Weniger ist zuwenig

Von Andreas Buderus

Wir haben das Manifest einer Initiative von Sozialdemokrat:innen hier bei uns im Forum bekannt gemacht, weil dieser Schritt dazu führen kann, dass Risse im Lager der Kriegsertüchtiger entstehen und so der Friedensbewegung neue Kräfte zugeführt werden. Wenig Hoffnung hatten wir allerdings, dasss die SPD als Partei hier eine ernstzunehmende politische Kehrtwende vollziehen könnte. Gründe, warum, formuliert im folgenden Artikel Andreas Buderus, der zu den Initiatoren der Basisinitiative SAGT NEIN! Gewerkschafter:innen gegen Krieg, Militarismus und Burgfrieden – gehört. (Jochen Gester)

Bild: Fotos Wikipedia / Eigene Bearbeitung Jochen Gester

Was uns die öffentliche Debatte über das Manifest der ´SPD-Friedenskreise´ über die Verkommenheit der Verhältnisse und des politischen Diskurses in Deutschland und den Un-Zustand der SPD lehrt, während gleichzeitig Angriffskrieg zur geschätzten ´Drecksarbeit´ wird, und das verordnete ‚Wir‘ zu seiner ideologischen Uniform

Dass der fromme Wunsch einer Nicole nach ´ein bisschen Frieden´, der Deutschland im Gegensatz zu den heutigen erbärmlichen nationalen Ergebnissen beim ESC, im Jahre 1982 zu Platz 1 an der Sonne gereichte, mal den massiven Protest der Staatsgewalt hervorruft – Leute, wer hätte das gedacht… Fällt euch da nichts auf?! Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen (wie bei der Guerot, die ja auch will, dass „wir wieder von Europa träumen können“), und dass die Menschen nicht so oft weinen – das grenzt schon an Wehrkraftzersetzung (im Dienste Putins, wie die FAZ gleich weiß, ob der jetzt diese Kollaborateure bezahlt oder nicht).

Die Tragödie der Gegenwart liegt nicht nur in der Barbarei des globalen imperialistischen Mordens, das in den in den Trümmern von Mariupol und Donezk, den Schutthaufen von Gaza und den Straßen von Djenin und Tulkarem, in den Flüchtlingscamps des Sudan, im Feuer Israelischer und US-amerikanischer Bunker-Buster im Iran, im Chinesischen Meer oder auf den Bergen Kurdistans und in Rojava täglich neue Opfer fordert. Sie liegt gleichermaßen in der moralischen Feigheit und politischen Verkommenheit derer, die sich in den Zentren der Macht als Garanten von Frieden und Freiheit gerieren, während sie mit jedem neuen entgrenzten Aufrüstungspaket, jeder Waffenlieferung und jeder Propagandasalve Öl in das Feuer des globalen Kriegsinfernos gießen.

Der eskalierende globale Krieg um Vorherrschaft – zwischen USA, China, NATO, EU, Russland, BRICS+ – ist keine Abfolge isolierter Konflikte. Er ist Ausdruck der tiefen Erschöpfung des Kapitalismus in seiner in Verwesung übergegangenen imperialistischen Spätphase.

Die „Zeitenwende“ markierte dabei den Übergang von einer symbolischen zu einer materiellen Kriegsökonomie. Mit der Entgrenzung der Rüstungsausgaben und der systematischen Reorganisierung der Industrie entlang sicherheitsindustrieller Interessen (Rüstung, KI, Biotech, Energieautarkie) entsteht ein neuer militärisch-industriell-digitaler Komplex. Er schafft Profite, Disziplin und geopolitische Schlagkraft – und dient zugleich als Fluchtpunkt für ein erschöpftes Kapital, dem in den klassischen Akkumulationsfeldern längst die Luft ausgeht.

Die systematische Umdeutung von Verteidigung in Angriff, von imperialistischer Expansion in „Werteordnung“, von Eskalation in „Verantwortung“ führt zu einer tiefen moralischen und politischen Verdrehung. Wer den Krieg kritisiert, wird nicht nur diskreditiert, sondern pathologisiert – als „Naivling“, „Putinversteher“, „Antisemit“.

