DEMO 13.1.: Solidarität mit Palästina

Parallel zur atemberaubenden Anklage Südafrikas gegen Israels Völkermord vor dem internationalen Gerichtshof gehen wir auf die Straße und fordern einen sofortigen bedingungslosen Waffenstillstand, einen Stopp der Blockaden von GAZA sowie ein Ende der Jahrzehntelangen Besatzung und Unterdrückung der Palästinenser. Alle Menschen in Israel und Palästina sind gleich und müssen gleiche Rechte haben! Menschrecht ist unteilbar!

Ein Satz der südafrikanischen Anwältin sollte uns alle aufrütteln:

„Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit beobachten wir Völkermord durch die sozialen Medien der Opfer und der Täter in real live. Die Welt schaut zu. Das bedeutet für uns eine enorme Verantwortung: wir können und müssen es stoppen! „

Wir fordern die Bundesregierug auf, unverzüglich jede militärische Unterstützung und politische Rückendeckung für die israelische Regierung bei ihren Verstößen gegen Menschen- und Völkerrecht einzustellen!

Brecht das Schweigen!

Kommt zur Demo am 13.Januar, Start Berlin Neptunbrunnen (Nähe Rotes Rathaus) 14 Uhr!

Gegensätzliche Strategien der USA und Chinas: Aussichten auf Frieden und die Lösung globaler Probleme

29.12.23 – USA – Pressenza New York, von Roger D. Harris

Es ist geradezu ein tragisches Defizit, dass die westliche Presse uns weigehend uninfomiert lässt über die weltpolitischen Vorstellungen und Konzepte von China. In der Regel wird uns einseitig das Narrativ der USA und des mit ihr verbündeten „Wertewestens“ erzählt.

Am 13.Januar ist Wahl in Taiwan. Die USA versuchen alles, dass die auf Konfrontation mit China ausgerichtete aktuelle Regierungspolitik durch die Wahl bestätigt und fortgesetzt werden kann. Allerdings erreicht die Regierungsfraktion in den Umfragen lediglich noch 33 Prozent Zustimmung bei den taiwanesischen Wählern. Eine übergroße Mehrheit lehnt die Konfrontationspolitik ab. Eine fast gleichgroße relative Mehrheit wie die Konfronteure wünscht sich sogar eine enge politische Kooperation mit dem chinesischen Festland. Der Rest will mindestens eine friedliche Koexistenz. Zuletzt gelang es den Hardlinern, dass ein gemeinsames Vorgehen der Opposition verhindert wurde. So hoffen sie weiter auf den Sieg, da aufgrund des taiwansesischen Wahlrechts auch jemand Präsident werden kann, der nur die relaltive Mehrheit ereicht und nicht einmal ein Drittel der abgegebenen Wahlstimmen repräsentiert. Es ist zu befürchten, dass uns suggeriert wird, dass dieser Präsident dann den Mehrheitswillen und die „Freiheit“ der taiwanesischen Bevölkerung gegen den „undemokratischen“ Kohtrahenten China verteidigen würde. [1]https://www.deutschlandfunk.de/taiwan-wahl-2024-102.html [2]https://hbapp.handelsblatt.com/cmsId/100003024.html?utm_medium=app&utm_source=verschicken&utm_campaign=freiartikel

Aktuelles Update. Die Fortschrittspartei stellt nach einer Aufholjagd mit 39 oder 40 Prozent wie befürchtet wieder den Präsidenten. Das ändert nichts an der grundsätzlichen Einschätzung. Die Vorgängerin erzielte noch 57 Prozent. Also ein Minus von 17 Prozent. Die Opposition, die jegliche Konfrontation ablehnt, erzielte zusammen 60 Prozent. Auch dürfte der neue Ministerprasident nicht mehr über eine Mehrheit im Parlament verfügen! [3]https://www.handelsblatt.com/politik/international/taiwan-wahl-taiwans-vizepraesident-lai-ching-te-wird-neuer-praesident/100003031.html 

Der folgende Artikel unserer Partnerseite Pressenza soll helfen, unser Informationsdefizit – was die aktuellen geopolitischen Strategien der beiden weltweit bedeutendsten Kontrahenten betrifft- zu schliessen. Wir hoffen und fordern ausdrücklich dazu auf zu helfen, den Beitrag zu verbreiten. (Vorbemerkung Peter Vlatten)

Gegensätzliche Strategien der USA und Chinas: Aussichten auf Frieden und die Lösung globaler Probleme

29.12.23 – USA von Roger D. Harris

Xi Jinping: „Es ist unrealistisch, dass eine Seite die andere umgestaltet… der Planet Erde ist groß genug, damit beide Länder erfolgreich sein können.“
Joe Biden: „Wir werden unsere Zukunft nicht den Launen derjenigen überlassen, die unsere Vision nicht teilen.“

In der jüngsten Salve, mit der die USA auf eine Konfrontation mit China vorbereitet werden, sagte Nicholas Burns ganz offen: „Ich bin nicht optimistisch, was die Zukunft der Beziehungen zwischen den USA und China angeht.“ Burns sollte es wissen. Er ist Washingtons Botschafter in Peking.

Die Haltung der USA zu den bilateralen Beziehungen mit China, so Burns, sei eine des „strategischen Wettbewerbs in den kommenden Jahrzehnten… im Wettstreit um globale und regionale Macht“. In der Tat bereiten sich die USA auf einen Krieg mit China vor. Der hochrangige US-Luftwaffengeneral Mike Minihan sieht einen Krieg bereits für das Jahr 2025 voraus.

Im Gegensatz dazu steht der chinesische Ansatz der Zusammenarbeit zum gegenseitigen Nutzen bei der Lösung der dringendsten globalen Probleme. Kurz gesagt, die Führungen der beiden Länder präsentieren unterschiedliche Paradigmen für die Beziehungen. Die chinesische Strategie ist mit einer sozialistischen Form der Zusammenarbeit und Gemeinschaft vereinbar. Das US-Konstrukt spiegelt einen kapitalistischen Fundamentalismus der sozialen Wettbewerbsbeziehungen wider.

Welches Paradigma sich durchsetzen könnte, wird im Folgenden auf der Grundlage von Beobachtungen erörtert, die wir im Rahmen einer kürzlich durchgeführten Delegation des US-Friedensrats in China gemacht haben, wo wir mit unserem Partner, der chinesischen Volksvereinigung für Frieden und Abrüstung, zusammentrafen.

Sichtweise aus Peking

Nach chinesischer Auffassung, die auf dem so genannten „Xi Jinping-Gedanken“ beruht, ist die Partnerschaft zwischen den USA und China die wichtigste bilaterale Beziehung der Welt. Wie der chinesische Präsident Xi Jinping erklärt hat: „Wie China und die USA miteinander auskommen, wird die Zukunft der Menschheit bestimmen“. Diese Ansicht beruht auf der Akzeptanz eines hohen Maßes an Integration zwischen den Volkswirtschaften der beiden Länder. Sie sehen diese Verflechtung“ als etwas, das gefördert werden sollte, weil beide Länder von der Entwicklung des jeweils anderen profitieren können.

Aus chinesischer Sicht überwiegt in den bilateralen Beziehungen eine Haltung der freundschaftlichen Zusammenarbeit. Ein „gemeinsamer Wohlstand“, so glauben sie, kann auf drei Prinzipien aufgebaut werden. Das erste ist der gegenseitige Respekt. Ein entscheidender Aspekt dieses Pfeilers der gegenseitigen Beziehungen besteht darin, die roten Linien der beiden Weltmächte nicht zu überschreiten. Zweitens: die friedliche Koexistenz. Dazu gehört die Verpflichtung, Meinungsverschiedenheiten durch Kommunikation und Dialog zu bewältigen. Und drittens die Zusammenarbeit, von der beide Seiten profitieren. So hat beispielsweise der verstärkte Handel mit China die jährliche Kaufkraft der US-Haushalte erhöht.

Die Tatsache, dass die USA und China eine derart dominante Stellung in der Welt einnehmen, bringt auch eine entsprechende Verantwortung mit sich. Die Chinesen sind der Meinung, dass die führenden Länder eine besondere Verantwortung für die Menschheit haben. Sie weisen darauf hin, dass globale Probleme wie der Klimawandel ohne die Zusammenarbeit zwischen den USA und China nicht gelöst werden können. Tatsächlich tragen die USA und China zusammen zu 40 % der derzeitigen Treibhausgasemissionen der Erde bei.

