Praxishandbuch Selbstverwaltung


Rechtsformen und Finanzierung für die Gründung von Kollektivbetrieben und Hausprojekten

Von Werner Ruhoff

Wie kann mensch sich eine andere Art des Wirtschaftens als die des „ewigen“ Geldvermehrens mit den sozialen und ökologischen Verwerfungen vorstellen? Das nachhaltige Anliegen der Autorin Elisabeth Voss ist die Vermittlung ihrer Erfahrungen und ihres Wissens aus der bunten Welt solidarischer Praktiken des Wirtschaftens, um die Entstehung neuer Unternehmen der Solidarischen Ökonomie zu unterstützen. In der von Kapitalverhältnissen beherrschten Gesellschaft erfüllt das Mittel der Befriedigung und Weckung von Bedürfnissen den Zweck einer endlosen Profitproduktion. Bei den Praktiken des alternativen Wirtschaftens ist der Zweck eine materielle, soziale und idelle Befriedigung ihrer Teilnehmer*innen.

Das Geld dient als Mittel zur Erfüllung dieses Zwecks, soweit die Praktizierenden das Geld nicht durch geldlose Beziehungen ersetzen wollen oder können. Die Autorin ist gelernte Betriebswirtin und hat mit ihrer praktischen Tätigkeit und ihrem journalistischen Schaffen einen reichen Erfahrungsschatz aus selbstverwalteten Strukturen und Netzwerken angesammelt. Während meiner Zeit in Köln-Mülheim nach der Jahrtausendwende beriet Elisabeth Voss uns während der kollektiven Planung für den Aufbau einer im Stadtteil zu verankernden Genossenschaft. Viele Jahre gehörte sie dem Herausgeberkollektiv der Zeitung Contraste, einem Organ für Selbstverwaltung, an. Die Autorin äußert sich in Beiträgen verschiedener Publikationen zu solidarischen Projekten und zur Frage einer demokratisch und ökologisch strukturierten Wirtschaft. Sie veranstaltet Seminare und hält Vorträge. Der Schwerpunkt ihres Interesses gilt einer Solidarischen Ökonomie, zu dem sie einen ausführlichen Wegweiser verfasste, den es inzwischen in zweiter, erweiteter Auflage gibt.

Ende 2025 erschien ihr neues Buch, das als ein Standard- und Nachschlagewerk für Menschen betrachtet werden kann, die Rat suchen, wenn sie ein selbstverwaltetes Unternehmen gründen wollen. Die Zielgruppen des fast 500 Seiten umfassenden Buches mit dem Titel Praxishandbuch Selbstverwaltung sind – so steht es im Vorwort – „die Gründer*innen von Kollektivbetrieben und Hausprojekten.“ In der Einleitung erläutert die Autorin ihr Verständnis von „Solidarischen Ökonomien“. Dazu zählt sie neben den Genossenschaften auch Care, Commons, feministiche Ökonomie und das Konzept Degrowth auf. Ihr geht es darum, dass sich solche „Alternativen zur herrschenden Ausbeutungsökonomie“ vermehren. Wesentliches Element solcher Alternativen ist, dass es nicht um eine persönliche Bereicherung auf Kosten anderer Menschen geht, sondern „um die Herstellung des Lebensnotwendigen, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen.“

Das Buch behandelt Projekte demokratischer Selbstverwaltung in Form von kollektiven Unternehmen in unterschiedlichen Rechtsformen. Dass solche Rechtsformen ebenso wie die kapitalistische Wirtschaft und anonyme Märkte auch für Alternativbetriebe die Rahmenbedingungen stellen, deutet auf die altbekannte Frage hin, ob es ein richtiges Leben im falschen geben kann. Haben Solidarische Ökonomien das Potenzial zur positiven gesellschaftlichen Veränderung, oder sind sie nur Lückenfüller, wo das System soziale Leerstellen und Nöte verursacht? Die Autorin weist darauf hin, dass alternative Betriebe soziale Kämpfe nicht überflüssig machen. Dass eine solidarische Ökonomie von einer Wahlmöglichkeit zur Notwendigkeit werden könnte, bringt die Autorin mit den „zunehmenden Krisen und Kriegsgefahren“ hinsichtlich der aktuellen Weltsituation in Verbindung.

Das Buch ist mit der Einleitung in zwölf Kapitel gegliedert. Das beginnt mit Anregungen zur Kommunikation und Zusammenarbeit im Spannungsbogen möglicher Gruppenkonflikte. Im dritten Kapitel heißt es, dass die Rechtsform dem Projekt dient und nicht umgekehrt. Es geht um inhaltliche Fragen der Gruppenarchitektur, um Ziele, Qualifikationen, Räumlichkeiten und Zugehörigkeit; ebenso um die finanziellen Grundlagen und deren Quellen.

Ab dem vierten Kapitel geht es ans Eingemachte rechtlicher Fragen. Hier werden Grundbegriffe erläutert, und im fünften Kapitel werden Unternehmensformen vorgestellt. Dabei geht es u.a. um die Klärung, was Personengesellschaften und juristische Personen sind. Wichtig sind die Darstellungen der Haftungsbedingungen. Da die Aktiengesellschaft ausdrücklich auf die Vermehrung der Aktionärsvermögen ausgerichtet ist, wird diese Rechtsform nicht erklärt. Das sechste Kapitel behandelt die Rechtsform und Besonderheit der Genossenschaften.

Die Frage der Gemeinnützigkeit wird hinsichtlich der Zwecke und Steuern in Kapitel sieben beleuchtet. Finanzen und Grundbegriffe betriebswirtschaftlicher Kategorien werden im darauf folgenden Kapitel verständlich dargestellt, ebenso die Frage der Buchführung, der Steuern und Versicherungen. Zur Frage der im Kapitel Zehn erörterten Motivation, im Kollektivbetrieb zu arbeiten, gehört die eigentlich zentrale Bedeutung der Empfänger der Arbeit, eben der Kund*innen, die hier meines Erachtens zu kurz gekommen ist.

Wenn ich meine Produkte am Markt verkaufen muss, wie kann das Kollektiv seine Chancen und Risiken einschätzen? Wer hilft dabei, eine realistische Einschätzung zu gewinnen? Welche Einschätzungen, Erfahrungen bringen die Gründer*innen dazu selbst ein? Oder beschränkt sich das Kollektiv auf ihm vertraute Abnehmer*innen im politischen Freundeskreis oder in einem alternatven Netzwerk? Hier hätten ausführlichere Darstellungen der Bedeutung dieses Problems mehr Raum geben können.

Die elfte Kapitel dreht sich um alle Fragen, in ein Hausprojekt einzusteigen. Angefangen bei den Gründen gemeinschaftlichen Wohnens über den Erwerb oder den Bau eines Hauses und der Finanzierung, werden die Rechtsformen kollektiver Wohnprojekte erläutert. Es werden Projekte vorgestellt, u.a. das Mietshäuser-Syndikat oder die in Berlin-Kreuzberg ansässige Regenbogenfabrik.

Inzwischen gibt es zwar keine spektakulären Häuserbesetzungen mehr, aber in Anbetracht der akuten Wohnungslosigkeit vieler Menschen könnte die Erwähnung der Hausbesetzungen eine Anregung auf dem Feld sozialer Kämpfe sein. Das letzte Kapitel beschäftigt sich noch einmal mit speziellen Aspekten der in Kapitel fünf und sechs behandelten Unternehmensformen.

Wie passt eine Personengesellschaft oder Gmbh beispielsweise, ein Verein oder die Genossenschaft zum geplanten Vorhaben bzw. Projekt? Dazu gehören Fragen, wer in welcher Art am geplanten Projekt beteiligt werden soll und in welchem Ausmaß ist das mit wem zu finanzieren, woraus auch resultiert, dass es Beteiligte mit unterscheidbarer Bedeutung geben kann. Des Weiteren: wer ist vertretungsberechtigt? Benötigt mensch eine gesonderte Geschäftsführung bzw. einen Vorstand und einen Aufsichtsrat entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen?