Opposition wird zur psychopolitischen Abweichung erklärt. Wie weit die diskursive Kriegsformierung bereits fortgeschritten ist, zeigte zuletzt die Reaktion auf das sogenannte ´Manifest der SPD-Friedenskreise´. Darin wurde keineswegs ein radikaler Pazifismus vertreten, sondern unter grundsätzlicher Akzeptanz des eingeschlagenen Kurses („Für Verteidigungsfähigkeit und Rüstungskontrolle“) lediglich vor einer Aufrüstungsspirale gewarnt, „die zukünftige Konflikte eher wahrscheinlicher macht, als sie zu verhindern“. Doch bereits diese minimale Irritation des herrschenden Kriegsertühtigungs-Dogmas löste einen Furor aus, der selbst für den postdemokratischen Diskursraum bemerkenswert war.

Die mediale Kampagne ließ nicht lange auf sich warten: „Als hätte Putin mitgeschrieben“, lautete der Tenor in BILD, FAZ & Co., flankiert von einer orchestrierten Empörung auch aus der SPD-Führung. Dort wurde den Unterzeichner*innen „Realitätsverweigerung“ attestiert, ihre Warnung als „sicherheitspolitisches Risiko“ verunglimpft . Die FAZ aktualisierte das Scholz-Paradigma von Pazifisten als „Engel aus der Hölle“  in Bezug auf die Manifest-Autor*innen zu   „Tauben am Tor zur Hölle“.  Was hier sichtbar wird, ist die schleichende Kriminalisierung jeder Position, die nicht auf „Kriegstüchtigkeit“ eingeschworen ist. Wer sich dem imperialen Konsens entzieht, wird nicht argumentativ widerlegt, sondern moralisch delegitimiert – als Bedrohung, als Kollaborateur, als Fremdkörper. Die politische Debatte ist damit nicht nur militarisiert, sondern funktional gleichgeschaltet: Differenz wird zum Feind, Kritik zur Gefahr, Friedenswille zum Sicherheitsrisiko.

Als der neue Kriegskanzler Friedrich Merz beim G7-Treffen im Juni 2025 den völkerrechtswidrigen Angriff Israels auf den Iran mit den Worten begrüßt, Israel habe „die Drecksarbeit für uns erledigt“, spricht er nicht nur als Einzelperson – er artikuliert den autoritären Konsens einer entgrenzten Exekutive, die sich vom Souverän längst verabschiedet hat. Eine Formulierung, die den völkerrechtswidrigen Angriff in einen aggressiven Erlösungsmythos umdeutet, der zugleich zur Unterwerfung verpflichtet. Wer „wir“ in diesem Satz ist, bleibt unklar. Doch deutlich wird: Die Bevölkerung soll affektiv vereinnahmt, in nationale Verantwortung genommen, in „Inobhutnahme“ gezwungen werden.

Andererseits: Das so arg diskreditierte, sich selbst so bezeichnende ´Manifest´ der ´SPD-Friedenskreise´ – ein Widerspruch in sich wie Vegetariermenüs aus der Fleischfabrik –   trägt mit pazifistischer Rhetorik eine Maske, hinter der das alte hässliche Gesicht der Sozialdemokratie als Staatspartei des Imperialismus sichtbar bleibt. Das ist kein tragischer Irrtum – es ist politisches Kalkül. Die Kritiker*innen, die dessen Heuchelei aufdecken, werden erneut der Spaltung bezichtigt; der imperialistischen Einheit von SPDCDUCSFDP über Olivgrün bis AfD hingegen gilt der Schutzschild politischer Sitte, von Anstand und Moral.

Die hysterische Zurückweisung des Manifests durch die offizielle SPD – durch Regierungspolitiker wie Klingbeil und Pistorius, den Fraktionsapparat und die üblichen öffentlich-rechtlichen Lautsprecher – ist keine ´Verteidigung der Vernunft´, sondern ein ungewollter Offenbarungseid. Denn sie reagieren nicht auf einen auf Systemüberwindung zielenden Angriff, sondern auf einen butterweichen Appell zu Rückkehr zur Kalter-Kriegs-Diplomatie, flankiert von der Anerkennung der NATO, der grundsätzlichen Bejahung des Ausbaus einer – wenn auch durchdachteren – militarisierten und atombewaffneten Deutschland-EU als eigenständigem geopolitisch imperialistischer Player, von der Verteidigung der ´westlichen Wertegemeinschaft´ und – dies sei betont – ohne jegliche Analyse des imperialistischen Charakters des herrschenden globalen Krieges und der auf den Exitus hintreibenden Mitweltvernutzung. Dass selbst dieses butterweiche und zutiefst linientreue ´Manifest´ jetzt immerhin einen solchen Riss im kriegsbesoffenen proklamierten national standortreuen common-sense erzeugen kann, ist nicht seiner nicht vorhandenen kritischen Wucht oder mutigen Zivilcourage geschuldet, sondern dem bereits erreichten überbordenden Ausmaß der Verkommenheit der realen Verhältnisse. Dies zugestanden, ist das Beste über das Manifest auch schon gesagt.

