ist 2026 sogar ganz zum Erliegen gekommen. Erste Stimmen fordern bereits, den Gürtel enger zu schnallen. So brachte Oleg Deripaska, einer der einflussreichsten russischen Oligarchen, kürzlich die Einführung der Sechs-Tage-Woche und des Zwölf-Stunden-Tags aufs Tapet.

Ein wichtiges Anzeichen der drohenden Krise sind die wachsenden Lohnrückstände. Diese gelten als Hauptursache für Proteste in Betrieben: Etwa 40 Prozent der Arbeitskonflikte resultieren daraus.

Zukünftig dürfte daher mit mehr Arbeitskonflikten zu rechnen sein. Im Jahr 2025 verzeichnete das Projekt Zabastkom 350 Fälle, in denen Beschäftigte sich für ihre Rechte einsetzten. Die überwältigende Mehrheit davon (274 Fälle) beschränkte sich allerdings auf Belegschaftsappelle an die Behörden, eine typische Ausprägung des Arbeitskampfes der letzten Jahre. Dennoch sind radikalere Formen kollektiven Handelns nicht vollkommen verschwunden: Acht Konflikte waren von Streiks begleitet, zwölf von kollektiven Protestkündigungen (die ebenfalls als eine Form des Streiks betrachtet werden können), weitere acht von Demonstrationen und einer von einer Autobahnblockade. 

Dabei zeigen die Arbeiter*innen, wie der Politiker und Gewerkschafter Oleg Schein in seinem Beitrag auf dem Portal Rabotschaja politika darlegt, trotz der gestiegenen Risiken eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Koordinierung und Selbstorganisation. So fand vor kurzem ein Streik der Taxifahrer*innen des Online-Anbieters Yandex Go zeitgleich nicht nur in mehreren Regionen Russlands statt, sondern auch in Armenien, Belarus, Kasachstan und Usbekistan.

Es wird sich noch zeigen, inwieweit diese zumeist spontanen Proteste dem Gewerkschaftsaufbau Impulse verleihen können. Einerseits beteiligen sich Gewerkschaften selten an solchen Aktionen. Das liegt sowohl an der Prekarität der besonders konfliktbeladenen Sektoren (Baubranche, Dienstleistungssektor, Plattformarbeit), als auch an der Untätigkeit der Gewerkschaftsvorstände und der Vorsicht bzw. den begrenzten Zielsetzungen der Arbeiterschaft selbst. Andererseits könnte die Krise, wenn sie sich weiter zuspitzt und zusätzliche Wirtschaftszweige in Mitleidenschaft zieht, zumindest den etwas weniger bürokratischen Teilen der gespaltenen russischen Gewerkschaftslandschaft neues Leben einhauchen.

Die „alten“ Gewerkschaften

Die russische Gewerkschaftsbewegung ist geprägt von der Spaltung zwischen den „alten“ Gewerkschaften, die in der Nachfolge des Zentralrats der Gewerkschaften der UdSSR entstanden, und den „neuen“, freien Gewerkschaften. Erstere sind in der Föderation der Unabhängigen Gewerkschaften Russlands (Federazija nezavissimych profsojuzow Rossii, FNPR) zusammengeschlossen, die Mehrheit der Letzteren in der eingangs erwähnten Konföderation der Arbeit Russlands (KTR).

In der Sowjetunion waren Gewerkschaften, obwohl sie formal als gesellschaftliche Organisationen galten, faktisch so etwas wie Sozialämter. Deshalb erwarten heute noch viele Menschen von Gewerkschaften eher Urlaubsgutscheine und Neujahrsgeschenke als Unterstützung beim Schutz ihrer Arbeitsrechte.

Meinungsumfragen zeigen regelmäßig, dass Russ*innen den Gewerkschaften gegenüber äußerst skeptisch eingestellt und kaum über deren Aktivitäten informiert sind.

