»Die baskische Arbeiterklasse ist auch feministisch«

Der Generalstreik ist das Ergebnis eines längeren Organisierungsprozesses. Worum ging es dabei?

Wir haben bereits in einem Beitrag über die Vorbreitung und die ersten Tage des feministischen Generalstreiks im Baskenland berichtet. https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/feministischer-generalstreik/
Hier setzen wir diese Berichterstattung mit einem Interview fort, das Raul Zelik mit der Sekretärin für Feminismus der baskischen Gewerkschaft LAB geführt hat. (Jochen Gester)

Während der Corona-Pandemie ist ein feministisches Bündnis namens »Denon Bizitzak Erdigunean« (Unser aller Leben in den Mittelpunkt stellen) entstanden. In der Pandemie haben wir ja alle erlebt, wie katastrophal die Bedingungen im Pflege- und Sorgesektor sind. Das Bündnis ist auf die Rentnerbewegung – die seit Jahren für eine Mindestrente von 1080 Euro kämpft –, auf Gewerkschaften, Kleinbauernverbände und Jugendorganisationen zugegangen. Diese Gruppen haben sich in einem längeren Diskussionsprozess auf einen Forderungskatalog verständigt: eine Art Sozialcharta. Darin tauchen langfristige Ziele wie der Aufbau eines öffentlich-gemeinschaftlichen Pflegesystems auf. Es werden aber auch die unmittelbaren Missstände benannt, die sofort geändert werden müssen. Zum Beispiel die Arbeitsbedingungen von illegalisierten Frauen, die Alte im Haushalt betreuen und oft sieben Tage die Woche ohne Unterbrechung im Einsatz sind. Wir haben uns dann zusammen die Frage gestellt, wie wir unseren Forderungen Nachdruck verleihen können, und sind so auf den feministischen Generalstreik gekommen. Die Vorbereitung war sehr intensiv. Es gab mehr als 1000 Versammlungen in Stadtteilen, Dörfern und Betrieben. Es war also wirklich ein Prozess – nicht nur ein einziger Streiktag.

Interview

Maddi Isasi Azkarraga, geb. 1995, ist Sekretärin für Feminismus der Gewerkschaft Langile Abertzaleen Batzordeak (LAB, Komitees patrio­tischer Arbeiter*innen) und war maßgeblich an der Vorbereitung des Generalstreiks beteiligt. Das Baskenland gilt als gewerkschaftlich bestorganisierte Region im spanischen Staat. Etwa 30 Prozent der Beschäftigten sind Gewerkschaftsmitglieder. Die LAB wurde in den 70er Jahren als Zusammenschluss von Basiskomitees gegründet und ist heute der …

Feministische Streiks haben, ausgehend von Lateinamerika, in den letzten Jahren zum 8.März immer wieder Millionen Menschen mobilisiert. Der Generalstreik im Baskenland hatte jetzt aber noch einmal einen anderen Charakter. Was war diesmal anders?

Auch im Baskenland hatten wir zum 8. März feministische Streiks, bei denen Frauen die Pflege- und Sorgearbeit niederlegen sollten, damit deren Bedeutung gesellschaftlich sichtbar wird. Der Generalstreik jetzt hingegen richtete sich an die gesamte Gesellschaft. Die feministische Bewegung war federführend und hat alle wichtigen Entscheidungen getroffen. Doch auch gemischte Organisationen sollten aktiv mobilisieren. Wir wollten vermitteln, dass alle ein Interesse daran haben, die Zustände zu verändern. Weil der hetero-patriarchale Kapitalismus, in dem wir leben, über die Bedürfnisse der Menschen systematisch hinweggeht. In der Praxis war das natürlich eine Herausforderung: Wie vermitteln wir Männern, die im Alltag wenig Verantwortung für Care-Arbeit übernehmen, dass sie ihre Privilegien infrage stellen sollen? Wie gehen wir damit um, dass sich einerseits Frauen erst einmal untereinander verständigen müssen, die Männer sich aber trotzdem ermutigt fühlen, den Streik aktiv mit vorzubereiten? Wir haben einiges ausprobieren und lernen müssen. Aber ich glaube, dass wir in Zukunft davon profitieren.

Was waren die zentralen Forderungen des Generalstreiks?

