Wider die Gleichgültigkeit

Ein befreiungstheologischer Aufruf, die Zuschauerrolle zu verlassen

Von Benedikt Kern und Julia Lis

Bild: Screenshot You Tube Video

In Nachrufen wird Papst Franziskus für vieles gelobt. Spannender ist aber, was in bürgerlichen Medien nicht über ihn geschrieben wird. So wird die konsequente antimilitaristische Position dieses Papstes größtenteils übergangen. In aller Deutlichkeit stellte er sich gegen die Aufrüstungslogik, digitalisierte Kriegsführung und atomare Bewaffnung in einem, wie er bereits lange vor Beginn des Krieges in der Ukraine sagte, laufenden »Dritten Weltkrieg auf Raten«. Sein Drängen auf Verhandlung statt Eskalation in der Ukraine und in Gaza brachte ihm internationale Kritik ein, auch und vor allem von liberalen Kräften innerhalb und außerhalb der Kirche, die sich vom Papst eine Stärkung der westlichen Position erwartet hätten.

Dafür war er nicht zu haben – und das nicht, weil er, wie jetzt auch vielfach zu lesen ist, als Argentinier ein Mann des globalen Südens war. Entscheidend war hier seine Positionierung als Theologe, als Christ: Seine Perspektive war es, die Verteidigung des Lebens der einfachen Menschen, der Armen, der Geflüchteten, der Ausgegrenzten über alle machtpolitischen Interessen von Staaten und Kapitalfraktionen zu stellen. Das hat er nicht nur in symbolischen Gesten zum Ausdruck gebracht, sondern zum Handlungskriterium gemacht. In deutlichen Worten und in der Ausrichtung seines Wirkens hat er die »Globalisierung der Gleichgültigkeit« nicht nur kritisiert, sondern Mitleid, Empathie, Barmherzigkeit propagiert – nicht auf persönliche Tugenden reduziert, sondern es als grundlegend für jede menschliche Gestaltung der Welt, und damit jede Politik. Dass eine solche Ausrichtung der Politik den Herrschenden aber nicht abzuringen ist, darin war er nicht naiv.

Deshalb hat er als wohl erster Papst konsequent auf andere politische Akteure gesetzt, zum Beispiel auf soziale Bewegungen weltweit. Bereits ein Jahr nach seiner Wahl lud er zu einem Welttreffen dieser selbstorganisierten Akteure einer Veränderung »von unten« in den Vatikan. Weitere solcher Zusammenkünfte folgten, auf denen Franziskus in Europa weitestgehend unbeachtete Reden gehalten hat, die nicht nur in außergewöhnlicher Schärfe Kritik an den herrschenden Verhältnissen übten, sondern das Vertrauen ausdrückten, dass es eben jene »organisierten Armen« sind, in deren Händen es liege diese Verhältnisse von der Wurzel aus zu verändern. Die katholische Kirche forderte er auf, den Bewegungen nicht fernzubleiben und deren Anliegen mit ihren Möglichkeiten zu unterstützen.

Dieses Bündnis jenseits der Welttreffen in größerem Maßstab voranzutreiben und auszubauen ist nicht gelungen, wohl auch weil weder die katholische Kirche noch die Linken dazu ernsthaft bereit waren. Damit haben beide jene Sensibilität für Zeitansagen vermissen lassen, die Papst Franziskus in vielen Bereichen auszeichnete: Ein Beispiel ist etwa seine klare Kritik an einer Digitalisierung, die die menschlichen Beziehungen maßgeblich verändert und einer umfassenden Logik der Verwertbarkeit aller Lebensbereiche folgt. Eine solche Kritik an der erbarmungslosen Profitlogik des Kapitalismus selbst, wie sie in dem programmatischen Satz »Diese Wirtschaft tötet« aus seinem Schreiben »Evangelii gaudium« zum Ausdruck kam, hat ihm viel Widerspruch eingebracht.