Peking kontrastiert seine Haltung mit dem, was es ausdrücklich als „Nullsummen-Mentalität“ der Regierung Biden kritisiert. In einem Nullsummenspiel ist der Gewinn des einen Spielers gleichbedeutend mit dem Verlust des anderen. Dies steht im Gegensatz zur chinesischen Vision von „Win-Win“-Beziehungen, die auf Zusammenarbeit zum gegenseitigen Nutzen beruhen. Die Chinesen lehnen es ab, dass die USA die bilateralen Beziehungen als einen antagonistischen „strategischen“ Wettbewerb definieren.

Konfrontation zwischen Biden und Xi

Die gegensätzlichen Paradigmen wurden auf dem APEC-Gipfel in San Francisco am 15. November deutlich, wo sich die beiden Staats- und Regierungschefs zum ersten Mal seit zwei Jahren von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden. Wir wissen nicht, was bei dem Treffen hinter verschlossenen Türen besprochen wurde. Aber in einer anschließenden Pressekonferenz sagte US-Präsident Joe Biden über die Person, mit der er gerade vier Stunden verbracht hatte: „Nun, sehen Sie, er ist ein Diktator in dem Sinne, dass er ein Land regiert, das ein kommunistisches Land ist, das auf einer völlig anderen Regierungsform basiert als unseres.“

Selbst der neokonservative US-Außenminister Antony Blinken zuckte bei der Pressekonferenz zusammen. Seine Grimasse wurde in einem Video festgehalten, das im Internet verbreitet wurde.

Später an diesem Tag erklärte der chinesische Präsident Xi als Reaktion auf Bidens Indiskretion gelassen: „Es ist unrealistisch, dass eine Seite die andere umgestaltet. Eine friedliche Koexistenz setzt für die Chinesen Toleranz und Akzeptanz unterschiedlicher Gesellschaftssysteme und Lebensweisen voraus. Xi sagte weiter: „Der Planet Erde ist groß genug, damit beide Länder erfolgreich sein können“.

Fortune erkannte an, dass Xi eine andere Vision als Bidens „Winner-take-all“-Mentalität vertrat. Das Wirtschaftsmagazin wies darauf hin, dass Biden Trumps Zölle auf einige chinesische Produkte beibehalten und gleichzeitig die Exportkontrollen und Investitionen in High-Tech-Bereiche wie moderne Chips verschärft habe.

Über das Undenkbare nachdenken

Es ist kein geografischer Zufall, dass China von einem Ring aus rund 400 US-Militärstützpunkten umgeben ist. Biden hat (1) das 2007 ins Leben gerufene Quad-Militärbündnis mit Indien, Australien und Japan, (2) den 2021 gegründeten AUKUS-Sicherheitspakt mit dem Vereinigten Königreich und Australien und (3) den auf den Beginn des Ersten Kalten Krieges zurückgehenden Geheimdienstaustausch der Five Eyes mit dem Vereinigten Königreich, Australien, Neuseeland und Kanada gestärkt und (4) im vergangenen August ein neues Mini-NATO-Bündnis mit Japan und Südkorea geschmiedet.

Obwohl die Chinesen keine Stützpunkte in Nordamerika haben, stellte ein chinesischer „Spionageballon“, der sich vor einem Jahr über den „amerikanischen Himmel“ verirrte, laut Pentagon eine „noch nie dagewesene Herausforderung“ dar. Eine Studie der halbstaatlichen RAND Corporation gibt weiteren Aufschluss über die offizielle Haltung der USA. Der Titel der Studie, die von der US-Armee in Auftrag gegeben wurde, sagt alles: „War with China – thinking through the unthinkable“. Die besten Köpfe, die man für Geld kaufen kann, wurden von den US-Steuerzahlern bezahlt, um das Armageddon durchzuspielen.

Ausgehend von der offiziellen nationalen Sicherheitsdoktrin der USA, der „Dominanz des gesamten Spektrums„, spielten die Analysten von RAND verschiedene Kriegsszenarien der USA mit China durch. Das Ergebnis, so sagten sie voraus, würde für beide Seiten katastrophal sein. Doch gemäß der Moral, die auf einem Autoaufkleber zum Ausdruck kommt, den ich in meiner Nachbarschaft gesehen habe, nämlich „Wer am Ende das meiste Spielzeug hat, gewinnt“, würden die USA als Sieger hervorgehen.

Ja, die USA würden sich laut RAND durchsetzen. Aber der Bericht enthielt auch einen Vorbehalt… wenn sich ein solcher Krieg in Grenzen hält. Das heißt, wenn andere Länder sich nicht in das Handgemenge einmischen und wenn es nicht zu einem Atomkrieg kommt, könnte der Konflikt eingedämmt werden.

Die Militärstrategen warnen jedoch davor, dass die Chancen auf eine Eindämmung mit dem Fortschreiten eines Konflikts immer geringer werden. Wenn ein solcher Konflikt erst einmal begonnen hat, kann er zunehmend unbeabsichtigte Folgen für die Protagonisten haben. Außerdem stellen sie fest, dass es für die eine oder andere Seite einen enormen militärischen Vorteil bedeutet, zuerst zuzuschlagen.

Wettstreit um die Zukunft unserer Welt

In seiner offiziellen Nationalen Sicherheitsstrategie beschrieb Joe Biden den „Kampf um die Zukunft unserer Welt“. Dem US-Präsidenten zufolge befindet sich „unsere Welt an einem Wendepunkt“. Er fuhr fort: „Meine Regierung wird dieses entscheidende Jahrzehnt nutzen, um … unsere geopolitischen Konkurrenten auszumanövrieren“, womit er vor allem China meinte.

Biden mahnte: „Wir werden unsere Zukunft nicht den Launen derjenigen überlassen, die unsere Vision nicht teilen“. Für den kaiserlichen US-Präsidenten heißt es: „‚My way or the highway‘.

Biden versprach dann, die „amerikanische Führung“ – also die Vorherrschaft, denn niemand hat ihn zum planetarischen Machthaber gewählt – „auf der ganzen Welt“ durchzusetzen. Die Führung der USA in der Welt zeigt sich bereits in den meisten Massenerschießungen, der höchsten Staatsverschuldung und der größten Zahl an Inhaftierten. Die USA sind derzeit weltweit führend beim Verkauf von Militärgütern, bei den Militärausgaben und den ausländischen Militärstützpunkten.

Im Dunkeln pfeifend schloss Biden: „Unsere Wirtschaft ist dynamisch“. Tatsächlich wird die US-Wirtschaft von den unproduktiven Sektoren Finanzen, Versicherungen und Immobilien dominiert, während China zur „Werkstatt der Welt“ geworden ist. Statista schätzt, dass China die USA bis 2030 als größte Volkswirtschaft der Welt überholen wird.

Im Gegensatz dazu ist Chinas Neue Seidenstraße (Belt and Road Initiative, BRI) ein globales Infrastrukturentwicklungsprogramm, das in über 150 Länder investiert hat. Kein Wunder, dass Biden befürchtet, dass die chinesische Alternative in seinen eigenen Worten „das globale Spielfeld zu seinen Gunsten kippt“.

Die von China angebotene Alternative

Anders als der Westen, dessen Reichtum auf kolonialen Ausbeutungen beruht, hat China 800 Millionen Menschen aus der Armut geholt, ohne auf imperiale Kriege zurückzugreifen. Aber ist China, das von Xi Jinpings „Sozialismus mit chinesischen Merkmalen“ geleitet wird, tatsächlich sozialistisch? Innerhalb der sich selbst als sozialistisch bezeichnenden Linken gibt es eine Reihe von Meinungen, je nachdem, welcher Lackmustest angewendet wird.

Für die einen existiert der Sozialismus weder in China noch irgendwo anders in der Vergangenheit oder Gegenwart. Für sie ist der Sozialismus ein Ideal, das erst noch verwirklicht werden muss. Andere halten China unter Mao Zedong hoch, aber nicht unter der nachfolgenden Revision durch Deng Xiaoping. Am anderen Ende des Spektrums stehen die Befürworter, die behaupten, China habe den Sozialismus bereits erreicht. Dazwischen gibt es, entsprechend der gemischten Wirtschaft Chinas mit staatlichen und privaten Unternehmen, verschiedene Schattierungen, die China im Übergang zwischen Sozialismus und Kapitalismus sehen. Für die einen schreitet der Übergang voran, für die anderen ist er rückläufig.

Die chinesische Führung vertritt die Auffassung, dass die materiellen Voraussetzungen für die vollständige Verwirklichung des Sozialismus noch in der Entwicklung begriffen sind.

Diese bescheidene Abhandlung wird die Frage, ob China sozialistisch ist, nicht klären, darüber wird letztlich die Geschichte entscheiden. Es ist jedoch klar, dass das chinesische Paradigma der globalen Zusammenarbeit dem Nullsummenwettbewerb der USA entgegengesetzt ist. Wenn auch nicht gerade sozialistisch, so bietet China doch zumindest ein Paradigma, das eine sozialistische Zukunft nicht ausschließt. Wichtig ist, dass in diesem umstrittenen geopolitischen Klima China und damit auch der globale Süden einen Gegenpol zur imperialen Hegemonie der USA bilden.

