Berufsverbote für AFD Mitglieder im Staatsdienst? Oder trifft es am Ende doch wieder ganz andere?

10. Juli. Große Meldung in der Tagesschau:

Rheinland-Pfalz stellt keine AfD-Mitglieder mehr ein!

AfD-Mitgliedern soll künftig der Weg in den öffentlichen Dienst verschlossen werden.
Innenminister Ebling kündigte eine schärfere Einstellungspraxis im Staatsdienst an. Konkret soll beim Einstellungsverfahren eine schriftliche Belehrung über die Verfassungstreue verpflichtend sein. Bewerber:innen müssten u. a. erklären, dass sie keiner extremistischen Organisation angehörten.

Der letzte Satz lässt aufhorchen. Wer ist mit „Extremisten“ eigentlich gemeint? Ein Blick in die Auflistung des Innenministeriums zeigt, wer tatsächlich alles mit Berufsverboten bedroht werden soil:

Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union, Deutsche Kommunistische Partei, Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend, Internationale Sozialistische Organisation, Interventionistische Linke, Kommunistische Partei Deutschlands, Marxistisch Leninistische Partei Deutschlands, Perspektive Kommunismus, Revolution, Gruppe Arbeiterinnenmacht, Rote Hilfe, Sozialistische Alternative Voran, Sozialistische Organisation Solidarität, Jugend für Sozialismus, Marx 21, „,die plattform“ Ums Ganze! -kommunistisches Bündnis, antizionistische Organisationen von Jüd:innen, rebellische Umweltschützer:innen und viele viele andere mehr…

Rechtsextremismus und Linke werden einfach in einen Topf geworfen. Obwohl sie diametral Verschiedenes wollen.

Rechte wollen Demokratie und Menschenrechte einschränken bis abschaffen und Minderheiten ausgrenzen. Sie streben einen autoritären Staat zugunsten nationalistisch-rassistischer Interessen, Gruppen-Egoismen und reicher Eliten an.

Linke wollen dagegen Demokratie und Menschenrechte erweitern und Minderheiten integrieren. Zur formalen Gleichheit soll reale soziale Gerechtigkeit und Gleichheit für ALLE hinzukomnen. Der Staat soll die Interessen der breiten arbeitenden Bevölkerung unter deren größtmöglicher Beteiligung schützen.

Momentan gibt es international eine einfache Frage, an der sich erkennen lässt, ob jemand tatsächlich für Menschen-, Völkerrecht und Selbstbestimmung für ALLE eintritt. Sie lautet: verurteilst du entschieden den Völkermord in Gaza?

Daniel Kehl erinnert sich:

Es geht also wieder los mit den Berufsverboten. Genau wie in den 1970er Jahren wo am Anfang in der Öffentlichkeit auch immer nur von der NPD die Rede war.

Tatsächlich betroffen von jahrelangen Berufsverboten waren dann schon nach kurzer Zeit vor allem Linke.

Zehntausende wurden zudem überprüft und mussten sich entwürdigenden Verfahren unterwerfen.

Dass wirklich nennenswert gegenüber Rechtsextemisten durchgegriffen wird, darf nach allen Erfahrungen bezweifelt werden. Gehört doch der autoritäre Nationalstaat selbst mit zu ihrer DNA.

Die Ereignisse am 11.Juli sagen eine Menge dazu aus: AFD und ihre Freunde von der Union haben Schaum vor dem Mund, schreiben Petitionen, klagen, wimmern, raufen Haare, ringen Hände. Warum? Weil eine „linksliberale“ Richterin namens Frauke Brosius Gersdorf für einen Posten beim Verfassungsgericht von der SPD nominiert wurde. „Linksradikal“ jault das rechte Pack. Wow. Heute ist also schon „linksradikal“, wer für das Grundrecht auf Asyl, die Abschaffung des Paragraphen 218 und das Verbot der AFD ist. Heute wird sie möglicherweise deshalb nicht gewählt oder nur mit Zähneknirschen oder wird die Wahl ausgesetzt. Morgen, wenn es opportun erscheint, kann ein Berufsverbot sogar Menschen wie diese Kandidatin treffen. Um das zu wissen, reicht ein Blick über den großen Teich in die USA. Die SPD liefert wie so oft in der Geschichte die Vorlagen.