Der kapitalistische Umbau des Landes in den 1990er Jahren ging mit massenhafter Verarmung, katastrophaler Deindustrialisierung und sozialem Chaos einher. Die „alten“ Gewerkschaften verloren ihre Zuständigkeit für die Verwaltung staatlicher Gelder und hätten sich, so schien es, in einem normalen Dachverband westlichen Typs zusammenschließen können. Aber dazu kam es nicht.

Die alte Gewerkschaftsbürokratie, die gegenüber dem Staat und der Arbeitgeberseite traditionell als loyale, paternalistische Kraft auftrat, war auch für die neuen Größen der russischen Wirtschaft, bei denen es sich oftmals um Abkömmlinge desselben Nomenklatura-Milieus handelte, von Nutzen. Anfang der 2000er Jahre schloss die FNPR unter der Führung von Michail Schmakow ein Kooperationsabkommen mit der Regierungspartei Einiges Russland, begann Unterstützungsstatements für Putin abzugeben und befürwortete zudem das neue Arbeitsgesetzbuch, welches Streiks faktisch verbot. Damit sicherte die FNPR sich zeitweise einige Privilegien und einen gewissen Handlungsspielraum innerhalb des autoritären Systems. Doch für ihre Untätigkeit und ihre treue Ergebenheit zahlten diese anerkannten Gewerkschaften mit einer schrumpfenden sozialen Basis. Meinungsumfragen zeigen regelmäßig, dass Russ*innen den Gewerkschaften gegenüber äußerst skeptisch eingestellt und kaum über deren Aktivitäten informiert sind.

Die von der FNPR angegebene Mitgliederzahl von 19 Millionen (gegenüber 54 Millionen 1993) wird von russischen Expert*innen aus Gewerkschaftskreisen angezweifelt. „Die Website der FNPR selbst verrät, dass die Zahlen überhöht sind. Dort gibt es zum Beispiel eine Karte, die den Organisationsgrad der Gewerkschaften nach Föderationskreisen illustriert. Gemäß der Zahlen der staatlichen Statistikbehörde Rosstat zum jeweiligen Föderationskreis kommt man statt auf 19 auf lediglich 13 Millionen Erwerbstätige“, bemerkt einer unserer Gesprächspartner, die aus Sicherheitsgründen alle anonym bleiben möchten. 

Die „neuen“ Gewerkschaften

Die Geschichte der „neuen“ oder freien Gewerkschaften begann mit der Perestroika. Die Unzufriedenheit mit dem Sowjetsystem, einschließlich der offiziellen Gewerkschaften, war damals groß, und im Zuge der Lockerung der staatlichen Kontrolle begannen sich viele Belegschaften selbst zu organisieren. So entstanden unter anderen die Gewerkschaften der Seeleute sowie der Fluglots*innen und Pilot*innen, die den Kern der Konföderation der Arbeit Russlands bilden. Bereits unter Putin traten von der Basis aus gegründete Branchenverbände der KTR bei, darunter die vor allem in der Automobilbranche vertretene Interregionale Gewerkschaft Arbeiter-Allianz (Meschregionalny Profsojus Rabotschaja Assoziazija,MPRA), Utschitel (Lehrkräfte), Dejstwije (Mediziner*innen) und Novoprof (Lebensmittelindustrie und Dienstleistungssektor).

Freie Gewerkschaften suchen häufiger die direkte Auseinandersetzung mit Arbeitgeber*innen, organisieren mehr kollektive Aktionen und erlaubten es sich in besseren Zeiten, die Regierung öffentlich zu kritisieren. Das ideologische Spektrum dieser Gewerkschaften war schon immer bunt und reichte von neutralen bzw. kremlfreundlichen Positionierungen bis hin zu einem Spektrum linker Ideen oder sogar Sympathien für Alexej Nawalny (so etwa in den Anfang der 2020er Jahre vom Regime zerschlagenen Gewerkschaften Allianz der Ärzte und Allianz der Lehrer).