Auch die finanzielle Haftung wird noch einmal in den Zusammenhang mit der zu wählenden Rechtsform erwähnt. Die „einfachen Gesellschafter*innen oder Mitglieder“ von Gmbhs und Genossenschaften haften mit ihren Einlagen. Wenn sie „von der Haftung befreit“ befreit sind, wie es am Anfang des zwölften Kapitels heißt, kann das missverstanden werden. Gemeint ist wohl, dass diese Personen nicht über ihre Kapitaleinlagen und die Bestimmungen der Satzung hinaus haften und sie von den „Verpflichtungen und Haftungsrisiken“ der Geschäftsführung und des Vorstandes befreit sind. In den Kapiteln fünf und sechs sind die Haftungsbedingungen konkret erläutert.

Das Werk entählt einen umfangreichen Anhang, u.a. mit zahlreichen Internetadressen. Der Text ist gut, verständlich geschrieben und mit wertvollen Hinweisen versehen; auch bezüglich des gegenseitigen Umgangs und der respektvollen Achtsamkeit miteinander. Für Menschen, die beabsichtigen, ein selbstverwaltetes Unternehmen zu gründen, erfüllt es den Zweck, sich kundig zu machen und mit gezielten Fragestellungen bei Rechtsberatern und Kreditinstituten im Bedarfsfall aufzutreten. Darüber hinaus ist es ein Nachschlagewerk bei auftretenden Fragen, die sich im Verlauf des Gründungsprozesses und danach ergeben.

Autorin: Elisabeth Voss – 475 Seiten; 39 € – Transcript Verlag 2025

Wir danken Autorin und Rezensenten.

Pazifisten und Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien

Ein historischer Überblick vom 19. Jahrhundert bis hin zur Gegenwart – über mutige Menschen und „kluge Köpfe“, die unter keinen Stahlhelm passen

Von PETER BÜRGER

Forum-Red.: Der Autor stellt uns hier eine reichhaltige humanistische und friedensbewegte jüdische Tradition vor. In dieser Tradition sehen wir uns auch. Mit Sicherheit nicht in dieser Tradition stehen die Erbauer der „deutschen Staatsräson“, für die gerade ein absurdes reaktionäres Gesetz verabschiedet werden soll. (JG)

(Die Erstveröffentlichung erfolgte am 27.06.2026 in „Krass & Konkret“, Red. Florian Rötzer; hier folgt eine leicht bearbeitete, aktualisierte Fassung vom 29.06.2026.)

Abbildung oben: Das friedensbewegte Ehepaar Albert und Elsa Einstein am 2. April 1921 auf dem Schiff „Rotterdam“ bei ihrer Ankunft in New York. commons.wikimedia (bearbeitet).

Eine ‚Werkbank‘ des Projekts „Schalom-Bibliothek“ zu Pazifisten und Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien enthält als Ergebnis eines ersten Recherche-Durchgangs mit vorrangig deutscher Perspektive schon fast 200 Namens-Einträge. Warum waren und sind Juden/Jüdinnen bzw. Menschen aus jüdischen Familien auffällig stark in der weltweiten Friedensarbeit vertreten? Aus friedenstheologischer Sicht möchte ich gerne annehmen, dass – auch bei den ‚Säkularen‘ – vor allem Prägungen durch die jüdische Religion einen Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden begünstigt haben. Es hat ja kein Geringerer als Ernst Bloch (1885-1977) die Vision der Propheten Israels („Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen“) als „das Urmodell der pazifistischen Internationale“ betrachtet.

Die pazifistischen Neigungen des rabbinischen Judentums in zwei Jahrtausenden sind zumindest ein möglicher Hintergrund, wie beispielhaft das Selbstverständnis der 1941 begründeten Jewish Peace Fellowship und natürlich die Rabbis for Human Rights zeigen.

Hinzu kommen jedoch auf jeden Fall weitere geschichtliche Aspekte, die sich aus Kulturkontexten und der ‚Diaspora‘-Erfahrung ergeben – wie z.B.: die Affinität zu Bildung und Aufklärung (später zu politisch nonkonformen, freiheitlichen, linken Bewegungen); die eigenen Minderheits- und Gewalterfahrungen in der Geschichte; Identitätsbildung, familiäre Verbundenheit und Kommunikationsräume über Nationalgrenzen hinweg (oft einhergehend mit einer ausgeprägten Mehrsprachigkeit).

Jeffrey Sachs (geb. 1954 in Detroit, USA) – Entwicklungsökonom und Leiter des Zentrums für nachhaltige Entwicklung an der Columbia University; ehedem Direktor des UN-Millenium-Projekts zur globalen Armutsbekämpfung – votiert im „Nahost-Konflikt“ für eine „Zwei-Staaten-Lösung“ und wendet sich gegen die nationalreligiösen Bellizisten mit folgendem Bekenntnis: „Für mich und unzählige andere außerhalb Israels ist das Judentum ein Leben voller Ethik, Kultur, Tradition, Gesetz und Glauben, das nichts mit Nationalität zu tun hat“ (August 2025).

Das beeindruckende Spektrum von Pazifisten und Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien lädt alle Neugierigen zu weiteren Erkundungen ein. Einige historische Felder der pazifistischen Bewegung und Friedensarbeit sollen in diesem Beitrag (nach älteren Vorlagen) beleuchtet werden:

  1. Friedensbewegte Pioniere und Tolstoi-Vermittler
  2. Wissenschaft – rationaler Pazifismus
  3. Erster Weltkrieg – Nonkonformisten in der Sozialdemokratie
  4. Die Dichter:innen widersagen dem Krieg
  5. Verfemter Pazifismus in der Weimarer Republik
  6. Nazi-Jagd auf jüdische Pazifisten
  7. „Kultur-Zionismus“ – „Hebräischer Humanismus“
  8. Nuklearpazifismus
  9. Antipazifistische Judenfeindlichkeit heute.
1. Friedensbewegte Pioniere und Tolstoi-Vermittler

Der lange Reigen der nationalistischen und antipazifistischen Judenverächter nahm seit jeher Anstoß an der hohen ‚Friedensethik der Hebräer‘. Der – wie gleichgesinnte ‚deutsche Christen‘ aus der napoleonischen Zeit – von Feindseligkeit gegen Juden bewegte Ernst Moritz Arndt, Schöpfer des „Volksthum“-Begriffs, schrieb schon 1813 in seiner Schrift „Der Rhein“: „Verflucht aber sei die Humanität und der Kosmopolitismus, womit ihr prahlet! Jener allweltliche Judensinn, den ihr uns preist als den höchsten Gipfel menschlicher Bildung!“ Das Hassobjekt war nicht etwa eine ‚nationale Idee‘ des Judentums, sondern im Gegenteil ein ‚jüdischer Universalismus‘, der auf die eine – unteilbare – Menschheit blickt.

Die Anfänge einer organisierten Friedensbewegung im Sinne des heutigen Verständnisses reichen zurück ins frühe 19. Jahrhundert. Hierbei nehmen Pazifisten aus den USA und aus England eine führende Stellung ein. In Deutschland blieb der Friedensgedanke – trotz Immanuel Kant – noch lange eine ganz unterbelichtete Sache. Im Zusammenhang mit der 1850 gegründeten und nur kurz bestehenden Königsberger Friedensgesellschaft nennt Karl Holl den jüdischen Radikaldemokraten Johann Jacoby (1805-1877), der ab 1867 auch der „Internationalen Friedens- und Freiheitsliga“ angehörte.

Der Österreicher Moritz Adler (1831-1907) zählte im 19. Jahrhundert zu den wenigen Pionieren der Friedensbewegung im deutschsprachigen Raum. Schon im Alter von 20 Jahren verschrieb sich dieser Kritiker des preußischen Schwertglaubens der Friedensidee und veröffentlichte dann 1868 eine der Zeit weit vorauseilende Europa-Vision unter dem Titel „Der Krieg, die Kongressidee und die allgemeine Wehrpflicht“. In einem Sendschreiben an den Chirurgen Professor Theodor Billroth verglich er 1892 systematische Maßnahmen für eine verbesserte Medizinversorgung des Kriegsapparates mit der Bereitstellung neuer Kanonen für den institutionalisierten Massenmord.

Der Schriftsteller Eduard Loewenthal (1836-1917), aus einem frommen jüdischen Elternhaus kommend, gründete 1874 einen „Deutschen Verein für internationale Friedenspropaganda“.

Der Liberale Max Hirsch (1832-1905) wirkte in der deutschen Gruppe der Interparlamentarischen Friedenskonferenz und 1898–1900 als Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft.