Die Chinesen scheinen sich der „Krieg statt Frieden“-Haltung der Yankees bewusst zu sein, aber die 4000 Jahre junge Zivilisation scheint selbstbewusst zu sein, dass sich die Rationalität einer friedlichen „Win-Win“-Entwicklung durchsetzen wird. Nach dem, was ich bei meinem Besuch gesehen habe, strahlen sie zuversichtlich die Geduld der Reife und die solide Vitalität der Jugend aus.

Wir danken unserer Partnerseite Pressenza für die Publikationsrechte, erschienen 29.12.23 – USA – Pressenza New York, von Roger D. Harris

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Alina Kulik vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Pressnza sucht Freiwillige!

Der Autor Roger D. Harris arbeitet für die Menschenrechtsorganisation Task Force on the Americas und ist Mitglied des Exekutivausschusses des US Peace Council.

Titelbild: Imagem de Bing / Pressenza) (Bild von Bing / Pressenza)

References

References
1 https://www.deutschlandfunk.de/taiwan-wahl-2024-102.html
2 https://hbapp.handelsblatt.com/cmsId/100003024.html?utm_medium=app&utm_source=verschicken&utm_campaign=freiartikel
3 https://www.handelsblatt.com/politik/international/taiwan-wahl-taiwans-vizepraesident-lai-ching-te-wird-neuer-praesident/100003031.html

Zu Russlands Transformation,Geschichtspolitik und Imperialismus

Joachim Hösler

Am 27.12.2021 hat das Oberste Gericht der Russländischen Föderation die zivilgesellschaftliche Organisation Memorial Society, am Tag darauf auch Memorial International, verboten. Am 24.2.2022 begann die russische Armee auf Befehl des Präsidenten Putin den Einmarsch in die Ukraine. Wie hängen diese Ereignisse zusammen?1

Memorial ist ein Kind der Perestrojka.2 Im Rahmen der 1987 in neuer Qualität beginnen- den Geschichtsdiskussion kam es aus einer informellen Bewegung heraus Ende Januar 1989 zur Gründung der Organisation. Beteiligt waren 462 Delegierte aus 103 Städten. Namhafte Persönlichkeiten wie Andrej Sacharow, Boris Jelzin, Ales Adamowitsch, Danil Granin, Jewgenij Jewtuschenko, Bulat Okudschawa, Anatolij Rybakow, Michail Schatrow, Jurij Afanasjew, Roj Medwedjew und andere unterstützen die Arbeit von Memorial. Vereinnnahmungsversuche der KPdSU-Führung scheiterten. Die Organisation stand von Anfang an unter Beobachtung durch die Behörden, und der Druck von außen stärkte eher die gemäßigten, vorsichtigen Kräfte: Erinnerung an die Opfer sei wichtiger als Bestrafung der Täter. Im Jahr 1991 gründete die Organisation das Menschenrechtszentrum Memorial. Die Bilanz der Arbeit fällt gemischt aus. Als Erfolge gelten die Aufwertung des 30. Oktobers als offizieller Gedenktag für die Opfer politischer Repressionen, die Aufstellung des Solowjezkij-Steins auf dem Lubjanka-Platz in Moskau 1990, die Mitwirkung am Rehabilitierungsgesetz 1991, die Menschenrechtsarbeit seit dem ersten Tschetschenienkrieg, zahlreiche Publikationen, Vortrags- und Bildungsveranstaltungen, die Datenbank mit mehreren Millionen Opferdaten, Schülerwettbewerbe usw. Demgegenüber fällt die im Vergleich zur internationalen Popularität der Organisation geringe, tendenziell abnehmende Resonanz in Russland auf. Die Bekanntheit nahm ab. Zuletzt kannten weniger als 30 % der Bevölkerung Memorial, bei den jüngeren Erwachsenen ca. 16 %. Das Interesse am Terror in der Stalin-Zeit sank kontinuierlich und deutlich (1989: 31 %, 1994: 18 %, 1999: 11 %, 2003: knapp 3 %). Die positive Bewertung Stalins blieb hoch, ging nur leicht zurück (2003: 53 %, 2010: 51 %, 2013: 49 %). Kritiker werfen Memorial vor, sich liberalen Organisationen des Westens angedient zu haben, dabei auch ohne Trennschärfe nach rechts Menschenrechte von Islamisten und Neofaschisten verteidigt zu haben, wenn es dazu diente, die Regierung Putin zu kritisieren.3 Unzweifelhaft ist das Verbot Memorials ein Verlust für die Gesellschaft in Russland, vor allem für die gesellschaftlichen Gruppen, die Wert legen auf die Aufarbeitung der Vergangenheit, auf zivilgesellschaftliches Engagement von unten und Meinungsfreiheit. Wer die Regierung Putins dafür kritisiert, sollte bedenken, dass der Illiberalismus sich weltweit auf dem Siegeszug befindet.4 Das rechtfertigt die Re- pressionspolitik nicht, hilft aber, die Vorgänge zu erklären.

Russland ist seit Zar Peter I. im Innern geprägt von einem starken Staat gegenüber einer schwachen Gesellschaft. Der Petrinismus prügelte zu Beginn des 18. Jahrhunderts Russland aus dem Mittelalter in die Neuzeit. Der Staat schwoll, das Volk schmachtete, so der Historiker Wasilij Kljutschewskij Ende des 19. Jahrhunderts. Dieses »Problemfeld«5 blieb für die russische Autokratie prägend bis 1917. In der neuen, mit den drei russischen Revolutionen 1905/17 beginnenden Epoche Russlands, der Epoche von Revolution und Gegenrevolution, änderte sich daran im Wesentlichen nichts. Die Sowjetzeit kennt nur drei liberale Phasen: die 1920er Jahre mit der Neuen Ökonomischen Politik, die 1960er Jahre, in denen andersdenkende, halbdissidentische Intellektuelle, die sogenannten »Schestidesjatniki«, begannen, die Klassiker des Marxismus neu zu lesen, und die späten 1980er Jahre der Perestrojka. Zweimal beendete die KPdSU-Führung diese soziale Eigenaktivität. Beim dritten Mal verlor sie die Kontrolle über die nun systemkritischen und zentrifugalen Kräfte. Die jenseits dieser drei liberalen Phasen durchaus umfangreiche gesellschaftliche Aktivität in den Massenorganisationen blieb im Wesentlichen gelenkte, kanalisierte, formalisierte Partizipation.6 Im Zuge der Auflösung der Sowjetunion gab es kein Innehalten, kein »Epochengespräch«:7 Was war das siebzig Jahre lang mit dieser Rätedemokratie und diesem Sowjetstaat, mit dessen Versprechen sich jahrzehntelang weltweit unzählige Menschen identifizierten? Was war gut, was kann weiterentwickelt werden, was sollte neu gebaut werden? Stattdessen Kriminalisierung und Abwertung all dessen, was siebzig Jahre hoch und heilig gehalten wurde. Keine Erneuerung der Gesellschaft von unten. Stattdessen von oben, geradezu in Art eines Putsches bekam die Gesellschaft eine formale Demokratie übergestülpt oder, wie der in den 1990er Jahren aufgekommene Ausdruck »Demokratisator« für Polizeiknüppel verdeutlicht, eingebleut.8 Dies vollzog sich unter den Bedingungen einer schmerzhaften, mit harter Wirtschaftskrise verbundenen ökonomischen Transformation von Sozialismus zu Kapitalismus, mit der Privatisierung des staatlichen und gesellschaftlichen Eigentums, also der Beraubung der Gesellschaft. Ein Resonanzverhältnis zwischen Staat und Gesellschaft entstand weder unter Jelzin noch unter Putin, es blieb bei einem Verfügungsverhältnis.9

Seit Mitte der 1990er Jahre warnten Sozialdemokraten wie Peter Glotz, Egon Bahr und Gernot Erler, US-Strategen wie George F. Kennan, Henry Kissinger, Robert McNamara und viele andere, Politikwissenschaftler wie John Mearsheimer, Journalist*Innen wie Gabriele Krone-Schmalz und Vladimir Pozner, diese Art der Transformation, die damit einhergehende Demütigung Russlands und die Nato-Osterweiterung würden unweigerlich nationalistische, antiwestliche und militaristische Kräfte in Russland stärken.10 Genau das ist geschehen. Die Russland-Versteher behielten recht. Anders als zu Sowjetzeiten ist im heutigen Russland Antiamerikanismus weit verbreitet; die russische Intelligenz, die sich seit Peter I. immer konstruktiv auf Europa bezogen hat, ist seit Mitte der 2000er Jahre großteils auf Distanz gegangen und plädiert für ein Abkoppeln des russischen Waggons vom europäischen Zug; die Innovationsquelle Europa sei erschöpft. Russland müsse selbst für seine Sicherheit, Staatlichkeit und Imperialität sorgen, im Zweifel gegen Europa und mit Gewalt.11