Oft gelang es den neuen Gewerkschaften, ihren begrenzten legalen Handlungsspielraum durch Kreativität und eine erfolgreiche Selbstdarstellung in den Medien zu kompensieren. Ein Markenzeichen der MPRA wurde beispielsweise der nach einem Gewerkschaftsaktivisten benannte „Lesik-Fächer“ – eine clevere Methode, um die unüberwindbaren juristischen Hürden für Streiks zu umgehen.[1] Diese Taktik wurde während der Arbeitskämpfe im Ford-Werk bei Sankt Petersburg entwickelt.

Obwohl sie für ihre Kampfbereitschaft bekannt wurde, blieb die KTR im Vergleich zum bürokratischen Apparat der FNPR eine vergleichsweise kleine Organisation. Bis vor kurzem sprach sie noch von zwei Millionen Mitgliedern, doch ob diese Zahl stimmt, ist fraglich. Derzeit werden auf der offiziellen Website des Dachverbandes lediglich 14 Mitgliedsorganisationen genannt, ohne Angaben zu den Mitgliederzahlen.

Es gibt zahlreiche Gründe dafür, warum die neuen Gewerkschaften weiterhin im Schatten der alten stehen – etwa die Notwendigkeit, eigene Strukturen von Grund auf neu aufzubauen und dabei den Widerstand der Arbeitgeber*innen zu überwinden, der fehlende Rechtsschutz für Aktivist*innen sowie die Atomisierung der postsowjetischen Gesellschaft und ihre mit der Ausbreitung prekärer Beschäftigungsverhältnisse einhergehende Deindustrialisierung. Die groß angelegte Invasion der Ukraine hat zu dieser langen Liste ein wesentliches neues Element hinzugefügt, nämlich die Angst vor staatlicher Repression, die in der russischen Bevölkerung immer weiter um sich greift.

Auswirkungen des Krieges

Die Säuberung der öffentlichen Sphäre, zunächst von offenen Kriegsgegner*innen und anschließend von jeglichen Initiativen, die nicht vollständig unter staatlicher Kontrolle stehen, hat sowohl die neuen als auch die alten Gewerkschaften vor existenzielle Fragen gestellt.

Die FNPR unterstützte den Angriffskrieg ohne zu zögern und trat aus dem Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB) aus, nachdem dieser den Einmarsch scharf verurteilt hatte. Die Erster-Mai-Kundgebungen der FNPR standen 2022 unter dem bezeichnenden Slogan: „Za мир! Zа труд! Zа май!“ (Für Frieden! Für Arbeit! Für Mai!). Dabei wurde die nostalgische sowjetische Parole „Frieden, Arbeit, Mai“ mit dem Symbol der russischen Intervention – dem lateinischen Buchstaben Z – kombiniert.

Basisorganisationen der Branchengewerkschaften werden immer häufiger aus den Betrieben verdrängt. Besonders oft geschieht dies in der Rüstungsindustrie, wo Gewerkschaften praktisch verboten sind.

Doch auch die unbedingte Loyalität gegenüber dem Kreml und der Treueid auf den russischen Imperialismus konnten den Dachverband nicht vor dem Verlust an Einfluss und Eigenständigkeit bewahren. Dass der frühere Pakt zwischen dem Kreml und der FNPR nicht mehr besteht, zeigt eine Reihe von Strafverfahren, die die Generalstaatsanwaltschaft mit dem Ziel einleitete, Gewerkschaftseigentum zu verstaatlichen. Davon betroffen sind etwa mehrere Sanatorien im Kurgebiet der Kaukasischen Mineralwässer, der Palast der Arbeit in Sankt Petersburg und der Sportkomplex im Moskauer Bezirk Krylatskoje. Die in diesem Zusammenhang geäußerten Korruptionsvorwürfe spielten offenbar eine entscheidende Rolle beim 2024 erfolgten Machtwechsel an der Spitze des Verbandes. Anstelle des damals 75-jährigen Schmakow, der auf einen rein dekorativen Posten wechseln musste, wurde Sergej Tschernogajew zum Vorsitzenden der FNPR gewählt. „Er gehörte zum Top-Management der Russischen Eisenbahnen [der staatlichen Monopolgesellschaft im Bereich des Schienenverkehrs], wo er für Sozialfragen zuständig war […]. Darüber hinaus ist Tschernogajew Absolvent der ‚Gouverneursschule‘, in der künftige Regionalchefs ausgebildet werden. Im Moment ist er dabei, Schmakows Leute auszutauschen“, berichtete ein weiterer Gesprächspartner aus Gewerkschaftskreisen.