Im wilhelminischen Deutschland bekannte sich der jüdische Philosoph und Neukantianer Hermann Cohen (1842-1918) – eingedenk des „sittlichen Enthusiasmus der Propheten“ – zum Pazifismus und verwies ausdrücklich auf das Gebet an hohen Festtagen der Juden: „Auf dass alle Erschaffenen sich vereinigen in einem Bunde.“ (Sein Standort im Ersten Weltkrieg kann aus friedensbewegter Perspektive jedoch nicht mehr überzeugen.)

Maßgeblicher Mitbegründer der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) war 1892 der gebürtige Wiener und frühe Pazifist Alfred Hermann Fried (1864-1921). Er erhielt 1911 den Friedensnobelpreis. Aufgrund seiner Herkunft war Fried, der trotz fehlender religiöser Bindung eine Distanzierung vom Judentum durch Konfessionswechsel ablehnte, auch Zielscheibe für antisemitische Angriffe. Wegen der Anfeindungen hatte Bertha von Suttner diesem engen Weggefährten am 10. September 1892 geschrieben: „Ich sehe schon, daß sich die [Friedens-]Gesellschaft in Berlin konstituieren wird. … Wie die Dinge stehn, darf die Initiative nicht von zu vielen Juden ausgehen – sonst wird sie gleich klassifiziert; ebensowenig wie sie etwa zu sozialdemokratisch sein dürfte. Die österreichischen Witzblätter stellen mich ohnehin als Anführerin polnischer Juden dar.“ Im gleichen Jahr hatten Suttners Gegner in einem Artikel u.a. geklagt, es sei namentlich der „Geifer … der frech spöttelnden jüdischen Seite“, welcher gegen das hohe Ideal des Militärischen zu Felde ziehe.

Insgesamt lassen sich viele Berührungspunkte zwischen Pazifismus und Kampf gegen den Antisemitismus aufweisen. Ludwig Quidde (1858-1941) zum Beispiel, der als ‚Nichtjude‘ bereits 1881 mit einer wegweisenden Schrift gegen die Antisemitismus-Agitation in der deutschen Studentenschaft hervorgetreten war, gehörte ab 1892 ebenfalls der Deutschen Friedensgesellschaft an und wurde für seinen Einsatz in der deutschen Friedensbewegung 1927 mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

Der mit einer Lehrerlaubnis als Rabbiner bedachte Wilhelm Jerusalem (1854-1923) – österreichischer Soziologe, Philosoph und Pädagoge (AG sozialistischer Erzieher) – veröffentlichte u.a.: „Kants Bedeutung für die Gegenwart“ (1904), „Der Krieg im Lichte des Gesellschaftslehre“ (1915), „Friedenspflichten des Einzelnen“ (Gotha 1917), „Moralische Richtlinien nach dem Kriege“ (1918).

Erst seit letztem Jahr liegt eine 660 Seiten umfassende Darstellung und Quellensammlung zu „Leo Tolstoi – Begegnung mit dem Judentum“ (Tolstoi-Friedensbibliothek, Hamburg 2025) vor, die ein kaum bekanntes Feld aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg erhellt: Zahlreichen jüdischen Übersetzern, Vermittlerinnen und Rezipienten ist es in erster Linie (!) zu verdanken, dass der russische Friedensbotschafter weit über die Grenzen des Zarenreiches hinaus – und namentlich auch in deutschen Landen – so viele Menschen mit seinen Schriften zur Gewaltfreiheit erreichen konnte. Auch die US-amerikanische Anarchistin, Antimilitaristin und Friedensaktivistin Emma Goldman (1869-1940, geb. im Russischen Kaiserreich) war in ihrem Werdegang mit beeinflusst vom Werk Leo Tolstois.

2. Wissenschaft – rationaler Pazifismus

Einige frühe Beiträge zu einer wissenschaftlichen Friedensforschung und Kriegskritik dürfen in unserer Darstellung nicht übergangen werden. Der russische Staatsangehörige und Eisenbahnmagnat Johann – bzw. Jan, Iwan, Jean – von Bloch (1836-1902), aufgewachsen in Polen als Sohn einer ärmlichen jüdischen Handwerkerfamilie, veröffentlichte 1898 in sechs Bänden sein in mehrere Sprachen übersetztes monumentales Werk über den modernen Krieg im Industriezeitalter und warnte, leider vergeblich, unermüdlich vor den „Folgen eines Krieges zwischen Großmächten“.

Der Österreicher Rudolf Goldscheid (1870-1931) war ein Pionier der Soziologie im deutschsprachigen Raum, pazifistischer Sozialist und seit 1922 Herausgeber der ‚Friedenswarte‘. In seinen weit vorausschauenden Überlegungen zur kulturellen Evolution der menschlichen Gattung stellt er das Friedenserfordernis ins Zentrum.

Georg Friedrich Nicolai (1864-1974), geb. Lewinstein – Mediziner, trotz Repressionen des deutschen Staates und der Militärs unbeugsamer Pazifist (jedoch schon 1922 Emigration nach Südamerika) – ist Verfasser des bahnbrechenden anthropologischen Grundlagenwerkes „Biologie des Krieges“ (entstanden ab 1915, Erstauflage 1917 Schweiz), dessen ‚Aktualität‘ (Wie endet der homo sapiens?) heute dringend aufgedeckt werden müsste.

Zu den Pionieren in Völkerrechts- und Menschenrechtsdiskursen zählt der Jurist und Friedensforscher Raphael Lemkin (1900-1959). Er wurde auf seinem Weg zuerst aufgewühlt durch das Schicksal der Armenier und gilt als maßgeblicher Wegbereiter des internationalen Rechts wider ‚Genozid‘. (Eduard Bernstein hatte schon 1902 als leidenschaftlicher Anwalt der unterdrückten Armenier vor kommendem Unheil gewarnt. Später wird Franz Werfel an die Leiden des armenischen Volkes mit einem großen Roman erinnern.)


3. Erster Weltkrieg – Nonkonformisten in der Sozialdemokratie

Gemeinhin streicht man die große patriotische „Opferbereitschaft“ der deutschen Juden nach Beginn des Ersten Weltkrieges heraus, die mit der trügerischen, ja absurden Hoffnung verbunden war, durch Kriegsdienstleistung gesellschaftliche Akzeptanz und uneingeschränkte Gleichberechtigung erlangen zu können. Und in der Tat: Selbst der Historiker Veit Valentin, der sich später als Anwalt von Republik und Pazifismus einen Namen machte, unterschrieb im Oktober 1914 einen kriegerischen Aufruf deutscher Wissenschaftler. Auch ein Denker wie Martin Buber (1878-1965) wurde – zum Entsetzen seines pazifistischen Freundes Gustav Landauer (1870-1919) – zunächst von der Kriegsbegeisterung erfasst.

Unter den jungen Zionisten gehörte derweil Gershom [Gerhard] Scholem (1897-1982), ein Bruder des im KZ Buchenwald ermordeten antistalinistischen Kommunisten Werner Scholem (1895-1940), schon 1915 zu jenen, die jeglicher Kriegsverherrlichung widersagten und sich zu einem aktiven Pazifismus bekannten.

Andere Intellektuelle aus jüdischen Familien – darunter Walter Benjamin, der Ungar Georg Lukács oder Theodor Lessing – zeigten ebenso wenig Interesse daran, Kriegsdienst für die Herren Kaiser zu leisten. Ernst Bloch (1885-1977) war schon vor 1914 scharfer Kritiker des preußisch-deutschen Militarismus und Imperialismus. Günther Anders (1902-1992) [Günther Siegmund Stern] gründete 1917 zusammen mit anderen noch jugendlichen Freunden einen „Bund für ein vereinigtes Europa ohne Grenzen“, und diesem „Kinderspiel“ folgte ein langer pazifistischer Lebens- und Leidensweg.

Zu den bedeutsamen publizistischen Kritikern der Weltkriegspolitik zählten u.a. Hermann Fernau (1884-1935, Geburtsname: Latt), Richard Grelling (1853-1929), der österreichische Anarchist Rudolf Großmann (1882-1942, Pseudonym Pierre Ramus), Salomon Grumbach (1884-1952), Emil Julius Gumbel (1891-1966), der vormalige Siegfrieden-Befürworter Maximilian Harden (1861-1927) und Theodor Wolff (1868-1943). Die von Siegfried Jacobsohn (1881-1926) begründete „Weltbühne“ wurde ab 1918 ein bedeutsames Forum für die pazifistische und antimilitaristische Linke.