Die öffentlich wohl inszenierten Schmerzensschreie aus SPD-Baracke, SPD-Fraktions-Otto-Wels-Saal und SPD-Kriegsministerium-Bentlerblock sind der Offenbarungseid  über die finale sozialdemokratische Unterwerfung unter die Logik der vielzitierten  ´Staatsräson´, jenes autoritäre Herrschaftsprinzips, das nach klassischer politikwissenschaftlicher Definition die Interessen des Staates absolut über Moral, Recht und Individuum stellt, das „den Einsatz aller Mittel“ rechtfertigt, „unabhängig von Moral oder Gesetz“. Diese Unterwerfung ist Ausdruck einer tief sitzenden kollektiven psychopolitischen Deformation: Die Angst, erneut als „vaterlandslose Gesellen“ diffamiert zu werden, lässt die SPD seit der Aufhebung des Gesetzes ´gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie´ im Jahre 1890 in vorauseilender Nationalstaatsloyalität jedes internationale Verbrechen decken, das im Namen des deutschen Staatsinteresses begangen wird. Diese pathologische Anpassung ist längst nicht mehr vielleicht noch verstehbarer defensive Angst geschuldet, sondern Struktur gewordene verinnerlichte, zynische Staatsvergottung sozialdemokratischer Prägung, die weder politische noch moralische Kategorien mehr kennt — weil sie diese berechtigter Weise als Bedrohung der eigenen zutiefst teutonischen Michelstruktur erlebt.

Wenn es noch eines Beweises für die Verkommenheit dieses gesellschaftlichen Diskurses und des Zustandes Deutschlands im 80. Jahr nach der nie erfolgten ´Befreiung vom Faschismus´ bedurft hätte, dann ist es die Tatsache, dass der preußisch-wilhelminische Möchtegern-Noske im Bentlerblock als Kriegsminister seit Monaten der ´beliebteste Politiker´ des sich erneut seinen ´Platz an der Sonne´ erkämpfenden Deutschlands ist.

Pistorius steht mit seinen Appellen an den autoritären Charakter wie ein gepanzerter Mahnstein für die Verbindung aus preußischem Kasernenhofdrill und neoliberaler Effizienz: ein Minister ohne Zweifel, ohne Skrupel, ohne Widerrede. Basta-Manier mit Stahlhelm. Ein wilhelminischer Exekutor des neuen, ewig gleichen deutschen Militarismus – ausgestattet mit breiter Zustimmung der politischen Klasse, medialer Dauerpräsenz und dem Anschein ´volksnaher´ Entschlossenheit. Und ´das Volk´ findet ihn ´einfach nur toll´ dafür. ´Endlich wieder einer, der sagt, was Sache ist.´ Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlachter selber…

Doch die eigentliche Farce spielt sich nicht in Uniform ab, sondern im aufgetragenen Konfirmations-Anzug der Sozialdemokratie: öffentlich inszeniertes parteiinternes Trauerspiel zwischen larmoyanten, als ´Appeasement-Adepten´ vorgeführten, in Wahrheit jedoch schlicht opportunistisch und final verwirrt hin und her gerissenen Altspezialdemokraten, die immer noch nicht begreifen wollen, dass die SPD spätestens seit 1914 keine ´Friedenspartei´ mehr ist, und den zackigen Haltungshelden, die keine Fragen stellen, solange die Marschrichtung stimmt.

Dort wimmern nun die Erstunterzeichner Rolf Mützenich, einst Fraktionschef, heute ein ´armes Hascherl´ im Nebel des eigenen politischen Selbstmitleids, und Ralf Stegner, abgehalfterter Außenpolitiker, der sich bis heute als ´links´ inszeniert – was immer das ist außer ein beliebiger Punkt im diffusen politischen Raum. Stegner, der nichts mehr fürchtet, als den kleinen Jungen aus des Kaisers neue Kleider, der eines Tages – oder vielleicht schon im Plenum des kommenden SPD-Parteitages – ungefragt aufsteht und – die stumpfe Nacktheit entlarvend – laut in den Saal ruft: ´Der hat ja gar nichts an!´. Beide fühlen sich vom Pistorius’schen Hammerschlag übergangen, beleidigt, ausgebootet – und tun das, was die SPD-Granden in solchen Momenten schon immer am besten konnten: hohl und betroffen gucken und an Willy Brandt erinnern.