Die Besetzung der FNPR-Spitze mit einem Karrierebeamten machte den Verband noch fügsamer. Gelang es der FNRP früher noch, in der Trilateralen Kommission zur Regelung der Beschäftigungsverhältnisse Zugeständnisse auszuhandeln, zieht sie es heute vor, „keine Wellen zu schlagen“. Deshalb stoßen offen arbeitnehmerfeindliche Initiativen – wie der Gesetzentwurf zur Erhöhung der Überstundengrenze von 120 auf 240 Stunden pro Jahr oder die Legalisierung der sogenannten Plattformarbeit – kaum noch auf Widerstand.

Doch selbst dies bewahrt den Verband nicht vor Repressalien. Basisorganisationen der Branchengewerkschaften werden immer häufiger aus den Betrieben verdrängt. Besonders oft geschieht dies in der Rüstungsindustrie, wo Gewerkschaften praktisch verboten sind. Darüber hinaus geraten Gewerkschaften in den Agrarholdings, wo sie früher, wenn auch zaghaft, noch gewisse Forderungen stellten, unter massiven Druck.

Die KRT positionierte sich zum Überfall auf die Ukraine in den ersten Kriegstagen in Form einer zurückhaltenden Erklärung, die die Parteien zu Frieden und Verhandlungen aufrief. Der Verband vermied dabei jedoch, die Verantwortlichen zu benennen (derzeit ist der Text auf der KTR-Webseite nicht mehr abrufbar, da selbst gemäßigte Kritik an der sogenannten militärischen Spezialoperation gefährlich ist). Einige Anführer*innen und Aktivist*innen des Verbandes, wie etwa sein damaliger Vizepräsident Oleg Schein, verurteilten die russische Aggression unmissverständlich. Schein wurde dafür zum „ausländischen Agenten“ erklärt und gezwungen, das Land zu verlassen.

Dennoch blieben die neuen Gewerkschaften lange weitgehend von Repressionen verschont. Im Gegensatz zu zahlreichen Nichtregierungsorganisationen, die zu „ausländischen Agenten“ oder „unerwünschten Organisationen“ erklärt wurden, blieben die KTR-Gewerkschaften legal, nahmen an der Trilateralen Kommission teil und erhielten sogar geringfügige Subventionen aus dem Staatshaushalt.

Strenge Selbstzensur und die nahezu ausschließliche Ausrichtung auf rechtliche Fragen wurden zur Voraussetzung für das Überleben. Positionierte sich die KTR früher noch als ein durchaus politischer Dachverband sozialdemokratischer Prägung, der stolz auf seine internationalen Verbindungen war, findet sich heute auf seiner Website nicht der geringste Hinweis mehr auf politische Fragen. Es dominieren trockene juristische Themen: Gerichtsurteile, Übersichten zu Gesetzesnovellen, Regeln für die Berechnung diverser Auszahlungen und Ähnliches.

Laut Fachleuten erklärt sich dies nicht nur durch die Angst vor möglichen Repressalien, sondern auch durch das Bestreben, eine Spaltung in den eigenen Reihen zu verhindern, wo in Bezug auf den Krieg eine gemischte Stimmung herrscht.