Rosa Luxemburg (1871-1919), Tochter jüdischer Eltern, war maßgebliche Verfechterin von Massenstreiks zur Kriegsverhinderung und wandte sich als kompromisslose Internationalistin 1914 gegen den Kriegskurs der Funktionäre in der deutschen Sozialdemokratie. Zu den Gegnern der „sozialdemokratischen“ Burgfrieden-Politik im Ersten Weltkrieg zählten nicht wenige Sozialisten aus jüdischen Elternhäusern. In dem – später abgespaltenen – Friedensflügel der SPD waren ‚jüdische Parteimitglieder‘ wirklich überproportional vertreten: Eduard Bernstein (1850-1932), Julian Borchardt (1868-1932), Oskar Cohn (1869-1934), Kurt Eisner (1867-1919), Hugo Haase (1863-1919), Joseph Herzfeld (1853-1939), Rudolf Hilferding (1877-1941), Edgar Jaffé (1866-1921), Paul Levi (1883-1930), Kurt Rosenfeld (1877-1943), Arthur Stadthagen (1857-1917), Emanuel Wurm (1857-1920) …

Eduard Bernstein, nach anfänglicher Gut- bzw. Staatsgläubigkeit ein radikaler Aufklärer wider die deutschen Kriegslügen, hatte bereits 1917 einen friedensbewegten Aufsatz über „Die Aufgaben der Juden im Weltkriege“ veröffentlicht. Die sozialistischen Nonkonformisten erfuhren antisemitische Angriffe auch innerhalb der deutschen Sozialdemokratie.

Nach der Revolution 1918/19 war der Komplex der „Dolchstoßlegende“ schon ganz und gar antisemitisch besetzt. Die Parole lautete sinngemäß: ‚Tod den jüdischen Friedenshetzern!‘ Ermordet wurden von den antipazifistischen Judenfeinden: Kurt Eisner (bayerischer Ministerpräsident), USPD-Mitbegründer Hugo Haase, Gustav Landauer, Rosa Luxemburg …


4. Die Dichter:innen widersagen dem Krieg

Eigens genannt seien die jüdischen Literaten, die sich dem Kriegswahn entgegenstellten: Hans Bardach Edler von Chlumberg (1897-1930) – Dramatiker; ehemaliger Offizier im 1. Weltkrieg, veröffentlichte 1930 sein Anti-Kriegsdrama „Wunder von Verdun“. Die Schriftstellerin Hedwig Dohm (1831-1919, Großmutter von Thomas Manns Ehefrau Katia) verfasste ein Plädoyer für den Pazifismus mit dem Titel „Der Mißbrauch des Todes“ (1917). Lion Feuchtwanger (1884-1958) ist als kosmopolitischer Kriegsgegner bekannt. Karl Kraus (1874-1936) – Schriftsteller, Satiriker und vieles mehr auf dem Feld des Wortes – wandelte sich 1914 zu einem der erschütterndsten Ankläger des Krieges im ganzen deutschen Sprachraum. Else Lasker-Schüler (geb. 1869 Wuppertal-Elberfeld, gest. 1945 Jerusalem), gehörte zur ‚Friedensfraktion‘; sie unterstützte später in Palästina ab 1939 den ‚Brit Schalom‘ (Friedensbund) sowie dessen Nachfolgerin ‚Ichud‘ (Vereinigung).

Auch nach 1918 schreiben gegen Krieg und Militarismus: Ernst Toller (1893-1939), Kurt Tucholsky (1890-1935), Franz Werfel (1890-1945), Arnold Zweig (1887-1968) sowie Stefan Zweig (1881-1942).


5. Verfemter Pazifismus in der Weimarer Republik

Fritz Leon Bernstein (1888-1920), gewesener Militärrabbiner, trug zu Weihnachten 1918 als ‚religiöser Mensch‘ seine scharfe Anklage wider das „Teufelswerk des modernen Krieges“ vor: „Der moderne Mensch entsetzt sich, wenn er von den Heiden längst vergangener Zeiten liest, dass sie als ein ihrem Götzen wohlgefällige Opfer ihre eigenen Kinder dem Feuertode überliefert haben. Man ist empört über die Ruchlosigkeit der römischen Kaiser, die vor einer schaulustigen Menge wehrlose Menschen dem Todeskampf mit wilden Tieren ausgesetzt haben. Wie lächerlich klein erscheint dieser Heidenwahnwitz und dieser Cäsarenblutdurst gegenüber der Riesenschuld, die die sogenannte zivilisierte Menschheit durch die Entfesselung der Weltkriegsfurie auf sich geladen hat!“

Der in Berlin geborene Journalist, Buchautor und Zionist Cheskel Zwi Klötzel (1891-1951) hatte 1915-1918 als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Ein Jahr nach Ende des großen Menschenmordens schrieb er in einem Text, den er seinen jüdischen Geschwistern als dem „ältesten Friedensvolk“ widmete: „Wenn in irgendeinem Lande, so ist heute in Deutschland die Notwendigkeit gegeben, sich zu entscheiden: für oder gegen Militarismus, für oder gegen Pazifismus.“

In der Weimarer Republik sahen sich Pazifisten fortschreitend repressiven Bedingungen ausgesetzt, woran zuletzt auch Parteien wie die SPD und das Zentrum eine erhebliche Mitverantwortung trugen (u.a. faktische Berufsverbote sowie Parteiausschlussverfahren Ende der 1920er Jahre). Die Pazifisten gehörten jedoch zu den entschiedensten Kritikern des Antisemitismus und sie forderten – neben einer demokratischen Friedenserziehung – Kompetenzen der Gesellschaft im Sinne des gewaltfreien Widerstandes gegen Unrecht und Unterdrückung. Innerhalb der maßgeblichen Milieus und überhaupt bei den Menschen in Deutschland hätte es ab 1933 wohl weitaus mehr geistige Immunität und Alltagsresistenz wider die faschistische Mörderbande gegeben, wenn die Weimarer Republik ein freundlicherer Ort für Pazifisten gewesen wäre.

Der Journalist Berthold Jacob Salomon (1898-1944, Tod nach Gestapo-Haft) – 1917 zunächst Kriegsfreiwilliger, dann radikaler Pazifist – war befreundet mit Carl von Ossietzky und in der Weimarer Republik führend im investigativen Journalismus zur Aufdeckung der heimlichen Aufrüstung (‚Schwarze Reichswehr‘). Er wurde deshalb 1928 wie Fritz Küster (‚Das andere Deutschland‘) „wegen Landesverrats“ zu neun Monaten Festungshaft verurteilt. Nach seiner Emigration brachte ihm die Verfolgung durch NS-Agenten im Ausland (ab 1935) schließlich den Tod.

Zu den jüdischen Vertretern im pazifistischen Spektrum zählten außerordentlich prominente Persönlichkeiten. Bei den Unterzeichnern des „Manifestes gegen die Wehrpflicht“ von 1926 und der Erklärung „Gegen die Wehrpflicht und die militärische Ausbildung der Jugend“ von 1930 findet man u.a. Martin Buber, Albert Einstein, Sigmund Freud und Kurt Hiller – außerdem den US-amerikanischen Rabbiner Judah Leon Magnes (1877-1949), Pazifist und ab 1925 Kanzler der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Am 19. März 1929 wurde die „Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen [!] für den Frieden“ gegründet, welcher der Friedensbund Deutscher Katholiken (FdK), die Deutsche Vereinigung des Weltbundes für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen und der Jüdische Friedensbund angehörten. Zur Aufgabenstellung gehörte die „Mitarbeit an der Herbeiführung eines kriegslosen Zustandes“. Im Gründungsaufruf, unterzeichnet u.a. von Dr. Leo Baeck (Feldrabbiner im ersten Weltkrieg), Albert Einstein und dem Zentrumspolitiker Friedrich Dessauer, hieß es: „Gestützt auf das Zusammenwirken aller gleichgesinnten Kräfte will die Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen zur Schaffung einer allgemeinen Friedensatmosphäre beitragen und durch praktische Arbeit die völkerrechtliche Sicherung eines dauernden Friedens fördern. Dieselben Gedanken und Empfindungen beleben heute die Einsichtigen aller Völker. Die Bekenner der Religionen der Liebe und des Friedens werden einander über die Grenzen hinweg die Hände reichen.“

Nach seiner eigentlichen Konstitution stand der Jüdische Friedensbund unter dem Vorsitz von Oscar Wassermann (1869-1934). Ortsvereine werden für Leipzig, Köln, Frankfurt und Hamburg genannt. Es schlossen sich – korporativ – auch andere jüdische Vereinigungen an. Zu den Gründern gehörten der jüdische Friedenstheologe und bekannte Rabbiner Leo Baeck, Albert Einstein sowie weitere Rabbiner und Gemeindevorsteher aus mehreren Orten, darunter Wilhelm Kleemann (1869-1969) aus der Berliner Jüdischen Gemeinde.