´Man wird ja wohl noch mal sagen dürfen…´, tönt es da zitternd aus Interviews und Kolumnen. Doch gesagt wird nichts, was nicht im Rahmen bleibt, was nicht ins Raster der politischen Geschäftsordnung der Kriegsertüchtigung passt. Kein Bruch, kein Rücktritt, kein tatsächlicher Widerstand – nur öffentlichkeitswirksames Nachkarten, Mimosenpolitik im Dauerlamento – symptomatisch für jene, die lieber rumheulen als kämpfen, lieber bitten als brechen, lieber signalisieren als agieren.

Die Verteidiger*innen des ´Manifests´ klammern sich an eine Rest-Rhetorik Brandtscher ´Entspannungs-Rabulistik’, weil sie eine Rückkehr zur sozialdemokratischen Wärmeflasche und Bettpfanne ersehnen. Doch die SPD ist längst keine Partei des Friedens mehr. Friedenspolitik in der SPD ist wie Vegetariermenü aus der Fleischfabrik: Etikettenschwindel in systematischer Absicht.

Die innerparteiliche Schmierenkomödie der SPD ist kein Ausdruck innerer Kämpfe – sie ist das Ritual von tief in der Logik der Politik des Militärisch-Industriell-Digitalen Komplexes gefangenen Funktionären, die längst wissen, dass der Kurs feststeht und ihr Protest Teil des Theaterdonners ist, der den Marsch der Regimenter übertönen soll.

Die wenigen, die dieses Spiel durchschauen zeigen auf, dass das Manifest in Wahrheit nicht gegen, sondern in letzter Konsequenz für die herrschende Konfrontationspolitik spricht. Es fordert mehr Diplomatie, aber akzeptiert die Logik massiver Aufrüstung. Es beklagt Eskalation, aber vermeidet jede Fundamentalkritik am westlichen Imperialismus. Es moralisiert, ohne politisch historisch zu analysieren. Und eben deshalb trifft es die Zustimmung derer, die den Krieg nur effizienter, nicht noch unmenschlicher führen wollen.

Schlimmer jedoch ist, dass große Teile der noch verbliebenen Friedensbewegung – in Ehren seit den 80ern ergraut, ermattet, desorientiert, illusionssüchtig – auf diesen Trick hereinfallen. Sie wollen nicht erkennen, dass der wahre Feind wie schon immer und nach wie vor im eigenen Land steht und seit durchgängig seit 1998 mit am Regierungstisch sitzt (nur unterbrochen von 2009 – 2013), weil sie die Konsequenz fürchten, die dieser Erkenntnis folgen müsste: den Bruch mit Nationalökonomie, dem ´sozialen Frieden´ der Herrschenden, Parlamentarismus, nationalistischer Standort- und Kriegslogik. Sie versagen erneut und katastrophaler als je vor der Geschichte. Denn die Mechanismen liegen nach zwei Weltgemetzeln mit ihren hunderten Millionen Erschlagenen, dem industrialisierten Massenmord der Shoa, zwei auf Menschen abgeworfenen Atombomben und weiteren 72 Millionen in den globalen Kriegen seit 1945 Abgeschlachteten klarer denn je zu Tage:  Wie vor einem Jahrhundert, so ist auch heute der Weltkrieg keine Kette isolierter Konflikte. Ukraine, Gaza, Westbank, Syrien, Sudan, Iran, Kurdistan, Südchinesisches Meer – es ist ein Weltenbrand, gespeist von denselben ökonomischen Interessen, derselben geopolitischen Gier, demselben nationalistischen Gift.

Wer daran immer noch zweifelte, und wer nach wie vor keine Ideen über das ´Wem nützt es?´ der anhaltend eskalierenden Welt-Unordnung hatte der wurde schon am 15. Juni im newsletter der WirtschftsWoche aufgeklärt: „ Eskalation im Nahen Osten: „Aus dem chronischen Spannungszustand zwischen Iran und Israel wurde über Nacht ein Krieg. Eine neue Phase geopolitischer Unsicherheit hat begonnen, ohne dass klar ist, wie lange sie anhalten und welche Folgen sie haben wird. Oder ob sie irgendjemand eindämmen kann.

Kaum war die Nachricht in der Welt, begannen Menschen und Maschinen an den Märkten zu arbeiten. Die Börse kennt keine Sentimentalitäten. Sie hält nicht inne. Sie reagiert sofort. Der Ölpreis stieg ruckartig, die Aktienmärkte gaben nach. Gefragt waren stattdessen sichere Anlagen: Bundesanleihen, der US-Dollar – und Gold. Wenn das politische Risiko steigt, sucht das Kapital Schutz.“

Wer Frieden will, darf nicht zwischen ´guten´ und ´schlechten Bomben´ unterscheiden, nicht zwischen ´westlichen´ und ´östlichen Mördern´, sondern muss die Logik brechen, die all dies hervorbringt.