Einige Aktionen der neuen Gewerkschaften lassen sich als verschleierte Kritik am Militarismus interpretieren. So sprachen Aktivist*innen der Lehrergewerkschaft Utschitel in verschiedenen Regionen des Landes mit Schüler*innen über Arbeitsrechte – und zwar im Rahmen des neuen Schulfachs „Gespräche über Wichtiges“, das eigentlich der militärischen Indoktrination der Jugend dienen soll. Auf diese Weise machten sie auf niedrige Löhne im Bildungswesen aufmerksam, anstatt Propaganda zu betreiben. Andererseits beteiligen sich einzelne Basisorganisationen der KTR aus eigener Initiative an Freiwilligenprojekten zur Unterstützung der Armee.

Die alles durchdringende Angst innerhalb der russischen Gesellschaft wirkte sich natürlich auch auf die Bereitschaft der Menschen aus, den neuen Gewerkschaften beizutreten oder ihr Mitglied zu bleiben. Doch bis zum Angriff auf die KTR im April war die Lage zumindest nicht nur düster.

Die legale Durchführung von Streiks ist bereits seit dem ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts so gut wie ausgeschlossen und sie finden kaum mehr statt – Rosstat erfasst jährlich zwischen null und einer einzigen solcher Aktionen.

„Hier und da stagnieren die Mitgliederzahlen, woanders geht’s sogar ein bisschen bergauf. Bei der Mediziner-Gewerkschaft Dejstwije entstehen zum Beispiel neue Basisgruppen. Diese organisieren den Teil des medizinischen Personals, der am stärksten proletarisiert ist – Krankenschwestern, Sanitäterinnen, Rettungsteams. Leute, die buchstäblich nichts mehr zu verlieren haben […]. Es steht nicht alles still, aber im Großen und Ganzen geht es darum, zu überleben und die Strukturen zu erhalten. Manchmal eben in einer stark reduzierten Form“, erklärte einer unserer Gesprächspartner.

Zu einem Aufschwung der Arbeitskämpfe kam es auch in der sogenannten Plattformarbeit. So rollten im vergangenen Jahr gleich zwei Streikwellen der Taxifahrer*innen durchs Land; zudem gab es mehr Bewegung bei den Gewerkschaften der Kurierdienste und der Versandplattformen.

Was die Gewerkschaften an den Rand der Existenz bringt, ist vor allem die Tatsache, dass kollektive Aktionen nahezu unmöglich geworden sind. Die legale Durchführung von Streiks ist bereits seit dem ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts so gut wie ausgeschlossen. Das damals verabschiedete Arbeitsgesetzbuch hat das Prozedere maximal erschwert und zudem Beschäftigten in zahlreichen Branchen, darunter im Transportwesen und in der Wohn- und Kommunalwirtschaft, das Streiken komplett untersagt. „Gesetzeskonforme“ Streiks finden in Russland seitdem kaum mehr statt – Rosstat erfasst jährlich zwischen null und einer einzigen solcher Aktionen.

Die neuen Gewerkschaften waren immer sehr gut darin, die Einschränkungen zu umgehen – man denke etwa an den „Lesik-Fächer“. Doch in den letzten Jahren sind sowohl die Gewerkschaftsführer*innen als auch die einfachen Arbeitnehmer*innen gezwungen, äußerst vorsichtig vorzugehen. Im Rahmen der allgemeinen Kriegsparanoia kann jede kollektive Aktion von den Sicherheitsbehörden als „extremistisch“ ausgelegt werden. Die häufigste Form des Arbeitskampfes sind seit 2022 daher Sammelbeschwerden bei den Behörden oder auch Videobotschaften an die Obrigkeit, in der Hoffnung, damit den Chef zur Räson zu bringen.

Die Versammlungsfreiheit wurde in Russland während der Pandemie endgültig abgeschafft. Die in Moskau und etlichen Regionen eingeführten befristeten Demonstrationsverbote wurden faktisch zu Dauerzuständen, obwohl alle anderen Anti-Corona-Maßnahmen längst aufgehoben wurden. Die Strafen für die Teilnahme an nicht genehmigten Versammlungen sind mittlerweile extrem hoch. So musste Kirill Ukrainzew, ein Aktivist der nicht zur KTR gehörenden freien Gewerkschaft Kurjer (Kurier), für fast anderthalb Jahre ins Gefängnis, weil er die streikenden Kurierfahrer*innen des Unternehmens Mail.ru dazu aufgerufen hatte, sich vor der Firmenzentrale zu versammeln.