In einer Predigt zum Versöhnungstag in der Synagoge zu Bielefeld am 14. Oktober 1929 setzte der friedensbewegte, später in die USA emigrierte Rabbiner Dr. Hans Kronheim dem fatalistischen Weltbild der Bellizisten die Botschaft der Propheten Israels entgegen: „Wir glauben an die Zukunft des Menschengeschlechts, glauben an einen Fortschritt. Wir glauben, dass die Zeit kommen wird, da Gewalt und Unrecht aufhören und an die Stelle der kriegerischen Auseinandersetzung eine friedliche Verständigung der Völker treten wird.“

Es gab also eine jüdisch-christliche Ökumene der Pazifisten. Im Zusammenhang mit dem ersten „Juden-Boykott“ im April 1933 bat Oscar Wassermann als Vorsitzender des Jüdischen Friedensbundes den Breslauer Kardinal Adolf Bertram später freilich vergebens um ein Wort der deutschen Bischöfe, während sich der alsbald von den Bischöfen fallengelassene und von den Nazis aufgelöste Friedensbund Deutscher Katholiken (FdK) bei einer Tagung in Düsseldorf am 2. April 1933 mit den drangsalierten jüdischen Geschwistern solidarisierte.


6. Nazi-Jagd auf jüdische Pazifisten

Der NSDAP-Chefideologe Alfred Rosenberg, seit 1921 Hauptschriftleiter des „Völkischen Beobachters“, betrachtete den Pazifismus als „Hilfstruppe des Judentums“, agitierte gegen eine „jüdisch-demokratisch-pazifistische Presse“ und drohte schon während der Weimarer Republik dem ‚jüdischen Pazifismus‘ mit Gewalt: „Jeder Deutsche […] hätte das Recht, wenn der Staat nicht in der Lage ist, die Ehre des Volkes zu wahren, diesem Kurt Tucholsky bei der ersten Begegnung mit einer Hundepeitsche die Meinung zu sagen, bis ihm die Lust zu seinen Unflätigkeiten vergeht“ (zit. D. Riesenberger: Geschichte der Friedensbewegung in Deutschland. 1985, S. 246).

Joachim Joesten schrieb dann 1932 in der ‚Weltbühne‘ in seinem pazifistischen Bekenntnis: „Steh ich auch auf der Liste? Kommt die SA? … Vor solchen Fragen treten alle andern zurück. Ein großes Winseln hebt an. Pazifismus und Syphilis sind bei uns synonym geworden. Pazifist, Waschlappen, mieser Jude, Feigling desgleichen …“

„Von Anfang an“, so Karl Holl, „hatte der Nationalsozialismus den Pazifismus mit Judentum und Demokratie assoziiert“. Unmittelbar nach der sogenannten Machtergreifung 1933 war deshalb „das Schlimmste für Leib und Leben aller bekannten Vertreter der Friedensbewegung“ zu befürchten, besonders gefährdet waren jedoch jüdische Pazifisten (bzw. Pazifisten „mit jüdischer Herkunft“). Holl nennt in diesem Zusammenhang namentlich die international engagierte Gertrud Baer (1890-1981), die Frauenrechtlerin Constanze Hallgarten (1881-1969), Albert Einstein (1879-1955), den Leiter der Republikanischen Beschwerdestelle Alfred Falk, geb. Cohn (1896-1951), den im Ersten Weltkrieg zum Pazifisten gewordenen Sozialdemokraten Arnold Freymuth (1872-1933), den Generalsekretär der Deutschen Liga für Menschenrechte Kurt Richard Grossmann (1897-1972), den DFG-Mitbegründer Adolf Heilberg (1858-1936), den Schriftsteller Kurt Hiller (1885-1972), Magnus Hirschfeld (1868-1935), den „Friedenswarte“-Herausgeber Arnold Kalisch (1882-1956), Hermann Ulrich Kantorowicz (1877-1940), Robert René Kuczynski (1876-1947), den schon bald von den Nazis auf tschechischem Boden ermordeten Theodor Lessing (1872-1933), Ernst Toller (1893-1939) und den Historiker Veit Valentin (1885-1947).

Prof. Albrecht Mendelssohn Bartholdy (1874-1936) – Musiker, Rechts- und Politikwissenschaftler und Pazifist; Richter am Haager Schiedsgericht (1925) – emigrierte nach harten Repressionen aus NS-Deutschland im Jahr 1934. Der Physiker, Verleger und „linke Zentrumspolitiker“ Friedrich Dessauer (1881-1963), prominenter Vertreter der katholischen Friedensbewegung (s.o.), kam aus einer ursprünglich jüdischen Industriellenfamilie und wurde wegen „nichtarischer Abstammung“ zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Nach monatelanger Inhaftierung emigrierte auch er 1934.

Zu den frühen Mordopfern der Nationalsozialisten zählt auch der anarchistische Antimilitarist Erich Mühsam (1879-1934), der allerdings in seinen revolutionären Schriften seine anfängliche Nähe zu Tolstois Haltung in der „Gewaltfrage“ verlassen hatte. Felix Fechenbach (1894-1933) – jüdischer Sozialist, Pazifist und nach der Bayerischen Revolution 1918 Sekretär von Kurt Eisner – wurde ebenfalls von der SA ermordet.

Parallel zur Bücherverbrennung vom April 1933 hatten die Führer der „Deutschen Studentenschaft“ aufgerufen zur Denunziation jüdischer Professoren und „sämtlicher Hochschullehrer, deren wissenschaftliche Methode ihrer liberalen bzw. insbesondere pazifistischen Einstellungen entspricht“.


7. „Kultur-Zionismus“ – „Hebräischer Humanismus“

Die heute bei vielen Menschen in keinem guten Ruf mehr stehende zionistische Bewegung entstand im späten 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund des in Europa erstarkenden Rassenantisemitismus und der Pogromwellen in Russland. Die Suche nach einer Heimstatt war die Suche nach einem Ort des geschützten Lebens. Ethischer Universalismus, eine eigene Friedenstheologie und der pazifistische Glaube, dass vom Zion das Heil der Völker in einer Welt ohne Waffen ausgehen werde, sind kennzeichnend für bedeutsame Persönlichkeiten des frühen Zionismus. (Mit zunehmenden Studium muss ich allerdings – im Unterschied zu früheren Veröffentlichungen – heute zugeben, dass diese Richtung wirklich nur eine kleine Minderheit darstellte und ihre Anliegen im weiteren Verlauf der Geschichte nicht erfolgreich einbringen konnte.)

Als sich 1918 in Palästina erstmals eine bewaffnete Miliz von jüdischen Siedlern bildete, erinnerte der pazifistische Zionist Aaron David Gordon (1856-1922) die Bewegung in einem Text an das Prophetenwort „… und nimmer werden sie Krieg lernen …“. Der Zionist Achad Ha-Am (1856-1927) [Geburtsname Ascher Ginsburg] warnte davor, jemals auf den jüdischen „Vorrang in der Welt der Sittlichkeit zu verzichten“ und nahm zeitweilig Stellung gegen die zunehmende Einflussnahme militanter Nationalisten. Der jüdische Pazifist und Zionist Natan Hofshi (1889-1980), im Jahre 1909 aus Polen emigriert, bekannte sich nach dem tödlichen Zusammenstoß zwischen Juden und Arabern am 29. Februar 1920 im obergaliläischen Tel Chai noch entschiedener zur Gewaltfreiheit und sah zeitlebens das „Zeugnis über die Einheit der Menschheit, der völligen Gleichheit aller Menschen als Geschwister und die Heiligkeit des menschlichen Lebens“ als die besondere Mission des Judentums an.