Diese Veränderung der innenpolitischen Kräfteverhältnisse ist nicht ohne Berücksichtigung der Außenbeziehungen Russlands und der Art, wie Impulse von außen verarbeitet werden, zu erklären. Russland ist seit dem 13. Jahrhundert in seinen Außenbeziehungen geprägt von dem Wechselverhältnis zwischen Abwehr und Expansion.12 Die föderale, aus Stadtstaaten gebildete Kiewer Rus konnte im 13. Jahrhundert den Angriffen aus der Steppe nicht standhalten und zerfiel. Die nachfolgenden Machtgebilde im ostslawischen Siedlungsraum wehrten äußere Gefahren ab, indem sie die Gebiete, aus denen die Gefahr drohte, eroberten. Am geschicktesten gingen hierbei die Herrschenden im Moskauer Fürstentum vor. Bis 1667 hatten sie fast alle Gebiete, die zur Kiewer Rus gehört hatten, wieder erobert; in patriotischer Rhetorik: »Sammlung russischer Erde«. Auch die sogenannte »Mutter der russischen Städte«, Kiew, gehörte wieder zum Russischen Reich. Dessen Geschichte blieb bis zum 20. Jahrhundert von Ausdehnung geprägt. Darin steckte immer das Motiv der Abwehr. Im 19. Jahrhundert gewannen imperialistische Interessen an Bedeutung. Die Balance von Abwehr und Expansion überdauerte auch den Epochenwechsel zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Den Bolschewiki flog das russische Kaiserreich zunächst um die Ohren. Mit Kriegskommunismus, Revolutionsethos und List bezwangen sie die weiße Gegenrevolution im Innern und die militärische Intervention von außen. Sie verteidigten die Revolution, indem sie das »Vielvölkerreich« wieder zusammensetzten. Der Ende 1922 gegründeten Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken wurde lange die internationale Anerkennung verweigert, sie wurde von außen existenziell bedroht. Im Innern entstand eine »Mentalität der belagerten Festung«. Für die bundesdeutsche Osteuropaforschung, die noch auf höherem Niveau als heute arbeitete, als sie mit der Geschichtswissenschaft in sozialistischen Ländern konkurrieren musste, war klar: auch die Stalinsche Außenpolitik war von der Balance zwischen Abwehr und Expansion geprägt. Die Breschnjew-Doktrin, die in den verbündeten Staaten keine Abweichung vom sowjetischen Kurs duldete, folgte diesem Muster.13
Erst die Auflösung der Sowjetunion zerstörte diese Balance. 25 Millionen Russ*Innen fanden sich plötzlich im Ausland wieder. Die Russländische Föderation, flächenmäßig noch immer der größte Staat der Erde, mit elf Zeitzonen, geriet an seinen westlichen Grenzen ohne vorgelagerte Räume der Sicherheit in eine kritische Situation. Die entscheidende Frage war, wie die USA mit dem geschwächten Russland umgehen werden. In einer freundschaftlichen Art nach dem Vorbild des Marshall-Plans? Oder als Sieger, der den Verlierer büßen lässt? Der Triumphalismus der USA setzte sich bekanntlich durch. Wie neue Forschungen zeigen: in der Variante, in der die geringste Rücksicht auf Russland genommen wurde.14 Präsident Bush sen. Ende Februar 1990 zu Bundeskanzler Kohl: »Wir haben gesiegt und sie nicht. […] Wir werden das Spiel gewinnen, aber wir müssen uns dabei clever anstellen.«15 Eines der Konzeptpapiere dieser US-amerikanischen Russland-Politik trug den bezeichnenden Titel »Project for the New American Century«. Bernd Greiner dazu: »Potenzielle Rivalen sollen erst gar nicht auf die Idee kommen, regional oder global eine größere Rolle spielen zu wollen.«16 So wurde Putins beeindruckende Rede in deutscher Sprache im Bundestag am 25.9.2001 zwar mit stehenden Ovationen bedacht, doch die ausgestreckte Hand des russischen Präsidenten wurde nicht ergriffen.17

Denn am 27. Mai 1997 war der Nato ein Coup gelungen. Die Staats- und Regierungschefs der Nato-Staaten hatten den schwachen Vorgänger Putins, Boris Jelzin, dazu gebracht, einen völkerrechtlich unverbindlichen, politisch und militärisch aber bedeutsamen Vertrag zu unterzeichnen: eine Grundakte über die Beziehungen zwischen der Nato und der Russländischen Föderation. Kernpunkte darin: Nato und Russland betrachten sich nicht als Gegner, bekennen sich zu den Vereinten Nationen, zur OSZE, zur Charta von Paris; Rückführung der sowjetischen Nuklearwaffen nach Russland; Anerkennung der territorialen Unversehrtheit aller souveränen Staaten; Einrichtung eines Nato-Russland-Rates für regelmäßige Konsultation und – die Achilles-Ferse aus der Perspektive Russlands: es gebe kein »Vetorecht über die Handlungen der jeweils anderen Seite«, die Bestimmungen beschränkten nicht die Rechte der Nato und Russlands »auf unabhängige Entscheidungsfindung und unabhängiges Handeln«.18 Damit hat aus der Sicht des Westens Russland seinen Widerstand gegen die Nato-Osterweiterung, die zu dem Zeitpunkt längst in der schnellstmöglichen Variante beschlossen und in Vorbereitung war, aufgegeben. Zwei Jahre später begann diese Osterweiterung mit den Nato-Beitritten Polens, Tschechiens und Ungarns. Zwölf Tage danach, am 24. März 1999 wurde die Nato mit dem Krieg gegen Jugoslawien faktisch eine Angriffsallianz, die weder territoriale Integrität noch das in der Grundakte zwei Jahre zuvor beschworene internationale Recht respektiert. Die US-Regierung nahm bei ihrem nach 9/11 begonnenen »War on Terror« keine Rücksicht auf die universellen Menschenrechte. Der US-Angriffskrieg gegen den Irak 2003 basierte auf einer Lüge, erfolgte ohne völkerrechtliche Legitimation und war mit Kriegsverbrechen verbunden. 2004 wurden sieben ehemalige Sowjetrepubliken und Verbündete der UdSSR (Estland, Lettland, Litauen, Bulgarien, Rumänien, Slowakei und Slowenien) in die Nato aufgenommen. In der Ukraine hatten die USA seit 1991 mit mehreren Milliarden US-Dollar liberale, unkritisch westlich orientierte, zunehmend russlandfeindliche Kräfte unterstützt, die 2004 in der Orangenen Revolution tonangebend wurden. Seitdem begann die staatliche Geschichtspolitik, den seit den späten 1980er Jahren aufkommenden Stepan-Bandera-Kult auf die ganze Ukraine auszuweiten.19 Diese Art der »Demokratieförderung« entsprach der Konzeption des erfahrenen US-Strategen Zbigniew Brzeziński, für den die Ukraine den »geopolitischen Dreh- und Angelpunkt« darstellt, um Eurasien zu beherrschen: Mit der Ukraine drohe Russland, Eurasien zu dominieren, ohne die Ukraine verliere Russland seine Position am Schwarzen Meer, seine Sicherheit und Imperialität. Wer Eurasien beherrsche, kontrolliere knapp 75 Prozent der Weltbevölkerung und der Energievorkommen sowie »fast automatisch« Afrika, so Brzeziński. Für die US-Regierungen war und ist daher jedes Mittel recht, um Russland zu schwächen und seine Annäherung an Westeuropa zu stören. Zu diesem Zweck schwächten die USA die OSZE und stärkten die Nato.20

