Für Russenkinder?

30.06.24 – Pressenza Berlin

Leben und Sterben sowjetrussischer Kinder 1943-1945 in Stuttgart. Nur ein Buch.

„Für Russenkinder? In diesen Zeiten?” hörten die Herausgeber angeblich aus dem Stuttgarter Rathaus. Nach seiner jahrelangen Recherche – u.a. in jüngster Zeit zu überlebenden ehemaligen Zwangsarbeiterinnen, die bei der Stadt Stuttgart beschäftigt waren – konnte Dr. med. Karl Horst Marqart dieser Tage im Württ. Kunstverein sein Buch über das Schicksal sowjetrussischer Zwangsarbeiterkinder in Stuttgart 1943 – 1945 vorstellen. „Im Lager geboren und gestorben” zeigt noch einmal auf den Zynismus, die Grausamkeit und Menschenfeindlichkeit in Stuttgart – bei der Stadt, in den Fabriken, in den Lagern: Tod durch Hunger, durch Erschöpfung, Tod durch unterlassene Hilfeleistung durch Ärzte: Kinder in Zwangsarbeit. Das Stuttgarter Beispiel ist sicherlich auch Spiegelbild für tausende andere Kommunen im Deutschen Reich, in denen Zwangsarbeiter malochen mußten. Vielleicht ermutigt es ja eine neue Generation von HistorikerInnen, dem Beispiel zu folgen.

Aber nicht nur Verschleppung und Zwangsarbeit bleiben nach 1945 ungesühnt, es gab meist auch keinerlei Strafverfolgung, ja nicht einmal den Versuch, keine wie auch immer geartete „Wiedergutmachung“ oder Entschädigung für Verschleppung und Versklavung ganzer Familien aus der damaligen Sowjetunion. Großherzig hatte der Stuttgarter Gemeinderat 2019 zwar beklagt, dass die „Zwangsarbeiter*innen im bisherigen Gesamtbild der NS-Geschichte Stuttgarts schlecht wegkämen und die Opfer „wenig Beachtung” gefunden hätten. Der Stadtrat hatte deshalb ein Forschungs-Projekt auf den Weg gebracht, an dem „ehrenamtlich Forschende” wie Marquart beteiligt waren. Es musste also auch in diesem Fall einmal mehr die Zivilgesellschaft herhalten. Denn die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit vorzuenthalten – das ging gar nicht.

Doch Stuttgart hat ja erfreulicherweise die AnStifter, eine zivilgesellschaftliche Initiative, die seit 25 Jahren auch das Feld der Geschichte beackert. Auf solchen Wegen erschienen, in der Regel privat und spendenfinanziert – zahlreiche Publikationen, darunter die Chronik der Stadt Stuttgart 1933 -1945, Schriften zur Vertreibung der Juden, zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Literatur der alten und neuen Emigration: Lebenserinnerungen aus dem Widerstand.

„Im Lager geboren und gestorben” wird kein Bestseller, heute, wo in allen Lagern und in aller Öffentlichkeit geboren und gestorben wird, sind die „Russenkinder” kein Thema – aber das Buch als Denk-mal ist aufgerichtet wie ein großer Stolperstein. Die Stadt und die Archive hoffen auf Freiexemplare, der AnStifter-Verlag steht unter subalterner Beobachtung. Denn es kann ja nicht sein, dass nicht nur der Autor ohne Honorar bleibt, sondern auch ein Verleger vom Drauflegen lebt und auf jedwede Bezahlung verzichtet.

Marquart – einst Arzt beim Gesundheitsamt in Stuttgart – ermittelte in seiner Freizeit und auf eigene Kosten, musste manchen Stein aus dem Weg räumen und wurde ermahnt – 80 Jahre nach der Nazizeit! – den Datenschutz nicht außer Acht zu lassen.

Bei der Buchvorstellung gab’s trotz Fußball und anderem Trallalla ein volles Haus. Es war eine beeindruckende, tief traurig und nachdenklich stimmende Lesung von Dorothea Baltzer aus Zeugnissen der Überlebenden und einem musikalischen Gruß auf dem Akkordeon über Grenzen und Gräber hinweg.