Ich würde von drei Hauptforderungen sprechen: Erstens kämpfen wir für einen öffentlich-gemeinschaftlichen Care-Sektor. Das bedeutet, dass die Privatisierung von Altenheimen und Pflegeeinrichtungen gestoppt und rückgängig gemacht werden muss. Zweitens ist da die Forderung, das »Leben ins Zentrum zu stellen«. Der Arbeitsmarkt ist heute so strukturiert, dass sich die Arbeit kaum mit den menschlichen Bedürfnissen vereinbaren lässt. Wenn man zehn oder elf Stunden täglich nicht zu Hause ist, kann man Kinder und Alte nicht versorgen. Unter diesem Punkt haben wir unterschiedliche Probleme thematisiert, unter anderem die 30-Stunden-Woche und das Recht auf ein menschenwürdiges Wohnen. Drittens ging es beim Streik um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Pflegekräften. Es gibt in dem Sektor eine extreme Ausbeutung, vor allem von Migrantinnen. Wir wollen, dass die Frauen, die oft aus Mittelamerika kommen, bei uns legalisiert und regulär beschäftigt werden.

Sie haben es schon erwähnt: Beim Generalstreik sollten sich die Männer aktiv einbringen, aber der feministischen Bewegung die Führungsrolle überlassen. Wie sind Sie als gemischtgeschlechtliche Gewerkschaft damit umgegangen?

Das war natürlich auch eine pädagogische Aufgabe. Die Grundforderungen des Streiks waren nicht schwer zu vermitteln. Gegen die Privatisierung der Pflege, für bessere Arbeitsbedingungen der beschäftigten Frauen – das versteht bei uns jeder. Die Schwierigkeit bestand darin, deutlich zu machen, wie sich die Rollen von Männern und Frauen bei diesem Streik unterscheiden sollten. Wir haben darauf geachtet, dass sich die Männer vielleicht einmal mehr um logistische Aufgaben im Hintergrund kümmern, die Frauen dagegen die erste Reihe bei den Streikposten um 5 Uhr morgens vor den Industriebetrieben bilden. Das war eine gute Erfahrung. Frauen, die sich sonst nie getraut hätten, sich der Polizei und den Streikbrechern in den Weg zu stellen, haben Betriebe blockiert. Und umgekehrt haben Männer andere Aufgaben als sonst übernommen. Ich denke, solche Erfahrungen bleiben nicht auf den Streiktag beschränkt. Es geht ja nicht nur darum, welche Rolle ich an diesem Tag habe, sondern auch darum, ob ich Verantwortung für Care-Aufgaben im Alltag übernehme. Die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung macht aus unserer Sicht nur Sinn, wenn dann auch die unbezahlte Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern egalitärer verteilt wird.

Haben sich die spanischen Gewerkschaften Comisiones Obreras (CCOO) und UGT deshalb nicht am Generalstreik beteiligt – weil sie nicht gesehen haben, wie sich eine gemischte Organisation an einem feministischen Streik beteiligen kann?

Nein, das glaube ich nicht. Ihre Erklärung war, dass sie keine Streiks mittragen, die auf das Baskenland fokussiert sind. Und ganz allgemein haben UGT und CCOO bei uns eher die Rolle, dass sie Kämpfe nicht unbedingt zuspitzen wollen. Dabei haben sie die Analyse und die Forderungen des Organisationsbündnisses durchaus geteilt. CCOO hat die Sozialcharta sogar unterschrieben. Aber der Generalstreik erschien ihnen als Instrument unangemessen. Aber die Frage könnten die beiden Gewerkschaften selbst natürlich besser beantworten.

Wird dieser Generalstreik Ihre Gewerkschaft verändern?

Wir glauben, dass der 30. November ein Meilenstein war. Er ist nicht nur von Beschäftigen, sondern aus der gesamten Gesellschaft heraus organisiert worden. Es ist uns gelungen, ganz unterschiedliche Akteure zusammenbringen: Rentner*innen, Kleinbauernverbände, Umweltgruppen, Jugendorganisationen. Und es haben Leute mit uns gestreikt, die wir als gewerkschaftlicher Dachverband noch nie erreicht haben. Ich denke, der Streik beweist, dass die baskische Arbeiterklasse auch feministisch ist. Feminismus wird ja oft als kulturell-ideologisch-symbolischer Kampf um Verhaltensweisen verstanden. Der Generalstreik hat gezeigt, dass Feminismus auch eine Form des Klassenkampfes ist. Für uns als Gewerkschaft ist das ein Riesenerfolg – und ein Ansporn für die Zukunft.