Während die Behörden früher auf Kundgebungen und Mahnwachen ohne politische Forderungen weniger empfindlich reagierten, kann inzwischen jeglicher Protest, selbst jener für Arbeitnehmerrechte, brutal aufgelöst werden. „Heute hat das Personal auf einer Baustelle in Archangelsk spontan die Arbeit eingestellt, weil ihre Löhne nicht gezahlt wurden. Die OMON rückte an und nahm zwei Arbeiter fest, die sich auf einem Baukran verschanzt hatten“, nennt einer unserer Gesprächspartner ein aktuelles Beispiel.

Welche Zukunft erwartet die Gewerkschaften?

Der FNPR wird es kaum gelingen, ihren Nutzen für das System erneut unter Beweis zu stellen, denn das Regime betrachtet mittlerweile jede zivilgesellschaftliche Initiative, selbst wenn sie loyalistisch ist und den Krieg unterstützt, als potenzielle Bedrohung. Dabei könnten die „alten“ Gewerkschaften pro forma noch lange fortbestehen, insbesondere im öffentlichen Sektor. Gelegentlich – wie im Fall des jüngsten Streiks beim Straßenbauunternehmen Smolenskawtodor – sind ihre Basisorganisationen sogar in der Lage, die Belegschaften zum Kampf zu mobilisieren. Daraus wird sich aber kaum ein Trend entwickeln.

Was die freien Gewerkschaften angeht, reduziert sich ihre Tätigkeit immer mehr auf die rechtliche Unterstützung ihrer Mitglieder. „Es besteht das große Risiko, dass Gewerkschaften zu reinen Menschenrechtsorganisationen mutieren. Da mehr oder weniger unabhängige Medien schwinden, die Justiz voreingenommen ist und die Behörden auf internationalen Druck pfeifen, werden die Gewerkschaften mit dieser neuen Ausrichtung immer ineffektiver. Für eine Gewerkschaft bedeutet das ihren Tod“, betont ein russischer Experte.

Die Zukunft der freien Gewerkschaften hängt davon ab, ob es ihnen gelingt, ihre Tätigkeit zu einer kollektiven zu machen – davon sind unsere Gesprächspartner überzeugt. Gewerkschafter*innen organisieren Flashmobs in den sozialen Netzwerken, sammeln Unterschriften für Petitionen oder reichen massenhaft Klagen ein – und verwandeln den individuellen Rechtsweg auf diese Weise in eine Protestaktion. Als eine Option wird auch die massenhafte Einreichung von Kündigungen durch die Belegschaft diskutiert, jeweils mit dem Hinweis, dass diese zurückgezogen werden, sobald bestimmte Forderungen erfüllt sind.

All diese Aktionen verbindet eine Logik – die Logik der Vernichtung jener letzten Strukturen, die noch an Demokratie erinnerten.

Demgegenüber steht ein anderes – unglücklicherweise immer plausibleres – Szenario für die Zukunft, nämlich die gewaltsame Liquidation der Gewerkschaften. Der Angriff auf die KTR im April könnte erst ein Anfang gewesen sein.

Den offiziellen Anlass dafür bot ein Konflikt zwischen der Leitung der Föderalen Gewerkschaft der Fluglotsen und einer der rund hundert Basisorganisationen. Eine typische innergewerkschaftliche Auseinandersetzung um Kompetenzen und die Eckpunkte eines Tarifvertrags in einem Betrieb endete mit dem Ausschluss der „rebellischen“ Gruppe aus der Gewerkschaft. Und eine ehemalige Funktionärin erstattete daraufhin bei der Polizei Anzeige wegen angeblichen Betrugs.