So wie Luxemburgs Junius-Thesen gegen die Burgfriedenspolitik der SPD schon 1915 den revolutionären Bruch forderten, stellen wir heute fest:

Die Hauptschuld am Krieg liegt bei jenen, die ihn vorbereiten, finanzieren, rechtfertigen und am Ende von ihm milliardenschwer profitieren – und das sind die Akteure der Militärisch-Industriell-Digitalen Komplexes aller imperialistischen Länder und ihrer jeweiligen Steigbügelhalter in den Regierungen aller angeblichen ´Lager´.

Der wahre Feind der Menschheit steht im jeweils eigenen Land – in den Kriegsregierungen, in der Rüstungslobby und in den Redaktionsstuben, die Kriege wie eh im Auftrag der Herrschenden je passend zu ´präventiv erforderlichen Verteidigungsschlägen´ oder ´militärischen Spezialoperationen´ oder begrüßenswerter ´Drecksarbeit´ verklären.

Die Aufgabe der Linken ist nicht Vermittlung zwischen Krieg und Frieden, sondern bedingungslose Opposition gegen den imperialistischen Krieg aller Seiten.

Die Friedensbewegung darf sich nicht länger als moralisches Feigenblatt der SPD missbrauchen lassen.  Nicht Appelle, sondern Aktionen sind nötig:

  • Enthüllung der und verschärfte Agitation gegen Kriegspropaganda und militaristische Zurichtung der Gesellschaft und ihrer ‚Weichspüler´, wie zum Beispiel die ´SPD-Friedenskreise´.
  • Blockade von Waffentransporten.
  • Streik gegen Rüstungsproduktion.
  • Kollektive Verweigerung der Inanspruchnahme als Kanonenfutter für die Kriege des jeweils aufgepfropften Nationalstaates und Desertion aus allen Armeen.

Was tun?

  • Die Bourgeoisie ruft zum Durchhalten.
    Wir rufen auf, Sand zu sein im Kriegsgetriebe.
  • Die Herrschenden rufen zum ´nationalen Schulterschluss´.
    Wir rufen zum internationalen Klassenkampf.
  • Der Militärisch-Industriell-Digitale Komplex ruft zur Mobilmachung.
    Wir zur flächendeckenden Demobilisierung und Auflösung aller Militärbündnisse und Armeen.

Die weitere epidemische Ausbreitung des globalen Krieges kann nur beendet werden, wenn die Menschen in allen Ländern den Kriegstreibern im jeweils eigenen Land das Handwerk legen.

  • Nicht die Alternative ´Verhandeln oder Siegen´,
    sondern die klare Entscheidung: ´Kein Frieden mit dem Kriegssystem!´
  • Nicht die Bitte um andere oder weniger Waffen,
    sondern die Parole: „Nieder mit allen Waffen!
  • Nicht Hoffnung auf die SPD,
    sondern Kampf gegen das System, das sie verkörpert.
  • Kein Paktieren mit dem imperialistischen Bellizismus!
    Nicht in Deutschland, nicht in Europa, nicht in Russland, nicht in Israel – nirgendwo!

Das gilt es mit offener Hand für all die Sozialdemokratinnen, die es mit ihrem sicherlich gut gemeinten „Appell für Frieden“ ernst meinen, präzise zu benennen.

  • Arbeiter*innen schießen nicht auf Arbeiter*innen!
  • Stoppt die ´Konversion Pervers´ und die vollständige Militarisierung der Gesellschaft!
  • Schluss mit der Burgfriedenspolitik der DGB-Gewerkschaften!
  • Keine Wiedereinführung des Kriegsdienstes!
  • Schutz und Asyl für alle Kriegsdienstverweigerer*innen und Deserteur*innen, egal woher, aus welchem Krieg und von welcher Seite!

DAS gilt es seitens der friedens- und Gewerkschaftsbewegung und von verbliebenen aufrechten Sozialdemokrat*innen, sofern es die noch gibt…, auf dem bevorstehenden SPD-Parteitag am kommenden Wochenende unmissverständlich klar zu stellen.

Weniger ist zu wenig.

Erstveröffentlicht im Gewerschaftsforum Dortmund
https://gewerkschaftsforum.de/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Mensch sein heißt Frieden schaffen! Überall!