Erstveröffentlicht im nd v. 6.12.23
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1178321.generalstreik-die-baskische-arbeiterklasse-ist-auch-feministisch.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

„An alle Automobilarbeiter da draußen, die ohne die Vorteile einer Gewerkschaft arbeiten: Jetzt seid ihr dran“

Nach ihren erfolgreichen Tarifkämpfen gegen die Großen Drei der US Autokonzerne und nach ihrer Palästina Solidarität machen die US Autogewerkschaften erneut Furiore. Jetzt sind auch deutsche Autohersteller dran.

„An alle Automobilarbeiter da draußen, die ohne die Vorteile einer Gewerkschaft arbeiten: Jetzt seid ihr dran“ verkündete Shawn Fain, Präsident der Automobilgewerkschaft UAW, Ende November in einem Video. „Seit wir unseren Streik begonnen haben, war die Reaktion der Autoarbeiter in nicht gewerkschaftlich organisierten Unternehmen überwältigend.“ [1]https://uaw.org/all-news/

Als sich die drei Großen Autokonzerne geweigert hatten, die Beschäftigten spürbar an den Rekordgewinnen zu beteiligen, traten diese in den Streik. „Über 40 Tage und Nächte lang hielten die Autoarbeiter bei Ford, GM und Stellantis die Linie und gewannen groß“, erzählen sich nun die Autoarbeiter in allen anderen Unternehmen.

In einem Mobilisierungsvideo der UAW sprechen fünf unorganisierte Autoarbeiter:innen über den historischen Moment in der amerikanischen Autoindustrie.  Ziel ist die Organisierung Aller in der gesamten Branche. Mit Arbeitern von Hyundai, Mercedes, Toyota, Volkswagen und Rivian fängt das Video „These Hands“ den Geist ein, der hinter der Bewegung der Automobilarbeiter:innen steckt, sich jetzt zu Zehntausenden der UAW anzuschließen! „Diese unsere Hände sind es, die jeden Dollar erschaffen!“

„DIESE HÄNDE“, Video von UAW 9

Betroffen sind nicht zuletzt die deutschen Autobauer BMW, Mercedes und Volkswagen, die es bisher „trefflich schäbig“ in den USA verstanden haben, die Rechte von ihren Arbeitern und Angestellten zu beschränken und eine gewerkschaftliche Organisierung in ihren Betrieben zu verhindern.

Das UAW Statement zu BMW lautet: „Der Gewinn von BMW ist in den letzten drei Jahren um über 130 Prozent gestiegen. Anstatt den BMW-Arbeitern ihren gerechten Anteil zu zahlen, gibt das Unternehmen Milliarden für Aktienrückkäufe und über 30 Millionen US-Dollar für die Vergütung von nur sieben Topmanagern aus. Es ist an der Zeit, dass die BMW-Arbeiter aufstehen und für mehr kämpfen!“

Das UAW Statement zu Mercedes lautet: „Der Gewinn von Mercedes ist allein in den letzten Jahren um 200 % gestiegen. Von März bis November 2023 gab das Unternehmen 1,9 Milliarden US-Dollar für Aktienrückkäufe aus, anstatt die Rekordgewinne mit der Belegschaft zu teilen. Es ist an der Zeit, dass die Mercedes-Arbeiter aufstehen und für mehr kämpfen.“

VW Atlas im Werk in Chattanooga in Tennessee nicht mehr lange „gewerkschaftsfrei“

Das UAW Statement zu Volkswagen lautet: „Die Gewinne von Volkswagen sind in den letzten drei Jahren um mehr als 60 Prozent gestiegen, und die Fahrzeugpreise sind um mehr als 40 Prozent gestiegen. VW-Arbeiter in Tennessee werden zurückgelassen, während nur 13 Spitzenmanager zusammen 60 Millionen Dollar einstreichen. Es ist an der Zeit, dass die VW-Arbeiter aufstehen und für mehr kämpfen.“

UAW zeigte: wer die volle Kampfkraft in die Waagschale wirft, kann nur gewinnen! Statt Entlassungen werden Neueinstellungen durchgesetzt. Statt ein Werk platt zu machen wird ein neues Werk aufgebaut. Wie bei den Gewinnen steigen auch die Löhne und Gehälter rapide. Die Streikrechte werden erweitert und nicht eingeschränkt. Und die Beschäftigten bleiben der galloppierenden Inflation nicht hilflos ausgeliefert. [2]https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/uaw-gewerkschaften-konsequent-gekaempft-berge-versetzt/

