„Tel Aviv – Beirut“ – Gewehre im Anschlag

Bild: Die Regisseurin Michale Boganim bei der Präsentation des Filmes „Tel Aviv – Beirut“ in Paris am 2. Mai 2023. Foto: Berzane Nasser (CC-BY-SA 4.0 cropped)

Peter Gutting
film-rezensionen.de

Der zweite Spielfilms der französisch-israelischen Regisseurin Michale Boganim erzählt in starken Bildern und schockierend aktuell von den zwischenmenschlichen Kosten zweier Angriffskriege.

Es war einmal eine Bahnlinie. Sie führte vom israelischen Tel Aviv bis nach Beirut im Libanon. Was heute märchenhaft klingt, steht für eine Sehnsucht: Dass die ewigen Kriege im Nahen Osten einmal enden mögen. Ganz einfach deshalb, weil sie kein Naturgesetz sind, wie man denken könnte, wenn man nach 1948 geboren ist, dem Gründungsjahr des Staates Israel. Sondern dass sie von Menschen gemacht werden, die diesseits und jenseits der heutigen Grenzen gerne Hummus mit Pita Brot essen, deren Politiker, Armeen und Milizen aber auf die gemeinsamen kulturellen Wurzeln pfeifen. Die französisch-israelische Regisseurin Michale Boganim erzählt in ihrem zweiten langen Spielfilm von dieser Utopie, die sich poetisch über die harte Realität der beiden Libanon-Kriege und das vergessene Schicksal von Israels libanesischen Helfern legt.

Gewehre im Anschlag

Eine heilige Prozession durch ein kleines südlibanesisches Dorf 1984, zwei Jahre nach der israelischen Besetzung: Tanya (Zalfa Seurat, hier als Kind: Maayane Elfassy Boganim) trägt das Holzkreuz an der Spitze der singenden Gemeinschaft, die auf dem Weg zur Kirche ist. Eine friedliche Szenerie, wäre da nicht der israelische Soldat, der mit dem Gewehr im Anschlag nebenher läuft und für die Sicherheit der Christen sorgen will. Dass dies keine übertriebene Vorsicht ist, zeigen die Schüsse, die plötzlich fallen, gefolgt von Bombeneinschlägen. Die Gläubigen müssen jetzt rennen bis zum Gotteshaus, mit knapper Not schaffen sie es ins Innere. Mit solchen Kontrasten arbeitet der Film durchgängig. Das Brutale mischt sich ins Heilige, die Realität in den Wunsch nach Frieden, das militärisch-männliche Prinzip in die Fürsorge und Mütterlichkeit der Frauen.

Erzählt wird die Geschichte über 22 Jahre und drei Episoden, die in den Jahren 1984 (zwei Jahre nach dem ersten Einmarsch Israels in den Südlibanon), 2000 (Sieg der Hisbollah und Rückzug der Israelis) und 2006 (zweiter Libanonkrieg) spielen. Man muss sich jedoch nicht mit den komplizierten Verhältnissen in Nahost auskennen, um den beiden parallelen Handlungslinien zu folgen, die sich kurz zu Beginn und dann ausgiebiger am Ende treffen. Sie handeln von den beiden Frauen, mit deren Augen wir auf die Ereignisse schauen. Tanya wächst im Südlibanon während der ersten Besatzung auf. Sie muss später mit ihrem Vater Fouad (Younes Bouab), einem Kollaborateur der Israelis, über die Grenze nach Nordisrael fliehen und ihre grosse Liebe verlassen. Zur gleichen Zeit bringt im israelischen Haifa die junge Myriam (Sarah Adler) ihren Sohn Gil (Noam Boukobza) zur Welt. Myriam ist eigentlich Französin und nur der Liebe wegen nach Israel gegangen, um dort Yossi (Shlomi Elkabetz) zu heiraten. Aber Yossi ist eigentlich die ganze Zeit weg, schon als 20-Jähriger kämpft er im Libanon. Dort rettet er in der ersten Episode der kleinen Tanya das Leben, weshalb er bei Tanyas Eltern ein gern gesehener Gast ist.

Erschreckend aktuell

Ist das nicht alles lange her, könnte man fragen, wenn man nicht wie Autorenfilmerin Michale Boganim (La Terre Outragée, 2011) in Haifa geboren wurde, in Jerusalem studierte und 2006 während des zweiten Libanonkrieges in Tel Aviv lebte. Die Brutalität der israelischen Armee habe sie damals schockiert, erzählt die französisch-israelische Regisseurin im Interview. Sie begann zu recherchieren und entdeckte unter anderem die vergessene Geschichte derjenigen Libanesen, die mit den Israelis zusammenarbeiteten und dann von ihnen bei deren Abzug verraten wurden. Nicht nur in diesem Punkt erweist sich Boganims Film als erstaunlich aktuell, wenn man an die sogenannten „Ortskräfte“ in Afghanistan denkt. Sehr heutig ist auch die Eigendynamik der oft von Testosteron getriebenen Militärlogik, die sich anscheinend verselbstständigt und gar nicht mehr zum Frieden zurückfindet, sondern quasi vom Vater auf den Sohn vererbt wird über Jahrzehnte.