Friedensbotschaft der H&M-Betriebsräte

Bild: ver.di / Eigene Bearbeitung

Wir stehen hier zusammen als Betriebsräte und ver.di-aktive Betriebsräte um eine Friedensbotschaft zu senden, denn genau das liegt in unserer Geschichte als Betriebsräte in diesem Land. Entstanden sind wir am Ende des Ersten Weltkriegs, als nach 4 Jahren des Schlachtens man keine weiteren Menschenleben mehr opfern wollte und das Regime, das dafür verantwortlich war, hinwegfegt wurde.

Wir waren aber am Ende nicht stark genug und es folgten Faschismus und erneuter Weltkrieg. Das darf nie wieder passieren, das war unser Credo.

Und dennoch haben wir haben alle immer wieder Genozide miterleben müssen, wie unsere Eltern und Großeltern vor uns. Viele von uns sind alt genug um sich an die Genozide in Ruanda, in Bosnien, in  Myanmar, an den Jesiden zu erinnern oder aktuell an den Palästinensern in Gaza. Wie schlimm ist es, dass wir in unserer kurzen Lebenszeit schon so viele Genozide miterleben mussten!

Heute finden wir uns wieder in einer Situation, in der das Aufrüsten wie vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg die Oberhand gewinnt und zunehmend an die Stelle des Friedens tritt. Wir beobachten, dass dies weitgehend unwidersprochen geschieht. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Stimme erheben, und zwar gegen jeden Krieg, egal ob er in der Ukraine, in Russland, in Israel, in Palästina, in Libanon, in Syrien, in Afghanistan oder jüngst zwischen Indien und Pakistan, im Sudan, im Kongo, in Somalia und im Iran herrscht. Diese Aufzählung kann erschreckenderweise nicht abschließend sein.

Wir Betriebsräte vereinen Menschen unterschiedlichster Kulturen, Herkunft, Religionen, Weltanschauungen, sexueller Orientierungen, unterschiedlichster Geschlechter, weil wir die einzige Institution in jedem einzelnen Betrieb sind, die demokratisch gewählt wurde.

Was im Kleinen gelingt, muss im Großen möglich sein. Deshalb schauen wir hin und erwarten, dass niemand mehr wegschaut.

Mensch sein heißt Frieden schaffen! Überall!

Resolution der bundesweiten Betriebsräteversammung von H&M am 26.6.2025

  • Damiano-Cosimo Quinto, Verhandlungsführer der ver.di-Bundestarifkommission zur Fortsetzung des Digitalisierungstarifvertrages mit H&M, trägt die Resolution voll mit: „Als Betriebsrat und Gewerkschafter habe auch ich mich klar positioniert: Aufrüstung, Kriege und Völkermorde werden von oben organisiert und ideologisch bemäntelt, deshalb muss der Frieden von unten durchgesetzt werden. Kolleg*innen schießen nicht aufeinander, sondern sprechen miteinander, und zwar über alle Grenzen hinweg. Das nennt sich Internationale Solidarität.“

Erstveröffentlicht im Labournet Germany
https://www.labournet.de/interventionen/kriege/antimili-all/friedensbotschaft-der-hm-betriebsraete-mensch-sein-heisst-frieden-schaffen-ueberall/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Klassenkampf statt Denkmal

Eine Sammlung mit Briefen, Reden und Interviews erinnert an den Widerstandskämpfer und Gewerkschafter Willi Bleicher

Von Peter Nowak

Zum 80. Jahrestag der Zerschlagung des Nationalsozialismus wurde dieses Jahr einmal mehr deutlich, wie sehr die Antifaschist*innen heute fehlen, die im Widerstand waren und über ihre Zeit in der Illegalität, im Exil und meistens in den faschistischen Konzentrationslagern berichten konnten. Es war nur eine kleine Zahl von Männern und Frauen, die aber in der BRD zahlreiche junge Menschen beeindruckten und mit dazu beigetragen hatten, dass diese selbst Antifaschist*innen wurden. Zu diesen inspirierenden Personen gehörte auch Willi Bleicher. Dass er heute fast vergessen ist, liegt auch daran, weil er schon 1981 mit 74 Jahren verstorben ist. Es ist daher überaus verdienstvoll, dass der Historiker Hermann G. Abmayr im Schmetterling-Verlag unter dem Titel »Texte eines Widerständigen« auf über 450 Seiten nun Schriften von Bleicher veröffentlicht und politisch eingeordnet hat.