Pastor Niemöller:“Erst haben sie die Kommunisten geholt, dann…..und dann…. .“

Nehmen wir einen anderen aktuellen Fall, wo eigentlich alle juristischen Voraussetzungen vorhanden sein müssten, um gegenüber einem Beamten mit rechtsextremem Verhalten Konsequenzen zu ziehen. Ein Polizist, zeitweise – was für ein Hohn – sogar ihr eigener Leibwächter, ergeht sich in nationalsozialistischen Fantasien und wünscht Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, u. a. Leid und Tod in einem Konzentrationslager. Dieser Polizist darf jetzt – höchstrichterlich entschieden – im Dienst verbleiben.

Die AFD poliert gerade ihr smartes bieder bürgerliches Image auf, in der Frage Pro Ukraine Unterstützung gibt es Bewegung. Bei der Nahostfrage war sie schon immer ganz Staatsräson. Es wächst zusammen, was zusammengehört: AFD und der eingeschlagene deutsche Großmachtkurs. An solchen Leuten vergreift man sich dann doch ungern. Der deutsche Staat hält sich da lieber an antizionistische Jüd:innen, die in Berlin inflationär wegen ihrer Kritik an Netanjahu verhaftet werden.

Wo bleibt der Protest vor allem aus der Linken Bundestagsfraktion? Aber auch der Leute, die es mit dem Erhalt von demokratischen Rechten wirklich ernst meinen wollen? Berufsverbote treffen in ganz überwiegenden Maße die Falschen.

Letzte Frage: wieso werden eigentlich die fanatisch extremistischen Kriegstreiber, zum Beispiel jemand, der inzwischen den Spitznamen „Bombentoni“ trägt, als politische Mitte definiert?

Titelbild: Collage Peter Vlatten

Offener Brief eines Hafenarbeiters an die Gewerkschaft ver.di

Bild: Ein palästinensischer Mann wird verwundet, während Hunderte weitere, mit Mehlsäcken beladen, die Al-Rashid-Straße entlanggehen, nachdem Hilfsgüterlastwagen am 17. Juni 2025 durch das Gebiet Zikim im Norden von Gaza-Stadt gefahren sind. Mehrere der Hilfesuchenden wurden von israelischen Streitkräften erschossen. (Yousef Zaanoun/Activestills)

Mohammed Allatar, Arbeiter im Hamburger Hafen, ist verweifelt über die Greuel der israelischen Armee in Gaza und hat bereits einen Aufruf verfasst, in dem er ein Ende des Schweigens über den Genozid und deutliche Worte gewerkschaftlicher Solidarität eingefordert hat. Wir haben darüber bereits berichtet.

https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/appell-eines-palaestinensischen-hafenarbeiters-an-seine-kollegen-im-hamburger-hafen-aber-auch-an-uns-alle/

Nun hat der Kollege die Initiative zu einem Offenen Brief an den ver.di-Vorstand ergriffen, um so eine Änderung der Haltung seiner Gewerkschaft zu erreichen. Er wünscht sich, dass möglichst viele diesen Brief unterstützen. Das sollten wir mit vollem Herzen tun. Bitte auch weiterleiten.

Hier ist der Link zum Aufruf und zum Unterzeichnen:

https://i.diem25.org/de/petitions/226



Nach der Konzernerklärung zum 8. Mai – Gedenkstätten in Erklärungsnot

Von Ulrich Sander

Im Februar 2025 hat die Dortmunder Verwaltung beschlossen, die Beweise von Naziverbrechen ökonomischer Eliten aus dem Verkehr zu ziehen. Die Erinnerungsarbeit wird verändert, indem die Gedenkstätte Steinwache gereinigt wird von dem Material, das die Verbrechen führender Industrieller nachweist. Der siebte Themenraum »Die Schwerindustrie setzte auf Hitler« wurde ab 1. Juni für immer geschlossen.