Die Münchner Sicherheitskonferenz erlebte am 10. Februar 2007 einen empörten und selbstbewussten Wladimir Putin: Russland sei ständig belehrt worden über Demokratie und westliche Werte, aber die Nato und die USA hielten sich selbst nicht daran. Die Versuche der USA, eine unipolare Weltordnung durchzusetzen, führten zu neuen Spannungsherden, zu militärischer Gewalt und der Schwächung der Grundprinzipien des Völkerrechts. Die Nato-Osterweiterung sei eine Provokation für Russland, ein Vertrauensbruch. Dennoch bot Putin nochmals Partnerschaft und Kooperation an. Er warb für eine multipolare, multilaterale, gerechte und demokratische Weltordnung, die »Sicherheit und Wohlstand« für alle gewährleiste. Wenn die Nato und die USA jedoch an ihrer Linie festhielten, werde Russland von dem Recht Gebrauch machen, eine unabhängige Außenpolitik zu führen.21 Der Westen hielt an seiner doppelzüngigen Linie fest: Im Widerspruch zur Charta von Paris realisierte er 2008 die schon 1999 beschlossene Eigenstaatlichkeit des Kosovo. Im sogenannten Bukarester Beschluss 2008 bekundeten die USA ihren Willen, Georgien und die Ukraine in die Nato aufzunehmen. Für den Oberst a. D. Wolfgang Richter der »Bruchpunkt in den Beziehungen der Nato zu Russland«. Damals wurde dieser Schritt von den Regierungen in Paris und Berlin abgelehnt, doch Washington und Kiew haben das Ziel der Nato-Mitgliedschaft »quasi zementiert«.22 Die »Erosion der europäischen Sicherheitsordnung« war in vollem Gange, im Wesentlichen verursacht durch die triumphalistische Außenpolitik der USA.23 Bernd Greiner resümiert: Wer im Kreml vor Verletzlichkeit Russlands warnte, hatte die Fakten auf seiner Seite.24 Dazu gehört auch, dass westliche Politiker der sowjetischen und russischen Führung zu Beginn der 1990er Jahre mehrfach zugesagt hatten, die Nato werde sich nicht nach Osten ausdehnen.25 Während der Großen Krise 2008, seit der alle Akteure in der Weltpolitik unter den Bedingungen krisenhafter Stagnation und extrem ungleicher Entwicklung agieren,26 kehrte Russland »auf die Weltbühne« zurück. Putin begann die angekündigte »unabhängige« Außenpolitik, indem er in den Georgien-Konflikt eingriff. Neun Tage dauerte die erste russische Militärintervention außerhalb der Russländischen Föderation. Der Staat zeigte sich als Ordnungsmacht. Und doch muss gefragt werden, ob Putin nicht in eine Falle tappte. Den Konflikt, den er von seinem Militär schlichten ließ, hatte die US-Regierung angeheizt, indem sie den starken Mann Georgiens, Micheil Saakaschwili, ermunterte, die »abtrünnigen« autonomen Gebietskörper- schaften Südossetien und Abchasien wieder unter Kontrolle zu nehmen. Putin vermittelte mit seinem Eingreifen zwei Botschaften: 1. Russland verteidigt seine Interessen ab sofort wieder mit militärischen Mitteln. 2. Niemand wird es wagen, Moskau dabei zu stören.

Im Februar 2014 kam es zu einem weiteren Bruchpunkt, noch einschneidender als 2008.27 Drei Außenminister der EU, Steinmeier, Fabius und Sikorski, waren nach Kiew geflogen, hatten über 26 Stunden fast ununterbrochen mit Janukowitsch und Delegierten der Majdan-Opposition verhandelt und am Ende erreicht, dass am 21.2. eine Vereinbarung von beiden Seiten unterzeichnet wurde. Seitens der Majdan-Opposition unterschrieben nicht nur drei Delegierte, sondern in einer zusätzlich anberaumten Diskussionsrunde stimmten auch 28 der 35 Mitglieder des Majdan-Rates zu und bekräftigten damit das ausgehandelte Ergebnis. Vereinbart wurden eine Verfassungsreform, vorgezogene Präsidentschaftswahlen, Untersuchung der Gewalt, Amnestie für politische Gefangene. Die Außenminister flogen ab. Die mit der Vereinbarung unzufriedenen, gewaltbereiten Gruppen des Majdan stürmten den Präsidentenpalast. Der unbeliebte, aber rechtmäßig gewählte Präsident flieht am 22.2. aus Kiew. Die EU, deren drei Außenminister zum Narren gehalten wurden, besteht nicht etwa auf Einhaltung der Vereinbarung. Sie gibt stattdessen dem Druck der US-Regierung nach. Die durch diesen Putsch an die Macht gelangte Regierung, die maßgeblich von rechtsradikalen Kräften unterstützt wurde, wird anerkannt, und nicht der gemäßigte Witali Klitschko, sondern der von den USA gesponserte, nationalkonservative Arsenij Jazenjuk wird Regierungschef. Nach westlicher Lesart eine begrüßenswerte »Revolution«, für russische Politiker ein »politisches Tschernobyl«. Eine Horrorvorstellung, diese neue Regierung kontrolliere die Krim, biete den USA einen Militärstützpunkt im Hafen von Sewastopol an, wie es ein paar Jahre zuvor schon im ukrainischen Parlament diskutiert worden ist. Putin reagierte auf den von den USA betriebenen regime chance nach kurzer Vorbereitung: Robust und militärisch erfolgreich ließ er die Krim annektieren und die separatistischen Gebiete im Donbass unterstützen. Zuhause ließ er sich dafür feiern. International hagelte es Kritik, verbunden mit der Erleichterung, dass ein »moderner Krimkrieg, in den womöglich auch die USA und die EU hineingezogen würden«, vermieden wurde.28

Bis hierin hat die russische Regierung die Balance zwischen Abwehr und Expansion wiederhergestellt, im Sinn der von ihr in Anspruch genommenen, vom Westen ignorierten Sicherheitsinteressen. Eine neue Qualität der Außenpolitik zeigt sich in der ersten Militärintervention außerhalb des ehemals sowjetischen Territoriums, der Bombardierung in Syrien 2015/17 ff., mit dem Söldnerkrieg in Libyen seit 2018 und der Afrika-Politik Russlands seit 2019. Hier manifestiert sich die Transformation Russlands zu einer kapitalistischen Macht, die aus der Defensive heraus wieder an der imperialistischen Konkurrenz teilnimmt. Die Ignoranz des Westens gegenüber eigenen Kriegsverbrechen, gegenüber russischen Kriegsverbrechen seit dem ersten Tschetschenienkrieg und gegenüber dem Krieg der Ukraine gegen die separatistischen Gebiete seit 2014 bildet den Freifahrtsschein für Putins brutale Methoden. Moskau zielte dabei mit einem informellen, nicht-annexionistischen Imperialismus auf ökonomische Penetration, Kontrolle und Gewinn. Die internationale Kritik hielt sich in Grenzen. In Moskau konnte man hören: seit wir Syrien bombardieren, spricht der Westen wieder mit uns.

Der Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 stellt eine weitere Eskalationsstufe und neue Qualität in der russischen Außenpolitik dar. Der Angriff selbst, die Art des militärischen Vorgehens und die überwältigend einseitige Berichterstattung und Kommentierung der Ereignisse erschweren eine nüchterne Analyse. Dieser Krieg ist so völkerrechtswidrig wie die meisten angeblich »humanitären Interventionen« der USA, z. B. in Jugoslawien, in Afghanistan, im Irak, in Libyen, in Syrien. Dem Wesen nach handelt es sich um annexionistischen Imperialismus.29 Der Kriegszug ist in seiner Umsetzung verbrecherisch und selbstzerstörerisch. Es ist banal, Russland als Aggressor, die Ukraine als Opfer auszumachen. Es ist aber naiv oder verlogen auszuschließen, diese Aggression könne durch äußere Faktoren provoziert worden sein, und so zu tun, als müsse der Aggressor alleinschuldig, das Opfer aber ganz und gar unschuldig sein. Cui bono? Den Blick auf diese Frage lassen sich kritische Wissenschaftler:Innen und Zeitgenoss:Innen nicht vernebeln. Die durch den russischen Angriff und die militärischen Reaktionen des Westens herbeigeführte »brandgefährliche Konstellation erinnert an Krisen vor 1914«.30 Die bisherigen Waffenlieferungen an die Ukraine haben zur Verlängerung des Krieges beigetragen und ihn brutaler gemacht. Dafür bezahlen die Menschen, die nicht kämpfen können oder wollen, in der Ukraine mit ihrem Leben, ihrer Gesundheit, ihrer sozioökonomischen Existenz. Die US-Regierung, die zwölfmal so viel Geld für das Militär ausgibt wie Russland, hält unverändert an ihrer Strategie fest, Russland zu überfordern und zu destabilisieren.31 Dafür zieht sie den Krieg in die Länge. Die Gefahr der Eskalation steigt infolgedessen, es wird schwieriger, zu einem Waffenstillstand zu gelangen.32 Wer Waffenlieferungen in die Ukraine befürwortet, suggeriert, die Ereignisse seit dem 24. Februar machten die triumphalistische Politik der USA, die seit Jahrzehnten das Völkerrecht verhöhnt und Russland unter Druck setzt, ungeschehen und alle Erkenntnisse jahrzehntelanger Friedens- und Konfliktforschung seien obsolet.33 Umso wichtiger ist es, sich nicht vom Pathos des ukrainischen Heroismus anstecken zu lassen, die Situation vernünftig zu analysieren und mit aller Kraft auf eine nichtmilitärische Lösung zu drängen.34