Ganz hinten in den Querungen des Kunstvereins, im Abseits, weinten zwei Frauen. Sie kamen aus Russland: Der Wind, der Wind, das himmlische Kind hatte sie herein geweht

Siegfried Langloff EDP

K.H. Marquart, Im Lager geboren
260 Seiten, 100 Fotos und Abbildungen,

ISBN 978-3-944137-93-3, Verlag Peter Grohmann Nachfolger, Stuttgart 2024, 24,80 Euro

Der Beitrag ist zuerst erschienen am 20.6 2024. In Pressenza.

In Solidarität mit antiautoritären Linken

Guillaume Gamblin (Hg.): Die Unverschämte – Gespräche mit Pınar SelekIn Solidarität mit antiautoritären Linken

Von Peter Nowak

Jetzt hat der Graswurzelrevolution-Verlag ein Buch auf Deutsch herausgegeben, das den Kampf der Sozialistin und Feministin bekannt macht.

„Ich wurde mit Gewalt eingeschlossen, wie eine Schauspielerin“ sagte die Soziologin Pinar Selek über die Repression des türkischen Staates, die sie seit fast 30 Jahre erfährt. Im Juni 1998 explodierte auf einem Markt in Istanbul eine Gasflasche. Doch die türkische Justiz fabriziert daraus einen Anschlag der kurdischen Arbeiter*innenpartei (PKK) mit Selek als Verantwortlicher. Seitdem erlebt die Soziologin eine Odyssee von Verfolgung, Verhaftung und Folter.

Schliesslich konnte sie ins Ausland fliehen und lebt heute in Frankreich. Aber dem langen Arm der türkischen Justiz kann sie bis heute nicht entfliehen. Reisen ausserhalb von Frankreich könnten eine erneute Inhaftierung und womöglich eine Auslieferung in die Türkei zur Folge haben. Denn die türkischen Behörden haben einen internationalen Haftbefehl gegen Selek ausgestellt.

Wenn auch ihr Aktionsradius durch die türkische Justiz noch immer beschränkt ist, so haben wir doch die Gelegenheit, mehr über diese Frau, ihre Gedanken und Träume zu erfahren. Unter dem Titel „Die Umverschämte“ hat der Verlag Graswurzelrevolution auf fast 230 Seiten das Leben der Pinar Selek aufgeschrieben. Herausgeben wurde das Buch von Guillaume Gamblin, einem engen Freund und Genossen von ihr.

Das Buch nimmt die Leser*innen schon auf den ersten Seiten gefangen. Denn es ist in einen sehr freundlichen Ton geschrieben. Schon im Vorwort gibt Selek diesen Stil vor. „Sie liebe Leser*innen, werden sehen, dass ich nur ein kleines Pünktchen in einem grossen Gemälde bin, mit all den Widersprüchen, die verschiedene Welten und widerstreitende Dynamiken beherbergen (S. 7). Das Buch ist sehr persönlich gehalten. „In diesem neuen Raum des Kampfes, der Liebe, der Freundschaft, des Lebens öffne ich meine Türen, um ein wirkliches Gespräch zu beginnen“(S.7).

Wir erfahren so, wie die junge Pinar Selek sich nicht mit der Friedhofsruhe abfinden will, die die türkischen Militärs nach ihrem Putsch von 1980 mit enormem Terror in der Türkei durchsetzen. Pinar beteiligte sich schon als Schülerin in den 1980er Jahren an den ersten zaghaften Protesten gegen die Junta.

Kritik und Selbstkritik

So bekam sie schon in jungen Jahren Kontakt mit älteren Linken, die nach dem Putsch in den Untergrund gegangen waren. Dabei ging sie auch mit den eigenen linken Strukturen sehr kritisch um. „Es war schwierig, ihre Ideen in Frage zu stellen, die ausserdem vom Staat unterdrückt und verboten worden waren. Aber wie so viele Menschen aus meiner Generation machte ich mir Gedanken über den Begriff der Freiheit“ (S. 14). Das bedeut für Selek nicht die Abkehr von der Linken, sondern der Aufbau eigener Netzwerke und Strukturen.