Hans Kohn (1891-1971), Historiker, pazifistischer Zionist und seit 1921 Mitglied der „War Resistersʼ International“, schrieb 1928 in seinem Essay „Judentum und Gewalt“: „Das Judentum hat den Kampf gekannt, das zähe Ringen um die Schwere der Aufgabe, den Mut, um dieser Aufgabe willen alles zu ertragen, und das Martyrium. Aber es hat den Krieg gehasst, den es seit zwei Jahrtausenden nicht mehr geführt hat, den organisierten Mord, wie jede Gewalttat überhaupt. Jeder Jude trägt in seinem Blute eine instinktive und bis zur Heftigkeit gesteigerte Abneigung gegen rohe Gewalt, Mord und Krieg. Der Heroismus des Krieges, der sportliche Geist des Wettbewerbes sind ihm unverständlich. In talmudischer Zeit wird diese Erkenntnis von der Einheit und Gleichheit des Menschengeschlechtes, von der Würde und Größe jedes einzelnen Menschen immer wieder betont. ‚Wo immer du die Spur eines Menschen wahrnimmst, dort steht Gott vor dir‘.“

1925 wurde unter Vorsitz des führenden Zionisten (und „Rassenforschers“) Arthur Ruppin (1876-1943) der Brit-Shalom (Friedensbund) gegründet, der sich für ein friedliches Zusammenleben von Juden und Arabern sowie die Gründung eines binationalen jüdisch-palästinensischen Staates einsetzte. (Ruppin selbst verließ 1929 nach Sinneswandel den Bund wieder; es wird ihm wohl kaum warme Sympathien entgegenbringen, wer die von Shlomo Sand [„Die Erfindung des jüdischen Volkes“, 2008] zusammengetragenen Informationen zu seinen ‚darwinistischen Rassen-Anschauungen‘ gelesen hat.)

Dem heterogen zusammengesetzten Friedensbund, der allerdings nie mehr als hundert Mitglieder zählte, gehörten auch Hans Kohn, Yehoshua Radler-Feldmann (1880-1957) und Robert Weltsch (1891-1982), der Redakteur der „Jüdischen Rundschau“, an. Judah Magnes, erster Präsident der Hebräischen Universität in Jerusalem, stand ihm nahe und wirkte für die Ziele des Bundes später in der 1942 gegründeten „Ichud“ (Union, Einigung). Vor dem XIV. Zionistenkongress hat Arthur Ruppin die Perspektive eines Zwei-Nationalitäten-Staates in Palästina vorgetragen. Dieser sollte, so Hans Kohn, ein Gemeinwesen sein, „in dem beide Völker ohne Vorherrschaft des einen und ohne Bedrückung des anderen in voller Gleichberechtigung zum Wohle des Landes arbeiten.“ Bald nach Gründung des Brit-Shalom schrieb Kohn von folgender Vision: „Geschichtlich und geographisch ist Palästina ein Land des Friedens. […] Dies soll auch in seiner äußeren Stellung zum Ausdruck kommen, es soll ein neutrales Land unter dem Schutz des Völkerbundes werden, eine Stätte nationalen und internationalen Friedens, die durch Geschichte und Lage in naher Zukunft auch der Sitz des Völkerbundes sein sollte. […] Ein im inneren Leben friedliches, prosperierendes und in seiner kulturellen Mehrfältigkeit autonomes Palästina, das, auch nach außen stets neutral, unverletzlich und unbewaffnet, Frieden wahrt und ausstrahlt, kann die erste große Tat des Völkerbundes auf seinem mühsamen Wege zu seiner wahren Form und Aufgabe werden.“

Dem für Frieden und binationalen Staat eintretenden Brit-Shalom war – zusammen mit Gershom Scholem und dem in Berlin geborenen Philosophen Ernst Akiba Simon (1899-1988) – auch Martin Buber verbunden. Buber gehörte wie Chaijim Weizmann, der erste israelische Staatspräsident, zum demokratischen Flügel („Zionei Zion“) der zionistischen Bewegung. Er hatte zunächst, trotz des frühen Vorbildes seines Lehrers Achad Ha-Am, noch keinen ausgeprägten Sinn für die sogenannte „Araber-Frage“. 1917 warnte Buber jedoch vor einem „Hineingezogenwerden in die imperialistische Okzidentalisierung des zukünftigen jüdischen Gemeinwesens“, und spätestens seit dem XII. Zionistenkongress in Karlsbad 1921 votierte er für eine sehr weitreichende „Politik der Verständigung mit den Arabern“. Mitnichten war seine – über eine neu ausgerichtete jüdische Frömmigkeit entwickelte – Philosophie des Dialoges rein theoretisch oder weltfremd. Gabriel Stern (1913-1983) zufolge hat kein Geringerer als David Ben-Gurion seinen „Freund und Widersacher“ Martin Buber als „sehr realistisch und wirklichkeitsnah“ beschrieben.

Die Publizistin Hannah Arendt (1906-1975) plädierte 1945 in einem Aufsatz „für die Errichtung einer palästinensisch-arabischen Föderation. Ihren Artikel empfanden zionistische Politiker jeder Couleur und Fraktion als Affront. Sie erhielt empörte Reaktionen. Freunde brachen mit ihr und erklärten sie zur Feindin der jüdischen Sache“.

Die wirklich sehr lange Liste der Friedensarbeiter:innen aus jüdischen Familien, die sich seit dem Zweiten Weltkrieg in Israel und zahlreichen anderen Ländern für eine Verständigung mit den Palästinensern eingesetzt haben, kann uns zur Menschlichkeit ermutigen: Joseph Abileah [Wilhelm Niswiszki] (1915-1994), Uri Avneri (1923-2018, geb. in Westfalen), Josef Ben-Elizier (1929-2013), Jeff Halper (geb. 1946), Reuven Moskovitz (1928-2017), Abie Nathan (1927-2008), Mordechai Vanunu (geb. 1954 in Marrakesch) … und sehr viele andere mehr.


8. Nuklearpazifismus

Die Erschütterungen von Albert Einstein (1879-1955) und Robert Oppenheimer (1904-1967, Leiter des Manhattan-Projekts) nach den Verbrechen der atomaren Massenmordkomplexe vom August 1945 (Hiroshima, Nagasaki) sind heute gut bekannt. Herausragende Persönlichkeiten des geistigen und politischen Widerstandes gegen die Atombombe stammen aus jüdischen Familien. Der polnische Kernphysiker Józef Rotblat (1908-2009) hat 1944 als einziger beteiligter Wissenschaftler das Nuklearprojekt in Los Alamos aus ethischen Gründen verlassen und betrachtete später den Kampf für Abschaffung aller Atomwaffen als seine Lebensaufgabe (Mitinitiator der ‚Pugwash Conferences on Science and World Affairs‘, Friedensnobelpreis 1995).

Der Philosoph, Schriftsteller und Dichter Günther Anders (1902-1992) [Günther Siegmund Stern] gehörte zu den Initiatoren des frühen weltweiten Protestes gegen die Bombe und enthüllte mit seinen Schriften (s. Die Antiquiertheit des Menschen, 1956) die ‚Apokalypse-Blindheit‘ des Atomzeitalters. Auch für Einstein stand es außer Frage: nach der Atombombe muss der homo sapiens den Krieg verlernen – oder er scheitert im Abgrund. – Hans Jonas (1903-1993) schließlich vermerkt in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung“ (1979): Selbst „zur Rettung seiner Nation darf der Staatsmann kein Mittel verwenden, das die Menschheit vernichten kann. […]. Über das individuelle Recht zum Selbstmord läßt sich reden, über das Recht der Menschheit zum Selbstmord nicht“.

Diese Repräsentanten einer „jüdischen Intelligenz“ im 20. Jahrhundert verbanden höchste Klarheit und Menschlichkeit. Es galt in vielen öffentlichen Diskursen noch das Albert Einstein zugeschriebene Diktum: „Ein kluger Kopf passt unter keinen Stahlhelm!“


9. Antipazifistische Judenfeindlichkeit heute

Eine beeindruckende Persönlichkeit der jüngeren jüdischen Friedensbewegung in Deutschland ist der Neuropsychologe Rolf Verleger (1951-2021) gewesen, der wegen seines Widerspruchs gegen die sogenannte deutsche Staatsraison scharfe Attacken entgegennehmen musste. (Micha Brumlik meinte im April 2022 über Verleger, er habe „wie wenig andere in seinem Leben und Denken die politische Vernunft aus dem Geist des Judentums verkörpert“).