Kritik von Links an Franziskus wurde wegen seiner Haltung gegenüber dem Feminismus laut. Durchaus zurecht, wenn man bedenkt, dass er wenig Distanz zu einem kirchlichen Frauenbild zeigte, dass Frauen auf Hingabe und Mutterschaft festschreibt und über Jahrhunderte eine verhängnisvolle Wirkungsgeschichte entfaltet hat. Allerdings wird man etwa seiner Zurückhaltung in der Frage der Zulassung von Frauen zum Priesteramt nicht gerecht, wenn man sie nur als Antifeminismus deutet. Man muss sie auch in Beziehung setzen zu seiner Kritik am Klerikalismus in der Kirche überhaupt, der Priester zu Christen erster Klasse macht. Dass auch die Weihe von Frauen an diesem Klerikalismus nicht viel ändern würde, hat Franziskus gesehen.

Die Haltung in dieser Frage entsprach seiner Einstellung zu Fragen der Kirchenreform insgesamt. Strukturreformen etwa in Richtung einer Demokratisierung der Kirche durch mehr Partizipation hatten in seinen Augen Sinn, wenn sie auch mit einer konsequenten Ausrichtung auf das Evangelium, und damit die Armen und Ausgegrenzten dieser Welt verbunden blieben. Sie sollten der Kirche helfen, sich in den Dienst neuer sozialer und ökologischer Praxen zu stellen. Das hat die bundesdeutsche katholische Kirche, nicht nur die Bischöfe, sondern auch und gerade reformorientierte Laien, nicht verstanden. Die meisten gefielen sich lieber in einer Zuschauerhaltung, die aus der Distanz jede Reformbemühung als zu wenig weitreichend kritisierte.

Das aber war wohl die eigentliche Tragödie dieses Pontifikats: dass es zu viele gab, die kritisierten oder bewunderten und zu wenige, die jene Möglichkeitsräume, die der Papst öffnete, ausgefüllt haben. Die Bedingungen zu einer Neuausrichtung waren vielleicht so gut wie seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) nicht mehr. Durch den Tod dieses Papstes schließt sich nun dieses Zeitfenster, vielleicht unwiderruflich. Es ist kaum zu erwarten, dass sein Nachfolger den visionären Mut aufbringt dem Entschiedenes entgegenzusetzen. Aber nun voller Sorge darauf zu warten, würde heißen, den Fehler des Zuschauens fortzusetzen. Stattdessen geht es nun um das Vermächtnis dieses Papstes: Wird es gelingen Bündnisse von Christ*innen und Nicht-Christ*innen zu schmieden, die der Ungleichheit, der Aufrüstung, den Grenzregimen und Nationalismen etwas entgegenzusetzen haben? Dazu bliebe noch viel, ja fast alles zu tun.

Benedikt Kern und Julia Lis sind katholische Theolog*innen und arbeiten am befreiungstheologisch inspirierten Institut für Theologie und Politik in Münster.

Erstveröffentlicht im nd v. 25.4. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1190773.tod-von-franziskus-wider-die-gleichgueltigkeit.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

Die Welt als Wille & Wahnvorstellung

Der Besuch von EU Vizepräsidentin Kaja Kallas in Aserbaidschan. Wahre Realsatire und Krönung von Doppelmoral und Dummheit. Geopolitische Staatsräson führt zu abenteuerlichen Kapriolen. Hier die beissende öffentliche Erklärung von Martin Sonneborn, Vorsitzender von Die Partei und EU Abgeordneter, 23.April 2025. (Peter Vlatten)

Die Welt als Wille & Wahnvorstellung

In der EU-Kommission sind, wie sich gerade wieder einmal deutlich zeigt, nicht nur geopolitische & ökonomische Genies angestellt, sondern auch echte Werte-Champions. Und deshalb reist Ihre estnische EU-Außenmaus K. Kallas, während sich in Armenien der 1915 vom Osmanischen Reich begangene Völkermord zum 110. Mal jährt, ins benachbarte Aserbaidschan, um die Freundschaft zu einer genozidalen Öl-Diktatur zu pflegen, die es nach Maßgabe ihrer eigenen Werte gar nicht geben dürfte. (Die Freundschaft natürlich.)