Begründung: Neue Beweise würden die Vögler, Flick, Springorum, Krupp, Kirdorf, Reusch und Co. entlasten. Die Mitgliedermassen der NSDAP und nicht die Industrie hätten die Partei finanziert. Es wurde zuletzt noch ein neuer Kurzkatalog herausgegeben, in dem es zum Raum 7 heißt: Der Zentrumspolitiker Franz von Papen sei derjenige gewesen, der am 30. Januar 1933 von Reichspräsident Hindenburg mit der Regierungsbildung beauftragt wurde. Die Industrie habe Papen und nicht Hitler gewollt. Papen habe dann Hitler zur Kanzlerschaft verholfen.

Neue Beweise gibt es für die Verbrechen der Industriellen – so im Buch des führenden Wirtschaftshistorikers Adam Tooze mit dem bezeichnenden Titel »Ökonomie der Zerstörung«.

Und ganz neu: Die Erklärung von 49 führenden Konzernvertretern zum Jahrestag des 8. Mai 1945. Darin heißt es: »Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wäre ohne das Versagen der damaligen Entscheidungsträger in Politik, Militär, Justiz und Wirtschaft nicht denkbar gewesen. Heute übernehmen wir als deutsche Unternehmen Verantwortung, die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit sichtbar zu machen.« Die Konzerne hätten entscheidend dazu beigetragen, das NS-Regime zu »festigen«.

Das Konzerndokument bringt die staatliche Erinnerungspolitik im ganzen Land in Erklärungsnot. In Gedenkstätten wurden kapitalismuskritische antifaschistische Aussagen getilgt. Das ging so weit, dass in der Wewelsburg bei Paderborn, der einstigen Kultstätte der SS, kein Wort zum Freundeskreis Reichsführer SS, dem Keppler-Kreis gesagt wird – die Mitglieder aus der Wirtschaft machten ja nach 1945 weiter.

Offenbar geschah die Änderung der Gedenkstätten auf Weisung der Regierung, ja des Verfassungsschutzes. Die Formulierung im Schwur von Buchenwald, dass die Vernichtung des Nazismus mit »seinen Wurzeln« notwendig sei, wird als verfassungswidrig gewertet, da gegen den Kapitalismus gerichtet, der als Bestandteil des Grundgesetzes anzusehen sei – was nicht der Wahrheit entspricht. Der Kapitalismus wird nicht im Grundgesetz erwähnt, ist nicht von ihm geschützt.

Die Erinnerungsarbeit der VVN-BdA NRW findet mit der Konzernerklärung, auch wenn diese nicht ausreichend ist (siehe die Seite 13 der antifa) eine Ermutigung.

In den Gedenkstätten sind die den Kapitalismus beschönigenden Darstellungen bzw. Unterlassungen rückgängig zu machen. In Oberhausen sollte zum Beispiel die Losung »Faschismus kommt nicht über Nacht, er wird vom Kapital gemacht« wieder an der Gedenkhalle angebracht werden. Stadtrundgänge sollten auch an Stätten der ökonomischen Täter führen. Die Kampagne »Verbrechen der Wirtschaft« wird neue Impulse bekommen. Ulrich Sander

Literaturhinweise: Günter Gleising, Verbrechen der Wirtschaft, RuhrEchoVerlag, 2017 und Ulrich Sander (Hg.), Von Arisierung bis Zwangsarbeit. Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933-1945, Papyrossa Verlag, Köln 2012.

Ferner Veröffentlichungen der VVN-BdA gemeinsam mit der Stadt Herten mit Hinweisen auf Stätten des NS-Terrors in der Stadt: www.vvn-bda-re.de/pdf/Gedenkplattenverlegungen.pdf und besonders: nrw-archiv.vvn-bda.de/bilder/spurensuche_herten.pdf

Erstveröffentlicht in der antifa, Magazin der VVN BdA Juli/August 2025

Wir danken für das Publikationsrecht.

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