Sehr anschaulich und detailliert beschreibt sie, wie sie sich mit einer Gruppe von Strassenkindern anfreundete, mit ihnen lebte, was zu ihrer Politisierung beitrug. Gleichzeitig studierte sie an der Istanbuler Universität Soziologie und wurde bald eine aktivistische Wissenschaftlerin. Über die Probleme, die diese Konstellation mit sich brachten, erfahren wir in dem Buch: „Die Mitglieder dieser Gegengesellschaft mieden Journalist*innen, Soziolog*innen und all jene, die Informationen über sie sammelten. Sie achteten darauf, ihre Geheimnisse für sich zu behalten, was die Bedingung dafür war, dass sie am Rande des institutionellen Systems existieren konnten“ (S.60).

Es ist klar, dass Pinar Selek als Soziologin in einer solchen Umgebung um Anerkennung kämpfen musste. Aber sie stellte sich auch immer wieder eine Frage: Für wen forsche ich? Wem nutzen die Ergebnisse meiner Forschung? Für wen produzierst Du Wissen? Sie wurde so im besten Sinne eine aktivistische Soziologin, die ihr Wissen immer wieder mit emanzipatorischen Bewegungen teilt.

In Solidarität mit antiautoritären Linken

Das Engagement der aktivistischen Soziologin blieb dem türkischen Staatsapparat nicht verborgen und so kann die Anklage, eine Bombe auf den Markt gelegt zu haben, was als Versuch angesehen werden muss, eine linke Wissenschaftlerin zu brechen. Doch das ist nicht gelungen. In dem Buch lernen wir Selek als eine Kämpferin kennen, die trotz ihrer Erlebnisse im Gefängnis weiterhin am Kampf für eine neue Welt festhält. Was sie in Polizeistationen und Gefängnissen erleben musste, hat Selek unter der Überschrift zusammengefasst: Ich hätte mir einen solchen Albtraum nicht vorstellen können“. „Sie haben mir die Augen verbunden und begannen mich zu schlagen. Ich war nackt und so hat die Folter angefangen“ (S. 87).

Pinar Selek erlebte Ende Dezember 1999 auch den Sturm des Militärs auf hunderte Gefangene in der Türkei, die gegen die drohende Isolationshaft im Hungerstreik getreten waren. Doch sie stellte sich immer wieder die Frage: Wie schafft Du es, dich nicht von der Folter und vom Leben im Gefängnis bestimmen zu lassen? Sie hat sich durch die Repression nicht brechen lassen. Heute engagiert sich Selek in feministischen, pazifistischen und ökologischen Gruppen in ihrem französischen Exil und publiziert in zahlreichen linken Zeitungen. Am 13. Juni nahm sie in einem Interview mit der Tageszeitung junge Welt auch zum Aufstieg der Rechten in ihren Exilland Stellung:

„Ich bin Frau, Ausländerin, feministische und ökologische Aktivistin, was die extreme Rechte in Frankreich für ihre Vorstellung eines faschistischen Systems als gefährlich einstuft. Ich habe mich dem türkischen Regime nicht unterworfen, werde mich auch keinem europäischen Faschismus unterordnen.“

So kommt das Buch gerade rechtzeitig, um eine Frau kennenzulernen, die trotz jahrzehntelanger Verfolgung ihr politisches Engagement und ihren Lebensmut nie aufgegeben hat.

Guillaume Gamblin (Hg.): Die Unverschämte – Gespräche mit Pınar Selek. Verlag Graswurzelrevolution, 2023. 228 Seiten ca. 24.00 SFr., ISBN: 978-3939045502

Veröffentlicht im „Untergrundblättle“
https://www.untergrund-blättle.ch/buchrezensionen/sachliteratur/guillaume-gamblin-die-unverschaemte-gespraeche-mit-pinar-selek-008457.html

Wir danken dem Autor für das Publikationsrecht.