Wegen der Verleihung eines Friedenspreises an die „Jüdische Stimme für Frieden“ kam es 2019 zu einer heftigen öffentlichen Kontroverse; dem Journalisten Andreas Zumach konnte man jedoch nicht – wie beabsichtigt – gerichtlich verbieten lassen, von Verleumdung zu sprechen.

Seit dem Hamas-Massaker in israelischen Wohngebieten vom 7. Oktober 2023 (mit mehr als 1200 Mordopfern) und dem sich anschließenden Krieg der extrem rechten israelischen Staatsführung gegen die palästinensische Bevölkerung im Gaza-Streifen (mit mehr als 50.000 Opfern des militärischen Massenmordens der real vorherrschenden Zionismus-Fraktionen) werden vermehrt Gewalttätigkeiten gegen ‚Juden/Jüdinnen in der Diaspora‘ mit antizionistischem bzw. israelbezogen-antisemitischem Hintergrund gemeldet.

Zumal in Deutschland ist es andererseits auch in vielen Fälle zu staatlichen (oder gesellschaftlichen) Repressionen gegen jüdische Friedensarbeiter:innen und jüdische Kritiker:innen der israelischen (oder deutschen) Regierungspolitik gekommen, was dem traditionsreichen Feld der antipazifistischen Judenfeindlichkeit zugeordnet werden kann (u.a. Ausladungen, Redeverbote, Raumkündigungen, gezielte Diffamierungen im öffentlichen Raum). So wurde z.B. die Aktivistin Iris Hefets (Jüdische Stimme für gerechten Frieden) von Ende 2023 bis Juni 2025 bei Protesten bereits fünfmal ohne nachvollziehbaren Grund von der Berliner Polizei festgenommen: „Ich werde als Jüdin politisch verfolgt. Sie wollen uns einschüchtern und verhindern, dass sich Juden mit Palästinensern solidarisieren.“

Zu den gleichsam regierungsamtlich Ausgeladenen gehörte 2024 auch Moshe Zuckermann als Sohn von Holocaustüberlebenden und Kritiker der israelischen Staatspolitik.

Der Philosoph Omri Boehm (geb. 1979 Haifa) wird von Nationalisten, Bellizisten und deutschen Zensoren ebenso attackiert, weil er – im Einklang mit bedeutsamen jüdischen Überlieferungslinien – als Ethiker einen „Radikalen Universalismus“ vertritt. An ‚Denunzianten‘ mangelt es nicht.

Die Friedensarbeiterin und Künstlerin Nirit Sommerfeld wurde unlängst damit konfrontiert, dass man die schon zugesagte Förderung einer Veranstaltungsreihe mit Persönlichkeiten aus dem Judentum nach einschlägigen Protesten zurückzog. – Zu den vorgesehenen jüdischen Gästen gehört neben Eva Menasse, Susan Neiman und Candice Breitz die Schriftstellerin Deborah Feldman (geb. 1986 in New York), die ihre ethische Grundhaltung so ausdrückt: „Ich bin der festen Überzeugung, dass es nur eine einzige legitime Lehre des Holocaust gibt, und das ist die absolute, bedingungslose Verteidigung der Menschenrechte für alle“ (ZDF, 01.11.2023).

Der Politikwissenschaftler und Ökonom Dr. Shir Hever (geb. 1978 in Israel) ist Geschäftsführer von BIP e.V. (Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinenser). Auch er gehört zu jenen Zionismus-Kritikern, die als Juden von deutschen „Antisemitismusbeauftragten“ ohne Scham observiert werden.

Vor Gericht haben im April 2026 die „Verfassungs“- und Staatsraison-Schützer der deutschen Staatsmacht bezüglich ihrer Einschüchterungsstrategie gegen die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ zeitweilig eine Schlappe erlitten; sie dürfen nach Entscheid des Verwaltungsgerichtes in Berlin über ihren Bericht für 2024 die jüdischen Kritiker:innen der todbringenden Kriegspolitik der gegenwärtigen israelischen Regierung nicht mehr als „gesichert extremistisch“ diffamieren und kaltstellen. Den aktuellen Stand in dieser Sache nach einem abweichenden Beschluss des Kölner Verwaltungsberichtes (20.05.2026) vermitteln Interviews der Nachdenkseiten und der jungen Welt mit Wieland Hoban, dem Vorsitzenden der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“.

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Das vom Verfasser betreute Projektportal der Schalom-Bibliothek: enthält u.a. einen Gesamtüberblick zur Publikationsreihe über Pazifisten und Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien, ein fortlaufend ergänztes Namensverzeichnis und einen Lesesaal mit aktuellen Beiträgen.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin am 27.6. 2026

Wir danken für das Publikationsrecht.
https://overton-magazin.de/top-story/pazifisten-und-antimilitaristinnen-aus-juedischen-familien/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Here’s to You

Überlegungen zu einem bewegenden Protestsong von Joan Baez aus den 1970er Jahren.

Von MOSHE ZUCKERMANN

Titelmotiv: Paul Klee: Angelus Novus (1920). Bild: public domain

“Here’s to You” ist ein 1971 veröffentlichter Song, gesungen von Joan Baez, der legendären Figur im US-amerikanischen Politaktivismus der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Komponiert hat ihn der 2020 verstorbene italienische Komponist und Dirigent Ennio Morricone, der – in vielen Genres bewandert – auch die Musik für antifaschistische und sozialistisch gesinnte Filme schrieb.

Gewidmet war der Song, der auch einen Teil des Soundtracks für den Film “Sacco e Vanzetti” bildete, Ferdinando “Nicola” Sacco und Bartolomeo Vanzetti. Beide, Angehörige der US-amerikanischen anachistischen Arbeiterbewegung, wurden 1921 in einem zutiefst umstrittenen Prozess des doppelten Raubmordes angeklagt, für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Eine massive internationale Protestbewegung versuchte, das Urteil mit dem Argument auszusetzen, es handle sich um einen ideologisch motivierten Justizmord. Vergeblich – am 23. August 1927 wurden die beiden hingerichtet. 50 Jahre später erhielten sie durch den Gouverneur von Massachusetts, Michael Dukakis, die postume Rehabilitation.

Der von Joan Baez verfasste Text des Songs lautet: “Here’s to you, Nicola and Bart / Rest forever here in our hearts / The last and final moment is yours / That agony is your triumph.” Nicht von ungefähr schrieb jemand in den sozialen Medien beim Hören der historischen Aufnahme von Joan Baez: “Wie kann ein Song von nur vier Zeilen so bedeutungsvoll sein?” Die Verwunderung wächst noch, wenn man bedenkt, dass die herzzerreißend schöne Vertonung dieser Zeilen durch Morricone ganz schlicht gehalten ist und achtmal hintereinander wiederholt wird, freilich mit gesteigertem Tonvolumen und Emphase. Man muss schon sehr an sich halten, um sich dem tiefen emotionalen Effekt dieses Songs zu entwinden, erst recht, wenn man seinen historischen Hintergrund kennt und sich der Gesinnung und dem Kampf der beiden Heroen verpflichtet weiß.

„Joan Baez – Here’s to you, Nicola and Bart“ direkt öffnen

Diese Einstellung teilen freilich nicht alle. Man vergleiche nur die deutschsprachige Wikipedia-Eintragung zum Song mit der englischsprachigen. In letzterer ist man merklich darauf bedacht, die kriminelle Schuld der beiden hingerichteten Anarchisten zu betonen und als erwiesen darzustellen. Ungeachtet der Einsicht, dass der juristische Verstand letztlich jeden zu kriminalisieren vermag, wenn er es darauf anlegt – wer könnte sich schon rühmen, völlig unbescholten zu sein? –, erhebt sich stets die Frage, welches Interesse einem solchen “Gerechtigkeits”-Begehren zugrunde liege.