Vom Hilfsarbeiter zum Widerstand

Abmayr hatte sich bereits vor 40 Jahren mit der Biografie von Willi Bleicher beschäftigt und 1992 das Buch »Wir brauchen kein Denkmal – Willi Bleicher: Der Arbeiterführer und seine Erben« herausgegeben, das lange Zeit vergriffen war und nun als E-Book neu aufgelegt wurde. Schon der Titel macht deutlich, was sich in den letzten 30 Jahren verändert hat: Bleichers Erben und Schüler, wie Eugen Loderer und Franz Steinkühler, sind heute schon vergessen oder haben – wie der Erfinder der kapitalgetriebenen Rente, Walter Riester – einen politischen Weg genommen, den der lebenslange Marxist Bleicher nicht verteidigen würde. Bleicher war vor 30 Jahren noch mit jenem Ausspruch bekannt, der auch zum Titel des Filmporträts über ihn wurde: »Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken«.

In »Texte eines Widerständigen« ist eine Rede Bleichers zur Verleihung des Carl-von-Ossietzky-Preises im Jahr 1978 abgedruckt, in der er auf die Hintergründe dieses Satzes einging: »Ich liebte sie nicht, meine Schullehrer, die mir als siebenjährigen Jungen befahlen, mich zu bücken, damit der Rohrstock nicht nur meinem Hinterteil Schmerzen bereitete, sondern auch meinem kindlichen Gemüt. So lernte ich beizeiten die Erkenntnis, mit welchen Mitteln und Methoden die Menschen kleingemacht werden.«

Bleicher, geboren 1907, war kein Intellektueller gewesen. Er war zunächst Hilfsarbeiter, erst im Bäcker- dann im Metallgewerbe. Nach 1945 war er Funktionär der IG Metall in Baden-Württemberg und gehörte dort zu den linken Gewerkschafter*innen mit einem kommunistischen Hintergrund. Und auch für ihn gilt, dass Arbeiter*innen tendenziell wenige schriftliche Zeugnisse hinterlassen: Auf den ersten 100 Seiten sind die Briefe abgedruckt, die Bleicher aus den verschiedenen NS-Gefängnissen und dann dem KZ-Buchenwald an unterschiedliche Familienmitglieder geschrieben hat. Es wird deutlich, dass er sich zu politischen Fragen nicht äußern durfte. Vielmehr bittet er um etwas zu essen oder um »die Wasch«, was schwäbisch saubere Wäsche bedeutet. Fast in allen Briefen betont er, dass es ihm gut gehe und sich die Adressat*innen keine Sorgen machen sollten.

Wie es ihm wirklich ging, zeigt sich schon darin, dass Bleicher 1936 die Geburtstagsgrüße an seine Mutter mit der Hoffnung beendete, er würde im nächsten Jahr wieder zu Hause sein. 1939 konnte er nur noch schreiben, dass er diesen Wunsch jetzt schon so oft geäußert hätte und er bisher nicht in Erfüllung gegangen sei. Dabei sollte die schlimmste Zeit seiner Gefangenschaft erst noch kommen. In den gesammelten Texten veröffentlicht Abmayr ein Interview, das Bleicher 1973 mit dem Fernsehjournalisten Klaus Ullrich führte. Dieser plante eine Bleicher-Biografie, zu der es nie gekommen ist. Das im Nachlass von Ullrich gefundene Tonband mit dem Gespräch ist hier erstmals publiziert. Bleicher schildert darin, wie er nach der Verbüßung seiner Haftstrafe in das KZ Buchenwald deportiert und dort Teil der kommunistischen Widerstandsbewegung wurde. Ihm blieben auch die mit schwerer Folter verbundene Verschleppung in den Bunker und die Todesmärsche in den letzten Wochen des NS nicht erspart.

Enttäuschung und Einheit

Das Interview beeindruckt jedoch auch, weil Bleicher tiefe Einblicke in das Leben einer Arbeiter*innenfamilie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gibt. Die Schule erlebte der junge Bleicher als autoritäre Drillanstalt. »Was waren die Lehrer? Das waren Unteroffiziere«, heißt es in einem seiner Texte. Doch es wird auch deutlich, wie wichtig Bleicher schon in jungen Jahren die Aneignung von Bildung war. Im kommunistischen Jugendverband verschaffte er sich Bücher und gründete einen Lesekreis zum Thema Geschichte der Arbeiter*innenbewegung. Bleicher beschreibt, wie er in Opposition zum Kurs der KPD unter Thälmann geriet und sich in der Kommunistischen Opposition organisierte, die schon früh für ein großes Bündnis der Arbeiter*innenparteien gegen den wachsenden NS eintrat und sich auch in der Gewerkschaftspolitik am Einheitsgedanken orientierte.