Beflügelt von diesen Erfolgen bei den Großen Drei wollen sich nun tausende Arbeiterinnen von weiteren 13 Herstellern in der UAW organisieren. Es ist mehr als wahrscheinlich , dass sich die Mitgliederzahl der Gewerkschaft im Verlauf dieser Kampagne verdoppeln wird. [3]https://www.automobilwoche.de/nachrichten/us-gewerkschaft-uaw-will-mitglieder-bei-weiteren-herstellern-gewinnen?fbclid=IwAR1H1Fj7hTAMNKlbUt4o5KFB2bJ2ZrsFvSpqZscjC9A-7xNlYXryFs3jI3s Binnen einer Woche haben sich allein bei VW schon über 30% für eine Mitgliedschaft entschieden.[4]https://uaw.org/volkswagen-workers-chattanooga-launch-public-campaign-join-uaw-1000-workers-signed/

Auch Tesla knüpfen sich nun die Kolleg:innen in den USA gezielt vor und stärken damit die internationale Front gegen den ausgesprochen gewerkschaftsfeindlichen Elon Musk.

Aufgrund der Erfahrungen mit zahlreichen Managertypen wie Musk informiert UAW breit über die Rechtslage zu Union Bashing and Mobbing: „Es ist für Arbeitgeber illegal, Arbeitnehmer zu überwachen, zu versprechen, einzumischen oder ihnen zu drohen, ihre Gewerkschaft nicht zu gründen. Hier erfahren Sie, wie Sie erkennen, wann Ihr Chef möglicherweise gegen das Gesetz verstößt, und was Sie tun können, um dies zu verhindern.“


 

Ähnlich ging die IG Metall bei Tesla In Brandenburg in die Offensive und konnte vermelden „IG Metall ist drin bei Tesla“ : „Mehr als Tausend Beschäftigte haben sich bei einer Blitz-Aktion zur IG Metall bekannt. Sie trugen offen Sticker auf ihrer Arbeitskleidung: „Gemeinsam für sichere und gerechte Arbeit bei Tesla“.“ Der Kampf geht jetzt erst richtig los.

Kolleg:innen des Mercedes Werks Stuttgart Untertürkheim berichten ausführlich von den Streiks jenseits des Atlantiks und gratulieren zum Erfolg gegen die Big three. Sie zitieren den UAW Vorsitzenden Fain: „Wir haben den Konzernen, der amerikanischen Öffentlichkeit und der ganzen Welt gezeigt, dass die Arbeiterklasse nicht erledigt ist. Wir haben gerade erst angefangen.[5]https://acrobat.adobe.com/id/urn:aaid:sc:EU:c147b4d0-6641-4ba0-9859-fc5f8adb907d

Die US Kolleg:innen haben Zeichen gesetzt. Entschlossen Kämpfen, Siegen, Anfeuern, Organisieren! Zeichen auch für den Standort Deutschland. Um sich international nicht mehr gegeneinander ausspielen zu lassen und auch auf Konzernebene zusammenzuschliessen. „Unser Standort heisst Solidarität.“ Damit können wir alle nur gewinnen!

Auch zum Thema: US Gewerkschaften brechen ihr Schweigen zu Palästina! 

Fotos und Videos UAW, wir danken für die Publikationsrechte!

Österreich! Spruch des Jahres 23 von einem Metallarbeiter

Erstaunlich, diesmal wurde ein Metallarbeiter in Österreich mit dem Spruch des Jahres „geadelt“.

Als die Kapitalseite immer wieder bei der Auseinandersetzung um den Tarifvertrag letzten Herbst tabellenwirksame Erhöhungen durch Einmalzahlungen zu unterlaufen versuchte, platzte dem Metallarbeiter Reinhold Binder der Kragen: “ Mit die Einmalzahlungen können’s scheißen gehen!

Der Spruch verbreitete sich bei den Kollegen und dann in ganz Österreich wie ein Lauffeuer. Reinhold Binder hatte ins Schwarze getroffen.

Auch in Deutschland hatten viele Kollegen ein mulmiges Gefühl, als sie bei den letzten Tarifrunden mit „verlockenden steuerfreien Einmalzahlungen“, verbunden mit vollkommen unzulänglichen nachhaltigen Erhöhungen, „abgespeist“ wurden. Sind diese Einmalzahlungen erst abgelaufen, so prophezeien wir, wird es ein böses Erwachen geben. Nicht zuletzt – vor dem Hintergrund der Prioritäten der Zeitenwende – wegen der sich abzeichnenden weiteren Einschnitte bei sozialen Leistungen des Staates.


„Einmalzahlungen sind ein Schuss vom Dealer, aber nicht die Lösung für eine langfristig gesunde Lohnentwicklung“, kommentiert Jens Schmidt den österreichischen Spruch des Jahres.

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