Die Jelzin- und die Putin-Regierung haben stets Geschichtspolitik genutzt, um von innenpolitischen Konflikten abzulenken und die Loyalität zur Regierung zu festigen. Im Zuge der neuen Außenpolitik seit 2008 hat Moskau auch geschichtspolitisch aufgerüstet. Die oben skizzierten Impulse von außen haben dabei die reaktionärsten Kräfte in Russland, die aufgrund des Verlusts des sowjetischen Imperiums ohnehin Nährboden fanden, gestärkt und ihnen zur Dominanz verholfen. Das hätte nicht so kommen müssen: Während des Ersten Tschetschenienkrieges entfaltete sich in Russland eine wirkungsvolle demokratische Kritik an diesem Krieg. Diese Kritik trug maßgeblich dazu bei, dass Jelzin 1996 den Krieg beendete. Beim Zweiten Tschetschenienkrieg perlte die demokratische Kritik an der Putin-Regierung ab. Nicht nur weil diese homogener, autoritärer und brutaler als die Jelzin-Regierung war, sondern vor allem weil die Kritik in Russland kaum noch überzeugen konnte: Die Nato-Bomben auf Jugoslawien, die Nato-Osterweiterung, die westliche Unterstützung der strategisch gegen Russland gerichteten Farbenrevolutionen, die Re-Peripherisierung des östlichen Europas, die islamistischen Terroranschläge usw. Dies alles entzog der demokratischen Kritik an der aggressiven Außen- und repressiven Innenpolitik, wie sie auch von Memorial vorgetragen wurde, die Resonanz.35 Seit 2012 kann die Regierung auf gesetzlicher Grundlage zivilgesellschaftliche Organisationen als »ausländische Agenten« diskreditieren. Dies wurde auch Memorial zum Verhängnis. Im Dezember 2012 ließ Putin die »Russländische Militärgeschichtliche Gesellschaft« (RVIO) einrichten. Leiter: der habilitierte, in russischen Fachkreisen umstrittene Historiker Wladimir Medinskij. Auftrag der Gesellschaft: Bewahrung des geschichtlichen und kulturellen Erbes, Pflege des Ansehens des Militärs. Seit 2012 flossen knapp sieben Milliarden Rubel (Steuergelder und private Spenden) für vielfältige geschichtspolitische Veranstaltungen und den Bau neuer Denkmäler. Vermittelt wird – gegen den »Masochismus« der 1990er Jahre – eine heroische, idyllisierende Sicht auf die Geschichte des russischen und sowjetischen Imperiums.36 Der Osteuropa- historiker Klaus Gestwa zeigt, wie umstritten Putins Geschichtspolitik auch in Russland ist, eine kommerzielle Geschichtsindustrie staatlich gefördert wird, Putin seine Außenpolitik zunehmend mit fragwürdigen Auslassungen zur Geschichte kommentiert und mit Drohgebärden versehen hat, dass aber auch die Ukraine, andere osteuropäische Staaten und die EU eine kritikwürdige Instrumentalisierung der Geschichte betreiben. Auf beiden Seiten gibt es eine »Überdosis an Geschichte«, die in den vergangenen Jahren und Monaten zur Verhärtung der Fronten beigetragen hat.37

Putin weiß seit seiner ersten Amtsübernahme an der Spitze des Staates ziemlich genau, was er will. Die aggressive Eigendynamik des »Putinismus«, entstanden in der Auseinandersetzung des neuen Präsidenten mit den Oligarchen und Privatisierungsprofiteuren der 1990er Jahre, seit 2008 unter diesem Begriff beschrieben und untersucht, ist nicht zu unterschätzen. Es handelt sich um ein präsidentielles politisches System mit einer formal repräsentativen, de facto gelenkten und intransparenten Schein-Demokratie, geprägt von einer Machtvertikalen, die geheimdienstlich, polizeilich und militärisch abgesichert wird. Diese Herrschaftsordnung wird von Putin und seinen engsten Vertrauten, den sog. Silowiki (russ. sila, dt. Kraft, Stärke, Gewalt), überwiegend wie Putin ehemalige Geheimdienstler, kontrolliert. Sie dient der Befriedigung der ökonomischen Interessen einer dünnen Oberschicht an Superreichen, welche die unumschränkte Macht der Funktionselite im Kreml akzeptiert. Diese Staatsoligarchen sind, wie Putin selbst, meist beides: politische und ökonomische Funktionselite. Der Einkommensanteil des einkommensstärksten Zehntels ist nach Auflösung der UdSSR von 23 auf über 45 % gestiegen, der Einkommensanteil der Top 1 % von etwa fünf auf 20 %. Der Vermögensanteil der Top 10 % liegt bei 72 % (USA 73 %), der Top 1 % bei 43 % (USA 38 %).38 Die größten Nutznießer des Putinismus sind die etwa 20.000 reichsten Personen Russlands, etwa 0,02 % der Erwachsenen.39 Die ökomische Basis dieses politischen Systems bildet der staatlich kontrollierte, auf den Verkauf fossilistischer Energie angewiesene Oligarchenkapitalismus. Dieser ist strukturell veraltet, aber unter Putin stabilisiert durch die neuerliche Verstaatlichung der in den 1990er Jahren privatisierten, für die Infrastruktur des Landes bedeutsamen Konzerne und durch die Beendigung der massiven Kapitalabflüsse aus Russland. Im Putinismus fließen die Geldströme: Steuern, Löhne, Renten und Korruptionszahlungen.40

Aber weder 1991 noch im Jahr 2000 war entschieden, wohin die Reise geht. Die westliche Russlandpolitik hat, indem sie Russland das Recht auf Sicherheit verweigert und auf die erfahrenen Entspannungspolitiker nicht mehr gehört hat, alles Erdenkliche zur Entwicklung dieses nach innen repressiven und nach außen aggressiven Systems beigetragen. Vor 31 Jahren habe ich die Befürchtung formuliert, Russland werde dem Modell Chiles unter der Militärdiktatur Pinochets folgen.41 Dazu ist es bislang nicht gekommen: keine faschistische Militärdiktatur, keine typisch neoliberale Wirtschaftspolitik mit entgrenzter Deregulierung der Finanzmärkte, Liberalisierung der Handelsströme, Schwächung des Staates, Privatisierung der Industrie. Aber die Überzeugung, bei der 1988/89 begonnenen Transformation handle es sich um eine Gegenrevolution, zieht notwendig die Frage nach sich, wozu drei Jahrzehnte Gegenrevolution – vor dem Hintergrund der oben skizzierten geschichtlich gewachsenen Ausgangsbedingungen und Wechselwirkung mit der Außenwelt – geführt haben.42 Es kann nicht darum gehen, ohne Kriterien und ohne belastbare Belege die Verwandlung Russlands in eine »faschistische Diktatur« zu behaupten, wie dies z. B. der Kiewer Politikwissenschaftler Oleksyj Semenyj tut.43 Aber es gilt, ergebnisoffen und entschlossener als bisher zu untersuchen, welche Bedeutung das antifaschistische Narrativ der Putin-Regierung, radikal konservative Kräfte und protofaschistische Tendenzen in Russland haben.44 Krieg stärkt erfahrungsgemäß die rechten Kräfte. Weder in der außerordentlich konservativen und gegenüber dem Staat schwachen Gesellschaft noch in der Business-Elite, die um ihre Pfründe fürchtet, zeichnen sich gegenwärtig Kräfte ab, die auf eine Re-Demokratisierung hinwirken könnten oder wollten.

Für zahlreiche Anregungen danke ich Dr. Johannes Klotz, Breisach am Rhein, und Uwe Krüger, Marburg. Frankfurt/M. und die weiter ausgreifende Analyse bei Frank Deppe 2017: 1917–2017 – Revolution & Gegenrevolution, Hamburg.