Nicht genug, dass Aserbaidschan 2020 das seit Jahrtausenden von Armeniern bewohnte Bergkarabach – mit Hilfe durchgeknallter syrischer Kopfabschneider (jetzt in Syrien an der Macht) & israelischer Drohnen – ethnisch gesäubert hat.

Aliyev, dem die Kallas – immer wieder erschütternd bildungs- und ethikfern – nun in Ihrem Namen die (blutige) Flosse schüttelt, hat mittlerweile ein bedeutenderes kulturelles Erbe zerstört als der IS. Muss man erst mal schaffen!
Von den 110 armenisch-christlichen Kirchen in Arzach & Nachitschewan, deren großer Teil bis ins 4. Jahrhundert zurückreicht, haben die Aserbaidschaner, deren Staat nicht älter ist als das Rezept von Coca Cola, ganze 108 rückstandsfrei ausradiert.

Im geopolitischen Kampf um die Verteidigung dieser & ähnlicher Werte steht das aserbaidschanische Regime, das zusammen mit dem Irren von Bosporus an der Wiedererweckung eines großosmanischen Turkreiches arbeitet, übrigens auf einer deutlich anderen Seite als die ihrem Feindbild Russland aufs Verbittertste verschriebene EU: „Russland kann sich auf Aserbaidschan verlassen.“ (ntv) Das Gas, das Aserbaidschan an die EU weiterverkauft, kauft es in Russland ein. Und die „strategische Partnerschaft“ zwischen Gazprom und dem aserb. Staatskonzern Socar wird gerade weiter ausgebaut.

Was aus der EU einen filmreifen Trottel macht, der so fortwährend wie freudestrahlend eine Schusssalve nach der anderen auf sein eigenes (ökonomisches) Knie abfeuert.

Dass die EU sich zum Schaden ihrer Bürger und ihrer Wirtschaft in der Vorstellung eingerichtet hat, in der es einen moralischen, geopolitischen & wirtschaftlichen Sinn ergibt, Gas aus Russland nur mehr anzunehmen, wenn ein noch repressiveres, noch unfreieres und wahrlich genozidales Diktatorenregime dem Rohstoff seinen Gewinnaufschlag hinzugesetzt hat, können nur noch Leute nachvollziehen, die was am Kopf haben. Wir jedenfalls nicht. Diese EU ist ein Fall für 1 Arzt!

PS: In Sachen Demokratie, Presse & bürgerliche Freiheiten liegt unser Wertepartner Aserbaidschan noch weit hinter Russland. Stabil.

PPS: Seit nunmehr 550 Tagen sitzen 23 Geiseln widerrechtlich im Gefängnis in Baku, darunter Arzachs Präsident Bako Sahakyan und ein Dutzend Mitglieder seiner Regierung.

Wir danken wie immer Martin Sonneborn, wenn er ins Schwarze trifft und den satirischen Leckerbissen verbreiten können!

Titelbild: Collage Peter Vlatten

Stolperstein für Anarchosyndikalisten Walter Schwalba verlegt

Mit Walter Schwalba wurde am Freitag an einen Antifaschisten erinnert, der lange Jahre aktiv in der anarchosyndikalistischen Bewegung war

Von Peter Nowak

Bilder: Jochen Gester

Etwa 40 Menschen versammelten sich am Freitag vor dem Eingang der Bänschstraße 30 im Berliner Ortsteil Friedrichshain, darunter Schüler*innen eines Gymnasiums in der Nachbarschaft. Anlass war die Verlegung eines Stolpersteins für den Antifaschisten Walter Schwalba, der einst hier wohnte.

Zwei Fahnen, die während der Gedenkveranstaltung vor dem Hauseingang hingen, passten dazu, dass der Geehrte in seinem Leben in sehr unterschiedlichen Organisationen der politischen Linken aktiv war: Neben der Fahne der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) hing dort auch das schwarz-rote Banner der anarchosyndikalistischen Basisgewerkschaft Freie Arbeiter*innen-Union (FAU).