Wenn Yossi als blutjunger Mann zum ersten Mal in den Krieg zieht, zeigt er noch menschliche Regungen und weiss gar nicht, was er eigentlich in dem fremden Land verloren hat (so wie heute die Russen in der Ukraine). Aber als langgedienter Offizier hat er nichts Besseres zu tun, als seinen Sohn Gil zum Wehrdienst zu überreden, statt ihn gleich nach dem Abitur in Paris studieren zu lassen, wo er an der renommierten Sorbonne angenommen wurde.

Auch wenn Tel Aviv – Beirut in der Nebenhandlung um Gil etwas konstruiert wirkt (er ist ausgerechnet einer der beiden realen Soldaten, die im zweiten Libanonkrieg von der Hisbollah als Geiseln genommen wurden), so punktet der Film doch mit seiner starken Bildsprache und dem Fokus auf der Solidarität der Frauen, die keine Grenzen kennt. Vom realen Geschehen her erzählt der Film eine traurige Geschichte, aber seine Visualität transportiert die Hoffnung des „trotz alledem“. Sie ist durchtränkt vom Licht des nahen Mittelmeeres, von der Schönheit der kargen Landschaften. Und von der pragmatischen Zärtlichkeit, mit der Mütter für ihre Kinder und Krankenschwestern für die Opfer des Krieges sorgen. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass es eine spezifisch weibliche Handschrift beim Filmemachen gibt – hier ist er.

Tel Aviv – Beirut
Frankreich, Deutschland
2022 –
116 min.
Regie: Michale Boganim
Drehbuch: Michale Boganim
Darsteller: Zalfa Seurat, Maayane Elfassy Boganim, Shlomi Elkabetz
Produktion: Frédéric Niedermayer
Musik: Avishai Cohen
Kamera: Axel Schneppat
Schnitt: Anne Weil

**** VERFÜGBAR IN DER ARTE-MEDIATHEK ***

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

Julian Assange erhält Konrad-Wolf-Preis 2023

Weltweit breiten sich Krieg und Kriegsverbechen aus. Die Assange Story lehrt vor allem EINES: wer die Verbrechen des Wertewestens ans Tageslicht zerrt und sogar den Schmutz der USA aufzudecken wagt, dessen Leben ist verbrannt. Journalisten in unseren „Demokratien“ sind solange frei, wie sie alle Schweinereien der imperialen Gegener schonungslos aufdecken oder auch überzeichnen. Aber bitte nicht, das eigene Nest beschmutzen ! Assange soll jedem eine Warnung sein. Jedem Reporter und Journalisten, der über Kriege berichtet, sitzt das Schicksal von Assange im Nacken: „halte alle Grausamkeiten des Westens unter dem Deckel!“ Der Preis der Selbstzensur ist aber: die „Glaubwürdigkeit“ dieses „freien Journalismus“ befindet sich – insbesondere bei Kriegsereignissen – bei großen Teilen des Publikums im freien Fall. (Peter Vlatten)

Ein Beitrag von 12.10.23 – Pressenza Berlin

Mit dem Preis zeichnet die Jury Julian Assanges Engagement für Pressefreiheit, Transparenz und Demokratie aus. Die von ihm gegründete Plattform WikiLeaks hat Kriegslügen und -verbrechen auf höchster staatlicher Ebene offengelegt. Deren Ausmaß, Willkür und Brutalität wurden gegenüber der Öffentlichkeit verschleiert oder verschwiegen. Die Veröffentlichungen auf WikiLeaks erfolgten in Zusammenarbeit mit Whistleblower*innen, Regimekritiker*innen und Journalist*innen. Seit 2010 ist Julian Assange der Verfolgung ausgesetzt, zurzeit befindet er sich im englischen Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh.

Die Akademie der Künste verleiht den Konrad-Wolf-Preis 2023 an den Journalisten, Publizisten und Verleger Julian Assange. Seine Ehefrau, die Rechtsanwältin und Menschenrechtsverteidigerin Stella Assange, nimmt den Preis am Sonntag, den 22. Oktober, stellvertretend für ihn entgegen.

Seine drohende Überstellung an US-amerikanische Gerichte würde weitreichende Konsequenzen für die Situation aller Journalist*innen weltweit haben, in der direkten Folge auch für Wissenschaftler*innen sowie Künstler*innen. Bedroht ist nichts weniger als die Freiheit des Wortes. Es geht um viel – um demokratische Grundwerte. Denn Julian Assange ist das Exempel, das statuiert wird, um eine Einschüchterung und Schwächung der vierten Gewalt zu erwirken.