Fußnoten:

1 Eine Kurzfassung dieses Beitrags ist in Forum Wissenschaft 2/2022 erschienen.
2 Zum Folgenden vgl. Joachim Hösler 1995: Die sowjetische Geschichtswissenschaft 1953 bis 1991. Studien zur Methodologie- und Organisationsgeschichte, München: 163 ff.; Evgenija Lezina 2014: Memorial und seine Geschichte, in: Osteuropa, H. 11–12: 165–176; Ulrich Schmid 2021: Anatomie einer Diskreditierung. Russlands Staatsmedien und Memorial, in: Osteuropa, H. 8–9: 225–240.
3 Andrei Doultsev 2022: Lobbygruppe für Islamisten und Nazis, in: Unsere Zeit, 7.1.
4 Vgl. Vanessa A. Boese 2021: Demokratie in Gefahr?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 26–27: 24–31; Alexander Couley/Daniel H. Nexon 2022: Der Siegeszug des Illiberalismus. Wie die Demokratie ihren Feinden in die Hände spielt, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, H. 2: 65–80.
5 Diesen Begriff prägte Andreas Kappeler 1997: Russische Geschichte, München; vgl. Günther Stökl 1990: Russische Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart: 331 ff.; Heiko Haumann 1996: Geschichte Russlands, München: 218 ff.
6 Nach wie vor anregend Pjotr Fedossow 1987: Leben in der Sowjetunion, Heilbronn.
7 Vgl. Oskar Negt 2010: Kant und Marx. Ein Epochengespräch, Göttingen.
8 Siehe Jan C. Behrends 2019: Der stille Putsch. Konturen der russischen Gegenrevolution seit den 1990er Jahren. Vortrag bei der Bundesstiftung Aufarbeitung am 12.12.2019, unter: https://www.youtube.com/ watch?v=zWd9p8hfMnI (Aufruf am 5.4.2022).
9 Zur Begrifflichkeit Hartmut Rosa 2016: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin.
10 Vgl. Egon Bahr 1997: Die Geschichte ist anders gegangen. Vom Wandel durch Annäherung zur Osterweiterung aus Hilflosigkeit. Im Gespräch mit Günter Gaus, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, H. 6: 696–703; Gernot Erler 1997: Zwischen Einbindung und Ausgrenzung. Perspektiven der NATO-Osterweiterung, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, H. 8: 927–936; George F. Kennan 1997: A Fateful Error, in: New York Times, 5.2.; Henry Kissinger 2014: To settle the Ukraine crisis, start at the end, in: Washington Post, 5.3.; John Mearsheimer 2015: Why is Ukraine the West’s Fault? At the University of Chicago, 4.6., unter: https://www.youtube.com/watch?v=JrMiSQAGOS4 (Zugriff 8.2.2022); Gabriele Krone-Schmalz 2015: Interview, unter: https://www.youtube.com/watch?v=yzLiwWVZCOk (Zugriff 8.2.2022); Vladimir Pozner 2018: How the US created V. Putin: https://www.youtube.com/watch?v=8X7Ng75e5gQ (Vortrag 27.9., Zugriff 2.2.2022); Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!, in: Zeit online v. 5.12.2014, unter https://www.zeit.de/ politik/2014-12/aufruf-russland-dialog (Aufruf 21.4.2022); Bernd Greiner 2022: Alleintäter Putin – Wie man Feuer mit Benzin löscht, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, H. 3: 49–52.
11 Vgl. Sergej Karaganov 2021: Vom dritten Kalten Krieg, in: Osteuropa, H. 7: 15–27; Igor Torbakow 2022: Putins Russland oder: Die geistige Entkopplung von Europa, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, H. 3: 61–66; Timofej Sergejcev 2022: Was Russland mit der Ukraine tun sollte, aus dem Russ. von Manfred Quiring, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, H. 5: 63–69, hier 69.
12 Zum Folgenden vgl. Kappeler 1997, Stökl 1990, Haumann 1996.
13 Vgl. Dietrich Geyer (Hg.) 1972: Osteuropa-Handbuch Sowjetunion. Außenpolitik I 1917–1955, Köln; Gabriel Gorodetsky (Hg.) 1994: Soviet Foreign Policy 1917–1991, London 1994; Bianka Pietrow-Ennker (Hg.) 2000: Präventivkrieg? Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion, Frankfurt a. M.
14 Vgl. Mary Elise Sarotte 2021: Die Nato-Osterweiterung. Mehr Sicherheit für Europa oder Keim einer neuen Konfrontation? Audio-Podcast der Körber-Stiftung, unter: https://www.koerber-stiftung.de/ecommemora- tion/podcasts/manuskript-mary-elise-sarotte; David Teurtrie 2022: Ukraine-Krise – Eskalation mit Ansage, in: Le Monde diplomatique, 10.2.; Knut Mellenthin 2022: Wie alles anfing. Ein Blick zurück auf das Ende der Sowjetunion und das Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine, in: junge Welt, 3.3.: 12 f.
15 Zit. nach Bernd Greiner 2021: Made in Washington. Was die USA seit 1945 in der Welt angerichtet haben, München: 168.
16 Ebd.: 164. Vgl. Pozner 2018; Sarotte 2021.
17 Wladimir Putin 2001: Wortprotokoll der Rede im deutschen Bundestag am 25.9., in: https://www.bundestag. de/parlament/geschichte/gastredner/putin/putin_wort-244966 (Zugriff 14.3.2022).
18 Gemeinsame Sicherheit im euro-atlantischen Raum. Grundakte über gegenseitige Beziehungen, Zusammen- arbeit und Sicherheit zwischen der Nordatlantikvertrags-Organisation und der Russischen Föderation vom 27. Mai 1997, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, H. 7: 890–896; vgl. Charta von Paris für ein neues Europa. Erklärung des KSZE-Treffens der Staats- und Regierungschefs vom 21. November 1990, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 1991, H. 1: 105–114.
19 Vgl. Frank Brendle 2014: Faschisten zum Vorbild, in: junge Welt, 20.2.; Grzegorz Rossolinsi-Liebe 2017: Ver- flochtene Geschichten. Stepan Bandera, der ukrainische Nationalismus und der transnationale Faschismus, in: APuZ, H. 42–43: 17–22; Christian Bunke 2022: Stepan Bandera Prospekt in Kiew, in: Lunapark21, H. 57: 74 f.
20 Vgl. Zbigniew Brzezin´ ski 1997: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Weinheim: 54; Jörg Kronauer 2014: »Ukraine über alles!« Ein Expansionsprojekt des Westens. Mit einem historischen Überblick von Erich Später, Hamburg: 58 ff.; Reinhard Lauterbach 2015: Bürgerkrieg in der Ukraine. Geschichte, Hinter- gründe, Beteiligte, Berlin: 69 ff.; Greiner 2021: 183 ff.; Sarotte 2021; Jörg Kronauer 2022: Der Aufmarsch – Vorgeschichte zum Krieg. Russland, China und der Westen, Köln: 12 ff.; Peter Wahl 2022: Der Ukraine-Krieg und seine geopolitischen Hintergründe. Beilage in: Marxistische Blätter, H. 3.
21 Wladimir Putin 2007: Was ist aus den Garantien geworden? Rede auf der Konferenz für Sicherheitspolitik in München am 10. Februar (Wortlaut), in: Blätter für deutsche und internationale Politik, H. 3: 373–380.
22 »Seither ist der Zug in Richtung NATO-Mitgliedschaft immer schneller geworden«, so der Politologe Johannes Varwick in einem Streitgespräch mit dem Juristen Roger Näbig; die Ukraine habe seit 2008 an jedem Nato- Gipfel als Gast teilgenommen, die Nato habe etwa 10.000 ukrainische Soldaten ausgebildet und massive Militärhilfe geleistet; im November 2021 wurde ein Sicherheitspakt zwischen Ukraine und USA unterzeichnet. Siehe ntv 2022: Disput zum Umgang mit Putin. Trägt der Westen eine Mitschuld an Russlands Krieg?, unter ntv.de (Aufruf am 17.5.2022).
23 Wolfgang Richter 2022: Im Spannungsfeld von Nato und Russland, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, H. 3: 53–60; vgl. Wolfram Wette 2022: Diesen Krieg hätte man verhindern können (Interview), in: kontextwochenzeitung.de, Nr. 572, 16.3.
24 Greiner 2021: 215. – Die Erhöhung der Verletzlichkeit Russlands blieb durchgängig Ziel der US-Strategie, siehe Keir A. Lieber/Daryl G. Press 2006: The Rise of U. S. Nuclear Primacy, in Foreign Affairs, H. März/April, unter: https://www.foreignaffairs.com/articles/united-states/2006-03-01/rise-us-nuclear-primacy (Zugriff 21.5.2022)