Jochen Gester von der Berliner VVN-BdA ging in seiner Rede auf die Biografie von Schwalba ein, die das erklärt. Der 1896 in Kreuzberg in eine Arbeiter*innenfamilie geborene Mann politisierte sich im Ersten Weltkrieg. Weil er genug vom Morden hatte, desertierte er in der Endphase des Kriegs und lebte illegal bei seiner Schwester in Berlin. Er wurde Mitglied des Spartakusbundes und der frisch gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Doch die verließ er bereits 1920 wieder und schloss sich der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) an. Heute gibt es keine schriftlichen Zeugnisse, die über die Gründe dieser Umorientierung Aufschluss geben.8

Doch Gester benannte in seiner Rede einige Anhaltspunkte. »Im März 1920 gelang es Schwalba, Arbeit in seinem erlernten Beruf als Klaviermacher zu finden. Im neuen Betrieb waren die Libertären der FAUD stark vertreten. Ihre Arbeitsweise imponierte ihm offensichtlich und führte zu einer langjährigen politischen Bindung an diese Strömung der Arbeiterbewegung.«

Schwalba war nicht nur bis zu ihrer Selbstauflösung angesichts des Naziterrors 1933 führendes Mitglied der FAUD. Ab dem Frühjahr 1934 beteiligte er sich in der Illegalität am antifaschistischen Widerstandskampf der Anarchosyndikalist*innen. Walter Schwalba übernahm die Leitung der Berliner Widerstandsgruppe. Unter dem Tarnnamen »Esst deutsche Früchte und bleibt gesund« publizierten die Illegalen eine Broschüre, die zum gewaltsamen Sturz des Naziregimes aufrief.

„Im neuen Betrieb waren die Libertären der FAUD stark vertreten. Ihre Arbeitsweise imponierte ihm offensichtlich und führte zu einer langjährigen politischen Bindung an diese Strömung der Arbeiterbewegung.“ Jochen Gester Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten

Hansi Oostinga, der für die FAU Berlin das Wort ergriff und über das Leben von Schwalba recherchiert hat, erinnerte an jüngere Forschungsergebnisse zur Widerstandsarbeit von Anarchosyndikalist*innen. Mindestens 600 von ihnen waren aktiv im Widerstand, darunter auch Schwalba. Er wurde 1937 mit anderen FAUD-Mitgliedern verhaftet und zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt. Im Anschluss wurde er ins KZ Sachsenhausen deportiert und 1945 von der Roten Armee befreit.

Schwalba trat der KPD bei, die sich 1946 mit der SPD zur SED vereinigte. Er arbeitete bei der Volkspolizei und erhielt mehrere Auszeichnungen. Er starb 1984. Sein Engagement in der FAUD erklärte Schwalba später als Irrweg, den er beschritten habe, weil er damals zu wenig marxistisches Lehrmaterial gehabt habe.

»Ob dies nun eine Entscheidung war, die er traf, weil ihm klar war, dass es dafür keine lebbaren Alternativen in der DDR gab, oder ob er sich von seinen Freiheitsräumen wirklich verabschiedet hatte, bleibt wohl unbeantwortet«, sagte Gester. Auch die anwesenden FAU-Mitglieder erklärten, dass es natürlich kritische Diskussionen bei ihnen gab, dass ein ehemaliger Anarchosyndikalist später bei der Volkspolizei arbeitete. Doch man gedenke Schwalba als eines aktiven Nazigegners und Deserteurs im Ersten Weltkrieg.

Am Schluss der Veranstaltung kündigte Timo Steinke von der Initiative »Wem gehört der Laskerkiez?« eine Gedenkveranstaltung für Paul Schiller am 23. April um 18 Uhr am Rudolfplatz an. Mit Schiller soll dort an einen Antifaschisten erinnert werden, der als Teil der wenig bekannten Kampfgruppe Osthafen wenige Wochen vor der Befreiung vom Faschismus Soldaten zum Desertieren aufforderte und SS-Männer entwaffnete. Er wurde am 23. April 1945 erschossen.

Erstveröffentlicht im nd v. 7.4. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1190406.antifaschismus-stolperstein-fuer-anarchosyndikalisten-walter-schwalba-verlegt.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

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