Was an Sacco und Vanzetti durch die amerikanische Justiz ausgemerzt werden sollte, waren weniger die für schuldig befundenen Träger der (vermeintlich) kriminellen Handlung, als vielmehr ihre politische und soziale Gesinnung. In einer gestählten kapitalistischen Gesellschaftsordnung bildet die rigide Einforderung von Law and Order die formal legitime, gleichwohl manipulativ ideologisierte Maßnahme zur Verfolgung jener, die sich als strukturelle Opfer der Ordnung gegen ebendiese zu empören trachten. Die Staatsmacht ist stets darum bemüht, antiautoritäre “Störenfriede” und idealistische Politaktivisten auszuhebeln. Wenn diese die gesellschaftliche Ordnung nicht wirklich bedrohen, kann man sie mit legalem Demonstrationsrecht und dergleichen gewähren lassen. Zuweilen sind sie auch verführ- und integrierbar. Oft ist die Macht aber bestrebt, ein Exempel zu statuieren; dann bemächtigt sie sich der als “Anarchisten” bzw. “Terroristen” pauschal Apostrophierten, macht ihnen den Prozess und treibt sie gelegentlich in den Suizid oder exekutiert sie einfach. Den Freiheitskämpfern dieser Welt stehen selten die Massen bei. Was sie hoffen dürfen, ist, dass sie für immer in den Herzen jener ruhen werden, für die sie gekämpft haben, dass der letzte und endgültige Augenblick der ihre sein und die Todesqual ihr Triumph bleiben werde.

Vanzetti und Sacco vor Gericht 1923. Bild: Boston Public Library/gemeinfrei

Der Gedanke, dass vergangene Generationen späteren Generationen einen “Auftrag” erteilen, findet sich am deutlichsten in der zweiten These von Walter Benjamins Schrift “Über den Begriff der Geschichte”. Benjamin formuliert dort die Idee einer Verpflichtung der Gegenwart gegenüber den Vergangenen fast explizit. Die zentrale Passage lautet: “Es gibt eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf der Erde erwartet worden. Dann ist uns wie jeder Generation, die vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit Anspruch hat.”

Um es genauer zu sagen: Vergangene Generationen “erteilen” den späteren keinen Auftrag im Sinne eines bewussten Mandats, sondern erheben einen Anspruch an sie. Die Gegenwart steht in einer Art Schuld- oder Verantwortungsverhältnis zu den Besiegten, Unterdrückten und Unerlösten der Vergangenheit. Die Lebenden sollen vergangene Niederlagen und verdrängte Möglichkeiten nicht vergessen, sondern im Handeln der Gegenwart “einlösen” oder retten. Benjamin meinte dabei nicht einfache Traditionspflege oder Ahnenverehrung. Der “Auftrag” ist politisch und geschichtsphilosophisch: Die Gegenwart soll die unterdrückte Vergangenheit gegen die Siegergeschichte zur Geltung bringen – in den besagten Geschichtsthesen Benjamins später oft als Rettung der Besiegten gegen den Fortschrittsmythos formuliert.

Bei Ernst Bloch findet sich oft das Zitat “Unsere Enkel fechten’s besser aus”, das aus dem Lied “Wir sind des Geyers schwarzer Haufen” entnommen ist, einem politischen Lied über den deutschen Bauernkrieg und den Bauernführer Florian Geyer. In der letzten Strophe heißt es sinngemäß: “Geschlagen gehen wir nach Haus, / unsere Enkel fechten’s besser aus.” Das Lied entstand allerdings nicht im 16. Jahrhundert, sondern wurde erst in den 1920er Jahren im Umfeld der Bündischen Jugend gedichtet, den Bauernkrieg rückblickend romantisierend. Das muss hervorgehoben werden, denn die Zeile wird (mithin von Bloch selbst) oft fälschlich direkt den Bauern von 1525 oder Thomas Müntzer zugeschrieben. Es gibt dafür aber keine gesicherte zeitgenössische Quelle aus dem Bauernkrieg.

Die Formulierung wurde später vielfach aufgegriffen – etwa als Buchtitel oder Motto zur Erinnerung an den deutschen Bauernkrieg. Bei Ernst Bloch taucht die Formel in Zusammenhang mit seinem allgemeinen Interesse am Bauernkrieg, besonders aber an Thomas Müntzer auf. Ihm gilt der Satz als eine Art Vermächtnis der geschlagenen Bauern, so etwa in seinem Buch “Thomas Müntzer als Theologe der Revolution” (1921, später überarbeitet). Dort erscheint die Idee des “unerledigten” Bauernkrieges als Hoffnung über die Niederlage hinaus, und in diesem Sinne schreibt er Müntzer diese Losung zu, wie sich der Sekundärliteratur ausdrücklich entnehmen lässt. Historisch gesichert ist das aber nicht. Die nachweisbare Verbreitung der exakten Formulierung findet sich, wie gesagt, erst viel später, insbesondere im Lied “Wir sind des Geyers schwarzer Haufen” aus dem 20. Jahrhundert.

Das Problem der historischen Zuordnung relativiert sich indes, wenn man die oben erwähnte zweite These Benjamins in den Zusammenhang mit der berühmtesten These aus Benjamins Schrift stellt – der neunten These über den “Engel der Geschichte”. Der Zusammenhang ist enger, als es auf den ersten Blick erscheint. In der zweiten These entwickelt Benjamin, wie gesagt, die Idee eines Anspruchs der Vergangenheit an die Gegenwart: Frühere Generationen der Besiegten und Unterdrückten haben eine unerfüllte Hoffnung, auf die spätere Generationen antworten sollen. Geschichte ist deshalb nicht neutraler Fortschritt, sondern eine Verpflichtung.

In der neunten These zeigt Benjamin dann, warum diese Verpflichtung nötig ist. Er beschreibt (angeregt von Paul Klees Bild Angelus Novus) einen Engel, der rückwärts in die Zukunft getrieben wird: Der Engel sieht die Vergangenheit nicht als Kette von Ereignissen, sondern als “eine einzige Katastrophe”, die “unablässig Trümmer auf Trümmer häuft”. Der Sturm, der in seine Flügel bläst und ihn in die Zukunft treibt, sei das, was wir “Fortschritt” nennen. Die moderne Geschichtserzählung feiert den Fortschritt, vergisst dabei aber die Opfer und die Zerstörungen, den dieser Progress mitverursacht hat.

Historisches Denken soll, Benjamin zufolge, die Perspektive der Sieger unterbrechen und die “verschütteten” Hoffnungen der Unterdrückten retten. Daher sein berühmtes Postulat, der Historiker bzw. politisch Handelnde soll Geschichte “gegen den Strich bürsten”: Geschichte nicht aus Sicht der Sieger erzählen, sondern aus der Sicht jener, die verloren haben. Er kritisiert dabei den linearen Fortschrittsglauben und fordert eine materialistische Geschichtsbetrachtung. In der sechsten These seiner Schrift heißt es entsprechend: “Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten. […] Denn es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte.”

Im Anschluss daran führt er den oft zitierten Kernsatz aus: “Die Gefahr droht sowohl dem Bestand der Tradition wie ihren Empfängern. Für beide ist sie ein und dieselbe: sich zum Werkzeug der herrschenden Klasse herzugeben.” Die Geschichte der Unterdrückten droht also in Vergessenheit zu geraten. Die herrschende Klasse benutzt die Geschichtsschreibung als Instrument, weshalb sich der materialistisch gesinnte Historiker den im geschichtlichen Moment “aufblitzenden” Erinnerungen stellen muß. In der siebten These gewinnt dieses Postulat an Dringlichkeit: “Es gibt kein Dokument der Kultur, das nicht zugleich ein Dokument der Barbarei ist. Und wie es nicht von sich aus frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozeß der Überlieferung nicht, in dem es von dem einen an den anderen übergegangen ist. Der historische Materialist distanziert sich daher von ihr, so weit es irgend geht. Er betrachtet es als seine Aufgabe, die Geschichte gegen den Strich zu bürsten.”

Die Erkenntnis, dass Kulturgeschichte untrennbar mit barbarisher Gewalt und Ausbeutung verbunden ist, mündet für Benjamin in die rigorose Forderung, die Geschichte nicht als unproblematische Erfolgsgeschichte der Zivilisation zu lesen, sondern sie “gegen den Strich zu bürsten”, mithin die hegemoniale Geschichtssicht der Herrschenden kraft der Perspektive der historischen Opfer immer wieder kritisch zu hinterfragen.

In den vier Zeilen des Songs von Joan Baez hat sich die Essenz dieses widerständigen Postulats berührend sedimentiert.

Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte er an der Universität Tel Aviv, wo er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete. 2018 wurde er emeritiert. Sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Florian Rötzer geschrieben hat, erscheint demnächst.
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Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 4.7. 2026
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