25 Namentlich gilt dies z. B. für Manfred Wörner, James Baker und Hans-Dietrich Genscher. Vgl. Sarotte 2021; Norman Paech 2022: NATO-Osterweiterung. In: telepolis-online, 3.2.; https://www.welt.de/politik/ausland/ article236986765/Nato-Osterweiterung-Archivfund-bestaetigt-Sicht-der-Russen.html?icid=search.product.on- sitesearch (Zugriff 25.3.2022); Michael Thumann 2022: Der Geschichtsvollzieher, in: Die Zeit, 24.2.; dreiteiliges Feature aus dem Jahr 2019 »Die Wurzeln des Misstrauens« von Andreas von Westphalen im Deutschlandfunk (19., 26.4., 3.5.2022) auf der Grundlage der Forschungen von M. E. Sarotte.
26 Frank Deppe 2017: 1917/2017 – Revolution und Gegenrevolution, Hamburg: 238.
27 Zum Folgenden Markus Wehner 2014: Steinmeiers Mission, in: FAZ, 23.2.
28 Michael Thumann 2014: Russlands Verletzung, in: Die Zeit, 27.7.; vgl. Lauterbach 2015: 83 ff.; Andreas Kappeler 2022: Kleine Geschichte der Ukraine: 334 ff.; Konrad Ege 2022: Victoria Nuland ist zurück: »Fuck the EU«, in: der Freitag, 29.4. Hierzu und zum Folgenden vgl. auch die Arte Dokumentation »Die Rückkehr des russischen Bären« von 2021. – Die Ermordung von 46 Menschen durch Rechtsradikale im Gewerkschaftshaus von Odessa am 2.5.2014 ist in der Ukraine nie geahndet worden. Die Regierung lässt seit 2014 einen Krieg gegen die separatistischen Gebiete führen, der vom Westen nicht wahrgenommen wird, vgl. Ulrich Heyden 2022: Der längste Krieg in Europa seit 1945. Augenzeugenberichte aus dem Donbass, Hamburg; Unai Aranzadi 2022: Erinnerung an Odessa, in: junge Welt, 30.4./1.5.: 15 f.
29 Vgl. Wladimir Iljitsch Lenin 1917: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Kritische Neuaus- gabe mit Essays von Dietmar Dath und Christoph Türcke, hg. und komm. von Wladislaw Hedeler und Volker Külow, Berlin 2018; Rosa Luxemburg 1913: Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Er- klärung des Imperialismus, Berlin, Neudruck Frankfurt/M. 1966: 337 ff. passim; Willi Gerns 2015: Das Putinsche Russland. Machtverhältnisse und Politik, in: Marxistische Blätter, H. 1: 67–77.
30 Georg Fülberth 2022: Von Marokko nach Hiroshima, in: Konkret, H. 4: 19.
31 Rand Corporation 2019: Overextending and Unbalancing Russia. Assessing the impact of cost-imposing options, Washington. Vgl. Manlio Dinucci 2022: Ukraine – das stand alles im Strategiepapier der Rand Corp., in: Zeit-Fragen, 7.3.
32 Johannes Varwick 2022: Durch Waffenlieferungen wird Konflikt noch blutiger, in: junge Welt, 30.4./1.5.: 6; Gerhard Mangott 2022: Eine politische Lösung ist vorerst vom Tisch. Interview in: Oberhessische Presse, 21.5.: 15.
33 In der Atmosphäre moralischer Erregung ist sogar auf der »Insel der Vernunft« Nebel aufgezogen: unkritisch wird der monokausale Begriff von »Putins Krieg« übernommen, von einer pluralistischen Ukraine, die um Europas Werte kämpfe, fabuliert, die Verantwortung der USA für die Eskalation ignoriert, eine »zweite Wie- derbewaffnung« der BRD gutgeheißen, eine autoritäre Führung des Bundeskanzlers herbeigesehnt usw. Siehe Blätter für deutsche und internationale Politik 2022, H. 4 und H. 5; vgl. Jakob Augstein 2022: Benebelt von Pathos, in: der Freitag, 31.3.: 1; Johanna Henkel-Waidhofer 2022: Friedenslogik wird diffamiert, in: kontext- wochenzeitung.de, Nr. 578, 27.4.; Rolf Surmann 2022: Abdankung der Vernunft, in: Konkret, H. 5: 14–17.
34 Vgl. Johan Galtung 1998: Frieden mit friedlichen Mitteln. Friede und Konflikt, Entwicklung und Kultur, Opladen; Ralf Becker et al. (Hg.) 2019: Sicherheit neu denken. Von der militärischen zur zivilen Sicherheitspolitik – Ein Szenario bis zum Jahr 2040, 2. Aufl. Karlsruhe; vgl. z. B. auch Impulse des Bundes für Soziale Verteidigung unter https://soziale-verteidigung.de, der Plattform Zivile Konflikt Bearbeitung unter https://pzkb.de, der In- formationsstelle Militarisierung unter www.imi-online.de.
35 Vgl. Andreas Langenohl 2009: Demokratische Kritik in der späten Sowjetunion und im postsowjetischen Russ- land. Zur Neubegründung einer intellektuellen Tradition, in: Lars Karl/Igor J. Polianski (Hg): Geschichtspolitik und Erinnerungskultur im neuen Russland, Göttingen: 41–64; Andrea Komlosy 2015: Systemtransformation als Krisenmanagement. Der RGW-Umbruch im globalen Kontext, 40 Jahre danach (1973–2013), in: Dariusz Adamczyk/Stephan Lehnstaedt (Hg.): Wirtschaftskrisen als Wendepunkte. Ursachen, Folgen und historische Einordnungen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Osnabrück: 337–376.
36 Hierzu und zum Folgenden Klaus Gestwa 2022: Putin, der Cliotherapeut. Überdosis an Geschichte und politisierte Erinnerungskonflikte in Osteuropa, in: Neue Politische Literatur 67: 15–53; vgl. Jan C. Behrends 2021: Putins negative Ukraine-Politik. Hintergründe und Analogien, in: Osteuropa, H. 7: 77–84; Novaja gazeta, 17.2.2022; Fabian Wisotzky 2022: Zurück zum russischen Imperium. Zur Geschichtspolitik Vladimir Putins, unter https:// www.rosalux.de/news/id/46055/zurueck-zum-russischen-imperium (Aufruf am 20.5.22); Mischa Gabowitsch 2022: Von »Faschisten« und »Nazis«. Russlands Geschichtspolitik und der Angriff auf die Ukraine, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, H. 5: 55–62.
37 Vgl. Vladimir Putin 2021: Über die historische Einheit der Russen und der Ukrainer. Dokumentation in: Osteuro- pa, H. 7: 51–66; Vladimir Putin 2021a: Antworten auf den Artikel, unter http://en.kremlin.ru/events/president/ news/66191 (Zugriff 21.4.2022); Vladimir Putin 2022: Ansprache im russischen Fernsehen am 21.2.2022, dokumentiert in: junge Welt, 23. und 24.2.; Sergejcev 2022.
38 Filip Novokmet, Thomas Piketty, Gabriel Zucman 2018: From Soviets to Oligarchs – Inequality and Property in Russia 1905–2016. World Inequality Database world working paper Nr. 2017/09: 71 ff.
39 Thomas Piketty 2022: Unsere Oligarchen, in: der Freitag, 31.3. Piketty zufolge verhindern »unsere Oligarchen« wirksame Maßnahmen gegen diese Superreichen.
40 Vgl. Richard Sakwa 2012: Modernisation, neo-modernisation, and comparative democratisation in Russia, in: East European Politics, H. 1: 43–57; Marcel H. van Herpen 2013: Putinism – The slow rise of a radical right regime in Russia, Basingstoke; Walter Laqueur 2015: Putinismus – Wohin treibt Russland?, Berlin; Catherine Belton 2022: Putins Netz. Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste, Aufl., Hamburg; Tatjana Stanowaja 2022: Das Regime bedroht sich selbst, unter: https://www.freitag.de/ autoren/der-freitag/politologin-tatjana-stanowaja-wladimir-putins-stellung-ist-in-gefahr (Aufruf am 29.4.2022); Tomasz Konicz 2022: Rackets und Rockets, in: Konkret, H. 5: 10–12.
41 Joachim Hösler 1991: Sowjet-Union perdu, in: Forum Wissenschaft, H. 3: 62 f.
42 Vgl. die bemerkenswert frühe und klare Reflexion bei Heinz Jung 1990: Abschied von einer Realität.
Zur Nie- derlage des Sozialismus und zum Abgang der DDR. Ein politisches Tagebuch – Sommer 1989 bis Herbst 1990,
43 Oleksyj Semenyj 2022: Standpunkt – Hätte der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine verhindert werden können?, unter www.bpb.de (vom 28.4., Aufruf am 23.5.).
44 Vgl. Mathias Wörsching 2020: Faschismustheorien. Überblick und Einführung, Stuttgart; Natascha Strobl 2021: Radikalisierter Konservatismus. Eine Analyse, Berlin.

Erstveröffentlicht als Sonderausgabe der „Marxistischen Blätter“ 2023
https://www.marxistische-blaetter.de/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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