Laut dem zurückhaltenden Statement der KTR fanden Durchsuchungen in Gewerkschaftsräumen im Rahmen von Ermittlungen zu einem Betrugsvorwurf statt. Der kremlnahe Telegram-Kanal Baza schrieb in diesem Zusammenhang von einer „Unterschlagung“ von Spendengeldern für die Armee (obwohl der Dachverband in dieser Frage neutral bleibt, verfolgen einige seiner Mitgliedsorganisationen solche „wohltätigen“ Zwecke). Der ehemalige Vizepräsident der KTR Oleg Schein betont auf Facebook, dass es sich um einen verschwindend geringen Betrag von 52.000 Rubel (rund 500 Euro) handelte, den die aus dem Verband mittlerweile ausgeschlossene Basisorganisation für den Kauf von Medikamenten für russische Soldat*innen verwenden wollte.

Die veröffentlichten Fragmente von Ermittlungsvideos aus dem KTR-Büro und der entlarvende Tonfall, in dem Propagandist*innen sprechen, lassen keinen Zweifel daran, dass die Sicherheitsbehörden mehr als nur die internen Vermögensstreitigkeiten der Gewerkschaften verfolgen. In regierungstreuen Telegram-Kanälen wurden Videos verbreitet, in denen ein Polizist den KTR-Vorsitzenden beschuldigt, im Interesse ausländischer Geldgeber zu handeln. Der Beweis dafür sollen alte Publikationen sein, die einst von USAID gefördert wurden. In diesem Zusammenhang werden auch Verbindungen zur Friedrich-Ebert-Stiftung und zur Rosa-Luxemburg-Stiftung erwähnt.

Vor dem Hintergrund der am selben Tag erfolgten Angriffe auf andere für die russische Zivilgesellschaft bedeutende Institutionen – die Zeitung Nowaja Gaseta und die Menschenrechtsorganisation Memorial – ist die Botschaft des Regimes unmissverständlich.

„All diese Aktionen verbindet eine Logik – die Logik der Vernichtung jener letzten Strukturen, die noch an Demokratie erinnerten (und damit an die Komplexität der russischen Gesellschaft, die sich nicht auf das Modell einer totalitären Einheit reduzieren lässt). Während Memorial die Erinnerung an die [stalinistischen] Repressionen verkörperte und damit die absolute moralische Autorität des Staates infrage stellte […] und die Nowaja Gaseta mit ihren investigativen Recherchen die Sakralität der Macht in der Gegenwart unterminierte, erinnern die unabhängigen Gewerkschaften schon durch ihre bloße Existenz an den Klassenantagonismus, an die tiefe Spaltung der Gesellschaft, die der Putinismus auf eine totale ‚Volkseinheit‘ zu reduzieren sucht“, kommentierte der Historiker und politische Philosoph Ilja Budraitskis die Ereignisse.

Übersetzung von Gegensatz Translation Collective.
 


[1] Dafür werden mehrere Forderungen aufgestellt und eine Abfolge von Streiks zu den jeweiligen Forderungen geplant. Sobald ein Streik durch einen Gerichtsbeschluss untersagt wird, setzt die Gewerkschaft das Unternehmen erst am Abend – außerhalb der Geschäftszeiten der Gerichte – über den nächsten Streik in Kenntnis. Da ein neuer Gerichtsbeschluss erst nach ein bis zwei Tagen vorliegt, kann der Protest fortgesetzt werden, obwohl die vorangegangenen Einzelstreiks bereits für illegal erklärt wurden. (Anm. d. Übs.)

Azamat Ismailov ist unabhängiger Journalist und gewerkschaftlicher Aktivist, der Russland 2022 aus politischen Gründen verlassen musste. In Deutschland engagiert er sich bei der BAG Russischsprachige Linke.

Erstveröffentlicht im Newsletter dere Rosa-Luxemburg-Stiftung
Russische Gewerkschaften

Wir danken für das Publikationsrecht.

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