Stella Assange beschreibt die aktuelle Situation wie folgt:

„Es wird eine öffentliche Anhörung in London geben. Sie ist die letzte Hürde für eine Auslieferung. Wenn Julian verliert, hat er die nationalen Rechtsmittel ausgeschöpft. Wenn die Entscheidung ihn auszuliefern endgültig ist, wird er sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wenden. Die Situation ist äußerst kritisch, dringend und unvorhersehbar. Wir können nichts anderes tun, als weiter für Julians Freiheit zu kämpfen, bis er wieder frei und zu Hause ist.“

Die Akademie der Künste hat in den vergangenen Jahren immer wieder an die Bundesregierung und politisch Verantwortlichen auf europäischer Ebene die Forderung gerichtet, die Freilassung Julian Assanges zu erwirken – vgl. dazu die Pressemeldungen:

Der mit 5.000 Euro dotierte Konrad-Wolf-Preis ist nach dem Filmregisseur und langjährigen Präsidenten der Akademie der Künste der DDR benannt. Die diesjährige Jury bilden Thomas Heise und Nele Hertling, beide Mitglieder des Senats der Akademie der Künste, gemeinsam mit dem Drehbuchautor Thomas Wendrich. Preisträger*innen der letzten Jahre waren der mauretanisch-malische Filmemacher Abderrahmane Sissako, der Regisseur und Schauspieler Alexander Lang sowie die Dokumentarfilmregisseurin Heidi Specogna.

Wir danken Pressenza für die Publikationsrechte

Zug der Liebe! 26. August, 13 Uhr, Mauerpark

Berlins Lieblingsdemo für mehr Menschlichkeit und Toleranz startet zum achten Mal.

„Mehr Liebe für die Welt von morgen“

Mit viel Musik und interessanten Akteur:innen startet der Zug der Liebe e.V. am 26. August um 13 Uhr am Mauerpark einen groß angelegten Demonstrationszug durch die Berliner City. Das Motto: Mehr Liebe für die Welt von morgen. Ziel ist es, eine zentrale Botschaft durch die Straßen zu tragen: Nächstenliebe, Gemeinschaft, Toleranz und Respekt sind die Essenz, die eine soziale und demokratische Gesellschaft zusammenhält. Rechtspopulismus, Gleichgültigkeit, Kapitalismus und neoliberale Ideologien sind das, was unsere Gesellschaften spaltet und unsere demokratischen Grundfesten zerstören. Der Zug der Liebe setzt den Tendenzen der Spaltung, des Hasses und der Hetze etwas entgegen. Es geht um solidarischen Zusammenhalt mit Null Platz für Kommerz und Profit!

Der Zug der Liebe setzt nicht nur auf gute Musik, sondern möchte soziale Organisationen und gemeinnützige Vereine sichtbar machen, die gelebte Solidarität zu ihrem Alltag gemacht haben und sich seit Jahren für Menschen in Not, für soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und das friedliche Miteinander einsetzen wie beispielsweise die Berliner Obdachlosenhilfe e.V., Reporter ohne Grenzen, Moabit hilft… und viele mehr.

Dank der zahlreichen Unterstützer:innen des Zug der Liebe e.V. ist die Teilnahme für die ehrenamtlich organisierten Vereine und Initiativen kostenfrei.

Mitmachen!

Der Zug der Liebe lädt zum Mitmachen ein. Ob ihr als Teilnehmer:innen mittlauft und mittanzt und das friedliche Miteinander genießt, ob ihr über den Zug der Liebe mit Euren Freunden und Bekannten sprecht, Euch über die sozialen Vereine informiert, spendet oder gar Fördermitglieder eines Vereins werdet: ihr könnt alle Euren Teil dazu beisteuern, dass Liebe und Gemeinschaft ein Stück weit mehr in die öffentliche Wahrnehmung rücken als (Wirtschafts-)kriege, völkische Hetze, neoliberale Parolen und defizitorientierte Debatten über Einwanderung und Migration. Wir sollten mehr darüber sprechen, was uns verbindet, als darüber, was uns spaltet. Gemeinsam tragen wir dazu bei, dass humanitäre Themen ins öffentliche Licht und auf die mediale Agenda rücken. Es kann nicht sein, dass globale Konflikte, Kriege, Debatten über Waffenlieferungen und Abschottung gegen Flüchtende unsere öffentlichen Diskurse dominieren. Es braucht eine neue Agenda der Liebe. Seid dabei! Macht mit! Sagt es weiter! Setzt der zunehmenden Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit in unserer Gesellschaft etwas entgegen!

Wir sagen als Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin : Unsere Liebe heisst Solidarität!

Zug der Liebe Programm

19. August, Free Open Air, 13-22 Uhr, Pumptrack Berlin – 52° e.V. An der Ostbahn 8, 10243 Berlin.

26. August, Zug der Liebe Demonstration, 13-22 Uhr, ab Mauerpark

26. August, Zug der Liebe After Party, 20-10 Uhr, Ritter Butzke

Alle Informationen gibt es auf der Webseite.

Foto Titelbild Peter Vlatten

Siehe auch Termin : "Berliner Gewerkschafter*innen rufen auf zum Antikriegstag"

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