Doch auch mit der KPO machte Bleicher nicht nur positive Erfahrungen. So berichtet er, dass er auf der Flucht vor der Verfolgung ohne Geld und Kontakte in einer französischen Stadt von Genoss*innen abgewiesen wurde. Später erfuhr er, dass er aufgrund einer innerparteilichen Intrige für einen Spitzel des NS gehalten wurde – ein einschneidendes Erlebnis, das Bleicher noch 50 Jahre später in Erinnerung bleibt: »Das war am Pfingstmontag 1934. Das war das Schlimmste, was ich in all den Jahren mitgemacht habe. Ich kann mich sehr wohl daran erinnern, dass ich zum ersten Mal mit dem Gedanken des Selbstmords spielte.«

Gegen jeden Nazismus

Trotz einer drohenden Verhaftung entschied sich Bleicher, zurück nach Deutschland zu gehen. Seine Arbeit in der illegalen KPO setzte er entgegen der Enttäuschungen bis zu seiner Verhaftung 1936 fort. Erst im April 1945 wird er von der US-Armee befreit. Er kehrt zurück nach Stuttgart und stürzt sich wie viele Widerstandskämpfer*innen sofort wieder in die politische Arbeit in der IG Metall und der KPD, aus der er 1950 austrat. Dabei ist ihm aus den Erfahrungen mit dem Aufstieg der Nazibewegung die Einheit der Arbeiter*innenbewegung ein besonderes Anliegen.

In der zweiten Hälfte des Buches sind neben einem Interview mit Erasmus Schöfer und Erhard Korn verschiedene Reden von Bleicher auf Gewerkschaftskongressen veröffentlicht. Oft sind es nur kurze Berichte, in denen er zitiert wird. Hier äußert er auch gelegentlich Selbstkritik über eine Gewerkschaftsbürokratie, die sich zunehmend in den Kapitalismus integriert. Nach seinem Ausscheiden aus allen Gewerkschaftsfunktionen beim Erreichen des Rentenalters hatte Bleicher noch einige Jahre Gelegenheit, auf antifaschistischen Demonstrationen oder Preisverleihungen aufzutreten. Auch diese Reden sind dokumentiert. Er meldete sich zu Wort, wenn alte SS-Männer sich zu Kameradschaftstreffen versammelten, und er warnte vor allen Formen des Neonazismus. Dabei sah er die Gefahr nicht nur am rechten Rand. Besonders die Kanzlerkandidatur des CSU-Rechtsaußen Franz Josef Strauß, der bekanntlich beste Kontakte zu Faschisten im In- und Ausland hatte, war für Bleicher Anlass zu Warnungen vor einer neuen Form des Faschismus.

Hier nahm er den Standpunkt als Marxist ein, der in der NS-Bewegung wie in allen Faschismen eine Herrschaftsform des Kapitals sah und der die Überzeugung hatte, dass nur eine auf dem Boden des Klassenkampfs stehende Arbeiter*innenbewegung den Faschismus verhindern könne. Dabei sprach er auch deutlich vom historischen Versagen der Arbeiter*innenbewegung in Deutschland. Er forderte sogar ein Schuldbekenntnis der Arbeiter*innenklasse in Deutschland, dass sie, anders als in Österreich und Spanien, kampflos vor dem Faschismus kapituliert habe.

Früh äußerte er sich auch zum wiedererstarkenden Antisemitismus. Weil er im KZ Buchenwald den jüdischen Jungen Jerzy Zweig vor der Deportation versteckt hatte, wurde Bleicher 1965 in der israelischen Gedenkstätte Yad Vaschem als Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet. Es ist gut, dass Abmayr mit dem Buch an einen antifaschistischen Gewerkschafter erinnert, der kein Denkmal braucht – die Arbeit an einer zeitgemäßen linken Arbeiter*innenorganisierung wäre die größte Ehrung für ihn.

Hermann G. Abmayr (Hrsg.): Willi Bleicher. Texte eines Widerständigen. Briefe aus dem KZ, Reden und Interviews. Schmetterling-Verlag 2025, 460 S., br., 24,80 €.
Erstveröffentlicht im nd v. 29.5. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1191556.willi-bleicher-klassenkampf-statt-denkmal.html?sstr=Willi|Bleicher

Wir danken für das Publikationsrecht.

Link zum Verlag
https://schmetterling-verlag.de/produkt/willi-bleicher-texte-eines-widerstaendigen/

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