….nicht mehrauffindbar nach dem dritten..ein Abend gegen Kriege !

Einladung

zu einem Abend gegen Kriege mit Gina Pietsch und Bardo Henning

Lieder und Texte

am 30. Mai 2024 – 19 Uhr – Galerie 100 – Konrad-Wolf-Str. 99

Das große Karthago führte drei Kriege.
Es war noch mächtig nach dem ersten,
noch bewohnbar nach dem zweiten.
Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten
.

Als ich jung war, hab ich Brecht auch wegen dieser Worte
bewundert. Dabei waren sie weit weg von mir, gingen mich
eigentlich nur der Historie wegen etwas an. Nun sind sie mir
nah gekommen, und ich frage, ob die Bellizisten in meinem
Land und meiner Welt sich nicht ähnlich ängstigen wie ich.
Wer hat sich nicht alles geäußert zu dieser Frage aller
Fragen, also: Krieg oder Frieden? Unser Abend hätte nur mit
meinem Repertoire fünf mal so lang sein können. Was haben
sich die Dichter und Denker zu diesem Thema nicht alles
einfallen lassen. Friede dem Bäcker und seinen
Liebschaften, wünscht sich Neruda, der Krieg ist abgesagt,
stellt Brecht in den Raum, Ich bin Fan. Herr Oberst,
gestatten, von Weltkrieg Nr.1, glossiert Georges Brassens,
von selbigen Krieg, in dem bei dem 16-jährigen Brecht die
Mütter weinten hüben und drüben.
Nicht nur diese großen Dichter sind Warner von Kriegen.
Bellizistische Dichter hat es auch gegeben, aber erstens
waren sie nicht groß und zweitens würden wir sie nicht mal
mit spitzen Fingern anfassen. Die Bellizisten unter unseren
derzeit Regierenden sind schon schwer genug zu ertragen.
Es ist sehr ermutigend, dass es in der Geschichte so viele
Anti-Kriegs-Lieder und Texte gibt, nicht wenige davon
entstanden unter Lebensgefahr der Autoren, aber mit großer
Klugheit und beneidenswertem Mut.

Die Lieder und Texte sind Zeitzeugen und Zeitgeschichte.

Brechts „Ballade vom
Stahlhelm“ berichtet uns von Lenins und Trotzkis Kämpfen
um eine Atempause für das Proletariat. Tucholsky lässt uns
teilhaben an den Ängsten von Mutter und Sohn um den
Vater, der ihnen weggenommen wurde für den Graben,
Junge, für den Graben. Das kann uns an die Tränen bringen
und uns an anderer Stelle wieder die Lachtränen in die
Augen treiben. Was hab ich zum Beispiel gelacht, als ich zum
ersten Mal las, wie Robert Gilbert einen Justav aus seiner
Stadt Berlin auffordert: Überwinde dir, Justav, erobere nischt.
Oder, wie Tucholsky in „Statistik“ uns einen Arbeiter
beibringen lässt, warum wir ein armes Land sind, na, weil wir
28.807.988 Mark allein in Preußen für Pferdezucht übrig
haben und er 433 Wochen arbeiten müsste, um so viel zu
erarbeiten wie der Herr Tirpitz, der die deutsche Flotte
danebenorganisiert hat, als Pension bekommt. Da bekannt
ist, dass unsere Millionäre und Milliardäre – 1% der
Bevölkerung – 81% einstreichen vom wirtschaftlichen
Gesamtgewinn, liegt Tucho 1929 immer noch richtig. Und
Ossietzky hat recht, wenn er feststellt: Ich habe noch
niemanden gekannt, der sich zur Stillung seiner Geldgier auf
Erhaltung und Förderung des Friedens geworfen hätte.

Fazit: Kriegsgewinnlern das Wasser abgraben, wenn wir
Frieden wollen
.

Gina Pietsch

Kontakt: www.ginapietsch.de
www.bardomusik.de

Wir danken Rainer Heidenreich für die Information zur Veröffentlichung.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung